Vollzeit-Begleitung
11. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Bei aller Unausgegorenheit ist der Vorschlag von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) für eines gut: Mit ihrer Anregung, für die Pflege Angehöriger eine Auszeit im Beruf nehmen zu können, wird deutlich, dass auch die Politik versteht, dass Vollzeitjob und Pflege nicht zusammengehen. Mit Schröders Vorschlag kommen die Nöte der Pflegebedürftigen und ihrer Helfer auf die politische Agenda.
Das ist erst einmal gut so. Der wirkliche Nutzen ihres Konzepts steht aber noch infrage.
Immerhin trifft ihr Vorstoß auf die harte Finanzrealität in vielen Familien. Schröders Idee geht so: Berufstätige sollen für die Pflege zwei Jahre halbtags arbeiten können und dafür 75 Prozent ihres bisherigen Einkommens erhalten. Sind die zwei Jahre vorbei, bleiben die 75 Prozent Gehalt bei vollem Arbeitspensum, bis Zeit- und Gehaltskonto wieder ausgeglichen sind. So wird es auch für Arbeitgeber eine faire Rechnung. Für die oder den Pflegenden bedeutet das allerdings, vier Jahre nur Dreiviertel von dem zu erhalten, wovon es sich oft ohnehin schon schwer leben lässt.
Wie Pflegende dafür neben Anerkennung für die Pflege auch einen finanziellen Ausgleich erhalten, müsste Thema der weiteren Debatte sein. Das Betreuungsgeld für Eltern, die sich gegen die Kita entscheiden, ist bereits in der politischen Versenkung verschwunden. Vielleicht wäre das eine Idee für pflegende Angehörige. Denkbar wäre auch ein Äquivalent zum Kindergeld. Dann nämlich könnte man sagen, dass die Realität von Millionen Menschen in Deutschland in der Politik angekommen ist: Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft brauchen Menschen nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende ihres Lebens eine Vollzeit-Begleitung. Das zwingt zum Umdenken.
Corinna Buschow
Abgestempelt
11. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Kinder und Jugendliche leiden besonders unter Armut. Besuch in einer Familie, die Hartz IV ein Gesicht gibt.
Martina Fritzsche und ihr Sohn Daniel (Namen geändert) sehen im Fernsehen jetzt oft ihr eigenes Leben. Oder das, was Journalisten und Politiker für das Leben von Arbeitslosen und deren Familien halten: Faulheit in Trainingsanzügen, jammernd, saufend, verschlagen, mit tollen Handys und ganz großen Fernsehern. Die schmale Frau wischt sich heftig die Haare aus der Stirn. Die Augen hinter ihrer starken Brille funkeln. »Kommen Sie nur her«, hatte sie am Telefon gesagt, »sehen Sie sich das Elend an!«
Es ist ganz anders als im Fernsehen. Wenn Daniel nachmittags aus der Schule kommt, zündet seine Mutter zum Kaffee eine Kerze an. Äpfel liegen in der Schale auf dem alten, staksigen Wohnzimmertisch. Von oben zieht sich in der Wand ein Riss der Tischplatte entgegen. Er ist wie die ordentlich sortierte Armut der Großenhainer Familie Fritzsche: Auf den ersten Blick kaum zu sehen, doch in ihrer Wirkung umso tiefer. Der 14-jährige Daniel spürt ihren Griff, wenn er Altpapier sammeln muss für die Klassenfahrt nach London. Oder wenn es zum Geburtstag wieder einmal nur »etwas Praktisches« gibt. Oder wenn er sich vorstellt, was er nicht kennt: einen Familienurlaub. Der stille Junge mit der silbernen Brille und sein elfjähriger Bruder leben bei ihrer Mutter, und die hat seit vielen Jahren keine Arbeit.
»Ich will arbeiten«, sagt Martina Fritzsche. Doch Arbeit ist rar im flachen Land um Großenhain. Und die Augen der gelernten Industriekauffrau sind zu schwach. Eine Umschulung in ihrer Heimatstadt aber will ihr niemand bezahlen. So heißt das Schicksal der Familie Fritzsche weiter Hartz IV: 359 Euro im Monat zum Leben für die Mutter, 287 Euro für Daniel, 251 Euro für seinen Bruder.
Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Sachsen leben nur von Sozialhilfe. »Das Armutsrisiko für sie ist deutlich gestiegen in den letzten Jahren«, hat der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes in Sachsen, Uwe Hirschfeld, festgestellt. Der Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden sagt: »Unsere Gesellschaft hat ein Verteilungsproblem: wer oben ist, bekommt immer mehr. Und bei denen unten kommt immer weniger an.« Aktuelles Beispiel: Banker und Anleger haben die Wirtschaft in die Krise gezockt – Millionen werden deshalb in Sachsen bei den Sozialausgaben gestrichen. So einfach buchstabiert sich Ungerechtigkeit.
