Was weg ist, ist weg

30. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wenn Justin (l.) und Bastian (r.) die Sozialarbeiterin Kathleen Thümmler auf dem Schulflur sehen, rennen sie zu ihr. Sie hat ihnen oft geholfen. Nun muss sie die Schule verlassen, weil Sachsen den Rotstift ansetzt. (Foto: Steffen Giersch)

Wenn Justin (l.) und Bastian (r.) die Sozialarbeiterin Kathleen Thümmler auf dem Schulflur sehen, rennen sie zu ihr. Sie hat ihnen oft geholfen. Nun muss sie die Schule verlassen, weil Sachsen den Rotstift ansetzt. (Foto: Steffen Giersch)

 
Die Kürzungen in der Kinder- und Jugendarbeit fordern erste Opfer – auch in Zwickau

Wie ein Springball hüpft Bastian in der Pause auf dem Schulflur um Kathleen Thümmler herum. »Sie hat mir schon bei sehr vielen Sachen geholfen«, sagt der zehnjährige Junge und umarmt die Sozialarbeiterin. »Doch die bleiben geheim.« An diesem letzten Schultag vor Weihnachten hat auch Kathleen Thümmler ein Geheimnis, ein trauriges: Es wird ihr letzter Tag mit den Kindern der Zwickauer Nicolai-Grundschule sein. Vor zwei Tagen hat sie offiziell davon erfahren.

Die sächsische CDU-FDP-Koalition kürzt in diesem Jahr die Landeszuschüsse für die Kinder- und Jugendarbeit um ein Drittel, der Landtag hat dies am 16. Dezember auch für die kommenden zwei Jahre beschlossen – den Landkreisen und Städten fehlt deshalb viel Geld. Nun wird in ganz Sachsen gestrichen. Über 40 Sozialarbeiter wird es allein im Landkreis Zwickau treffen.

Die Nicolai-Grundschule nahe dem Zwickauer Markt wird derzeit renoviert. Leuchtend orange und blau erstrahlt nun der Plattenbau, dafür gibt der Staat viel Geld aus. An ihrem Innenleben aber wird der Rotstift angesetzt. »Mich zu konzentrieren fällt mir ein bisschen schwer«, sagt der kleine achtjährige Justin. Deshalb geht er an diesem Tag zum Konzentrationstraining, das die Schulsozialarbeiterin der Diakonie – Stadt­mission Zwickau jede Woche anbietet. Heute zum letzten Mal.

Sorgen gibt es hier genug. Jedes dritte Kind an der Nicolai-Schule muss mit seiner Familie von Hartz IV leben, jedes fünfte hat Eltern, die aus einem anderen Land stammen. »Viele Kinder haben familiäre Probleme, sie erleben Gewalt zu Hause oder sind oft allein. Dann haben sie oft Schwierigkeiten, sich in der Schule zu konzentrieren oder sie sind ganz unruhig«, sagt Kathleen Thümmler (29). »Für diese Kinder ist es ein Kreislauf: Sie bekommen in den Klassen schlechte Rückmeldungen und haben ein geringes Selbstwertgefühl. Dabei sind es ganz tolle Menschen.«

Den Lehrern fehlt oft die Zeit, auf alle Sorgen und Nöte der Kinder einzugehen. Dafür ist seit September 2008 die Schulsozialarbeiterin der Diakonie da. Kinder, die etwa von Gewalt in ihren Familien betroffen sind, kommen nie in eine Beratungsstelle – zu Kathleen Thümmler schon. »Sie ist ein Bindeglied im sozialen Netzwerk, das beratend und unterstützend wirkt«, sag Schulleiter Ralf Burkhardt. Kathleen Thümmler klärt in Klassen über gewaltfreie Konfliktlösung, Gefahren im Internet und sexuellen Missbrauch auf – und auch über gesundes Essen. All das wird ab dem ersten Schultag im Januar Geschichte sein.

Mit den Kürzungen der sächsischen Regierung steht viel Zukunft auf dem Spiel. Auch die des Projektes »Lebensmeisterschaft« der Stadtmission Zwickau. Junge Menschen, die vor lauter Problemen mit Schulden, Drogen und Wohnungslosigkeit keinen Fuß in die Berufswelt bekommen und als »hoffnungslose Fälle« gelten, erhalten hier eine Chance.

Von den 65 Jugendlichen, die seit 2008 in diesem Projekt arbeiteten, haben nur sieben vorzeitig abgebrochen – ein äußerst niedriger Wert für junge Menschen mit solchen Problemen. »Die meisten Teilnehmer wurden in Berufsvorbereitungskurse vermittelt, einige erhielten auch eine Lehrstelle oder Arbeit«, sagt Projektleiter Matthias Grünwald. »Wenn wir damit vermeiden können, dass ein junger Mensch zum lebenslangen Hilfeempfänger wird, hat sich das Projekt auch finanziell gelohnt.«

Doch ab Mai wird es ohne Finanzierung dastehen. Das Projekt sei gut und notwendig, antwortete das Jugendamt des Landkreises Zwickau auf den Antrag auf Förderung: Doch das Geld reiche nicht einmal für bestehende Einrichtungen. »Junge innovative Projekte haben jetzt keine Chance mehr«, sagt Sozialarbeiter Matthias Grünwald.

