Der Stein des Weisen
31. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Früher war es ein Aufnäher für Jacken und Mäntel, heute ist es eine Plakette aus Metall: das Friedenssymbol »Schwerter zu Pflugscharen«. Harald Bretschneider hat es vor 30 Jahren erfunden. Heute bringt er es zu Menschen, die den Frieden nötig haben und deren Friedensengagement er würdigen will – in Palästina und in Liberia zum Beispiel. Foto: Steffen Giersch
Die Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« haben vor 30 Jahren die Welt verändert. Da ist sich ihr Schöpfer Harald Bretschneider sicher. Auch heute noch hat er stets neue Ideen, den Frieden in der Welt anzumahnen. Am Reformationstag wird er mit der Martin-Luther-Medaille der EKD ausgezeichnet.
Um Ideen ist Harald Bretschneider nie verlegen. Und immer geht es ihm darum, die biblische Botschaft unters Volk zu bringen: Vor zwei Jahren war es ein »Stein der Weisen«, auf dem die zehn Gebote und die Seligpreisungen verzeichnet sind. Er hat ihn selbst behauen und vor einem Freitaler Altenpflegeheim der Diakonie 2009 aufgestellt.
Doch viel bekannter wurde der heute 69-Jährige vor 30 Jahren mit den Aufklebern »Schwerter zu Pflugscharen« – ein Friedenssymbol, das er inzwischen schon bis nach Palästina gebracht hat: Im Frühjahr, am Rande einer Leserreise des Sonntags übergab er es der Schule Talitah Kumi im palästinensischen Beit Jala. Das Symbol solle ein Hoffnungszeichen sein, dass auch in diesem Land die Mauer überwunden werde, sagte er dabei den Schülern.
Eine weitere solche Plakette liegt schon bereit. Diese will er nach Liberia bringen zu einem Mann, der aus den Geschossen der Rebellen des Bürgerkriegs Kreuze geformt hat – »und damit seine veränderte Haltung zum Krieg zum Ausdruck bringt«, fügt Harald Bretschneider hinzu.
Menschen, die sich mit ihrer Person für den Frieden einsetzen, haben Bretschneiders Hochachtung. Denn dass in Deutschland die Mauer, die beide Teile 40 Jahre lang trennte, schließlich fallen konnte und das atomare Wettrüsten beendet wurde, ist für ihn auch ein Ergebnis der christlichen Friedensbewegung in Ost und West – und der mutigen Jugendlichen in der DDR, die den von ihm in 1981 Umlauf gebrachten Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« trugen.
»Es bewegt mich bis zum heutigen Tage, wie besonnen und reif die jungen Leute damals reagiert haben, wie sie es getragen haben, aus der Schule geworfen zu werden wegen des Aufnähers und wie sie dem Friedenszeugnis der Bibel Hände und Füße gegeben haben«, sagt Harald Bretschneider. Er war von 1979 bis 1991 Landesjugendpfarrer und auch selbst im Visier der Stasi, wurde bespitzelt und bedroht.
Heute, 30 Jahre später, ist sein Engagement längst anerkannt und sein Name mit dem Bibelwort auf den Aufnähern fest verbunden. Am Reformationstag wird er dafür ausgezeichnet: Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verleiht ihm die Martin-Luther-Medaille im Rahmen des zentralen Reformationsgottesdienstes in der Georgenkirche zu Eisenach. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière hält die Laudatio. »Harald Bretschneider gehört zu den wichtigsten kirchlichen Protagonisten der Friedlichen Revolution in der DDR«, heißt es aus dem Kirchenamt der EKD zur Begründung.
Was ihm die Auszeichnung bedeutet? »Naja, ich finde, dass die Martin-Luther-Medaille an die Zeit der Reformation erinnert, als das biblische Wort auf Straßen und in Schulen diskutiert wurde.« Die Aktion »Schwerter zu Pflugscharen« habe eine ähnliche Wirkung gehabt. »Auf Polizeistationen und in Schulen wurde plötzlich über Bibelstellen gesprochen – auch wenn diese Gespräche nicht immer einen erfreulichen Charakter hatten.« Für diese Wirkung seines Engagements ist der Ausgezeichnete dankbar.
Dass der heutige Verteidigungsminister die Laudatio hält, ist für Harald Bretschneider kein Problem. »Thomas de Maizière hatte schon die unterschiedlichsten Ministerposten wahrzunehmen und hat dabei aus seinem christlichen Glauben nie einen Hehl gemacht«, so Bretschneider. »Insofern finde ich es gut, wenn er diese Entwicklung, die ich damals einläutete, deutet und würdigt.«
Auch er selbst lässt nicht nach, sich aus christlicher Verantwortung für eine bessere Welt einzusetzen. Den vor zwei Jahren geschaffenen »Stein der Weisen« will Bretschneider in Bronze gießen lassen, zwölf Zentimeter hoch. »Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise kann man diesen dann auch den Bankern und Politikern auf den Tisch stellen.« Damit hofft er, »dass die zehn Gebote als Grundwerte für die Menschen wieder aktueller werden und der Gottesbezug Einzug in die europäische Verfassung hält«.
