20 Jahre Einigungsvertrag
31. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Anerkennung von Bildungsabschlüssen wurde ebenso geregelt wie die Aufteilung der Umsatzsteuer. Es wurde auch schon Vorsorge getroffen für die abzusehenden Arbeitslosen, indem ein Altersübergangsgeld ab 57 Jahren bis zum Renteneintritt festgelegt wurde. Und es gab sogar einen Artikel, der sich mit der befristeten staatlichen Weiterfinanzierung von Kindergärten und -krippen befasste.

Der Einigungsvertrag über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde im Ostberliner Palais Unter den Linden unterzeichnet. Nach dem feierlichen Akt der Händedruck zwischen den Verhandlungsführern, Staatssekretär Dr. Günther Krause (r.) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (l.), und dem DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere (M.). (Quelle: Bundesarchiv)
Nicht alles wurde geregelt. Das führt noch heute zu Unzufriedenheit.
Erst kürzlich äußerte der brandenburgische Ministerpräident Matthias Platzeck (SPD), es sei damals ein »Anschluss« gewesen. Er hat da wohl an all die Unzufriedenen gedacht. Doch im Blick auf die Ereignisse vor 20 Jahren ist kein anderer praktikabler Weg bekannt, der beide deutsche Staaten so schnell unter »einen Hut« gebracht hätte.
Für junge Leute, die diesen Übergang von einem System ins andere nicht miterlebt haben, ist es nicht nachvollziehbar, welche Umwälzungen – im positiven wie im negativen Sinne – von da an zu bewältigen waren. Umso wichtiger ist es, diese Erfahrungen nicht untergehen zu lassen. Vor allem nicht diejenigen, die dazu geführt haben, dass die DDR-Diktatur zusammenbrach. Darum verwundert es immer mal wieder, wenn Jugendliche erzählen, dass das Thema in der Schule kaum vorkommt. Es bleibt oft nur den Familien überlassen, in Gesprächen diese Erfahrungen weiterzugeben. Oder die Verletzungen und Verluste derer, die sich nach 20 Jahren noch immer auf der Verliererseite sehen.
Leider hat der Eingungsvertrag darüber nichts geregelt, wie aus der Vergangenheit zu lernen ist.
Christine Reuther
Sehnsucht nach Zuwendung haben nicht nur die Armen
30. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Christus spricht:
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, Vers 40
Der Glaube an Christus findet seinen wahrnehmbaren Ausdruck in der Zuwendung zu unseren Mitmenschen. Zweifellos ist es dabei wichtig, sich den Geringsten zuzuwenden. Aber sollten wir uns nicht, bevor wir uns über die Formen der Zuwendungen Gedanken machen, darüber verständigen, wer diese Geringsten sind?
Sofort fallen uns dazu Menschen ein. Ich denke an Bettler, die ich jeden Tag vor einer der Dresdner Innenstadtkirchen sitzen sehe, und nicht nur dort. Ich denke an Menschen, die mit einem Mindestmaß an finanziellen Möglichkeiten durch das Leben kommen müssen, und mir fallen die im Alter Vergessenen, die einsam von ihren vier Wänden umgeben sind, ein.
Ist es ausreichend, die an den Rand der Gesellschaft Gedrängten ausschließlich als die Geringsten zu betrachten? Oder anders gesagt: Auch reiche Menschen können sehr arme Leute mit viel Geld sein. Hinter perfekten Fassaden lassen sich mitunter Menschen finden, die sich in ihrem Innersten als klein, unbedeutend und wertlos empfinden.
Auch der so Selbstbewusste kann in sich gefangen sein, der unmäßig Reiche kann hungern und dürsten nach Liebe und Einfachheit, der immer im Mittelpunkt Stehende fühlt sich verlassen und ist am Ende sogar sich selbst fremd. Vielleicht ist es viel schwerer, sich gerade ihnen zuzuwenden, weil wir alle meinen, diese hätten es doch nicht nötig.
