Wenn der Pflug klemmt: erinnern und vorwärts gehen
27. März 2011 von DER SONNTAG
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, Vers 62
Es gab Zeiten, da fand ich Reformen grundsätzlich schick. »Das machen wir jetzt ganz anders«, dieser Satz war selbsterklärend. Reform war synonym mit Frühling, Lust und Ewigkeit. Heute finde ich Reformen kaum noch schick, meistens aber nötig. Manchmal nerven sie geradezu. Bin ich darum ein Pessimist?
Manche sagen: Die Sache wäre doch ganz einfach – ich müsste nur ein bisschen sparen, meine Arbeit optimieren und bei alledem das Lächeln nicht vergessen. Wörtlich genommen ist eine Reform eine Wiederherstellung. Sie wäre also dann nötig, wenn das Alte sich verfehlt hat. Wenn die Lösung nicht mehr dem Plan und die Aktion nicht mehr dem Ziel entspricht.
Den kritischen Blick zurück kann ich mir nicht ersparen. Es war gewiss nicht alles schlecht, aber manches eben auch nicht gut. Zugleich ist der Blick zurück aber auch eine Einübung in die Dankbarkeit. Im letzten Jahr ist das Korn nicht schlecht gewachsen. Und das war nicht mein Verdienst. Warum sollte der Schöpfer nicht auch in diesem Jahr die Sonne scheinen und den Regen strömen lassen?
Der Blick zurück ist also nicht generell verboten. Vielmehr wächst der Mut zum Pflügen aus der dankbaren Erinnerung. Dann aber mit Entschlossenheit ans Werk! Während des Pflügens ist nicht die Zeit, an Gestern zu denken. Um beides geht es in der Nachfolge Jesu: Erinnern und vorwärts gehen. Zwischenzeitlich kann der Pflug auch mal klemmen. Was mich trägt, ist die Dankbarkeit, was mich motiviert, ist die Verheißung: Gottes Reich ist im Kommen.
Auch heute steht wieder viel Arbeit an. Ich bin durchaus im Zweifel, ob die neuen Wege tatsächlich erfüllen, was sie versprechen. Gleichwohl: Ich habe wieder Lust.
Thomas Knittel
Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg.
Stadt oder Land?
26. März 2011 von DER SONNTAG
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Zukunft: In Dörfern schrumpfen die Mitgliederzahlen der Kirche, in Sachsens Großstädten wachsen sie
Die Kirche muss im Dorf bleiben – und dennoch über die eigene Turmspitze hinaus sehen. Diese Erfahrung hat das Geisinger Pfarrer-Ehepaar Maren und Freimut Lüdeking gemacht.
Ihr zitronengelber VW-Bus ist für Maren und Freimut Lüdeking manchmal so etwas wie ein zweites Büro geworden. Zwölf Kilometer muss das Pfarrer-Ehepaar bis in das entfernteste Dorf ihrer Kirchgemeinden fahren. Die beiden Theologen teilen sich eine Pfarrstelle auf dem Kamm des Osterzgebirges. Sie sind zuständig für die Kirchgemeinden Geising, Fürstenwalde-Fürstenau und Lauenstein-Liebenau. Fünf Kirchen, acht Orte, 1242 Gemeindeglieder. Und eine weit verzweigte Arbeit für die Mitarbeiter.

Viel unterwegs: Das Pfarrer-Ehepaar Maren und Freimut Lüdeking predigt in und um Geising abwechselnd in fünf Kirchen.
Christenlehre findet ebenso wie der Frauendienst in allen drei Kirchgemeinden statt, am Sonntag gibt es in mindestens zwei Kirchen Gottesdienste – auch wenn die Logistik eine Herausforderung ist. Nur den Unterricht der Konfirmanden haben sie zusammengelegt, denn die einzelnen Gemeinden hatten nur drei oder vier Jugendliche in diesem Alter. »Das ist auf Widerstand gestoßen«, erinnert sich Maren Lüdeking. »Doch wir wollen Gruppen und keinen Einzelunterricht.« Die Skepsis freilich versteht die Pfarrerin gut: Es geht um die Verwurzelung in der Heimatgemeinde – und darum, dass am späten Nachmittag kaum noch Busse fahren. Für die Familien ein großer Aufwand.
Etwa 100 Menschen arbeiten ehrenamtlich in den Gemeinden mit, fünf Lektoren halten regelmäßig Gottesdienste. Für das Pfarrer-Ehepaar ist das ein großer Schatz. Denn die Zukunft ihres Berufes sehen sie auf Augenhöhe mit Kirchvorstehern und Gemeinde. »Doch die Erwartung ist teilweise noch immer, dass der Pfarrer Vorgaben macht und vorangeht«, sagt Maren Lüdeking.
