Jeden Tag ein Bibelwort – im Gefängnis
24. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Comments Off

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannesbrief 5, Vers 4
Im Restaurant werden Tische und Stühle zusammengerückt. Einige Leute wollen weiter erzählen nach einer Veranstaltung zum Herbst ’89 und zum Sinn der Stasiaktenöffnung. Zeitzeugen und Journalisten sind zusammen und ganz unwillkürlich steht eine Frau im Mittelpunkt. Sie saß ein im Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge in den 70er Jahren – aus politischem Grund.
Unvermittelt spricht diese Frau über die Tische hinweg. Sie habe die Bibel gelesen im Gefängnis, sagt Ingrid V. Sie legt ihre Hände flach auf den Tisch. Mit wenigen Gesten unterstreicht sie ihre Worte. Jeden Morgen habe sie in der Bibel gelesen. »Ich habe die Augen geschlossen, die Bibel irgendwo aufgeschlagen und dann meinen Finger einfach auf die Seite gesetzt. Das war dann mein Satz für den Tag.« Und gelesen hat sie natürlich um den Satz herum, die Worte, die da geschrieben stehen.
Für eine Weile wollte keiner etwas sagen. Geht es im Leben um Momente echter Freiheit? Ist das eine Empfehlung, mit dem Finger in der Bibel zu stöbern? Jene Frau genoss es für eine Weile, dem einen und anderen Augenpaar zu begegnen. Die Entscheidung, die Bibel zu lesen, kann Freiheit verströmen.
Die Vielfalt der Worte bedeutet Gnade – und Gnade stillt den Lebensdurst. Frau Ingrid V., Wissenschaftlerin, Mutter dreier Kinder, hebt das Glas. Sie hat die Welt überwunden. Der Geschmack der Freiheit geht nicht verloren hinter Gefängnismauern. Plötzlich brechen Glaube und Gnade in das Leben ein.
Zur radikalen Änderung der Lebensgewohnheiten ist der chronisch Kranke bereit. Im 54. Versuch packt die Langzeitarbeitslose die Stellensuche neu an.
Und Atheisten staunen über eine Fingerleseübung in der Bibel.
Stephan Bickhardt
Der Autor ist Pfarrer und Polizei-Seelsorger in Leipzig.
Ritterliche Helfer
23. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Johanniter im Einsatz: Christian Schmidt (l.) und Lotar von Hausen (r.) begleiten die 90-jährige Gertrud Fleischer nach der Andacht im Dohnaer Pflegeheim des Ordens zurück in ihr Zimmer. Foto: Steffen Giersch
Sächsische Johanniter-Ritter verschreiben sich seit 150 Jahren der Nächstenliebe – so wie Christian Schmidt und Lotar von Hausen.
Behutsam führen die beiden Männer die blinde Frau über den Steinfußboden des Pflegeheims. Lotar von Hausen links von ihr, Christian Schmidt rechts – ganz ritterlich. »Ich werde mich voll auf Sie verlassen«, sagt die 90-jährige Gertrud Fleischer. Dann lächelt sie, wendet sich zu dem pensionierten Chefarzt Schmidt und wirkt dabei ganz jung: »Wissen Sie, woran ich oft denke? Wie Sie gesagt haben: Wem der Herrgott ein solch großes Leid gibt, dem gibt er auch die Kraft, es zu tragen. Das hat mir geholfen.«
Von solcher Art ist die Hilfe der Johanniter-Ritter: Sie gilt dem Körper und der Seele gleichermaßen. Mehrmals im Monat kommen Lotar von Hausen (72) und Christian Schmidt (70) in die beiden Pflegeheime des Ordens in Heidenau und Dohna, hören zu, lesen vor, vertreiben die Einsamkeit, schieben Rollstühle.
Unter dem ehrwürdig geschwungenen Giebel des Johanniter-Stifts in Dohna prangt weiß auf rot das Kreuz des über 900 Jahre alten Ordens mit seinen acht Spitzen. Die DDR hatte es längst zuspachteln lassen, als Christian Schmidt hier 1966 Arzt wurde. Doch noch arbeiteten Schwestern des damals verbotenen Ordens in dem Krankenhaus. Noch wehte ein christlicher Geist in dem 1902 von Johannitern gegründeten Hospital.