Etwas dagegen tun? »Hat doch keinen Sinn«, sagt der 14-Jährige Daniel und mustert die Tischdecke. Wie gern würde er für die kleinen Extras einer Jugend auch Prospekte austragen gehen. Doch seine Mutter klopft ihm zärtlich mit der flachen Hand auf den Arm: »Jetzt musst du erstmal für den Realschulabschluss schuften! Ich will ja nicht, dass meine Kinder vom Amt leben müssen, nur weil ihre Mutter Hartz-IV-Empfängerin ist.« Der private Nachhilfeunterricht, den viele Schüler nutzen, ist für die Kinder von Arbeitslosen kaum bezahlbar – wären da nicht die Großenhainer Diakonie und ein ehemaliger Lehrer, die Daniel unterstützen.
Hat Daniel Träume? Er sitzt an einem alten Couchtisch in seinem kleinen Kinderzimmer – den Blick zum Hof. Bläst die Wangen auf und lässt die Luft herausströmen. Ganz langsam. »Eine Ausbildung zum Koch«, sagt Daniel schließlich. »Und mal raus aus dieser öden Stadt, wo es nichts gibt – und wenn, dann ist es teuer.« Kino? Theater? Konzerte? Geht nicht. Doch dann holt er von einem Brett, auf dem sich an der Wand sein Schulzeug stapelt, ein paar säuberlich geführte Hefter. Mit leuchtenden Augen erzählt er von den Sandsteinstufen und Dachreitern eines alten Schlosses in der Nähe, um das sich seine Schulklasse kümmert. Und er zeigt die Ausgabe einer Großenhainer Jugendzeitschrift, an der er mitarbeitet.
Dass einer wie er, der unter dem Stempeldruck von Hartz VI aufwächst, auch einmal Journalist oder Historiker werden könnte – das liegt außerhalb seiner Vorstellungskraft.
Andreas Roth
Christen sollen nicht beliebt sein, sondern tatkräftig
5. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, Vers 62
So etwas ist auch heute nicht beliebt. Sich erst freiwillig melden und dann, wenn es ernst wird, einen Rückzieher machen. »Ich müsste erst noch …So radikal hatte ich es mir dann doch nicht vorgestellt.« Was lässt sich mit solch einer halbherzigen Haltung anfangen? Nichts! Nichts Neues lässt sich aufbauen, kein Aufbruch wagen.
Es sind drei, die vorhaben, Jesus zu folgen. Aber keiner der drei ist frei von dem, was bisher das Leben bestimmte. Keiner will wirklich loslassen. Jesus erleben sie in dieser Situation nicht als Seelsorger, sondern als einen Wegbegleiter, der harte Anforderungen stellt. Wer mit ihm gehen will, darf sich nicht durch zögerliche Rück-Sicht aufhalten lassen.
Aufbruch ist angesagt. Es soll losgehen. Und es soll aufgehen. Der harte steinige Boden gehört aufgebrochen. Das geschieht nicht bei einem Sonntagsspaziergang. Das ist eine Lebensaufgabe. Weil es der Weg in ein neues, in ein ganz anderes Lebens ist. Bei diesem Lebens-Weg steht das Reich Gottes vor Augen. Es ist aber nicht das Werk meiner Hände, sondern es wird auf dem Boden wachsen, den ich bereite, wenn ich mich an Jesus orientiere. Das ist kein leichter Weg. Aber es ist ein Lebensweg, der nach vorn weist. Es ist der Lebensweg, der Zukunft hat.
Fühlen wir uns geschickt für das Reich Gottes? Dann legen wir unsere Hand an den Pflug! Zum Beispiel an den Pflug, der heute aus den Schwertern der Gewalt und der leidvollen Vergangenheit geschmiedet ist. Schauen wir nach vorn! Wir sind berufen den Aufbruch anzugehen. So etwas ist vielleicht heute auch wieder nicht beliebt. Muss es auch nicht sein. Christen sollen nicht beliebt, sondern geschickt sein. Und sich so verhalten.
Sebastian Feydt
Der Autor ist Pfarrer an der Frauenkirche Dresden.
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Unerfüllte Hoffnung
4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Kindersegen? Viele Paare hoffen vergeblich darauf. Und fühlen sich in der Kirche sehr einsam.
