Der Stein des Weisen

31. Oktober 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Früher war es ein Aufnäher für Jacken und Mäntel, heute ist es eine Plakette aus Metall: das Friedenssymbol »Schwerter zu Pflugscharen«. Harald Bretschneider hat es vor 30 Jahren erfunden. Heute bringt er es zu Menschen, die den Frieden nötig haben und deren Friedensengagement er würdigen will – in Palästina und in Liberia zum Beispiel. Foto: Steffen Giersch

Früher war es ein Aufnäher für Jacken und Mäntel, heute ist es eine Plakette aus Metall: das Friedenssymbol »Schwerter zu Pflugscharen«. Harald Bretschneider hat es vor 30 Jahren erfunden. Heute bringt er es zu Menschen, die den Frieden nötig haben und deren Friedensengagement er würdigen will – in Palästina und in Liberia zum Beispiel. Foto: Steffen Giersch


Die Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« haben vor 30 Jahren die Welt verändert. Da ist sich ihr Schöpfer Harald Bretschneider sicher. Auch heute noch hat er stets neue Ideen, den Frieden in der Welt anzumahnen. Am Reformationstag wird er mit der Martin-Luther-Medaille der EKD ausgezeichnet.
 

Um Ideen ist Harald Bretschneider nie verlegen. Und immer geht es ihm darum, die bib­lische Botschaft unters Volk zu bringen: Vor zwei Jahren war es ein »Stein der Weisen«, auf dem die zehn Gebote und die Seligpreisungen verzeichnet sind. Er hat ihn selbst behauen und vor einem Freitaler Altenpflegeheim der Diakonie 2009 aufgestellt.

Doch viel bekannter wurde der heute 69-Jährige vor 30 Jahren mit den Aufklebern »Schwerter zu Pflugscharen« – ein Friedenssymbol, das er inzwischen schon bis nach Palästina gebracht hat: Im Frühjahr, am Rande einer Leserreise des Sonntags übergab er es der Schule Talitah Kumi im palästinensischen Beit Jala. Das Symbol solle ein Hoffnungszeichen sein, dass auch in diesem Land die Mauer überwunden werde, sagte er dabei den Schülern.

Eine weitere solche Plakette liegt schon bereit. Diese will er nach Liberia bringen zu einem Mann, der aus den Geschossen der Rebellen des Bürgerkriegs Kreuze geformt hat – »und damit seine veränderte Haltung zum Krieg zum Ausdruck bringt«, fügt Harald Bretschneider hinzu.

Menschen, die sich mit ihrer Person für den Frieden einsetzen, haben Bretschneiders Hochachtung. Denn dass in Deutschland die Mauer, die beide Teile 40 Jahre lang trennte, schließlich fallen konnte und das atomare Wettrüsten beendet wurde, ist für ihn auch ein Ergebnis der christlichen Friedensbewegung in Ost und West – und der mutigen Jugendlichen in der DDR, die den von ihm in 1981 Umlauf gebrachten Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« trugen.

»Es bewegt mich bis zum heutigen Tage, wie besonnen und reif die jungen Leute damals reagiert haben, wie sie es getragen haben, aus der Schule geworfen zu werden wegen des Aufnähers und wie sie dem Friedenszeugnis der Bibel Hände und Füße gegeben haben«, sagt Harald Bretschneider. Er war von 1979 bis 1991 Landesjugendpfarrer und auch selbst im Visier der Stasi, wurde bespitzelt und bedroht.

Heute, 30 Jahre später, ist sein Engagement längst anerkannt und sein Name mit dem Bibelwort auf den Aufnähern fest verbunden. Am Reformationstag wird er dafür ausgezeichnet: Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verleiht ihm die Martin-Luther-Medaille im Rahmen des zentralen Reformationsgottesdienstes in der Georgenkirche zu Eisenach. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière hält die Laudatio. »Harald Bretschneider gehört zu den wichtigsten kirchlichen Protagonisten der Friedlichen Revolution in der DDR«, heißt es aus dem Kirchenamt der EKD zur Begründung.

Was ihm die Auszeichnung bedeutet? »Naja, ich finde, dass die Martin-Luther-Medaille an die Zeit der Reformation erinnert, als das biblische Wort auf Straßen und in Schulen diskutiert wurde.« Die Aktion »Schwerter zu Pflugscharen« habe eine ähnliche Wirkung gehabt. »Auf Polizeistationen und in Schulen wurde plötzlich über Bibelstellen gesprochen – auch wenn diese Gespräche nicht immer einen erfreulichen Charakter hatten.« Für diese Wirkung seines Engagements ist der Ausgezeichnete dankbar.