Als Chefarzt zu Zeiten der DDR half Christian Schmidt mit, dass dieser Geist lebendig blieb: Auf Weihnachtsfeiern las er das Lukas-Evangelium vor, Patienten wurden mit Namen angesprochen und nicht nur als Fälle angesehen, und manchmal sagte der Christ Schmidt zu seinen Kollegen: »Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir arbeiten unter dem Johanniter-Kreuz.«
Nach der Friedlichen Revolution – der Orden hatte sein enteignetes Krankenhaus wieder zurück– fragten westdeutsche Johanniter den promovierten Mediziner, ob er nicht Ritter werden wolle. Schmidt war überrascht – und sagte zu. In einem feierlichen Gottesdienst wurde ihm 1992 der schwarze Rittermantel mit dem weißen Johanniter-Kreuz umgelegt.
Dafür kann man sich nirgendwo bewerben, man wird ausgewählt. Gesucht werden Männer, die bewusst zu ihrem Glauben stehen, ihn auch leben in Gesellschaft, Familie und im Dienst für Notleidende – und sich zur Tradition bekennen. Männer wie Lotar von Hausen. Der Dresdner Ingenieur stammt aus einer Adelsfamilie, in der schon vor 150 Jahren Männer im Johanniter-Orden waren. Der langjährige Kirchvorsteher baute ab 1990 ehrenamtlich einen Fahrdienst für behinderte Menschen auf, steuerte am Wochenende selbst den Bus, legte einen der Grundsteine für die Johanniter-Unfallhilfe in Dresden und wurde 1994 in den Orden aufgenommen.
Auch wenn es seit über 60 Jahren keine Bedingung mehr für eine Aufnahme ist: Noch immer trägt ein großer Teil der etwa 200 sächsischen Johanniter adlige Namen und kommt aus gut begütertem Hause, zwei Drittel wohnen außerhalb des Freistaates. Es waren schließlich Ritter, die im Jahr 1099 während der Kreuzzüge in Jerusalem das Hospital St. Johannis aufbauten – übrigens nicht nur zur Pflege der verletzten christlichen Eroberer, sondern auch ihrer muslimischen Gegner. Heute geht es in dem Orden zu einem guten Teil auch um die Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die von den Rittern einer Region und ihren Frauen an regelmäßigen Abenden bei Vorträgen und Essen gepflegt wird.
Der sächsische Teil des Ordens – Genossenschaft genannt – feiert am 2. und 3. Oktober in Meißen sein 150-jähriges Bestehen. Zu dem Festakt am Sonnabend wird Ministerpräsident Stanislaw Tillich sprechen, die Predigt im Festgottesdienst am 3. Oktober um 10 Uhr im Meißener Dom wird Landesbischof Jochen Bohl halten. Die Johanniter sind gut etabliert.
Manchmal wirkt der Orden wie aus der Zeit gefallen: Die Ritter, der Ausschluss von Frauen von der ordentlichen Mitgliedschaft, die Hierarchie, an deren Spitze der Herrenmeister Oskar Prinz von Preußen steht, das Aufnahmezeremoniell. Doch wenn Lotar von Hausen und Christian Schmidt bei der blinden Frau Fleischer sind, nah an sie heranrücken, um sie gut zu verstehen, und ihre Hand drücken – dann zeigt sich, was Ritter in Wirklichkeit sind.
Andreas Roth
Die Johanniter im Internet: www.johanniter.de
Eid der Banker
23. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Comments Off

Diese Banker! Erst fahren sie ihre Unternehmen an die Wand und die Welt in eine Finanzkrise und dann kassieren sie noch saftige Bonuszahlungen. Es ging wie ein Aufschrei durch die Nachrichtensendungen der vergangenen Tage, dass die Hypo-Real-Estate-Bank trotz Milliardenbürgschaft der Bundesregierung nach drohender Pleite Mitarbeitern Boni in Millionenhöhe ausgezahlt hat.
Da bleibt dem Normalbürger die Spucke weg. Doch zugleich weiß er: Vertrag ist Vertrag. Und wenn den Mitarbeitern das so zugesichert wurde, muss der Arbeitgeber es einhalten. Unverständlich ist nur, warum bei der vorausgegangenen wirtschaftlichen Schieflage niemand daran dachte, diese Verträge zu ändern.
