Jesus von Zschorlau
26. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Haare und Bärte sind echt, alles andere ist nur gespielt: Matthias Groß als Jesus (2. v. l.) ist umgeben von den Priestern Wolfgang Huth (l.) und Hartwig Ebert (3. v. l.) sowie Steffen Urban als Joseph von Arimathäa (r.). Foto: Steffen Giersch
In dem Erzgebirgsdorf führen 140 Christen die Passionsgeschichte auf
Der klar schimmernde Blick, die halblang schwingenden Haare, der volle aber völlig unmajestätische Bart: Das muss er sein. Kein Zweifel. Die Kinder fassen sogleich Vertrauen zu ihm. Bauhandwerker ist er auch – so wie das Original. So wie Jesus von Nazareth. Gut, seine Sprache weist Matthias Groß als waschechten Erzgebirgler aus. Doch wenn er in Zschorlau auf die Straße tritt, trifft er sie alle: Hier ein »Glück auf!« an Pontius Pilatus, dort eines an Judas und ein besonders herzliches an die anderen Jünger.
Ihre beeindruckenden Bärte und ihre Haartracht, die seit einem Jahr von keinem Friseur mehr weiß, prägen seit Monaten das Zschorlauer Ortsbild. Der Auswärtige stutzt, der Einheimische weiß: In Zschorlau spielen sie wieder die Geschichte des Leidens und der Auferstehung Jesu. Von Karfreitag bis zum Sonntag nach Ostern in acht Vorstellungen.
In die Turnhalle passen 780 Menschen, die meisten Plätze sind schon ausverkauft. 140 lutherische und methodistische Christen aus Zschorlau, Burkhardtsgrün und Albernau spielen in der Passionsgeschichte mit. Die Idee dazu brachten die Zschorlauer Dieter Schürer und Steffen Urban aus einem Urlaub in Tirol mit. Daraufhin machte sich der Rechtsanwalt Schürer daran, aus Texten der Bibel und des polnisch-jüdischen Schriftstellers Roman Brandstaetter die Dialoge zu schreiben.
»Anders als in den traditionellen Passionsspielen wollte ich Jesus bewusst in seinem jüdischen Umfeld sehen«, sagt Schürer, der Vorsitzende des Zschorlauer Passionspielvereins. Nach den Aufführungen in den Jahren 2000, 2001 und 2005 begannen im vergangenen September erneut die Proben.
»Das Passionsspiel soll keine Theateraufführung oder Tourismuswerbung sein – sondern ein besonderer Gottesdienst«, sagt Dieter Schürer. »Dass Jesus Christus den Weg ans Kreuz für uns gegangen ist, damit wir unverdient Versöhnung mit Gott erlangen können – das ist ein Kern unseres Glaubens. Für viele Leute ist es einfacher, in eine Sporthalle zu gehen und sich dort diese biblische Geschichte anzusehen.«
Die Leidensgeschichte Jesu ist kein Schwank, sie lässt sich nicht so locker erzählen wie ein Krippenspiel. Den Jesus spielt der Bauschlosser Matthias Groß voll heiliger Wut bei der Tempelreinigung, mit aufgemalten Striemen nach der Auspeitschung. Er denkt an die Angst während einer schweren Krankheit, wenn er Jesus in Gethsemane spielt. Und wenn er zwanzig Minuten am Kreuz hängt, verlieren seine Finger ihr Gefühl.
Mit seinen 49 Jahren ist der Zschorlauer Jesus viel älter als der Mann aus Nazareth je wurde. Allerdings ist dieser von den Toten auferstanden.
Andreas Roth
Das Passionsspiel wird in der Sporthalle Zschorlau aufgeführt am 2., 3., 4., 5., 10. und 11. April jeweils um 13 Uhr sowie am 7. und 8. April um 18 Uhr. Informationen über Restkarten gibt es im Pfarramt Zschorlau unter (0 37 71) 2 54 38 52 oder im Internet.
