Du sollst Dir kein BILDnis machen
28. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Freude über die Heimkehr der im Jemen entführten Schwestern Lydia und Anna Hentschel teilte sich wohl jedem mit, der von ihr hörte – und auch das Ausmaß der Tragik. »Die beiden Töchter nach elf Monaten befreit, das Baby ist tot, von den Eltern fehlt jede Spur« titelte »Bild«. Die größte Zeitung Deutschlands vermeldete den Tod eines zweijährigen Jungen, ohne jeden Beweis dafür zu erwähnen. Kein Leichenfund, kein DNA-Abgleich. Nur das Entsetzen bei Angehörigen und Freunden der Vermissten – das scheint sicher.
Ja, wir Journalisten müssen bisweilen mit Vermutungen und Hypothesen arbeiten. Das kann sogar unsere Pflicht sein, wenn wir die Öffentlichkeit nicht anders über wichtige politische oder gesellschaftliche Entwicklungen informieren können. Und: Ja, wir Journalisten müssen oft verworrene Prozesse vereinfachen, damit sie von einer breiten Öffentlichkeit verstanden werden – für Fachleute ist das bedauerlich, für die Demokratie aber unerlässlich. Doch im Falle des zweijährigen Simon Hentschel geht es nicht um die Demokratie. Es geht um einen Menschen.
»Du sollst Dir kein Bildnis machen«, so lautet das zweite Gebot. Gemeint ist nicht nur Gott, sondern auch seine Schöpfung. Für Medienleute heißt das: Wenn es um Menschen und ihr Leben geht, ist hohe Vorsicht geboten – und kein Raum für fahrlässige Spekulationen.
Journalisten sind von Berufs wegen Skeptiker. Doch sie sollten auch das Prinzip Hoffnung nicht verkümmern lassen – dieses Urprinzip Gottes im Umgang mit seinen oft genug zweifelhaften Geschöpfen: Im Zweifel für den Angeklagten, im Zweifel für die Hoffnung. Zu wünschen ist diese Hoffnung den Angehörigen der entführten Familie und allen, die mit ihnen sind.
Andreas Roth
An der Grenze des Begreifens
28. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaot, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, Vers 3
Der Psychologe Carl Gustav Jung erzählt, dass er sich im Konfirmandenunterricht seines Vaters unendlich langweilte. Beim Blättern im Katechismus aber fiel sein Blick auf den Abschnitt über die Dreieinigkeit. Das interessierte ihn, und er wartete mit Ungeduld auf diese Stunde. Doch sein Vater sagte: »Diesen Abschnitt wollen wir überschlagen, ich begreife selbst nichts davon.«
Die Antwort enttäuschte, doch zumindest war sie ehrlich. Und – ehrlich gesagt – trifft sie ja nicht nur auf die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, sondern auf Gott selbst zu. Immer stoßen wir an die Grenze unseres »Begreifens«. Denn Begreifen können wir nur, wenn es etwas zu Greifen oder zu Schauen gibt.

Foto: Dani Simmonds, sxc.hu
Da hatte es der Prophet Jesaja besser – scheinbar. Er sieht Gott auf »einem hohen und erhabenen Thron«. Doch solches Sehen hätte ihn fast das Leben gekostet! »Weh mir, ich vergehe …« (Jes 6,59).
Unser Wochenspruch mit seinem dreifachen Ausruf der Heiligkeit weist auf die Andersartigkeit, ja Unnahbarkeit Gottes hin. Er markiert die Grenze zwischen Himmel und Erde.
Gott aber bleibt nicht auf seinem hohen und erhabenen Thron. Er selbst durchbricht die Grenze. In seinem Sohn Jesus Christus offenbart er sich uns in seiner ganzen Wahrheit und Liebe, wird sichtbar und »begreifbar«. Doch wer ihn erkennen will, muss sich bücken, so unscheinbar erscheint er. Selbst in seiner Offenbarung »begreifen wird nichts«, wenn nicht sein Geist uns begreifen – und staunen lässt.
So ist Dreieinigkeit das Fest des geoffenbarten Geheimnisses Gottes, das »nicht zu erforschen, sondern anzubeten« ist (Philipp Melanchthon).
Johannes Berthold
Professor Johannes Berthold ist Vorsitzender des Landesverbands Landeskirchlicher Gemeinschaften.
