Folklore oder Überzeugung

30. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Kreuz

Eine deutsche Politikerin mit muslimischen Wurzeln wird niedersächsische Innenministerin – und setzt sich erstmal in die Nesseln. Mit ihrer Forderung, Kruzifixe aus den Schulen zu verbannen, hatte sie in der vorigen Woche harsche Kritik geerntet, vor allem aus ihrer Partei, der CDU. Nun hat sie sich dafür entschuldigt.

Es mag eine gewisse Brisanz haben, wenn eine Muslimin in Deutschland eine solche Forderung aufstellt – allerdings hat sie ebenso ein Kopftuchverbot an Schulen gefordert. Hintergrund für sie war die strikte Trennung von Kirche und Staat.

Wir im Osten Deutschlands sind nicht verwöhnt mit Kreuzen in Klassenzimmern. Eine Forderung, dies einzuführen, würde hier einen ebensolchen Aufschrei hervorbringen. Und selbst Christen würden sich wohl fragen: Ist das jetzt Folklore oder Überzeugung?
Wo es Überzeugung ist, da hängen selbstverständlich Kruzifixe – in den evangelischen und katholischen Schulen nämlich. Denn hier erwarten Eltern und Schüler, dass christliche Werte eine Rolle spielen.

Das heißt nicht, dass diese Werte nicht auch in staatlichen Schulen zur Sprache kommen sollten. Immerhin erreichen die Religionslehrer auch viele konfessionslose Schüler. Ihr Anteil in den Schulklassen ist oft höher als es der Kirchenzugehörigkeit allgemein entspricht. Bei der Synodentagung am vergangenen Wochenende zum Thema evangelischer Bildungsverantwortung kam das zur Sprache.

Und so kann Kirche, können wir Christen, immer nur dafür eintreten, unser durch Jesus Christus geprägtes Menschenbild anderen nahezubringen. Und uns über jedes Kruzifix in der Öffentlichkeit freuen, wenn es aus Überzeugung angebracht wurde.

Von Christine Reuther

Wer singt, betet doppelt

30. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Psalm 98, Vers 1

Es ist so leicht. Es tut so gut. Es fördert, wie Experten versichern, sogar Gesundheit und Intelligenz. Warum nur haben dann so viele Deutsche die Lust am Singen verloren?« So schreibt der Autor eines wissenschaftlichen Beitrages und erklärt, dass Hormone ausgeschüttet würden, die Gedächtnisprozesse und soziale Bindungsfähigkeit beeinflussen, aber auch Stress und Aggression abbauen.
Die Menschen der Bibel haben gesungen, ohne solche Studien zu kennen. Das Buch der Psalmen, aus dem unser Wochenspruch entnommen ist, ist nicht nur ein Gebetsbuch, sondern ein Gesangbuch. Wer singt, betet ja bekanntlich doppelt. Die Erfahrung mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit blieb nie sang- und klanglos. Und manch einer wünschte sich statt der einen gleich »tausend Zungen«, um Gott zu loben.

Die heilende Wirkung solchen Singens aber lag im Adressaten: Singet dem Herrn! Singen, das zugleich Beten ist, öffnet den Menschen für Gott. Er tritt heraus aus sich selbst, oft genug aus der Enge eigener Gedanken und Sorgen, die gefangen halten können wie in Einzelhaft. Es öffnet den Blick und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen. Vieles, was bisher als selbstverständlich galt, ist dann – ein Wunder!

Schon früh am Morgen können wir seine Wunder besingen: »Dass unsere Sinnen wir noch brauchen können und Händ’ und Füße, Zung’ und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen.« Einmal aufmerksam geworden, gibt es bis zum späten Abend noch vieles zu entdecken, was Gott an Wundern unter uns tut.

Foto: Amy Burton, sxc.hu

Foto: Amy Burton, sxc.hu

Also: Singet dem Herrn ein neues Lied – weil es Gott gefällt, doch auch uns selbst gut tut. Wer hätte gedacht, dass Bibel und Wissenschaft sich hier so nahe sind?

Johannes Berthold

Signale fürs Soziale

29. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Landessynode: Frühjahrstagung vom 23. bis 26. April in der Dresdner Dreikönigskirche
Bei ihrer Frühjahrstagung befasste sich die Synode mit dem Thema Bildung, hörte den Bericht der Diakonie und erhob Forderungen an die Politik.

Die Synode in Bewegung: Während des Thementages, bei dem sich alles um evangelische Bildungsverantwortung drehte, hatten die Synodalen Gelegenheit, sich bei Bewegungsspielen zu entspannen. Dazu hatte die Synodale Ina Maria Vetter (r.) ein großes buntes Schwungtuch mitgebracht. Fotos: Steffen Giersch

Die Synode in Bewegung: Während des Thementages, bei dem sich alles um evangelische Bildungsverantwortung drehte, hatten die Synodalen Gelegenheit, sich bei Bewegungsspielen zu entspannen. Dazu hatte die Synodale Ina Maria Vetter (r.) ein großes buntes Schwungtuch mitgebracht. Fotos: Steffen Giersch