Dass Gott aus dem Entwurf für dieses wichtige europäische Gesetz gestrichen wurde, hält er »für einen Sündenfall«. Denn, so ist Harald Bretschneider überzeugt: »Wir kommen ohne den rettenden und richtenden Gott nicht aus.«
Christine Reuther
Jeremias Schrei gegen die Verletzungen in der Kirche
30. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Comments Off
Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.
Jeremia 17, Vers 14
Da hat es einer echt satt. Vergeblich versuchte er, angesichts innerer und äußerer Bedrohung seine Mitbürger aufzurütteln und aus politischer und geistlicher Lethargie zu reißen – völlig umsonst.
Jeremia wird verlacht, verspottet und von politischer Elite und geistlichem Establishment zur Unperson erklärt. Niemand interessiert sich für seine Kritik an sozialen und geistlichen Verhältnissen. Anderes ist wichtiger: Die Frage, wie man der Inflation im eigenen Land begegnet, wie man die Großmächte bei Laune hält, damit die nicht kommen und das Land ausrauben.
Keiner achtet auf diesen religiösen Spinner, der behauptet: »Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt«. Mag ja sein, dass Religion nicht schlecht ist – aber derzeit hat man andere Sorgen.Vor einigen Wochen sagte ein Papst in Deutschland: »Wichtig ist, dass dieses Land wieder über sein Verhältnis zu Christus nachdenkt!« Kirchliche und weltliche Medien meinten am Ende seines Besuches, er habe zu den »wesentlichen Fragen der Zeit« nichts gesagt.
Haben wir es 2600 Jahre nach Jeremia denn immer noch nicht gecheckt? Begreifen wir den Auftrag unserer Kirche wirklich nicht? Das »Heil« wird es nicht durch gutmeinenden Humanismus, eine neue Wertediskussion oder ausgefuchste Parteiprogramme geben – Heil kommt von Gott.
Das ist die Predigt des Jeremia und diese Predigt lässt ihn vereinsamen so wie manchen Bruder und manche Schwester auch heute. So wie Jeremia fühlen sie sich verletzt, gerade angesichts der verschiedenen inhaltlichen Diskussionen in unserer Landeskirche, geht es nun um umstrittene Paragrafen oder Strukturanpassungen.
Natürlich will keiner dem anderen wehtun und dennoch passiert es, wie schon damals bei Jeremia. Von ihm will ich lernen, mit unterschiedlichen Verletzungen auch innerhalb der Kirche umzugehen.
Jeremia benennt Dinge klar und deutlich, hält mit seiner Sicht der Dinge nicht hinter dem Berge. Aber er weiß, wer seinem Volk Heil und Heilung schenken kann: Gott selbst. Sein Gebet, seinen Schrei richtet er nicht gegen Menschen oder Umstände sondern an die Adresse des Herrn.
Eine Kirche die gemeinsam betet, ist in der Lage, gemeinsam »heil« zu werden.
Jens Buschbeck
Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
Was ist lutherisch?
27. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
Comments Off
Ein Lutherdenkmal in Chile, charismatische Frömmigkeit und die Freiheit eines Christenmenschen – Gedanken zum Reformationsfest.
Was ist daran lutherisch?« fragte ich mich am Reformationstag 2002, als im Armenviertel Huechurraba im Nordosten Santiagos de Chile eine Lutherbüste feierlich enthüllt wurde auf dem gerade umbenannten Reformationsplatz (Plaza de la Reforma). Weit und breit gibt es in der Nähe keine lutherische Gemeinde – und doch wurde dieser Ort ausgesucht. Und mit Hilfe der beiden chilenischen lutherischen Kirchen und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) konnte die Lutherbüste eingeweiht werden.
Viel Prominenz war anwesend. Sogar ein Minister war gekommen. Natürlich waren Vertreter der beiden lutherischen Kirchen da. Die Mehrheit bildeten aber die sogenannten Evangélicos. Das sind Pfingstler, Charismatiker, Baptisten, Methodisten, Presbyterianer. Sie standen mit ihren Gemeindefahnen da. Und zum Schluss sangen alle zusammen: »Castillo fuerte es nuestro Dios« (Ein feste Burg ist unser Gott).
