Werbung und Privatsphäre

19. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

street2Es ist schon ein praktisches Werkzeug, dieses Google Street View. Der Urlauber kann vor Reiseantritt im Internet genau nachsehen, wie denn das Hotel aussieht, das er da gebucht hat. Schon vorher kann er durch die benachbarten Straßen ziehen und sehen, ob er in der Umgebung wirklich gut aufgehoben ist: Ist es dort gepflegt? Sehen die Menschen, deren Gesichter zwar unkenntlich gemacht, ihre Kleidung und Frisuren aber gut zu erkennen sind, in diesem Stadtteil vielleicht verrucht aus?

Auf die Faszination solch eines Stadtspaziergangs in London, Prag oder Paris folgt schnell ein komisches Gefühl: Ist es in Ordnung, in die Vorgärten und Autos wildfremder Menschen zu schauen? Möglich ist es und soll es auch in Deutschland werden.

Hier erntet das Vorhaben Kritik von Verbraucherschützern. Die evangelische Kirche ist gespalten. Als Werbung sollte man sich dem umstrittenen Dienst nicht verweigern, findet sie. Kirchen und Verwaltungsgebäude gehören hinein. Skeptisch ist sie bei Pfarrhäusern und Kindergärten.

Ihr Zweispalt zeigt, dass vor einer orientierungsgebenden Haltung viel grundsätzlichere Fragen über Informationsbedürfnis auf der einen und Persönlichkeitsrecht auf der anderen Seite geklärt werden müssen. Etwa, ob der vermutete Werbeeffekt tatsächlich so hoch sein wird, dass man den Verlust von Privatsphäre beruhigt in Kauf nehmen kann.

Unbenommen finden sich im Internet Chancen, die auch die evangelische Kirche zurecht nutzen will. Für eine Kirche, die auch wegen ihres vertraulichen Umgangs mit Problemen geschätzt wird, ist der Datenausverkauf aber gefährliches Pflaster. Es bleibt zu hoffen, dass sie zu dem Thema künftig eine deutlichere Haltung findet als das jetzige »Ja, aber …«.

Corinna Buschow

Bookmark and Share
Noch mehr Informationen über das evangelische Leben in Sachsen, Deutschland und der Welt finden Sie Woche für Woche im gedruckten SONNTAG. Abonnieren Sie den SONNTAG, mit 52 Ausgaben im Jahr für nur 45,00 Euro! -->hier

Oder Sie bestellen jetzt Ihr kostenloses Probeexemplar! -->hier

Übrigens: DER SONNTAG ist auch bei Facebook.

DER SONNTAG - Wochenzeitung für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens on Facebook

Reaktionen unserer Leser

4 Lesermeinungen zu “Werbung und Privatsphäre”
  1. Lothar sagt:

    Schade, dass es “die Kirche” scheinbar nicht schafft, zu sehen, was für eine Thematik hinter der “Google Street View”-Debatte steht.

    Für den Staat müssen wir für den Personalausweis und Pass biometrische Daten abgeben, eine Steuernummer erfasst alle Steuer-relevanten Daten lebenslang, unsere Telefon-, Handy- und Internet-Daten werden sechs Monate gespeichert, über ELENA werden alle Einkommensdaten zentral erfasst, … Telefonbücher sind schon lange online zugänglich.

    Google Earth gibt es seit Jahren – ohne medialen Aufschrei bei der Einführung. Und dort kann man nicht nur Straßen, sondern auch alle Gärten und Hinterhöfe sehen. Google Street View dagegen zeigt die Sicht von der öffentlichen Straße (ja, aus 2,5 m Höhe; aber Touristenbusse sind noch viel höher, …).

    Ich kann die Debatte um Google Street View nicht verstehen. Meiner Meinung nach ist dies eine Mischung aus Sommerloch-Füllung und Profilierung von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner.

  2. Lothar sagt:

    Ich kann diesen differenzierten Beitrag von Pro Medienmagazin empfehlen: http://i2h.de/apL9

  3. “Ich kann die Debatte um Google Street View nicht verstehen. Meiner Meinung nach ist dies eine Mischung aus Sommerloch-Füllung und Profilierung von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner.” … MEHR NOCH …

    Die Hochspielung dieses SACHVERHALTES insbesondere durch die MEDIEN dient der schwarz-gelben Koalition zur Ablenkung von den eigentlichen PROBLEMEN, z. B.
    die Aufgeblähtheit des deutschen Politikbetriebes mit seinen 17 föderalen Gliederungen,der wichtige politische Entscheidungen behindert und somit also unstreitig ineffizient ist.
    Leider aber ist der Souverän, der Wähler, zu bequem, seine demokratische Legitimation zur Veränderung politischer Ungereimtheiten gezielt wahrnehmen zu wollen. Es wird an den Stammtischen großkotzig gemeckert und in der Wahlkabine kleinlaut und geheim alles beim Alten belassen. Anschließend wird das Wahlergebnis als überraschend hingestellt.
    Politiker, die über Jahre leichtfertig dringend notwendige Korrekturen der Rahmenbedingungen z. B. für die Renten-, Gesundheits-, Bildungs- und Finanzpolitik verabsäumt oder laut Berichte der Rechnungshöfe Milliarden Steuergelder verschleudert haben, werden somit nicht zur Verantwortung gezogen und somit schadensfrei gehalten.
    Fachliches Fehlverhalten in der Wirtschaft allerdings wird bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen geahndet!

  4. Tobias sagt:

    ist es denn notwendig das sich die kirche zu google street view äußert? aber wenns denn sein muss.

    diese scheinheiligkeit der politiker ist nicht mehr auszuhalten. vom volk alle möglichen daten einsammeln und auf vorrat speichern und sich wegen ein paar fotos von straßenzügen aufregen. das verstehe wer will. andere firmen bieten ganze videos von straßenzügen an um sich ein bild über die zukünftige nachbarschaft in der neuen wohngegend zu machen und niemanden interessiert es.

    ” Ist es in Ordnung, in die Vorgärten und Autos wildfremder Menschen zu schauen?”
    natürlich das mache ich jeden tag wenn ich mein grundstück verlasse. warum soll das dann auf einem foto falsch sein? soll ich mit augen zu zur arbeit fahren?

    warum sind die deutschen nur so kleinlich und ablehnend. andere länder nutzen diese möglichkeiten und wir stellen uns wiedermal quer wegen nichts.

    am lustigsten ist das beispiel der gruppe renter die gegen google streetview prostetieren weil sie nicht wollen das ihre häuser im inet zu sehen sind und jetzt ist das interview von ihnen mit bild der leute vor ihrem haus inkl. ihrer namen online. und über das telefonbuch findet man auch schnell die adresse raus. darüber kann man doch nur schmunzeln.