Ein Mächtiger ohne Macht wird uns Weihnachten schenken

27. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharia 9, Vers 9

Sie bringt ihn mit in ihrer bunten Korbtasche. Er ist in zwei Baumwolltücher gehüllt. Vorsichtig legt sie ihn auf den Tisch. »Ich habe ihn für Euch mitgebracht.« Sie nimmt die Lagen der Tücher ab, Tuch um Tuch. Mit jedem Tuch wird ihre Bewegung ein wenig zärtlicher.

Wir sind ganz still geworden, schauen gebannt auf die Tischmitte. Da kommt etwas zum Vorschein, da wartet etwas auf uns in Baumwolltüchern verpackt. Es scheint besonders, sehr besonders zu sein. »Siehe dein König kommt, ein Gerechter und ein Helfer ist er.«

Die Erwartung trägt die Verkleidung der Superlative. König, Gerechter, Helfer, alles wird anders. Eine glänzende Wirklichkeit zeigt sich bald, warte nur …

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Sie nimmt mit sanfter Bewegung das letzte Tuch weg, streicht mit zärtlicher Geste über das, was sich unseren Augen jetzt zeigt. Es ist ein Engel. Ein ganz alter Engel. Holzwürmer haben ihre Spuren hinterlassen. Und von vielen Wachstropfen ist der Körper gezeichnet. Flügel hat er schon lange keine mehr und ein Arm scheint auch verloren. Doch ihre Augen strahlen. »Dieser Engel bringt mir den Advent. Er weiß die Geschichte zu erzählen mit abgebrochenen Flügeln und Wachs auf dem Kleid – und er erzählt von meiner Mutter, wie sie ihn Jahr für Jahr in die alte Kiste gepackt und auf den Boden gebracht hat. Es war immer die gleiche Kiste und es war immer das gleiche Papier.«

Der Engel ist so schön, weil an ihm nichts mehr perfekt ist. Deshalb kann er erzählen. Siehe dein König kommt …? Es ist ein König, dessen Krone nichts vom Glimmer dieser Welt weiß. Es ist ein Mächtiger, ohne Macht. Er wird gezeichnet sein in unserer Welt, doch er wird uns Weihnachten schenken und den Weg dorthin.

Beate Schelmat von Kirchbach

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Geschäftiger Advent

26. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Bäumchen, Männlein, Pyramiden: bei Carmen Günther sieht es aus wie in der Weihnachtsmannwerkstatt. Ihre Firma sorgt für den Schmuck in der besinnlichen Adventszeit. (Foto: Jan Görner)

Bäumchen, Männlein, Pyramiden: bei Carmen Günther sieht es aus wie in der Weihnachtsmannwerkstatt. Ihre Firma sorgt für den Schmuck in der besinnlichen Adventszeit. (Foto: Jan Görner)

 
Advent ist die Zeit der Besinnung und des Wartens auf Weihnachten. Doch es gibt auch Christen, für die in dieser Zeit Hochbetrieb herrscht – weil sie davon leben.
 

Carmen Günther sitzt in ihrem Ladengeschäft hinter der Theke und kümmert sich um die Kurrendekinder. Die kleinen Ärmchen an den gedrechselten Holzkörpern fehlen noch und müssen eines nach dem anderen angeklebt werden. Eigentlich machen das ihre Mitarbeiter in der Seiffener Spielwarenwerkstatt. Doch weil Weihnachten naht, hilft die 47-Jährige, die sich sonst um Verwaltung und Buchhaltung, Verkauf und Einkauf im Familienbetrieb kümmert, selbst mit aus.

Auch an den Adventssonntagen wird Carmen Günther hinter der Ladentheke stehen: »Ich bin da als Christin zwiegespalten«, gibt sie zu.

Der Seiffener Pfarrer Michael Harzer ermutigt seine Gemeindemitglieder: »Nehmt euch wenigstens Zeit für den Gottesdienst.« Der gelernte Handelskaufmann weiß, wie sehr das traditionsreiche Handwerk den Ort prägt. Jetzt im Advent haben die erzgebirgischen Holzwerkstätten Hochbetrieb. Seit dem frühen Herbst werden Bäumchen, Häuschen und Engel geschnitten und gedrechselt, um später genügend Nachschub für Läden und Weihnachtsmarktbuden zu haben.