Viel Geduld nötig
27. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Seit Jahren helfen sächsische Christen in Rumänien. Wirtschaftskrise und fehlendes Sozialsystem machen das auch in Zukunft nötig.

Westen trifft Osten, EU trifft Armut – in Rumänien ist das Alltag. Die Wirtschaftskrise trifft die Rumänen viel härter als die Deutschen – deshalb ist Hilfe weiter nötig. Foto: Steffen Giersch
Wer die Sozialarbeit in Rumänien unterstützen will, muss einen langen Atem haben – auch finanziell. »Derzeit ist nicht abzusehen, dass sich der rumänische Staat für soziale Projekte einsetzt«, sagt der Dresdner Sozialpädagoge Frank Roth. Er ist bei der Diakonie – Stadtmission Dresden angestellt und koordiniert gemeinsam mit rumänischen Partnern über den Verein Copiii Europei (Kinder Europas) im siebenbürgischen Brasov (Kronstadt) soziale Projekte.
Sie helfen Behinderten in rumänischen Dörfern und haben das ehemalige Pfarrhaus in dem 600 Einwohner-Ort Dacia (Stein) zu einem Bildungs- und Begegnungszentrum für Christen aus Ost und West ausgebaut. »Anfangs wollten wir die Arbeit nur von außen anschieben, die Rumänen sollten sie selbst weiterführen«, erzählt Frank Roth. »Von dieser Vision mussten wir uns aber verabschieden.«
Zudem sorge die rumänische Regierung mit unsozialen Entscheidungen dafür, dass noch mehr Hilfe gebraucht werde. Ab September zum Beispiel sollen alle Schulen mit weniger als zweihundert und alle Kindergärten mit weniger als hundert Kindern geschlossen werden. »Die armen Familien in Dacia, vor allem die Roma, können sich nicht leisten, ihre Kinder in die nächste Kleinstadt zu schicken«, sagt Roth. Deshalb soll jetzt im Dorf eine kleine Notschule aufgebaut werden. Der Verein braucht nach eigenen Angaben heute für seine Arbeit etwa viermal so viel Geld wie vor drei Jahren.
14 sächsische Kirchgemeinden mit Kontakten nach Rumänien sind offiziell bekannt, meist kleine Initiativen. Hinzu kommen selbständige Vereine. Am wirksamsten könne man helfen, wenn man Initiativen vor Ort mit Spendengeldern unterstütze, meint Dorothea Böhme aus der Kirchgemeinde Lichtenstein. Noch in den 1990er Jahren hatte ihre kleine Gruppe mit einer mobilen Zahnarzt-Einheit Waisenkinder in einem siebenbürgischen Dorf behandelt. Die wollten sie Fachleuten vor Ort überlassen. Doch diesen Plan mussten sie aufgeben.
»Wer die Menschen dort motivieren will, braucht Geduld«, meint Renate Greuner von der Initiative Rumänien in Dresden. Die Rumänieninitiativgruppe Bautzen, hervorgegangen aus der Jugendarbeit der St.-Petri-Kirchgemeinde, unterstützt seit Jahren mit Freiwilligen und Spenden einen Verein im siebenbürgischen Cristuru-Secuiesc. Der betreut in Wohngruppen Kinder und Jugendliche, die zuvor in einem Kinderheim lebten. Im Oktober des vergangenen Jahres konnten sie dort ein Jugendbildungszentrum eröffnen.
Eine Organisation vor Ort unterstützt auch die Rumänieninitiative Lauterbach bei Dresden: die Roma-Kirche (lesen Sie dazu den Info-Kasten). Mit Spenden ermöglichen die Sachsen es Roma-Jugendlichen, das Lyzeum zu besuchen oder die Universität. »Bildung ist entscheidend für die Integration in die Gesellschaft«, sagt Matthias Netwall. »Und wer studiert, hat Aussicht auf eine gut bezahlte Arbeit. Das kommt später auch ihrer Gemeinschaft zugute.«
Reichtum und Einkaufszentren nach westlichem Standard könne man in Rumänien sehen, sagt Netwall. Aber daneben extreme Armut. »Die Wirtschaftskrise hat dort viel härter zugeschlagen als in Deutschland.« Mieten, Kosten für Wasser, Strom, Gas und Heizung seien enorm gestiegen. Er hat von Rentnern gehört, die Kredite aufnehmen, um im Winter die Heizung bezahlen zu können.
