Jeder braucht die Hilfe des Nächsten
25. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Einer trage des anderen Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, Vers 2
Krankenzimmer in einem Lungensanatorium 1950 in der DDR. Über dem einen Bett hängt Stalin, über dem anderen ein Christusbild. So unterschiedlich wie die Bilder sind auch die Kranken. Da ist der Volkspolizist Josef Heiliger und der Vikar Hubert Koschenz. Was sie verbindet: beide leiden an Tuberkulose. Was sie trennt: ihre Weltanschauung, ihr Glaube.

Foto: Christa Richert, sxc.hu
Die Atmosphäre im Krankenzimmer wird teilweise so unerträglich, dass sie nichts sehnlicher wünschen, als getrennt zu werden. Aber das ist unmöglich. Dann verschlechtert sich Josefs Gesundheitszustand und auch seine Systemtreue zur DDR schafft keine Möglichkeiten, an die lebensnotwenigen Medikamente zu gelangen. Gerettet wird sein Leben durch die über die Schweizer Kirche besorgten Mittel, die eigentlich für den Vikar bestimmt sind. Hubert lässt sie dem Zimmernachbarn heimlich zukommen.
Das ist in Kürze der Filminhalt des 1988 in der DDR angelaufenen Spielfilms »Einer trage des anderen Last«. Für die Christen in der DDR war dieser Film etwas Außergewöhnliches, der Beginn einer Tauwetterperiode. Was durch weltanschauliche Widersprüche unüberbrückbar erschien, war auf menschlicher Ebene möglich. Zwei so unterschiedliche Männer – den Kommunisten und den Theologen – verband mehr als nur die Tuberkulose. Sie wollten beide leben und das war nur durch gegenseitige Hilfe möglich. Da wurde Ideologie zweitrangig.
Übrigens, die Vorpremiere 1986 fand in Anwesenheit von Kurt Hager und Altbischof Albrecht Schönherr statt und unterstützte auch die Annäherung zwischen Staat und Kirche in der DDR. Und heute?
Ist der Film nur eine Darstellung von DDR-Alltag oder kennen wir als Christen nicht ähnliche Situationen in einer säkularen Welt?
Annemarie Müller
Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
Das Meer stirbt im Öl
25. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Während in Südafrika der Fußball rollt, stirbt in Mittelamerika das Meer. Die größte Umweltkatastrophe der jüngsten Geschichte gerät in diesen Tagen immer wieder aus dem Blick, weil die Siege, Hoffnungen und Niederlagen hochbezahlter Fußballgrößen die Titelseiten füllen. Währenddessen verseucht im Golf von Mexiko eine Ölpest unvorstellbaren Ausmaßes nicht nur das Wasser, sondern gefährdet das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen.

Fotos: Stephen Eastop, sxc.hu
Das soll kein Vorwurf an die Fußballbegeisterten sein. Doch ebenso wie das Fußballfieber in diesen Tagen weltweit grassiert, sollte das seit Monaten vom Meeresgrund aufsteigende Öl weltweit Aufmerksamkeit erregen – und Sorge. Denn es ist kein Tanker mit endlichem Fassungsvermögen, der – so schlimm das auch immer ist – leck wurde. Es ist ein unterirdisches Ölfeld in über tausend Metern Meerestiefe, das leer läuft, weil die Betreiber der Ölplattform an Geld und Material sparen wollten, um aus dem weltweiten Hunger nach Energie, nach Treib- und Kunststoffen möglichst viel Gewinn zu schlagen.
Und während das artenreiche Leben im Meer erlischt, Tiere ölverschmiert verenden, Menschen unter den versprühten Chemikalien und unter den wirtschaftlichen Schädigungen leiden, drängt sich ein Gedanke in den Vordergrund: Diese Katastrophe könnte das Ende des Ölzeitalters endgültig einleiten. Was wir bei jeder Tankfüllung in die ferne Zukunft verschieben, könnte schneller kommen als gedacht.
Und das wiederum muss keine Katastrophe sein. Während es jetzt geboten ist, alle verfügbare Technologie zur Behebung des Schadens einzusetzen, sollten weltweit alle Anstrengungen darauf gerichtet sein, neue Energieformen voranzubringen, weg vom Öl.