Während der Feier wurde viel frei und lang gebetet mit sehr viel Emotionen. Das kann man verstehen: Wurden die Evangélicos doch lange an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Inzwischen bilden sie auch für Politiker eine interessante Wählerschicht. Sie werden umworben. Über 20 Prozent der Chilenen gehören zu ihnen. Die etwa 12.000 Lutheraner spielen da eine eher untergeordnete Rolle, obwohl die Lutheraner hohes Ansehen genießen – besonders nach dem Wirken von Helmut Frenz, Menschenrechtler und Pfarrer, der im vergangenen Monat verstarb.
Inzwischen gibt es in Chile seit ein paar Jahren sogar den Reformationstag als arbeitsfreien Tag – und das in diesem noch immer stark katholisch geprägten Land. Feierlich versprachen die Gemeinden in Huechurraba, dass sie auf die Lutherbüste und den Reformationsplatz aufpassen würden und dort regelmäßige Gebetstreffen machen wollten – bei ihrem Kirchenvater. Bei dem Urvater aller Evangélicos. So haben sie es empfunden.
Fremd fühlte ich mich auf dieser Veranstaltung. Mit unserer lutherischen Kirche hatte das wenig zu tun. Lutherisch war das nicht. Was hätte Luther wohl dazu gesagt?
Vielleicht hätte er geschmunzelt, und das durchaus wohlwollend, denn den Evangélicos geht es um Anerkennung in einem Land, in dem sie lange Zeit ausgegrenzt waren und an den gesellschaftlichen Prozessen nicht teilhaben konnten.
Ist das nicht evangelisch? Ist das nicht lutherisch? Geht es dabei nicht darum, wahrgenommen zu werden? Um das Gefühl und den tiefen Glauben, angenommen zu sein?
Martin Luther selbst hatte große Zweifel. Er fühlte sich nicht angenommen. Er wurde umgetrieben von der Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Luther fand die Antwort in einem Bibelwort (Römer 1, Vers 17), das ihn begreifen ließ: Ich muss mir Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen, ich brauche an seiner Güte nicht zu zweifeln, denn Gott ist immer schon nahe und bereit, sich mir zuzuwenden – und zwar voraussetzungslos. Er fühlte sich angenommen, befreit, erlöst. Aus seiner Erfahrung heraus setzte er sich noch intensiver mit der Heiligen Schrift auseinander. Je tiefer er eindrang, desto intensiver erfuhr er, dass Gott gnädig ist.
Auf der Plaza de la Reforma wurde auf dem Sockel der Lutherbüste deshalb auch auf spanisch geschrieben: »Allein die Heilige Schrift, allein aus Gnade, allein aus Glauben, allein Jesus Christus.« Das ist lutherisch! Und das in der Umgebung der Evangélicos. Es gibt wohl doch Berührungspunkte.
Als der ehemalige Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber Chile besuchte, traf er sich auch mit den Vertretern der Evangélicos. Er sagte ihnen: »Wir fühlen uns Ihnen als Glieder des einen weltweiten Leibes Jesu Christi tief verbunden. Wie Sie wollen wir uns auf den Ursprung und Grund unseres Glaubens – auf Jesus Christus – verweisen lassen, und uns dankbar des reformatorischen Auftrags erinnern, die durch die Reformation wiederentdeckte ›Freiheit eines Christenmenschen‹ als Geschenk des gnädigen Gottes allen Menschen zu bezeugen.«
Sicher – es gibt Unterschiede zwischen Evangélicos und dem, was wir in Deutschland unter evangelisch verstehen. Spannend ist es aber, sich mit unseren Brüdern und Schwestern – den Evangélicos – auseinanderzusetzen und auch von ihnen zu lernen. Die lutherischen Gemeinden in den Armenvierteln Chiles haben auch von ihnen gelernt.
Das erlebt man zum Beispiel in den Gottesdiensten, die emotionaler sind, manchmal spontaner, häufig lebendiger. Manchmal wünschte ich mir das auch hier. In all der »Freiheit eines Christenmenschen« – das ist lutherisch!
Enno Haaks
Pfarrer Enno Haaks ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes (GAW), das seinen Sitz in Leipzig hat. Zuvor war er bis 2009 Pfarrer in Santiago de Chile.
Bischöfe und ihre Autos
26. Oktober 2011 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Nicht nur heiße Luft: Auch die Dienstwagen deutscher Kirchenleiter stoßen Schadstoffe aus. Und das teilweise mehr als nötig, meint jedenfalls die Deutsche Umwelthilfe.
Deutsche Umwelthilfe kritisiert Kirchenleiter mit zu viel »Benzin im Blut«
Erstmals hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in diesem Jahr den CO2-Ausstoß bischöflicher Dienstfahrzeuge systematisch untersucht. »Das Ergebnis ist enttäuschend: Viele Bischöfe predigen ihren Kirchengemeinden richtigerweise die Notwendigkeit des Klimaschutzes, haben aber selbst Benzin im Blut«, so der DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch.