Auch die geistliche Unterstützung dürfe nicht unterschätzt werden, meint Margarethe Engling aus der Trinitatis-Gemeinde in Hohenstein-Ernstthal. Sie besucht mit einer Gruppe regelmäßig zwei Suchtkliniken des Blauen Kreuzes in Siebenbürgen. »Wir geben Zeugnis von eigenen Erfahrungen, machen Mut, mit Hilfe des Glaubens vom Alkohol wegzukommen.«
Trotz aller Schwierigkeiten haben Frank Roth und seine Mitstreiter einiges erreicht: Arme Familien mit Behinderten aus dem Dorf verdienen mit selbst produzierten Gegenständen und Dienstleistungen etwas Geld dazu. Die Leute zeigten mehr Achtsamkeit untereinander. Hoffnung mache ihm noch etwas anderes: Auch in der rumänisch-orthodoxen Kirche gebe es mittlerweile erste Ansätze für eine Sozialarbeit.
Tomas Gärtner
Eine unmögliche Rechnung
27. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Es gibt nur einen Gott – aber was ist mit Vater, Sohn und Heiligem Geist? Die Trinität ist schwer zu verstehen.

Es ist nicht gerade leicht, über Gottes Dreieinigkeit zu schreiben. Wollte man sie befragen, würden auch schon die Probleme beginnen: Ist ein Gespräch mit dem Vater nötig, eines mit dem Sohn und eines mit dem Heiligen Geist – oder genügt ein Gespräch mit dem einzigen Gott, der sie alle in seiner Heiligen Dreifaltigkeit vereint? Schwer vorzustellen. Eine unmögliche Recherche.
Die meisten Christen sind ähnlich ratlos. Nur noch ein Viertel von ihnen kann nachvollziehen, dass Jesus Christus auch Gott sein soll – das ergab eine religionssoziologische Umfrage in Deutschland. Neu ist das nicht. Schon seit der Aufklärung halten viele Christen die Trinität für eine unvernünftige Spekulation, und damit für ganz und gar überflüssig.
In der Bibel jedenfalls sucht man den Begriff der Dreifaltigkeit vergebens. Und der Zimmermann Jesus von Nazareth hat sich – nach allem was wir wissen – nie selbst als Gott bezeichnet. »Was nennst Du mich gut?«, widerspricht er einem Mann: »Niemand ist gut als Gott allein« (Mk 10,18).
Erst nach seinem Tod sahen Jesu Jünger in ihm den auferstandenen Herrn und Sohn Gottes. Sie tauften »im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Doch wie passt das zum Glauben an nur einen Gott? Die ersten Christen sahen darin offenbar kein Problem.
Aber bald schon plagten sich die Theologen mit dem logischen Widerspruch herum. Auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 beschloss man in hoch philosophischer Sprache: Gott sei »ein Wesen in drei Einheiten«.
Die Gelehrten spekulierten fleißig weiter. Bei der Frage, ob der Heilige Geist nur vom Vater oder doch auch vom Sohn gehaucht werde, kam es ab dem 9. Jahrhundert zum Zerwürfnis zwischen der römischen West- und der orthodoxen Ostkirche. Die Spaltung währt bis heute. Und bis heute trennt die Trinität auch das Christentum vom Islam. »So glaubt an Gott und seinen Gesandten. Und sagt nichts von einer Dreieinigkeit«, heißt es in der vierten Sure des Koran. Ganz offenkundig hatte auch Mohammed im siebenten Jahrhundert Schwierigkeiten beim Verstehen des Trinitäts-Dogmas.
Dabei hatten wohl schon die Theologen auf dem Konzil von Konstantinopel geahnt, dass Gottes Wirklichkeit ihre Begriffe sprengt. Ein Geheimnis lässt sich nicht in eine Formel packen. Es lässt sich bestenfalls erzählen. Das tut die Bibel. Und erst jüngst auch ein Buch mit dem Titel »Die Hütte« des amerikanischen Autors William Paul Young, das es dies- und jenseits des Atlantik derzeit zum Bestseller bringt.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes namens Mackenzie, der am gewaltsamen Tod seiner kleinen Tochter schier verzweifelt an Gott. Doch der Höchste lädt ihn ein in eine Berghütte. Dort umarmt und bekocht ihn eine große, dicke, dunkelhäutige Mama, die sich »Papa« nennen lässt. Der Heilige Geist ist auch da: eine kleine asiatische Gärtnerin, die in den Gärten der menschlichen Seelen pflanzt und umgräbt. Jesus ist Tischler und ein guter Freund. Alle drei sind ganz anders als vorgestellt – und sie sind der eine Gott. Das geht nicht in Mackenzies Kopf.