Bevor das Pfarrer-Ehepaar vor neun Jahren nach Geising kam, hatten die drei Kirchgemeinden je eine eigene volle Pfarrstelle. Immer mehr Arbeit für immer weniger Pfarrstellen – diese Schraube lässt sich nicht endlos drehen. Manche Besuche bei Gemeindegliedern könnten sie nicht mehr leisten, sagt Maren Lüdeking. »Das schmerzt mich.«
Einen Zusammenschluss zu einem Kirchspiel lehnten die Kirchenvorstände ab. Freimut Lüdeking versteht das mittlerweile – trotz des Verwaltungsaufwands, den die Arbeit mit drei unterschiedlichen Kirchgemeinden mit sich bringt. »Es ist uns wichtig, die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden der Region zu stärken, denn wir sind eine Christenheit weltweit.« Doch ohne die Ortsverbundenheit würde eine Gemeinde nicht funktionieren, sagt der Pfarrer. »Es beeindruckt uns, wie sich für eine Kirche das ganze Dorf engagiert. Das ist ein großes Pfund«
Das Kirchspiel Dresden-Neustadt wächst – doch nicht die Zahl ihrer Mitarbeiter und Räume. Gemeindepädagogin Maria Helm erreicht deshalb nur einen Bruchteil der über 700 Kinder der Gemeinde.
Ein Berg aus Schulranzen erhebt sich halb fünf am Nachmittag hinter der Tür des Christenlehre-Zimmers im Haus der Martin-Luther-Kirchgemeinde in der Dresdner Neustadt. Für die Gemeindepädagogin Maria Helm ist es die dritte Gruppe an diesem Tag: Um zwei kamen die Zweitklässler, um drei die Viertklässler – und jetzt die Fünftklässler.
Elf Christenlehre-Gruppen gibt es im Kirchspiel Dresden-Neustadt mit über 100 Kindern. »Das Traurige ist, dass das nur ein Teil der Kinder unserer Gemeinde ist«, sagt die 27-jährige Pädagogin. 310 lutherisch getaufte Jungen und Mädchen zwischen sechs und elf Jahren gibt es in dem bei Familien beliebten Stadtviertel und insgesamt 718 Kinder zwischen null und zehn Jahren. »Das ist eigentlich toll. Doch wenn alle diese Kinder zu uns kommen würden, könnten wir die Arbeit nicht stemmen.« Es fehlt in dem alten Gemeindehaus schlicht an Räumen. Und es fehlt an Personal.

Dreimal Christenlehre an einem Nachmittag: Maria Helm betreut mit ihren Kollegen in Dresden-Neustadt elf Kindergruppen. Fotos (2): Steffen Giersch
Dreieinhalb Pfarrstellen hat das Kirchspiel derzeit und vier Gemeindepädagogen, verteilt auf zweieinhalb Stellen. Das klingt luxuriös – doch in der Dresdner Neustadt leben derzeit 8765 Gemeindeglieder. Es gibt viele Taufen – die Mitarbeiter kommen mit Gruppen, Gesprächen und Besuchen der wachsenden Nachfrage kaum nach. »Als die Landeskirche 2003 ihre letzte Strukturreform beschloss, ging sie von einem Rückgang der Mitgliederzahlen aus«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »Das stimmte generell – bloß nicht hier.«
Denn während Sachsens Bevölkerung auf dem Land schrumpft, wächst sie in den Großstädten Dresden und Leipzig. Doch die Zahl der Personalstellen wurde von der Landeskirche in den letzten acht Jahren nicht an die stark gestiegene Mitgliederzahl einiger Großstadtgemeinden angepasst.
In der Christenlehre-Gruppe von Maria Helm sitzen die Kinder auf Kissen auf dem Fußboden um eine Kerze. Louis ist heute wieder da, Justus aber wieder nicht – er ist zum Fußballtraining. Die Konkurrenz der Freizeitangebote ist groß in der Stadt.
»Eigentlich ist es ein Auftrag für die Kirche, offen zu sein für Menschen, die sonst nicht in unserem Dunstkreis sind«, sagt die Gemeindepädagogin. Gern würde sie einen offenen Kindertreff aufbauen und Projekte, um Kinder anzusprechen, denen die traditionelle Christenlehre zu fremd ist – oder denen einfach der Termin nicht passt. »Aber die Kapazitäten sind dafür gar nicht da. Wir kämpfen schon mit unseren Standard-Aufgaben.«
Andreas Roth
So will die Landeskirche Stadt- und Landgemeinden künftig ausstatten
Es ist eine fast unlösbare Aufgabe: Die sächsische Landeskirche muss in den kommenden Jahren Millionen Euro kürzen – und will gleichzeitig wachsende Stadtgemeinden ebenso unterstützen wie Kirchgemeinden in schrumpfenden Dörfern. Wie soll das funktionieren? Eine Arbeitsgruppe aus vier Synodalen und vier Vertretern des Landeskirchenamts hat sich darüber ein Jahr lang die Köpfe zerbrochen. Das Ergebnis ist ein ausgeklügeltes Modell mit vielen Rechnungen.