Zum Thema der Synode »Bildung aus gutem Grund – Orte evangelischer Bildungsverantwortung« sprach Matthias Hahn, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums Drübeck, zu den Synodalen. Evangelische Bildung sei etwas anderes als die Erfüllung von Wünschen nach Festigung der Institution Kirche, sagte er. Sie solle keine kirchentreuen Christen erziehen, sondern helfen, Persönlichkeiten zu entwickeln. Dabei verwies er auf eine Umfrage unter Lehrern, nach der durch Religionsunterricht 50 Prozent konfessionslose Schüler erreicht werden, weil sie sich Antworten auf grundsätzliche Fragen erhofften. Evangelische Bildung heiße aber auch, »genau auf die Bildungschancen der kleinen Leute« zu schauen. »Zu einem erschreckenden Ergebnis« der Pisa-Studien gehöre es, dass Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern sozial und kulturell benachteiligt seien.

Ergebnisse des Thementages
Die Synode hat das Landeskirchenamt gebeten, eine Bildungskonzeption bis zur Herbstsynode zu erarbeiten. Die­se soll den gesamten Bereich von der Kinder- bis zur Seniorenbildung umfassen und ein besonderes Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit legen. Die Synode beschäftigte sich zudem mit der schwierigen finanziellen Situation evangelischer Schulvereine in Sachsen und beauftragte das Landeskirchenamt zu prüfen, wie die freien Schulträger mehr finanzielle Mittel erhalten können und ob weitere Schulen in die Trägerschaft der Landeskirche übernommen werden können. Um einem befürchteten Lehrermangel zu begegnen, bittet die Synode das Landeskirchenamt, sich beim sächsischen Kultusministerium für die Ausbildung von mehr Referendaren einzusetzen. Überdies diskutierte sie kontrovers darüber, ob evangelische Kindergärten und Schulen angesichts ihrer Personalnot auch von Pädagogen mit anderer oder ohne Konfession geleitet werden dürfen. Eine Entscheidung darüber wurde vertagt.
Auch die staatlichen Schulen seien wichtige Partner für evangelische Bildungsarbeit, betonte die Synode. Gemeinden nähmen noch zu selten wahr, dass sie sich dort mit Religionsunterricht und Nachmittagsangeboten einbringen könnten. »Wir haben in den Schulen offene Türen«, sagte die Synodale Elisabeth Roth. »Es ist an uns, sie auch im Sinne einer Diakonie an der Gesellschaft zu nutzen.«

Prominente Gäste

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat vor der Synode über die Aufgaben von Kirche und Politik für das Gemeinwesen gesprochen. Dabei sagte er, dass sich sowohl Parteien als auch Kirchen nicht mit dem Gemeinwesen gleichsetzen dürften, sondern nur ein Teil davon seien. Kirche es hätte oft schwer, sich Gehör zu verschaffen. Viele ihrer Stellungnahmen würden sich nicht von anderen Verbänden wie den Gewerkschaften oder dem ADAC unterscheiden.

Zu Gast war auch Kathrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen), die Präsidentin des Kirchentags 2011 in Dresden. Sie warb vor der Synode dafür, den Kirchentag als missionarische Gelegenheit durch die Kirchgemeinden zu nutzen. »Wir wollen minde­stens 4000 Teilnehmer aus der Region gewinnen und auch die katholischen Schwestern und Brüder einbeziehen«, sagte sie. Zudem sollten die Kirchgemeinden ihre Partnergemeinden, vor allem aus Osteuropa, dazu einladen. Für alle anstehenden Aufgaben wie Quartierwerbung oder Vorbereitung des Abends der Begegnung erstellt der Kirchentag Arbeitshilfen, die an die Gemeinden verschickt werden.

Kritik an der Sozialpolitik
Die Diakonie wirft der sächsischen CDU/FDP-Koalition mangelndes Bewusstsein für die sozialen Probleme im Freistaat vor. Beide Regierungsparteien blieben hinter ihren Möglichkeiten und ihrer Verantwortung zurück, sagte Diakoniedirektor Christian Schönfeld in seinem Bericht. Gerade in Zeiten eines enormen Sparhaushaltes schuldeten sie »konstruktive Gestaltungsvorschläge«. Er verwies darauf, dass Armut, Arbeitslosigkeit und Benachteiligungen von Familien die größten Herausforderungen der Zeit seien. »Es geht ein Riss durch unsere Gesellschaft«, so Schönfeld. Der Gesetzgeber müsse formulieren, »welches soziale Sachsen in den kommenden Jahren entwickelt werden soll«.

Die Landessynode beschloss einen Appell an die sächsische Staatsregierung, in dem sie »wirksame und mutige Maßnahmen« fordert, um die negativen Auswirkungen der Kürzungspolitik im Bildungs- und Sozialbereich zu mildern. »Wir stellen nicht in Frage, dass gespart werden muss«, sagt der Vorsitzende des Diakonie-Ausschusses, Harald Rabe. »Aber wir erwarten, dass die Staatsregierung darüber vorher mit den Betroffenen spricht, um gemeinsam zu überlegen, wie bei Kürzungen weniger Schaden entsteht als mit der Rasenmäher-Methode.«

Strategie für Afghanistan
Einstimmig unterstützt die Synode die Forderung des amtierenden EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider nach einer genauen politischen Strategie für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. »Doch wir sehen zugleich das Problem, dass auch ein Rückzug der internationalen Truppen ein Machtvakuum mit Folgen bringt, die wir auch nicht wollen«, so der Direktor des Lutherischen Missionswerkes, Michael Hanfstängl.