»Hier liege ich neben Gott, dem Allmächtigen«, sagt die Romanfigur Mackenzie, als dieser abends mit Jesus auf einem Bootssteg die Sterne betrachtet. »Und Du klingst so …« – »Menschlich?«, schlägt Jesus vor. Der schwer depressive Mackenzie muss lachen, das erste Mal seit dem Tod seiner Tochter. Weil er die oft so abstrakt klingende Liebe Gottes plötzlich spüren kann. Sie ist nicht fern: im Heiligen Geist weht sie bis heute, und in Jesus von Nazareth hat sie ein Gesicht bekommen. »Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen«, sagte Jesus. »Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen« (Joh 14,6).
Gott genügt sich nicht selbst – gerade wegen all dem Unrecht und all dem Leid auf der Welt. Wegen jedem einzelnen Menschen. Gott ist nahe. Dreifach.
Andreas Roth
Frische Luft für unsere engen Herzen
21. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der
Herr Zebaot. Sacharja 4, Vers 6
Dum spiro spero« – »Solange ich atme, hoffe ich«, sagt ein altes römisches Sprichwort. Im Lateinischen ist es eine kleine Wortspielerei – doch bewährt sie sich auch im wirklichen Leben, auch im Ernst des Lebens?
Nicht immer atmen wir Hoffnung. Oft genug hecheln wir atemlos durch Straßen und Gassen, atmen wir schwer unter mancherlei Lasten. Schreckensmeldungen lassen unseren Atem fast stocken. Werden wir für die zahlreichen Probleme unserer Welt den langen Atem haben, der nötig ist? So sehnen wir uns nach frischer Luft für unsere engen Herzen und verbrauchten Gedanken.
Ist es Zufall, dass in den Ursprachen der Bibel das Wort »Geist« eigentlich Wind und Atem bedeutet? Zu Pfingsten »geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind«, heißt es (Apg 2,2).

Professor Johannes Berthold ist Vorsitzender des Landesverbands Landeskirchlicher Gemeinschaften. Foto: privat
Pfingsten ist das geöffnete Fenster des Himmels. Ein neuer Geist weht in dieser Welt – Gottes Geist, Lebensatem zum Aufatmen! Der Prophet Sacharja (520 v.Chr.) war ein früher Zeuge dafür, dass Gott uns seinen Geist geben will. Mitten in der Nacht empfängt er heilende Bilder und Worte für das aus der Gefangenschaft zurückgekehrte Volk Israel. »Heer und Kraft« besitzen sie nicht mehr, doch Gott will ihnen seinen Geist geben. In seiner Kraft werden sie den zerstörten Tempel wieder aufbauen. Ja, alle Völker sollen herbeiströmen und Anteil haben an Gottes Heil!
Diese Prophetie wurde Wirklichkeit. Im Jahr 515 v.Chr. wurde der Tempel wieder eingeweiht. Auch Pfingsten gehört in die Erfüllungsgeschichte dieser Prophetie – damals, als in Jerusalem Menschen aus verschiedensten Völkern die Botschaft von Jesus Christus hörten. Auch heute erfüllt sie sich – überall wo Menschen sich von Christi Geist inspirieren lassen. Da fährt er in uns wie Energie. Es ist dann keine Wortspielerei: »Solange sein Geist in uns atmet, hoffen wir!«
Johannes Berthold
Professor Johannes Berthold ist Vorsitzender des Landesverbands Landeskirchlicher Gemeinschaften in Sachsen.
