Kirche muss kritisch sein
31. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Außenansicht des Sächsischen Lantages, Fotograf: Erik Donner, wikipedia.de
Das Verhältnis zwischen sächsischer Landeskirche und dem Freistaat kommt nicht zur Ruhe. Das Problem trägt nicht nur den Namen FDP – es ist grundsätzlicher Natur.
Der Streit um die Kirchentagsveranstaltungen im sächsischen Landtag zeigt es beispielhaft: Staat und Kirche haben verschiedene Grundlagen. Der Staat gründet sich auf die Macht der Gesetze und die Kirche auf das Evangelium.
Da kann es Reibung geben, und das ist gut so.
Der Staat – in diesem Fall der sächsische Landtag – ist an das geltende Recht gebunden. Wenn der Landtag für Veranstaltungen in seinen Mauern hohe Hürden aufgerichtet hat, um die NPD fernzuhalten, müssen die auch für andere Veranstalter gelten. Die Kirche darf da keinen Ausnahmestatus beanspruchen – zumal in einer mehrheitlich unreligiösen Gesellschaft. Das hätten Landtagsverwaltung und Kirchentagsorganisatoren klären sollen, bevor es zum Eklat kam.
Die Kirche indes hat eine Botschaft, die die bestehenden Verhältnisse an Gottes Willen zu messen versucht. Deshalb muss die Kirche kritisch sein – so wie es die geplanten Veranstaltungen des Kirchentages über die »Krise der Demokratie« und den Rechtsextremismus vorhaben.
Niemand sollte sich wundern, dass sie damit bei den Mächtigen nicht nur offene Türen einrennt.
Doch die Landespolitiker sollten bisweilen daran denken, dass auch unser Staat aus den unruhigen Quellen des christlichen Glaubens lebt. Dieser bot der Friedlichen Revolution von 1989 ein Dach – und auch dem ersten sächsischen Landtag. Schon damals jedoch war das Verhältnis von Macht und Kirche vor allem eines: ein Provisorium.
Andreas Roth
Öffentliches Bekennen statt zu klagen und zu zweifeln
30. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Psalm 66, Vers 5

Pfarrer Dr. David Toaspern ist Leiter es Theologisch-Pädagogischen Institus in Moritzburg.
Dass alles, was geschieht, so eindeutig Gott zugeschrieben wird, erstaunt mich beim Lesen des Psalms doch: geprüft und geläutert werden, in den Turm geworfen werden, Last auf den Rücken bekommen, in Feuer und Wasser geraten. Und dem gegenüber: die Füße nicht gleiten lassen, herausgeführt werden, erquickt werden. Ich denke an den angeschuldigten Gott unserer Tage. Handelt Gott überhaupt noch in der Geschichte, wird gefragt. Von Religionskritikern wird ihm Versagen auf der ganzen Linie vorgeworfen, was dafür spräche, dass es ihn gar nicht gibt. Privatsache Religion findet Akzeptanz, aber ein öffentliches Bekennen zu Gott, »der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern«, hat wenig Raum.
Mich lehrt das Psalmwort, meinen Glauben nicht zu verschweigen. Erlebe ich den Lebensweg nicht wie ein Geschenk? Sehe ich nicht, wie der Glaube Menschen für das Gute aktiv werden lässt? Kenne ich nicht Menschen, die im Glauben erst Halt fanden?
Das lohnt sich gesagt zu werden. Sonst übertönen die Stimmen des Klagens und des Zweifels alles Reden von Gott. Der Psalmvers ruft auf: »Kommt her und seht!« Hier sind wir gefragt, auf Seiten im Buch Schöpfung und im Buch Geschichte zu weisen, die uns wertvoll sind. Was weiter wird, kann unterschiedlich aussehen. Es steht in der Hand des Einzelnen und in Gottes Hand. Wirkung hat es aber bestimmt, wenn jemand gekommen ist und gesehen hat.
David Toaspern
Ins Zentrum gerückt
29. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Arbeitsatmosphäre im Dienstzimmer des Bischofs: Landesbischof Jochen Bohl (M.) mit seinen beiden Mitarbeitern, dem Persönlichen Referenten Pfarrer Urs Ebenauer (l.) und der Leiterin der Bischofskanzlei Cornelia Müller (r.). Fotos: Steffen Giersch
Bischofskanzlei: Gespräch mit Landesbischof Jochen Bohl zum Umzug in neue Räume im Dresdner Stadtzentrum.