Vom ersten bis zum vierten Advent lädt de Kurort Seiffen zu seinem Weihnachtsmarkt ein. Weil der nicht an einem zentralen Platz stattfindet, sondern verteilt im Ort, sind auch einige der rund 50 Ladengeschäfte an den Adventssonntagen geöffnet. »Als Gemeinde haben wir uns deshalb nicht an der Postkartenaktion der Landeskirche gegen die Aufweichung des Sonntagsschutzes beteiligt«, sagt Pfarrer Harzer, »das ist für Seiffen kein Thema mehr«. Und er erinnert daran, dass der Gründer der Seiffener Drechsler-Genossenschaft ein Pfarrer gewesen sei. Der habe im Ersten Weltkrieg seine Kontakte genutzt und als Spielwarenverleger fungiert.

Advent ist für Familie Günther eine wenig besinnliche Zeit. Erst wenn sie am ersten Weihnachtsfeiertag zum Krippenspiel geht, kehrt Ruhe ein in Haus und Werkstatt. So wie ihnen geht es auch anderen Einzelhändlern in Sachsen. Besonders Spielwarengeschäfte, Parfümerien, Schmuckläden oder Elektronikgeschäfte machen, laut sächsischem Handelsverband rund ein Viertel ihres Jahresumsatzes allein in den Monaten November und Dezember. Sie sind aufs Weihnachtsgeschäft angewiesen.

Bei Jens und Dorothea Tuffner ist der Advent dagegen nicht so stürmisch. Das christliche Ehepaar betreibt in Chemnitz und im erzgebirgischen Langenweißbach ein Möbelgeschäft mit angeschlossener Tischlerei. Doch Küchen und Sofas gehörten nicht zum typischen Weihnachtsgeschäft, sagt Dorothea Tuffner. Deshalb bleibe manchmal sogar Zeit, in diesen Wochen mit den Mitarbeitern einen Weihnachtsausflug zu machen. An zwei Adventswochenenden kann Jens Tuffner nicht zu Hause sein, sondern fährt auf Messen. Die Kauffreudigkeit der Kunden jedenfalls nehmen die Tuffners gerne zum Anlass, zu einem gemütlichen Abend ins Möbelhaus einzuladen – ein etwas ruhigerer Gegenpol zum Weihnachtsmarkttreiben.

Den möchte auch Pfarrer Michael Harzer bieten und öffnet die Türen der Seiffener Bergkirche auch dann, wenn die Touristen ins Dorf strömen. Harzer schätzt, dass zehn bis 15 Prozent der Gottesdienstbesucher Gäste sind, und das sei dann auch ein wirtschaftlicher Faktor. Der eigenen Gemeinde will er auch nach den Weihnachtsfeiertagen noch bis Lichtmess am 2. Februar die Möglichkeit für besinnliche Stunden in der Kirche erhalten. Damit sie, wenn nach Weihnachten die Verkaufshektik schlagartig nachlässt, nachholen können, was im Advent vielleicht an ihnen vorübergegangen ist.

Maxie Thielemann

»Keine Fördergelder für Extremisten«

25. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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In der Dresdner Frauenkirche sollte vor zwei Wochen der sächsische Demokratie-Preis an das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Pirna verliehen werden. Doch der Verein verweigerte die Annahme, nachdem das sächsische Innenministerium kurzfristig gefordert hatte, dass der Preisträger seine Partner auf ihr Verhältnis zum Grundgesetz hin prüfen solle. Dies ist auch Politik der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). Die Arbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus« kritisierte dies als »Gesinnungsprüfung«. Andreas Roth sprach darüber mit dem sächsischen Innenmi­nister Markus Ulbig (CDU).

Markus Ulbig (CDU) ist Sachsens Innen­minister.

Markus Ulbig (CDU) ist Sachsens Innen­minister.