Hunger und Durst, Sehnsucht nach Zuwendung und verbindlicher Nähe haben alle Menschen – quer durch alle sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Schichten hindurch und egal, in welchen materiellen Verhältnisse sie leben. Die befreiende Botschaft des Evangeliums entfaltet seine Kraft aus der Zuwendung zu ihnen allen.
Christoph Seele
Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.
Die Chipkarte ist keine Lösung
26. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen meint es gut. Sie will eine Chipkarte einführen, mit deren Hilfe Kinder aus armen Familien am kulturellen Leben teilnehmen könnten. Den betroffenen Eltern Geld in die Hand zu geben, damit ihre Kinder zum Musikunterricht, in den Sportverein oder in die Theatergruppe gehen können, davor scheuen Politiker offenbar zurück: Die Eltern könnten es für andere Dinge ausgeben. Was nicht von der Hand zu weisen ist, wenn es an allen Ecken und Enden klemmt in einer Familie, die von Hartz IV leben muss. Dazu braucht es nicht einmal einen Raucher oder Trinker in der Familie. Also, so der Vorschlag der früheren Familienministerin, soll das Geld den Kindern auf anderem Wege zugute kommen.
So weit so gut, doch gut gemeint, ist nicht immer gut. Und eine Chipkarte löst kein gesellschaftliches Problem. Denn das liegt wo ganz anders. Immer mehr Familien in Deutschland rutschen in Armut und werden von den Bildungsangeboten abgekoppelt. Kinder erleben keine berufstätigen Eltern und keinen verantwortlichen Umgang mit eigenem Einkommen, wenn es sich nur um immer wieder einzufordernde staatliche Zuwendungen handelt.
Die Armut vererbt sich dann ebenso wie die Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Hier muss angesetzt werden. Es muss Angebote geben, die allen Kindern gleichermaßen offen stehen. Das fängt beim Schulessen an und hört bei der freien Schulwahl nicht auf.
Doch da wird in Sachsen gerade der Rotstift angesetzt: für Kinder aus sozial schwachen Familien, die eine freie Schule besuchen, soll der staatliche Schulgeldzuschuss wegfallen. Diese Schulen würden – wider ihren Willen – zu Eliteschulen besserverdienender Eltern werden. Und das ist weder gut noch gut gemeint.
Christine Reuther
Das Gift der Stasi-Akten
25. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor 20 Jahren wurde die Öffnung der Stasi-Akten beschlossen. Sie versprühen ihr Gift noch lange nach dem Ende der DDR.
Er könne seinen ganzen Urlaub nehmen, hatte man ihm gesagt. So viel würde er brauchen, um die Akten zu lesen. Gut 2000 Seiten in zwölf Ordnern. Als Dieter R. sie aufschlägt in dem nüchternen Lesesaal der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde, ist es sein Körper, der zuerst reagiert: Der Mann mit den weichen Gesichtszügen und ruhigen Augen bekommt Fieber, Kopfschmerzen, fühlt Kälte am ganzen Körper.
30 inoffizielle Mitarbeiter (IM) hatte die DDR-Staatssicherheit auf den Kirchenmitarbeiter angesetzt, las er da, darunter Kollegen, Leute aus seiner Stammsauna, Christen – und sein bester Freund. Ziel des »Operativen Vorgangs Steuer« war es laut Akten, eine »Haftgrundlage zu schaffen« für den als Staatsfeind und BND-Spion verdächtigten R. Dabei hatte sich der heute 73-jährige Betriebswirt aus einem Dorf nahe Zwickau nur nicht mit der Enteignung der Firma seiner Familie abfinden wollen. Seine Mutter war aus Gram über dieses Unrecht 1972 gestorben – der Sohn kämpfte weiter.
»IM ›Fred‹ hat ein gutes persönliches Verhältnis zu R.«, lobt die Kreisdienststelle Zwickau der Staatssicherheit in einem Aktenvermerk. Als Dieter R. all das liest, fährt er zu seinem besten Freund, dessen Namen er auch unter den IMs findet. Er sagt, dass er ihm verzeiht. Der Freund sagt, dass ihm vieles leid tut. Zerbrochen ist die Freundschaft trotzdem.
