Gottesdienst als Vollzeitjob
31. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn.
Kolosser 3, Vers 17
Wer sonntags eine Stunde lang beim Gottesdienst ist, der verbringt damit ungefähr 0,6 Prozent seiner Woche. Das allein wäre offensichtlich ziemlich wenig Zeit für Gott. Und nicht jeder geht ja Sonntag für Sonntag zur Kirche.
Dafür nehmen sich viele an anderen Stellen Zeit für ihr Leben als Christ: Mit täglichem Lesen in der Bibel oder der Losung, mit Gebeten, manche mit vielen Stunden Engagement in der Kirchgemeinde. So macht das Zeitbudget vieler Christen schon mehr her.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.
Wenn schon, denn schon, bedeutet das.
In Christus habt ihr alles bekommen, also gebt auch alles! Aus dem Mund von Trainer oder Chef klänge das wie »quält euch bis zum Umfallen«. Doch genau das verlangt Christus nicht. Wohl aber: Versucht nicht, euren Glauben in Nischen oder Zeitfenster einzupassen – alles, was ihr tut, soll im Wortsinn Gottes-Dienst sein: sonntags oder alltags, in Beruf, Familie, Freizeit oder Ehrenamt!
Ein hoher Anspruch ist das.
Ein neuer Mensch sein, der Christus nachfolgt, das ist keine Sache fürs stille Kämmerlein, sondern ein Vollzeitjob. »Alles was ihr tut, tut im Namen Jesu« betrifft nicht so sehr die Frage, was Menschen tun, sondern wie: Wie begegne ich Familie und Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern oder den Menschen, die mir anvertraut sind? Will ich maximalen Profit aus allem rausholen, oder achte ich auf Gerechtigkeit gegenüber Menschen und Schöpfung? Im Beruf, beim Einkaufen oder beim Autofahren?
Kann ich das, was ich tue und sage, im Namen Jesu verantworten?
Das soll der Maßstab für Christen sein – als Dank an Gott, der ihnen dieses Leben durch Christus geschenkt hat: Ein Leben, in dem sie Maßstäbe wie Macht und Profit nicht mehr nötig haben!
Friederike Ursprung
Wenn Schwäche zur Stärke wird
29. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. Korinther 12, Vers 9
Gedanken zur Losung für das Jahr 2012 von Landesbischof Jochen Bohl.
Der Umgang mit den eigenen Schwächen ist nicht einfach; und in einer Hochleistungsgesellschaft wie der unseren schon gar nicht. Vor einigen Wochen hat ein Fußballschiedsrichter versucht, sich das Leben zu nehmen. Zuvor hatte man ihn mehrere Male zum »schlechtesten Schiri« der Bundesliga gewählt.
Ich weiß nicht, ob es zwischen der Verzweiflungstat und dieser Diskriminierung einen Zusammenhang gibt, aber der Gedanke liegt jedenfalls nicht fern.
Deine Leistungen sind ungenügend, es wird nicht besser mit dir, du kannst es nicht – wer kann schon mit solchen vernichtenden Urteilen umgehen? Wem fällt es leicht, mit seinen Schwächen zu leben? Und in aller Öffentlichkeit?

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
(Foto: S. Giersch)
Sein Körper war aber schwach, und der Verkündigungsdienst des Apostels litt sicherlich darunter. Diese Schwäche blieb niemandem verborgen, seine Gegner haben sie ihm vorgehalten. Paulus hat seinen Herrn nicht nur einmal darum gebeten, die Krankheit von ihm zu nehmen.
Aber seine Gebete werden nicht erhört, er muss mit seiner Schwäche leben. Die Absage wird geistlich begründet: »Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Die Antwort des Herrn soll ihm zeigen, dass seine Krankheit nicht nur eine Beeinträchtigung ist; das ist sie sicherlich auch. In geistlicher Sicht aber ist sie eine Stärke, weil sie erkennen lässt, wie sich die Kraft Christi in der Schwachheit des Menschen vollendet.