Mehr Hilfe für arme Länder
Die Synode hat Bundesregierung und Bundestag aufgefordert, die Mittel für Entwicklungshilfe aufzustocken. Derzeit würden nur 0,4 Prozent des Brutto­nationaleinkommens dafür aufgewendet, hieß es in einem Antrag des sozial-ethischen Ausschusses. Die Bundesregierung hätte sich jedoch verpflichtet, im Jahr 2010 mindestens 0,51 Prozent zur Verfügung zu stellen. Das Geld werde entsprechend der im Jahr 2000 beschlossenen Millenniums­ziele dafür gebraucht, dass alle Kinder in Entwicklungsländern eine Schule besuchen könnten und die Mütter- und Kindersterblichkeit verringert werde, sagte Missionsdirektor Michael Hanfstängl vor der Synode.

Mehr Geld für Rüstzeiten
Die Landeskirche soll Rüstzeiten stärker finanziell unterstützen. Dafür hat sich der Finanzausschuss der Synode eingesetzt, weil sich die Anzahl der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen von 21 000 im Jahr 2006 auf 25 000 im letzten Jahr erhöht habe und auch die Anzahl der Familien­rüstzeiten stark steige. Der Zuschuss für jeden jungen Teilnehmer soll künftig von 2,50 Euro auf 3,30 pro Tag steigen, für Familienrüstzeiten sollen künftig fünf statt bisher drei Euro pro Kopf und Tag gezahlt werden.

Mitsprache bei Kürzungen
Angesichts der für das Jahr 2013 geplanten Kürzungen in der Landeskirche hat die Synode die Kirchenleitung gebeten, eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern der Synode einzuberufen. »Bei der letzten Kirchenbezirksreform haben wir uns vor vollendete Tatsachen gestellt gefühlt«, sagte Marco Kahle vom Ausschuss für Gemeinde­aufbau und Mission. »Als Synode möchten wir keine Vorlage bekommen, der wir nur noch zustimmen können oder nicht.«

Kirchliche Stiftungen
Mit einem geänderten Gesetz hat die Synode das kirchliche Stiftungsrecht der Landesgesetzgebung angeglichen. Dabei warb Landeskirchenamtspräsident Johannes Kimme dafür, kirchlichen Stiftungen, besonders der Schulstiftung, beispielsweise über Testa­mentsverfügungen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Christine Reuther, Andreas Roth

Mit Herz und Mund

29. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Viele Menschen trauen sich nicht zu singen. Wenn sie es dennoch probieren, machen sie erstaunliche Erfahrungen.

kantate

Am Ende war sie geblendet: Von den Scheinwerfern, die sie und den Chor anstrahlten. Und von der Schönheit der Musik, die sie selbst sang. So vergaß sie ganz, dass sie eigentlich nicht singen kann – zumindest dachte sie das bis dahin. Höchstens mit ihren Kindern hat Ines Richter ab und an einmal ein Lied angestimmt, Volkslieder, Schlaflieder. »Aber in der Öffentlichkeit habe ich es nie gewagt«, sagt die 40-jährige Erzieherin aus Großenhain. »Ich bin eher ein introvertierter Mensch.«

Umgestimmt wurde sie durch ein Konzert in der Marienkirche ihrer Heimatstadt vor zwei Monaten. Gospel, das Gotteslob der Afro-Amerikaner. »Dieses Mitreißende hat mir so gefallen«, schwärmt Ines Richter, »das Strahlende!« Als sie las, dass wenig später in Dresden ein Gospel-Workshop stattfinden sollte, zögerte sie nicht.

Da stand sie nun in der Dresdner Dreikönigskirche, und war doch irritiert. Da war die Unsicherheit wieder. Die Furcht, falsch zu singen oder es gar nicht richtig zu können. Und ein Chor von 200 Menschen könnte es hören.

Ines Richter mit ihrer tiefen Stimme stellte sich in den Sopran, zu Tochter und Freundin, die auch mitgekommen waren. »Diese Sicherheit habe ich gebraucht.« Dachte sie. Und spürte schon mit den ersten Tönen, die Chorleiterin Carmen Wutzler anstimmte, wie überflüssig das war. Als die Melodien durch den Saal schwebten, flogen auch ihre Hemmungen davon. Ihre Stimme verwob sich mit dem vollen, schönen Klang des Chores, der falsche Töne einfach kommentarlos schluckte.