Nur vier leitende Kirchenvertreter, nämlich die bremische Präsidentin Brigitte Böhme, der westfälische Präses Alfred Buß, der schaumburg-lippische Bischof Karl-Hinrich Manzke und der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber erhielten die »grüne Karte«, weil ihr Dienstwagen unter dem von der EU vorgegebenen CO2-Zielwert für 2008, nämlich 140 Gramm pro Kilometer, lag. Besonders vorbildlich: Als einzige Kirchenvertreterin benutzt Brigitte Böhme ein Erdgasauto, das lediglich 128 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt.
»Klimawandel – Lebenswandel« hieß das Themenjahr der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, das kürzlich zu Ende ging. Doch das Verhalten von Landesbischöfin Ilse Junkermann sei in diesem Zusammenhang »zweifelhaft« gewesen, kritisiert die DUH.
»Nach dem Auslaufen ihres Leasingvertrags stieg die Bischöfin auf eine 245 PS starke BMW-Limousine um, die das Klima mit einem CO2-Ausstoß von insgesamt 180 Gramm pro Kilometer stärker belastet als ihr vorheriges Fahrzeug«, sagte die DUH-Mitarbeiterin Amrei Münster am Dienstag vor Journalisten in Berlin.
Dem widersprach die Bischöfin allerdings in einer Stellungnahme. Der neue 730er BMW habe die gleiche Maschine wie das Vorgängermodell, ein 530er BMW. Und der Umstieg sei nicht aus Fahrlust, sondern auf ärztlichen Rat erfolgt: Wegen eines drohenden Bandscheibenvorfalls und der durchschnittlich 4000 bis 5000 monatlich zurückzulegenden Fahrkilometer habe sie ein Auto mit verstellbarem Rücksitz gesucht. Darüber hinaus habe sie ihren Fahrer schon seit Langem angewiesen, aus Umweltgründen mit dem Dienstwagen die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h einzuhalten.
Während die Umwelthilfe Ilse Junkermann die »Rote Karte für Übermotorisierung und zu hohe CO2-Emissionen« erteilte, schnitten Sachsens Landesbischof Jochen Bohl und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig besser ab. Bohls BMW 530d und Liebigs BMW 535d erhielten mit 160 beziehungsweise 162 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer die »Gelbe Karte« für positive Ansätze bei der Schadstoffreduktion.
Größter Umweltsünder ist im Übrigen der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, dessen VW Phaeton 228 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstößt. Bis auf einen Skoda Superb des Oldenburger Bischofs Jan Janssen fahren alle Kirchenleiter deutsche Fabrikate und fast alle obere Mittelklasse.
Den kleinsten, einen Golf plus, fährt der mecklenburgische Bischof Andreas von Maltzahn.
Benjamin Lassiwe/GKZ
Manchmal braucht es Mut, die Geschwister zu lieben
23. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Johannes 4, Vers 21

Der Schreiber der Johannesbriefe muss seine Pappenheimer gut gekannt haben. Fromme Leute waren sie sicher. Und mit Sicherheit wollten sie so leben, dass Gott sich über sie freut. Aber mal unter uns: Wir könnten wirklich »bessere« Christen sein, wenn uns die anderen nur ließen!

Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
(Foto: Andreas Wohland)
Sie tut das aus gutem Grund: Freunde kann man sich aussuchen, seine Familie nicht. Den Bruder, die Schwester lieben? Auch wenn …?
Ja. Darin zeigt sich unser Verhältnis zu Gott, sagt schon Jesus selbst.
Aber das ist so eine Sache. Nicht jeder ist mir immer sympathisch und in der Gemeinde prallen derart unterschiedliche Menschen aufeinander, dass es immer schwerer wird, sie unter einen Hut zu bekommen.
Der postmoderne Individualismus hat unsere Gemeinden längst erreicht und schon lange diskutieren wir nicht mehr nur die Frage, wie alt denn das Liedgut im Gottesdienst sein kann.
Der erste Johannesbrief macht deutlich, was das Bindeglied einer Gemeinde mit unterschiedlichsten Menschen, Ansichten, Einstellungen und Vorlieben sein kann: die Liebe Gottes.
»Agape« steht im griechischen Urtext und wenn man dieses Wort einmal in seinem wirklichen Sinn übersetzt, ist dies die Liebe, die man einem anderen zuwendet, nicht weil er so liebenswert ist, sondern weil er diese Zuwendung braucht.
Gott hat es vorgemacht, uns geliebt, seinen Sohn hingegeben – aus seiner freien Entscheidung heraus. Er fordert uns auf, die Entscheidung zur Agape den Geschwistern gegenüber genauso zu treffen.
Haben Sie Mut zu dieser Entscheidung!