Christine Reuther
Ein Mann des Ausgleichs
24. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Friedrich Magirius in seinem Garten in Leipzig-Wahren. Als Superintendent und Stadtpräsident hat er das kirchliche und politische Leben in der Messestadt vor und nach 1989 wesentlich mit geprägt. Foto: Armin Kühne
Am 26. Juni feiert der frühere Leipziger Superintendent Friedrich Magirius 80. Geburtstag
Der Garten ums Haus zeigt sich im Juni von seiner schönsten Seite. Ehe es um die ernsten Dinge seines 80-jährigen Lebens geht, führt Friedrich Magirius durch die von seiner Frau Christel angelegten Blumenbeete. Diese leuchten in prächtigen Farben, passend zum 80. Geburtstag des früheren Leipziger Superintendenten, den er am 26. Juni feiert.
Als er dann auf seine Erinnerungen zu sprechen kommt, hat er für sich einen roten Faden ausgemacht: »Ich bin kein Einzeltyp. Gott hat mir immer eine Gruppe geschenkt, gerade auch für Leitungsaufgaben«, sagt er. Das war so in seiner ersten Gemeinde in Einsiedel bei Chemnitz, wo er einen engen Kontakt mit dem Kirchenvorstand gepflegt hat, das war auch so während seiner Arbeit als Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR von 1974 bis 1982, das prägte seine Arbeit als Superintendent und nach 1989 als Stadtpräsident von Leipzig.
Gerade in den letzten Jahren der DDR war ihm das wichtig. »Es war mein Anliegen, dass es eine Gruppe gibt, die die Friedensgebete verantwortet«, sagt er rückblickend. Deshalb habe er 1985 vorgeschlagen, dass die Kirchenbezirkssynode einen Ausschuss »Frieden und Gerechtigkeit« wählt mit Mitgliedern der Synode und der Friedensgruppen.
Als »Mann des verantwortlichen Ausgleichs« würdigt Johannes Hempel, damals Landesbischof, den Jubilar. »Er hat sich als Pfarrer und Superintendent von Anfang an der Vermittlung zwischen getrennten Kirchen, Völkern, christlichen Gruppen gewidmet«, so Hempel. Mit der »Aktion Sühnezeichen« habe er Brücken zu Polen gebaut. »Im Jahre 1989 mühte er sich um die Vermittlung zwischen Gruppen der friedlichen Revolution und der Kirchenleitung«, so Hempel.
Friedrich Magirius selbst sieht diese Zeit mit gemischten Gefühlen. 1988 habe der Synodalausschuss vor einem doppelte Problem gestanden: Einerseit seien immer mehr Antragsteller auf Ausreise zu den Friedensgebeten gekommen, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Andererseits hätten immer mehr Gruppen gefordert, dringend in der Gesellschaft hier etwas zu verändern. »Ich konnte sie nicht zusammenhalten«, sagt er. Und immer habe er in dem Spannungsfeld zwischen Aufbegehrenden und Staatsmacht gestanden. Dabei war sein Credo: »Kirche muss Kirche bleiben, offen für die Probleme der Gruppen, aber immer auch für die Botschaft der Bibel«, sagt er.
Als dann in Ostdeutschland demokratische Verhältnisse Einzug hielten, ging es Friedrich Magirius wieder darum, »in der Stadt die Partner zu finden, mit denen man etwas bewegen kann«. Er ging ehrenamtlich und ohne Parteibuch in den Stadtrat und wurde dort zum Stadtpräsidenten gewählt – ein Amt, das es neben dem Oberbürgermeister nur vier Jahre lang gab. Noch heute engagiert er sich für die Belange der Stadt. »Ich gehe in Jugendzentren, um zu hören, was es dort für Probleme gibt«, sagt er. »Ich kann dadurch helfen, dass ich die kenne, die helfen können.« Und er übernimmt noch gern Gottesdienstvertretungen.
Für Christoph Münchow ist Magirius »auch im Ruhestand seinen Grundanliegen mit beherztem Engagement treu gebleiben«, so der heutige Oberlandeskirchenrat und einstige Lehrvikar des Jubilars aus Chemnitzer Zeiten. »Es geht ihm um das Gespräch zwischen den Generationen, zwischen jüdischen und polnischen Zeitzeugen mit der heranwachsenden Generation«, so Münchow. Er betont: »Friedrich Magirius hält klar im Blick, wo Widerstehen und wo Versöhnen nötig sind.«
Sich einbringen, Verzicht üben, das sieht Magirius unter heutigen Verhältnisse geboten. Zu seinem 80. Geburtstag wünscht er sich keine Reden, »aber ich freue mich, dass Gott mir das Alter geschenkt hat und ich noch mitwirken kann«.
