Unerfüllte Hoffnung
4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Kindersegen? Viele Paare hoffen vergeblich darauf. Und fühlen sich in der Kirche sehr einsam.
Am Schlimmsten waren die Taufansprachen. Cornelia stand in der Kirche im schwarzen Talar, sprach dem kleinen Menschenkind den Segen Gottes zu, sah in strahlende Eltern- und Patengesichter. Glauben, Segen und Kinderglück fallen in eins. Cornelia strahlte auch. »Doch innerlich«, sagt sie, »weinte ich die ganze Zeit.«
In der Großfamilie der Christen ist es der jungen Theologin in solchen Momenten kalt. Der Kindersegen bleibt ihr und ihrem Mann Tilman beharrlich verwehrt. Jedem siebenten Paar in Deutschland geht es so. Es sind Millionen. Die Trauer darüber trägt jeder von ihnen für sich. Allein. Unter Christen scheint diese Einsamkeit besonders groß zu sein. »In unserer Kirchgemeinde wundern sich die Leute: Ihr seid verheiratet, aber habt keine Kinder«, sagt die 30-Jährige. »Für mich klingt das wie ein Vorwurf, als wären wir nur auf Karriere aus. Das verletzt mich am meisten. Kaum einer kommt auf die Idee, uns zu fragen, warum wir kinderlos sind.«
Würde jemand diese Schwelle überwinden, dann würde er die gar nicht ungewöhnliche Geschichte eines jungen Paares hören: Einer Jugendliebe, einer Studentenhochzeit und eines Traumes vom Pfarrhaus mit drei Kindern. Doch auch nach Jahren wurde Cornelia nicht schwanger. Was folgte, war ein an Schmerzen, Übelkeit und Tränen reicher Weg durch die Fortpflanzungsmedizin.
Alles vergebens. Im Hintergrund das Dröhnen der Politiker, die das Kinderkriegen zur moralischen Pflicht erheben und »Gebärverweigerung« geißeln. Und das Dröhnen frommer Christen und Bischöfe gar, die Zusammenhänge herstellen zwischen einem eifrigen Glauben und der Kinderzahl. »Man muss nur genug beten – das war nicht die richtige Antwort«, sagt Tilman, der Arzt ist und im Vorstand seiner Kirchgemeinde sitzt. »Wenigstens gibt es einen, den man im Gebet mal anschreien kann: Gott, warum, warum? Ist es unsere Aufgabe, ein Adoptivkind großzuziehen, oder das Bewusstsein für die Situation Kinderloser zu schärfen? Ich weiß es noch nicht. Gott hätte uns doch als Karrieremenschen erschaffen können, denen Kinder egal sind – aber das sind wir eben nicht.« Es ist ein Gefühl großer Hilf- und Ratlosigkeit, unter dem Tilman und seine Frau leiden. Und es ist eine große Trauer.
»Der Schmerz kann so groß sein wie beim Verlust eines Partners oder eines Kindes«, sagt Anne-Kathrin Braun. Die Übersetzerin aus dem erzgebirgischen Seiffen hat vor zwei Jahren das christliche Netzwerk »Hannahs Schwestern« gegründet. Über 100 Frauen aus ganz Deutschland teilen auf dessen Internetseite – auf Wunsch anonym – und in regionalen Gruppen ihre Sorgen und Hoffnungen. »Wir nennen uns bewusst nicht Selbsthilfegruppe«, sagt Anne-Kathrin Braun, »wir vertrauen nicht auf uns selbst, sondern auf Gott.« Sie hat ihre Gruppe nach der biblischen Prophetin Hanna benannt, die mit ihren 84 Jahren kinderlos geblieben war, dennoch Gott diente und wie zum Lohn den kleinen Jesus sehen durfte. Und da sind noch die anderen kinderlosen Frauen der Bibel wie Sarah und Elisabeth. Sie – ausgerechnet sie – erwählte Gott und schenkte ihnen gegen alle Wahrscheinlichkeit Nachkommen, die für seine Heilsgeschichte wichtig wurden.
Trost findet Cornelia darin nicht. Sie spürt dagegen eine Resonanz, wenn sie in der Bibel die Tragödie von Michal liest, der ersten Frau des Königs David, die in einer von Männern beherrschten Welt mit ihrer Kinderlosigkeit zerrieben wurde. »Mir ist der Gott wichtig geworden, der mit mir im Loch sitzen bleibt und nicht sagt: Steh auf, das Leben geht weiter«, sagt die Theologin.
Früher hat sie nach einem erfüllten Leben gesucht. Jetzt fragt sie sich, wie sie Gott loben kann – trotz allem. »Ich predige anders, habe keine einfachen Antworten mehr, gehe über Leid nicht mehr hinweg«, sagt sie. »Ich fände es bitter, wenn das der einzige Sinn wäre.«
Andreas Roth
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