Die Angst ist weg
20. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
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Die Steine der Dresdner Frauenkirche erzählen von Krieg und Versöhnung. Den Geist des Friedens wollen Pfarrer Sebastian Feydt und Stephanie Kubsch mit dem EVA-Festival Jugendlichen näher bringen. Foto: Steffen Giersch
Das Engagement von Jugendlichen für Frieden wird gebraucht. Daran besteht für Landesbischof Jochen Bohl kein Zweifel. Doch sind sie auch bereit dazu? »Jugendliche bekommen viele Informationen über Unfrieden auf der Welt«, meint Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Und sie machen ihre eigenen Erfahrungen mit Verletzung und Zerstörung. Wir müssen deshalb fragen: Was betrifft euch persönlich?«
Eine Plattform dafür will »EVA 2010« als »Peace Academy« (Friedensakademie) vom 21. bis 24. Mai in der Dresdner Frauenkirche bieten. Es ist eine Art Workshop-Festival. Knapp 200 Teilnehmer haben sich angemeldet, unter ihnen 30 aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa, wie Projektleiterin Stephanie Kubsch sagt.
Mit Friedensfragen im weltpolitischen Sinn beschäftigt sich lediglich ein Workshop: mit der militärischen Lösung von Konflikten am Beispiel Afrikas. Andere widmen sich Themen wie Zivilcourage, häusliche Gewalt oder Mobbing und Ausgrenzung. Frieden wird hier umfassender verstanden: als Gewaltfreiheit.
Die EVA-Veranstalter setzen auf Planspiele und Erlebnisse. So sollen die Jugendlichen Wunden der Zerstörung in der Frauenkirche auf einem »spirituellen Erfahrungsweg« nachspüren. Inhaltlich mitgestaltet hat ihn Johannes Neudeck, Generalsekretär des sächsischen CVJM-Landesverbandes. Der 49-jährige Theologe war elf Jahre im Auftrag der Evangelischen Allianz in Bosnien und Kroatien, als dort noch Krieg herrschte. Anfang September soll er Friedensbeauftragter der sächsischen Landeskirche werden.
Damit bekommt christliche Friedensethik ein größeres Gewicht. Neu ist auch: Zur Friedensarbeit kommt Versöhnungsarbeit, der Beauftragte übernimmt dazu Aufgaben an der Dresdner Frauenkirche. Friedensarbeit in der sächsischen Landeskirche hat viele Facetten: Friedensgebete, Beratung von Wehrdienstverweigerern und Zivildienstleistenden, Weiterbildungen, Beteiligung an größeren Aktionen wie der Friedensdekade im November beispielsweise. Einzelkämpfer und kleine Gruppen engagieren sich hier, sagt Annemarie Müller, Friedensreferentin im Ökumenischen Informationszentrum Dresden (ÖIZ). Jugendliche seien selten darunter. »Die kirchliche Friedenszene in Sachsen befindet sich im Schlummerdasein.«
Das Antikriegsthema zog in den 80er-Jahren noch viele Jugendliche zum Friedensseminar nach Königswalde. Heute stößt es auf wenig Interesse, hat Hansjörg Weigel als Mitorganisator festgestellt. »Die meisten Jugendlichen kamen, als wir über Tod, Sterben und die Hospizbewegung diskutiert haben«, erzählt er. Krieg in Afghanistan, Atomwaffen – »Wo ist die Angst hin?« , fragen sich Weigel und seine Mitstreiter im Vorbereitungskreis, zu dem auch drei Studenten gehören.
Bei seinen Gesprächen in Schulen hat Georg Meusel, Leiter des Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau, erfahren: »In jeder Klasse gibt es ein paar an Friedensfragen Interessierte. Doch es fehlt jemand aus der Kirche, der sie um sich scharen könnte.« Bei den letzten Friedensmärschen in Zwickau ist ihm deutlich geworden, dass dies inzwischen andere tun: die Linkspartei beispielsweise.
Tomas Gärtner
EVA im Internet www.eva-festival.de
Glaube ist wie Fußball
20. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
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Manchmal ist es mit Gott wie auf dem Fußballrasen: Ein neuer Geist kann das Spiel drehen – und aus niedergeschlagenen Menschen mutige machen. Das ist Pfingsten.
Meine Lieblingsfußballmannschaft in Chile ist die »U« – »LaU« wird sie liebevoll von ihren Fans genannt. Sie ist einer der größten Fußballclubs in Chile und hat mehrfach den Meistertitel gewonnen. In dem einen Jahr spielte die »U« richtig schlecht. Mein Sohn und ich haben im Stadion oft mitgezittert und geschimpft. Und dann spielte sie sogar noch um den Klassenerhalt.