Internetseite des Zschorlauer Passionsspiels
Der bergende Schatten des Kreuzes
26. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3, Verse 14b und 15
Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind erstmals ihren eigenen Schatten bemerkt haben? Man kann dann tun, was man will. Der Schatten bleibt. Man wird ihn nicht los. Aus dieser Kindheitserfahrung wird Ernst, wenn im Laufe des Lebens die Schatten, die ich werfe, länger und dunkler werden. Was dann folgt, kennen wir, wenn wir uns selbst kennen. Wir wollen den Schatten loswerden, wollen weg von der Schattenseite unseres Lebens, weg von den dunklen Stellen. Aber gibt es ein Entrinnen? Kann ich vor dem, was ich bin und hinterlasse davon laufen?
Auch als Gesellschaft ist uns dieses Verhalten nicht fremd. Was tun wir nicht alles, um den dunklen Schatten früherer Fehler zu entkommen. Aber alles kollektive Schweigen, alles Vertuschen und unter den Teppich kehren hilft nicht. Die Flucht vor den Schatten wird zu einem Wettlauf mit der Zeit. Es sei denn, es gibt ein Innehalten. Verbunden mit einem einzigen Schritt. Auch das ist wieder so eine Erfahrung aus der Kindheit. Um den eigenen Schatten loszuwerden, genügt es schon, in den Schatten eines Baumes zu treten.
Über alle Zeiten hinweg haben Christen in dem Kreuz Jesu den Baum des Lebens gesehen. Weil sie in den Schatten dieses Baumes treten können. Mit dem eigenen Schatten, mit dem Wust des eigenen Lebens, mit der Last der Vergangenheit, mit dem Versagen gegenüber anderen.
Mit den Schattenseiten unseres Lebens können wir uns in den bergenden Schatten des Kreuzes Christi begeben. Hier ist der Schatten meines Lebens genommen. Ich muss nicht mehr fliehen. Ich kann darauf setzen, ins Licht zu kommen. Das heißt: zum Leben; im Schatten des am Kreuz erhöhten Christus zum ewigen Leben.
Sebastian Feydt
Der Autor ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche.
Vorsicht: Kitschfalle
25. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Brisant klingt sie nicht gerade, die Losung für den Kirchentag 2011 in Dresden – auf den ersten Blick jedenfalls. Ein »Herz« leuchtet uns aus einem Halbsatz entgegen. Das weckt widersprüchliche Assoziationen. Der kundige Christ denkt ans Gefühl, ans Pendant zu Vernunft und Geist, ohne das kein Glaube auskommt.
Der Protestant schlägt seine Bibel auf, um sich des ersten Teils des Satzes zu erinnern. Er stößt auf den Schatz, wo sein Herz sein wird – und findet sich mitten in der Bergpredigt wieder.
Viele Kirchenferne aber – und das sind in Dresden nun einmal die meisten Menschen – werden das Wort so nehmen, wie sie es aus ihrem Alltag kennen: als ein Zeichen für Gefühligkeit, die Seligkeit der Schlagerwelt womöglich. Die Kitschfalle öffnet sich. Der assoziative Absturz ins »Herzilein« droht.
Wir Protestanten werden im Juni 2011 in viele fragende Augen schauen und einiges zu erklären haben. Zudem war in den zurückliegenden Jahren zu beobachten, wie gerade junge Kirchentagsbesucher sich mit dem guten Gemeinschaftsgefühl begnügen und die politischen Debatten den Älteren überlassen.
Dabei könnte diese Emotionalität der Jüngeren Diskussionen gerade befeuern: Benutzen wir souverän Produkte, bedenken die Folgen? Oder werden wir als Konsumenten von Werbung und Markt benutzt? Wie viel unserer seelischen Energie binden Gelderwerb, Kaufen, Internet und TV? Wie könnte ein Leben jenseits von Shopping-Malls und Bildschirm aussehen? Und was hat dies mit meinem Glauben zu tun?
Verstehen wir die Kirchentagslosung so, als Aufforderung zu mehr Tiefgang im Meinungsstreit, woran es dem parteipolitischen Hickhack fehlt, dann ist sie das richtige Signal.
