Jesus von Zschorlau
26. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Haare und Bärte sind echt, alles andere ist nur gespielt: Matthias Groß als Jesus (2. v. l.) ist umgeben von den Priestern Wolfgang Huth (l.) und Hartwig Ebert (3. v. l.) sowie Steffen Urban als Joseph von Arimathäa (r.). Foto: Steffen Giersch
In dem Erzgebirgsdorf führen 140 Christen die Passionsgeschichte auf
Der klar schimmernde Blick, die halblang schwingenden Haare, der volle aber völlig unmajestätische Bart: Das muss er sein. Kein Zweifel. Die Kinder fassen sogleich Vertrauen zu ihm. Bauhandwerker ist er auch – so wie das Original. So wie Jesus von Nazareth. Gut, seine Sprache weist Matthias Groß als waschechten Erzgebirgler aus. Doch wenn er in Zschorlau auf die Straße tritt, trifft er sie alle: Hier ein »Glück auf!« an Pontius Pilatus, dort eines an Judas und ein besonders herzliches an die anderen Jünger.
Ihre beeindruckenden Bärte und ihre Haartracht, die seit einem Jahr von keinem Friseur mehr weiß, prägen seit Monaten das Zschorlauer Ortsbild. Der Auswärtige stutzt, der Einheimische weiß: In Zschorlau spielen sie wieder die Geschichte des Leidens und der Auferstehung Jesu. Von Karfreitag bis zum Sonntag nach Ostern in acht Vorstellungen.
In die Turnhalle passen 780 Menschen, die meisten Plätze sind schon ausverkauft. 140 lutherische und methodistische Christen aus Zschorlau, Burkhardtsgrün und Albernau spielen in der Passionsgeschichte mit. Die Idee dazu brachten die Zschorlauer Dieter Schürer und Steffen Urban aus einem Urlaub in Tirol mit. Daraufhin machte sich der Rechtsanwalt Schürer daran, aus Texten der Bibel und des polnisch-jüdischen Schriftstellers Roman Brandstaetter die Dialoge zu schreiben.
»Anders als in den traditionellen Passionsspielen wollte ich Jesus bewusst in seinem jüdischen Umfeld sehen«, sagt Schürer, der Vorsitzende des Zschorlauer Passionspielvereins. Nach den Aufführungen in den Jahren 2000, 2001 und 2005 begannen im vergangenen September erneut die Proben.
»Das Passionsspiel soll keine Theateraufführung oder Tourismuswerbung sein – sondern ein besonderer Gottesdienst«, sagt Dieter Schürer. »Dass Jesus Christus den Weg ans Kreuz für uns gegangen ist, damit wir unverdient Versöhnung mit Gott erlangen können – das ist ein Kern unseres Glaubens. Für viele Leute ist es einfacher, in eine Sporthalle zu gehen und sich dort diese biblische Geschichte anzusehen.«
Die Leidensgeschichte Jesu ist kein Schwank, sie lässt sich nicht so locker erzählen wie ein Krippenspiel. Den Jesus spielt der Bauschlosser Matthias Groß voll heiliger Wut bei der Tempelreinigung, mit aufgemalten Striemen nach der Auspeitschung. Er denkt an die Angst während einer schweren Krankheit, wenn er Jesus in Gethsemane spielt. Und wenn er zwanzig Minuten am Kreuz hängt, verlieren seine Finger ihr Gefühl.
Mit seinen 49 Jahren ist der Zschorlauer Jesus viel älter als der Mann aus Nazareth je wurde. Allerdings ist dieser von den Toten auferstanden.
Andreas Roth
Das Passionsspiel wird in der Sporthalle Zschorlau aufgeführt am 2., 3., 4., 5., 10. und 11. April jeweils um 13 Uhr sowie am 7. und 8. April um 18 Uhr. Informationen über Restkarten gibt es im Pfarramt Zschorlau unter (0 37 71) 2 54 38 52 oder im Internet.
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