Wo kann Kirche sparen?

17. März 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Werkstatt Kirche

Mitgliederentwicklung in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (Quelle: Landeskirchenamt)

Mitgliederentwicklung in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (Quelle: Landeskirchenamt)


Die sächsische Landeskirche wird in Zukunft gut rechnen müssen. Denn die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Einnahmen sinken stetig.

Wer über die Zukunft der sächsischen Landeskirche nachdenkt, wird über Gott reden müssen, der seine Kirche erhält. Er wird über den Glauben reden müssen, der ein unberechenbares Geschenk ist. Und er wird über Zahlen reden müssen – sogar über den Rotstift. Denn die lutherische Kirche Sachsens schrumpft.

Wie stark sinkt die Zahl der Gemeindeglieder?

Der Sinkflug ist steil. Hatte die sächsische Landeskirche 1990 noch 1,406 Millionen Mitglieder, waren es Ende 2010 nur noch knapp 774 000: ein Minus von 45 Prozent. In den letzten Jahren verlor sie jährlich etwa 10 000 Gemeindglieder – vor allem durch Tod und Wegzüge. Dieses Schicksal teilt die Kirche mit der gesamten Bevölkerung des Freistaats. Nach Berechnungen der EKD werden Sachsens Lutheraner bis zum Jahr 2040 noch einmal um 40 Prozent schrumpfen. Die Zahl der Kirchensteuerzahler wird bis dahin sogar fast um die Hälfte kleiner werden.

Gehen auch die Finanzen der Landeskirche drastisch zurück?

Vermutlich ja. Wenn es auf Grund der demografischen Situation deutlich weniger Mitglieder im erwerbsfähigen Alter gibt, sinken auch die Einnahmen durch die Kirchensteuer. Allerdings lässt sich das nur schwer berechnen. Denn die Steuergesetze werden vom Staat oft geändert. So stiegen die Steuereinnahmen der Landeskirche von 60 Millionen Euro 2005 überraschend auf 80 Millionen Euro im Jahr 2010, weil die Regierung Steuerschlupflöcher schloss. Aber das kann sich auch wieder ändern. Von westlichen Landeskirchen erhalten die Sachsen im EKD-Finanzausgleich derzeit 43 Millionen Euro pro Jahr. Dieser Zuschuss wird in Zukunft um rund eine Million Euro pro Jahr sinken.
Nach Berechnungen des Landeskirchenamts entsteht in den Jahren bis 2015 ein Defizit von drei bis vier Millionen Euro jährlich.

Wie will die Landeskirche die Finanzlücke schließen?

Nicht mit dem Rasenmäher, der alle Arbeitsbereiche gleichmäßig kürzt. Vielmehr hat das Landeskirchenamt eine Rotstift-Liste über 2,8 Millionen Euro ausgearbeitet. Sie erhält alle kirchlichen Werke und Einrichtungen, sieht aber bei einigen in den kommenden Jahren bis 2020 tiefe Einschnitte vor. Stark betroffen davon sind die Frauenarbeit, Männerarbeit und Erwachsenenbildung der Landeskirche (der Sonntag berichtete). Auch dem Evangelischen Medienverband Sachsen, dem Kunstdienst, der Posaunenmission, der Friedensarbeit und der Arbeitsstelle Eine Welt stehen bis 2020 erhebliche Kürzungen bevor. Die Zuschüsse an die Diakonie werden in den nächsten neun Jahren von heute 4,7 Millionen Euro um 750 000 Euro gesenkt. Weitere Einsparungen will das Landeskirchenamt erzielen, indem es die Zahl der Pfarrstellen ab 2014 von derzeit 590 auf 550 senkt.

Was bedeutet die Reduzierung der Pfarrstellen für die Gemeinden?

Zunächst zwei gute Nachrichten: Die Landeskirche will weiterhin die Versorgung in allen Regionen sichern. Und sie will das Dreigespann aus Pfarrer, Gemeindepädagoge und Kirchenmusiker erhalten. Eine Arbeitsgruppe aus vier Vertretern des Landeskirchenamts und vier Synodalen versuchte die Quadratur es Kreises: Weniger Stellen sollen künftig gerechter verteilt werden. Kleine Landgemeinden sollen ab 1000 Mitgliedern eine Pfarrstelle bekommen, mittlere Kirchgemeinden ab 1500 Mitgliedern und Stadtgemeinden erhalten einen Theologen auf je 2000 Mitglieder. Bei der Verteilung der Gemeindepädagogen und der Kirchenmusiker sieht die Arbeitsgruppe in den Städten mit ihren vielen Kindern und Jugendlichen einen Schwerpunkt und billigt ihnen mehr Stellen zu als dem Land. Die Landessynode muss nun über diese Pläne entscheiden. Nach Schätzung des Landeskirchenamtes wird sich künftig die Zahl der finanzierbaren Dreigespanne aller sechs Jahr um zehn Prozent verringern.