Der Landesbischof hat neue Diensträume – und ist mit diesem Umzug in die Kritik geraten, auch bei den Lesern des Sonntags. Wir haben Landesbischof Jochen Bohl abschließend zu dieser Diskussion die dabei aufgetretenen Fragen gestellt.
Herr Landesbischof, Ihre Kanzlei ist umgezogen ins Zentrum der Landeshauptstadt. Verstehen Sie, dass nach dem Bekanntwerden im November Ihr Umzug Kritik ausgelöst hat – auch bei unseren Lesern?
Bohl: Natürlich verstehe ich das. Dass es Kritik geben würde, war mir im Vorfeld klar.
Warum war der Umzug nötig und warum jetzt?
Bohl: Der wesentliche Grund ist, dass eine Einrichtung wie die Bischofskanzlei nach meiner Überzeugung nicht an den Stadtrand, sondern in die Stadtmitte gehört. Dabei steht mir auch vor Augen, dass die römisch-katholische Kirche das Problem schon Anfang der 90er Jahre durch das Kanzleihaus gelöst hat.
Wie kam es überhaupt zu dem bisherigen Bischofssitz am Rande der Stadt in Dresden Blasewitz?
Bohl: Das war der Tatsache geschuldet, dass die Dresdner Innenstadt zerstört war. Die Landeskirche hat das Haus auf der Tauscherstraße 1952 gekauft. Jetzt erleben wir nach dem Aufbau der Frauenkirche, dass Dresden sein Zentrum zurück bekommt. Da ist es naheliegend, dass die Bischofskanzlei wieder in die Stadt verlegt wird. Im Übrigen haben seit mehr als 20 Jahren die Bischöfe nicht mehr in der Tauscherstraße gewohnt. Dort war die Wohnung des jeweiligen Bischofsreferenten, um ständig einen Ansprechpartner im Gebäude zu haben. Das ist in Zeiten von Anrufumleitung, E-Mail und Mobiltelefon keine Notwendigkeit mehr. Auch das war ein Grund, der für den Umzug gesprochen hat.

Das Haus Rampische Straße 29 ist ein von der Gesellschaft Historischer Neumarkt originalgetreu wieder aufgebautes Bürgerhaus vom Anfang des 18. Jahrhunderts.
Bohl: So ist es nicht. Das Landeskirchenamt hat im Vorfeld der Entscheidung eine Vollkostenrechnung gemacht und festgestellt, dass die Mietlösung in der Rampischen Straße nicht teurer ist als der Unterhalt der Villa in der Tauscherstraße. Denn dafür fallen ja auch Kosten an: Reparaturen, Unterhaltskosten, Grundsteuer und anderes. Diese Kosten werden gesondert in einem Grundstückshaushalt dargestellt. Ausschlaggebend war also, übrigens auch für die Kirchenleitung, die frühzeitig einbezogen war, diese umfassende Berechnung. Es ist ja selbstverständlich, dass man die Kosten im Griff behält.
Im Übrigen kommt es auf Grund des Zuschnitts der Grundstücke und der Preise in der Innenstadt nicht in Frage, hier selbst zu bauen. Schwierig war allerdings, dass es in der Innenstadtlage kaum ein Gebäude gibt ohne gewerbliche Nutzung. Es kann aber nicht sein, dass unten Geschäfte sind oder eine Gaststätte, an denen man vorbei muss, um zum Bischof zu kommen.
Insofern ist die Zusammenarbeit mit unserem Vermieter ein glücklicher Umstand. Das ist die »Kulturstiftung Historisches Bürgerhaus«, deren Stiftungszweck es ist, Wohnungen für Studierende der Musikhochschule anzubieten. Es gibt hier im Haus zehn kleine Wohnungen für Studenten und im Keller einen Probenraum. Für beide Seiten ist die Zusammenarbeit sinnvoll, auch die Stiftung freut sich über einen Mieter, der wie wir langfristig und zuverlässig Miete zahlt. Man könnte also zugespitzt sagen: Die Bischofskanzlei ist zur Miete in ein Studentenwohnheim gezogen.