Die Gnade Gottes wird den Leidenden geschenkt und zeigt sich gerade in ihnen. So werden religiöser Hochmut und falsche Selbstüberschätzung ausgeschlossen. Die Schwäche des Apostels, nicht etwa eine besondere Stärke, wird zu einem Medium der Kraft Jesu Christi.
Das ist nicht leicht zu verstehen, man kann es als paradox empfinden, dass die göttliche Kraft sichtbar wird in menschlicher Schwäche. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es dem Apostel nicht leicht gefallen ist, die tiefe Wahrheit in dem Wort Jesu zu akzeptieren.
Sie erschließt sich aber in der Bewältigung der Aufgabe, mit der eigenen Schwäche zu leben. Kein Mensch ist nur stark; wenn manche sich auch einbilden, diese Wahrheit gelte für sie nicht. Bei einigen ist die Schwachheit offenkundig, sogar für alle sichtbar – während andere eine erstaunliche Begabung entwickeln, die eigene Schwäche vor sich selbst zu leugnen oder doch wenigstens vor anderen zu verbergen. Das aber gelingt immer nur für eine gewisse Zeit, längstens bis es zu einem Bruch in der Lebensgeschichte kommt.
Gar nicht selten kann man beobachten, wie Menschen, die sich stark wähnen, geradezu verzweifelt darum kämpfen, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Darüber leugnen sie das menschliche Maß und meinen, sie kämen auch ohne Gott zurecht. Aber so fällt es schwer, sich seiner Gnade anzuvertrauen. Wer dagegen gelernt hat, die eigene Schwäche zu akzeptieren, weiß um seine Grenzen und hat verstanden, dass wir auf andere angewiesen sind.
Wer mit dieser Erkenntnis geistlich umgeht, wird offen sein für die Gnade Gottes. Menschen, die sich ihrer Schwäche bewusst sind, können glaubwürdige Zeugen der Liebe Gottes sein; oft sind sie auch gute Seelsorger. Wer selbst gelernt hat, sich anzunehmen und dankbar auf die Kraft Christi vertraut, wird verstehen können, wie es in einem Mitmenschen aussieht, was auch immer seine Stärken und Schwächen sind.
So ist die Jahreslosung eine kraftvolle Ermutigung, die eigene Person anzunehmen. Unsere Schwachheit brauchen wir nicht als etwas anzusehen, das besser nicht zu uns gehören sollte. Dem Gläubigen genügt die Gnade – sie heiligt auch die Schwäche, mehr ist nicht nötig.
Es liegt eine geistliche Stärke in dem Wissen, dass Jesus Christus auch und gerade unsere Schwächen in seinen Dienst nimmt, um daraus Gutes entstehen zu lassen. Auf seine Kraft ist Verlass.
Die Spuren Gottes in unserem Leben
25. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.Johannes 1, Vers 14
Herrlich!«, schwärmt die Besucherin vor dem Gemälde, um das die Ausstellungsbesucher eine Traube bilden. »Ein Bild von überwältigender Schönheit! Vollkommen. Einfach göttlich!«
»Herrlich!«, schreibt auch der Evangelist Johannes und preist damit einen Gott, der ganz und gar nicht dem Bild vollendeter Schönheit entspricht. »Das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«. Herrlich?, fragen die Gotteskenner überrascht und vermissen, was sie von Gott schon immer wissen: Macht, Geist, Vollkommenheit. Und jetzt dies: Das Wort ward Fleisch.
Das trägt Unruhe in die Reihen und stößt alle vor den Kopf, die mit Gott überirdischen Glanz verbinden. Gott wird Mensch? Mit Leib und Seele, mit Haut und Haar? Gott wird unser Fleisch und Blut?
Ja, aber dann gehört doch nicht nur erhabene Schönheit zu Gott, sondern auch das unfertige Leben mit all seinen ungeduldigen Fragen. Selbst Krankheit und Behinderung wären dann von Gott nicht wegzudenken. Das wirbelt Gottesbilder durcheinander.