Herr Ulbig, warum hat das Innenministerium bei den Nominierungen für den Demokratie-Preis Wert auf eine Abgrenzung zu extremistischen Strukturen gelegt?
Ulbig:
Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass diejenigen, die einen solchen Preis für Demokratie erhalten, auch auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und sich zu den Werten unserer Demokratie bekennen. Alles andere wäre absurd. Wer eine solche Erklärung als unzumutbar empfindet, entlarvt sich selbst. Wir wollen verhindern, dass Extremisten und Feinde der Demokratie Fördergelder erhalten. Wenn jetzt von »Gesinnungsprüfung« und angeblichen »Stasimethoden« gesprochen wird, so ist das nicht nur realitäts- und sachfremd, sondern noch dazu eine Relativierung und Verharmlosung der Verbrechen des DDR-Regimes.
 

Gab es Anhaltspunkte dafür, dass der als Preisträger ausgewählte Pirnaer Verein sich nicht auf dem Boden des Grundgesetzes bewegt?
Ulbig:
Darum geht es nicht. Die­se Erklärung haben alle nominierten Initiativen unterschrieben, auch die Pirnaer. Erst danach wurde die Unterschrift zurückgezogen. Wer mit einem Demokratie-Preis ausgezeichnet wird, sollte über jeden Zweifel erhaben sein.

Sind linke Vereine, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und wie jüngst in Limbach-Oberfrohna Opfer rechtsextremer Anschläge werden, schon an sich zweifelhaft?
Ulbig:
Ob es in Limbach-Oberfrohna ein rechtsextremistischer Anschlag war, wird sich erst nach Ende der Ermittlungen feststellen lassen. Wenn Vereine und Initiativen, die sich vorgeblich der Demokratie verschrieben haben, sich kritisch zu den elementaren Werten des Grundgesetzes äußern, dann ist das problematisch. Das ist vollkommen weltanschauungsneutral. Unser höchstes Anliegen ist der Schutz der freiheitlichen Demokratie. Dafür sind die Menschen vor 21 Jahren mutig auf die Straße gegangen.

Fürchtet Euch nicht!

25. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der erste Schnee macht die Welt leise und weiß – es ist Advent. Und Friede auf Erden? In den Duft der Räucherkerzen mischt sich nicht nur auf Weihnachtsmärkten die Angst vor dem Terror. Aus den Innenministerien hört man, dass Islamisten Anschläge planen. Auch in Deutschland, fernsehtauglich, in der Adventszeit vielleicht. Es sind nur Mutmaßungen und Spekulationen. Die Seelen aber haben die Terroristen schon getroffen.

Wie soll man da die weihnachtliche Botschaft hören:

Fürchtet Euch nicht?

Auch Christen fürchten sich. Jesus selbst hat sich gefürchtet vor dem Tod. Es ist eine heilsame Angst, die den Unterschied markiert zur Todes- und Menschenverachtung der Selbstmordattentäter. Angst ist eine Seite der Liebe zum Leben. Und sie kann etwas Klärendes sein und den Blick öffnen. Etwa für den Skandal der terroristischen Gewalt, die das Kleid der Religion missbraucht für eine totalitäre Ideologie.

Aber die Angst rührt auch an den Skandal jener Gewalt, in die wir und unser Land verstrickt sind. Unser Wohlstand fußt auch auf der Ausbeutung, der Armut und Hoffnungslosigkeit unzähliger Menschen in aller Welt. Diktatorische Regime werden vom Westen gestützt. Ein Nährboden für Ideologen.

Fürchtet Euch nicht?

Wenn die Angst dazu führt, dass wir unsere eigene Verstrickung in die Wurzeln des Terrors nicht sehen wollen, dann wird sie töricht.

Wenn die Angst dazu führt, dass wir unsere Werte einer offenen Gesellschaft verlassen, dann wird sie feige.

Wenn die Angst dazu führt, dass Muslime und ihr Glaube unter Generalverdacht gestellt werden, dann wird sie zerstörerisch.

Die Weihnachtsbotschaft leuchtet schon im Advent:


Fürchtet Euch nicht!