Am Schlimmsten waren die Taufansprachen. Cornelia stand in der Kirche im schwarzen Talar, sprach dem kleinen Menschenkind den Segen Gottes zu, sah in strahlende Eltern- und Patengesichter. Glauben, Segen und Kinderglück fallen in eins. Cornelia strahlte auch. »Doch innerlich«, sagt sie, »weinte ich die ganze Zeit.«
In der Großfamilie der Christen ist es der jungen Theologin in solchen Momenten kalt. Der Kindersegen bleibt ihr und ihrem Mann Tilman beharrlich verwehrt. Jedem siebenten Paar in Deutschland geht es so. Es sind Millionen. Die Trauer darüber trägt jeder von ihnen für sich. Allein. Unter Christen scheint diese Einsamkeit besonders groß zu sein. »In unserer Kirchgemeinde wundern sich die Leute: Ihr seid verheiratet, aber habt keine Kinder«, sagt die 30-Jährige. »Für mich klingt das wie ein Vorwurf, als wären wir nur auf Karriere aus. Das verletzt mich am meisten. Kaum einer kommt auf die Idee, uns zu fragen, warum wir kinderlos sind.«
Würde jemand diese Schwelle überwinden, dann würde er die gar nicht ungewöhnliche Geschichte eines jungen Paares hören: Einer Jugendliebe, einer Studentenhochzeit und eines Traumes vom Pfarrhaus mit drei Kindern. Doch auch nach Jahren wurde Cornelia nicht schwanger. Was folgte, war ein an Schmerzen, Übelkeit und Tränen reicher Weg durch die Fortpflanzungsmedizin.
Alles vergebens. Im Hintergrund das Dröhnen der Politiker, die das Kinderkriegen zur moralischen Pflicht erheben und »Gebärverweigerung« geißeln. Und das Dröhnen frommer Christen und Bischöfe gar, die Zusammenhänge herstellen zwischen einem eifrigen Glauben und der Kinderzahl. »Man muss nur genug beten – das war nicht die richtige Antwort«, sagt Tilman, der Arzt ist und im Vorstand seiner Kirchgemeinde sitzt. »Wenigstens gibt es einen, den man im Gebet mal anschreien kann: Gott, warum, warum? Ist es unsere Aufgabe, ein Adoptivkind großzuziehen, oder das Bewusstsein für die Situation Kinderloser zu schärfen? Ich weiß es noch nicht. Gott hätte uns doch als Karrieremenschen erschaffen können, denen Kinder egal sind – aber das sind wir eben nicht.« Es ist ein Gefühl großer Hilf- und Ratlosigkeit, unter dem Tilman und seine Frau leiden. Und es ist eine große Trauer.
»Der Schmerz kann so groß sein wie beim Verlust eines Partners oder eines Kindes«, sagt Anne-Kathrin Braun. Die Übersetzerin aus dem erzgebirgischen Seiffen hat vor zwei Jahren das christliche Netzwerk »Hannahs Schwestern« gegründet. Über 100 Frauen aus ganz Deutschland teilen auf dessen Internetseite – auf Wunsch anonym – und in regionalen Gruppen ihre Sorgen und Hoffnungen. »Wir nennen uns bewusst nicht Selbsthilfegruppe«, sagt Anne-Kathrin Braun, »wir vertrauen nicht auf uns selbst, sondern auf Gott.« Sie hat ihre Gruppe nach der biblischen Prophetin Hanna benannt, die mit ihren 84 Jahren kinderlos geblieben war, dennoch Gott diente und wie zum Lohn den kleinen Jesus sehen durfte. Und da sind noch die anderen kinderlosen Frauen der Bibel wie Sarah und Elisabeth. Sie – ausgerechnet sie – erwählte Gott und schenkte ihnen gegen alle Wahrscheinlichkeit Nachkommen, die für seine Heilsgeschichte wichtig wurden.
Trost findet Cornelia darin nicht. Sie spürt dagegen eine Resonanz, wenn sie in der Bibel die Tragödie von Michal liest, der ersten Frau des Königs David, die in einer von Männern beherrschten Welt mit ihrer Kinderlosigkeit zerrieben wurde. »Mir ist der Gott wichtig geworden, der mit mir im Loch sitzen bleibt und nicht sagt: Steh auf, das Leben geht weiter«, sagt die Theologin.
Früher hat sie nach einem erfüllten Leben gesucht. Jetzt fragt sie sich, wie sie Gott loben kann – trotz allem. »Ich predige anders, habe keine einfachen Antworten mehr, gehe über Leid nicht mehr hinweg«, sagt sie. »Ich fände es bitter, wenn das der einzige Sinn wäre.«
Andreas Roth
Gefährlich nahe
4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Es sind Einzelfälle – doch sexuelle Gewalt gibt es auch in der sächsischen Landeskirche. Sie könnte mehr für vorbeugenden Schutz tun.
In den letzten sechs Jahren hat es unter den mehr als 700 Pfarrern der sächsischen Landeskirche zwei Fälle sexueller Straftaten gegeben – zumindest nach offiziellen Angaben. Für das Dresdner Landeskirchenamt ist das Verfahren klar: Wird ein rechtswidriges Fehlverhalten bekannt, folgt ein kirchliches Disziplinarverfahren und eine Anzeige bei der Justiz. Doch die Realität ist keineswegs so eindeutig.