Eine ganz andere Frage ist die nach den Verantwortlichkeiten für die Pannen im Finanz- und Wirtschaftssystem. Diese ist in den letzten zwei Jahren immer wieder gestellt worden. Gier und Eigennutz wurden angeprangert. Zu Recht. Einen guten Kaufmann zeichnete zu früheren Zeiten aus, dass man ihm auf Treu und Glauben sein Geld anvertrauen konnte. Dass man mit ihm Geschäfte abschloss per Handschlag und sich darauf verlassen konnte.
Davon sind wir offenbar weit entfernt. Umso mehr lässt es aufhorchen, dass es junge Manager und Wirtschaftsfachleute gibt, die sich für eine Art ethischen Eid ihres Berufsstandes stark machen. An zwei amerikanischen Universitäten entstand die Idee. Absolventen haben den Eid dort bereits geleistet. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres wurde dieser »Global Business Oath« vorgestellt.
Ob er sich durchsetzt, muss sich zeigen. Denn das hängt nur vom guten Willen der Beteiligten ab. Hoffen lässt die Initiative auf jeden Fall, dass sich das Denken derer, die mit viel Geld umzugehen haben, dahingehend ändert.
Christine Reuther
Unklare Zeichen
23. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Comments Off
Analphabeten geraten schnell ins Abseits – wenn sie sich nicht helfen lassen.
Der Mann, nennen wir ihn Oliver P., ist Anfang 30 und seit längerem arbeitslos, als er begreift, dass er Entscheidendes in seinem Leben ändern muss. Er offenbart sich seinem Fallmanager bei der Arbeitsagentur: Er könne weder richtig lesen noch schreiben, habe sich aber entschlossen, das Problem nun zu lösen.
»Ein Glücksfall«, meint Arlette du Vinage. Sie arbeitet bei der sächsischen Koordinierungsstelle Alphabetisierung (Koalpha), die vom Freistaat Anfang des Jahres eingerichtet wurde. Dass jemand von sich aus komme, sei keineswegs die Regel, sagt sie. Denn Analphabeten, unter Langzeitarbeitslosen besonders häufig anzutreffen, entwickelten geschickte Strategien, um diese Tatsache zu verbergen. Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen brauchten in den Gesprächen sehr genaues Gespür, um herauszufinden, dass jemand Analphabet ist, sagt eine Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Dresden. Als häufigste Ausrede nennen sie die Brille, die der oder die Betroffene zu Hause vergessen habe.
»Manchmal sind Arm oder Hand verletzt«, so die Sprecherin. »Sie vermeiden es, Formulare oder Eingliederungsvereinbarungen sofort zu unterschreiben.« Nähmen sie – unter dem Vorwand, alles in Ruhe lesen zu müssen – mit nach Hause. »Viele lassen sich dann von Freunden oder Verwandten helfen.«
Wie viele Analphabeten es in Sachsen gibt, könne nur geschätzt werden, sagt Harald Wagner, Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (EHS). Mit Kollegen hat er das Phänomen im Auftrag des Freistaates erforscht. Bundesweit wird ein Bevölkerungsanteil von 5,45 Prozent angenommen – in Sachsen also etwas mehr als 200 000 Menschen. Angefangen bei denen, die gar nicht lesen und schreiben können, bis hin zu solchen, die zwar vorlesen, aber den Sinn nicht erfassen können. Entscheidendes Kriterium: Welchen Grad an Beherrschung der Schriftsprache erwartet die Gesellschaft? In Deutschland ist das etwa das Niveau der 4. Klasse.
Als größte Gefahr für Langzeitarbeitslose auf den Arbeitsagenturen sieht Harald Wagner ein Missverständnis: Erkenne der Job-Berater den Analphabetismus nicht, werde dem Betroffenen mangelnde Bereitschaft zur Kooperation unterstellt. Seine tatsächlichen – beispielsweise handwerklichen – Fähigkeiten blieben unbeachtet. Deshalb war ein Ziel des Forschungsprojektes der EHS, Schulungen für die Mitarbeiter von Arbeitsagenturen zu entwickeln, um sie für Analphabetismus zu sensibilisieren.