Andreas Roth

Hoffen auf etwas, das die Seele stärkt

20. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.
Lukas 12, Vers 35

Der Tisch ist gedeckt. Die blauen Teller und Tassen – das sind meine kostbarsten – und besondere Gläser warten auf eine besondere Stunde. Ein Strauß Herbstblumen steht in der Mitte des großen runden Holztisches. Die Küche verströmt Duft.

Im Wohnzimmer brennt Licht. Die Gardinen sind aufgezogen.

Noch ein schneller Blick über den Tisch – ist alles gut.

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Ich mag sie, diese Zeit gespannter Aufmerksamkeit, mit Sorgfalt vorbereitet, Minuten der Erwartung auf einen lang ersehnten Besuch.

Freunde haben sich angesagt, richtig gute Freunde.

Und jetzt ist diese Zeit. Ich zünde die Kerzen auf dem Tisch an, lege noch ein Holz in den Ofen, das brennt langsam vor sich hin. Noch einen letzten Blick in den Spiegel – ist es gut so?

Jetzt genüsslich in den Sessel fallen lassen und warten können, weil alles fertig ist – wunderbar.

Seid wachsam, weiß unser Glaube. Tragt eure Kleider so, damit ihr schnell loskönnt. Lasst eure Lichter brennen. Das tue ich nur, wenn ich auf etwas hoffe. Etwas, das meine Seele stärkt, meinen Träumen Flügel gibt.

Lasst Eure Lichter brennen, habt Hoffnung, ein wenig mehr als sonst, Hoffnung in das sonst so ferne, das Unverfügbare. Jetzt ist es nahe. Jetzt – zwischen Ewigkeitssonntag und erstem Advent. Es ist eine besondere Zeit im Kirchenjahr mit einer besonderen Hoffnung.

Gleich wird es klingeln, gleich geht die Tür auf.

Es ist alles getan.

Es ist alles gut.

Draußen das Licht, am besten ich mache es noch mal an und stelle eine Kerze ins Fenster. Gespannt lausche ich in die Stille. Ich stelle mir vor, wie sie aussehen, wir haben uns lange nicht gesehen, und jeder Gedanke ist nur noch Freude.

Beate Schelmat von Kirchbach

Aus Asche auferstehen

18. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Feuerbestattung galt lange als unchristlich. Viele Christen hoffen: Wenn Gott nach dem Tod neues Leben schafft – dann auch aus Asche.
 

Als würde sie schlafen. Die braunen Haare ordentlich gefärbt und gekämmt, die Gesichtszüge friedlich und fast ohne Falten, die Hände ruhen auf einer weißen Decke. Das wird das letzte Bild ihrer Mutter und Großmutter sein. Stumm steht die schwarz gekleidete Familie am Sarg im schwachen, warmen Licht des Aufbahrungsraumes im Krematorium Meißen. Ein letzter Blick, dann wird der Sarg geschlossen und durch eine niedrige Tür in die schlichte hohe Halle zur Trauerfeier geschoben.

»Darf man sich als Christ mit Feuer bestatten lassen? Und wie ist es dann mit der Auferstehung?«, solche Fragen hört die Leipziger Krankenhaus­pfarrerin Ulrike Franke immer wieder, vor allem von älteren Menschen. Oft quälen sich nach einer Urnenbeisetzung die Angehörigen mit diesen Fragen, weiß Ansgar Ullrich vom Christlichen Hospizdienst in Dresden. Ist der Mensch nicht Gottes Ebenbild, wie es die Bibel erzählt, ein einzigartiges Geschöpf – darf man ihn verbrennen?

Langsam senkt sich der Sarg in der Meißener Trauerhalle in die Tiefe. Ein stiller Abschied. Und eine stille Ankunft bei Klaus Tiebel. Der bärtige Feuerbestatter im blauen Arbeitszeug öffnet die Fahrstuhltür im grau-grün gefliesten Keller des Krematoriums und hebt den Sarg mit einem Kran auf einen kleinen Wagen. Wenn Tiebel einen schwarzen Knopf drückt, öffnet sich leise surrend der glühende Mund des Ofens und bläst eine Hitzewolke aus. Auf Schienen gleitet der Sarg hinein in das Rot.

