Anders wachsen

10. März 2011 von DER SONNTAG  
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Noch sind Bäume und Felder kahl. Bald wird auch im sächsischen Frauenhain, kurz vor der Grenze zu Brandenburg, alles zu wachsen beginnen. Alles strebt nach oben. Ein Naturgesetz. Glaubt man Politikern und Wissenschaftlern, gilt dieses Gesetz auch in der Wirtschaft. Immer höher, immer weiter. Je mehr Wachstum, desto besser. Das aber bezweifelt Walter Lechner (31), der Pfarrer des Dörfchens.

Die Wirtschaft wächst in Deutschland – und zugleich der Abstand zwischen Armen und Reichen. Das Bruttoinlandsprodukt schraubt sich stetig empor – und zugleich die Erderwärmung, die Masse der Ausgebeuteten und Hungernden weltweit. Die Zahl der Autos und Funktelefone schwillt unvermindert an – und auch der Stress, der immer mehr Menschen krank macht. »All das hängt mit dem Zwang der Wirtschaft zum Wachstum zusammen«, sagt Lechner.

Diese Wurzel will der Theologe freilegen, er will sie einhegen oder am besten kappen. Dafür will er und eine kleine Initiativgruppe möglichst viele Christen und die EKD gewinnen für eine Unterschriften- und Plakatkampagne. Beim Kirchentag in Dresden soll sie beginnen. Lechner weiß: Die Kirche wäre nicht das erste Mal der Motor für einen Wandel in Politik und Gesellschaft.

In der ehrwürdigen Bibliothek des Leipziger Missionswerkes faltet Walter Lechner am ersten Märzsonnabend die Hände, bevor er über die großen Fragen der Gerechtigkeit und Ökonomie redet. »Das Ruder herumreißen kann nur Gott«, sagt der junge Lutheraner, der alles andere ist als das Klischee vom links-alternativen Missionar. »Wir träumen als Christen von Gottes neuer Welt. Diese Verheißung leitet uns an, uns für die Verwandlung der Welt zu engagieren.« Kein Unrecht und kein Leiden muss um Gottes Willen so bleiben, wie es ist. Und auch kein Dogma der meisten Wirtschaftswissenschaftler.

Gekommen sind zu dem Treffen der Initiativgruppe nur drei Männer und eine Frau. Einer von ihnen ist Bernd Winkelmann, ein nachdenklicher Pfarrer von 68 Jahren, der in der DDR in Friedens- und Umweltgruppen die SED-Diktatur kritisierte – und nicht minder den Kapitalismus. »Die Bibel will eine solidarische und gerechte Ordnung, in der sich das Leben entfalten kann«, sagt der Theologe aus dem thüringischen Eichsfeld. »Bisher gibt es das Dogma, es gäbe keine Alternativen zum Wirtschaftswachstum. Jetzt bricht es.«

Der Bundestag hat eine Enquete-Kommission beauftragt, nach einer neuen Messgröße für Lebensqualität zu suchen, die sich nicht mehr nur am Wirtschaftswachstum festmacht. Auch soziale Gerechtigkeit, Zeit für Familie, Gesundheit und der Zustand der Natur sollen künftig in die Rechnung einbezogen werden – und das Ziel mit bestimmen. Der Kirchentag in Dresden wird diese Diskussion aufnehmen.

Dabei liegt eigentlich alles auf dem Tisch: Die Kritik der alttestamentlichen Propheten an der Ausbeutung, der Satz Jesu »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon«. Der Ökumenische Rat der Kirchen sieht angesichts der globalen Ungerechtigkeit »die Glaubwürdigkeit des Bekenntnisses der Kirchen und ihrer Verkündigung« auf dem Spiel stehen. »Es gibt viele Denkschriften, doch sie finden nicht an die Basis«, sagt der junge Leipziger Theologe Tobias Funke. Die kleine Gruppe will das ändern.