»Ja«, besteht Johannes auf seinem Zwischenruf, »das Wort wurde Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«.
Nein, das Wort herrlich kommt der Frau nicht über die Lippen, als sie über die Pflege ihres kranken Vaters spricht. »Anfangs vergaß er nur Alltäglichkeiten«, sagt sie, »gegen Ende erkannte er nicht einmal mehr mich. Schwer war es und doch eine wichtige Zeit. Ich bin ihm nahe gekommen wie nie zuvor. Mitunter brachte er etwas so verblüffend Richtiges heraus. Oft habe ich einfach nur seine Hand gehalten. Manchmal war es mir dann, als ob ich in seinem friedlichen Gesicht etwas vom Licht Gottes erblicke.«
»Himmlisch«, seufzt der Großvater und schiebt seine Enkelin durch die Tür ins Wohnzimmer. »Wir waren den ganzen Nachmittag im Wald«, erzählt er, »haben einen Fuchs beobachtet und uns die Fährte von Rehen angesehen. ›Macht Gott eigentlich auch Spuren, wenn er zu uns kommt?‹, hat Rebekka dann gefragt und war sich schnell sicher: wenn der Schnee in der Sonne funkelt. Ja, Gott macht Spuren, ich bin mir auch gewiss: Wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann ist mir, als halte ich in diesem Moment einen Zipfel von der Herrlichkeit Gottes.«
Ulf Liedke
Was gibt’s denn da zu feiern?
23. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Es war nicht nur Idylle damals in Bethlehem – das zeigen die Gesichter des erzgebirgischen Krippenschnitzers Eckhard Schreiter.
Bei Jesu Geburt war seine Familie ohne ein wärmendes Zuhause – so wie manche Menschen auch heute. Das Schwarzenberger Jugendhaus »kreuz und quer« lädt sie am Heiligen Abend ein.Schließlich hat Jesus Geburtstag.
Von Michaela Richter

Michaela Richter ist dreifache Mutter, gelernte Konditorin und gründete 2010 das christliche Jugendhaus »kreuz und quer« in Schwarzenberg. Foto: Steffen Giersch.
Ich habe das klassische Weihnachten erlebt mit Familie. Das war immer schön für mich als Kind. Aber irgendwann als Jugendliche konnte ich den Zwiespalt zwischen dem, wie Jesus gelebt hat, und dem, wie wir Weihnachten feiern, nicht mehr überwinden. Es gibt so viele Menschen, die einsam oder obdachlos sind, leiden, weinen – Jesus selbst war auf Erden ein Obdachloser. Und wir sitzen vor unserem Weihnachtsbaum mit viel Glitzer und gehen wohlgenährt in die Kirche.
Da muss ich an Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter denken. Oder daran, wie er seinen Jüngern gesagt hat: »Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.« Gerade Weihnachten, wenn wir Jesu Geburtstag feiern, kann ich nicht die Augen davor verschließen. Ich muss ein gebender Mensch werden. Es ist schwer, so zu leben.
Meine Sofa-Wohlfühlzone zu verlassen, ist nicht einfach – aber es ist das, was wir machen sollen. Und ich merke: Wenn wir schenken, werden wir zu Beschenkten. Wir erleben hier in unserem Haus so eine Freude, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich bin mir sicher, darüber freut sich auch Jesus.
Jeder hat einen anderen Ort und einen anderen Auftrag. Wenn ich eine einsame Nachbarin habe, was hindert es mich zu sagen: Komm doch rüber zum Essen?
Gott macht sich zu einem Menschen und kommt ganz nah zu uns – das ist Weihnachten. Doch wie kann ich dieses Geschenk weitergeben? Einfach ist das nicht – und manchmal verliert man dabei die Allernächsten aus dem Blick.
Von Michael Seimer

Der Gemeindepädagoge Michael Seimer aus Weinböhla ist zweifacher Vater und Vorsitzender des Bildungsausschusses der Landessynode. Foto: Steffen Giersch.