Das Verbrennen von Leichen ist kein Produkt der technischen Moderne. Nur 200 Meter vom Meißener Krematorium entfernt fand man Jahrtausende alte Urnengräber – so war es Brauch bei Slawen wie Germanen. Im Orient jedoch bestattet man die Toten mit unversehrtem Körper. Der biblische Erzvater Jakob wurde auf diese Weise beerdigt, wie auch Jesus, und die Christen hielten über Jahrhunderte daran fest. Doch nirgends in der Bibel oder den kirchlichen Dogmen wird behauptet, dass die Feuerbestattung ein göttliches Gebot überschreite. Erst Karl der Große verbot die Einäscherung – als Teil der brutalen Unterwerfung der heidnischen Sachsen.

Nachdem 1876 in Gotha das er­ste Krematorium öffnete, propagierten vor allem antikirchliche Freidenker die Feuerbestattung. Die deutschen Landeskirchen indes fanden nach kurzem Widerstand schon bald keine theologischen Gründe mehr gegen sie.

Auf den Friedhöfen der sächsischen Landeskirche werden seit 25 Jahren ebenso viele Menschen in einer Urne wie in einem Erdgrab bestattet – unter Konfessionslosen und in Städten ist der Anteil der Feuerbestattungen wesentlich höher. Nur im Erzgebirge entscheiden sich über 70 Prozent der Christen für eine Erdbestattung.

Sieben Minuten braucht das Feuer, um den Sarg aufzuzehren. Etwa 40 Minuten braucht es für einen Menschen. Was bleibt, zieht der Feuerbestatter Klaus Tiebel in einem Metallkasten aus dem Ofen. Graue Asche, ein paar Knochen. Es bleibt exakt so viel von einem Körper wie 20 Jahre nach einer Erdbestattung.

Ist das alles, was bleibt?

»Es wird eine Auferstehung von Leib und Seele geben«, das sagt die Krankenhausseelsorgerin Ulrike Franke allen, die sie fragen. »Aber dafür braucht Gott nicht die Reste des Körpers, die wir in die Erde legen.« Die verwahrt Klaus Tiebel im Keller des Meißener Krematoriums säuberlich in einer Urne und stellt sie vor sich auf den Schreibtisch. In einem Schubfach, gleich gegenüber den Öfen, hat er Farbe und Pinsel verstaut. Wenn es die Trauernden wünschen, malt er strahlende Sonnenblumen auf die Urne.

Während Tiebel auf den Puls der Öfen hört, geben die Blumen doch eine Ahnung: Hier unten ist nicht alles zu Ende. Kaum zu glauben? »Du Narr«, antwortete der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth: »Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.«

Andreas Roth

Die Taufe neu feiern

18. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die soziale Gerechtigkeit war das Thema, unter das Landesbischof Jochen Bohl (l.) seinen Bericht gestellt hatte. »Nichts hat die Menschen in letzter Zeit mehr beschäftigt«, sagte er vor der Synode im Dresdner Haus der Kirche. (Foto: Steffen Giersch)

Die soziale Gerechtigkeit war das Thema, unter das Landesbischof Jochen Bohl (l.) seinen Bericht gestellt hatte. »Nichts hat die Menschen in letzter Zeit mehr beschäftigt«, sagte er vor der Synode im Dresdner Haus der Kirche. (Foto: Steffen Giersch)



Bei der Herbsttagung der Landessynode ging es um Geld und um Kinder. Auf der Tagesordnung standen der Haushaltplan, das Jahr der Taufe 2011 und das Abendmahl mit den Jüngsten.
 

Die Wirtschaftskrise ist an der Kirche vorbeigegangen. Statt der erwarteten 66 Millionen Euro an Kirchensteuern für 2010 werden es wohl 15,5 Millionen mehr sein. »Wir haben mit einem großen Einbruch gerechnet«, sagte Finanzdezernent Reinhard Kersten. Doch der sei nicht eingetreten. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt betrage das Aufkommen 79,6 Millionen, so dass die hochgerechneten 81,5 Millionen für 2011 realistisch seien.