Walter Lechner weiß, wie es ist, wenn man belächelt wird für den Einsatz für eine gerechtere Welt – oder auch nur für fair gehandelten Kaffee. Ist das etwa Auftrag der Kirche, fragt man ihn, ist das nicht alles naive Spinnerei? »Es geht um eine Milliarde Hungernde. Und darum, mit der Nachfolge Jesu ernst zu machen«, antwortet Lechner. »Immer mehr und immer höher? Jesus Christus ist das Gegenteil.« Das Wort vom Kreuz, so schrieb schon Paulus: Es klingt wie eine Torheit.

Die Flüchtlinge brauchen Europa

10. März 2011 von DER SONNTAG  
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Was bringt Menschen dazu, dicht gedrängt auf Booten, Nussschalen gleich, das Mittelmeer durch Wind und Sturm zu überqueren? Was bringt sie dazu, sich diesen Qualen und diesem Risiko auszusetzen? Bei den Flüchtlingen, die auch in dieser Woche wieder die italienische Insel Lampedusa erreichten, ist es die kalte Ungewissheit, die sie aus ihren Heimatländern forttreibt. Die Europäische Union sollte sie nicht von vornherein abweisen.

Die Regime in Ägypten und Tunesien sind zwar gestürzt, doch wie die Zukunft der nordafrikanischen Länder aussieht, kann derzeit niemand einschätzen. Und die Kämpfe in Libyen zeigen, das sich die politische Situation in der Region nicht so schnell beruhigen wird.

Nun hat Deutschland zusammen mit anderen EU-Ländern eine Luft- und Seebrücke für Flüchtlinge aus Libyen eingerichtet. Es sind wohlgemerkt keine Libyer, die ausgeflogen und ausgeschifft werden. Sondern Ägypter, Tunesier und Gastarbeiter aus Asien und Zentralafrika, die in Libyen eine Arbeit gefunden hatten und die nun aus dem unsicheren Land gebracht werden.

Diejenigen, die diese Unterstützung nicht erhalten, landen weiter in überfüllten Fischerbooten an der EU-Grenze an, verängstigte Menschen bitten von dort aus weiterhin um Asyl. Ihre Anfragen sind zu ernst, als dass man sie einfach wegschieben könnte.

Der unverzichtbare, aber zähe Prozess der Demokratisierung dauert weiter an. Armut und Unsicherheit jedoch bleiben. In der Zwischenzeit ist konkrete Hilfe gefragt. Flüchtlinge, die ihr Land aus Angst verlassen, dürften die Kraft und den Wille haben, woanders neu zu beginnen. Ihre Hoffnung darf erst recht in einem Europa, das stolz ist auf seine christlichen Wurzeln, nicht enttäuscht werden.

Maxie Thielemann

Mehr geben als nehmen – mehr Uploads als Downloads

5. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Seht wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18, Vers 31

Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. (Foto: Steffen Giersch)

Dr. Thomas Knittel ist Professor für Neues Testament und Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. (Foto: Steffen Giersch)

Upload steht für das Hochladen von Texten, Bildern oder Melodien ins Internet.

Download steht für das »Absaugen« von Daten, Dissertationen oder Dienstleistungen.

Geben und Nehmen im Zeitalter des Internets.

Von einem Upload der besonderen Art spricht Jesus zu seinen Jüngern: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem. Hier macht sich einer angreifbar. Er rechnet mit dem Schlimmsten, doch er steht zu seinem Auftrag. Seine Mission heißt Hingabe. Sein Ziel ist es, bei den Verlassenen zu sein. Auch wenn er dafür selbst zu einem Verlassenen werden muss, er geht den Weg, der ihn zunehmend einsam macht. Auf ihn wartet das Kreuz, Zeichen tiefster Ohnmacht und höchster Ehrlosigkeit.

Deutlich attraktiver erscheint uns heute das andere Prinzip: Ob jenseits oder diesseits der Legalität, es wird heruntergeladen, was irgend geht. Hier ein Song, da ein Zitat. Nur: Wo das Fremde so leicht zum Eigenen wird, da kommt es nicht mehr auf Verantwortung an. Am Ende waren’s alle oder keiner, nur nicht ich.