Christine Reuther
»Wir halten nicht länger still«
24. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
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Es war die größte Demonstration vor dem sächsischen Landtag seit 1990: Rund 10 000 Menschen protestierten am 16. Juni gegen die Kürzungspläne der sächsischen Regierung. Foto: Steffen Giersch
Kaum einer schimpft, keiner diskutiert. Kommt die Rede auf die Sozial-Kürzungen der Regierung, winken die meisten Arbeitslosen in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Zschopau nur resigniert ab. »Von der Politik erwarten sie nichts anderes, nichts Positives«, sagt deren Leiter Pfarrer Johannes Roscher. »Sie fühlen sich längst abgekoppelt.«
Die Bundesregierung will in ihrem Sparpaket Arbeitslosen das Elterngeld und die Rentenversicherung streichen, während die Mittelschicht und die Besserverdienenden kaum belastet werden. »Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander«, stellt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fest – und kritisierte die Einseitigkeit des Sparpaketes der Bundesregierung.
»Die Sanierung der Staatsfinanzen ist eine unabweisbar dringende Aufgabe«, sagt der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. »Allerdings teile ich die Kritik an der mangelnden sozialen Ausgewogenheit. Darum muss es jetzt einen Beitrag der Wohlhabenden geben.« Der Bischof fordert die Abschaffung der zahlreichen Steuer-Schlupflöcher für Reiche.
Auch die sächsische Landesregierung will sparen, um angesichts der Wirtschaftskrise keine neuen Schulden zu machen: Ihre jährlichen Ausgaben sollen bis 2014 um 1,8 Milliarden Euro reduziert werden. Wo genau gekürzt wird, soll im August bekannt gemacht werden. Der kaufmännische Vorstand der Diakonie Sachsen, Friedhelm Fürst, befürchtet tiefe Einschnitte bei Beratungsangeboten für Suchtkranke, Familien, Schuldner, in der Behindertenhilfe und auch bei den Wohlfahrtsverbänden selbst.
Welche Folgen eine solche Politik haben kann, zeigt die erst vor wenigen Monaten vorgenommene Kürzung der sächsischen Jugendpauschale. »Wir gehen davon aus, dass im nächsten Jahr ein Viertel der Jugend-Angebote wegfallen wird«, so Diakonie-Vorstand Fürst.
Hinter dieser Zahl kann sich ein soziales Drama verbergen. Denn ein Viertel der Jungen und Mädchen in Sachsen lebt von Hartz IV, ihre Familien haben kein Geld für Freizeitgestaltung und Nachhilfeunterricht. »Gerade diese Kinder und Jugendlichen brauchen Orte, an denen sie Begleitung und Unterstützung finden – und dieser Bedarf steigt«, sagt Ullrich Gintzel, Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. Die Kürzungen nennt der Jugendhilfe-Experte eine »Katastrophe«. »Kinder aus benachteiligten Familien werden dadurch aus Bildung und Gesellschaft ausgegrenzt und langfristig auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Ein kluger Staat würde in diese Kinder investieren – er braucht sie auch für eine demokratische Gesellschaft.«
Der Direktor der sächsischen Diakonie, Christian Schönfeld, forderte auf einer Demonstration vor dem sächsischen Landtag am 16. Juni die CDU-FDP-Landesregierung auf: »Kehren Sie um von einer Sparpolitik auf dem Rücken der Schwachen, die Armut und Ausgrenzung in Sachsen von fast einem Viertel der Bevölkerung noch weiter verschärfen wird. Wir halten nicht länger still.« Mit Sozialausgaben in Höhe von 124 Euro pro Einwohner sei der Freistaat ohnehin bundesweites Schlusslicht, so Schönfeld.