Jemanden mit diesem Defizit zu erkennen, sei aber nur der erste Schritt, sagt Harald Wagner. Wichtiger sei es, den Betroffenen zu ermutigen, ohne ihn wegen seines Defizits zu beschämen. Analphabetismus habe oft Ursachen, die im Umfeld des Betroffenen lägen. »Meist sind es massive Ablehnungserfahrungen.« Wagner hat bei seinen Forschungen von älteren Menschen erfahren, die als Vertriebene in ihrer neuen Heimat in der Schule ausgegrenzt wurden und mit Trotz reagierten. Oder von Heimkindern, die aus dem Trauma nach Verlust ihrer Familie eine Verweigerungshaltung gegenüber Lehrern entwickelten. Jüngste Erscheinung: »In der Umgebung von Jugendlichen ist Hartz IV Symbol für eine Existenzmöglichkeit geworden. Die trauen sich gar keine andere Perspektive mehr zu. Sie können daher nicht begreifen, warum es für sie überhaupt Sinn haben sollte zu lernen.«
Außer Motivation ist viel Zeit nötig. Analphabetismus, der sich über viele Jahre verfestigt hat, ist nicht in einem Sechs-Wochen-Kurs zu beheben. »Wir müssen lange mit ihnen arbeiten«, bestätigt Ute Genderjahn vom Verein für Arbeitsförderung und Selbsthilfe in Freital, der Alphabetisierungskurse anbietet. Sieben Analphabeten im Alter zwischen 17 und über 50 lernen bei ihnen seit drei Jahren. Der Verein ist Teil eines Netzes von Hilfsangeboten, mit denen Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) die Zahl der Analphabeten verringern möchte. Im November will er dazu eine landesweite Plakatkampagne starten.
Tomas Gärtner
Jesus und die Polizeischüler
18. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Comments Off
Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
2. Timotheusbrief 1, Vers 10
Die Polizeischüler erhalten eine Aufgabe zur Geschichte vom barmherzigen Samariter: Unterstreiche die handelnden Personen, wähle eine aus und beschreibe ihre Rolle im Geschehen.
Manche beschreiben den Gastwirt, der den unter die Räuber Gefallenen pflegt. Der Mann ist schwer verletzt. Andere sehen: gleich zwei Menschen gehen vorüber und lassen das Opfer liegen. Eine Polizeischülerin sagt: »Die Rolle des Erzählers erfüllt eigentlich auch ein Polizist. Denn wir beschreiben wortreich die Konsequenzen des Handelns. Unterlassene Hilfeleistung geht nicht.«
Die Blicke einiger Schüler wirken verunsichert. Das geht doch ein bisschen weit, oder? Der atheistische Wortwitz »Du bist doch nicht Jesus« rutscht einem der Schüler heraus. Jetzt geht es um das Evangelium: »Besser wiederholt und lange reden, besser helfen als scharf zupacken«, so und ähnlich sprechen die angehenden Polizisten. »Von dem Erzähler Jesus kann man lernen, wie den Leuten zu erzählen ist – mit Alltagsbeispielen eben«, sagt eine Schülerin. Evangelium bringt Leben.
Jesus zeigt uns den Menschen, der ewig zu finden sein wird. Das unvergängliche Wesen Mensch stellt er mit dem Samariter vor, der anderen zum Leben hilft. Der barmherzige Mensch hebt das Gewaltopfer auf. Gewalt und Tod haben aber mit den täglichen Nachrichten, den Filmen und in den Computern eine Gewohnheitsspur in Menschen gerieben.
In Christus ist die Macht gegeben, der Macht des Todes zu widerstehen. Jesus Christus hat Macht. Immer sonntags wird das Evangelium verlesen, manchmal auf der Straße erzählt.
Stephan Bickhardt
Kein Multi-Kulti-Kartell
17. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Im Nebel der Wort-Schlacht um die Äußerungen von Thilo Sarrazin geht es kaum noch um die Integration von Ausländern und ihrer Kinder. Dafür raunt es immer lauter an Stammtischen und in Deutschlands größter Boulevardzeitung: »Das wird man doch noch sagen dürfen!«
Sarrazin schmäht Muslime und Arbeitslose? Egal. Nicht wenige Deutschen stimmen ihm zu. Als wäre eine Befreiung der schweigenden Mehrheit vom Joch überkorrekter Politiker und Journalisten dringend nötig.
Und das Volk hat recht.