Jens Buschbeck
Inventur der Gebäude
22. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

20 Gemeinde sind aufgefordert, ihren Gebäudebestand aufzulisten – und die Kosten für deren Erhaltung. Denn immer wieder gibt es etwas instand zu halten.
Kirchgemeinden in Sachsen sollen nicht finanzierbare Gebäude in den kommenden Jahren abgeben. Dazu hat das Landeskirchenamt ein Modellprojekt gestartet.
Was seinen Bestand an Gebäuden betrifft, könnte das Kirchspiel Radeberger Land (Kirchenbezirk Dresden Nord) als reich gelten. Sechs Kirchen, ein Gemeindezentrum, drei Gemeindehäuser, fünf Nebengebäude, zwei große Scheunen, sechs Pfarrhäuser, drei Pfarrwohnungen. »Aber eine der Wohnungen befindet sich in einem alten Barockhaus«, sagt Pfarrer Thomas Slesazeck. »Das müsste saniert werden. Doch die Kosten dafür werden wir durch Miete nie wieder reinholen.«
Immerhin hat das Kirchspiel fast 4000 Mitglieder. Anders die Großgemeinde Mölbis (Leipziger Land). Acht Kirchen besitzt sie, zwei Pfarrhäuser und eine ehemalige Kirchschule – und hat nur 450 Mitglieder.Ob sie sich ihre Gebäude überhaupt leisten können – diese Frage hat noch niemand gestellt. Jedenfalls öffentlich nicht.
Doch in den kommenden Jahren werden sich alle sächsischen Kirchgemeinden fragen müssen, wie ihre Gebäude zu finanzieren sind.
Höchste Zeit für ein Umdenken, meint Oberlandeskirchenrat Jörg Teichmann, Dezernent für Grundstücke und Bau im Landeskirchenamt. Rund 4500 Gebäude gibt es insgesamt, etwa 1600 davon sind Kirchen und Kapellen.
Der weitaus größte Teil der Kirchen ist vor 1933 gebaut. Damals hatte die Landeskirche rund 4,7 Millionen Mitglieder. Jetzt sind es noch 770.000. Und 2040 könnte die Zahl auf 460.000 gesunken sei – etwa zehn Prozent von 1933, rechnet Teichmann vor. »Die Kirchen aber stehen noch zu hundert Prozent.«
Das Bauvolumen ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Von rund 61,5 Millionen 2008 auf etwa 26 Millionen in der ersten Hälfte dieses Jahres. »Und in den Bauanträgen werden die Eigenmittel der Gemeinden immer geringer.«
Bislang konnten staatliche Fördermittel das noch auffangen. »Aber in Bund und Land spricht man offen von einem mittelfristigen Abschmelzen der Fördermittelhöhe. Und die Landeskirche kann das durch höhere Zuschüsse nicht kompensieren.«
Angesichts dessen gibt es für Jörg Teichmann nur eine Lösung: »Wir müssen an den Gebäudebestand ran.«
Das Landeskirchenamt hat dafür jetzt einen Versuch gestartet. 20 repräsentativ ausgewählten Gemeinden hat es angeboten, dass Baupfleger sowie Mitarbeiter von Bau- und Finanzdezernat als eine Art Dienstleister ihre Gebäude erfassen und die Kosten für deren Erhaltung errechnen. Als eine Art Fahrplan dafür haben sie einen »Leitfaden zur Erstellung eines kirchgemeindlichen Gebäudekonzeptes« geschrieben.
Ein Entwurf, der voraussichtlich bis Ende Jul 2012 erprobt werden soll.
Dessen Kernpunkt ist nichts weniger als ein grundlegender »Paradigmenwechsel«, sagt Jörg Teichmann. »Unseren bisherigen Grundsatz, kirchgemeindliche Gebäude auf Biegen und Brechen zu erhalten und zu behalten, geben wir auf. Von Gebäuden, die eine finanzielle Belastung darstellen, müssen wir uns trennen.«
Neu ist, dass für jedes einzelne Gebäude durchgerechnet werden soll, was dessen Erhaltung kostet, bis hin zu ausreichenden Rücklagen für die Sanierung.
Letztlich sollen die Gemeinden ihre Mittel auf jene Gebäude konzentrieren, die sie unbedingt brauchen. »So, dass der Kernbereich der kirchgemeindlichen Arbeit nachhaltig gesichert wird.« Am schwierigsten werde das bei den Kirchen, so Teichmann. »Denn die sind unser Tafelsilber.«
Aber es bleibe bei dem Grundsatz: »Kein Verkauf von Kirchen.«
Erstmals aber sollen die Gemeinden diese in drei Kategorien einteilen: erstens in zwingend zu erhaltende; zweitens in nicht unbedingt notwendige, aber als Gottesdienststätten gut zu nutzende, und drittens schließlich diejenigen, für deren Erhaltung das Geld der Gemeinde nicht reicht. Diese sollen stillgelegt und nur noch notdürftig gesichert werden.