Doch auch die Sozialarbeit müsse sich kritische Fragen gefallen lassen, sagt Harald Christa, Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Angesichts der anstehenden Kürzungen hätten die Sozialarbeiter und Verbände schon vor Jahren hellhörig werden und die Wirkung ihrer Arbeit untersuchen und in der politischen Öffentlichkeit ausweisen müssen.«
Jenseits aller Zahlen aber ist für den Leiter der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Zschopau eines klar: »Wer bei den Armen spart und die Reichen schont, der handelt nicht im Sinn des Evangeliums«, sagt Pfarrer Johannes Roscher. Das sperrige Wort Gerechtigkeit – es kommt in der Bibel 322 mal vor.
Andreas Roth
Wie in einer Familie
18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Christa Funke, Johanna Thieme und Christa Bense (v. l.) gehören zu der neuen Wohngemeinschaft, hier werden sie von einer jungen Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr beim Rundgang durch den Garten begleitet. Foto: Steffen Giersch
Es ist eines der schwierigsten Probleme in der Altenpflege: die Pflege alter Menschen, die an Demenz erkrankt sind, menschenwürdig zu gestalten. Ein diakonischer Verein in Meißen versucht jetzt eine ganz neue Lösung. Statt der üblichen zwei Möglichkeiten – ambulante Betreuung zu Hause oder Heim – geht die Christliche Sozialstation Meißen, 1990 als Verein von den evangelischen und der katholischen Gemeinde in der Domstadt gegründet, eine Art dritten Weg: die Wohngemeinschaft.
Hinter ihrem Gebäude, dem »Hirschberghaus«, in dem der Verein seit zehn Jahren eine Tagespflege anbietet, wurde für rund eine Million Euro ein Neubau errichtet und funktional genau abgestimmt auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen: nur Erdgeschoss, keine Treppen, keine Stufen, breite Gänge und Türen. In dem U-förmigen Komplex befinden sich zwölf Einraumwohnungen, zwischen 21 und 29 Quadratmeter groß, mit integriertem Bad. Darin wohnen die alten Menschen als Mieter, sieben derzeit.
»Dies ist ihr privater Rückzugsraum«, erläutert Mechthild Weber, Geschäftsführerin der Sozialstation. »Wir als Pflegepersonal sind bei ihnen zu Gast.« So müssen die Betreuer beispielsweise an der Wohnungstür klingeln.
Mittelpunkt ist ein Gemeinschaftsraum, etwa hundert Quadratmeter groß, mit Tischen, Stühlen, Sitzgruppe und Küche. »Das Herzstück«, sagt Mechthild Weber. Hier verbringen die Bewohner ihren Tag gemeinsam. »Wie in einer großen Familie können sie hier zusammen leben«, sagt Jürgen Günther, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Vereinsvorsitzender. Das bewahre sie vor Vereinsamung.
Der Kontakt zu den Angehörigen bleibt intensiv. »Meine Kinder kommen fast jeden Tag, machen zum Beispiel sauber«, berichtet die 87-jährige Johanna Thieme. Angehörige könnten hier mit essen, auch übernachten, sagt Mechthild Weber. Deshalb sollen die Partner oder Kinder der Bewohner möglichst in der näheren Umgebung leben.
Betreut würden die alten Menschen rund um die Uhr, sagt Mechthild Weber. Von Hilfspflegekräften, Praktikanten, Ehrenamtlichen und einer Fachpflegekraft. »Wir wollen ihnen aber nicht alles abnehmen. Was sie noch können, sollen sie selber tun.« Je nach ihren Möglichkeiten gehen die Bewohner mit einkaufen, kochen, waschen und legen ihre Wäsche selber. »Wir setzen bei den Fähigkeiten an, die noch vorhanden sind und versuchen die zu aktivieren. Keine Überversorgung also.«
Der Gebäudekomplex umschließt einen Garten mit gepflasterten Wegen zwischen Kräuterbeeten und einer Sitzecke mit Bänken. »Lässt es das Wetter zu, können sich unsere Bewohner hier unter freiem Himmel bewegen«, sagt Mechthild Weber.
»Wir betreten mit dieser Wohngemeinschaft Neuland bei der Betreuung von Menschen mit Demenz«, sagt Pfarrer Günther. Bis zur Eröffnung im April seien sieben Jahre mit harten Kämpfen vergangen. Die Pflegekasse, aber auch die Diakonie hätten diesen Sonderweg nicht akzeptieren wollen und eine klare Entscheidung zwischen den üblichen Formen gefordert: ambulant oder stationär.