In dieser Woche beginnt die traditionelle Fastenzeit. Der Leidensweg Jesu will zum Spiegel unserer Lebensgewohnheiten werden. Mein Vorschlag für die nächsten sieben Wochen: Für jeden Gratis-Download ist ein Upload als Gegenleistung zu erbringen. Ein handgeschriebener Brief für einen Wikipedia-Artikel, ein fröhlicher Gruß in der Straßenbahn für eine kostenlose Fahrplanauskunft, eine herzliche Fürbitte für unsere Kirche beim Herunterladen des Amtsblatts unter evlks.de.

Und sollte jemand fragen, sagen Sie einfach: »Ich war’s«.

Thomas Knittel

Kennen Sie unseren Audio-Podast? Besuchen Sie doch bitte www.wort-zur-woche.de!

Protest mit Picknick

4. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Pfarrer Stephan Brenner hat den Friedensbus ins Leben gerufen. Nun will er in Chemnitzer Stadtbussen Postkarten vom Bus als Friedensgruß verteilen. Einen Teil hebt er jedoch auf: für den Kirchentag in Dresden.  (Foto: Andreas Seidel)

Pfarrer Stephan Brenner hat den Friedensbus ins Leben gerufen. Nun will er in Chemnitzer Stadtbussen Postkarten vom Bus als Friedensgruß verteilen. Einen Teil hebt er jedoch auf: für den Kirchentag in Dresden. (Foto: Andreas Seidel)

Am 5. März gedenkt Chemnitz der Bombardierung von 1945 – und wehrt sich gegen Nazis.

Nach den rechten Aufmärschen in Dresden am 13. und 19. Februar richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf den 5. März in Chemnitz. Dieser Gedenktag der Stadtbombardierung vor 66 Jahren wird seit neun Jahren mit zahlreichen Aktionen als »Chemnitzer Friedenstag« begangen.

Die Neonazis haben Demonstrationen angemeldet und versuchen diese wie 2010 per Gerichtsbeschluss genehmigen zu lassen. Dagegen wendet sich wieder ein »Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz – kein Platz für Nazis«, das dazu aufruft, sich »kreativ, bunt und lautstark den Nazis entgegenzustellen«. Ein entsprechender Aufruf zum friedlichen Protest wurde von fast 300 Persönlichkeiten und Institutionen unterzeichnet.

Auch Superintendent Andreas Conzendorf gehört dazu. Er sei »kein Freund lauter Demonstrationen«, sagt er. Aber Schweigen sei auch nicht immer möglich. »Unser Volk und Land hat fast 50 Jahre mit radikalen politischen Verhältnissen zu tun gehabt. Wir haben allen Grund, jede Art von Radikalismus abzulehnen.«

Der am 4. März 2010 erstmalig auf Tour geschickte Friedensbus – ein Stadtbus, geschmückt mit Kinderbildern zum Thema Frieden – ist jetzt auch auf Postkarten zu sehen. Sechs Motive zeigen ihn an unterschiedlichen Orten der Stadt, zum Beispiel am Karl-Marx-Monument. Schon am Donnerstag vor dem Friedenstag werden Pfarrer Stephan Brenner, der Initiator des Busses, und Stefan Tschök, Pressesprecher der Chemnitzer Verkehrsgesellschaft, solche Karten an die Fahrgäste des Linienbusses verteilen.

Dass sich auch die Kirchgemeinden stärker ins Friedenstagsprogramm einbringen, wünscht sich Thomas Troebs, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Lutherkirchgemeinde. Dort wurde im Gottesdienst zur Beteiligung am friedlichen Protest auf dem Theaterplatz aufgerufen. Es soll ein Picknick als Protest gegen den Marsch der Neonazis werden. »Bringen Sie Essen und Trinken mit, am besten für ein, zwei Personen und mehr«, heißt es in einem Aufruf des Chemnitzer Bündnisses für Frieden und Toleranz. Für das nächste Jahr kann sich Thomas Troebs Gebets- und Mahnwachen ähnlich wie in Dresden gut vorstellen.