Doch welche soll es in der Gemeinde am Ende sein? »Das wird wohl für die größten Zerwürfnisse sorgen.«
Die jetzt laufende Versuchsphase in einzelnen Gemeinden stellt so etwas wie eine kleine Inventur dar. Irgendwann in den nächsten Jahren muss die ganz große für alle Gemeinden folgen. Da ist sich Jörg Teichmann sicher. Wie sie ausgehen wird, ob sich Gemeinden als praktisch überschuldet erweisen, das könne derzeit niemand wissen.
Teichmann schätzt, dass sich für ein Drittel der Gebäude – Kirchen nimmt er ausdrücklich aus – die finanzielle Lage als schwierig darstelle. Wie viele Gebäude abgegeben werden müssen, sei derzeit offen. »Aber ein paar hundert dürften es sein, sonst tritt ja kein Entlastungseffekt ein.«
Gebäude, die die Gemeinde als Versammlungsort brauche, müssten erhalten werden, egal wie, sagt Pfarrer Thomas Slesazeck. »Aber bei Nebenräumen haben wir schon überlegt, sie loszuwerden.«
Tomas Gärtner
Überwindet die Angst
21. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
In der Debatte um homosexuelle Partnerschaften hört man untergründig vor allem eines: Angst. Die einen ängstigen sich um die Treue zur Bibel, die anderen sorgen sich um das christliche Zeugnis der Liebe – und die Leitung der Landeskirche fürchtet ein Zerbrechen der kirchlichen Einheit.
Angst aber ist ein schlechter Ratgeber. Sie ist auch kein theologischer Maßstab. Im Gegenteil: »Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben«, schreibt Paulus im 2. Timotheusbrief, »sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.«
Doch in dieser Diskussion geht es im Kern um Wahrheit – und das macht das Gespräch so schwierig.
Die Kirchenleitung hat einen Diskussionsprozess über Homosexualität angestoßen und dafür eigens eine Arbeitsgruppe beauftragt.
Das ist gut.
Nur findet dies bislang unter peinlich genauem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch das hat mit Angst zu tun. Man kann das verstehen.
Doch wird es – wie auch immer die Meinungsbildung der Kirchenleitung ausgeht – zu dem Verdacht führen, dass da etwas von oben dekretiert werden soll.
Für eine wirkliche theologische Klärung und den Frieden in der Landeskirche wäre eine breite, offene Diskussion besser. Es wird auf Synoden, in Gemeinden und Konventen darum gehen müssen, aufeinander zu hören – und einander die Angst zu nehmen.
Mit dem Geist des Gesetzes, mit einem Ping-Pong von Bibelstellen wird das kaum gelingen.
Jesus ging einen anderen Weg bei seinen ethischen Urteilen. Er sprach nicht über abstrakte Normen, sondern sah zuerst den Menschen an, der im Zentrum des Konflikts steht: ein Ebenbild Gottes. Daran wird sich auch eine Diskussion über Homosexualität messen lassen müssen, wenn sie sich auf das Evangelium beruft.
Andreas Roth
Liebe oder Sünde
20. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Dürfen homosexuelle Partner im Pfarrhaus leben oder gesegnet werden? Darüber gehen die Meinungen in der Landeskirche weit auseinander.
Es geht ums Ganze.
Die sächsische Landeskirche ist groß. So groß, dass sich die verschiedenen Regionen und Frömmigkeitsrichtungen mitunter kaum verstehen. Gestochen scharf zeigt dies die aktuelle Debatte um gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Sie entzündet sich am neuen Pfarrerdienstgesetz der EKD, das in einem Anhang zu Paragraph 39 die Pfarrhäuser öffnet für jede Form von verbindlichen Partnerschaften – auch für homosexuelle.
Im kommenden Frühjahr soll die sächsische Landessynode über dieses Gesetz entscheiden. In einer Erklärung bitten vorab 77 meist südsächsische Gemeinden die sächsische Kirchenleitung und Synode, nichts an ihrer bisherigen Haltung zu ändern: Homosexuelle dürften zwar Pfarrer sein, aber im Pfarrhaus keine Beziehung leben.
»Unter den Gemeindegliedern ist eine große Sorge da, dass sich die Kirche in dieser Frage unter dem gesellschaftlichen Druck von ihrem Bekenntnis und der Heiligen Schrift ablöst«, sagt Gaston Nogrady. Der Pfarrer im erzgebirgischen Markersbach rief den Appell im Mai ins Leben – und fast täglich schließen sich neue Gemeinden an. Der Theologe verweist auf die Bibel: Mann und Frau seien in der Schöpfung einander zugeordnet, dies begründe das kirchliche Leitbild von Ehe und Familie. In keiner Weise aber wolle er homosexuelle Menschen diskriminieren oder zu ihren Partnerschaften eine Wertung abgeben, betont Nogrady.