Es gibt unzählige solcher Geschichten in Ostdeutschland. Dass sie ans Tageslicht kamen, hat auch mit dem 24. August 1990 zu tun: Damals, vor genau 20 Jahren, beschloss die frei gewählte Volkskammer der DDR nahezu einstimmig die Sicherung und Nutzung der Stasi-Akten. Über 18000 Sachsen nehmen noch immer Jahr für Jahr Einsicht – und das Interesse wird nicht geringer.
»Die Akteneinsicht kann manchmal ein Auslöser für eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes sein – bis hin zu Nervenzusammenbrüchen«, weiß Norbert Mai. Er begleitet seit sieben Jahren in der Lebensberatungsstelle der Diakonie-Stadtmission Zwickau Opfer der SED-Diktatur. Die Stasi-Akten erzählen ihnen von Verrat und unwiederbringlich verbauten Chancen. »Das zu lesen ist immer hart«, sagt Michael Beleites, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. »Doch das kann auch befreiend sein – und Klarheit schaffen.«
Petra L. musste sogar lachen. Für einen kurzen Moment zumindest, als sie in dem 30 Zentimeter hohen Aktenstapel in der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde auf die Witze stieß, die sie Ende der 80er Jahre in ihrer oppositionellen Frauengruppe erzählt hatte. Spitzel hatten sie getreu notiert. »Doch dann war ich geschockt, wie weit die Stasi in unsere Privatsphäre eingedrungen war.« Ein Kollege der Kunstwissenschaftlerin hatte ihr privates Adressbuch kopiert. Und eine der sechs Frauen in der Zwickauer Gruppe schrieb Berichte für die Stasi.
Ein Gespräch darüber hat Petra L. mit ihr nie gesucht. Man grüßt sich noch, mehr ist nicht. Auch kein Zorn, nur eine Enttäuschung. »Sie weiß, dass ich es weiß«, sagt Petra L. »Und wer weiß, wie sie dazu gekommen ist?« 1990 war die Kunstwissenschaftlerin 27 Jahre alt: Jung genug, um die Möglichkeiten der neuen Zeit zu ergreifen. Und um dem Schatten der Stasi-Akten zu entkommen.
Der aber birgt für Dieter R. mehr Verrat. »Ich habe in den Akten über mich auch Gottes Handschrift gelesen«, sagt er. »Dort stand, dass ich schon so gut wie in Haft war – und nichts hat Gott zugelassen. Es wäre eine große Undankbarkeit gegenüber Gott, den IMs nicht zu vergeben.« Seine Frau, ihm gegenüber in der niedrigen Stube sitzend, wiegt den Kopf: Was wäre, wenn ihr Mann doch ins Gefängnis gekommen wäre oder wenn er sein Leben hätte lassen müssen? »Vielleicht wäre ich nicht so großzügig gewesen«, überlegt Ruth R. leise. Sie hat ihre Akte nie angefordert. Sie will es nicht wissen.
Andreas Roth

Pressefoto »DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE« – ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe (Vertrieb: Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Die Hoffnung, wenn alles ins Wanken gerät
22. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen,
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Jesaja 42, Vers 3
»Die Hoffnung stirbt zuletzt« – so lässt es sich immer wieder vernehmen, wenn Menschen in ausweglose Not geraten sind. Vor allem, wenn es die Existenz bedrohende Situationen sind, wird dieser Satz laut. Ich erinnere mich zum Beispiel genau, dass er in den vergangenen Tagen des Hochwassers wieder zu hören war. Vieles wurde mit einem Schlag unsicher und geriet in Gefahr, für manche ging es um das nackte Überleben – die Menschen erfuhren es hautnah am eigenen Leib – aber die Hoffnung war das Letzte, was aufzugeben sie bereit waren.
