Gegen Klimasünden

15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Klima
Die sächsische Landeskirche will etwas gegen den Klimawandel tun. Doch es geht nur langsam voran – und die Zeit drängt.

Der Kirchenvorstand war verblüfft. Als eine Energieberaterin im vergangenen September die Bautzener St. Michaels-Kirche, das Pfarrhaus und den Saal der Gemeinde unter die Lupe nahm, präsentierte sie überraschende Ergebnisse: Die Heizung der Kirche verbraucht allein in den Winter-Gottesdiensten so viel Energie wie fünf Haushalte im ganzen Jahr. Der Heizkessel im Pfarrhaus ist doppelt so groß wie nötig und der Ofen im Gemeinderaum uneffektiv. »Das Ausmaß der Energievernichtung hat uns beeindruckt«, sagt Kirchvorsteher Siegfried Kühn. Er diskutiert in seinem Kirchenvorstand nun Konsequenzen aus der Energieberatung. Das Ziel: »Wir wollen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.«

Im Juni trat die Landeskirche einem Klimaschutz-Bündnis aus 23 Kirchen und Entwicklungsdiensten bei. Die EKD-Synode hatte im Herbst 2008 beschlossen: Die Landeskirchen sollten ihre CO2-Emissionen bis 2015 um ein Viertel senken. Doch wie will man das berechnen? Niemand in der sächsischen Landeskirche weiß genau, wie hoch der Kohlendioxid-Ausstoß eigentlich ist. Die Ziele für eine Reduzierung sind dementsprechend schwammig und unkontrollierbar.

Immerhin: Seit dem letzten Jahr bietet die Sächsische Energieagentur SAENA für die Landeskirche mit staatlicher Förderung Energieberatungen an – doch nur 20 von insgesamt 780 Kirchgemeinden hatten wie St. Michael in Bautzen bisher Interesse daran. Der erste kirchliche Praxistag zum Energiesparen im vergangenen Jahr hatte 30 Teilnehmer. Sechs sächsische Kirchgemeinden und kirchliche Einrichtungen arbeiten zudem an der Einführung eines Umweltmanagements nach EU-Regeln, das die Evangelische Akademie Wittenberg unter dem Markennamen »Grüner Hahn« begleitet.

»Diese Angebote sprechen sich nur langsam herum, obwohl wir alle Kirchgemeinden in Sachsen mehrfach angeschrieben haben«, sagt Joachim Krause, der scheidende Umweltbeauftragte der sächsischen Landeskirche. Wegen knapper Kassen scheuten Kirchgemeinden oft vor Investitionen etwa in neue Heiztechnik zurück, so Krause: »Dass sich manche Maßnahme über eingesparte Energie in überschaubarer Zeit wieder refinanziert, ist nicht leicht zu vermitteln«. Hinzu kommt, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung vielerorts nicht als kirchliche Kernaufgabe gesehen wird.

»Es hängt immer am Engagement von wenigen, meist ehrenamtlichen Mitarbeitern«, hat Antje Fritzsche von der SAENA bei der Beratung von Kirchgemeinden erfahren. Um mehr Christen in Sachsen zu motivieren, lädt die SAENA gemeinsam mit der Landeskirche am 25. September zum zweiten Umwelt-Praxistag nach Dresden ein.

Das Dresdner Landeskirchenamt will mit gutem Beispiel vorangehen: Dort lässt man jetzt Energiefresser wie Spülmaschinen am Abend laufen, um den Energieverbrauch besser zu verteilen und einzudämmen. Außerdem bezieht die Behörde seit Jahresbeginn ebenso wie etliche Kirchgemeinden nur noch Öko-Strom und will damit den CO2-Ausstoß um 124 Tonnen verringern. Das Chemnitzer Regionalkirchenamt wird im nächsten Jahr nachziehen.

Auch einige Einrichtungen der Diakonie Sachsen setzen auf Energie aus Sonne, Erde und Holz. Am Radebeuler Stammsitz wurde im März eine Energieoptimierungsanlage in Betrieb genommen, die jährlich 12,5 Tonnen CO2 sparen soll. Doch unter zunehmendem Kostendruck gerät bei diakonischen Einrichtungen der Klimaschutz mitunter ins Hintertreffen.

Die Landessynode hatte das Landeskirchenamt bereits im April 2007 um die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei Bauvorhaben gebeten. Doch in der landeskirchlichen Bauordnung spielt dieses Anliegen bis heute keine Rolle. »Der Klimawandel betrifft uns alle«, hatte die sächsische Kirchenleitung im Vorfeld der Weltklimakonferenz 2009 gemahnt: »Die Zeit der Beschwichtigung ist vorbei.« Das gilt auch für die Kirche selbst.

Andreas Roth

Internetseite der Sächsischen Energieagentur SAENA mit Beratungsangeboten für Kirchgemeinden: www.saena.de

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