»Es wird hart«
9. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Auf dem Hof des Evangelischen Schulzentrums in Chemnitz: Die Schülerinnen Virginia, Emma, Senta und Jessica (v. l.) wissen nichts von den Sorgen des Schul-Geschäftsführers Stefan Meyer (hinten). Foto: Andreas Seidel
Die sächsische Regierung erschwert die Gründung evangelischer Schulen und kürzt die Zuschüsse – besonders stark für Schüler aus armen Familien.
Eigentlich wollte das Evangelische Schulzentrum Chemnitz in einem Jahr ein Gymnasium eröffnen. Eigentlich. Denn zusammen mit den Kürzungsplänen der sächsischen Staatsregierung gab Kultusminister Roland Wöller (CDU) einen Kurswechsel für freie Schulen bekannt: Ab nächstem Jahr müssen neugegründete Gymnasien von Anfang an mit drei Klassen und Mittelschulen mit zwei Klassen pro Jahrgang an den Start gehen – und sie müssen vier Jahre lang ohne staatliche Zuschüsse überleben. Bisher konnten Schulvereine mit einer Klasse beginnen und es genügten drei Jahre bis zur Anerkennung.
»Eine Neugründung zu finanzieren ist nun fast unmöglich«, sagt Stefan Meyer, Geschäftsführer des Freien Evangelischen Schulvereins Chemnitz. Der Träger muss nun neu entscheiden, ob er die Gründung eines Gymnasiums beim Freistaat anmelden wird. Dass hinter der Wende in der sächsischen Schulpolitik etwas anderes steht als der zunächst vorgegebene Sparzwang offenbarte Kultusminister Wöller selbst. In einer Zeitung sprach er von einer »Kannibalisierung« zwischen staatlichen Schulen und freien Schulträgern: Allein in 19 Fällen seien in den letzten zehn Jahren freie Schulen gegründet worden, weil die staatliche Schule in einem Ort mangels Kinder schließen musste. Dieser Konkurrenzkampf um Schüler habe das staatliche Schulnetz in einigen Regionen in Gefahr gebracht, so der Minister.
In der Tat gibt es bis heute Neugründungen evangelischer Schulen in Sachsen, die eine geschlossene staatliche Einrichtung ersetzen. Auf der anderen Seite stehen Träger wie das Evangelische Schulzentrum Chemnitz, die in einer Stadt eher eine Alternative in der Bildungslandschaft darstellen und kaum eine Bedrohung sind.
Den 148 freien Schulen in Sachsen – davon 41 evangelische – stehen 1169 staatliche Einrichtungen gegenüber. Die finanziellen Zuschüsse pro Schüler und damit die Haupteinnahmequelle der freien Schulvereine will der Freistaat in den nächsten zwei Jahren um 11,1 Prozent senken. »Doch Einsparungen im Schulbetrieb sind kaum noch möglich, und bei den Gehältern der Lehrer stehen wir im Wettbewerb mit staatlichen Schulen um gutes Personal«, sagt Martin Herold von der Schulstiftung der sächsischen Landeskirche. »Es wird hart werden.«
Deshalb wollen sich die Landeskirche und das katholische Bistum Dresden-Meißen in den nächsten Wochen bei der Landesregierung für die freien Schulen einsetzen. »Die Landeskirche kann die Kürzungen nicht hinnehmen. Sie bedrohen die Arbeit der evangelischen Schulen existentiell«, sagt Oberlandeskirchenrätin Almut Klabunde, Bildungsdezernentin der sächsischen Landeskirche.
Die geplanten Kürzungen werden auch die ärmsten Familien treffen: Ihnen konnten die freien Schulträger bisher das Schulgeld mit Hilfe von staatlichen Zuschüssen erlassen. Dieses Geld aber will das Kultusministerium in diesem Jahr streichen. »Wir hoffen, dass deshalb Kinder unsere Schule nicht verlassen müssen – und wollen alles dafür tun«, sagt Sieglinde Eichert, die Leiterin der Evangelischen Schule Wilkau-Haßlau. »Die freie Schulwahl, die das Grundgesetz fordert, wird wohl künftig durch den Geldbeutel entschieden. Und konfessionelle Schulen werden nur noch für Reiche da sein – das ist das, was wir nicht wollen.«
Andreas Roth
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