Etwas braucht jeder Mensch, an dem er sich festhalten kann. Der Satz mag stimmen – mindestens für Menschen, die von der christlichen Hoffnung nichts wissen. Denn genau diese Hoffnung stirbt nicht, nicht einmal zuletzt. Diese Hoffnung, die uns auch in dem Wort des Propheten Jesaja begegnet, trägt und hält – sogar und vor allem in jenen Lebensaugenblicken, in denen alles anderen an ein Ende kommt.
Zugegeben, es gibt jene Lebensstürme, in denen wirklich alles ins Wanken gerät und verloren geht: Der Boden unter den Füßen, die Menschen, die einem nahe sind oder waren, die Grundlage der Existenz. Wir sehen dann nur noch alles schwarz. Die Hoffnung unseres Glaubens aber wird bleiben. Die Hoffnung, die darin besteht, dass wir von Gott begleitete Menschen sind, deren Zuversicht in dem Auferstandenen Herrn ruht.
Mögen wir auch manchmal an das Ende eigener Hoffnung kommen, und unser Leben als hoffnungslos empfinden – der Glaube an die Auferstehung unseres Herrn bleibt. Vertrauen wir auf diese Hoffnung und Zuversicht unseres Glaubens und darauf, dass ein Funke schon genügt, den glimmenden Docht wieder zu entzünden.
Christoph Seele
Seele ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.
Versunken und vergessen
20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Hochwasser in Sachsen und Pakistan – doch das öffentliche Interesse ebbt schnell wieder ab. Dabei ist Hilfe nötig. Und ein Umdenken.
Die Angst wird bleiben. Und auch der bange Blick zum Himmel, auf Bäche und Flüsse, wenn im Wetterbericht wie am vergangenen Wochenende »örtlicher Starkregen« angekündigt wird. Die Flutwelle vom 7. und 8. August hat sich so wie die Wassermassen des Augusts 2002 tief in die Seelen vieler Sachsen eingegraben. Die Karawane der Journalisten, ihrer Zuschauer, Hörer und Leser ist längst weitergezogen.
Was bleibt, sind Menschen in Sachsen, denen das Wasser der Neiße und vieler Bäche Wohnung, Haus und Besitz zerstört hat. Was bleibt sind auch Unternehmen, die von den Wassermassen stillgelegt wurden – und mit ihnen viele Arbeitsplätze. Allein die Landkreise Görlitz und Bautzen schätzen die Schäden auf fast 400 Millionen Euro. Was bleibt sind auch die Trauer um die drei Menschen, die im erzgebirgischen Neukirchen von der Flut getötet wurden. In Tschechien und Polen kamen acht Menschen ums Leben, die wirtschaftlichen Schäden treffen Sachsens ärmere Nachbarn noch härter. Darüber spricht hierzulande kaum jemand.
Man könnte noch weiter nach Osten blicken: Nach Russland, wo wegen einer seit zwei Monate währenden Rekordhitze riesige Flächen in Flammen stehen. Oder nach Pakistan, wo eine Flut 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht und über 1400 getötet hat. Es trifft die Ärmsten der Armen. Doch Spenden fließen nur zögerlich, meldet das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen.
Was haben die Naturkatastrophen in Sachsen mit denen in Russland und Pakistan zu tun? »Jedes einzelne Ereignis ist ein Wetterereignis, aber in der Häufung haben diese Ereignisse etwas mit der Klimaerwärmung zu tun«, sagt der renommierte Klimaforscher Mojib Latif vom Leibnitz-Institut in Kiel: »Wir erwarten in Folge der globalen Erwärmung, dass sich Wetterextreme weltweit häufen.«
Doch ist dies ein blindes Schicksal, dem man sich ergeben muss? Vor gut 2500 Jahren vernichtete eine Heuschreckenplage im Land Juda die gesamte Ernte wie eine Flut oder Dürre. »Die Bauern sehen traurig drein, und die Gärtner weinen um den Weizen und um die Gerste«, schrieb damals der Prophet Joel. Mitten in diesem Elend rief er sein Volk zur Umkehr auf – zurück zu Gott und seinen Prinzipien.