Dass es ein Wagnis ist, dessen seien sie sich bewusst, so Günther. »Aber die Angehörigen haben uns immer wieder gesagt: Wir brauchen es genau so.« Noch gebe es in Sachsen keine Lobby für diese Art Wohngemeinschaft, sagt Pfarrer Günther. »Das kommt aber.«
Tomas Gärtner
Christliche Sozialstation Meißen, Hirschbergstraße 2, 01662 Meißen; Telefon (0 35 21) 45 25 89.
www.sozialstation-meissen.de
Ein schwieriges Unterfangen
18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,10

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Es ist für mich selbstverständlich, dass Kinder unter dem Schutz von Erwachsenen stehen. Nur so können sie sich entwickeln und entfalten. Ist diese Haltung heute Allgemeingut?
In einem Bericht aus dem Gerichtssaal lese ich von einem Prozess, bei dem ein zehnjähriges Kind im Mittelpunkt steht. Seine Mutter, Stiefvater und Onkel werden angeklagt, über Jahre die Hilflosigkeit des Kindes missbraucht zu haben. Der Junge musste stundenlang hungrig in der Ecke stehen, er wurde geschlagen, ihm wurden Essen und Zuwendung vorenthalten. Die Erwachsenen sahen in ihm ein geeignetes Opfer für ihre willkürliche Machtausübung. In seiner Not offenbarte sich der Junge seiner Lehrerin. Sie glaubte ihm und schaltete das Jugendamt ein. Heute lebt er in einer Pflegefamilie.
Sicher macht das Kind sich Vorwürfe, die eigene Mutter verraten zu haben, glaubt gar, selbst an der Zerstörung der Familie schuldig zu sein. Ganz viel ist da zerbrochen: das Vertrauen, die Zusammengehörigkeit, die Sicherheit in der Familie, das nötige Selbstbewusstsein für eine gesunde Entwicklung. Meint unser Wochenspruch solche Ereignisse, wenn uns gesagt wird »Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist«?
Ich wünschte mir, den Jungen würde einer an die Hand nehmen und ihm helfen, damit er an eine glückliche Zukunft denken kann. Ehrlicherweise muss ich aber zugestehen, dass ich angesichts dieser und ähnlicher Geschichten über den Missbrauch von Kindern hilflos bin.
Lassen sich die Zusage Jesu und die brutale Realität überhaupt zusammenbringen? Können wir Christen etwas tun, damit diese Botschaft für uns und Nichtchristen lebendig und nachvollziehbar wird?
Annemarie Müller
Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
Splitterbomben fürs Soziale
17. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Diese Konstellation verstört: Am vergangenen Sonntag demonstrierten 20 000 Menschen in Berlin gegen den Abbau von sozialen Leistungen des Staates. Das klingt sympathisch. Und notwendig. Doch dann fliegen Flaschen, Böller und selbstgebastelte Splitterbomben. Zwei Polizisten werden schwer verletzt. Das klingt nicht mehr sympathisch – das erfüllt die Definition von Terrorismus.

Foto: Daniel Battiston, sxc.hu
Das Verstörende daran ist, wie dünn die Grenze sein kann zwischen politischem Engagement und politischer Gewalt. Man will für die Opfer sein – und bringt selbst welche hervor. Man will das Gute – und tut das Böse. Die Ideologie des 20. Jahrhunderts wie auch die Kirchengeschichte können viel darüber erzählen. Verstörend ist auch die Nähe der Gedanken von Linksextremen, Demokraten – und Christen: Ein menschenwürdiges Leben für alle, einen humanen Umgang mit Flüchtlingen, ein Wirtschaftssystem ohne Profit-Diktat, weltweite Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung – das wollen sie alle.
Muss man diese Ziele, weil sie von einer kleinen aber wachsenden Minderheit mit Gewalt verfolgt werden, deshalb verteufeln? Nein, sie bleiben richtig. Aber auch die Kirche muss klar sagen, wo die Grenze liegt: Nie kann ein gutes Ziel mit schlechten Mitteln verfolgt werden – es verdirbt dann selbst.