Die achtjährige Michelle sitzt traurig auf dem Flur der Nicolai-Schule. Heute wird sie das letzte Mal mit Kathleen Thümmler auf den Pferdehof gehen. Kinder, die ihre Freizeit oft vor Fernseher und Computer verbringen, striegeln dort Pferde, kratzen Hufe aus, führen und reiten die Tiere. Sie erfahren, was Verantwortung ist, Wärme und auch Nähe. »Ja«, überlegt Kathleen Thümmler, »manchmal bin ich schon eine Art Ersatz-Mama.«

Sie sagt das nicht stolz. Denn die in zwei Jahren gewachsenen Bindungen zu den Kindern werden am 1. Januar hart abgeschnitten. Den Schaden kann niemand ermessen.

Andreas Roth

Spendenkonto der Stadtmission Zwickau: 2201009980 bei der Sparkasse Zwickau, BLZ 87055000, Stichwort »Kinder- und Jugendhilfe«

Frieden ist möglich

30. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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»Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.«


Römer 12, Vers 21

Gedanken zur Jahreslosung 2011

Von Landesbischof Jochen Bohl

Konflikte sind ein Teil des Lebens; ungezählte Auseinandersetzungen werden tagtäglich im Kleinen wie im Großen geführt. Zum 10. Mal verbringen deutsche Soldaten den Jahreswechsel in Afghanistan. Aber man muss beileibe nicht nur an die Krisenherde der Weltpolitik denken.

Eines der Modeworte der letzten Jahre ist »mobbing«; der Ausdruck wird gebraucht, wenn Arbeitskollegen mit unfairen Mitteln bedrängt und an den Rand ihrer psychischen und manchmal auch physischen Kräfte gedrängt werden.

Auseinandersetzungen in den Familien können besonders verletzend sein, so dass Eheleute sich aufreiben in ihren gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen.

Viel zu oft ist das menschliche Miteinander von Bösem geprägt. Der Apostel Paulus gibt uns einen Rat, wie wir uns in solchen Fällen als Christenmenschen verhalten sollen: »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«, schreibt er an die Gemeinde in Rom. Er folgt damit Jesus, der sich in der Bergpredigt in ganz ähnlicher Weise geäußert hat: »Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar« (Matthäus 5, Vers 39).

Paulus zeigt uns die dem Evangelium gemäße Verhaltensweise auf. Es wäre ja ein unerträglicher Widerspruch, an den zu glauben, der Gnade und Barmherzigkeit gepredigt und bis an das Kreuz auch gelebt hat – aber in Konflikten gnadenlos und unbarmherzig Böses mit Bösem zu vergelten würde. Wenn wir das ernst nehmen wollen, was wir glauben und bekennen, werden wir auf erlittenes Leid nicht in gleicher Weise reagieren. Vielmehr sollen wir Böses mit Gutem vergelten.

Aber verkennt der Apostel damit nicht völlig, wie es in der Welt nun einmal zugeht und dass diejenigen, die anderen Böses zufügen, oft gar nicht mit anderen als bösen Mitteln zu stoppen sind?

Paulus war kein Träumer. Er war ein gläubiger Realist und wusste ganz genau, wie es um die menschliche Natur bestellt ist, und darum hat er den jesuanischen Weg zur Lösung von Konflikten beschrieben.

Denn wenn wir Böses mit Bösem vergelten, dann erzeugt das aller Erfahrung nach eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt, sei sie nun physischer oder psychischer Natur. Wenn wir uns in eine solche Spirale hineinziehen lassen, dann wird es für alle Beteiligten gefährlich. Viel zu viele Konflikte enden böse, so dass am Ende beide Konfliktparteien seelisch oder körperlich am Ende sind. Es ist der dem Evangelium gemäße Weg, aus einem Konflikt auszusteigen und Schritte zur Versöhnung zu gehen.

Jesus hat den berühmten Satz von der anderen Wange vor dem Hintergrund der Besatzung Palästinas durch die Truppen der römischen Weltmacht gesagt. Römische Soldaten machten sich oft genug einen Spaß daraus, jüdische Zivilisten zu schikanieren. Jemandem mit dem Handrücken der rechten Hand auf die rechte Wange zu schlagen, das war ein Ausdruck tiefster Demütigung. Damit zeigten die Römer ihre Macht, und wie sie den Juden gegenüberstanden. Gar nicht so selten führten solche Provokationen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Aber das hätte nur die Erbitterung weiter angestachelt. Um des Friedens willen führt Jesus die Seinen auf den Weg der Gewaltlosigkeit; das Böse soll aber nicht einfach nur hingenommen werden. Wer dem Römer auch die andere Wange hinhält, gibt dem Soldaten die Gelegenheit zur Umkehr. Er sieht ja, dass er sein Ziel nicht erreicht hat: Sein Opfer lässt sich seine Würde nicht nehmen. Er hat einen Menschen vor sich, der die gleiche Würde beanspruchen kann wie er. Konflikte werden beendet, indem man aussteigt aus der Gewaltspirale.

Wer einen Konflikt wirklich bereinigen will, sollte das Wort des Apostels beherzigen. »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«. Paulus will uns nicht nur ermutigen, aus der Gewalt­spirale auszusteigen, sondern aktiv auf den Konfliktpartner zuzugehen. Ihm Gutes zu tun. Ihn durch Friedfertigkeit zu überzeugen, dass Frieden miteinander möglich ist. Das funktioniert im Kleinen, aber auch im Großen.