Der Mietvertrag im neuen Haus ist befristet auf sechs Jahre. Wird der Bischofssitz ein wanderndes Büro?
Bohl: Die Befristung ist Vorsicht auch von unserer Seite. Wir wollen sehen, wie es sich bewährt.
Wäre es nicht günstiger gewesen, im kircheneigenen Haus zu bleiben, als von marktüblichen Mieten abhängig zu sein?
Bohl: Die Mieten steigen, wenn die Gebäudekosten steigen. Eine solche Entwicklung beträfe Eigentum wie Mieträume gleichermaßen. Unser Vermieter verfolgt keine gewerblichen Interessen.
Hätten sich in Zentrumsnähe nicht andere, kircheneigene Räume gefunden, etwa bei der Kreuzkirche?
Bohl: Vor der Entscheidung für diesen Standort wurde ein Konzept entwickelt, mit der Bischofskanzlei in das Haus an der Kreuzkirche zu gehen und dieses zu einem kirchlichen Zentrum innerhalb der Stadt zu machen. Dafür wurde leider kein Übereinkommen mit dem Kirchenvorstand gefunden.
Die Nähe der neuen Räume zur Frauenkirche lässt den Gedanken an Exklusivität aufkommen. Wie passen für Sie Repräsentation und der Auftrag der Kirche, an der Seite der Benachteiligten zu sein, zusammen?
Bohl: Wer das Haus sieht und betritt, wird nicht den Eindruck von Exklusivität haben. Es ist ein sehr schmales Gebäude. Unsere Kanzleiräume sind etwas kleiner als in der Tauscherstraße. Für mich steht die Frauenkirche nicht für Exklusivität, sondern für die Verkündigung des Evangeliums. Es ist einer der bedeutendsten Kirchenbauten in Deutschland und ich bin sehr dankbar, dass ich da gelegentlich predigen darf.
Wie fühlen Sie sich in ihrer neuen Kanzlei?
Bohl: Ich fühle mich wohl hier. Es ist zweckmäßig und es gibt auch für die Besucher nicht mehr so weite Wege. Manchmal vermisse ich die Mittagsspaziergänge an der Elbe.
Das Gespräch führte Christine Reuther.
Die Bischofskanzlei befindet sich jetzt auf der Rampischen Straße 29 in 01067 Dresden,
Telefon (03 51) 3 10 57 24, Fax (03 51) 3 40 02 81, E-Mail bischof@evlks.de
www.evlks.de/landeskirche/landesbischof/index.html
»… bitte gib ein Bett dazu«
28. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Für den Kirchentag vom 1. bis 5. Juni in Dresden wurde jetzt die Quartiersuche eingeläutet, um für 10 000 Gäste Gastgeber zu finden. Tom Pauls ist einer von ihnen.

»La le lu – bitte gib ein Bett dazu«: Der Schauspieler Tom Pauls ist Schirmherr der Kampagne zur Privatquartiersuche. Er zeigt schon mal, wie gut man in Dresden schläft. (Fotos: Dietrich Flechtner)
10 000 Privatquartiere werden für den Zeitraum vom 1. bis 5. Juni gesucht. Die Aktion hat auch einen Slogan: »La le lu – bitte gib ein Bett dazu« lautet dieser in Anlehnung an ein einst von Heinz Rühmann gesungenes Schlaflied. Neben Tom Pauls ist die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) Schirmherrin der Kampagne. Auch sie preist Dresden als liebevolle Gastgeberstadt.
Doch mit Dresden allein ist es nicht getan. Unterkünfte für Privatpersonen werden entlang der Bus- und Bahnlinien von Dresden bis Radeburg, Königsbrück, Kamenz, Bautzen, Bad Schandau, Altenberg, Schmiedeberg, Freiberg, Nossen, Riesa und Großenhain gesucht. Alle diese Orte sind für die Kirchentagsteilnehmer mit ihrer Dauerkarte erreichbar. In diesem Quartierbereich werden außerdem 250 Schulen als Gemeinschaftsquartiere benutzt. Dann werden die Schulbänke beiseite geräumt, damit in jedem Klassenraum 12 bis 15 Menschen ihre Isomatte ausbreiten und ihren Schlafsack entfalten können. Betreut werden sie von Freiwilligen aus den angrenzenden Kirchgemeinden: Vom Empfang übers Frühstück bis zur Nachtwache. Dazu wurden in den Kirchgemeinden des Quartierbereichs 113 Quartiermeister beauftragt. Insgesamt werden zum Kirchentag rund 100 000 Dauerteilnehmer erwartet. Etwa 40 000 Gäste werden in Hotels und auf Campingplätzen untergebracht, fast ebenso viele in den Schulen.