Katharina Weyandt

Friedenstag in Chemnitz

Freitag, 4. März, 16 Uhr, Rathaus: Verleihung des Friedenspreises;
17.30 Uhr, Neumarkt: Eröffnung des Friedenskreuzes;
19 Uhr, Altes Heizhaus: Podiumsdiskussion zur Gedenkkultur mit dem ehemaligen Superintendenten Christoph Magirius, Thiemo Kirmse (Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen) und Professor Dr. Teresa Pinheiro (TU Chemnitz);
21.15 Uhr, Altes Heizhaus: »Vergessene jiddische Lieder«;
Sonnabend, 5. März, ab 8 Uhr auf dem Theaterplatz: Demokratie-Picknick, Begleitprogramm mit Opernchor, Chemnitzer Synagogalchor, Aktionen, Reden von Künstlern, Politikern und Prominenten;
12 Uhr, Petrikirche: Friedensgebet mit Pfarrer Christoph Weber;
20 Uhr, Jakobikirche: Friedensgottesdienst mit der Theatergruppe der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde, Predigt Pfarrer Carsten Rast.

www.friedensbus-chemnitz.de

www.chemnitzer-friedenstag.de/

www.kirche-chemnitz.de

Keine Ausreden

4. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Karl Theodor zu Guttenberg und das Thema Ausreden – in den letzten Wochen wurde beides oft in einem Atemzug genannt. (Foto: Bundeswehr-Foto/flickr.com)

Karl Theodor zu Guttenberg und das Thema Ausreden – in den letzten Wochen wurde beides oft in einem Atemzug genannt. (Foto: Bundeswehr-Foto/flickr.com)

Die Fastenaktion der evangelischen Kirchen steht unter dem Motto »7 Wochen ohne Ausreden«.

Wir leben komfortabel, ja luxuriös – in dieser Weltgegend. Auch Arme haben ihr Auskommen, kriegen Wohngeld, Zugang zu »Tafeln« – profitieren von der Solidargemeinschaft. Was würden sie zum Aufruf einer Bischöfin sagen, wöchentlich einmal auf Fleisch zu verzichten? Und erst die Ärmsten der Welt! Mitmach-Kampagnen wie »7 Wochen Ohne« offenbaren eine Wohlfahrt, die jedes Maß verliert.

Eine Zeit ohne Auto, Ananas und Alkohol: Erst planmäßiger Mangel macht vielen Begüterten ihren Standard klar. Oder sie spüren, besonders bei nichtmateriellen Süchten und Gewohnheiten, eine Leere im Leben: Sieben Wochen ohne Radio, Fernsehen, Internet. Ausgeschlossen, ich bin beruflich davon abhängig!

Und privat?

Was geschieht in Zeiten ohne? Gibt’s da Gespräche, Spiele, werden Fotografien angeschaut, Gedichte gelernt, Romane gelesen, Konzerte gehört?

Die Aktionen führen bei wenigen zu wirklichem Wandel. Meistens reicht der Impuls bis zum nächsten Trott, und neben zeitweiliger Kohlendioxid-Einsparung bleibt das Mitmach-Gemeinschaftsgefühl. Und vielleicht wird dabei noch geflunkert: Ich verzichte – wer weiß, ob’s stimmt.

»Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.« Der neue Fasten-Aufruf soll ein »Befreiungsschrei« zum »Ausstieg aus dem Schwarzen-Peter-Spiel« sein. Denn im Gemeinwesen wird gelogen landauf landab, von früh bis spät, von Jung und Alt, seitens der Regierung und volksmündlich, wie gedruckt in Zeitungen und Büchern.

Wir schwindeln, dass sich die Balken biegen, in Freundschaften, Liebesbeziehungen, Ehen. Mit Stories werden Verspätungen kaschiert, mit Spickzetteln Klausuren geschrieben, mit codierten Standardphrasen Zeugnisse formuliert; Zahlen getürkt, Spielkarten gezinkt, Kreditkarten abgekupfert, Geld und Unterschriften gefälscht, Lebensläufe frisiert, Steuern hinterzogen; man zeigt sich vermummt, schönheitsoperiert oder mit Pokerface, heuchelt Interesse, Begeisterung, Verständnis.

Eine der feinsten Formen der Unaufrichtigkeit ist die konforme Sprache. Man will zu einer Gruppe, zur Allgemeinheit gehören. Mark Twain soll gesagt haben: »Wenn du merkst, dass du zur Mehrheit gehörst, wird es Zeit, deine Einstellung zu ändern«.