Doch die Kirchensteuern machen nur etwa 50 Prozent der Einnahmen im landeskirchlichen Haushalt für 2011 in Höhe von insgesamt rund 176 Millionen Euro aus. 30 Prozent kommen vom Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und knapp zehn Prozent sind Staatsleistungen. Alle diese Zahlungen sind an Bedingungen geknüpft. Beim EKD-Finanzausgleich führen steigende eigene Kirchensteuereinnahmen zu einer Absenkung. Die Staatsleistungen hingegen sind laut Vertrag von 1994 an die Entwicklung der Gehälter im Staatsdienst gekoppelt.

Zum Haushaltplan für das kommende Jahr wurde positiv vermerkt, dass das Verteilvolumen an die Gemeinden gestiegen ist: von 53,2 Millionen in diesem Jahr auf 54,8 Millionen für 2011. Damit können 100 Prozent der Personalkosten der Mitarbeiter im Verkündigungsdienst durch Zuweisungen an die Gemeinden gedeckt werden. Doch zugleich bleibt ein strukturelles Problem: Es ist mehr Arbeit da, als es Mitarbeiter dafür gibt. »Wir sparen, fragen aber: Sind wir in allen Bereichen auf einem guten Weg?«, so Synodenpräsident Otto Guse.

Und das Sparen geht weiter. Denn die sächsischen Christen werden in Zukunft immer weniger, also werden die zu verteilenden Mittel auch abnehmen. Etwa zehn Prozent der Pfarrstellen stehen möglicherweise ab 2013 zur Disposition. Das ist das vorläufige Ergebnis einer Arbeitsgruppe »Strukturanpassung«, die auf Wunsch der Synode eingerichtet wurde. Die Synodale Pfarrerin Margit Klatte trug das Zwischenergebnis vor. Nach bisherigen Anhörungen von Fachleuten sei jedoch sicher, dass an dem prozentual zusammengebundenen »Dreigespann« Pfarrer, Gemeindepädagoge, Kirchenmusiker festgehalten werden soll.

Landesbischof Jochen Bohl bei der Herbstsynode im Dresdner Haus der Kirche (Foto: Steffen Giersch)

Landesbischof Jochen Bohl bei der Herbstsynode im Dresdner Haus der Kirche (Foto: Steffen Giersch)

Kritisch hinterfragt wurde von den Synodalen der Umzug des Landesbischofs in die Nähe der Dresdner Frauenkirche. Laut Haushaltplan steigen damit die Mietkosten von bisher 10.000 auf 39.600 Euro. Es seien 10 bis 12 Standorte geprüft worden, sagte der Baudezernent, Oberlandeskirchenrat Jörg Teichmann. Die Gesellschaft Historischer Neumarkt als Hauseigentümer sei auf alle Wünsche eingegangen und die Miete sei mit 18 Euro pro Quadratmeter vergleichsweise günstig in dieser Lage. Zudem sei der Mietvertrag auf sechs Jahre befristet.

Der Bischof selbst widmete sich in seinem Bericht an die Synode Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Kirche dürfe dabei nicht schweigen, so Landesbischof Jochen Bohl. Der Mangel an Gerechtigkeit sei für viele Menschen in unserem Land offensichtlich. »Sie sehen verbittert, wie Spaltungen entstehen«, so Bohl. Er würdigte einerseits, dass in Deutschland 30 Prozent des Bruttosozialprodukts für Soziallei­stungen ausgegeben würden. Andererseits gerate die soziale Marktwirtschaft durch die Globalisierung schwer unter Druck. »Wir müssen konkurrieren mit Wirtschaften, die einen sozialen Ausgleich nicht kennen«, so Bohl.

Für die Kirche bedeute das, immer wieder zu fragen, ob gleichberechtigte Teilhabe für alle Menschen möglich sei. »Armut ist fehlende Teilhabe.« Der Schlüssel zur Teilhabe jedoch sei Bildung. Andererseits hätten Hilfeempfänger nicht nur das Recht auf ein Existenzminimum, sondern auch auf ein Leben in Würde. Dazu gehöre auch eigene Lei­stungsbereitschaft und die Möglichkeit, diese einzubringen.