Tomas Gärtner
Unbeschreibliche Hoffnung
25. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Immer weniger Menschen glauben an eine Auferstehung der Toten. Doch die Hoffnung ist groß – auch bei vielen Ungläubigen.
Selbst dem redegewandten Theologen Paulus versagen die Worten, wenn er an die letzten Dinge denkt. An das, was kommt – nach dem Tod. »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild«, schreibt er an die ersten Christen in Korinth: »Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.« So stückweise nur wie der Apostel können auch die heutigen Menschen an das Leben nach dem Sterben glauben – oder sie können nicht einmal mehr das.
Auferstehung von den Toten und letztes Gericht? »Viele Christen haben davon nicht mehr die biblisch geprägten Vorstellungen«, beobachtet der Zwickauer Klinikseelsorger Ullrich Wittig. »Den meisten genügt das Wissen, dass sie auch im Tod gehalten werden von Gott. Und manchmal sagen auch Christen: Der Tod ist das Ende, es ist vorbei.«
Immerhin fast jeder Dritte evangelische Christ in Deutschland glaubt nicht an die Auferstehung von den Toten, fand die Bertelsmann-Stiftung in einer großen Umfrage heraus – unter den Katholiken sind es nur 15 Prozent, unter den Muslimen ist es gar nur ein Zehntel. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung, dass immerhin zwei Drittel der Deutschen ein Leben nach dem Tod für möglich halten.
Doch worauf hoffen sie genau? Nur 29 Prozent der Bundesbürger vertrauen nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach auf die Auferstehung der Toten im christlichen Sinne, jeder sechste Deutsche teilt die fernöstlich inspirierten Vorstellungen einer Wiedergeburt. Die meisten Christen indes glauben an die Unsterblichkeit der Seele, fand der Theologe und Soziologe Klaus-Peter Jörns in einer Umfrage heraus. »Für sehr viele evangelische Dogmatiker ist das eher ein Ärgernis als Grund zur Freude, weil sie betonen, dass Auferstehung totale Neuschöpfung sei«, schreibt Jörns.
Ist der Abschied von den Lehrgebäuden zu bedauern? Er ist es, wenn man auf Jesus sieht: Mit Leib und Seele ist er gestorben – und auferstanden. Als Zeichen dafür, dass Gott ernst macht mit seinem Versprechen an die Menschen, sie zu befreien von Sünde und Tod. Nicht zu bedauern ist der Abschied von dogmatischen Formeln aber, wenn er ein Weg ist hinaus zur erfahrenen Liebe Gottes.
»Bei älteren Menschen erlebe ich immer wieder ein strafendes Gottesbild«, sagt Ansgar Ullrich vom Christlichen Hospizdienst Dresden. Erst unlängst fragte ihn bang vor Angst eine alte Frau, der die Erinnerung an ihr vor Jahrzehnten abgetriebenes Kind keine Ruhe ließ: »Wie kann ich vor dem Gericht Gottes bestehen?« Auch jüngere Menschen aus christlichen Gemeinden, die stark die endgültige Teilung in Erlöste und Unerlöste betonen, werden von solcher Furcht umgetrieben.
60 Prozent der Ostdeutschen aber können mit einem Weiterleben nach dem Tod nichts oder nur ganz wenig anfangen, fand die Bertelsmann-Studie heraus. »Nicht-christliche Patienten sind oft tief überzeugt, dass es nach dem Tod weitergeht und sie mit geliebten Menschen vereint sein werden«, sagt Regina Schönberg, die im Dresdner Hospizdienst Trauernde begleitet. »Da ist eine Hoffnung auf ein Weiterleben, ohne es benennen zu können. Die wenigsten sagen: Da ist nichts.«
In der atheistisch geprägten DDR aufgewachsenen Menschen fällt es schwer, eine Sprache dafür zu finden. Vorsichtig tasten sie. »Ein sterbender Patient erzählte mir seinen Traum von einer Stadt, in der er allen Menschen aus seinem Leben in Frieden wiederbegegnet«, sagt Hospizmitarbeiter Ansgar Ullrich. Eine Frau erzählte ihm von einer Wiese mit blühenden Apfelbäumen.