»Das Singen tut einfach unheimlich gut – auch fürs Selbstbewusstsein«, sagt Ines Richter. »An diesem Freitagabend steckte mir eine stressige Arbeitswoche in den Knochen, und Müdigkeit. Nach einer halben Stunde war das einfach weg.«

Diese Wirkung lässt sich durchaus wissenschaftlich messen. »Beim Singen werden die Atemzüge ruhiger, die Stresshormone werden weniger – das wirkt entspannend und löst auch Angst«, sagt Friedemann Pabst, Professor für Musikmedizin an der Dresdner Musikhochschule. »Dazu kommen die enormen seelischen Wirkungen des Singens. Es ist ein großes Heilmittel.«

Und es fördert die Kreativität. Untersuchungen mit Kernspintomografen haben gezeigt, dass beim Singen gleichermaßen die für rationale Aufgaben zuständige linke Hälfte des Gehirns wie auch die Gefühle verarbeitende rechte Seite beansprucht werden. »Das trägt zur Harmonisierung der Persönlichkeit bei«, sagt der Musikmediziner Friedemann Pabst. Als Arzt weiß er: Singen kann eigentlich jeder gesunde Mensch.

Nur trauen es sich viele nicht. Sei es, weil sie in ihren Familien das Singen nie kennen gelernt haben. Sei es, weil sie von anderen verspottet wurden, wenn sie »schief« oder »brummend« sangen. Wie kann man solche Menschen zum Singen ermutigen? »Da gibt es kein Prinzip, denn jeder Mensch und jeder Chor ist anders«, sagt Gertrud Günther, die als Professorin an der Kirchenmusikhochschule in Dresden junge Kantoren ausbildet. »Im Gesangsunterricht wollen wir den Studenten vermitteln, dass noch über technischer Perfektion die Achtung der Persönlichkeit der Sänger steht – dass man sie schätzen und fördern sollte.« Nicht nur, weil das ein Gebot der Nächstenliebe wäre. Sondern »weil durch das Singen die Botschaft ins Herz rutschen kann«.

Sei es in der Matthäuspassion oder beim Gospel, wie bei Ines Richter. Dabei ist sie gar nicht in der Kirche. Doch als sie in dem 200-köpfigen Gospelchor in der Dresdner Dreikönigskirche stand und »Halleluja« sang, merkte sie: »Ich bekam Gänsehaut, ich konnte mitfeiern.« Manchmal singt sie jetzt noch zu Hause mit ihrer Tochter jene Gospel-Songs – aus Freude, aber auch, wenn sie erschöpft ist. Singen, sagt Ines Richter, entspannt die Gesichtsmuskeln und hebt die Schultern. »Das ist eine Hilfe, die auch befreit.«

Andreas Roth

Der Schlüssel zum Neuanfang

23. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
2. Korinther 5, Vers 17

Diese Aussage, getroffen von Paulus, erreicht uns in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Diejenigen unter uns, die mit ihrem Leben zufrieden sind, werden über die Möglichkeit trauern, dass das Alte vergehen soll. Andere, die tiefe Verzweiflung verspüren, hoffen auf einen Neuanfang.

Aber ist ein Neuanfang im Leben überhaupt möglich? Wie komme ich aus einer aussichtslosen Lebenssituation heraus und kann in Christus sein? Was muss ich dafür tun? Alles hat Jesus für uns getan. Er hat durch seinen Tod am Kreuz und durch die Auferstehung alle Türen für uns geöffnet. Durch ihn kann das Alte vergehen und Neues werden. Diese Aussage lässt uns staunen und auch zweifeln.

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Aber schauen wir, durch wen sie uns verkündet wird. Es ist Paulus, der als Saulus zu den ärgsten Verfolgern der ersten Christen zählte. Dieser Mann wird zu einem wichtigen Pfeiler der Verkündigung des Evangeliums, weil er durch die Türen geht, die Jesus ihm geöffnet hat. Die Wandlung des Saulus zum Paulus widerspricht unseren Erfahrungen. Aber es gibt diese Beispiele, wo Menschen sich von Gott erreichen lassen, in Christus sind und etwas Neues werden.

Ich kann all meine Sorgen, meine Schuld, die ich auf mich geladen habe vor Gott bringen und mich ihm anvertrauen. Ich kann darauf hoffen, dass für mich, wenn ich mein Leben auf ihn ausrichte, das Alte vergeht und Neues wird. Diese Aussicht tröstet mich. So viele Situationen im eigenen Leben oder auch in der Gesellschaft scheinen unveränderbar.

Aber es gibt ihn, den Schlüssel zum Neuanfang. Wenn wir uns auf Gott mit unserem Leben einlassen, dann sind völlig neue Schritte möglich. Schritte ins Leben, die wir dann trotz unserer menschlichen Begrenztheit gehen können.

Bettina Westfeld

Bettina Westfeld ist Historikerin und Vizepräsidentin der sächsischen Landessynode.

Pfarrer gerecht verteilen

22. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Es kommentiert: Tomas Gärtner, Foto: Steffen Giersch

Es kommentiert: Tomas Gärtner, Foto: Steffen Giersch

Die Anregung von Landesbischof Jochen Bohl, mehr Personal in Wachstumsregionen und demzufolge auch in Großstädte zu schicken, hat vieles für sich. Kirchgemeinden wachsen nun einmal in den Metropolen. Mehr noch: Wo die Zahl der Mitglieder steigt, verändert sich in der Regel die Altersstruktur. Hinzu kommen Jüngere, vor allem Familien mit Kindern. Sie müssen nach dem Schritt in die Gemeinde sofort spüren, dass sie willkommen sind. Dazu braucht es ausreichend Mitarbeiter.