Nur eines wird dabei vergessen: Die Masse kann irren – und furchtbare Verbrechen anzetteln.
Diesen toten Winkel der Demokratie hat das nationalsozialistische Deutschland weidlich ausgeleuchtet. Deshalb haben die westlichen Alliierten nach 1945 in Deutschland ein System installiert, das kaum direkte Volksabstimmungen erlaubt. Andernfalls gäbe es hierzulande vielleicht auch ein Minarett-Verbot wie in der Schweiz – eine schwere Beschränkung der Religionsfreiheit.
Hinter der Parteinahme für Sarrazin und gegen ein vermeintliches Multi-Kulti-Kartell von Medien und Politik schimmert – auch in christlichen Kreisen – oft kaum verborgene Genugtuung hervor: Gespeist aus Vorbehalten gegen 68er und Einwanderer, die auf nicht wenige fremd oder gar bedrohlich wirken.
Wie gefährlich so ein Gemisch aus diffusen Gefühlen ist, kann dieser Tage in Frankreich besichtigt werden, wo ein angeschlagener Präsident soeben mit der Zwangsaussiedlung von Roma seinen Ruf aufzumöbeln versucht.
Alle, denen etwas an der von Gott gegebenen Würde eines jeden Menschen liegt, sollten froh sein, dass so etwas hierzulande undenkbar ist. Und dass sich Politik und Medien darin weitgehend einig sind. Noch.
Andreas Roth
Gerechte Einschnitte
16. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
Comments Off
Die Stadtmission Chemnitz sammelt Unterschriften gegen die Rotstift-Pläne der Stadt

Will mitreden, wenn die Stadt Chemnitz Sozialleistungen kürzt: Der Direktor der Chemnitzer Stadtmission Hans-Rudolf Merkel zeigt die Protest-Postkarten, die sein Verein in der Stadt verteilt. (Foto: Andreas Seidel)
Die Messerklinge zeigt genau auf den Betrachter und schneidet den Apfel in zwei ungleiche Teile. »Gerecht?«, lautet die Frage auf der Postkarte. Nein, das ist nicht gerecht geteilt!, möchte man protestieren. 5000 dieser Postkarten hat die Stadtmission Chemnitz gedruckt und in den letzten Wochen in der Stadt verteilt. Per Unterschrift sollten sich die Empfänger für gerechtes Aufteilen der knapper werdenden Stadtfinanzen einsetzen und die Karten der Stadtmission zurück senden.
Gesammelt sollen diese der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) übergeben werden. Die Aktion läuft noch bis zum 17. September, bis zum vergangenen Sonntag waren über 300 ausgefüllte Karten bei der Stadtmission angekommen.
»Wir können uns nicht gegen die Veränderungen stellen, weil wir selbst ein Teil des Systems sind. Aber gemeinsam wollen wir neue Wege finden«, sagt Stadtmissions-Direktor Hans-Rudolf Merkel. »Künftig haben wir weniger Geld zur Verfügung. Das ist eine Tatsache.« Merkel versteht die anstehenden Kürzungen als »Einstieg in den Umstieg« und nicht als »Einstieg in den Ausstieg«. Seiner Meinung nach sei auch mit weniger Geld »geordnete soziale Arbeit« möglich.
Das Ja zu Veränderungen steht für den Diakonie-Chef fest. »Jetzt müssen wir das Wie diskutieren. Wir wollen einen Beteiligungsprozess – und der muss erstritten werden«, betont Hans-Rudolf Merkel. Als Beispiel für einen neuen Weg nennt der Stadtmissions-Direktor die Zuschüsse für das Mittagessen in Chemnitzer Kindertagesstätten, von denen die Diakonie zwei betreibt. Ab 2012 soll der städtische Zuschuss von durchschnittlich 80 Cent pro Kind und Tag komplett gestrichen werden. Dagegen gibt es vielfachen Protest.
Hans-Rudolf Merkel schlägt vor: Ab 2012 soll das Essen nur noch für die Kinder bezuschusst werden, deren Familien aufgrund der vorhandenen Bemessungssätze bereits jetzt unterstützt werden. »Finanziell starke Familien können das Mittagessen für ihre Kinder komplett bezahlen und damit ihre Verantwortung wahrnehmen. Das ist ein neuer Weg mit dem Ansatz der Gerechtigkeit.«
Dorothee Morgenstern
Die Verwandlung
16. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Comments Off
Sachsens Diakonie wird 20 Jahre alt – und Brigitte Schad lernt fliegen. Zwei Geschichten vom Wachsen.