Längst ist offensichtlich, dass der Konflikt in Afghanistan militärisch nicht gewonnen werden kann. So steht zu hoffen, dass das neue Jahr Schritte des Friedens sehen wird.

Die Freude des Glaubens im Lebkuchen

18. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Lebkuechner

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5

Man nimmt 250 g Mehl, 150 g Honig, 110 g Mandeln (gehackt), Milch und Zucker. Hirschhornsalz, Pottasche und Eiweiß. Und ein wenig Zitronat. Das alles wird im Wasserbad verrührt, geknetet, gebacken: Schlesischer Honiglebkuchen. Süß, feucht und schwer. Ernährungsberater erschauern.

Mitten drin ist von Anfang an der Honig. An ihm klebt die Verheißung des Jesaja: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. Das heißt: Gott mit uns. Butter und Honig wird er essen. Und mittendrin in der Lebkuchenbäckerei ist Gott. Ob die, die solche Zutaten zusammenkneten es wissen oder nicht, dass der Lebkuchen den Duft und den Geschmack der Verheißung in unsere Häuser bringt.

Burkart Pilz ist Pfarrer der St.-Petri-Kirchgemeinde in Bautzen.

Burkart Pilz ist Pfarrer der St.-Petri-Kirchgemeinde in Bautzen.

Mittendrin ist Gott. Ob die, die diese Verheißung hören, ihr vertrauen können oder nicht. Mittendrin ist Gott. Ob die, die den Lebkuchen ins heiße Backrohr schieben, sich freuen oder traurig sind.

Mittendrin ist Gott. Ob die, die den Duft des Honiglebkuchens riechen, in Frieden leben oder im Konflikt. Mittendrin ist Gott. Auch dort, wo es keinen »Lebekuchen« gibt, sondern nur karges Gnadenbrot. Auch dort, wo wenig süß schmeckt, aber vieles bitter. Mittendrin ist Gott. Ohne diese Mitte werden die Geschichten des Lebens geschmacksarm.

Der Advent, der Kommende, die Schönheit unseres Glaubens – es ist sinnlich wahrnehmbar. Nur was ich mit den Sinnen wahrnehme, wird für mich zur Wahrheit, wird voller Sinn. Alles andere bleibt Appell. Glaube wächst aber nicht aus Appellen. Erst recht nicht die Freude des Glaubens.

Paulus schreibt aus dem Gefängnis an seine besorgten Freunde in Philippi: Freuet euch in dem Herrn allewege!

Burkart Pilz

Krusten aufbrechen

17. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Nach zehn Jahren gibt Michael Beleites sein Amt als sächsischer Stasi‑Unterlagenbeauftragter auf.

Er hat Opfer beraten und ihre Interessen vertreten und er hat über die Akten der DDR-Staatssicherheit in Sachsen gewacht. Nun beendet Michael Beleites diese Tätigkeit und widmet sich dem Thema Umweltschutz. (Foto: Steffen Giersch)

Er hat Opfer beraten und ihre Interessen vertreten und er hat über die Akten der DDR-Staatssicherheit in Sachsen gewacht. Nun beendet Michael Beleites diese Tätigkeit und widmet sich dem Thema Umweltschutz. (Foto: Steffen Giersch)

Die Vergangenheit der DDR aufzuarbeiten, aber nicht allein mit Geheimdienst-Akten – das hat Michael Beleites als seine wichtigste Aufgabe als sächsischer Stasi‑Unterlagenbeauftragter betrachtet. Zum Jahresende gibt der 46-Jährige das Amt, das er 2000 angetreten hatte, auf.

Aus freien Stücken, betont er: »Es tut weder dem Amt noch dem, der es ausfüllt, gut, wenn man es länger als zehn Jahre bekleidet«.

Seine Bilanz fällt widersprüchlich aus. Als Erfolg wertet er, dass er neben seiner wichtigsten Aufgabe – die Verwaltung bei der Überprüfung ihrer Mitarbeiter auf frühere Stasi‑Tätigkeit zu beraten – in seinem Amt auch als Mittler zwischen Opferverbänden, Landtag und Regierung wirken konnte. »Die Politik hat das Schicksal von politisch Verfolgten mittlerweile stärker wahrgenommen.«

Für nicht angemessen geklärt jedoch hält er die Rehabilitierung: »Eine wirkliche Entschädigung, eine Opferpension für Häftlinge, wäre besser gewesen als die gezahlte Ausgleichsleistung, die wie Sozialhilfe vom Einkommen abhängt.«

Als Durchbruch sieht er die gestiegene Nachfrage für seine Schulprojekte zur DDR-Diktatur. Noch 2001 sei er damit bei Lehrern und Schülern auf Desinteresse gestoßen. »Wir haben den Schülern vor allem zu zeigen versucht, wie der Anpassungsdruck zu DDR-Zeiten im Alltag funktionierte.« Nur Stasi-Akten und den Extremfall Täter-Opfer zu betrachten, hält Michael Beleites generell für eine Verkürzung. Denn Spitzel und Verfolgte, das seien nicht einmal zwei Prozent der DDR-Bevölkerung gewesen.

»Unbeantwortet bleibt die Frage, wie die übrigen 98 Prozent diese Diktatur erlebt haben.« Die Jugendlichen müssten erfahren, wie die Nötigung zu »unüberzeugter Anpassung« tatsächlich funktionierte. Und dass, als die Massen dennoch im Herbst 1989 auf die Straße gingen, dies auch ein Selbstbefreiungsprozess gewesen sei.