Doch wer nicht mehr auf dem Fußboden im Massenquartier übernachten will oder kann – ausländische Gäste, ältere Menschen, Familien mit Kindern, Menschen mit Behinderung – für den werden die privaten Gastgeber gesucht. Dabei müsse das Quartier kein besonderer Luxus sein, eine Couch zum Ausziehen genüge schon. »Wir suchen Unterkünfte in der Art wie man auch seine Freunde oder Verwandten unterbringt«, sagte Nora Hupfer vom Kirchentagsbüro. »Wir würden uns freuen, wenn die Gastgeber ein Frühstück vorbereiten«, fügt sie hinzu.
Auch Privatquartier-Teams aus den Kirchgemeinden werden in ihren Orten nach Betten suchen. Ende April werden Gastgeber und Gäste über die Zuteilung unterrichtet.
Christine Reuther
Gastgeber können sich telefonisch melden unter der »Schlummernummer« (03 51) 79 58 52 00 oder im Internet.
www.kirchentag.de/privatquartier
Ein Festmahl auch für Deutschland
22. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, Vers 29

Pfarrer Dr. David Toaspern ist Leiter es Theologisch-Pädagogischen Institus in Moritzburg.
Wenn Jesus das Zusammenkommen der Nationen im Reich Gottes als das Besondere und zugleich das Selbstverständliche ansieht, scheinen unsere Probleme von nationaler Identität damit nicht vergleichbar zu sein. Vertrautheit brauchen Menschen zum gemeinsamen Leben, Vertrautheit in der Familie, im Freundeskreis und in all den anderen Lebensbezügen. Mit Menschen, die »von Osten und Westen, von Norden und Süden« kommen – wie kann ich da gleich vertraut sein?
Sicher, ich weiß: Gottes Reich ist im Werden und Kommen, ich kann nicht meine menschlichen Maßstäbe daran anlegen. Aber Jesus vergleicht das Reich Gottes doch mit Irdischem, wenn er ein Bild gebraucht und die vielen »zu Tisch sitzen« sieht.
Eben, ein Bild erschließt mir die Hoffnung, von der Jesus spricht. Gemeinsam erwarten die Vielen das große Festmahl, sie werden gemeinsam essen, trinken und fröhlich sein. In mir wird die Erinnerung an schöne Feste wach, ich bin eingeladen, habe Zeit, treffe anregende Menschen und kann genießen.
Wenn Jesus die Vielen zusammenführt, wird es wie bei einem Festmahl sein. Brauchen wir das in Deutschland nicht auch? Ein gemeinsames Ziel, für das es sich lohnt, miteinander vertraut zu werden? Gemeinsam dankbar sein können für unser Land, das wäre für mich festlich und Vorgeschmack auf Kommendes.
David Toaspern
»Die mit Tränen säen«
21. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Beim Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche lesen Ruth und Gottfried Hentschel die Bittgebete für ihre im Jemen vermissten Familienangehörigen vor. (Foto: Uwe Winkler)
Anderthalb Jahre nach seiner Entführung im Jemen fehlt von dem Oberlausitzer Ehepaar Hentschel und ihrem kleinen Sohn Simon jede Spur. In der Leipziger Nikolaikirche beteten Christen für ihre Freilassung.
Es war ein Jahrtausende alter Psalm, den Pfarrer Christian Führer beim Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche vorlas – und klang, als wäre er genau für diesen Tag geschrieben: »Herr, bringe zurück unsere Gefangenen«, zitierte Führer Psalm 126: »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.« Unter den Bögen der Nikolaikirche saßen an diesem 17. Januar viele, die diese traurige Saat kennen, seit im Juni 2009 die fünfköpfige Familie Hentschel aus der Oberlausitz im Jemen entführt wurde. Ihre Großeltern Ruth und Gottfried Hentschel waren eigens zu dem Friedensgebet nach Leipzig gekommen. Mehr als 100 Christen beteten mit ihnen um die Freilassung der Familie.