Gesagt werden muss aber auch: Steigende Mitgliederzahlen sind in den seltensten Fällen Ergebnis einer besonders attraktiven Gemeinde­arbeit. Eher Effekte von Wanderungsbewegungen in der Bevölkerung. Anziehend sind in erster Linie reichlich Arbeitsmöglichkeiten und angenehme Wohnviertel, vorzugsweise mit Kindereinrichtungen. Deswegen gibt es in ein und derselben Großstadt neben wenigen wachsenden auch viele nach wie vor schrumpfende Gemeinden. Jedenfalls muss die Personalpolitik der Landeskirche möglichst schnell, möglichst flexibel auf solche Veränderungen reagieren. Dafür freilich könnte sich eine auf zehn Jahre angelegte Stellenplanung als schwerfälliges Instrument erweisen.

Worauf es besonders ankommt, ist der differenzierende Blick. Der gebietet, nicht allein mit Personalzahlen Stadt und Land gegeneinander aufzurechnen. Dass es dort weniger Gemeindeglieder für eine Pfarrstelle braucht, hat seinen guten Grund: Die Fläche ist größer und die Wege sind weiter. Dafür ist der Anteil von Dorfbewohnern mit engerer Bindung an die Gemeinde meist höher. Eine moderne Personalpolitik braucht unterschiedliche Strategien für Großstadt und Land. Und sie sollte die jeweiligen Stärken fördern.

Tomas Gärtner

Schule mit Schulden

22. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Evangelische Schulen sind eine Chance für die Kirche – und kosten viel Geld. Schulvereine bleiben oft allein mit der finanziellen Last.

Aller Anfang ist schwer: Eckhard Rehnert, Juliane Kästli und Lars Geißler (v. l.) bauen den Evangelischen Schulverein Leukersdorf auf. In der ersten Klasse des Gymnasiums sind nur zwölf Schüler. Foto: Steffen Giersch

Aller Anfang ist schwer: Eckhard Rehnert, Juliane Kästli und Lars Geißler (v. l.) bauen den Evangelischen Schulverein Leukersdorf auf. In der ersten Klasse des Gymnasiums sind nur zwölf Schüler. Foto: Steffen Giersch

Die Tafel ist mit Zahlen übersät. Stolz blickt Lars Geißler, der Vorsitzende des Evangelischen Schulvereins Leukersdorf, auf die zwölf Schüler des derzeit wohl kleinsten Gymnasiums Sachsens. Rechnen muss auch er gut können. Denn in den ersten drei Jahren muss er die 2009 eröffnete Schule ohne staatliche Unterstützung über Wasser halten – und das kostet insgesamt 620 000 Euro.

Wie soll ein zwölfköpfiger Verein das stemmen? Indem Eltern monatlich 98 Euro Schulgeld pro Schüler zahlen, indem Firmen und Privatpersonen eifrig spenden, indem die EKD-Schulstiftung um einen Zuschuss gebeten wird. Und indem der Verein das Wagnis eines 400 000-Euro-Kredits eingeht. »Mit fünf anderen Mitgliedern bürge ich persönlich dafür«, sagt der selbständige Ingenieur Geißler. »Das ist ein hohes Risiko.« Doch ganz Leukersdorf hat die Schule zu seiner Sache gemacht.

Der Idealismus von Schulgründern wird in Sachsen auf eine harte Probe gestellt – auch wenn der Staat nach drei Jahren in die Finanzierung einsteigt. Denn ein Viertel bis ein Drittel der Betriebskosten und Gehälter müssen freie Schulen in Sachsen mit Schulgeld und Spenden aufbringen – von Investitionen gar nicht zu reden.

»Die Pro-Kopf-Zuschüsse sind viel zu niedrig«, sagt Matthias Kämpf, der Verwaltungsleiter des evangelischen Schulzentrums Muldental. Vielen Vereinen fällt es deshalb schwer, genügend gute Lehrer zu finden. »Da ist die Verlockung groß, Schüler aus sozial stärkeren Familien bevorzugt aufzunehmen, weil sie Schulgeld zahlen«, sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Schulvereins Vogtland, Christoph Rabbeau. »Doch das machen wir nicht.« Staat und Schulverein übernehmen die Kosten für ärmere Familien.

Mancher evangelische Schulträger wünscht sich mehr Unterstützung von der sächsischen Landeskirche. »Für alle freien evangelischen Schulen in Sachsen zusammen gibt sie weniger aus als für das Dresdner Kreuzgymnasium und das Leipziger Schulzentrum«, kritisiert der Königswarthaer Pfarrer Andreas Kecke, der selbst im Vorstand eines Trägervereins von fünf Schulen sowie im Bildungsausschuss der Landessynode sitzt.