Nicht alle Kritiker urteilen so differenziert. In einem Brief an sämtliche Gemeinden der Landeskirche bezeichnete ein Chemnitzer Pfarrer eine Zulassung homosexueller Partnerschaften als »Gott-widrige schwerwiegende Gefährdung unserer Landeskirche« und drohte gleichgeschlechtlich Liebenden – unter Berufung auf den Apostel Paulus im Römerbrief – mit »Gottes Zorn«.
Auf dem Pfarrertag im September kritisierte Landesbischof Jochen Bohl außergewöhnlich deutlich die »aggressive Sprache« mancher Kritiker und mahnte einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander an.
Um das explosive Potential des Themas zu entschärfen, hatte die Kirchenleitung eigens eine Arbeitsgruppe »Homosexualität in biblischem Verständnis« eingerichtet, mit deren Abschlussbericht sie sich auf einer Klausurtagung am 20. und 21. Januar 2012 gründlich beschäftigen will.
Ob daraus ein Kurswechsel erwächst, ist offen.
Fest steht aber jetzt schon zweierlei: Die Kirchenleitung möchte auf die umstrittenen Ausführungsbestimmungen des Paragraphen 39 verzichten. Und sie hat Angst vor einem Zerbrechen der Einheit der Landeskirche.
Der Verweis auf die gefährdete Kircheneinheit aber dürfe von Seiten der Kritiker nicht als Druckmittel genutzt werden, sagt Albrecht Nollau. Der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord wünscht sich eine Diskussion des Schriftverständnisses. »Die Bibel ist von Menschen in einer ganz bestimmten Zeit geschrieben worden. Auslegung ist mehr als einfaches Ablesen – man muss auch die Intention der Bibel im Blick behalten, Zeugnis der Liebe Gottes zu sein.«
In den Großstadtgemeinden von Dresden und Leipzig indes gibt es die Debatte um homosexuelle Pfarrer kaum. Hier wurden wie in der Dresdner Kreuzkirchgemeinde in letzter Zeit sogar gleichgeschlechtliche Partner gesegnet – wenn auch nur im kleinen, seelsorgerlichen Rahmen. Mehr lassen die Beschlüsse der Landeskirche nicht zu. Doch die Stadtgemeinden gehen diesen Weg mit.
»Es gibt keine Äußerung von Jesus über die Homosexualität«, sagt der Dresdner Kreuzkirchenpfarrer Joachim Zirkler. »Aber es gibt viele Zeugnisse, wie er mit Menschen umging, die in der Gesellschaft in der Minderheit und nicht so angesehen waren.«
Liebe oder Sünde: Für viele Christen könnte die Haltung ihrer Landeskirche gegenüber Homosexuellen zur Bekenntnisfrage werden.
Andreas Roth
Siegertypen sehen anders aus
16. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Comments Off
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

Am Freitag, dem 7. Oktober 2011, an einem historischen Datum, jubelt die ganze Nation über einen »historischen« Sieg der deutschen Fußballer in Istanbul: 3 zu 1 gewinnen Lahm und Co. gegen viele ihrer Vereinskollegen.
Wir sind wieder wer – nicht erst seit Freitag – schon seit 2006 sind wir Deutschen wieder wer. Zumindest im Fußball.
Es tut gut, auf der Siegerseite zu stehen und mittlerweile ist es ja auch dank Fußball wieder legitim, das Auto mit der Nationalflagge zu versehen – wir sind wer!

Jens Buschbeck ist Pfarrer der Zwickauer Luther-Kirchgemeinde.
(Foto: Andreas Wohland)
Schaue ich in unsere Gemeinden, sehe ich wenig Siegesjubel.
Selbst am Ewigkeitssonntag klagen wir über den Verlust der Toten eines Jahres, anstatt in Jubel über deren Auferstehung auszubrechen.
In der Öffentlichkeit werden wir eher als Spielverderber, denn als »Winner« wahrgenommen und bei »Strukturanpassungen« gehen wir selbstverständlich von schrumpfenden Gemeinden aus.
Wir Glaubende sind Sieger? – Theologisch ist uns das klar, aber in der Praxis hinken wir dem oft meilenweit hinterher.
Aber, liebe Geschwister, wir glauben doch den Satz aus dem ersten Johannesbrief, oder?
Dann lasst es uns auch umsetzen.
Lasst uns als Siegertypen gelassen und wohl auch ein wenig stolz darüber sein und es zeigen, dass unser Herr mehr geleistet hat als Joggi Löw und sein Team.