Die seit anderthalb Jahren währende Anteilnahme ist es, die den Angehörigen des noch immer verschwundenen Paares Johannes und Sabine Hentschel sowie ihres kleinen Sohnes Simon Kraft gibt. Ihre beiden Töchter Anna und Lydia sind mittlerweile wieder zu Hause. Seit dem Sommer 2009, seit bekannt wurde, dass die in der jemenitischen Provinz Sanaa entführten Deutschen aus der Oberlausitz stammen, reißt der Zuspruch nicht ab. In umliegenden Kirchgemeinden, in Österreich, Hartenstein in Westsachsen, Pulsnitz bei Dresden, Süddeutschland, ja sogar in Afrika beten Menschen für die Vermissten und ihre Angehörigen, sagt Reinhard Pötschke, der mit Johannes Hentschels Schwester verheiratet ist. Außerdem kommen immer wieder Briefe.
»Es ist ganz deutlich, dass wir nicht vergessen werden«, sagt Reinhard Pötschke, der als Pfarrer in einer Freikirche arbeitet. Die Hentschels und ihre Angehörigen sind eine gläubige Familie, gehören Kirchgemeinden oder freien Gemeinden an. Doch die Frage nach dem Warum ihres Leidens drängt sich auch den Christen auf. »Nicht so sehr, warum es unsere Familie getroffen hat. Sondern warum es so lange keine Antwort gibt auf all die Gebete«, erzählt Pötschke.
Warum gibt es noch immer keine Spur von Johannes und Sabine, die etwa sechs Jahre lang für die christliche Hilfsorganisation »World wide services« gearbeitet hatten, ehe sie am 12. Juni 2009 zusammen mit ihren Töchtern Lydia und Anna sowie dem kleinen Sohn Simon und vier weiteren Personen verschwanden? Zwei deutsche Bibelschülerinnen und eine Koreanerin wurden später ermordet aufgefunden.
Ein Trost ist es auch für die Großeltern Gottfried und Ruth Hentschel in Lauske bei Bautzen, dass Anna und Lydia im vergangenen Mai plötzlich gefunden wurden. Sie leben nun bei Verwandten. Von ihnen weiß die Familie inzwischen auch ansatzweise, dass der kleine Simon vermutlich nicht mehr am Leben ist.
Um Klarheit zu bekommen, um die schlimme Ungewissheit zu beenden, versucht die Familie Licht ins Dunkel zu bringen. Eigentlich wollte Reinhard Pötschke zusammen mit einem Verwandten und einem Freund der Familie im Januar in den Jemen reisen. Man wollte Postkarten mit Fotos von den Vermissten verteilen. Eine Fernsehaufzeichnung beim arabischen Sender Al Dschasira war geplant. Doch die Reise ist erst einmal abgesagt, aus Sicherheitsgründen. Dennoch will die Familie über das Fernsehen in der arabischen Welt um Hilfe bitten und das Schicksal der Vermissten klären.
Die Leipziger Nikolai-Kirchgemeinde wollte mit dem Friedensgebet und der anschließenden Mahnwache den Appell der Angehörigen an deutsche und jemenitische Behörden für eine erneute Suche unterstützen. Das deutsche Auswärtige Amt hat keine neuen Informationen für sie und macht ihnen nur wenig Hoffnungen. Die 79-jährige Großmutter Ruth Hentschel sagte in ihrem Fürbittgebet: »Schmerz und Ungewissheit lasten schwer auf unseren Seelen.«
Irmela Hennig
Fragwürdiges Streikrecht
21. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Für die Diakonie wird der Gegenwind im Arbeitsrecht schärfer. Entfacht wird er von der Dienstleistungsgewerkschaft verdi. Diese hat jetzt einen Etappensieg errungen: Die Diakonie darf ihren Beschäftigten Streiks nicht mehr generell untersagen. So entschied das Landesarbeitsgericht (LAG) in Hamm.