Die Nächstenliebe ist so in Prinzip Gottes. »Als Christen sind wir aufgerufen, Menschen in Not beizustehen«, sagt der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Viele Menschen und auch Kirchgemeinden halfen in den letzten zwei Wochen den sächsischen Flutopfern ganz praktisch: beim Aufräumen, Reparieren und Beschaffen neuer Wohnräume. Die sächsische Diakonie unterstützte Familien mit 200 bis 300 Euro Soforthilfe pro Person und Instandsetzungsbeihilfen. 16 000 Euro Spenden sind bisher bei ihr eingegangen, die Diakonie Württemberg hat 240 000 Euro zugesagt. Die sächsische Landeskirche stellt 10 000 Euro für Pakistan zur Verfügung. Sie ruft zusammen mit der Diakonie Sachsen alle Kirchgemeinden auf, auch an die pakistanische Bevölkerung zu denken.
Wenn der Klimawandel global ist, muss auch Nächstenliebe global sein. Sie bedeutet dann mehr als Spenden. Sie stellt unangenehme Fragen: Wie viel Energie verbrauche ich, wie wird sie erzeugt, wie bewege ich mich fort? Diese Fragen bekommen mit den Flutkatastrophen in Sachsen und Pakistan ein Gesicht. Das Gesicht von leidenden Menschen.
Eine Umkehr ist stets radikal, das wusste auch schon der Prophet Joel vor 2500 Jahren. Er wusste aber auch von dem Versprechen Gottes für diejenigen, die eine Umkehr wagen: »Fürchte dich nicht!«
Andreas Roth
Spendenkonten der Diakonie Sachsen
bei der Landeskirchlichen Kredit-Genossenschaft Sachsen, BLZ 850 951 64:
- 100 030 101 für »Flut Sachsen 2010«;
- 100 100 100 für »Flut Polen und Tschechien 2010« sowie für »Pakistan Fluthilfe«.

Hochwasser in der pakistanischen Province Punjab © UN Photo/Evan Schneider | www.unmultimedia.org/photo/
Schätze sammeln
20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die sächsischen Kirchgemeinden sollen Schatzkisten füllen und sich damit beim Kirchentag 2011 vorstellen.

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)
»Es ist Tradition bei Kirchentagen, dass die gastgebenden Gemeinden etwas zusammentragen«, sagt Tabea Köbsch von der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. »In Köln waren es Fässer, die jede Gemeinde mit heimatlichem Wasser gefüllt hat, in Bremen waren es Schiffe, die als Symbole dienten.«
Was aber könnte für Dresden, für Sachsen als Symbol stehen? »Dresden ist die Stadt der Schatzkammern, im Erzgebirge wurden die Schätze gefördert«, sagt Tabea Köbsch. Deshalb sollen es Schatzkisten sein. Doch sie sollen nicht mit Schätzen solcherart gefüllt werden. Hintergrund ist die Kirchentagslosung aus der Bergpredigt: »… da soll auch dein Herz sein.« Dieser Vers bezieht sich auf die himmlischen Schätze. Und deshalb heißt die Aktion auch »Die andere Schatzkammer«. Die Kirchgemeinden sollen sammeln, was ihnen am Herzen liegt.
Sie selbst würde in ihrer Gemeinde Dresden-Laubegast etwas hineintun, das für die Gemeinschaft steht, sagt Tabea Köbsch. Oder für die Arbeit mit Kindern: »Denn die sind unser Reichtum.« Wie die Schatzkiste gefüllt wird, ist jeder Gemeinde selbst überlassen: Fotos, etwas Gebasteltes, schriftliche Wünsche oder gar Handwerkskunst aus dem Erzgebirge. Bis Ende März ist Zeit dafür. Die leeren Kartons werden in den nächsten Tagen an die Gemeinden geschickt. Ein frankierter Paketaufkleber für die Rücksendung liegt bei.