Am Anfang stand das Kürzen: Von derzeit 590 Pfarrstellen sollen ab 2014 nur noch 550 übrig bleiben. Ein hautamtlicher Theologe wird so mittelfristig auf 1500 Gemeindeglieder kommen. Doch weil die Kirche flächendeckend präsent bleiben will, werden die Dörfer wie bisher schon bevorzugt: Eine kleine Kirchgemeinde auf dem Land erhält künftig ab 1000 Mitglieder eine eigene Pfarrstelle. Bei Kirchgemeinden in Städten mit mehr als 40 000 Einwohnern sind 2000 Mitglieder pro Pfarrer nötig.
Die genaue Verteilung auf die Gemeinden müssen die Kirchenbezirke nach regionalen Gesichtspunkten beschließen. Die Zahl der Pfarrstellen wird sich in den Ephorien dadurch ab 2014 um mindestens fünf und höchstens zehn Prozent verringern. Da in den Städten Kirchgemeinden wachsen und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer wichtiger wird, sollen die dortigen Stadtgemeinden künftig mehr Pädagogen erhalten.
Während auf eine Pfarrstelle in einer Durchschnittsgemeinde wie bisher eine 45-Prozent-Stelle für Gemeindepädagogik kommt, solle auf eine Stadt-Pfarrstelle künftig eine 68-Prozent-Gemeindepädagogenstelle verteilt werden. In kleinen Landgemeinden mit weniger als 700 Mitgliedern wird es dafür pro Pfarrstelle nur eine 23-Prozent-Anstellung für einen Gemeindepädagogen geben. Die Zahl der Gemeindepädagogenstellen in den Kirchenbezirken der Landeskirche soll um höchstens zehn Prozent auf insgesamt 248 sinken.
Auch bei der Verteilung der Kirchenmusiker soll die Stadt leicht bevorzugt werden wegen der Arbeit mit Kindern und großen Chören dort. Auf eine Stadt-Pfarrstelle soll künftig eine 40-Prozent-Stelle für einen Kantor kommen, in einer großen Landgemeinde 30 Prozent und in einer kleinen Dorfgemeinde mit weniger als 700 Mitgliedern 20 Prozent für einen Kirchenmusiker.
Luftschläge für Demokratie?
25. März 2011 von DER SONNTAG
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Muammar al-Gaddafi beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union 2009, Foto: Jesse B. Awalt, wikipedia.de
Alle friedlichen Druckmittel auf das Regime schienen ausgereizt, humanitäre Hilfe kaum möglich. Militärische Aktionen schienen die konsequenteste Form zu sein. Aber sind sie wirklich das geeignete Mittel?
Bereits nach den ersten Militärschlägen ist die Gefahr einer Eskalation deutlich geworden. Ein derartiger Diktator wird mit noch größerer Grausamkeit reagieren. Das könnte jene, die losgeschlagen haben, in Zugzwang bringen, wenn Luftschläge nicht zur Befriedung führen. Womöglich wird die Gewalt im Lande und damit das Leid der Zivilbevölkerung noch verschärft. Das liefe dann dem ursprünglichen Ziel der Flugverbotszone zuwider.
Oder lautet die unausgesprochene Absicht längst, der Einfachheit halber einen einst hofierten, nun aber untragbar gewordenen Diktator wegzubomben? Und was kommt dann? Eine libysche Demokratie? Sind Rebellen, die den Diktator bekämpfen, Garanten dafür? Das militärische Eingreifen kommt zu einem Zeitpunkt, da zu vieles noch unklar ist.
In anderen arabischen Ländern haben weitgehend friedliche Demonstrationen zumindest den Willen des Volkes zur Demokratie zum Ausdruck gebracht. In Libyen sehen wir derzeit keine derartige Demokratiebewegung, eher einen Bürgerkrieg. Nicht wenige Beispiele in der Geschichte zeigen, dass bewaffnete Befreiungsbewegungen in neue Diktaturen mündeten. Kommt, wenn die Waffen irgendwann schweigen, das böse Erwachen?
Tomas Gärtner
Angst vor dem Ende
24. März 2011 von DER SONNTAG
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Ein Wort fällt vielen zu der Katastrophe in Japan ein: Apokalypse. Tausende sterben, trauern und sind bedroht. Doch ist es das Ende der Welt?
Die Katastrophe in Japan habe ein geradezu apokalyptisches Ausmaß, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche im Bundestag. Das verheerende Erdbeben, der Tsunami, die Abertausende Opfer, die Explosionen in den Atomreaktoren von Fukushima: Augenzeugen, Medien und Politiker konnten oft kein anderes Wort für das Ausmaß des Schreckens finden als »apokalyptisch«. Wörtlich meint es die Enthüllung des Weltendes.
Kriege, Erdbeben und eine unsichtbare Gefahr für Schwangere und Stillende werden dem endzeitlichen Gericht Gottes vorausgehen, heißt es im Markusevangelium. Ist es vielleicht schon angebrochen? Nicht wenige Christen treibt diese Frage in diesen Tagen um. »Was bedeutet die Häufung von Naturkatastrophen, Terror und menschlichem Versagen für die Heilsgeschichte?«, hört beispielsweise Holger Bartsch, Pfarrer im erzgebirgischen Hohndorf, in seiner Gemeinde.