»Viele, die damals verstrickt waren, sind noch heute zu befangen, um offen darüber zu reden, obwohl sie keinen Grund dazu haben. Das ist die Kruste, die man aufbrechen muss.«

Er selbst, Sohn eines Pfarrers, hatte seit 1982 in kirchlichen Friedens- und Umweltgruppen gegen Umweltzerstörung protestiert. Bekannt wurde er mit seinen Recherchen über die Folgen des Uranabbaus der SDAG Wismut. 1989 gehörte er in Gera zum Bürgerkomitee für die Stasi-Auflösung. Später war er Mitbegründer von Greenpeace in Ostdeutschland und Berater von Bündnis 90/Die Grünen im sächsischen Landtag.

In der Diskussion um den künftigen Umgang mit den Akten sei er in seinem Amt Einzelkämpfer geblieben, resümiert Michael Beleites. Er möchte die zentrale Birthler-Behörde nicht für alle Zeit erhalten. Besser sei es, Stasi-Akten neben denen anderer DDR-Insti­tutionen in Landesarchiven aufzubewahren. »Damit aufgearbeitet werden kann, wie die SED-Bezirksleitung mit der Volkspolizei, dem Rat des Bezirkes und der Stasi zusammenarbeitete. Nur wenn man diese Querverbindungen untersucht, versteht man, wie die DDR funktionierte.«

Künftig möchte der studierte Landwirt als Publizist arbeiten – zu Umweltthemen und zur Agrarpolitik. Denn trotz Sanierung der DDR-Umweltsünden sieht er die Grundfrage offen: »Auf der ganzen Welt immer mehr Ressourcen zu verbrauchen, so wie wir in den westlichen Industrieländern es schon tun – das funktioniert nicht.«

Tomas Gärtner

Das Geheimnis des Sterns

16. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Fröbelsterne, Herrnhuter Sterne, Strohsterne: Die weihnachtliche Sternenvielfalt soll an den berühmten Stern erinnern, von dem der Evangelist Matthäus erzählt.

Seit der Frühzeit des Christentums bewegt Menschen die Frage, was es mit dem Stern auf sich hat, der die Weisen aus dem Morgenlande zum Christuskind in der Krippe führte. Wenn man in der Vorweihnachtszeit ein Planetarium besucht, dann bekommt man dort eine astronomische Erklärung präsentiert: Dem staunenden Besucher wird der Sternhimmel über Babylon und Jerusalem im Jahre 7 vor Christus vor Augen geführt. Damals ereignete sich eine so genannte »große Konjunktion« von Jupiter und Saturn. Dabei kam es innerhalb weniger Monate dreimal zu einer engen Begegnung der beiden Planeten.

Die Simulation des »Planeten-Rendezvous« im Planetarium zeigt jedoch auch, dass beide Himmelskörper nicht zu einem einzigen hellen Stern verschmolzen, wie es oft behauptet wird. Die astrologiekundigen Weisen – wörtlich Magier – hätten nun die dreifache Begegnung des Königssterns Jupiter und des Israel repräsentierenden Saturns als himmlisches Zeichen für die Geburt eines Königs der Juden gedeutet.

Diese Theorie geht auf Überlegungen des Astronomen Johannes Kepler aus dem Jahre 1604 zurück. Kepler war jedoch nicht der erste, der sich Gedanken darüber gemacht hatte, welches astronomische Phänomen hinter dem Stern der Magier gestanden haben könnte.

So meinte zum Beispiel der im 3. Jahrhundert lebende Kirchenvater Origenes, die mysteriöse Himmelserscheinung sei ein Komet gewesen. Ein Schweifstern wäre jedoch insofern problematisch, da er in der Antike meist als Unheilsbote galt – was kaum zur Geburt des heilbringenden messianischen Friedenskönigs passen würde. Auf dem modernen »Markt der astronomischen Erklärungsmöglichkeiten« konkurrieren heute zahlreiche Theorien – Komet, Supernova, Konjunktionen von Planeten mit einem hellen Stern – die sich freilich gegenseitig ausschließen.

Das Hauptproblem besteht jedoch darin, dass diese astronomischen Hypothesen dem schlichten Wortlaut der biblischen Sternerzählung eine Beweislast aufbürden, die er nicht tragen kann. Bei unbefangener Lektüre drängt sich eher der Eindruck auf, dass Matthäus hier von einem Wunderstern erzählt, der gerade nichts mit bekannten berechenbaren Himmelsphänomenen zu tun hat. Vielmehr verhält sich der Stern eher unberechenbar, wenn er etwa nach der Audienz der Weisen bei Herodes plötzlich wieder am Himmel steht, vor ihnen hergeht und über der Stelle stehen bleibt, »wo das Kind war«.

Von den bisher gebotenen astronomischen Erklärungen dieser Stelle vermag keine wirklich zu überzeugen. Auch gibt es keinerlei Anhaltspunkte im Matthäustext dafür, dass der geheimnisvolle Stern etwas mit astrologisch bedeutsamen Himmelsereignissen zu tun hat.