Doch zugleich zeigen die Demonstrationen, dass ein Unbehagen über die wachsende soziale Ungerechtigkeit in unserem Land heranwächst. Und dass immer mehr Menschen bei den Parteien und Kirchen ein entschiedenes Engagement gegen all die großen und kleinen Ungerechtigkeiten in unserer Welt vermissen. Wenn das Feuer der Leidenschaft dafür nicht mehr brennt – dann brennt es vielleicht demnächst öfter auf unseren Straßen.
Andreas Roth
Abbiegen verboten
17. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Gewalt von links wird immer mehr – doch Rechtsextreme verüben viermal so viele Delikte. Wie reagiert die Kirche?
Am Abend des 7. Mai fliegen Flaschen auf Polizisten. Gerade tragen sie aus einem Haus in der Dresdner Liststraße zehn Jugendliche, die das verwahrloste Gebäude besetzen wollten, um einen Raum »frei von kapitalistischer Verwertungslogik, Konsumfetischismus und staatlicher Kontrolle« zu haben. Da kippt die Stimmung unter den 200 jungen Menschen aus der linken Szene. »BRD – Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt«, ruft die Menge wütend. Sechs Polizisten werden von Glasflaschen verletzt.
Zur selben Zeit verlässt ein junger Mann die Tankstelle auf der Peniger Straße in Geithain. Der 15-Jährige gilt als Linker. Neonazis haben seinen Namen und sein Foto im Internet veröffentlicht. Ein Mann kommt auf ihn zugerannt, springt, schlägt ihm auf den Kopf und ins Gesicht und flüchtet. Der schwer verletzte Jugendliche muss im Krankenhaus operiert werden.
Gegen den Rechtsextremismus hat die sächsische Landeskirche klar Stellung bezogen. Doch was ist mit linken Demokratiefeinden? Die Kirche dürfe auf dem linken Auge nicht blind sein, fordern einzelne Mitglieder der sächsischen Landessynode.
Das sind die Fakten: Der Verfassungsschutz zählte 2009 in Sachsen 740 Linksextremisten – und 2700 Rechtsextremisten. Die Zahl der linken Antifa-Autonomen steigt seit 2004 von Jahr zu Jahr. Und auch die Zahl linksextremer Straftaten. 513 Delikte gab es laut Landeskriminalamt im letzten Jahr. Meist sind es Sachbeschädigungen an Treffpunkten, Läden oder Wahlkampfmaterial der Rechtsextremen. Die 89 Gewalttaten, die Linke 2009 verübten, richteten sich bei Neonazi-Demonstrationen meist mit Flaschen- oder Steinwürfen gegen deren Teilnehmer oder gegen Polizisten.
Die Zahl der Straftaten aus dem rechtsextremen Lager ging zwar im letzten Jahr zurück, ist aber ungleich höher: 1972 Delikte von Neonazis erfasste das Landeskriminalamt 2009 – davon 84 Gewalttaten, 121 fremdenfeindliche und 108 antisemitische Straftaten. 149 Ausländer, Obdachlose, Linke und Behinderte sind nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung seit 1990 durch Neonazis zu Tode gekommen.
Während die rechtsextreme Szene in Sachsen gut vernetzt ist und die NPD in allen Kreistagen und im Landtag sitzt, sind die Links-Autonomen eine Ansammlung von Grüppchen ohne einheitliche Struktur oder Ideologie. Linksextreme Parteien wie die KPD haben im Freistaat höchstens 50 Mitglieder und keine Wahlerfolge.
Auch wenn Extremisten von links und rechts mit Gewalt die demokratische Gesellschaftsordnung untergraben wollen: Sie haben ganz verschiedene Werte. Neonazis kämpfen für eine Volksgemeinschaft, in der Ausländer, Behinderte, Homosexuelle und Andersdenkende keinen Platz haben. Linksextreme kämpfen gegen Faschismus, Kapitalismus, gegen eine harte Flüchtlingspolitik, gegen den Staat.
Im April hat sich der sozialethische Ausschuss der Landessynode vom stellvertretenden Präsidenten des sächsischen Verfassungsschutzes all dies erklären lassen. »Gewalt ist kein legitimes politisches Mittel, egal ob von rechts oder links«, sagt danach Ausschussvorsitzender Michael Hanfstängl. »Aber Rechts- und Linksextremismus haben in Sachsen ganz verschiedene Dimensionen. Deshalb sehen wir derzeit für ein öffentliches Wort der Synode gegen den Linksextremismus keinen Anlass.«
Auch Landesbischof Jochen Bohl sieht die großen Unterschiede zwischen Links und Rechts. Er beobachtet dennoch mit Besorgnis das Wachsen der Linksextremen – auch wenn dies angesichts der Entwicklung des Kapitalismus für ihn »nicht unbedingt überraschend kommt«. Ist die Kirche auf dem linken Auge blind? »Wie sollte eine solche Einseitigkeit nach 40 Jahren DDR möglich sein?«, erwidert der Bischof.