Mit meiner Frau und unseren beiden Kindern versuche ich, mir jeden Tag im Advent einen Moment Zeit zu nehmen, um zusammen einen Text, etwa aus der Bibel, zu lesen, die Kerzen des Adventskranzes anzuzünden, gemeinsam zu singen und zu beten.
Das ist hilfreich, um Luft zu schöpfen und sich auf Weihnachten auszurichten – auch wenn es oft schwer ist: Es klingelt an der Tür, ein Streit wirkt noch nach oder die Gedanken des Tages lassen einem keine Ruhe.
Weihnachten heißt für mich: Gottes Liebe ist so groß, dass er sich zu einem Menschen macht und zu uns auf die Erde kommt. Doch wie gelingt es mir, dies anzunehmen und weiterzugeben? Ich komme immer mehr dazu, das nicht flächendeckend leisten zu wollen. Lieber teile ich meine Zeit mit einigen wenigen Menschen, die ich lange nicht gesehen habe, die allein oder krank sind, oder sende ihnen einen Gruß.
Es bleibt eine Gratwanderung – gerade für kirchliche Mitarbeiter. Denn manchmal meint man, dass Menschen in Schwierigkeiten mehr der Liebe Gottes bedürftig sind als die eigene, scheinbar normale Familie. Es ist wichtig, dass ich meine nächsten Menschen nicht übersehe.
Und die Geschenke? Sie zeigen den anderen, dass ich sie gern habe. Aber sie nehmen schnell mehr Raum ein, als ich will. Wir sind gut beraten, wenn wir versuchen, das Schenken in gewissen Grenzen zu halten – um der Weihnachtsbotschaft willen.
Aufgeschrieben von Andreas Roth
»Die Kirche muss Menschen bewegen«
22. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Warum die Kirche ins Radio kommt – und warum nicht. Fragen an den Chef von MDR Jump, Ulrich Manitz.

Der gebürtige Dresdner Ulrich Manitz ist seit September Chef der Pop-Welle MDR Jump. Foto: MDR.
Herr Manitz, heute früh konnte ich in Ihrem Programm einen singenden Wichtel hören – aber kaum Politik und schon gar nicht Kirche. Sind die Kirche und ihre Botschaft so uninteressant für MDR-Jump-Hörer?
Manitz: Sie hören uns nicht genau. Seit Ende August haben wir deutlich mehr Informationen im Programm. Und Kirche findet bei MDR Jump auch statt: Im Advent haben wir die Serie »Glocken Mitteldeutschlands« im Programm, in der wir besondere Gotteshäuser und ihre Gemeinden vorstellen. Das sind sehr aufwändige Beiträge, die wir zusammen mit den Senderbeauftragten der Kirchen und mit eigenen Redakteuren produzieren.
Liegt es auch an der Kirche selbst, wenn sie nicht so häufig in den Medien vorkommt?
Manitz: Wir müssen uns nichts vormachen: Wir leben in einem Land, in dem viele Menschen mit Kirche nichts im Sinn haben. Wenn die Kirche mehr in Medien stattfinden will, muss sie auch Themen setzen, die Menschen bewegen. Wir als Sender entscheiden ganz demokratisch, was unsere Hörer interessieren könnte. In unserer Community-Show am Donnerstagabend ist Kirche immer wieder ein Thema, wenn wir mit Hörern über Lebensfragen reden wie kürzlich am Welt-Aids-Tag und demnächst sicher auch in der ARD-Themenwoche »Leben mit dem Tod«. Auch die Hintergründe christlicher Feiertage erklären wir unseren Hörern – das interessiert die Leute draußen.
Wie bringt man einer mehrheitlich religiös unmusikalischen Hörerschaft christliche Themen nahe?
Manitz: Man erreicht Menschen über Themen, die sie berühren. Die Kirche tut ja beispielsweise viel im sozialen Bereich, aber sie hat auch eine theologische Botschaft. Wir müssen allerdings sehr genau darauf achten, ob und wie so etwas in das Programm einer Popwelle passt und suchen da selbst nach einem Weg.