In unserer vom naturwissenschaftlichen Denken beherrschten Zeit geht man selbstverständlich davon aus, dass nur das wirklich und wahr ist, was beobachtet, berechnet oder durch Experimente nachgeprüft werden kann. Da die Naturwissenschaft als Generalschlüssel für alle Probleme gilt, finden naturwissenschaftliche Erklärungen rätselhafter biblischer Texte bei modernen Zeitgenossen stets großen Anklang. Doch ist dieser Schlüssel tatsächlich passend für das Verständnis des Messiassterns?

Der Evangelist Matthäus will das Christusgeschehen als Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen verständlich machen. Nach israelitischer Auffassung ist der Messias eine königliche Gestalt. So fragen auch die Magier nach dem neugeborenen »König der Juden«. Aufschlussreich ist nun die religionsgeschichtliche Erkenntnis, dass die Sterne damals eine eminente religiöse Bedeutung hatten, besonders für das sakrale antike Königtum. So kommt nach ägyptischer Auffassung der Pharao aus der göttlichen Sternenwelt und kehrt nach seinem Tode als Gestirn wieder in seine himmlische Heimat zurück. Der König galt im wahrsten Sinne des Wortes als »Superstar« seines Volkes.

Der verheißungsvollste königliche Stern des Alten Testaments leuchtet im 4. Buch Mose auf. In der Bileamweissagung wird vor dem Einzug der Israeliten ins gelobte Land ein zukünftiger Herrscher Israels mit den Worten verheißen: »Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Schläfen der Moabiter und den Scheitel aller Söhne Sets« (4. Mose 24, 17).

Diese Bibelstelle ist entscheidend für das Verständnis des Messiassterns! Ursprünglich bezog sich das alte Orakel des Sehers Bileam auf David, den Begründer des israelitischen Königtums, der auch die Moabiter besiegte. Jahrhunderte später jedoch wurde sie im Judentum als messianische Weissagung verstanden. Der aufgehende »Stern aus Jakob« wurde zur Metapher für den Messias aus dem »Hause Davids«. Nach Matthäus ist Jesus nämlich ein Nachkomme Davids.

Da der Aufgang eines Sterns in der Antike allgemein ein Bild für die Geburt eines Herrschers sein konnte, ist die Botschaft der Weisen deutlich: Die Vision des Sehers Bileam hat sich erfüllt, der Messias ist geboren. Für damalige Leser dürfte dieser symbolische Bezug zum Alten Testament klar gewesen sein. Der Schluss der Sterngeschichte ist ebenfalls in diesem Sinne zu verstehen: Die Magier – gewissermaßen Nachfahren des ebenfalls aus dem Osten stammenden Wahrsagers Bileam – bestätigen mit ihrer Huldigung des Jesuskindes nicht nur die Messiasweissagung ihres Vorfahren. Auch ihre Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe beziehen sich auf alttestamentliche Worte über die künftige Heilszeit (zum Beispiel Jesaja 60,1–6).

Das Rätsel des Messiassterns wird also durch die Schrift gelöst, nicht durch astronomisch-astrologische Spekulationen. Den Lesern soll gleichsam ein »biblisches Licht« aufgehen, welch eminente heilsgeschichtliche Bedeutung das scheinbar unbedeutende Kind in Bethlehem hat. Und dieses Licht soll in den Herzen der Menschen leuchten und zur Huldigung Jesu als Messias führen.

Ist der Stern von Bethlehem nun Fiktion oder Wirklichkeit? Diese oft gestellte Frage trifft nicht den Kern der Sache. Zwar ist es gut vorstellbar, dass ein spektakuläres astronomisches Ereignis in den Jahren 7 bis 4 vor Chri­stus der Auslöser für messianische Erwartungen und Reflektionen im Lichte des Alten Testaments war, worauf dann später Matthäus anspielt. Doch welcher Stern es auch immer gewesen sein mag, seine eigentliche Bedeutung hat er erst durch die geistliche Deutung bekommen.

In den Herzen der Menschen strahlt dieser »geistliche Stern« auch heute noch als himmlisches Zeichen Jesu Christi und wirkt so viel stärker als jeder »astronomische Superstar« am Firmament.

Matthias Albani ist Professor für Altes Testament und Kirchengeschichte an der Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie in Moritzburg.

Unser Klima

15. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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ggggggNun hat sich die Welt geeinigt: Die Erderwärmung darf nicht mehr als zwei Grad Celsius betragen. Nein, nicht geeinigt, »zur Kenntnis genommen« haben es die an der Klimakonferenz von Cancún beteiligten Länder. Ob unsere Erde das nun auch zur Kenntnis nimmt? Was wir Klima nennen, sind hochkomplizierte und langwierige Prozesse. Und obwohl wir Menschen es gern stabiler hätten, hat unser Wirtschaften der letzten gut 100 Jahre wohl mit dazu beigetragen, dass die Temperaturen derzeit steigen.

1972 befasste sich erstmals eine Konferenz der Vereinten Nationen mit dem Treibhauseffekt. Es dauerte 20 Jahre, bis eine Klimarahmenkonvention beschlossen wurde: 1992 in Rio de Janeiro. Inzwischen wurde im japanischen Kyoto ein Protokoll verabschiedet, nach dem der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 weit unter das Niveau von 1990 zurückzuführen ist – dabei war er im Zeitraum von 1990 bis 2003 gerade erst um 19 Prozent gestiegen.