Lasst es uns gegenseitig sagen, wer wir sind und was wir sind.
Übrigens: Siegertypen sind anziehend und ein paar mehr »Fans« von Jesus können wir wohl gut gebrauchen …
Jens Buschbeck
Unser Sonnenschein
15. Oktober 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Michael liebt das Spielen mit Luftballons und Bällen. Er wirft geschickt, fängt sicher – und freut sich ausgelassen, wenn es gelingt. Er überstrahlt damit für seine Eltern auch manche schweren Zeiten. (Foto: Steffen Giersch)
Es waren die ernsten Blicke der Schwestern und Ärzte im Kreißsaal, die Matthias Kaube als erster bemerkte. Gerade hatte seine Frau ihren dritten Sohn zur Welt gebracht, ihr Mann erlebte zum ersten Mal eine Geburt. Da war nur Freude. Am nächsten Tag überbrachte die Oberärztin die Diagnose: Down-Syndrom, das Kind hat eine Behinderung.
»Die Ärzte hatten mir vor der Geburt angeboten, das Kind schon im Bauch untersuchen zu lassen«, erinnert sich Ingrid Kaube. Doch die gelernte Krankenschwester und Pfarrfrau lehnte ab. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage, Michael war ein Wunschkind, an eine Behinderung dachte sie nicht.
Es war im Advent 1990, die Kerzen brannten und die Menschen um Kaubes herum waren in Vorfreude auf Weihnachten, als Michael ankam. Und mit ihm Sorgen und Ängste für seine Eltern – und eine Erkenntnis, die in ihren Herzen wuchs: »Gott weiß, warum Michael so ist«, sagt Pfarrer Matthias Kaube. »Er wird uns noch zum Segen werden.«
Michael ist jetzt 20. Vertieft in seine Aufgabe fügt er hölzerne Puzzle-Teile zu einem Elefantenbild. Dann setzt er sich zu seinen Eltern im Pfarrhaus von Auerswalde bei Chemnitz auf das Sofa und blättert im Fotoalbum seines Lebens. Behutsam betastet er die Bilder. Er prustet vor Freude. Wie oft er die Erinnerungen auch ansieht – aus dem jungen, kleinen Mann bricht immer wieder ein Lachen hervor. »Unsere nicht-behinderten Kinder haben sich nie so gefreut«, sagt sein Vater. »Er ist der Sonnenschein der Familie.«
Überstrahlt hat er damit die dunklen Zeiten: Die zwei Operationen an seinem Herzen, bei denen sein Überleben keineswegs sicher war, die unendlich vielen Besuche bei Therapeuten, das viele Üben – und die Rückschläge. In seiner Kindheit konnte Michael immerhin »Banane« sagen, die liebt er. Jetzt spricht er nicht mehr.

Sie geben Michael Rückenwind für sein Leben: seine Eltern Ingrid und Matthias Kaube. (Foto: Steffen Giersch)
Dieses Gefühl ist nicht selbstverständlich. Das hat Manuela Herrmann (Name geändert) von ihrer elf Jahre alten Tochter gelernt. Auch sie wird von ihrer Mutter »Sonnenschein« genannt, auch sie hat das Down-Syndrom. Schlimmer als die Blicke auf der Straße war für die 41-jährige Chemnitzerin der zwei Jahre währende Kampf, bis ihre Tochter an einer normalen Schule lernen durfte. Dabei garantiert ihr dies die UNO-Konvention für die Rechte behinderter Menschen.
»Mir war klar, dass meine Tochter keinen Hauptschulabschluss machen kann«, sagt Manuela Herrmann. »Aber sie liest Bücher, kann schreiben, wenn auch nicht alles richtig – und ist fröhlich, lebhaft und sehr sozial.«
Nachmittags kommt Michael aus der Förderschule für geistig Behinderte in Frankenberg nach Hause. Vor dem Kaffeetrinken zündet sein Vater eine Kerze an und betet: »Herr, wir danken dir für deine Liebe, aus der wir leben.« Michael lacht laut und dreht den Kopf hin und her.
Kurz nach seiner Geburt hatte eine Ärztin zu Ingrid Kaube gesagt: »Sie hätten sich das alles ersparen können, warum haben Sie keine vorgeburtliche Untersuchung gemacht?« Damals dachte das Pfarrersehepaar an die Theorie: Dass jeder Mensch wertvoll ist von Anfang an, dass er von Gott geliebt wird ohne alle Leistung. »Jetzt«, sagt Matthias Kaube, »wissen wir das auch praktisch.«
Andreas Roth
![RSS ⇒ DER SONNTAG [Sachsen] abonnieren](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/rss.gif)
![⇒ DER SONNTAG [Sachsen]](http://www.sonntag-sachsen.de/wp-content/themes/church_20/images/logo2.gif)