In dieser Situation übernahm die Vereinsführung die Verantwortung. Der Trainer wurde gewechselt. Und ein weiterer wichtiger Faktor: Man holte den in die Jahre gekommenen »Matador« zurück. Man hörte in der Stadionrunde, die sich wieder füllte: »Dal, dale dale leon …« – frei übersetzt: »Gibs ihnen, Löwe!« Der Matador, Marcelo Salas, ist das Idol in der »U«. Und mit ihm und dem neuen Trainer kam die Wende. Aus einem Abstiegskandidaten wurde ein Meisterschaftsaspirant! Das ist Fußball! Da schlägt das Herz höher, wenn man spürt, wie ein neuer Geist durch eine Mannschaft geht und die gleichen Spieler, die vorher frustriert gegen den Abstieg kämpften, auf einmal befreit aufspielen. Herrlich!
Vielleicht haben sich so die Jünger gefühlt: niedergeschlagen, nichts geht mehr, »wie Flasche leer«, wie ein bekannter Trainer über einen Spieler sagte. Und gerade diese Menschen fangen mutig, entschlossen und ohne Angst an aufzustehen, weiterzumachen, das, was sie gelernt haben zu leben und auszuspielen. Wie im Fußball – oder?
Pfingsten ist das Fest eines Neubeginns für eine besondere Mannschaft, die Kirche. Im Mittelpunkt steht nicht Gott, auch nicht Jesus, sondern ein Geist, der Heilige Geist. Aber dieser Geist kommt von Ihm ,dem Herrn allen Lebens. Diesen Geist lebte Jesus und er wirkte so ansteckend, dass Menschen aufstanden und Neues wagten gegen allen Schein.
Dieser gute Geist bewirkt bei Menschen, nicht nur früher, sondern auch heute neue Kraft und neuen Mut. Wer vom Heiligen Geist erfüllt wird, spürt, dass sich innerliche Leere füllt mit der Liebe, die von Gott kommt.
In der Urkirche war der Heilige Geist wirksam, als alles verloren schien. Jesus, der Hoffnungsträger, war gekreuzigt worden und gestorben. Die Nachricht von der Auferstehung galt noch als unerhört. Die Weggefährten waren ratlos. Sie kamen zusammen in ihrer sprachlosen und etwas verlorenen Stimmung, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Und da geschah es. Als sie so beisammen saßen und erzählten, spürten sie, wie ein neuer Geist in ihnen wach wurde. Alles, was Jesus ihnen erzählt hatte von der Gemeinschaft untereinander, erfüllte sie plötzlich wieder. Das war er, der neue Geist, den sie so nötig gebraucht hatten. »Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist«, heißt es in der Bibel (Apostelgeschichte 2, 4).
Ein neuer Geist kann nicht herbeigezwungen werden. Diese Geisteskraft kommt von Gott. Vielleicht beginnt sie manchmal bei kleinen Minderheiten, wie den Jüngern. Vielleicht beginnt sie in der Diaspora, in der Zerstreuung. Vielleicht beginnt sie da, wo Menschen sich allein fühlen.
Den Pfingstgeist habe ich über neun Jahre immer wieder auch dadurch gespürt, dass wir in unserer kleinen Kirche in Chile nicht allein gelassen wurden. Gerade das Diasporawerk der EKD, das Gustav-Adolf-Werk, hat uns immer wieder tatkräftig zur Seite gestanden, dass wir den Mut nicht verloren – und dass wir bei allem Kraft behielten, uns für andere Menschen in den Armenvierteln einzusetzen.
Darin habe ich den verbindenden Geist gespürt auch über alle Sprachbarrieren hinweg. Unsere Gottesdienste haben wir in Chile immer wieder zweisprachig gefeiert. Die einen haben manchmal das Spanisch nicht verstanden und umgekehrt einige Chilenen kein Deutsch. Aber wir feierten gemeinsam. Das ist es auch: Der Geist Gottes macht Mut zum Neuanfang – wie für eine Fußballmannschaft. Und dieser Geist schenkt Gemeinschaft über Kontinente und Sprachgrenzen hinweg. Das wollen wir Pfingsten feiern – am Geburtstag der Kirche.
Enno Haaks
Enno Haaks war bis 2009 Pfarrer in Santiago de Chile und leitet nun als Generalsekretär das Gustav-Adolf-Werk mit Sitz in Leipzig, das evangelische Gemeinden in aller Welt unterstützt.