Es sind Orte der Hoffnung, an denen Leid und Schmerz überwunden sind. Eine neues Leben, von dem die Bibel sagt, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Ein neues Leben, das der Apostel Paulus nur so beschreiben kann: Es wird sein wie ein Samenkorn, aus dem eine Pflanze wächst. Es ist tot. Und eigentlich nicht zu beschreiben.
Andreas Roth
Diagnose: Mangel
20. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Ob in Kindergärten oder Pflegeheimen: Soziale Berufe werden immer wichtiger. Doch ihnen geht der Nachwuchs aus.

Veronika Ackermann will Altenpflegerin werden. Ihr macht es Freude, mit alten Menschen, wie hier mit Günther Adler, umzugehen. Doch Auszubildende wie sie werden in Zukunft noch viel mehr gebraucht. Foto: Steffen Giersch
Behutsam fühlt die junge Frau dem 82-jährigen Günther Adler den Puls. Seit über einem Jahr ist das Alltag für Veronika Ackermann – seit sie im Seniorenpflegeheim Bad Schlema lernt. »Es ist schön, mit Menschen zu arbeiten«, sagt die 21-Jährige. »Obwohl die Arbeit als Altenpflegerin körperlich und seelisch anstrengend ist, kommt viel zurück.«
Sie ist eine von 30 Auszubildenden bei der Diakonie Aue/Schwarzenberg. »Doch in den kommenden Jahren werden wir Probleme bekommen, die Arbeitsplätze in der Altenpflege und Behindertenhilfe zu besetzen«, sagt der Vorstand des Diakonischen Werkes Rainer Sonntag. »Schon heute haben wir große Schwierigkeiten, gutes und motiviertes Führungspersonal zu finden.«
Nach einer Schätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft wird sich die Zahl der Pflegekräfte bis zum Jahr 2050 verdreifachen müssen, weil dann über ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein wird. In Sachsen ist es schon in zehn Jahren soweit. »Gleichzeitig werden bis dahin fast ein Viertel der bisherigen Mitarbeiter die Diakonie aus Altersgründen verlassen haben, bis 2030 sogar fast 60 Prozent«, sagt Sachsens Diakonie-Direktor Christian Schönfeld: »Wir müssen jetzt handeln.«
In Praktika, der »Sterntalerzeit« oder in einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) laden schon heute diakonische Einrichtungen Jugendliche ein, ihre Arbeit kennen zu lernen. Auch Veronika Ackermann fand so zur Altenpflege. »Dass die sächsische Staatsregierung nun bei den Zuschüssen für die FSJ-Plätze massiv kürzt, ist Sparwut an der falschen Stelle«, sagt der Schlemaer Diakonie-Vorstand Sonntag.
Angesichts zurückgehender Schülerzahlen werden junge Menschen allein jedoch den Fachkräftemangel nicht beheben können. Deshalb schult die Diakonie Aue/Schwarzenberg zunehmend auch Menschen mittleren Alters aus ganz anderen Berufen zu Pflegekräften um. So wie den Maschinenbauer Jens Döhnel. Mit 37 Jahren entschied er sich, noch einmal einen neuen Beruf zu beginnen. »Mit 16 oder 25 Jahren hätte ich mir das noch nicht vorstellen können«, sagt er. »Erst jetzt hatte ich die Lebenserfahrung dafür.«
In sächsischen Kindergärten ist die Personalsuche schon heute ein großes Problem. »Die Bezahlung und die gesellschaftliche Anerkennung für soziale Berufe sind nicht attraktiv«, sagt Matthias Lang vom christlichen Verein Kinderarche Sachsen, der 35 Jugendhilfeeinrichtungen und sechs Kindergärten betreibt.