Und wirklich: Die Menschheit ist einem Ende der Welt näher gekommen als je zuvor. »Bisher gab es wohl irreale Vorstellungen des Weltendes«, schrieb der Philosoph Karl Jaspers schon vor einem halben Jahrhundert angesichts der atomaren Gefahr. »Jetzt aber stehen wir vor der Möglichkeit eines solchen Endes.« Die Bilder aus Japan führendiese Möglichkeit unauslöschbar vor Augen. Sie machen Angst.
Die Katastrophen scheinen sich in immer kürzeren Abständen zu türmen – unausweichlich, ohne Sinn und Aussicht auf Rettung. So fühlte auch der Autor des biblischen Daniel-Buches, als er im zweiten Jahrhundert vor Christus über die erdrückende Macht des griechischen Herrschers schrieb: »Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten. Sie werden in seine Hand gegeben.« Es gibt kein Entkommen, Gott scheint fern zu sein – nur eine Hoffnung bleibt: Das Ende der Welt und Gottes Gericht.
Nicht weniger dunkel war die Lage in den christlichen Gemeinden Kleinasiens, an die sich die Johannes-Offenbarung des Neuen Testaments wendet: Die Christen litten unter dem totalen Machtanspruch des römischen Kaisers, wurden ins Gefängnis geworfen oder gar getötet. Nur in einem blutigen Weltuntergang und Gottes Gericht sahen sie Rettung.
»Positive Apokalyptik ist eine Botschaft gegen die Angst«, schreibt der Wiener Theologieprofessor Ulrich H. Körtner. »Sie will die von Weltangst Überwältigten trösten.«
In Krisen und Katastrophen suchten Christen zu allen Zeiten nach Zeichen für das nahe Weltende. Die Bilder aus Japan geben dem neue Nahrung.
»Doch ich glaube nicht, dass wir den Tag des Gerichts an den Zeichen der Zeit ablesen können«, sagt der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. »Diese Versuche sind alle im Nachhinein als Irrtümer entlarvt worden.« Er verweist auf die Apokalypse im Matthäus-Evangelium, in der es über die Wiederkehr Jesu Christi heißt: »Von dem Tag aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater« (Matthäus 24, Vers 36).
Die Erde bebt und Felsen zerreißen – dieses apokalyptische Szenario begleitete nach Matthäus den Tod von Jesus am Kreuz. Schrecken und Heil sind ineinander verschlungen. Und doch unterscheidet sich Jesus von Nazareth von anderen Endzeit-Predigern: Die Welt ist für ihn nicht ausweglos der Katastrophe geweiht, Gott ist für ihn nicht fern – er ist den Menschen ganz nah. Sein Reich wird kommen und hat schon begonnen »in eurer Mitte« (Lukas 17, Vers 21). Menschen werden ein Teil des göttlichen Willens, wenn sie Gott ganz vertrauen, sich Leidenden zuwenden, Trauernde trösten und mit Mut anderen helfen.
Ungezählte Male geschieht dies auch bei den Erdbebenopfern in Japan und an den Reaktoren in Fukushima. Noch ist der Ausgang offen. Noch gibt es Naturkatastrophen in der Welt und menschliche Schuld – und deren Opfer. Doch glaubt man Jesus, will Gott nicht unser Ende. Sondern einen Anfang.
Andreas Roth
Opfer will niemand sein, Opfer will keiner brauchen
20. März 2011 von DER SONNTAG
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Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, Vers 8
Du Opfer!« Wer Jugendlichen heute zuhört, wird an diesem Satz nicht vorbeikommen. Das Wort Opfer ist zum Schimpfwort geworden, synonym mit: Versager, Verlierer, Null. Natürlich, das will keiner sein. Und überdies: »Ich brauch auch kein’s!« Dass jemand für mich ein Opfer bringt, scheint überflüssig. Was ich brauche, kann ich mir doch kaufen oder irgendwie anders organisieren.
Opfer scheinen out zu sein, keiner will eins werden, keiner will eins brauchen. Es ist daher kein Wunder, dass der Gedanke, Jesus wäre zum Opfer für unsere Sünden geworden, für viele befremdlich klingt. Allerdings scheint mir der »Abschied vom Opfer«, der gelegentlich ausgerufen wird, eine vorschnelle Reaktion auf dieses Befremden zu sein. Lieber mag ich Paulus zuhören und mit ihm überlegen, ob es nicht eher um eine Neubesinnung gehen sollte.
Wenn ich das Neue Testament richtig verstehe, dann hat Gott kein Opfer gefordert, sondern selbst eines gebracht. Das Kreuz war Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen, nicht die Voraussetzung dafür. Gottes Liebe ist nicht käuflich, auch nicht durch scheinbar nötige Opfer.