Der Ort der Niederlage wurde zum Zeichen des Sieges
14. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so werde ich alle zu mir ziehen.
Johannes 12, Vers 32
Erhöhung – das klingt wie Aufstieg, Beförderung, der Stoff also, aus dem viele unserer Träume gemacht sind. Und wenn wirklich einmal ein Tellerwäscher zum Millionär oder ein Angestellter zum Firmenchef »erhöht« wurde – dann schauen wir solchen »Traumkarrieren« hinterher wie zu Himmelfahrt die Jünger, als Jesus von den Wolken aufgenommen wurde. Denn über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!

Foto: Mario Alberto Magallanes Trejo, sxc.hu
Inzwischen ist das Kirchenjahr weitergegangen. Schon liegen Ostern und Himmelfahrt hinter uns. Beide Feste sprechen davon, dass Gott den, der sich so tief herabbeugte, nun über alle erhöht hat. Er hat ihm einen Namen gegeben über alle Namen und eine Macht, die Himmel und Erde erfüllt! (Matthäus 28, Vers 16ff.). Also doch eine Traumkarriere?
Ja! Doch hat er sie nicht gewaltsam oder intrigant angestrebt; auch geht diese Karriere nicht auf Kosten anderer. Im Gegenteil: Er will seine Beförderung nicht allein genießen, sondern »alle zu sich ziehen«. Das ist kein Satz für den »innerkirchlichen Dienstgebrauch«. Das Wort »alle« enthält vielmehr den Auftrag zur Mission, die alles andere als religiöser Hausfriedensbruch ist. Denn hier soll niemand besiegt, aber alle gewonnen werden.
Johannes Berthold
Tour de Ökumene
13. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen
Evangelische, katholische und freikirchliche Christen reisen gemeinsam zum Ökumenischen Kirchentag nach München – und entdecken die Vielfalt der Konfessionen.

In Bautzen leben evangelische und katholische Christen seit Jahrhunderten zusammen: Veronika Mahling begrüßt die ökumenischen Reisenden mit Brot und Salz in ihrer sorbischen Gaststätte Wjelbik. Foto: Irmela Hennig
Es ist kurz nach zwei am Sonntagnachmittag. Die Sonne scheint auf den Bautzener Domvorplatz. 34 Sachsen und Berliner schlängeln sich vorbei an parkenden Autos und tauchen ein in die kühle Halle der Petrikirche. In die evangelische Hälfte der Simultankirche, die sich Protestanten und Katholiken seit Jahrhunderten teilen. Nur ein hüfthoher Zaun trennt die Konfessionen. »Wir sind angekommen an der ersten Station unserer Reise«, begrüßt Ulrich Clausen, Mitarbeiter im Bistum Dresden-Meißen, die Männer und Frauen.
Es ist eine ökumenische Begegnungsfahrt, die Protestanten, Katholiken und Mitglieder einer Radeberger Adventgemeinde zusammengeführt hat. Über Sachsen und Böhmen geht es für sie per Bus nach München zum zweiten Ökumenischen Kirchentag. Eingeladen zu der Tour hatte die evangelische Landeskirche zusammen mit dem katholischen Bistum Dresden-Meißen, dem Haus der Kirche Dresden und dem Ökumenischem Informationszentrum.
Kaum etwas wäre besser geeignet für den Auftakt einer Reise zum Ökumenischen Kirchentag als der Bautzener Simultandom, findet Friedemann Oehme, einer der Organisatoren von Seiten der Landeskirche. Denn hier wird Ökumene seit langem gelebt. Der evangelische Dompfarrer Burkhart Pilz spricht in einer Andacht vom Schmerz über die geteilte Christenheit, aber auch davon, dass die Gläubigen mehr verbinde als trenne.
Im Bautzener Dom funktioniert das ganz praktisch. Da er von zwei Konfessionen genutzt wird, muss jede die Veranstaltungen der anderen im Blick haben. Entwickelt hat sich dabei keineswegs ein verbissenes Raumregelement, sondern ein Miteinander, das auch von Humor getragen wird.
Die Begegnungsreisenden sind beeindruckt, interessiert. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr für Dom und Spreestadt. Sie werfen einen Blick in den Domladen, der von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam betrieben wird. Sie trinken Kaffee im Restaurant »Wjelbik«, wo sie von Wirtin Veronika Mahling sorbisch mit Brot und Salz begrüßt werden.