Allein mit Geld aber wird sich der Fachkräftemangel in Zeiten knapper Kassen, wachsender Zahlen von Pflegebedürftigen und Kindergartenkindern kaum lösen lassen. Ein Umdenken ist nötig – auch in der Kirche. »Unsere Gemeinden müssen verstehen lernen, dass die Gewinnung von Nachwuchs für soziale Berufe auch etwas mit Berufung zu tun hat«, sagt Rainer Sonntag. »Das ist eine Aufgabe der Gemeinden für die Zukunft.«
Andreas Roth
Groß ist, wer in die Knie gehen kann
19. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, Vers 28
Seit einigen Tagen hängt eine Kinderzeichnung über meinem Arbeitstisch. Sie zeigt einen Mann. Er kniet auf der Straße. Neben ihm eine Frau. Sie liegt auf der Straße. Das kleine Mädchen, von dem dieses Bild stammt, hat dazu gesagt: »So ist Jesus«. Und seine Mutter hat es genau so unter das Bild geschrieben. So ist Jesus: bei den Menschen auf der Straße. Gebückt, gebeugt, in die Knie gegangen. Hinabgestiegen bis auf die letzte Stufe. Tiefer geht es nicht.
Das ist die Haltung, mit der Jesus sich in die Köpfe und Herzen der Menschen eingezeichnet hat. Als einer, der für andere da ist, für sie lebt. Jesus, der Diener. Das ist die Haltung, die das kleine Mädchen verinnerlicht hatte: Jesus ist vor den Menschen in die Knie gegangen. Er ist herunter gekommen. Er hat sich herab gelassen. Aber nicht in einer herablassenden Geste, sondern liebevoll: um in Liebe die Last anderer zu tragen; um Verhältnisse, die schwer zu ändern oder gar unabänderlich sind, überhaupt zu ertragen. Wenn es sein muss, ohne Rücksicht auf den Verlust des eigenen Lebens.
Dieser Haltung wird wohl nie der große Erfolg beschieden sein. Sie erscheint eher wie eine Niederlage, wie eine Erniedrigung. Wie viele Kinder und Jugendliche meinen heute, sich für andere hinzugeben bedeute, sich klein zu machen, ein Versager zu sein? Hingabe heißt aber zu geben, zu ertragen, mit zu leiden. Hingabe heißt, einem Auftrag zu folgen.
Haben Sie auch ein Bild vor Augen, das die Grundhaltung christlicher Ethik zeigt? Vermitteln wir, worauf es im Leben ankommt; was dem Leben dient: Stark ist es, dem Schwachen zu dienen. Groß ist, wer in die Knie gehen kann.
Sebastian Feydt
Der Autor ist Pfarrer an der Frauenkirche Dresden.
Jedes Opfer ein Ebenbild Gottes
18. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Deutschland sitzt auf der Therapiecouch. Ein ganzes Land beginnt, sich selbst das lang Beschwiegene zu erzählen: Jeden Tag kommen neue Fälle sexueller Gewalt ans Licht der Öffentlichkeit. Das tut weh. Und kann zugleich der Beginn einer Heilung sein. Denn das Vertrauen der Opfer in die Welt, in die Gerechtigkeit, in Gott und in sich selbst liegt häufig in Scherben. Wenn man ihnen nun Glauben schenkt, ihr Leid und auch ihre Würde wahrnimmt, können diese Fragmente anfangen, sich zusammenzufügen.
Auch die evangelische Kirche ist da gefordert. Es muss in Zukunft alles dafür getan werden, dass Kinder und Jugendliche geschützt werden und man den Opfern mehr glaubt als den Tätern. Die kirchliche Personalpolitik sollte daraufhin kritisch abgeklopft werden. Aber die Aufgabe für die Kirchen und alle Christen ist weitaus größer. Zehntausende Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr und oft in ihren eigenen – durchaus auch christlichen – Familien zu Opfern. Tausende Frauen und Mädchen werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen – auch dies ist sexuelle Gewalt, angereichert mit kommerzieller Ausbeutung. Ähnlich verhält es sich mit nicht geringen Teilen der Pornofilm-Industrie. Auch Christen gehören zu den Kunden.