In der Tat unterstützt die Landeskirche ihre zwei eigenen Schulen in den Großstädten in diesem Jahr mit über 600 000 Euro. Ihre Schulstiftung erhält 283 000 Euro und finanzierte davon im letzten Jahr 32 Fortbildungsveranstaltungen, 95 Beratungsgespräche sowie Dienstleistungen für freie Schulvereine – und die schätzen diese Unterstützung sehr. Doch für die finanzielle Förderung von Projekten in Schulen standen nur 90 000 Euro aus den Zinsen der Stiftung zur Verfügung. Bezogen auf 41 evangelische Schulen in Sachsen ist das nicht viel. »Auch zinslose Darlehen oder Kreditbürgschaften von der Landeskirche hätten uns sehr geholfen«, sagt Lars Geißler vom Leukers­dorfer Schulverein. In Sachsen wurden dadurch manche evangelische Schulvereine in finanzieller Schieflage gebracht.

Die Schulstiftung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gründet dagegen eigene Schulen oder übernimmt sie von Trägervereinen, die an ihre Grenzen stoßen. Doch die Schulstiftung der sächsischen Landeskirche will nicht selbst als Träger einsteigen. »Das ist auch gut so«, sagt Christoph Rabbeau vom Schulverein Vogtland. Er verweist auf die vorbildlichen Bildungseinrichtungen in Skandinavien. »Selbständige Schulen wissen viel besser, was vor Ort nötig ist. Zentrale Organisationen behindern Innovation.«

Andreas Roth

Die Schulstiftung der sächsischen Landeskirche im Internet www.schulstiftung-evlks.de

Melanchthons Erbe

22. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Bildung ist ureigenste Aufgabe unserer Kirche. Die Landes­synode widmet sich im Melanchthonjahr diesem Thema.

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Philipp Melanchthon war sich sicher: »Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt«. Der Freund Martin Luthers gilt als der Vater des deutschen Schulwesens. Christenmenschen sollten nicht nur die Bibel lesen können, sondern durch Aneignung von Wissen angeleitet werden zu selbständigem Denken und zur religiösen Mündigkeit. Eine Aufgabe von Bildung, die bis heute aktuell ist. Deshalb hat sich die sächsische Landessynode gerade im 450. Todesjahr von Melanchthon dieses Themas angenommen. Für Synodenpräsident Otto Guse gehören »Bildung und Erziehung zu den Grundaufgaben der Kirche«.

Die Frühjahrssynode hat ihre Tagung unter das Thema »Bildung aus gutem Grund – Orte evangelischer Bildungsverantwortung« gestellt. Der Sonnabend, 24. April, in der Dresdner Dreikönigskirche ist dem Thema gewidmet. »Es soll kein landeskirchlicher Informationstag über kirchliche Bildungsangebote sein«, sagt Michael Seimer. Er ist der Vorsitzende des Bildungs- und Erziehungsausschusses der Synode, der die Tagung vorbereitet hat. Vielmehr solle darüber nachgedacht werden, wie sich das Thema in der Arbeit der Kirchgemeinden niederschlägt. Der Tag sei gedacht als »Selbstvergewisserung der kirchlichen Situation«, so Seimer.

Diese Situation ist gekennzeichnet durch Schulen und Kindergärten in evangelischer Trägerschaft, durch evangelische Religionslehrer und durch kirchliche Projekt­arbeit in Schulen. »Durch Bildung kann man zwar den Glauben nicht erzeugen«, sagt die landeskirchliche Bildungsdezernentin Almut Klabunde. »Aber dass es zum Glauben kommt, hängt mit Bildungsprozessen zusammen«, so die Oberlandeskirchenrätin. Dabei gehe es bei Bildung aus evangelischer Sicht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Persönlichkeitsbildung.

»Heute gibt es keine selbstverständlich geltenden weltanschaulichen Horizonte mehr«, sagt sie. Die Menschen seien gezwungen, aus einer bunten Vielfalt sich etwas heraus zu suchen. Deshalb sei es wichtig, christliche Überlieferung zu vermitteln. »Wenn Kirche Bildungsaufgaben vernachlässigt, werden immer weniger Menschen Zugang zum Christentum finden«, so Klabunde. Denn heute sei eine christliche Prägung in den Familien längst nicht mehr selbstverständlich. »Und wenn wir uns nur auf den innerkirchlichen Bildungsauftrag beschränken, wird der Radius immer kleiner. Deshalb müssen wir uns aus unseren Mauern heraus bewegen.«

Als einen Erfolg bei diesem Bemühen nennt sie Zahlen, die bei der Bischofsvisitation in Leipzig in der vorigen Woche zur Sprache kamen: Im Bereich Nordsachsen besuchen 40 Prozent der Grundschüler und 35 Prozent der Gymnasiasten den Religionsunterricht – mehr als es der Kirchenmitgliedschaft von 21 Prozent entspricht. Wichtig seien aber auch evangelische Kindergärten. »Dort kommen Eltern, die sonst keinen Bezug zur Kirche haben, durch ihre Kinder in Kontakt mit Fragen des Glaubens«, so Klabunde. Allerdings müsse die Kirche wegkommen von den Alternativen Christenlehre oder Religionsunterricht, evangelische oder staatliche Schule.