Ist es für diese Menschen wichtig, dass keine abschließenden Wahrheiten verkündet werden?
Manitz: Ich glaube, dass gerade junge Menschen nicht gerne mit vorgefertigten Meinungen konfrontiert werden wollen. Sie wollen kritisch nachfragen. Wir wollen niemanden zu etwas überreden – wir regen zum Weiterdenken an. Wir wollen über Kirche informieren und nicht missionieren.
Die Fragen stellte Andreas Roth
Wahre Freude rückt alles in neues Licht
18. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich:
Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5

»Freust du dich denn gar nicht?« Jetzt bloß nichts anmerken lassen, denke ich. »Doch«, antworte ich schnell und versuche mich an einem Lächeln. »Sehr sogar«. Und zur Bekräftigung schiebe ich noch ein »wirklich« nach. Spätestens jetzt bin ich durchschaut.
Wirkliche Freude braucht keine Bekräftigung. Sie wirkt selbst und bewirkt, dass mir eine Leichtigkeit ins Gesicht geschrieben steht. In Momenten tiefer Freude fühle ich mich wie verzaubert. Ich bin eins mit Gott, der Welt und mir. Dieses Gelöstsein lässt sich nicht spielen. Eine solche Freude wirkt immer angestrengt und riecht nach Schweiß. Freude ist eine Stimmung, von der ich ergriffen werde. Besonders häufig sind es Begegnungen und Worte, die bei mir Freude auslösen. »Wir wohnen/Wort an Wort«, lautet ein Gedicht von Rose Ausländer: »Sag mir/dein liebstes/Freund/meines heißt/DU.«

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.
Worte sprechen uns an. Sie ergreifen uns. Oft sind wir gerade in belastenden Situationen für solche Wortbegegnungen ansprechbar. Die Christen in Philippi sind von Konflikten zerrieben und sehen schwarz. In diese Situation hinein schreibt ihnen Paulus: »Der Herr ist nahe!« Das ist das entscheidende Wort. Es rückt alles in ein neues Licht – löst etwas aus. Freude. Eine adventliche Leichtigkeit.
Wenn ich mich im Kreis drehe und keinen Ausweg mehr sehe, ist es oft nur ein Wort von außen, das mich noch erreicht. Nicht jedes. Ein Bibelwort. Manchmal. Oft das Wort eines anderen Menschen.
Wenn es mich so anspricht, dass es mich unterbricht, mir die Augen und neue Möglichkeiten öffnet, dann braucht es keine Rückfrage: Freust du dich denn gar nicht? Mein Gesicht verrät es.
Ulf Liedke
Organspende ist keine Pflicht
16. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Eigentlich könnten die Befürworter der Organspende frohlocken: Zwei Drittel der Deutschen wären bereit, einem schwer Erkrankten ein Organ zu überlassen, wie die Bertelsmann-Stiftung und die Krankenkasse Barmer GEK in einer Studie ermittelt haben. Rund 12 000 Patienten warten der Deutschen Stiftung Organtransplantation zufolge in der Bundesrepublik auf eine Niere, eine Leber, Herz, Lunge oder Bauchspeicheldrüse. Gemessen daran ist die Zahl jener, die einen Spenderausweis besitzen, zu gering.
Mehr als 1100 Patienten sind im vergangenen Jahr gestorben. Verständlich also, wenn Politiker wie Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Druck machen. Scheint nun ein Hoffnungsschimmer für die schwer Erkrankten auf?
Nein, noch kann davon keine Rede sein. Denn – auch dies hat die Studie gezeigt: Die Unsicherheit bleibt groß, eine Entscheidung anspruchsvoll. Setzt sie doch voraus, dass man sich mit solch komplizierten Grenzfragen wie der nach dem Hirntod beschäftigen muss – jenem Zeitpunkt also, an dem Organe entnommen werden könnten. Bedenken bleiben: Kann man von einem Menschen, dem dies widerfährt, würdig Abschied nehmen? Und sind die Erfolgsaussichten, mit einem Spenderorgan auf Dauer zu überleben, nicht zu gering?
