Die Einzelkämpfer
29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Dresdner Kantor Stefan Gehrt spielt nicht nur viele Musikinstrumente, sondern ist auch für mehrere Gemeinden zuständig – mit einer 70-Prozent-Stelle. Vielen seiner Kollegen geht es ebenso. Foto: Steffen Giersch
Sie haben Teilzeitstellen und arbeiten oft mehr als sie müssten. Darüber wollen Sachsens Kantoren auf dem Kirchenmusikertag miteinander reden.
»Ich gehöre zu den ersten Kantoren in Sachsen, die in mehreren Gemeinden angestellt sind«, sagt Stefan Gehrt. Zwischen drei Kirchen ist er unterwegs, mit einer 70-Prozent-Stelle. Das bedeutet 28 Arbeitsstunden pro Woche. »Aber nur auf dem Papier. In Wirklichkeit komme ich auf 50 Wochenstunden«, erzählt er.
Mehr Zeit als früher braucht er, um seine musikalische Arbeit zu organisieren. »Früher konnte mir das Gemeindebüro vieles abnehmen.« Doch hier ist der Verwaltungsangestellte bereits für Pfarramt und Friedhof zuständig. »Der macht schon reichlich Überstunden.« Also muss Stefan Gehrt für musikalische Gottesdienste und Konzerte Programme und Ankündigungen selber schreiben, Plakate und Flyer gestalten und drucken lassen, die Finanzen für die Kirchenmusik verwalten.
Damit sich Termine in der einen nicht mit denen in der anderen Gemeinde überschneiden, sind zusätzliche Ausschuss-Sitzungen und Besprechungen nötig. Da bleibt für die Hauptsache – den musikalischen Alltag – nicht mehr viel Zeit. »Ich kann fast nur noch bei Höhepunkten wie Konfirmation oder Festgottesdiensten dabei sein.«
Gemeindezusammenschlüsse, größere Gebiete, weniger Personal – Stefan Gehrt weiß, dass die meisten Kantoren in der sächsischen Landeskirche mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Doch jeder stehe wie ein Einzelkämpfer auf seinem Posten. Nun aber wollen sie erstmals gemeinsam nach Lösungen suchen. Gelegenheit dafür sehen er und seine Mitstreiter zum Sächsischen Kirchenmusikertag am 18. September. »Dort kommt es darauf an, dass sich viele ehren-, neben- und hauptamtlich arbeitende Kirchenmusiker zusammenfinden, sich austauschen und deutlich vernehmbar artikulieren«, sagt er.
Ende 2009 hat er gemeinsam mit anderen Kantoren das »Netzwerk Kirchenmusik in Sachsen« initiiert. Drei Hauptprobleme gilt es für sie zu lösen: Erstens müssten alle Verbände, Vereine, Werke, Einrichtungen der Kirchenmusik mit Vertretern der unterschiedlich angestellten Kantoren zusammenkommen. Nach dem Vorbild der Jugendkammer schlagen sie eine »Kammer für Kirchenmusik« vor.
Zweitens wollen sie die bisherige Arbeitszeitkalkulation – 40 Prozent für »öffentlich sichtbare Dienste«, 60 Prozent für alle anderen Arbeiten – zur Diskussion stellen.
Stefan Gehrt schätzt: »Etwa zwei Drittel kommen damit nicht zurecht. Je geringer ihr Anstellungsumfang, desto schlechter funktioniert es.«
Drittens sollen die Kantoren mehr Klarheit über Rechte und Pflichten bekommen. Das mehrbändige Regelwerk dazu sei kaum zu überschauen. »Wir wollen eine Art Kompendium mit dem Wichtigsten daraus zusammenstellen.«
Alte Versorgungsprinzipien für die Kantoren und für die neuen Gemeindestrukturen seien durch Flickschusterei nicht zusammenzukitten, meint Stefan Gehrt. Die Kirchenmusiker brauchten neue Arbeitsbedingungen. »Sonst droht ihnen reihenweise Burnout.«
Sachsens Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) Markus Leidenberger stimmt ihm im Grundsätzlichen zu. Heute gebe es vielerorts größere Gebilde, etliche Kantoren arbeiteten mit mehreren Kirchenvorständen zusammen. Die Ordnungen indes stammten aus einer Zeit, da jede Gemeinde ihren Kantor hatte. Änderungsbedarf sieht deshalb auch er. Mahnt allerdings, nicht übers Ziel hinauszuschießen: »Wir müssen das Gegebene behutsam an die neuen Bedingungen anpassen, dabei die Folgen jeder Änderung abschätzen. Eine Veränderung in einer Ordnung zieht Veränderungen in anderen Ordnungen nach sich. Das ist ein kompliziertes Geflecht.« Als LKMD müsse er das Ganze im Blick behalten.
Annehmbare Bedingungen hält auch er für nötig. Schon wegen der enormen Bedeutung der Kirchenmusik. »Chöre und Posaunenchöre sorgen für soziale Kontakte. Sie sind die stabilsten Netzwerke in den Gemeinden.« Inzwischen hätten etliche Chöre auch Sänger, die keine Kirchenmitglieder sind. Durch Musik öffne sich die Kirche nach außen. »Bei Konzerten ist die Schwelle für Nichtchristen viel niedriger.«
Tomas Gärtner
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