Gottes Liebe ist hingebungsvoll. Vielleicht ist es das, was uns am meisten daran irritiert. Ein Gott, der sich zu den Schwachen begibt, der den Sündern nachläuft, mit dem scheint es nicht weit her zu sein. Ihn selbst hat das offenbar weniger gestört. Was bedeuten die Spötter unter dem Kreuz angesichts der Chance, dass Gott in Christus dem einen zuspricht: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein« (Lukas 23, Vers 43)? Der eine Gerettete ist ihm wichtiger als die 99 Kritiker. Ein Gott, der sich opfert, um bei dem Sünder zu sein? Ich vermag es nicht anders zu sagen: Mächtig. Gewaltig!
Thomas Knittel
Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg.
Atom und Politik
18. März 2011 von DER SONNTAG
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Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu
Menschengemachte Technik ist es offenbar auch nicht, wie die explodierenden Reaktoren zeigen. Alle erdenklichen Notfallsysteme haben versagt, obwohl es immer hieß, die Kraftwerke seien sicher.
Das Misstrauen gegenüber der Atomkraft ist von jeher groß. Lieber heute als morgen wollen viele Menschen darauf verzichten. Auch bei uns sagte die Regierung zunächst beschwichtigend: Alles ist sicher. Eine politische Diskussion zu den gerade erst verlängerten Laufzeiten der Kernkraftwerke sollte jetzt nicht geführt werden.
Nun hat sich die Bundeskanzlerin besonnen. Die Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke soll erst einmal auf Eis gelegt werden. Von einer »Phase des Innehaltens und Nachdenkens« in der Atompolitik ist die Rede bei der CDU.
Dass zuerst den Menschen in Japan geholfen werden muss, steht außer Frage. Doch dann muss – nicht nur in Deutschland – das Nachdenken darüber einsetzen, wie auf Kernenergie verzichtet werden kann. Auch weil noch ganz und gar nicht geklärt ist, wo der ganze radioaktive Müll langfristig gelagert werden soll.
Wir haben nun mal nur die eine Erde. Und das Leben auf ihr gilt es zu bewahren, soweit es in unserer Hand liegt.
Christine Reuther
Der Mensch im Ernstfall
17. März 2011 von DER SONNTAG
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Unzählige Verängstigte und Verstrahlte: Die Atom-Katastrophe in Japan zeigt die dunkle Seite der menschlichen Freiheit.
Es sind unscharfe Fernsehbilder nur, aufgenommen aus großer Distanz. Doch sie treffen Millionen Menschen in aller Welt mitten ins Herz: Eine weiße Rauchwolke schießt explosionsartig aus dem weißen Quader des japanischen Atomkraftwerks Fukushima empor. Empor schießen auch lang verdrängte Ängste. Und apokalyptische Bilder.
Es muss ein höllischer Kampf sein für die Ingenieure, Feuerwehrleute, Arbeiter und Soldaten in den betroffenen Kernkraftwerken. Man kann ihn nur erahnen, ihren Mut und ihre Verzweiflung. Genaues dringt nicht nach außen. Doch die Protokolle der Überlebenden von Tschernobyl geben einen Einblick in solch ein Drama. Der Mensch hat die Natur zu seinen Gunsten entfesselt, er hat sich die Schöpfung untertan gemacht, er hat ihr Feuer entfacht – nun kann er es nicht mehr löschen. Die Verstrahlten und Verängstigten sind noch ungezählt. Man möchte ihnen helfen, doch man ist hilflos.
In Fukushima zeigt sich die dunkle Seite der Freiheit der Menschen und ihrer Erfindungsgabe. Der Schöpfer hat sie ihnen geschenkt. Die Menschen haben die Grenzen immer weiter hinausgeschoben. Haben damit Wohlstand geschaffen und ein besseres Leben für viele. Warnungen aber – es gibt Warner genug – ignorierten Regierungen, Konzernbosse, Wähler und Konsumenten gern.
Es ist wie in der Geschichte vom Paradies ganz am Anfang der Bibel: Schon das erste Menschenpaar will mehr, übertritt die gute Mahnung Gottes, nicht von den verbotenen Früchten zu essen – und muss die bitteren Folgen tragen. Im Angesicht der Katastrophe in Japan scheint es, als trügen alle Menschen tief in sich diese Lehre. Nur ist sie meist zugedeckt von kurzfristigen Interessen. Im Ernstfall aber liegt diese Wahrheit frei – verletzlich und bloß. Deshalb schauen Millionen gebannt auf die Reaktorblöcke in Fukushima. Sie überstrahlen sogar das Entsetzen über die Tausenden Toten des Erdbebens und des Tsunamis.
Nun ist zu befürchten, dass den Technikern und Rettungskräften in den Atomkraftwerken keine Möglichkeit mehr zum Handeln bleibt. Sie können nur kühlen, beten, hoffen.
Dass die Ereignisse in den Atomkraftwerken apokalyptische Ängste auslösen, liegt auch an der Informationspolitik in Japan. Es scheint, Regierung und Betreiber geben nur zu, was nicht mehr zu leugnen ist. Dieser Umgang mit der Wahrheit gehört zur Geschichte der Atomkraft wie die Strahlung. Beides ist potentiell hoch giftig.
»Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man könne jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Unter dem Eindruck der Katastrophe billigt die promovierte Physikern der Natur zu, doch weitaus größer zu sein als die Berechnungskünste der Ingenieure. Gottes Schöpfung entzieht sich ihnen. Sie ist nicht bis ins Letzte berechenbar, und mitunter zerstörerisch. Der Mensch ist es auch, wenn er das vergisst.
Wird die Kernschmelze in den japanischen Kraftwerken auch den menschlichen Hochmut zum Schmelzen bringen? Die Erfahrung spricht dagegen. Die Katastrophe von Tschernobyl 1986 mit Tausenden elend zugrunde gegangenen Opfern hat das kaum vermocht. Schon wird wieder beschwichtigt. Wie vor 25 Jahren.
Dabei ist der Ausgang des Desasters in Japan noch offen. Augenzeugen berichten von verstörten Menschen in der Region um das Unglückskraftwerk, von weinenden Müttern, verängstigten Kindern, schwangeren Frauen und umherirrenden Alten. Es ist zu befürchten, dass viele bereits verstrahlt sind. Techniker, Feuerwehrleute, Ärzte und Soldaten kämpfen weiter gegen den drohenden Super-GAU. Es ist eine Hoffnung und ein Gebet, dass Gott mitten unter ihnen ist.
Andreas Roth
Wo kann Kirche sparen?
17. März 2011 von DER SONNTAG
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Mitgliederentwicklung in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (Quelle: Landeskirchenamt)
Die sächsische Landeskirche wird in Zukunft gut rechnen müssen. Denn die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Einnahmen sinken stetig.
Wer über die Zukunft der sächsischen Landeskirche nachdenkt, wird über Gott reden müssen, der seine Kirche erhält. Er wird über den Glauben reden müssen, der ein unberechenbares Geschenk ist. Und er wird über Zahlen reden müssen – sogar über den Rotstift. Denn die lutherische Kirche Sachsens schrumpft.
Wie stark sinkt die Zahl der Gemeindeglieder?
Der Sinkflug ist steil. Hatte die sächsische Landeskirche 1990 noch 1,406 Millionen Mitglieder, waren es Ende 2010 nur noch knapp 774 000: ein Minus von 45 Prozent. In den letzten Jahren verlor sie jährlich etwa 10 000 Gemeindglieder – vor allem durch Tod und Wegzüge. Dieses Schicksal teilt die Kirche mit der gesamten Bevölkerung des Freistaats. Nach Berechnungen der EKD werden Sachsens Lutheraner bis zum Jahr 2040 noch einmal um 40 Prozent schrumpfen. Die Zahl der Kirchensteuerzahler wird bis dahin sogar fast um die Hälfte kleiner werden.
Gehen auch die Finanzen der Landeskirche drastisch zurück?
Vermutlich ja. Wenn es auf Grund der demografischen Situation deutlich weniger Mitglieder im erwerbsfähigen Alter gibt, sinken auch die Einnahmen durch die Kirchensteuer. Allerdings lässt sich das nur schwer berechnen. Denn die Steuergesetze werden vom Staat oft geändert. So stiegen die Steuereinnahmen der Landeskirche von 60 Millionen Euro 2005 überraschend auf 80 Millionen Euro im Jahr 2010, weil die Regierung Steuerschlupflöcher schloss. Aber das kann sich auch wieder ändern. Von westlichen Landeskirchen erhalten die Sachsen im EKD-Finanzausgleich derzeit 43 Millionen Euro pro Jahr. Dieser Zuschuss wird in Zukunft um rund eine Million Euro pro Jahr sinken.
Nach Berechnungen des Landeskirchenamts entsteht in den Jahren bis 2015 ein Defizit von drei bis vier Millionen Euro jährlich.
Wie will die Landeskirche die Finanzlücke schließen?
Nicht mit dem Rasenmäher, der alle Arbeitsbereiche gleichmäßig kürzt. Vielmehr hat das Landeskirchenamt eine Rotstift-Liste über 2,8 Millionen Euro ausgearbeitet. Sie erhält alle kirchlichen Werke und Einrichtungen, sieht aber bei einigen in den kommenden Jahren bis 2020 tiefe Einschnitte vor. Stark betroffen davon sind die Frauenarbeit, Männerarbeit und Erwachsenenbildung der Landeskirche (der Sonntag berichtete). Auch dem Evangelischen Medienverband Sachsen, dem Kunstdienst, der Posaunenmission, der Friedensarbeit und der Arbeitsstelle Eine Welt stehen bis 2020 erhebliche Kürzungen bevor. Die Zuschüsse an die Diakonie werden in den nächsten neun Jahren von heute 4,7 Millionen Euro um 750 000 Euro gesenkt. Weitere Einsparungen will das Landeskirchenamt erzielen, indem es die Zahl der Pfarrstellen ab 2014 von derzeit 590 auf 550 senkt.