Als ein Pfarrer in Penig vor vier Jahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie angeklagt wurde, suspendierte ihn die Kirche sofort und entließ den beliebten Theologen später. Denn die Staatsanwaltschaft ermittelte bereits. Anders lag der Fall in einer Kirchgemeinde einer anderen sächsischen Region (alle Namen und Orte sind der Redaktion bekannt). Dort wurde vor drei Jahren bekannt, dass der Ortspfarrer eine Minderjährige aus der Jungen Gemeinde sexuell belästigt habe.
Das Strafgesetzbuch verbietet eindeutig den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Die Landeskirche eröffnete ein Disziplinarverfahren, der Pfarrer räumte sein Vergehen ein, er wurde nicht entlassen sondern in den Wartestand versetzt. Eine Anzeige bei der Justiz durch die Kirche blieb aus. Das Opfer und seine Eltern wollten die Strapazen eines öffentlichen Prozesses vermeiden, hieß es. Die Folgen der Übergriffe habe das Mädchen bis heute nicht verwunden, sagen Menschen, die mit ihr in Kontakt stehen.
Einen typischen Loyalitätskonflikt zeigt ein Fall aus dem Jahr 2003. In zwei Instanzen befanden damals Gerichte, dass ein Diakon aus Westsachsen ein 12-jähriges Mädchen auf den Mund geküsst und unsittlich berührt haben soll und verurteilten ihn wegen viermaligem sexuellen Missbrauch in einem weniger schweren Fall zu einer hohen Geldstrafe. Doch Kollegen und Vorgesetzte halten ihren geschätzten Kollegen für unschuldig und bezweifeln – anders als die Gerichte – die Aussage des Kindes. Der Diakon blieb im Dienst und arbeitet bis heute mit Kindern und Jugendlichen. Als er die Gemeinde und den Kirchenbezirk wechselte, erfuhren seine neuen Vorgesetzten nichts von der Vorstrafe. Erst als er Religionsunterricht in einer staatlichen Schule geben wollte, wurde sie zum Problem.
»Jeder, der beim Freistaat Sachsen als Lehrer angestellt werden will, muss bei der Einstellung ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen«, sagt Lutz Steinert von der sächsischen Bildungsagentur. »Ich gehe davon aus, dass ein Bewerber nicht beschäftigt wird, wenn sexuelle Straftaten vorliegen.« Anders als Jugendämter und viele Vereine fragen nur die wenigsten sächsischen Kirchgemeinden bei der Einstellung von Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern nach einem Führungszeugnis – eine verbindliche Regelung der Landeskirche dazu fehlt.
»Wir wollen das Risiko von Übergriffen in der Kinder- und Jugendarbeit gezielt verringern«, sagt Heike Siebert vom sächsischen Landesjugendpfarramt. Sie will haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für das Thema sensiblisieren und einen Verhaltenskodex erarbeiten. Die Prävention von sexueller Gewalt ist in der Ausbildung von Gemeinde- und Sozialpädagogen an den Evangelische Fachhochschulen in Moritzburg und Dresden mittlerweile fest verankert (Interview rechts). Nur in der Ausbildung der sächsischen Pfarrer ist sie – anders als bei vielen anderen pädagogischen und therapeutischen Berufen – noch immer kein eigenständiges Standardthema.
Andreas Roth
Authentisch
3. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor mehr als einer Woche überraschte uns Margot Käßmann mit ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und als Landesbischöfin von Hannover. Und so schnell wie die Karikaturisten und Kolumnisten dabei waren, ihre Fahrt unter Alkoholeinfluss zu kommentieren, so schnell ist das Thema Rücktritt wieder aus den Blättern verschwunden.

Foto: Wikipedia.de
Diese Autorität sah sie nun beschädigt. Zumindest hat sie das als einen Grund für ihren Rücktritt genannt. Denn so jemand wie sie nimmt einen solchen schlimmen Fehler, wie es das Fahren unter Alkoholeinfluss ist, nicht auf die leichte Schulter und geht zur Tagesordnung über.
Das unterscheidet sie von manch anderem Prominenten. Erinnert sei nur an den damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus vor einem Jahr: Trotz verschuldetem tödlichen Unfall dachte er nicht ans Aufgeben – schließlich zahlten es ihm die Wähler heim. Er hatte keine Einsicht – und fand wohl auch deshalb kein Verständnis.
Margot Käßmann findet fast ausschließlich Verständnis für ihren Schritt. Vor allem bei Christen. Die Geradlinigkeit wird ihr hoch angerechnet. Und es wurde – auch in säkularen Medien – nicht übersehen, worin sie selbst in diesem Dilemma Trost findet: »Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.«
Christine Reuther
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