Ob die Vermarktung von Sexualität oder ihre Verdrängung in einer engen, selbstbezogenen Moral: Beides kann den Menschen zum Objekt machen. Sein Gebrauch – sein Missbrauch – wird so erst möglich. Christen sollten deutlich sagen, wen jede Form von Gewalt trifft: einzelne Menschen – ein jeder und eine jede von ihnen ein Ebenbild Gottes. Die Opfer und auch die Täter sollten wissen: Mit den Leidenden identifiziert sich Gott ganz besonders. So wie am Kreuz.
Andreas Roth
Die Bibel in Bits
18. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Internet und Computerprogramme verdrängen die Bibel als Buch nicht, sie ergänzen es.

Seine Lutherbibel hat Horst Slesazeck immer dabei. Sie sieht aus wie eine Scheckkarte und passt ins Portemonnaie: Eine CD-ROM, die mehr kann als ein Buch. Neulich hat Slesazeck, Geschäftsführer der Sächsischen Hauptbibelgesellschaft, mit einer Grafikerin über eine Publikation gesprochen. Ein Bibelzitat war noch einzufügen. »Die Karte raus, ins Laufwerk des Laptops gelegt, Begriff eingegeben, Text kopiert, eingefügt – zack.« Früher hätte er in Wortkonkordanz und Luthertext blättern, das Ganze dann abschreiben müssen. Auch bei der Predigtvorbereitung möchte er diese CD-ROM nicht missen. »Ich bin einfach schneller dort, wo ich hin will«, sagt er.
Im Regal verstauben lässt der frühere Oberlandeskirchenrat seine gebundene Luther-Ausgabe dennoch nicht. »Ich werde am Morgen und am Abend, wenn ich in der Bibel lese, dazu nicht den Rechner hochfahren«, sagt er. Die Bibel nur am Bildschirm kann er sich nicht vorstellen. »Der Mensch muss auch was in der Hand halten.«
Dass Bibelsoftware oder Hörbücher die Bibel als Buch verdrängen könnten, glaubt auch Simona Mielich nicht, die Leiterin des Dresdner Bibelhauses. »In unserer Bücherstube ist das Buch mehr gefragt als Software«, sagt sie. Das hätten ihr auch Kollegen anderer Bibelgesellschaften bestätigt. Nur in der Konfirmationszeit steige der Absatz von Multimedia-Bibeln ein wenig. »Wohl wegen der Bilder. Mit bloßem Text kann man Jugendliche kaum ansprechen.« Computernetz und elektronische Medien stellen in Mielichs Augen eher eine Einstiegsmöglichkeit dar. »Sie wecken Interesse für mehr. Das führt schließlich zum Buch.«
Markus Hartmann, Verlagslektor bei der Deutschen Bibelgesellschaft (DBG) in Stuttgart, erinnert daran: »Bibelsoftware existiert, seit es Personalcomputer gibt.« Die Bibelgesellschaft selbst habe sie in Deutschland zuerst entwickelt. Inzwischen kann man aus einer Fülle an Angeboten wählen. Alle bekannten deutschen Bibelübersetzungen hat die DBG auf CD-ROM herausgebracht, dazu den griechischen und hebräischen Urtext und die lateinische Vulgata. Die lassen sich mit den elektronischen Versionen von Erklärungsbibel, Bibelatlas, Evangeliensynopse, Gesangbuch und Predigtanregungen zu einer digitalen Bibliothek kombinieren. Es gibt DVDs mit Filmen, Power-Point-Folien und Audio-Clips, ein Lutherbibel-App fürs iPhone, das Buch der Bücher als Hörspiel oder dreidimensionales Adventure-Spiel.