Was bedeutet die Reduzierung der Pfarrstellen für die Gemeinden?
Zunächst zwei gute Nachrichten: Die Landeskirche will weiterhin die Versorgung in allen Regionen sichern. Und sie will das Dreigespann aus Pfarrer, Gemeindepädagoge und Kirchenmusiker erhalten. Eine Arbeitsgruppe aus vier Vertretern des Landeskirchenamts und vier Synodalen versuchte die Quadratur es Kreises: Weniger Stellen sollen künftig gerechter verteilt werden. Kleine Landgemeinden sollen ab 1000 Mitgliedern eine Pfarrstelle bekommen, mittlere Kirchgemeinden ab 1500 Mitgliedern und Stadtgemeinden erhalten einen Theologen auf je 2000 Mitglieder. Bei der Verteilung der Gemeindepädagogen und der Kirchenmusiker sieht die Arbeitsgruppe in den Städten mit ihren vielen Kindern und Jugendlichen einen Schwerpunkt und billigt ihnen mehr Stellen zu als dem Land. Die Landessynode muss nun über diese Pläne entscheiden. Nach Schätzung des Landeskirchenamtes wird sich künftig die Zahl der finanzierbaren Dreigespanne aller sechs Jahr um zehn Prozent verringern.
Andreas Roth
Jesus ist erschienen, um dem Teufel die Zähne zu ziehen
12. März 2011 von DER SONNTAG
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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3, 8b

Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. (Foto: Steffen Giersch)
Es ist schwer, den Teufel zu beschreiben.
In der Tasche trägt er eine Fülle verschiedener Visitenkarten, und vermutlich ist keine darunter, die nicht gefälscht wäre. Er freut sich diebisch, wenn wir auf sein Verwirrspiel hereinfallen. Dass manche ihm Hörner aufsetzen oder einen Hinkefuß attestieren, gefällt ihm recht gut. Denn es bringt andere dazu, seine Existenz überhaupt zu bestreiten.
Er gibt sich durchaus gern als altmodisch aus. Wie auch immer er aussehen mag, im Innersten ist er ein großer Verweigerer, der Wille zur Negation. Er baut nichts, aber er zerstört, was andere bauen. Er sät Unkraut unter den Weizen. Konstruktive Gesprächsbeiträge sind seine Sache nicht, aber im Widersprechen ist er groß. Er macht keine Pläne, lieber vereitelt er sie.
Der Teufel wirkt durch die Verneinung. Und er platziert sein Nein so geschickt, dass es äußerst glaubhaft wirkt. Er schafft es immer wieder, Vertrauen in Zwietracht zu verwandeln oder gute Absichten in Schaden. Er deklariert Fesseln als Freiräume und Lügen als notwendige Übel.
Der Meister des Widerspruchs scheut nur eines, das Licht. Denn er zieht seine Kraft aus dem Durcheinander, am liebsten mag er’s düster und grau (ganz schwarz wäre schon wieder zu auffällig).
Und nun hat Jesus einfach den Dimmer hochgedreht. Plötzlich sieht man, dass da Scherben auf dem Boden liegen. Plötzlich sind die Fallstricke deutlich erkennbar. Plötzlich fällt mir auf, wie hässlich dieses Nein im Grunde ist. Jetzt ist der Teufel zahnlos, sein Süppchen mag er weiter kochen, aber zu Beißen bekommt er nichts mehr.
Thomas Knittel
Der Weg ist das Ziel
11. März 2011 von DER SONNTAG
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Bei der Leipziger Disputation von 1519, hier eine Abbildung aus dem 19. Jahrhundert, diskutierte Martin Luther (l.) mit dem papsttreuen Theologen Johannes Eck (r.). Das Gespräch besiegelte die Trennung von der römischen Kirche. (Abbildung: Archiv Evangelische Verlagsanstalt Leipzig)
2017 wird das Jubiläum von Luthers Reformation vor 500 Jahren gefeiert. Auch in Sachsen wird es vorbereitet.
Langsam wird es konkret: Der frühere Zwickauer Landrat Christian Otto ist zur Zeit damit beschäftigt, einen Lutherweg durch Sachsen zu konzipieren. Otto ist Beauftragter des Freistaates Sachsen für die Lutherdekade. Er hatte sich schon vor einiger Zeit mit anderen Zwickauern überlegt, wie sie das Reformationsjubiläum feiern wollen. Schließlich hatte die Stadt einst eine gewisse Bedeutung bei den Umwälzungen des 16. Jahrhunderts. So hat Luther seinem Freund, dem Zwickauer Bürgermeister Hermann Mühlpfort, 1520 die deutsche Fassung seiner Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« gewidmet.