Beim Streikverbot berufen sich Kirche und Diakonie auf ihr im Grundgesetz verbrieftes Selbstbestimmungsrecht. Auf dieser Grundlage schlagen sie in Tarifregelungen den so genannten »Dritten Weg« ein. Bei Konflikten gibt es ein Vermittlungsverfahren. Ein Arbeitskampf ist ausgeschlossen.
Aus gutem Grund: Altenpflegeheime, Behinderteneinrichtungen oder Sozialstationen sind keine Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften. Und eine demente alte Frau sich selbst zu überlassen, um für höheren Lohn zu streiken, ist schlicht undenkbar.
Die Gewerkschaft richtet ihren Tunnelblick allein auf die Interessen ihrer Mitglieder. Das ist richtig und notwendig, wo Beschäftigte in Unternehmen diese starke Vertretung brauchen, um bei Tarifverhandlungen nicht über den Tisch gezogen zu werden. Da braucht es auch das Streikrecht als Druckmittel.
Doch bei Diakonie und Kirche ist gewerkschaftliche Kampf-Rhetorik fehl am Platze: Dort sitzen keine finsteren Lohndrücker in den Führungsetagen, denen es nur um den eigenen Profit geht. Wohl aber stehen diakonische Einrichtungen unter wachsendem Kostendruck, weil die öffentliche Hand bei Sozialausgaben kürzt oder sich ganz aus der Refinanzierung zurückzieht.
Sparmaßnahmen bei der Diakonie – etwa die Ausgliederung von Mitarbeitern in Tochterunternehmen – gehen dann zu Lasten der Beschäftigten. Was die Diakonie öffentlich diskreditiert. Ein schier unlösbares Dilemma.
Tomas Gärtner
Zweifler willkommen
20. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Wie ist das eigentlich mit Gott und dem Glauben? Wenn Erwachsene das wissen wollen, finden sie oft nicht den richtigen Ort für ihre Fragen. Die Initiative »Erwachsen glauben« will das ändern.
Sie begleitete ihren Mann in den Gottesdienst, wollte ihren gerade geborenen Sohn taufen lassen – selbst aber war Caroline Schneider (30) atheistisch aufgewachsen. Ihr fehlte etwas. Nicht nur der Glaube, auch das Wissen: Was sind das für Bücher in der Bibel? Wie erzählen sie von Gott? Und was ist eigentlich das Kirchenjahr? Vor anderthalb Jahren fand sie in einen Glaubenskurs der Bautzener Kirchgemeinde. »Er hat mich zum Nachdenken und Begreifen gebracht«, sagt Caroline Schneider: »Er ist ein Fundament.« Am 31. Januar 2010 ließ sie sich mit sieben anderen Kursteilnehmern im Bautzener Petri-Dom taufen.
Solche Geschichten sollen in Zukunft öfter geschrieben werden in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Deshalb hat der Rat der EKD im Juni 2008 die Initiative »Erwachsen glauben« ins Leben gerufen. Sie soll Glaubenskurse offensiv fördern und in der Öffentlichkeit bekannt machen.
Im deutschlandweiten Vergleich haben sächsische Kirchgemeinden vergleichsweise oft solche Angebote für Suchende. »Wir in Ostdeutschland in einer mehrheitlich nicht-religiösen Gesellschaft verfügen da über einen gewissen Erfahrungsvorsprung«, sagt der Bautzener Pfarrer Burkart Pilz, der in einer Gruppe der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD die Initiative »Erwachsen glauben« mit vorbereitet. Sie startete am 17. Januar in der Leipziger Nikolaikirche auch für die sächsische Landeskirche.
»Die EKD-Initiative ist keinesfalls eine Kritik an den Glaubenskursen, die sächsische Pfarrer meist selbst zusammenstellen«, betont Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer. Er ist im Landeskirchenamt zuständig für Gemeindeaufbau und Mission. »Das Ziel der Initiative ist: Glaubenskurse sollen öffentlich angeboten werden, so dass sie für jeden erreichbar sind. Und sie sollen in Kirchgemeinden so regelmäßig stattfinden wie Christenlehre- und Konfirmandenstunden.« Derzeit finden viele Kurse nur auf Nachfrage statt und sind kaum öffentlich bekannt.
