Leben oder sterben lassen

20. Mai 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

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Die moderne Medizin stellt Ärzte, Pfleger und Angehörige oft vor schwere Entscheidungen. Wie Ethikberater ihnen dabei helfen.

Von dem Konflikt weiß Herr Schmitz nichts. Vielleicht spürt er ihn am ganzen Körper, vielleicht kämpft es in seiner Seele, man weiß es nicht. Herr Schmitz (Name und Details geändert) liegt in einem Krankenhausbett, durch einen Schlauch wird sein Körper mit roten Blutkörperchen versorgt. Nur das hält ihn noch am Leben. Herr Schmitz ist 72 Jahre alt. Seine Frau und seine Kinder stehen an seinem Bett, doch der alte Mann spricht nicht mehr. Er ist zu schwach.

Ein paar Türen weiter im Ärztezimmer der internistischen Station dieser sächsischen Klinik zerbricht sich der Chefarzt den Kopf über Herr Schmitz. Über die weitere Behandlung kann er mit seinem Patienten nicht mehr reden. »Wir werden seinen Zustand nicht verbessern können. Aber von Seiten der Angehörigen besteht eine enorme Therapieerwartung«, sagt der Mediziner, so steht es im Protokoll dieses Falls. »Wir können das Leben des Patienten verlängern. Aber ist das noch sinnvoll? Was für ein Leben ist das denn?«

Um diese Frage nicht allein beantworten zu müssen, hat der Chefarzt an diesem Donnerstagnachmittag drei Vertreter des Ethikkomitees seiner Klinik in das Stationszimmer eingeladen: Einen Arzt, den Krankenhausseelsorger Rolf-Michael Turek und ein Mitglied einer Selbsthilfegruppe. Dazu zwei Krankenschwestern, die Herrn Schmitz pflegen, die Oberärztin und den Stationsarzt. An zwei Drittel der sächsischen Kliniken finden mittlerweile solche Ethikberatungen statt.

Gemeinsam versuchen Ärzte, Pfleger und Seelsorger, den Kern des Konflikts freizulegen: Weitere Bluttransfusionen oder nicht? Das Leben von Herrn Schmitz um jeden Preis verlängern – oder ihn friedlich sterben lassen? »Bei der Pflege macht er nicht mehr richtig mit«, sagt eine Krankenschwester über Herrn Schmitz. »Mein Eindruck ist, dass er es auch nicht mehr will.«

Unter den Ärzten aber flammt eine Diskussion auf: Würde ein Ende der Transfusion Leiden beenden – oder die Gefahr von Blutungen und qualvollem Ersticken mit sich bringen? Und wo liegt die Grenze zur verbotenen aktiven Sterbehilfe?

Rolf-Michael Turek hört aufmerksam zu und macht sich Notizen. Der Klinikseelsorger sagt nicht, ob etwas gut ist oder falsch. »Wir wollen mit den Ärzten und Pflegern eine Atmosphäre schaffen, in der man die verschiedenen Argumente untereinander hört und anerkennt«, sagt der Leipziger Pfarrer, »und dann gemeinsam im Konsens zu einer Empfehlung kommen.«

Werte werden gegeneinander abgewogen – oft sind es Übel. Und die Frage ist: Was ist das kleinere Übel? Dass es diese Frage überhaupt gibt, ist ein modernes Phänomen. Die High-Tech-Medizin bietet viele Möglichkeiten.

Es gibt heute eine Vielzahl an Lebensformen, Weltanschauungen, Kulturen und Religionen – und eine Vielzahl an Antworten auf die Frage, was gutes Leben ist. Und schließlich will der mündige Bürger in einer Demokratie auch im Krankenhaus nachvollziehbare Argumente hören und selbst entscheiden.

Herr Schmitz aber kann das nicht mehr. Eine Patientenverfügung für diesen Fall hat er nicht geschrieben. Seine Frau, seine Tochter und sein Sohn werden deshalb vom Krankenbett ins Stationszimmer gerufen, um gemeinsam mit dem Ethikkomitee, den Ärzten und Pflegern zu überlegen.

»Was ist wohl das Beste für ihren Ehemann und Vater?«, fragt einer der Ethikberater.

»Er war immer so entschlusskräftig«, antwortet die Frau, »ich glaube, er hätte gesagt, jetzt soll damit mal Schluss sein, das bringt doch alles nichts mehr.«

Die erwachsenen Kinder protestieren. Sie wollen die Behandlung ihres Vaters unbedingt fortsetzen.

Die Ethikberater aber fragen noch einmal genau nach: Was wäre im Sinne von Herrn Schmitz?

Schließlich sagt die Tochter: »Wie Vater gelebt hat, würde es gut zu ihm passen, dass er angesichts der Aussichtslosigkeit sein Schicksal akzeptiert.«

Einen Moment lang schweigen alle. Familie, Ärzte und Pfleger sind sich einig.

Zwei Tage später stirbt Herr Schmitz. Ohne Transfusionen – und ohne die befürchteten Qualen.

Andreas Roth

Empfehlungen der evangelischen Kirche zur Christlichen Patientenvorsorge www.ekd.de/patientenvorsorge/

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