Die Polizei schickte Brigitte Schad als junge Frau in die Psychiatrie, 28 Jahre sollte sie dort bleiben. In einem Haus der Diakonie fand sie in ein neues Leben – und wurde Mitarbeiterin. (Foto: Uwe Winkler)
Brigitte Schad wollte nie zur Diakonie. Um keinen Preis. Standhaft weigerte sich die kleine Person in den hohen Fluren des Anstaltsgebäudes: »Ich komme nicht mit, ich bleibe hier.«
28 Jahre lebte die gleichmütige Frau schon in der Psychiatrie von Altscherbitz nahe Leipzig, hier war ihr alles vertraut. 28 Jahre ein Bett in einem Schlafsaal mit 15 Frauen, nichts Privates, wer unruhig war, wurde festgebunden. 28 Jahre kaum ein gutes Wort oder eine liebevolle Berührung, dafür kam einmal pro Woche der Arzt zur Visite.
»Oligophrenie« schrieb er in ihre Krankenakte. Schwachsinn.
Dabei war schwachsinnig vor allem eines: Dass Brigitte Schad überhaupt in der Psychiatrie lag. Die Polizei hatte die in Kinderheimen aufgewachsene Frau von der Straße weg ins Krankenhaus geschafft, weil sie nicht auf der ihr zugewiesenen Arbeitsstelle erschien: Eine Fischfabrik, nur war Brigitte Schad Vegetarierin. Das alles passte nicht ins sozialistische Weltbild. So wurde die damals 18-Jährige eine so genannte »Langliegerin«. Eine von über 4500 in Sachsens Psychiatrien am Ende der DDR: Seelisch Kranke, Verhaltensauffällige, geistig Behinderte – Menschen, mit denen der SED-Staat nichts anzufangen wusste.
Als Steffen und Kathy Randolph 1995 auf die Station von Brigitte Schad kamen, hatten sie einen Auftrag des sächsischen Sozialministeriums: Sie sollten bei der Diakonie – Innere Mission Leipzig ein Pilotprojekt aufbauen für die bisherigen Schlafsaal-Bewohner: ein Leben außerhalb von Krankenhausmauern.
»Als wir die ersten Male durch die Kliniken gingen und Bewohner suchten, fragten wir bewusst nicht nach deren Diagnosen«, erinnert sich der Diakon Steffen Randolph. »Wir wollten den Menschen sehen und die Krankengeschichte zu einer Lebensgeschichte machen.«
Drei Anläufe brauchte es, bis Brigitte Schad den Sprung in ein neues Leben wagte. Im Dezember 1995 gehörte sie zu den ersten Bewohnern der »Alten Posthalterei« in Panitzsch. 38 Menschen leben in dem neu erbauten Haus, 24 werden in Wohnungen außerhalb betreut.
»Wir sehen nicht zuerst auf das, was unsere Bewohner nicht können – sondern auf ihre Stärken. Sie selbst sind die Experten für ihr Leben«, sagt die Psychologin Anastasia Bröske. »Und wir unterstützen sie dabei.« Für den Leiter der Wohnstätte, Steffen Randolph, ist das eine logische Konsequenz aus der biblischen Schöpfungsgeschichte. Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild, steht dort – jeden Menschen.
Steffen Randolph und seine Frau Kathy sind eine Art diakonisches Urgestein. Diakonie – das ist für sie Berufung. Als sie 1982 im Osterzgebirge ein Erholungsheim der Inneren Mission übernahmen und später die Wohnstätte in Panitzsch aufbauten, verschrieben sie sich der Aufgabe mit Haut, langen Haaren und der ganzen fünfköpfigen Familie. Leben und Beruf fielen in eins. Ein solches Gemisch befeuerte den Motor der evangelischen Sozialarbeit unter den widrigen Bedingungen der DDR.
Die Innere Mission mit ihren knapp 2600 Mitarbeitern in Sachsen wuchs nach 1990 zur Diakonie mit heute 11.000 Vollzeitstellen in 940 Einrichtungen. Ein Koloss, der auch auf Zahlen gebaut ist, auf Abrechnungen und einer manchmal etwas kühlen Professionalität.