Inzwischen überlegen sich Architekturstudenten der TU Dresden, wie die vielen Schatzkisten auf dem Kirchentag präsentiert werden könnten. Candy Lenk bereitet dafür ein Seminar vor. Für den TU-Mitarbeiter ist das Thema »Schätzsammeln« spannend. »Einerseits liegen Schätze im Verborgenen und sicher verwahrt in Tresoren, andererseits heißt Ausstellen, das Publikum teilhaben lassen«, beschreibt er den Spannungsbogen, den er mit den Studenten durchdenken will.
Zugleich sollen Möglichkeiten der Präsentation in unterschiedlichen Materialien untersucht werden. »Es ist noch völlig offen, wie und wo die Präsentation stattfindet«, so Lenk. Es könnte auf einer großen Landkarte sein oder in Verbindung mit einer Internetaktion. »Es macht Lust, darüber nachzudenken«, so der Architekt.
Lust an der Mitwirkung will auch Tabea Köbsch wecken. Sie will die Aktion als einen Impuls sehen, als Kirchgemeinde nicht unter sich zu bleiben, sondern mit der Schatzsuche aus der Kirche hinauszugehen: Das Befüllen zu einer gemeinsamen Aktion mit Kommune oder örtlichen Vereinen zu gestalten, kirchliche Feste wie Erntedank oder den Kirchentagssonntag am 6. Februar zum Anlass zu nehmen.
Christine Reuther
Die Aktion endet am 30. März 2011. Die Schatzkisten werden beim Kirchentag 2011 in Dresden präsentiert. DER SONNTAG berichtet, wenn Sie uns ein Foto von den Schätzen oder vom Einpacken der Schatzkiste schicken: E-Mail: redaktion@sonntag-sachsen.de
Der Kirchentag in Dresden im Internet: www.kirchentag.de
Werbung und Privatsphäre
19. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Es ist schon ein praktisches Werkzeug, dieses Google Street View. Der Urlauber kann vor Reiseantritt im Internet genau nachsehen, wie denn das Hotel aussieht, das er da gebucht hat. Schon vorher kann er durch die benachbarten Straßen ziehen und sehen, ob er in der Umgebung wirklich gut aufgehoben ist: Ist es dort gepflegt? Sehen die Menschen, deren Gesichter zwar unkenntlich gemacht, ihre Kleidung und Frisuren aber gut zu erkennen sind, in diesem Stadtteil vielleicht verrucht aus?
Auf die Faszination solch eines Stadtspaziergangs in London, Prag oder Paris folgt schnell ein komisches Gefühl: Ist es in Ordnung, in die Vorgärten und Autos wildfremder Menschen zu schauen? Möglich ist es und soll es auch in Deutschland werden.
Hier erntet das Vorhaben Kritik von Verbraucherschützern. Die evangelische Kirche ist gespalten. Als Werbung sollte man sich dem umstrittenen Dienst nicht verweigern, findet sie. Kirchen und Verwaltungsgebäude gehören hinein. Skeptisch ist sie bei Pfarrhäusern und Kindergärten.
Ihr Zweispalt zeigt, dass vor einer orientierungsgebenden Haltung viel grundsätzlichere Fragen über Informationsbedürfnis auf der einen und Persönlichkeitsrecht auf der anderen Seite geklärt werden müssen. Etwa, ob der vermutete Werbeeffekt tatsächlich so hoch sein wird, dass man den Verlust von Privatsphäre beruhigt in Kauf nehmen kann.
Unbenommen finden sich im Internet Chancen, die auch die evangelische Kirche zurecht nutzen will. Für eine Kirche, die auch wegen ihres vertraulichen Umgangs mit Problemen geschätzt wird, ist der Datenausverkauf aber gefährliches Pflaster. Es bleibt zu hoffen, dass sie zu dem Thema künftig eine deutlichere Haltung findet als das jetzige »Ja, aber …«.