Christian Otto, Beauftragter des Freistaats Sachsen für die Lutherdekade, vor der Zwickauer Katharinenkirche. Hier predigte einst Thomas Müntzer. (Foto: Andreas Wohland)
Thomas Müntzer predigte hier von 1520 bis 1521 in der Katharinenkirche, bis ihn der Stadtrat aus der Stadt verwies und er nach Mühlhausen übersiedelte – von wo dann der Bauernkrieg ausging. Wegen Müntzers radikaler Auffassungen kam Luther nach Zwickau und predigte am 1. Mai 1522 vor 14.000 Menschen vom Rathaus aus. Aus Schneeberg, Annaberg und anderen Orten der Umgebung kamen die Zuhörer geströmt.
Mit dem Lutherweg durch ganz Sachsen sollen diese und andere Städte nun ins Bewusstsein gerückt werden. »Er verbindet Orte, an denen Luther und andere Reformatoren wie Philipp Melanchthon, Justus Jonas, Georg Spalatin weilten«, erläutert Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow.
So hat Plauen die älteste Superintendentur im heutigen Sachsen – seit 1529. Schon 1525 schlossen die dortigen Ratsherren das Kloster und setzten evangelische Prediger ein. Leisnig erhielt von Luther 1523 die »Ordnung eines gemeinen Kastens«, der die Verteilung der kirchlichen Gelder an die Pfarrer und Küster sowie die Armen der Gemeinde neu regelte. In der Schneeberger St. Wolfgangskirche entstand 1531 bis 1539 der erste monumentale Reformationsaltar in der Werkstatt von Lucas Cranach. Seine Tafeln sind eine Predigt im lutherischen Sinn und erzählen von der Erlösung durch Gnade. Und nicht zuletzt war Leipzig 1519 der Schauplatz des Streitgesprächs zwischen Martin Luther und Johannes Eck über die Stellung des Papstes.
Auch wenn Sachsen einst das »Mutterland der Reformation« genannt wurde, sind die Grenzen heute anders gezogen. Wittenberg, Eisleben, die Wartburg – die bedeutendsten Lutherstätten liegen heute in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Während Sachsen-Anhalt bereits einen Lutherweg kreiert hat und touristisch vermarktet, soll nun auch durch sächsische Gefilde ein solcher Weg führen.
Von Bad Düben über Torgau, Wurzen, Grimma, Colditz, Leisnig, Döbeln, Limbach-Oberfrohna, Glauchau, Zwickau und Crimmitschau sowie von Eilenburg über Leipzig, Borna und Gnandstein soll der Weg führen. Doch die Ausschilderung eines Lutherwegs allein genügt nicht. »Wichtig ist, dass wir die Menschen im Freistaat mitnehmen«, sagt Christian Otto. »Und wir wollen aufmerksam machen auf unseren Glauben.« Christian Ottos Vision ist es, den Lutherweg in den Jakobsweg zu integrieren. »Wir haben nicht die bizarren Landschaften auf dem Weg nach Santiago de Compostela und wollen auch kein Extremwandern bieten«, sagt er. »Wir wollen mit Kultur und Kirchen werben.« Bereits in diesem Sommer ist ein Wander-Theater über Luther und Müntzer entlang des sächsischen Weges geplant.

Christoph Seele ist Beauftragter der sächsischen Landeskirche für die Lutherdekade. (Foto: Steffen Giersch)
Auch für Christoph Seele ist der Lutherweg momentan »das gewichtigste und auch wahrnehmbarste überregionale Projekt«. Der Oberkirchenrat ist Beauftragter der sächsischen Landeskirche für die Lutherdekade. »Darüber hinaus bietet der Kirchentag eine gute Gelegenheit, über das Anliegen der Lutherdekade zu informieren«, sagt er. Dort werde es ein Projekt »Lutherforum im Kirchentag« geben. Auch das »Jahr der Taufe« biete Gelegenheiten, reformatorische Grundeinsichten zur Sprache zu bringen. Und nicht zuletzt befasst sich die sächsische Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung vom 8. bis 11. April in Dresden mit einem zutiefst lutherischen Thema: »Sprachfähig im Glauben« lautet es.
So bietet auch für Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow die Lutherdekade »zunächst einen äußeren Anlass, dass wir uns intensiv mit den Grundlagen und der Ausstrahlungskraft unseres Glaubens befassen.« Auf dem Weg zum Jubiläum 2017 werde es besonders darauf ankommen, gemeinsame Vorhaben mit den römisch-katholischen Nachbargemeinden in der Region vorzubereiten. Das könne mit gemeinsamem Gebet, Bibelgesprächen und Bibelarbeiten geschehen.
»Besonders die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift und das Gebet als Quelle des Glaubens werden helfen, alte oder neue Vorurteile hier wie dort zu korrigieren und zu größerer Gemeinsamkeit zu kommen, beispielsweise für konfessionsübergreifende Ehen oder die Ermöglichung der gastweisen Teilnahme an der Eucharistie«, so Münchow.
Christine Reuther
2. Mai: Eröffnung eines Lutherwegs durch Zwickau; 6. September: Eröffnung des 1. Teilabschnitts des sächsischen Lutherwegs durch Ministerpräsident Tillich
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