Ende Januar wird die Landeskirche an ihre Pfarrer ein Handbuch mit Informationen und Impulsen für Glaubenskurse verschicken. Im Herbst soll dann in den Modell-Kirchenbezirken Marienberg, Leipzig, Leipziger Land, Dresden Mitte und Nord mit Plakaten und im Internet für sie geworben werden. Dazu soll im Kirchenbezirk Marienberg am 18. Juni ein regionaler Werkstatttag in Flöha stattfinden. Roland Kutsche, Pfarrer für missionarischen Gemeindeaufbau im Kirchenbezirk Marienberg, plant zudem einen überregionalen Glaubenskurs sowie ein solches Angebot für Mitarbeiter der Diakonie.
In Leipzig sollen nicht nur alle Glaubenskurse im Internet und in einem Faltblatt veröffentlicht werden, sondern ebenso Chöre und Gesprächskreise, die offen sind für Neugierige von draußen.
Die Kirchenleitung hofft, dass auch Kirchgemeinden aus anderen Regionen Sachsens die Internetplattform und die Impulse der EKD-Initiative nutzen. Nicht wenige Pfarrer indes sind im »Jahr der Taufe« und des Dresdner Kirchentages skeptisch, wenn nun eine weitere Initiative von oben kommt. Dabei gehe es gar nicht darum, dem vorhandenen Gemeindeleben einen neuen Kurs oder eine neue Kampagne hinzuzufügen, sagt der Bautzener Pfarrer Burkart Pilz. »Die Kirchgemeinden müssen sich insgesamt öffnen und eine gast- und zweiflerfreundliche Kultur leben.«
Andreas Roth
Die Initiative »Erwachsen glauben« im Internet: www.kurse-zum-glauben.de
Gott gibt mir viel – aber nicht die Weltformel
15. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist
durch Jesus Christus geworden.
Johannes 1, Vers 17

Pfarrer Dr. David Toaspern ist Leiter es Theologisch-Pädagogischen Institus in Moritzburg.
Offenbar ist die Schöpfung anders angelegt.
Im Blick auf Gott klärt sich mir die Welt. Mit einer Weltformel allerdings könnte ich meinen Platz in der Welt genau bestimmen, ich hätte eine Navigation für Sinn und Standort. Mit Gott bin ich ein Nehmender, ich empfange. Das Leben habe ich bekommen, es war nicht zwangsläufig, dass ich wurde. Begabungen und Schwächen habe ich bekommen, über Erfolge darf ich mich freuen, Rückschläge muss ich annehmen. In mein Leben treten Menschen und mit ihnen stehe ich in der kleinen und großen Geschichte dieser Welt.
Meine Navigation heißt: Schöpfung und Leben durch Gott gegeben. Mose, so sagt der Wochenspruch, überbrachte das Gesetz als Gottes Geschenk an Israel. Jesus Christus, so heißt es weiter, trug die Gnade und Wahrheit zu den Menschen. »Gnädig« schreibe ich als Überschrift über den Weg, den Gott eingeschlagen hat.
Manche Christen sagen, sie könnten eigentlich auch ohne Jesus ganz gut an Gott glauben. Sie vergessen, dass Jesus Christus für uns, die Völker außerhalb Israels, den Weg zu Gott gezeigt hat. Christus lässt uns Gott entdecken. Die Gewissheit, dass wir nicht Zufällen und Einbildungen aufgesessen sind, legt er uns in die Hände.
Gott gibt heute und morgen, mit der Schöpfung begann seine Freigebigkeit. Mit dem Leben habe ich seine umfassende Gabe erhalten.
David Toaspern
Wir haben keine Angst
14. Januar 2011 von Redaktion DER SONNTAG
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In Sachsen treffen sich koptische Christen regelmäßig zum Gottesdienst. Nach den Anschlägen in Ägypten wollen sie sich ein normales Gemeindeleben erhalten.