Speziell auf die neuen Medien zugeschnitten ist das jüngste Projekt der Bibelgesellschaft: die »Basis-Bibel«. Gedacht ist sie für Einsteiger. Neu daran: Die Rohübersetzung aus den griechischen und hebräischen Urtexten wird von »Testlesern« erprobt. Rund 260 Frauen und Männer beteiligen sich bundesweit daran per Internet, wie Hartmann sagt. Darunter zwei besonders aktive in Sachsen. Alle Altersgruppen sind vertreten – vom 14-Jährigen bis zum Senior. Sie prüfen, ob die Formulierungen verständlich sind. Maximal 16 Worte lang sind die Sätze. Es sieht aus wie ein langes Gedicht. »Das soll das Lesen am Bildschirm erleichtern«, sagt Hartmann.
Die vier Evangelien werden bereits verkauft. Bis Herbst soll das Neue Testament vollständig vorliegen. Verbreitet wird es auf vierfache Weise: als Hörbuch, im Internet, als Software – aber eben auch als Buch. Auch hier zeigt sich: »Die Papierversion wird ergänzt, nicht verdrängt«, sagt Hartmann. Noch nicht abzusehen sei, was die Bibel als elektronisches Buch (E-Book) verändern werde. »Wir arbeiten daran.« Noch kämen nicht alle Lesegeräte mit ihr klar. »Es scheint, als sei die Bibel dafür mitunter ein zu großes Buch.«
Zum Kirchentag 2009 in Bremen hatten Jugendliche Bibelstellen auf 140 Zeichen Länge eingedampft und über das Netzwerk Twitter per Internet und Mobiltelefon verbreitet. Inzwischen sind diese Kurzfassungen zusammengefasst worden. Unter dem Titel »Und Gott chillte« – als Buch.
Tomas Gärtner
Wo einst der Tod herrschte, wächst neues Leben
12. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12, Vers 24

Gedeihende Pflanzen können eine Anfechtung sein. Als ich vor Jahren an einem Sommertag durch das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ging, konnte ich die blühenden Blumen im Gras über dieser grauenvollen Grabstätte kaum ertragen. Und doch ist mir gerade dieser Anblick bis heute unvergessen geblieben.
Ich erinnere mich an ihn, wenn ich vor den Toren Leipzigs stehe – dort auf der blutgetränkten Erde der einstigen Völkerschlacht. Heute wachsen dort Wohnhäuser aus dem Boden, in denen sich Menschen lieben, vor deren Haustüren Kinder spielen und lachen. Blühendes Leben bricht sich Bahn.
Genau so wie in dem jüngst eröffneten Hotel am Dresdner Neumarkt. Dort, wo vor 65 Jahren viele Tausend Menschen zu Tode kamen, dort wächst heute ein Ort internationaler Begegnungen. Friedvoll sitzen abends die Enkel und Urenkel der einstmals Verfeindeten an der Hotelbar zusammen: Polen neben Deutschen, Franzosen neben Österreichern, dazwischen Russen, Briten, Amerikaner und Japaner. Viele von ihnen haben tagsüber die wieder errichtete Frauenkirche besucht. Und dabei das Turmkreuz der vormaligen Frauenkirche gesehen.
War der Anblick dieses unansehnlichen, verbogenen und verkrümmten Kreuzes inmitten der strahlenden Kirche für sie eine Anfechtung? Oder vermittelt gerade dieses Kreuz Christi, was es heißt: Durch den Tod hindurch entsteht neues Leben. Aus dem Boden des Todes ragen nicht ewig die Zeichen der Vergänglichkeit. Es sind nicht für immer die Trümmer des Krieges und der Zerstörung, sondern es sind Anzeichen neuen Lebens. Die Früchte dieses Lebens sind die Versöhnung und der Frieden.
Sebastian Feydt
Der Autor ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche.
Papa hinter Gittern
12. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Für den kleinen Lennox ist es eine ungewohnte Umgebung: Er ist zu Besuch im Jugendgefängnis von Regis- Breitingen bei seinem Papa – und der darf ihn heute wickeln. Foto: Steffen Giersch
Unter den 300 jugendlichen Häftlingen in Regis-Breitingen sind auch Väter. Für sie gibt es seit kurzem Familientage.