Die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland ist eindeutig: Sie ermutigt zur Organspende. Sie könne ein Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus sein. Aber sie erklärt das nicht zur Christenpflicht. Sie lehnt daher auch die Widerspruchsregelung ab, bei der jedem, der nicht ausdrücklich ablehnt, Zustimmung unterstellt wird. Angesichts des hohen Bedarfs ist Information nötig – keineswegs moralischer Druck.
Tomas Gärtner
»Wir nehmen die Not Homosexueller wahr«
16. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Pfarrer der Kirchenbezirke Leipzig und Leipziger Land sind für Segnung und Anerkennung homosexueller Paare

Die Superintendenten Martin Henker (l.) und Matthias Weismann (r.).
In der Diskussion um die Gleichstellung homosexueller Pfarrer gehen nun auch die Anhänger einer Öffnung der Landeskirche in die Offensive. In einer öffentlichen Erklärung haben 53 Pfarrer aus ganz Sachsen sowie weitere kirchliche Mitarbeiter und Gemeindeglieder die bisherige Praxis der Landeskirche heftig kritisiert. »Wir nehmen eine offenkundige Not homosexueller Männer und Frauen wahr, denen als Christen vorgeworfen wird, Gottes Wahrheit vorsätzlich zu ignorieren«, heißt es in der Erklärung.
Die Diskriminierung Homosexueller wird darin auch als Schuld der Kirche angesehen. »Homosexuelle Menschen haben ihre Orientierung nicht selbst gewählt, sondern sind von Gott als schwul oder lesbisch geschaffen worden.« Deshalb plädieren die Unterzeichner – unter ihnen der Bornaer Superintendent Matthias Weismann und sein Leipziger Amtsbruder Martin Henker – für eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern. Auch die Segnung homosexueller Paare soll erlaubt werden.
Das Schreiben wurde auf einem Studientag der Pfarrer des Kirchenbezirks Leipziger Land verfasst. Auf dessen Internetseite wird dazu eingeladen, sich anzuschließen oder seine Meinung zu äußern.
Die Ephoralkonferenz des Kirchenbezirks Leipzig diskutierte am 7. Dezember ebenfalls über die Segnung homosexueller Partnerschaften. Eine Arbeitsgruppe Leipziger Theologen stellte dabei einen Vorschlag zu Richtlinien für einen Gottesdienst zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vor.
»Ob dem Begehren nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare entsprochen werden kann, obliegt dem Gewissen und der seelsorgerlichen Verantwortung der Pfarrerinnen und Pfarrer, die darum gebeten werden«, heißt es in dem Entwurf. »Jede und jeder ist in dieser Entscheidung frei.«
Voraussetzung für eine Segnung soll eine standesamtlich eingetragene Lebenspartnerschaft sein. Bisher soll es nach einem Beschluss der sächsischen Kirchenleitung keine Gottesdienste zur Segnung homosexueller Partnerschaften in der Landeskirche geben.
Der Entwurf aus dem Kirchenbezirk Leipzig sieht dagegen ausdrücklich eine öffentliche und »gemeindebezogene« Segnung im Rahmen eines Gottesdienstes vor. »Der jeweilige Kirchenvorstand muss sein grundsätzliches Einverständnis mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erklärt haben«, heißt es in dem Papier. »Kann und will ein Pfarrer aus theologischen, aus Gewissensgründen oder wegen der Ablehnung durch den Kirchenvorstand die begehrte Segenshandlung nicht vollziehen, kann der Superintendent das Paar an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin vermitteln, von denen er weiß, dass es in deren Gemeinde möglich ist.«
Der Leipziger Superintendent Martin Henker blickt nun voraus auf die Sitzung der Kirchenleitung am 20. Januar, die dann den Umgang mit homosexuellen Partnerschaften in der Landeskirche neu diskutiert. »Das Papier wurde der Kirchenleitung weitergegeben, um in die anstehenden Beratungen einbezogen zu werden«, so Henker. (so)
Der offene Brief der Pfarrer im Internet hier
www.kirche-im-leipziger-land.de
Kindlein, mein
16. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Etwa 40 Wochen dauert eine Schwangerschaft – das war bei Maria nicht anders als bei heutigen Frauen. Ein ungewisses Warten. Wie Maria verlassen sich auch heute Frauen auf Gott.