Andreas Roth

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Reaktionen unserer Leser

9 Lesermeinungen zu “Wo kann Kirche sparen?”
  1. Stefan Gehrt sagt:

    „Wir müssen damit rechnen, dass die Kirche ihre Mitarbeiter eines Tages nicht mehr bezahlen kann“: Diese Aussicht gehörte in den 70-er Jahren zum Proviant angehender Theologen, Katecheten und Kantoren. Nun ist es soweit. Weder Verleugnen noch Flickschustern noch Futterneid sind brauchbare Rezepte für die seit langem anstehenden Herausforderungen. Vorhandene Finanzen gehören jetzt vorrangig in die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Prädikanten und Lektoren bringen neue Farben ins Land. Die berufsbegleitenden gemeindepädagogischen C- und B-Kurse zeigen in ähnliche Richtung. Und hauptamtliche Kirchenmusiker werden weit mehr als bisher die Arbeit ehrenamtlicher Organisten und der Leiter von Kinder-, Jugend-, Erwachsenen- und Bläserchören fachlich zu fördern und zu koordinieren haben. Dementsprechend sollten sie bei den Kirchenbezirken angestellt werden. Einen erfolgreichen Weg erprobt seit 2000 die Pfalz mit der regionalen Einrichtung themen- und projektorientierter Gemeindepädagogischer Dienste.

  2. Berthold Keller sagt:

    Ich singe in 3 Chören mit Freude. Wollen wir Menschen zum Glauben rufen; sie erfreuen; sie ermuntern, auf gutem Wegen zu gehen; ihnen Denkanstöße vermitteln; oder sie auch einfach mal ermahnen, dann ist das musikalisch oft besser getan, weil Musik leichter auf offene Herzen und Gemüter trifft. So wie Kultur ursächlich zur Kirche gehört, gehört auch Musik unbedingt dazu. Ich wünsche mir deshalb sehr, dass an dieser Stelle nicht bzw. nicht weiter gespart wird.

  3. Reinhard Kunze sagt:

    Wenn es um Einsparungen finanzieller Art geht, sollte man unbedingt bestehende Stellen in ihrer schon jetzt äußerst prekären Situation belassen und ausschließlich bei Neueinstellungen an Sparmaßnahmen denken.
    Dass heute schon ein Pfarrer/Kantor vier Dorfkirchen zu betreuen hat, ist ein Unding. In vielen Dorfgemeinden findet nur alle drei, vier Wochen ein sonntäglicher Gottesdienst statt. Wenn man dieses armselige Angebot noch weiter einschränkt, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Kirchenbänke leer bleiben. Wer macht sich schon einen “Plan”, wann und wo und zu welcher wechselnden Uhrzeit seine Kirche zum Gottesdienst einlädt? Man bleibt weg, die Mitgliederzahl sinkt. Die oft versuchte Zusammenfassung in sogenannten “Regionalen Gottesdiensten” ist ebenfalls ein Flop – es kommen erfahrungsgemäß sehr wenige Gläubige zu diesen Veranstaltungen.
    Dass der Ev.Landeskirche in ihrer zugegeben prekären finanziellen Situation zur Behebung dieser Misere nichts weiter einfällt, als die Prozente bei Pfarrern, Kantoren, Katecheten, Verwaltungsangestellten usw. zusammenzustreichen, ist eine zutiefst unmenschliche Handlung. Man stürzt diese Mitarbeiter in eine tiefe existenzielle Krise, nur um kircheneigene Geldprobleme zu lösen. Irgendwie sollte unsere evangelische Kirche doch auch etwas mit Menschlichkeit zu tun haben – oder..?