Sie kommen!« Ehefrauen, Freundinnen, Väter, Mütter und kleine Kinder sitzen erwartungsvoll an gedeckten Tischen im Schultrakt der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, als 23 junge Männer in dunkelblauer Kleidung plötzlich den Raum füllen. »Schau, Papa kommt«, sagt eine Mutter zu ihrem Kind: Es ist Familientag in Sachsens Jugend-Gefängnis.
Die 300 Insassen sind in der Regel zwischen 14 und 24 Jahre alt. Viele von ihnen haben schon Nachwuchs, manche bis zu drei Kinder. Für sie hat Gefängnisseelsorgerin Hannelore Teubner eine Vätergruppe gegründet. Ziel sei es, den Jugendlichen Handwerkszeug für die Kindererziehung an die Hand zu geben. »Viele kennen nur zwei Möglichkeiten: Anschreien oder Schlagen«, sagt die Pfarrerin. Und sie wünschten sich, ihre Kinder anders zu erziehen. Zuletzt haben sie über Rituale gesprochen, zum Beispiel Singen vor dem Einschlafen. Heute führen sie es vor. Und so singen 23 schwere Jungs »Hopp, hopp, hopp …« und »Ein Männlein steht im Walde«.
Einen solchen Familientag hat Hannelore Teubner bereits zum zweiten Mal organisiert, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen der Kunsttherapie. Das Angebot, die Familien außerhalb der vorgesehenen sechs Stunden monatlicher Besuchszeit hinaus zu sehen, werde gern angenommen, sagt Kunsttherapeutin Dorit Schauroth. Doch sie weiß auch: »Die Zeit mit ihren Kindern ist für manche belastend, vor allem, sie dann wieder gehen zu lassen.« Oftmals sei der Kontakt zur eigenen Familie auch gestört oder abgebrochen.
So wie bei Frank L. Die Ex-Freundin wolle es nicht, dass er sein Kind sieht, sagt er. Trotzdem ist er dabei: Als Bühnenarbeiter für das Theaterstück vom »Wolf und den sieben Geißlein«, das die jungen Väter mit Begeisterung und zur lautstarken Freude der Kinder aufführen. Die Kostüme und Masken haben sie mit den Kunsttherapeutinnen selbst hergestellt. Nach seiner Haftzeit, in der er den Hauptschulabschluss nachholt, hofft der 21-jährige Frank L. auf eine Lehrstelle als Verkäufer. Insgesamt gibt es für die jugendlichen Häftlinge hier eine Realschulklasse, drei Hauptschulklassen, zwei Klassen für berufsvorbereitendes Jahr. Aber auch einen ABC-Kurs für die, die noch nicht Lesen und Schreiben gelernt haben.
In Zukunft sollen die Familientage monatlich stattfinden. Doch aus finanziellen Gründen sei es vielen Familien nicht möglich, die vorgesehene Besuchszeit auszuschöpfen, sagt Doris Schauroth. »Vielen Angehörigen fehlt einfach das Geld, die Fahrt anzutreten, und Zuschüsse gibt es nicht.«
Zur Arbeit mit den Angehöringen Strafgefangener gab es unlängst eine Tagung in der Evangelischen Akademie Meißen. Hier forderten die Teilnehmer mehr Aufmerksamkeit für deren Situation. Das läge auch im Interesse der Resozialisierung der Straffälliggewordenen. Besuchsräume in den Gefängnissen sollten ansprechender gestaltet werden, Seminare mit den Partnerinnen der Gefangenen sollten angeboten werden, um auf die Alltagssituation nach der Haft vorzubereiten.
In Regis-Breitingen tummeln sich unterdessen Väter mit ihren Kindern auf den Matten im provisorisch eingerichteteten Spielzimmer. Ein Vater nimmt seiner Frau das Baby aus der Hand. Heute ist er dran, seinen kleinen Sohn zu wickeln.
Christine Reuther und Stefan Körner
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