Dass der heutige Verteidigungsminister die Laudatio hält, ist für Harald Bretschneider kein Problem. »Thomas de Maizière hatte schon die unterschiedlichsten Ministerposten wahrzunehmen und hat dabei aus seinem christlichen Glauben nie einen Hehl gemacht«, so Bretschneider. »Insofern finde ich es gut, wenn er diese Entwicklung, die ich damals einläutete, deutet und würdigt.«

Auch er selbst lässt nicht nach, sich aus christlicher Verantwortung für eine bessere Welt einzusetzen. Den vor zwei Jahren geschaffenen »Stein der Weisen« will Bretschneider in Bronze gießen lassen, zwölf Zentimeter hoch. »Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise kann man diesen dann auch den Bankern und Politikern auf den Tisch stellen.« Damit hofft er, »dass die zehn Gebote als Grundwerte für die Menschen wieder aktueller werden und der Gottesbezug Einzug in die europäische Verfassung hält«.

Dass Gott aus dem Entwurf für dieses wichtige europäische Gesetz gestrichen wurde, hält er »für einen Sündenfall«. Denn, so ist Harald Bretschneider überzeugt: »Wir kommen ohne den rettenden und richtenden Gott nicht aus.«

Christine Reuther

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Der Stein des Weisen”
  1. Matthias Gockel sagt:

    Ja, die EKD: im Zweifelsfall schmeißt sie sich ihrem Staat an den Hals. Aber wehe, wenn ein Konsistorium in der DDR sich so verhalten hätte…

    Damals zeugte die Aktion des Herrn Bretschneider von Mut und hatte politische Bedeutung, heute wirkt sie wie ein Stück Folklore. 30 Jahre später, als es völlig ungefährlich und Deutschland endlich “eins” geworden ist, kann er als mutiger Kämpfer geehrt werden. Eine Gnade der ganz späten Geburt…

    Während die NVA im Herbst 1989 nicht geschossen hat, beteiligt die Bundeswehr sich seit 1995 bereitwillig an Kriegen und militärischen “Einsätzen”, gerne auch im Widerspruch zum Grundgesetz und zu einstigen Selbstverpflichtungen beider deutsche Staaten.

    Vielleicht sollte der Kriegsminister sich an Herrn Bretschneider erinnern, wenn demnächst eine Kaserne umbenannt und ein neuer Namensgeber gesucht ird: “Gegen Stasi und für die Menschenrechte weltweit: Harald Bretschneider hat es eingeläutet”. Da muss man beherzt “eingreifen”, und wenn ein paar hundert Afghanis auf der Strecke bleiben, nennen wir’s eben “Kollateralschaden” und loben den Oberst Klein. Hauptsache, es wurde gehandelt, denn Nichtstun kann schließlich immer “das Gegenteil von Verantwortung sein” (O-Ton de Maiziere).

  2. Lutz Schuster sagt:

    “Schwerter zur Pflugscharen” wurde von der Sowjetunion populär gemacht. Als eine Plastik, die sie der UNO zum Geschenk machte und sie spätere als Symbol verwendet, um damit wesdeutsche, meist evangelische Kirchenkreise insgeheim zu beeinflussen. Damit diese Christen sich massiv der Friedensbewegung – gegen die Nato-Nachrüstung – anschließen. Ein Bewegung die ihr Ziel verfehlte – denn der Bundesregierung beschloss unbeirrt die Nachrüstung. So von der Straße her, mit Hilfe dieses Symbols Druck auf die Regierung auszuüben, war eine Kriegslist im kalten Krieg gegen den Westen.

    Das diese List auch nach hinten los ging war unbeabsichtigt. Dass dieses Symbol Christen aus unseren Teil von Deutschland nutzenden um so kaum zu bestrafen, unsere regierenden Genossen sehr ärgerte, hatten die sowjetischen Genossen nicht bedacht. Was aber, wie man hört von einigen der sowjetischen Freunde auch gerne gesehen wurde, wodurch man Mut und Idee von H. Brettschneider nicht überbewerten sollte. Zudem, weil sein verbreitetes Symbol aus dieser Kriegslist auch hier bei uns oft listig verwendet wurde. So wurde meist nur aus unchristlichen Absichten heraus damit Ärger gemacht, um so den Antrag nach der Ausreise aus der DDR mehr Schwung zu verleihen.
    Es half aber auch in den Sinn des Symbols – um sich leichter zum Spatendienst einziehen zu lassen – weshalb Brettschneider hier zu Recht geehrt ist.