Doch Untersuchungen zeigen, dass die weltweiten Klimaschutzanstrengungen bisher nicht ausreichen, um diese Ziele zu erreichen. So haben es erst im Mai 2010 Minister aus 42 Ländern bei einem Klima-Treffen in Bonn festgestellt. Die bisherigen Konferenzen zeigen auch, dass wirtschaftliche Interessen, vor allem der Entwicklungsländer und der USA, mit dem Wollen und Sollen schwer in Einklang zu bringen sind. In Cancún wurde deshalb beschlossen, dass ab 2020 finanzielle Klimahilfen von 100 Milliarden Dollar für Entwicklungsländer bereitstehen sollen.

Was sagt das alles? Es sagt etwas über den guten Willen. Es sagt auch, dass die Nöte der Menschen auf flachen Inseln und in Küstengebieten gehört wurden. Doch wenn die weltweiten Konferenzen immer nur von der Zukunft reden, wird diese uns einholen. Die Inselbewohner sicher etwas schneller.

Christine Reuther

Die Wege Jesu sind Trampelpfade, keine Prachtalleen

12. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.
Jesaja 40, Verse 3 und 10

Burkart Pilz ist Pfarrer der St.-Petri-Kirchgemeinde in Bautzen.

Burkart Pilz ist Pfarrer der St.-Petri-Kirchgemeinde in Bautzen.

Die Lieder im Advent sind leise.
Der Herr kommt gewaltig.
Wir gehen auf ein Kind in der Krippe zu.
Der Herr kommt gewaltig.
Der Schnee schluckt das Laute und dämpft die Welt.
Der Herr aber kommt gewaltig.
Wir gehen zu auf die stille Nacht.

Kommt der Herr wirklich gewaltig?

In diesem Paradoxon liegt die ganze Kraft und die geistliche Schönheit der christlichen Botschaft: Im Stillen, im Niedrigen bricht sich das Gewaltige, das Große Bahn.

Das glauben wir als Kirche Jesu – dass Gott sich erniedrigt in einem Säugling. Er erwählt die Magd Maria. Der Ruf geht an die frierenden Hirten. Sie sind draußen. Nicht in der Mitte. Es ist eine sanftmütige Gewalt, mit der die Welt sich ändert. Die göttliche Umkehrung aller Dinge beginnt im Stall. Jesus kommt nicht überlebensgroß und tonnenschwer. Er kommt in Windeln gewickelt. Schutzlos, angewiesen.

Eine Kirche, die sich nach Machtzeichen sehnt, ist nicht mehr die Kirche Jesu. Eine Kirche, die beeindruckend sein will und von großen Leuchttürmen träumt, so einer Kirche seien zuerst die Windeln unter die Nase gehalten. Dann kann sie leuchten.

Eine Kirche, die unter dem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz leidet, braucht Orientierung an der Krippe, im Stall, im leisen Gebet, in adventlicher Hoffnung. Wir brauchen geistliche Erneuerung und keine Repräsentationsphantasien. Und wenn das Prophetenwort uns zum Wegebau aufruft, dann wissen wir: Die Wege, die wir zu bereiten haben sind nicht Prachtalleen.

Die adventlichen Wege der Kirche Jesu sind Trampelpfade. Immer wieder laufen wir über das zugige, offene Feld. Bis es ein Weg ist, ein Pfad. Denn wir wissen ja – später saß er auf einem Esel. Esel lieben solche Pfade.

Burkart Pilz

Ein Sparpaket zu Weihnachten

10. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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1211961_97194695ghhgjhgjMan beißt sich jedes Mal auf die Zunge. Zu spät. Schon hat man vom »Sparpaket« der sächsischen Landesregierung gesprochen, wo es doch in Wahrheit um ein Bündel an Kürzungen geht. Dabei ist das Vermeiden von Schulden durchaus klug und richtig. Denn die Einwohnerzahlen und die Millionen des Finanzausgleiches schmelzen in Sachsen. Und dennoch ist dies nur die halbe Wahrheit der tiefen Einschnitte, über die der Landtag in der kommenden Woche entscheiden wird.

Es ist ja nicht so, dass überhaupt kein Geld da wäre. Für das Desaster der sächsischen Landesbank hat der Finanzminister bisher über 800 Millionen Euro auf die Seite gelegt – wenn die Geschäfte des neuen Besitzers schlecht laufen, könnte die Bürgschaft fällig werden. Und auch die Steuern fließen üppiger als erwartet, nur will man die lieber für Investitionen in Schulen, Kindergärten und Straßen ausgeben. Investitionen in Familien und soziale Arbeit scheint der schwarz-gelben Regierung weniger lohnend zu sein.

Immerhin: In den letzten Wochen hat gerade die CDU-Fraktion einige harte Kürzungspläne ihrer Minister teilweise deutlich abgemildert. Der Protest von Kirche, Diakonie, Gewerkschaften und vieler anderer ist nicht vergebens gewesen. Klarheit und die Bereitschaft zum Konflikt lohnen sich. Doch der Rotstift wird auch in den kommenden Jahren Sozialausgaben bedrohen.

Höchste Zeit für die Kirche, nicht nur über die Anpassung der eigenen Strukturen an den demografischen Wandel zu diskutieren. Was kann und soll sich unsere Gesellschaft leisten? Die Kirche sollte darauf gut durchdachte Antworten haben. Mit derselben Klarheit und demselben Mut zum Konflikt. Das ist das Erste, woran sie nicht sparen sollte.