Der Ägypter Sameh Iskander ist koptischer Christ und hilft als Diakon bei den Gottesdiensten der koptisch-orthodoxen Gemeinde in der katholischen St. Petrus-Kirche Dresden. (Foto: Steffen Giersch)
Es war kein Weihnachtsfest wie sonst, bei dem nach vier Stunden Gottesdienst gewöhnlich noch lange bis in die Nacht zusammen gefeiert, gegessen und getrunken wird. In diesem Jahr feierte die koptische Gemeinde in Berlin nur sehr kurz und unter dem Schutz der Polizei. Dafür seien aber sehr viele Menschen da gewesen, erzählt Mönchserzpriester Girgis El Moharaky; darunter die Bürgermeisterin von Berlin Lichtenberg und Politiker der großen Parteien. Ein Imam sei nach dem Gottesdienst dazugekommen. Auch aus Leipzig waren Familien dabei.
Der Mönch El Moharaky betreut neben seiner Berliner Gemeinde rund 60 koptische Christen in Sachsen, die zu den regelmäßigen Gottesdiensten in Leipzig und Dresden aus allen Teilen Sachsens anreisen. Einer von ihnen ist Sameh Iskander. Der gebürtige Ägypter wohnt seit rund 15 Jahren in Deutschland und hilft Priester El Moharaky als Diakon beim Ablauf der Gottesdienste, die in der katholischen St. Laurentius in Leipzig und in der Dresdner St. Petrus-Kirche stattfinden.
Regelmäßig kämen dort 20 bis 35 Gläubige zusammen, darunter Christen aus dem Irak und Syrien, die den Gottesdienst auf Arabisch verfolgten. Auch die Familie des im Oktober in Leipzig ermordeten Kamal K. sei darunter. »Leider leben wir alle zu verstreut, um uns häufiger als einmal im Monat zum Gottesdienst mit anschließendem Essen zu sehen«, bedauert Sameh Iskander.
Nach dem Bombenanschlag auf koptische Christen in Alexandria zum Neujahrsbeginn, bei denen mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen sind, habe man erstmal nur miteinander telefonieren können. Iskander war geschockt von der traurigen Meldung: »Es ist schrecklich zu sehen, auf welche Art und Weise diese Menschen getötet wurden«. Es habe zwar schon häufiger Angriffe auf die koptische Minderheit in Ägypten gegeben, doch dieses Ausmaß sei neu.
Er habe auch Kontakte zu Muslimen, was in Deutschland kein Problem sei: »Hier kann jeder beten, wo er möchte«. Sameh Iskander fühlt sich deshalb sicher in Dresden, wo er lebt und arbeitet und glaubt nicht, dass die koptische Gemeinde nun auf Polizeischutz angewiesen ist, trotz der Drohungen im Internet. »Die Bedrohung in Ägypten ist wesentlich größer«.
So sieht es auch Mönchserzpriester Girgis El Moharaky: »Wir haben keine Angst. Unser Gemeindeleben hier soll ganz normal weitergehen.«
Wie es für die koptischen Christen in Ägypten weitergeht, ist dagegen schwer zu beurteilen. Die Schwesternschaft des Trinitatis-Ring e.V. in Leipzig pflegt engen Kontakt zur koptisch-orthodoxen Gemeinde in Deutschland, seitdem diese zum evangelischen Kirchentag in Leipzig 1997 zu Gast war. »Zu den Gottesdiensten sind wir immer eingeladen«, erzählt Schwester Ina. Vor gut einem Jahr haben sie und weitere Schwestern eine Gemeinschaft koptischer Christen in Ägypten besucht.
Zwei koptische Schwestern verbrachten daraufhin im vergangenen Sommer drei Wochen in Leipzig. Nun bekam Schwester Ina auf ihre besorgte E-Mail hinsichtlich der Anschläge von Alexandria nur eine knappe Antwort. »Man weiß nie, inwieweit solche Nachrichten kontrolliert werden. Sie schreiben vorsichtig, dass sich die Situation nicht gebessert hat«. Schwester Ina berichtet auch von einem koptischen Bischof, der sich auf seinen Reisen zwischen seinen ägyptischen Gemeinden immer in Lebensgefahr begebe.
Ende Januar erwarten die Trinitatis-Schwestern wieder Besuch aus Ägypten. Dieses Mal haben sie einen Arzt aus Kairo eingeladen, der sich um Müll sammelnde Christen in der Hauptstadt kümmere. Man plant ein gemeinsames Projekt und hofft auf Neuigkeiten aus Ägypten, um dort wirksam helfen zu können.
Maxie Thielemann
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