  4. Stefan Gehrt sagt:

    Wo kann Kirche sparen und wo sollte sie es auf keinen Fall tun?
    Ich bin überzeugt: Zunächst können wir uns weit verbreitete und oft wiederholte Irrtümer sparen, z.B.
    1.) Üppige Kirchensteuern oder kirchliche Betriebsamkeit seien Zeichen des Heiligen Geistes. Nein: Geschäftiges Plappern an jeder Straßenecke und auf den Markt-Plätzen nennt Jesus einfach nur „heuchlerisch“ (Mt. 6,5 und 23,5ff).
    2.) Christen als Salz der Erde seien beauftragt, die Erde missionarisch zu versalzen. Nein: Sie sollen helfen, sie haltbar zu machen.
    3.) Atheisten seien unglücklich, weil sie keine Christen sind. Nein: Es muss niemand auf Teufel komm raus bekehrt werden!
    4.) Wenn es kirchlichen Mitarbeitern langt, werden sie schon streiken. Nein: Wenn sie lange Zeit über ihre Kräfte gehen, schöpfen sie öffentlich mit Sieben aus leeren Eimern.
    5.) Kirchliche Mitarbeiter sollten ihren Beruf zum Teil ehrenamtlich ausüben. Nein: Ehrenamt ist ein notwendiges Gegengewicht und Ausgleich zum Beruf und wird nicht per Dienstanweisung übernommen.
    6.) Große Kirchenmusik mache viel Arbeit, kleine Kirchenmusik wenig. Nein: Wenn auf eine Land-Pfarrstelle eine 30%-C-Kantorenstelle kommt, dann sollten sich die Großstadtkantoren ruhig den Spaß leisten, einige Monate lang in fünf Kirchen an acht Orten zu arbeiten, 30% C-Gehalt inklusive (vgl. SONNTAG Nr. 13, S. 5).
    7.) Man müsse nur kräftig genug von allen Seiten an der zu kurzen Decke ziehen, dann komme man schon zum gewünschten Ergebnis. Nein: LASST UNS IN DIE BILDUNG INVESTIEREN, damit wir unter „Priestertum aller Gläubigen“ nicht nur die Kirchensteuer aller Gläubigen verstehen, sondern: lauter fähige, begabte und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die begrenzt und befristet Mitverantwortung übernehmen!

  5. Gerald Brause sagt:

    Manche Sachen verstehe ich nicht. Wieso übersetzt man automatisch das Finanzdefizit in Streichungen bei Werken und Mitarbeitern? Warum redet man nicht mal von 5 EUR Defizit pro Gemeindeglied und Jahr? (Das ist in der Summe das gleiche wie die 4 Millionen Jahresdefizit für die gesamte Landeskirche.) Und sagt das offen und ehrlich den Gemeinden. Und traut es ihnen zu, vielleicht doch noch mal andere Ideen zu haben als zusammengestrichen zu werden.
    Wäre das nicht eine Herangehensweise, die bei der Überschaubarkeit des Problems bei uns als Gemeindegliedern jede Menge Kreativität und persönliches Engagement auslösen könnte statt einer sich immer nur fortsetzenden Depression?

  6. Christine Großer sagt:

    Ja, so wie Gerald Brause sehe ich das auch. Im meinem Umfeld (Kirchenbezirk Meißen)gibt es jetzt noch 1 Pfarrstelle für 6 Kirchtürme (Burkhardswalde, Tanneberg, Taubenheim, Krögis, Miltitz und Heynitz)wo es vor 12 Jahren dafür noch 4 Pfarrer gab!! Zur letzten Strukturreform 2007 übernahm ein Pfarrer das ganze Gebiet. Aus unterschiedlichen Gründen ging dies nicht gut und somit werden wir hier ab Juli 2011 vakant sein. Wer soll so ein Gebiet übernehmen – ein ganz junger Pfarrer nach seiner Ausbildung ?? Das wäre ja in meinen Augen absolut unbarmherzig! Ein Pfarrer nahe am Rentenalter kann sich sicher auch eine andere Pfarrstelle vorstellen …

    Inzwischen gibt es auch Stimmen nach Finanzierbarkeit usw.

    Da wäre es doch sicher sehr von Vorteil die Situation mal mit Zahlen zu belegen – im Klartexst in Euro zu benennen!

    Ohne einen Vergleich mit Freikirchen anstellen zu wollen und von 10% Spenden (od. Zehnten) zu reden, wäre es doch sicher sehr hilfreich (wie Gerald Brause es schreibt) mal diese 5 oder 6 oder … Euro pro Jahr und Gemeindeglied zu benennen.
    Oder hat man in der Landeskirche Bedenken, sich damit “zu weit aus dem Fenster zu lehnen” ?

  7. Reinhard Kunze sagt:

    Evang.Kirche nach der nächsten, nächsten und übernächsten “Strukturreform”:
    Gottesdienste finden nur noch im Fernsehen statt. Für die Entrichtung seiner Kirchensteuer bekommt man ein ABO für einen sog. Bezahl-TV-Sender und dort kann man dann allsonntäglich den Pfarrer im Fernsehen betrachten, Musik kommt von der CD…
    Kirchgebäude wurden zu Hotels, Kinos oder ALDI-Filialen umfunktioniert und Oma und Opa erzählen ihren Enkelkindern, wie es früher einmal war, als Pfarrer und Kantoren noch für ein auskömmliches Gehalt “live” arbeiten konnten.

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