Andreas Roth

Frisch gestrichen

10. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der sächsische Landtag wird in der kommenden Woche über den Haushalt des Freistaates für die Jahre 2011 und 2012 entscheiden. Knapp eine Milliarde Euro will die schwarz-gelbe Koalition im nächsten Jahr weniger ausgeben – und kürzt dafür auch bei Ausgaben für Familien, Jugendliche und kranke Menschen. DER SONNTAG analysiert die größten Einschnitte.

 

Weniger Hilfe für Jugendliche

Ein Drittel weniger Landeszuschüsse für die offene Jugendarbeit – bei den Kürzungen von 2010 bleibt es auch in den kommenden beiden Jahren. Es gibt bereits erste Opfer: Die Mobile Jugendarbeit der Kirchgemeinde Lommatzsch und des CVJM Brandis beispielsweise mussten bereits schließen, andere Projekte muss­ten ihr Angebot kürzen.

»Die Träger verhandeln mit den Landkreisen, ob sie die weggefallenen Zuschüsse auffangen«, sagt Rolf Schmidt, Referent für sozialdiakonische Jugendarbeit im Landesjugendpfarramt. »Aber wir rechnen auch bei den 50 kirchlichen Projekten mit weiteren Einschnitten. Wenn die Decke zu kurz ist, bekommt jemand kalte Füße.« Denn auch die Landkreise und Großstädte kürzen ihre Haushalte.

Auch bei den Zuschüssen für landesweite Jugendverbände soll gestrichen werden. Ob das Landesjugendpfarramt künftig weniger Geld bekommt, wird demnächst entschieden. Für Rolf Schmidt aber ist heute schon klar: »Wenn die Mittel für die Jugendarbeit reduziert werden, nehmen wahrscheinlich bald die Probleme und die Kosten für Hilfen zur Erziehung zu.«

Wenige Geld für Familien

Das Landeserziehungsgeld wird gekürzt: Monatlich erhalten Eltern ab dem nächsten Jahr nur noch 150 statt bisher 200 Euro für das erste Kind und 200 statt bisher 250 Euro für das zweite Kind, wenn sie länger als 14 Monate nach der Geburt zu Hause bleiben. Die Zuschüsse für weitere Geschwister bleiben unverändert bei monatlich 300 Euro.

Auch die Mittel für Familienerholung und -bildung werden von derzeit 1,3 Millionen Euro auf 660.000 Euro fast halbiert. »Diese Kürzungen treffen die schwächsten Familien: Alleinerziehende, Arbeitslose, Studenten und Auszubildende mit Kindern«, kritisiert Eva Brackelmann, Geschäftsführerin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen. »Wir sehen einen klaren Widerspruch zum Ziel des schwarz-gelben Koalitionsvertrags, dass Sachsen zum familienfreundlich­sten Bundesland werden soll.«

Bereits der Umbau des Bundes­elterngeldes hat arme Familien besonders betroffen. Nun will der Freistaat ihnen künftig auch die Gebühren für den Besuch einer freien Schule nicht mehr erstatten. Und auch die Kürzungen und Preiserhöhungen im Nahverkehr werden Familien mit wenig Geld besonders spüren.

Weniger Beratung für psychisch Kranke

An Kontakt- und Beratungsstellen für psychisch kranke Menschen will die Staatsregierung künftig nur noch 3,3 Millionen Euro jährlich zahlen. Im letzten Jahr flossen dafür knapp vier Millionen Euro.

Eine »Abwärtsspirale« befürchtet Steffi Mauersberger, Psychiatrie-Referentin der Diakonie Sachsen, wenn Landkreise und Großstädte diese Kürzungen nicht ausgleichen: Auch die 14 diakonischen Beratungsstellen mit ihren 39 Mitarbeitern, die von 2000 Menschen regelmäßig aufgesucht werden, müssten dann ihr Angebot einschränken. »Das gefährdet die Kontinuität der Arbeit, die letztlich auch zur Vermeidung von Krankenhaus-Drehtüreffekten und Heimbetreuung beiträgt. Das wäre viel teurer für die Kommunen«, so Steffi Mauersberger.

Die Förderung von Arbeitsprojekten für psychisch Kranke soll von 297.000 auf 200.000 Euro gekürzt werden. Infolge dessen würde die Hälfte solcher Arbeitsplätze wegfallen, schätzt Steffi Mauersberger. »Doch was jetzt eingespart wird, muss langfristig durch kostenintensive stationäre Wohnstätten und Werkstattplätze von den Kommunen finanziert werden.«

Weniger Anleitung für ehrenamtliche Betreuer

Viele behinderte, demente und psychisch kranke Menschen sind auf Betreuer angewiesen, die sie in rechtlichen Fragen vertreten. 70 Prozent der Betreuer tun diese Arbeit ehrenamtlich und werden dabei von Vereinen begleitet, unterstützt und weitergebildet. Sachsen will nun die Förderung der 31 anerkannten Betreuungsvereine von 364.000 Euro im letzten Jahr auf 163.000 Euro mehr als halbieren.