Corinna Buschow
Auf die innere Haltung kommt es an
14. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, Vers 5
Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran«, so beginnt der Kehrvers eines bekannten Liedes aus der Jungen Gemeinde. Besser sind wir als Christen wirklich nicht – wir sind auch nur Menschen. Ausgesetzt allen Dingen und allen Anfechtungen – natürlich auch dem Hochmut. Und wem sind solche Gedanken, besser zu sein, als der oder die andere, wirklich fremd? Oft erlebe ich es, dass in unserer Gesellschaft genau dies der Schlüssel zum Vorankommen ist: Sich besser machen, sich besser zeigen, sich herausheben aus der Masse der Mehrheit, besser sein als andere.
Hochmut hat in jedem Leben einen festen Sitz. Niemand ist davon ausgenommen. Mindestens neigen wir eher zum Hochmut als zur Demut. Da haben wir in der Regel schon unsere Schwierigkeiten mit dem Wort an sich. Es klingt so unterwürfig und nach dienen und bedienen. Dabei meint Demut im christlichen Sprachgebrauch allein die innere Einstellung von uns Menschen gegenüber Gott.
Diese Verhältnisbestimmung hat zwei Seiten. Sie umfasst unsere Geringfügigkeit im Vergleich mit der Größe Gottes. Alles, was wir sind und haben, kommt aus Gottes gnädiger Hand. Zugleich kommt aber auch unsere Würde als Mensch in den Blick, unser Wert, den wir als gottesebenbildliche Geschöpfe zugesprochen bekommen haben.
Vor diesem Hintergrund bedeutet Demut gegenüber Gott, sich ihm mit dieser inneren Haltung zuzuwenden, ihn anzubeten.
Eine solche Grundeinstellung lässt uns mindestens einer hochmütigen Sicht der Dinge innerlich etwas dagegensetzen. Besser sind wir nicht, aber besser sind wir im Leben dran mit einem solchen Gott, dem wir uns demütig zuwenden können, denn wir wissen um sein gnädiges Entgegenkommen.
Christoph Seele
Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.
Nach der Flut
13. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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So schnell wie das Wasser kam, war es auch wieder weg. Was bleibt, sind enorme Schäden und die Fragen nach dem Warum. Viele Menschen haben in den vergangenen Tagen innerhalb weniger Stunden ihr Hab und Gut verloren, manche ihr Leben. Und nun sind Klagen zu hören: Warum hat uns niemand rechtzeitig gewarnt?
Sachsens Unwetterwarnsystem sei das modernste in Deutschland, heißt es. Aus der Flut von 2002 hat man vielerorts gelernt. Deiche und Dämme wurden gebaut, um Wassermassen von Ortschaften fernzuhalten. Und doch: Plötzlich gehen Regengüsse ungeahnten Ausmaßes nieder, die selbst die Meteorologen so nicht vorhergesehen haben. Im Nu werden Bäche zu reißenden Strömen, die niederreißen, was ihnen nicht standhält – auch vorsorgliche Dämme. Angesichts solcher Naturgewalten ist ein jeder sprachlos. Ob es vorhersehbar war oder nicht – an den verheerenden Auswirkungen der Wassermassen hätte das wohl nichts geändert.
Es scheint, als bewahrheite sich eine andere Vorhersage: Dass der Klimawandel, in dem wir uns befinden, solche Extreme hervorbringt. Hitzewelle in Russland, Schlammlawinen in China, im Wasser versinkendes Pakistan und Hochwasser in Deutschland sprechen dafür.
Doch auch andere Fragen stellen sich angesichts der zerstörerischen Fluten. Sind nach den Hochwassern der letzten Jahre wirklich die richtigen Lehren gezogen worden? Oder sind nicht doch wieder Gebäude und Straßen in Überflutungsgebieten gebaut worden, wie des der Bund für Umwelt und Naturschutz beklagt.
Es ist Zeit zu lernen, den Flüssen und Bächen wieder Raum zu geben, damit sie beim Anschwellen nicht auf menschengemachte Hindernisse stoßen.
Doch jetzt ist es oberstes Gebot zu helfen – im eigenen Land, bei den Nachbarn und weltweit.
Christine Reuther
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