Andreas Roth
Den sächsischen Verfassungsschutzbericht 2009 finden Sie im Internet hier.
Bei Jesus gibt es keine Unterschiede
11. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Christus spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig
und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, Vers 28
Es war im Frühling 2000 in der nordserbischen Stadt Novi Sad. Zur Mittagsstunde an einem Mittwoch strömten viele Menschen ins Gemeindehaus der Reformierten Kirche. Wo sich sonst Gemeindekreise trafen, standen große Essenkübel. Freundliche Frauen teilten hier, wie in vielen anderen Kirchgemeinden, täglich an Bedürftige Suppe aus. Jeder erhielt kostenlos eine warme Mahlzeit, egal, ob er getauft oder in der Kirchgemeinde bekannt war. Denn alle litten unter den Folgen des gerade beendeten Balkankriegs. Bei meinen Serbienreisen lernte ich vielerorts solche Essenausgaben der Ökumenischen Hilfsorganisation Novi Sad kennen, die dankbar angenommen wurden.

Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
Anderseits war es ermutigend zu erleben, dass in der Not religiöse oder ethnische Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielte. Keiner wurde vorher gefragt: Bist du Christ? Nur der Mensch stand im Mittelpunkt. Seine Würde galt es zu achten und zu erhalten. Jeder Bedürftige durfte kommen. Und die ehrenamtlich tätigen Frauen aus der Gemeinde hatten für sie auch noch tröstende und aufmunternde Worte übrig.
Wenn Christus die Mühseligen und Beladenen einlädt, sind die konfessionellen oder religiösen Unterschiede nicht mehr entscheidend.
Annemarie Müller
Kindersorgen
11. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Benjamin Saravia, sxc.hu
Es gibt Kinder in Deutschland, die sehen für sich keine Zukunft. Das jedenfalls sagen 20 Prozent der befragten Sechs- bis Elfjährigen zur zweiten World-Vision-Kinderstudie, die vorige Woche in Berlin vorgestellt wurde. Gegenüber dem Großteil ihrer Altersgenossen trauen sie sich keine erfolgreiche Schullaufbahn mehr zu. Sie beklagen vor allem fehlende Zuwendung der Eltern und zu wenig Anregungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Manche Eltern seien damit einfach überfordert, stellt die Studie fest. Gerade Kinder mit arbeitslosen Eltern hätten dies beklagt.
Es gibt das Wort von den »bildungsfernen« Schichten. Damit sind oft Familien gemeint, die von Hartz IV leben, denen die Voraussetzungen fehlen, ihren Kindern aus eigener Kraft das zu bieten, was sie zu ihrer Entwicklung brauchen.
Es sei dahingestellt, ob die 20 Prozent der Kinder aus solchen Familien kommen. Doch Sportverein und Musikschule kosten Geld. Deshalb muss es öffentliche Angebote geben, in denen Kinder Anregungen bekommen und gefördert werden – und wo ihre Anwesenheit nichts kostet.
Da ist es geradezu ein fatales Signal, wenn in den öffentlichen Haushalten der Sozialsektor den Kürzungen anheim fällt. Sparpaket nennt sich das 80-Milliarden-Projekt, das die Bundesregierung in den vergangenen Tagen beschlossen hat – obwohl sparen ja eigentlich bedeuten würde, etwas beiseite zu legen für schlechte Zeiten. Fast alle Kommentatoren sind sich einig: Die geplanten Kürzungen treffen die Armen des Landes. Und die Familien.
Auch wenn im Bildungsbereich ausdrücklich keine Kürzungen geplant sind: Für die 20 Prozent der Kinder, die für sich keine Chance auf eine Zukunft sehen, ist das nicht gerade ein ermutigendes Signal, dass sie zur Klientel der wieder einmal Betroffenen gehören.
Von Christine Reuther
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