Doch auch Brigitte Schad ist gewachsen. Als sie in die Panitzscher Wohnstätte einzog, traute sie sich nicht allein über die Straße. Vor sieben Jahren zog sie aus, wie auch 20 andere Bewohner bisher. Mit 50 Jahren hatte Brigitte Schad eine eigene Wohnung. Und einen Arbeitsvertrag bei der Diakonie. Sie, die 18 Jahre in Kinderheimen und 28 Jahre in der Psychiatrie leben musste und nun als gute Seele der »Alten Posthalterei« gilt, sie unterstützt nun selbst andere Menschen.
Am 20. September, wenn Sachsens Diakonie ihren 20. Geburtstag feiert, wird ihr Flugzeug gen Mallorca abheben.
Brigitte Schad kann jetzt fliegen.
Andreas Roth
Ein Seil vom anderen Ende der Welt
12. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.
1. Petrus 5, Vers 7
In der Nachbarschaft wohnen Menschen, die sich nicht Christen nennen. In der Schule gibt es Mitschüler, die noch keine Schritte bis zu einer Kirchentür unternommen haben. Auf der Arbeit redet keiner von den Verlautbarungen der Kirche. Doch Sorgen haben alle in der Nachbarschaft und in der Schule oder auf der Arbeit.
Gelegentlich wird in der Seelsorge darum gebeten, eine Art geistliches Mutmachwort zu sprechen. Diese Bitte liegt manchmal in der Luft. Und vor den Leuten können dann die Bibelworte auseinander genommen werden, bis sie zu passen scheinen.
Also: »In der Bibel steht, sorgt für euch.« Und: »In der Bibel steht, werft eure Sorgen weg, alle.«
Zuvor wurde Schwieriges besprochen: Ein Porsche fackelte in der Nacht ab, fünf Kinderwagen wurden in einer Straße gestohlen, eine ältere Frau wurde krankenhausreif geschlagen. Sie hatte zu einem ausländischen Studenten gehalten, der bedroht wurde. Tatsächlich ist dies so binnen weniger Stunden geschehen.
In der Bibel steht, sorgt für euch. Die humane Substanz der Bibelworte trägt. Ist es gegen den Sinn der Schrift, die Worte der Bibel auseinander zu nehmen? Es gibt diese Erfahrung: Menschen werden mit den Worten der Bibel, die über den Menschen etwas aussagen, erreicht. Als würde vom anderen Ende der Welt ein Seil geworfen. Es wirkt plötzlich alles gehalten und mit Sinn und Grund. Schließ den Fall ab und sorge für dich: so etwa. Dann kommt der unbeschreibliche Moment und das Wort dazu: Gott sorgt für dich.
Das Sorgen um das Nichtsorgen, endlich irgendwie wegzukommen aus der Problemzone, kann den Menschen auch kaputtmachen. Gott sorgt für dich.
Stephan Bickhardt
Pfarrer Stephan Bickhardt ist Polizeiseelsorger in Leipzig.
Kinderlein kommet
10. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Comments Off
Manchmal sind es nur drei Kinder, andernorts 30 oder sogar 70: Kindergottesdienst in Sachsens Gemeinden ist vielfältig – und lebt vom ehrenamtlichen Engagement.
Eines Tages wurde es Torsten Woitkowitz zu viel: »Es war so viel Kindergeschrei und Herumgerenne im Gottesdienst, dass keine Andacht mehr möglich war«, erinnert sich der Familienvater an die Gottesdienste in seiner Gemeinde vor über zehn Jahren. Heute gibt es dank Torsten Woitkowitz in der Leipziger Michaeliskirche an jedem Sonntag Kleinkindbetreuung, monatlich einen Kleinkindgottesdienst und jede Menge Arbeitshilfen und Literatur zum Thema. Torsten Woitkowitz ist einer der sechs Männer im elfköpfigen Team für den Kindergottesdienst in der dortigen Gemeinde.