Für Synodenpräsident Otto Guse ist es deshalb auch ein Anliegen der Tagung, über den Beruf des evangelischen Lehrers an staatlichen Schulen nachzudenken. »Ich wünsche mir, dass das in der Jugendarbeit stärker in den Blick genommen wird«, sagt er. Gebraucht würden junge Leute, die in den Schuldienst oder als Erzieher in Kindergärten gehen und in ihrem Beruf christliche Werte vermitteln. Oder wie Melanchthon sagte: »Zwei Begriffe sind es, auf die gleichsam als auf das Ziel das gesamte Leben auszurichten ist: Frömmigkeit und Bildung«.

Christine Reuther

Aufwachen und nachfolgen

16. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir; ich gebe ihnen das ewige Leben. Johannes 10, Vers 11

Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Das Bild vom guten Hirten ist uns vertraut, meist seit der Kindheit. So gibt es das Bild vom guten Hirten auf kleinen Holzkreuzen zum Aufhängen. Diese werden gern zur Geburt verschenkt. Damit versucht der Schenkende ein Stück Zuversicht aus seinem Glauben weiterzugeben und die Hoffnung, dass der neue kleine Mensch die Stimme des Herrn in seinem Leben hören kann. Aber wie werden wir wach für die Stimme des Hirten? Woran erkennen wir ihn und wie folgen wir ihm nach?

Dazu bedarf es der Vergewisserung des eigenen Glaubens, der Besinnung auf sich selbst und auf Gott. Ich kann seine Stimme besser wahrnehmen, wenn ich mit anderen Christen in einer Gemeinde zusammen bin. Ich brauche eine »Herde« für den Austausch, das Bekenntnis und den Zweifel. Ich habe die Hoffnung, auch wenn einige historische Entwicklungen dagegen sprechen, dass mich die Gemeinschaft vor dem Lauf in die Irre bewahrt. Ich höre hoffentlich nicht auf einen falschen Hirten, wie es im 20. Jahrhundert einige gab und sie noch immer gibt.

Christus spricht jeden an. Seine Zusage steht gegen Arroganz oder Gleichgültigkeit, die wir anderen oft entgegenbringen. Sein Zuspruch erreicht uns im hektischen Alltag, in dem wir oft ein Gefühl von Verlorenheit und Entwurzelung erleben, obwohl wir scheinbar so gut miteinander vernetzt sind. Wenn ich auf seine Stimme höre, kann ich andere mitnehmen, sie für sein Wort sensibilisieren. Ich muss auch aushalten, dass er alle ruft. Auch jene, die mir fremd sind: in ihrer Frömmigkeit, in ihrem Lebensstil. Ich kann darauf vertrauen, dass Gott uns in unserer Vielfalt zusammenführt, damit wir gemeinsam auf ihn hören und ihm nachfolgen.

Bettina Westfeld

Bettina Westfeld ist Historikerin und Vizepräsidentin der sächsischen Landessynode.

Für Neueintritte werben

16. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Weniger Dezernate, einfache Gesetze: Gespräch mit Landeskirchenamtspräsident Johannes Kimme nach 100 Tagen im Amt.

Der promovierte Jurist und frühere Verwaltungsrichter Johannes Kimme hat im Januar sein Amt als Präsident des Landeskirchenamts angetreten. Mit seinen Erfahrungen aus der staatlichen Verwaltung blickt er auf die Arbeitsweise des Landeskirchenamts. Foto: Steffen Giersch

Der promovierte Jurist und frühere Verwaltungsrichter Johannes Kimme hat im Januar sein Amt als Präsident des Landeskirchenamts angetreten. Mit seinen Erfahrungen aus der staatlichen Verwaltung blickt er auf die Arbeitsweise des Landeskirchenamts. Foto: Steffen Giersch

Herr Dr. Kimme, seit 100 Tagen sind Sie im Amt. Wie ist es Ihnen ergangen?
Ich bin im Hause sehr freundlich aufgenommen worden. Ich habe wahrgemacht, was ich mir vorgenommen hatte: am ersten Tag durch das Haus zu gehen und mit allen anwesenden der knapp 100 Mitarbeiter zu sprechen.

Sie haben vom Staatsdienst in eine kirchliche Verwaltung gewechselt. Gibt es da Unterschiede?
Ja, es gibt da erhebliche Unterschiede. Hier im Hause steht der Mitarbeitende im Vordergrund. Das ist beim Freistaat Sachsen komplett anders. Da denkt man in Strukturen und Funktionen. Hier wird in Personen gedacht – was sehr menschlich ist. Dies heißt aber auch, wenn jemand nicht da ist, muss manchmal erst geklärt werden, dass die Sachen nicht liegenbleiben dürfen. Ein Unterschied ist auch, dass wir in der evangelischen Kirche sehr stark von unten nach oben verfasst sind. Das ist beim Staat vollkommen anders. Da ist klar, wenn der Minister auch nur den Blick in eine Richtung lenkt, richten sich alle aus wie Eisenspäne zum Magneten hin. Auch gibt es in der Kirche keine Regelbeurteilungen wie beim Staat – dort alle drei Jahre.
Wir sind kollegial verfasst: die acht Dezernenten, der Bischof und der Präsident des Landeskirchenamtes. Das zeichnet die evangelische Kirche aus und bringt die nötige Achtung vor der Arbeit des Einzelnen. Doch es ist manchmal etwas beschwerlich, wenn man Veränderungsprozesse in Gang setzen will.

