Jeder braucht die Hilfe des Nächsten

25. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Einer trage des anderen Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, Vers 2

Krankenzimmer in einem Lungensanatorium 1950 in der DDR. Über dem einen Bett hängt Stalin, über dem anderen ein Christusbild. So unterschiedlich wie die Bilder sind auch die Kranken. Da ist der Volkspolizist Josef Heiliger und der Vikar Hubert Koschenz. Was sie verbindet: beide leiden an Tuberkulose. Was sie trennt: ihre Weltanschauung, ihr Glaube.

Foto: Christa Richert, sxc.hu

Foto: Christa Richert, sxc.hu

Die Atmosphäre im Krankenzimmer wird teilweise so unerträglich, dass sie nichts sehnlicher wünschen, als getrennt zu werden. Aber das ist unmöglich. Dann verschlechtert sich Josefs Gesundheitszustand und auch seine Systemtreue zur DDR schafft keine Möglichkeiten, an die lebensnotwenigen Medikamente zu gelangen. Gerettet wird sein Leben durch die über die Schweizer Kirche besorgten Mittel, die eigentlich für den Vikar bestimmt sind. Hubert lässt sie dem Zimmernachbarn heimlich zukommen.

Das ist in Kürze der Filminhalt des 1988 in der DDR angelaufenen Spielfilms »Einer trage des anderen Last«. Für die Christen in der DDR war dieser Film etwas Außergewöhnliches, der Beginn einer Tauwetterperiode. Was durch weltanschauliche Widersprüche unüberbrückbar erschien, war auf menschlicher Ebene möglich. Zwei so unterschiedliche Männer – den Kommunisten und den Theologen – verband mehr als nur die Tuberkulose. Sie wollten beide leben und das war nur durch gegenseitige Hilfe möglich. Da wurde Ideologie zweitrangig.

Übrigens, die Vorpremiere 1986 fand in Anwesenheit von Kurt Hager und Altbischof Albrecht Schönherr statt und unterstützte auch die Annäherung zwischen Staat und Kirche in der DDR. Und heute?

Ist der Film nur eine Darstellung von DDR-Alltag oder kennen wir als Christen nicht ähnliche Situationen in einer säkularen Welt?

Annemarie Müller

Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.

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