Bekenntnisse, Gelöbnisse, Eide und Schwüre stellen Ehrlichkeit auf die Probe. Wieviel Prozent der Gottesdienstbesucher werden die Inhalte des apostolischen Bekenntnisses glauben oder verstehen?

»Schon schweigen ist Betrug«, singt Konstantin Wecker. Doch wann und wo? Man muss ja nicht immer allen alles auf die Nase binden. Und werden wir nicht gern auch mal belogen, wo Wahrheit wehtäte?

Von den Politikern, dass uns Frieden, Wohlstand und Demokratie erhalten bleiben und es den Wäldern gutgeht. Von den Ärzten, dass der Body-Mass-Index stimmt, die Krankheit bekämpft oder aufgehalten wird. Hören wir nicht genüsslich Schmeicheleien über unser Aussehen, unsere Figur und Fitness? »Alles ist eitel, eine Krankheit der Seele, vergänglich wie der Tag, der gestern vergangen ist«, sagt der Dichter Johannes von Tepl (1350–1414).

Beim jüngsten Fall ministerialer Ausreden erschreckte am meisten, wie lange die Regierung den Rechtsbruch tolerierte. Und wie lange die Mehrheit, glaubt man den Umfragen, ihrer »Lichtgestalt« und Projektionsfigur nicht die Sympathie entzog. Man sprach von irrtümlichen Fehlern, lässlichen Sünden und hielt Anstand und Ehre wohl überhaupt für überflüssig – in einer Gesellschaft, die dauernd von Werten redet. Das verstärkt den Kultur- und Sinnverlust und die Politikverdrossenheit und höhlt die Demokratie weiter aus.

In diesem Fall währte unehrlich mal nicht am längsten und unrecht Gut gedieh am Ende doch nicht. Tepl sagt: »Mehr als alle irdischen Dinge liebe ein reines und lauteres Gewissen.« Jedenfalls in den nächsten sieben Wochen.

Christoph Kuhn

Christoph Kuhn ist Schriftsteller in Halle/S.

Ein Rücktritt

3. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Karl-Theodor_Freiherr_von_und_zu_GuttenbergAm Dienstag melden sie es: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg tritt zurück. In der Politik kommt es immer mal wieder vor, dass jemand seinen Hut nehmen muss. Es gehört zum politischen Stil, bei Verfehlungen, die die Glaubwürdigkeit im Amt berühren, abzutreten. Der Verteidigungsminister macht gerade die Erfahrung. Und zum politischen Geschäft gehört es auch, dass Verfehlungen besonders in Wahlzeiten hervorgesucht werden.

Man brauchte also nicht weiter darüber zu reden – politisches Geschäft eben. Auch wenn es hohe Wellen schlägt. Reden muss man aber im aktuellen Fall über den Umgang mit der Verfehlung. Also dem zu Unrecht erworbenen – und verliehenen – Doktortitel. Da machte sich zunächst der Eindruck breit, der Betroffene sähe das als eine Lappalie an und es berühre sein Amt nicht.

Ein neuer Verteidigungsminister lässt sich sicher finden. Doch ein Beigeschmack bleibt, weil hier, auch von Seiten der Regierung, versucht wurde, Unrecht zu bagatellisieren, um des Machterhalts willen.

Mal ehrlich, wer von uns kommt ohne Lüge aus? Immer ehrlich zu sein, scheint gar nicht möglich, will man nicht ständig anecken oder Menschen verletzen, indem man ihnen ins Gesicht sagt, was man von ihnen denkt. Doch schon Kinder machen die Erfahrung, dass alles irgendwann ans Licht kommt. Dann kann mit Offenheit manches wieder ins Lot gebracht werden. Auch wenn die Landung in der Realität danach mitunter unsanft ist, kann der Betroffene vielleicht einmal wieder auf Glaubwürdigkeit rechnen.

Herrn zu Guttenberg kann man das nur wünschen, auch wenn er noch nicht ganz zur Wahrheit gefunden hat. Denn in seiner Rücktrittserklärung macht er nicht sich, sondern den gegen ihn aufgebauten Druck verantwortlich.

Christine Reuther

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