Unter ihrem Vorgänger hat es eine Untersuchung zur Arbeitsorganisation im Landeskirchenamt gegeben. Wie wird sie umgesetzt?
Ich habe mich gefreut, dass der Gutachter diesem Hause ein sehr gute Arbeit bescheinigt und darlegt, dass wir in den letzen 15 Jahren mehr Personal eingespart haben als es dem Rückgang der Mitglieder unserer Landeskirche entsprechen würde: 27 Prozent weniger Personal bei einem Mitgliederrückgang um 22 Prozent.
Auffällig ist auch, dass man bei knapp 100 Mitarbeitern 16 EDV-Fachleute hat, weil wir im IT-Bereich für die ganze Landeskirche zuständig sind. Ich denke, mit den anderen etwa 80 Mitarbeitern könne wir auf längere Sicht nicht bei acht Dezernaten bleiben, sondern sollten auf sechs reduzieren.

Können Sie schon einschätzen, was in Zukunft auf die Landeskirche in finanzieller Hinsicht zukommt?
Wir können mit Sicherheit sagen, dass die Zuwendungen aus dem EKD-Finanzausgleich von 2010 auf 2011 um 2,5 Millionen zurückgehen, danach pro Jahr um je weitere anderthalb Millionen. Die demografische Entwicklung geht leider auch an uns nicht vorbei. Wir müssen also schon aus diesem Grunde heraus für Neueintritte in die evangelische Kirche werben und wir müssen natürlich auch erheblich sparen. Alle Berechnungen sagen, dass wir ab 2015 mit einem deutlichem Rückgang der Finanzen zu rechnen haben. Und 2015 ist bald, wir müssen jetzt vorsorgen.

Wie sehen Sie die Fusion der Landeskirchlichen Kredit-Genossenschaft mit der Dortmunder KD-Bank?
Ich denke, es ist besser, sich im verändernden Bankenmarkt einen starken Partner zu suchen, solange man selbst finanziell stark ist, als wenn man es aus einer Position der Schwäche heraus tun muss.

Im Dezember haben Gemeinden vor dem kirchlichen Verwaltungsgericht einen Erfolg erzielt bei ihrer Klage gegen die zentralen Kassenstellen. Wie geht es nun weiter?
Wir begrüßen sehr, dass das Gericht im Grundsatz entschieden hat, dass eine zentrale Verwaltung sinnvoll ist. Das einzige, was das Verwaltungsgericht aufgehoben hat, ist der Punkt, dass es keine Ausnahmeregelung gibt. Allerdings sind die Maßstäbe dafür nicht dargelegt. Deshalb sind wir in die Revision gegangen. Auch gehen wir davon aus, dass keine Ausnahmen erforderlich sind. Das geltende Gesetz muss bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung angewendet werden.

Unterdessen ist ja die Kirche, nicht nur die katholische, ins Gerede gekommen wegen vieler Missbrauchsvorwürfe. Sehen Sie da Handlungsbedarf?
Im Jahr 2006 hat das Thema schon mal eine Rolle gespielt. Damals hat die Landeskirche eine Broschüre aufgelegt. Da diese zur Zeit vergriffen ist, haben wir uns entschlossen, eine Neuauflage von 4000 Exemplaren drucken zu lassen. Und wir haben eine Ansprechpartnerin – bewusst eine Frau außerhalb der Hierarchie der Landeskirche – benannt, damit sich potentielle Opfer melden können.

Sie haben vor Ihrer Wahl zum Präsidenten des Landeskirchenamtes gesagt, sie würden die kirchlichen Gesetze auf den Prüfstand stellen. Wie sieht es damit aus?
Ich konnte sehen, dass wir relativ schmal aufgestellt sind. Doch bei Neuregelungen bin ich sehr für Vereinfachung. Zum Beispiel am 8. April bei der Arbeitsrechtlichen Kommission haben wir uns geeinigt, dass es für die Mitarbeitenden wieder eine Kinderkomponente im 13. Gehalt geben soll: In Höhe von 300 Euro pro Kind – soweit man nicht Bestandsschutz aus der alten Regelung hat. Wir wollten es aus Praktikabilitätsgründen auf das 18. Lebensjahr begrenzen. Dabei wurde keine Einigung erzielt. Deshalb wird es nun solange gezahlt, wie es auch Kindergeld gibt. Das bedeutet einen erheblichen Mehraufwand.

Wie sieht es mit Ihrem Vorhaben aus, die Kirchenbezirke zu besuchen?
Vereinzelt bin ich schon dazu gekommen. Ich werde auch bei der aktuellen Bischofsvisitation im Kirchenbezirk Leipzig dabei sein. Und ich habe die Gunst der Stunde genutzt, wenn kirchliche Mitarbeiter im Hause waren, um sie anzusprechen, ob sie Sorgen, Nöte, Beschwerden, Hinweise oder besonders gute Erfahrungen mit dem Landeskirchenamt haben. Die Antworten sind unterschiedlich ausgefallen.

Die Fragen stellte Christine Reuther.

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