Zwischen drei und 20 Erwachsene kümmern sich durchschnittlich in jeder sächsischen Kirchgemeinde um den Kindergottesdienst. »Bei etwa 800 Gemeinden ist das ein ganz hohes Potential an Ehrenamtlichen« sagt Maria Salzmann, Studienleiterin für Kindergottesdienst und Familienarbeit am Theologisch-Pädagogischen Institut (TPI) in Moritzburg. So viele Ehrenamtliche gebe es auf wenig anderen Gebieten der Gemeindearbeit.
Damit diese geschult und informiert werden, bietet sie Fortbildungen an. Denn es sei eine anspuchsvolle und schwierige Arbeit: »Kindergottesdienst dauert zwischen 20 Minuten und einer Dreiviertelstunde und man weiß vorher nie, wie viele Kinder kommen und wie alt diese sind«, so Salzmann. Und eine theologische oder didaktische Ausbildung könne von den Ehrenamtlichen nicht erwartet werden. Doch es gibt für sie Angebote des Kindergottesdienstverbandes der EKD und das jährliche Buch »Gottesdienste mit Kindern« aus der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

Zur »Schatzinsel« in der Chemnitzer Lutherkirchgemeinde kommen Sonntag für Sonntag bis zu 70 Kinder. Der Kindergottesdienst unter diesem Namen lehnt sich an das Konzept »Promiseland« an. (Foto: Markus Sprinz)
Der Kindergottesdienst sei ein Mauerblümchen gewesen, die Mitarbeiter waren frustriert, erinnert sich Gemeindepädagoge Markus Sprinz. Also machte er sich auf die Suche nach einem neuen Konzept. Heute kommen Sonntag für Sonntag bis zu 70 Kinder. Die Größeren werden schon mit eingebunden in die Gestaltung der »Schatzinseln«. »Wenn sie Verantwortung haben, kommen sie auch viel lieber, als wenn es heißt: Du musst in den Gottesdienst«, sagt Markus Sprinz.
Sieben der 38 Gemeinden des Kirchenbezirks Chemnitz gestalten den Kindergottesdienst im Promiseland-Stil. Bezirkskatechetin Anne Lätsch hält ihn lieber nach traditionellem Gottesdienstplan mit Gebet, Lied und biblischer Geschichte. Für sie ist es wichtig, »dass die Kinder in die Liturgie hineinwachsen, um sie später schön zu finden.« Doch zugleich begrüßt sie die Vielfalt der Kindergottesdienstformen.
Die Zahlen geben ihr recht. In einer Auswertung im Kirchenbezirk Chemnitz aus dem Jahr 2008 wurde deutlich, dass solche besonderen Formen wie Promiseland besser angenommen werden als der 25-minütige Kindergottesdienst parallel zum Erwachsenengottesdienst. Kämen sonst zwischen ein und fünf Kinder, seien es bei alternativen Formen oft 20 und mehr Kinder, so die Auswertung. Und auch die Mitarbeiter seien für besondere Formen eher zu motivieren.
Das deckt sich mit einer Studie aus der Moritzburger Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie. »Dort, wo die Arbeit mit Kindern kräftige Zuwächse zu verzeichnen hat, trifft man auf innovative Konzepte«, so Professor Martin Steinhäuser. So wie das von ihm in Deutschland miteingeführte »Godly Play«. Eine Form der Kinderarbeit, in der viel mit Bildern und Gegenständen gearbeitet wird und bei der die biblischen Geschichten von der Wahrnehmung der Kinder her erzählt werden.
Darin hat sich Torsten Woitkowitz fit gemacht. Seit einem Jahr zieht der Kindergottesdienst nach diesem Modell in einem eigens dafür eingerichteten Raum in der Leipziger Michaeliskirche sonntags immer mehr Kinder an.
Die dortige Gemeindepädagogin Sarah Badstübner ist sich sicher: »Eine Gemeinde, die regelmäßig Kindergottesdienst anbietet, kann Familien eine Heimat geben. Selbst wenn nur ein oder zwei Kinder kommen, darf man nicht aufgeben.« Torsten Woitkowitz hat diese Erfahrung gemacht: »Wenn Leute sich treffen und es wirklich wollen, dann wird es etwas. Dann hilft der Heilige Geist mit.«
Christine Reuther
![RSS ⇒ DER SONNTAG [Sachsen] abonnieren](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/rss.gif)
![⇒ DER SONNTAG [Sachsen]](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/logo2.gif)



