Versunken und vergessen

20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Hochwasser in Sachsen und Pakistan – doch das öffentliche Interesse ebbt schnell wieder ab. Dabei ist Hilfe nötig. Und ein Umdenken.
titel-sonntag_34-2010Die Angst wird bleiben. Und auch der bange Blick zum Himmel, auf Bäche und Flüsse, wenn im Wetterbericht wie am vergangenen Wochenende »örtlicher Stark­regen« angekündigt wird. Die Flutwelle vom 7. und 8. August hat sich so wie die Wassermassen des Augusts 2002 tief in die Seelen vieler Sachsen eingegraben. Die Karawane der Journalisten, ihrer Zuschauer, Hörer und Leser ist längst weitergezogen.

Was bleibt, sind Menschen in Sachsen, denen das Wasser der Neiße und vieler Bäche Wohnung, Haus und Besitz zerstört hat. Was bleibt sind auch Unternehmen, die von den Wassermassen stillgelegt wurden – und mit ihnen viele Arbeitsplätze. Allein die Landkreise Görlitz und Bautzen schätzen die Schäden auf fast 400 Millionen Euro. Was bleibt sind auch die Trauer um die drei Menschen, die im erzgebirgischen Neukirchen von der Flut getötet wurden. In Tschechien und Polen kamen acht Menschen ums Leben, die wirtschaftlichen Schäden treffen Sachsens ärmere Nachbarn noch härter. Darüber spricht hierzulande kaum jemand.

Man könnte noch weiter nach Osten blicken: Nach Russland, wo wegen einer seit zwei Monate währenden Rekordhitze riesige Flächen in Flammen stehen. Oder nach Pakistan, wo eine Flut 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht und über 1400 getötet hat. Es trifft die Ärmsten der Armen. Doch Spenden fließen nur zögerlich, meldet das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen.

Was haben die Naturkatastrophen in Sachsen mit denen in Russland und Pakistan zu tun? »Jedes einzelne Ereignis ist ein Wetterereignis, aber in der Häufung haben diese Ereignisse etwas mit der Klimaerwärmung zu tun«, sagt der renommierte Klimaforscher Mojib Latif vom Leibnitz-Institut in Kiel: »Wir erwarten in Folge der globalen Erwärmung, dass sich Wetterextreme weltweit häufen.«

Doch ist dies ein blindes Schicksal, dem man sich ergeben muss? Vor gut 2500 Jahren vernichtete eine Heuschreckenplage im Land Juda die gesamte Ernte wie eine Flut oder Dürre. »Die Bauern sehen traurig drein, und die Gärtner weinen um den Weizen und um die Gerste«, schrieb damals der Prophet Joel. Mitten in diesem Elend rief er sein Volk zur Umkehr auf – zurück zu Gott und seinen Prinzipien.

Die Nächstenliebe ist so in Prinzip Gottes. »Als Christen sind wir aufgerufen, Menschen in Not beizustehen«, sagt der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Viele Menschen und auch Kirchgemeinden halfen in den letzten zwei Wochen den sächsischen Flutopfern ganz praktisch: beim Aufräumen, Reparieren und Beschaffen neuer Wohnräume. Die sächsische Diakonie unterstützte Familien mit 200 bis 300 Euro Soforthilfe pro Person und Instandsetzungsbeihilfen. 16 000 Euro Spenden sind bisher bei ihr eingegangen, die Diakonie Württemberg hat 240 000 Euro zugesagt. Die sächsische Landeskirche stellt 10 000 Euro für Pakistan zur Verfügung. Sie ruft zusammen mit der Diakonie Sachsen alle Kirchgemeinden auf, auch an die pakistanische Bevölkerung zu denken.

Wenn der Klimawandel global ist, muss auch Nächstenliebe global sein. Sie bedeutet dann mehr als Spenden. Sie stellt unangenehme Fragen: Wie viel Energie verbrauche ich, wie wird sie erzeugt, wie bewege ich mich fort? Diese Fragen bekommen mit den Flutkatastrophen in Sachsen und Pakistan ein Gesicht. Das Gesicht von leidenden Menschen.

Eine Umkehr ist stets radikal, das wusste auch schon der Prophet Joel vor 2500 Jahren. Er wusste aber auch von dem Versprechen Gottes für diejenigen, die eine Umkehr wagen: »Fürchte dich nicht!«

Andreas Roth

Spendenkonten der Diakonie Sachsen
bei der Landeskirchlichen Kredit-Genossenschaft Sachsen, BLZ 850 951 64:

  • 100 030 101 für »Flut Sachsen 2010«;
  • 100 100 100 für »Flut Polen und Tschechien 2010« sowie für »Pakistan Fluthilfe«.
Hochwasser in der pakistanischen Province Punjab © UN Photo/Evan Schneider | www.unmultimedia.org/photo/

Hochwasser in der pakistanischen Province Punjab © UN Photo/Evan Schneider | www.unmultimedia.org/photo/

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