Dann geht es weiter nach Südosten, nach Herrnhut. Am Nachmittag des 9. Mai treffen die Christen dort ein. Die Gedenkfeiern zum 250. Todestag des Nikolaus von Zinzendorf, Gründer der Brüdergemeine, sind da gerade vorüber. Für die Reisenden gibt es eine Führung über den berühmten Gottesacker. Die schlichten, nur von Wiese gesäumten Grabsteine, erstaunen manche. »Man sieht zu wenig von der Heimat. Da ist so viel, was man noch nicht kennt«, sagt eine Dresdnerin. Genau hier wollen die Veranstalter Abhilfe leisten. Friedemann Oehme wünscht sich, dass die Reise »eine Entdeckertour wird«. Ideal wäre für ihn, wenn darüber hinaus in den kommenden Tagen Begegnungen zwischen den Konfessionen entstünden.
Den Kopf voller Zinzendorf geht es für die Gläubigen am Dienstagmorgen nach Prag. Beim Zentralrat der Hussitischen Kirche Tschechiens im Stadtteil Dejvice legen sie einen Zwischenstopp ein, ehe sie zur Kirche der Böhmischen Brüdern weiterreisen. Der Bus schlängelt sich durch den Stau der Großstadt und hält schließlich vor einer klassizistisch anmutenden Fassade – dem Prager Gotteshaus der Hussiten. Pastorin Hana Tonzarova begrüßt die Gruppe auf Deutsch. Sie serviert Kaffee und böhmisches Hefegebäck.
Seit 1947 ist es in Hana Tonzarovas Kirche möglich, dass Frauen Pfarrerinnen werden. Ein Drittel der hussitischen Theologen stellen sie mittlerweile. Zunächst aber taucht die Pastorin mit ihren Gästen tief ein in die Geschichte um die böhmische Reformationsbewegung, Gegenreformation, Vertreibung und schließlich Neugründung der Hussitischen Kirche im Jahre 1920. »Gewissensfreiheit« antwortet Hana Tonzarova auf die Frage, was ihr an der Hussitischen Kirche besonders wichtig ist. Und das klare Ziel der Kirche, das Christentum wieder in die Gesellschaft zu bringen.
Dann wartet der Bus. Wie noch oft in den nächsten Tagen, bis die Pilger ihr Ziel in München erreicht haben.
Irmela Hennig
Die CDU muss sich entscheiden
13. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Das ist bitter. Tief stürzte die CDU bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen in der Wählergunst. Nun fragt sie sich: Wie konnte es so weit kommen? Schon haben führende Landespolitiker der Union – unter ihnen der Chef ihrer sächsischen Landtagsfraktion Steffen Flath – eine Debatte angestoßen. Ihrer Meinung nach fehlt der Merkel-CDU ein klares christlich-konservatives Profil. Doch solcherlei Überlegungen verfehlen den Kern des Problems. Nicht nur aus politischen Gründen, sondern vor allem aus theologischen.
Wer sich an der liberalen Gesellschaftspolitik der Regierung Merkel stößt, wer den Wandel traditioneller Familienbilder beklagt oder mehr Patriotismus fordert – der sollte wissen: In der Bibel wird weder ein Hohelied des Trauscheins noch ein Lob der Nation gesungen. Schaut man wirklich einmal in die Heilige Schrift, liest man dort ganz anderes. Flüchtlinge und Verfolgte sollen gastfreundlich aufgenommen werden, fordern beispielsweise die Propheten – deutsche Innenminister lassen Asylbewerber oft genug draußen vor der europäischen Tür liegen, oder schieben sie ab.
Ein aktuelles Beispiel: Der Bundesregierung liegt seit Januar eine Liste von 80 iranischen Oppositionellen vor, die nach Haft und Folter um Aufnahme in Deutschland bitten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation »Pro Asyl« aber werden sie vom CDU-geführten Bundesinnenministerium bislang hingehalten. Der Prophet Jeremia sprach zum König von Juda: »So spricht der Herr: Sorgt für Gerechtigkeit und befreit die Beraubten aus der Hand ihrer Unterdrücker!« Das ist eine klare Ansage auch für die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Eine Programmdebatte der CDU sollte sich darum kümmern – oder sie trägt ihren Namen zu unrecht.
Andreas Roth
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