Die Zahl der Taufen geht immer mehr zurück. 2009 waren es erstmals weniger als 7000 Kinder und Erwachsene, die getauft wurden. Im Jahr 2011 soll die Taufe besonders im Mittelpunkt stehen. (Quelle: Landeskirchenamt)

Die Zahl der Taufen geht immer mehr zurück. 2009 waren es erstmals weniger als 7000 Kinder und Erwachsene, die getauft wurden. Im Jahr 2011 soll die Taufe besonders im Mittelpunkt stehen. (Quelle: Landeskirchenamt)

Der Bericht der Kirchenleitung widmete sich der Taufe. Das kommende Jahr soll innerhalb der Reformationsdekade als »Jahr der Taufe« begangen werden. Die Kirchgemeinden sind aufgerufen, die Taufe ins Gespräch zu bringen und besonders zu feiern: am 1. Mai, dem Sonntag Quasimodogeniti, das Taufgedächtnis für alle Gemeindeglieder und am 9. Oktober einen Taufsonntag mit einem Tauffest.

Und noch ein zweites Mal ging es bei der Herbstsynode um die Kinder. Die Synodalen verabschiedeten ein Diskussionspapier zum Abendmahl mit Kindern. Ziel ist eine verbindliche Regelung für alle Gemeinden. Die Feier des Erstabendmahls wird im ersten oder zweiten Schuljahr empfohlen.

Neben kritischen Stimmen, wurde dieses Vorhaben auch begrüßt. »Wo Abendmahl mit Kindern gefeiert wird, erlebe ich eine viel größere Offenheit für spirituelle Dinge«, sagte der Synodale und Pfarrer Christian Mendt. Die Gemeinden sind nun aufgefordert, bis 31. August 2011 ihre Rückmeldungen zum Thema bei der Synode einzureichen.

Christine Reuther

Mehr im Internet:

Der Tätigkeitsbericht des Landeskirchenamtes
Bericht des Landesbischofs
Bericht der Kirchenleitung zur Taufe
www.evlks.de

Zur Besinnung für die FDP

18. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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6616342-highNun ist es also der Buß- und Bettag, auf den sich die FDP einschießt. Am vergangenen Dienstag hat deren sächsischer Vorsitzender Holger Zastrow (Foto) in der »Freien Presse« verkündet, dass er diesen Feiertag gern streichen würde. Denn er wird nur noch in Sachsen begangen. In anderen Bundesländern ist er 1995 der Pflegeversicherung zum Opfer gefallen. Wir Sachsen zahlen stattdessen ein halbes Prozent des Bruttogehaltes in die Pflegekassen ein. Für die FDP ist das »unverhältnismäßig teuer« bezahlt.

Vieles ist der FDP in letzter Zeit zu teuer. Und alles hat irgendwie mit Kirche zu tun: die Zahlungen für Schulen in freier Trägerschaft, die Staatsleistungen für die Kirchen und die sächsischen Zuwendungen für den Kirchentag in Dresden. Dazu passen die Vorstöße zur Ausweitung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen. Statt zu beten, so könnte man meinen, sollen die Menschen lieber arbeiten. Dass der Mensch zum Arbeiten auch einen Ausgleich braucht, ist da nicht gewünscht.

Bei den Staatsleistungen und dem Buß- und Bettag gehen die Ansichten der sächsischen Koalitionspartner auseinander. Hier ist die CDU entschieden anderer Meinung. Dass die FDP jedoch die Mitfinanzierung des Kirchentags nicht gern sieht, ist verwunderlich. Denn dieses Geld ist eine indirekte Wirtschaftsförderung.

Und das müsste ihr doch sehr gelegen kommen. Der Freistaat gibt fünf Millionen dazu, die Landeskirche und die Stadt Dresden jeweils zwei Millionen. Was Stadt und Region dann davon haben, hat sich zuletzt in Bremen gezeigt: Die Kirchentagsbesucher haben ein Umsatzplus von 22,3 Millionen Euro beschert.

Vielleicht sollten auch FDP-Vertreter erst nachdenken, ehe sie ihre Angriffe starten. Der Buß- und Bettag eignet sich hervorragend dazu.

