Wo einst der Tod herrschte, wächst neues Leben
12. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12, Vers 24

Gedeihende Pflanzen können eine Anfechtung sein. Als ich vor Jahren an einem Sommertag durch das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ging, konnte ich die blühenden Blumen im Gras über dieser grauenvollen Grabstätte kaum ertragen. Und doch ist mir gerade dieser Anblick bis heute unvergessen geblieben.
Ich erinnere mich an ihn, wenn ich vor den Toren Leipzigs stehe – dort auf der blutgetränkten Erde der einstigen Völkerschlacht. Heute wachsen dort Wohnhäuser aus dem Boden, in denen sich Menschen lieben, vor deren Haustüren Kinder spielen und lachen. Blühendes Leben bricht sich Bahn.
Genau so wie in dem jüngst eröffneten Hotel am Dresdner Neumarkt. Dort, wo vor 65 Jahren viele Tausend Menschen zu Tode kamen, dort wächst heute ein Ort internationaler Begegnungen. Friedvoll sitzen abends die Enkel und Urenkel der einstmals Verfeindeten an der Hotelbar zusammen: Polen neben Deutschen, Franzosen neben Österreichern, dazwischen Russen, Briten, Amerikaner und Japaner. Viele von ihnen haben tagsüber die wieder errichtete Frauenkirche besucht. Und dabei das Turmkreuz der vormaligen Frauenkirche gesehen.
War der Anblick dieses unansehnlichen, verbogenen und verkrümmten Kreuzes inmitten der strahlenden Kirche für sie eine Anfechtung? Oder vermittelt gerade dieses Kreuz Christi, was es heißt: Durch den Tod hindurch entsteht neues Leben. Aus dem Boden des Todes ragen nicht ewig die Zeichen der Vergänglichkeit. Es sind nicht für immer die Trümmer des Krieges und der Zerstörung, sondern es sind Anzeichen neuen Lebens. Die Früchte dieses Lebens sind die Versöhnung und der Frieden.
Sebastian Feydt
Der Autor ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche.
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