»Hinzu kommt, dass in Zukunft nur noch Vereine gefördert werden, die auch von den Kommunen Zuschüsse bekommen«, sagt Detlef Dressel vom Diakonischen Betreuungsverein im Vogtland. »Das betrifft etwa die Hälfte aller Vereine. Für alle gilt, dass sie nicht mehr so arbeiten können wie bisher.«

Acht diakonische Betreuungsvereine arbeiten in Sachsen, sie beschäftigen auch 63 hauptamtliche Betreuer. Deren Arbeit ist zwar finanziell gesichert, doch die Aufklärung und Information zum Thema Betreuung werde zukünftig für Vereine kaum noch zu leisten sein, befürchtet Detlef Dressel. »Die Unkenntnis, die immer noch bei diesem Thema besteht, wird wieder größer werden.« Und das trotz steigender Fallzahlen.

Andreas Roth

»Papa ist gestorben«

10. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Trauer um einen gestorbenen Menschen ist bei vielen im Advent besonders stark. Auch Kinder trauern – auf ihre eigene Weise. Oft nimmt sie kaum einer wahr.
 

Lukas malt blaue Wellen, Strand und Sonne strahlen gelb. Auf dem Einband einer leeren Schachtel, die wie ein dickes Buch aussieht, wächst eine ganze Welt. Es ist Lukas’ Welt, eine Urlaubswelt. Eine Welt mit einer Lücke, leer wie die Schachtel. »Papa hat am liebsten Theater gespielt und gekocht, auch mein Lieblingsessen, Nudeln.«

Lukas (Namen aller Kinder geändert) geht in die zweite Klasse. Ein Junge mit breiter Zahnlücke, strubbeligen blonden Haaren und trockenem Lachen, der eben noch alle Spieler des FC Bayern München aufzählen konnte. Jetzt nagt er an einem blauen Filzstift und sieht lange zur Decke. »Vor einem halben Jahr ist Papa gestorben.« Neben Lukas schreibt Johannes mit grünen Buchstaben den Namen seines Vaters auf die Erinnerungskiste. Da soll Papas Bergsteigerseil hinein. Ein großes, leuchtend rotes Herz malt Sarah auf den Einband – für ihren toten Bruder.

Zwei Mal im Monat treffen sich diese trauernden Kinder in einer Gruppe des Christlichen Hospizdienstes Dresden. Sie können hier ihren eigenen Weg zu trauern suchen. Und finden.

Mit genauer und liebevoller Hand malt Annika auf ihre Kiste einen Fußball. »Papa war Fußballtrainer.« An einer Krankheit ist er vor acht Monaten gestorben. Annika ist ein stilles Mädchen mit glatten braunen Haaren, sie geht in die vierte Klasse, beim Malen pfeift sie vor sich hin.

In der Trauergruppe hat sie schon einmal eine solche Kiste bemalt. Sie hat zwei seiner CDs hinein getan, eine Katze aus Speckstein, ein Foto von ihrem Papa – eines der wenigen mit seinem Gesicht. Erinnerungen. »Manchmal, wenn ich traurig bin, sehe ich da rein«, sagt Annika. »In der Gruppe hier kann ich einmal darüber reden. In der Schule versteht das keiner.«

Kinder trauern. Oft aber wird es nicht erkannt. »Der steckt das gut weg«, sagen manche Eltern erleichtert, und andere: »Sie spielt ja wieder.« Doch Kinder trauern anders als Erwachsene. »Sie können vom tiefsten Weinen im nächsten Moment zum Spielen wechseln. Es ist ein Auf und Ab«, weiß Regina Schönberg vom Christlichen Hospizdienst Dresden. Sie weiß auch: Verdrängte Trauer kann später im Leben wieder aufbrechen und schwer auf der Seele lasten, bis der fehlende Abschied nachgeholt ist.

Deshalb bieten Hospizvereine in Dresden und Leipzig Eltern und Kindern ihre Begleitung an. So wie bei Emanuel, den Regina Schönberg mit seiner Mutter noch einmal an das Bett seines toten Vaters begleitete. Gemeinsam haben sie vorher ein Bild gemalt und ein Abschiedsgeschenk gebastelt. »Wenn Kinder es wollen und gut vorbereitet werden, gehen sie ganz offen und natürlich an ein Sterbebett oder einen Sarg«, hat Regina Schönberg erfahren.

Kinder brauchen keine scheinbar schonenden Erklärungen, die den Tod verharmlosen – und doch in der Fantasie der Kinder oft Ängste auslösen, sagt Schönberg. »Ein Kind kennt die Person fit und gesund, wie soll es dann verstehen, dass sie tot ist? Man sollte ihm die Chance geben, diesen Weg nachzuvollziehen und Abschied zu nehmen.«

Schmerz und Freude liegen bei Kindern nah beieinander. Der kleine Julian rennt wütend in den Räumen des Hospizvereins umher, weint, schreit und schlägt die Türen. In diesen Adventstagen würde sein toter Bruder Geburtstag feiern. Die anderen Kinder der Trauergruppe spielen im Keller Fußball. Annika rennt und lacht, Lukas hechtet dem Ball nach – und hält. »Ich bin ein guter Torwart«, ruft er laut.

Hoffnung haben Kinder genug in sich. In der Trauergruppe malen sie die neue Bleibe ihrer Toten: Einen Stern am Himmel, ein Haus auf einer Wolke, oder bei Gott in der Gestalt des langhaarigen Jesus. Die Kinder haben alle einen guten Ort für die Verstorbenen. Und es scheint, als rage er bis in das Leben der Kleinen hinein.

Andreas Roth

Mehr zum Thema in einer
Broschüre der Diakonie über Trauern von Kindern

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