Christine Reuther

Die sichtbaren Spuren im Leben

13. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.
2. Korintherbrief 5, Vers 10

1209894_sweet_childDie Turmuhr schlägt fünf Mal. Ein Fünfjähriger auf dem Spielplatz: Erschrocken schaut er auf. Im beginnenden Abendnebel sucht er seine Mutter, es braucht eine Weile, bis er sie findet. »Ich habe mich verloren«, sagt er. Mit großen braunen Augen schaut er sie an.

»Mich verloren«: Das Kind geht mir nicht aus dem Sinn. Es unterscheidet noch nicht zwischen Sein und Tun. »Mich verloren.« Er sagt nicht, ich habe den Weg nicht gefunden oder, ich bin den falschen Weg gegangen, oder ich habe vergessen, wo der Weg langgeht, er sagt: »Ich habe mich verloren.« Mein »ich« auf dem Weg gelassen ganz und gar.

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Beate Schelmat von Kirchbach ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.


Wir Großen, wir sind da schon anders.

Wir wissen um Sein und Tun.

Wir tun so manches zum Guten, so manches zum Schlechten. Die Quittung dafür fällt zurück auf unser Leben. Mal in der Morgensonne, mal im Abendnebel. Für einen kurzen Moment erkennen wir und erschrecken auch.

Offenbar werden, sagt Paulus. Im einen wie im anderen.

Das ist Erwachsensein.

Zu wissen, dass nicht alles wieder gut wird, zu spüren, dass man Fehler machen kann, dass man einreißen kann und verletzen. Glasklares Leben, das Spuren hinterlässt, die sichtbar bleiben, eine Weile noch.

»Du kannst dich doch gar nicht verlieren«, sagt die Mutter auf dem Spielplatz. »Du kannst dich nur verlaufen aber selbst dann, ich bin doch da.« Sie holt ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche und putzt ihm die Nase. »Komm nach Hause jetzt.«

Ach wenn es am Ende doch das Taschentuch ist, und eine zärtliche Geste, so oft wir uns auch verlaufen, verstrickt und verloren haben. Auch das ist gemeint mit »offenbar werden« und sein.

Beate Schelmat von Kirchbach

Keine Ruhe am Sonntag

12. November 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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668285_47532597Alle Jahre wieder – die Verwaltungsrichter gehören in Sachsen zum Advent wie der Heilige Nikolaus. Jedes Jahr das gleiche Ritual mit den immer gleichen Wunschzetteln: Die Städte wollen Adventssonntage mit klingenden Geschäftskassen, Kirchen und Gewerkschaften wollen einen heiligen Feiertag für die Menschen – und am Ende entscheiden die Gerichte. Meistens für die Sonntagsruhe, denn das Grundgesetz schützt sie.

Wie beim Heiligen Nikolaus steckt hinter dem alten Ritual eine alte Geschichte. Genau genommen hat sie Gott selbst geschrieben. Der Schabbat soll geheiligt werden als Tag der Ruhe. Der Schöpfer selbst genehmigte sich diese Auszeit am siebenten Tag, als er vom Schöpfen erschöpft war, so erzählt es die Bibel.

Ausgerechnet heute, wo sich das Hamsterrad der Arbeit für viele immer schneller dreht, soll dieser Ruhetag überflüssig sein? Ausgerechnet eine von christlichen Politikern geführte Landesregierung gibt mehr als vier Sonntage im Jahr der kommerziellen Verwertung frei.

Und damit kann es weitergehen: Neue Shopping-Sonntage, neue Klagen, neue Urteile. Bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, es könnte zur Tradition werden in Sachsen. Denn auch das am 3. November beschlossene Ladenöffnungsgesetz der CDU-FDP-Koalition eröffnet nach Meinung von Kirchen und Gewerkschaften genug Spielraum für Kommunen, den Sonntagsschutz zu untergraben.

Irgendwann könnte das Gezerre um den Sonntagseinkauf im Advent werden wie der Tag des Heiligen Nikolaus: Man kennt das Ritual – und erinnert sich nur noch ganz dunkel an den menschenfreundlichen Kern der Geschichte.

Andreas Roth

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