Erwartet wurde ein Kind schon längere Zeit. Vor allem unmittelbar nach der Hochzeit von Katharina und Uwe T. im vergangenen Jahr. »Das war schon auch etwas nervig«, erinnert sich Katharina an die Fragen aus ihrer Verwandtschaft nach einem Kind. »Aber dann hat es sich wieder gegeben.«
Bis zum Anfang dieses Jahres, da musste sich die junge Dresdner Ärztin selbst fragen: »Bin ich schwanger, oder nicht.« Wegen einer Blasenentzündung wollte sie zum Antibiotikum greifen, zögerte dann aber. Ein Schwangerschaftstest brachte keinen eindeutigen Befund. »Das kam doch etwas überraschend«, weiß Katharina noch. »Zuerst habe ich an das Praktische gedacht, wie Frauenarzt und Arbeit. Das haben wir dann gemeinsam besprochen«, erzählt die 30-Jährige, wie ihre Gedanken und Erwartungen erstmals konkret wurden.
Die Blutuntersuchung bei der Frauenärztin am nächsten Tag ließ keinen Zweifel mehr: »Herzlichen Glückwunsch!« Die wohlwollenden Worte der Ärztin für die noch frühe Schwangerschaft sind Katharina unvergessen. Ihre Gedankenwelt richtete sich nun auf ein Leben mit Kind ein.
Etwa 35 Wochen blieben ihr noch bis zur Geburt. Eine Zeit, die sie mit ihrem Mann zusammen planen musste: Zuerst auf Arbeit im Krankenhaus melden, damit für die werdende Mutter die Nachtdienste und Feiertagsarbeit entfallen. Dann war da noch eine Doktorarbeit, an der sie schreiben wollte. Familie und Freunde treffen, mit ihrem Mann die schwindende Zeit zu zweit genießen.
»Am Anfang war das eine sehr schöne Zeit. Keine Übelkeit, keine Einschränkungen«, blickt Katharina zurück. Sie zählte zunächst die Tage, an denen sie noch arbeiten musste. Ab der 27. Schwangerschaftswoche hatte sie Urlaub, dann Mutterschutz. »Viele Dinge für das Kind hatte ich auf die Zeit nach der Arbeit verschoben.« Sie war nach den Diensten im Krankenhaus einfach zu müde gewesen. »Nun aber bin ich eher faul, der normale Alltag reicht mir schon.«, Die Schwangere merkte, wie das wachsende Baby ihr viel Kraft kostet. »Die Doktorarbeit ist deshalb auch noch nicht fertig«, lacht sie.
Viele andere Dinge aber schon: Die Wohnung ist für das Baby eingerichtet, Kindersachen sind organisiert, ein paar Weihnachtsgeschenke gekauft, medizinische Untersuchungen gemacht. »Man muss nicht alles absichern«, meint die Ärztin zu bestimmten medizinischen Vorsorgen. »Man kann sich auch auf Gott verlassen. Gewisse Unwägbarkeiten sind einfach dabei. Und jetzt ist eben Warten angesagt.« Die junge Frau hält ihren Babybauch in die spätherbstliche Sonne.
»Als Mutter fühle ich mich noch nicht«, sagt die Hochschwangere. »Aber natürlich mache ich mir auch Gedanken über die Geburt«, weiß Katharina T., als die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft angebrochen sind. »Ich habe meine Mutter gefragt, wie das war. Ich höre Erfahrungen von Freundinnen mit Kindern. Aber ich weiß nicht, wie es bei mir sein wird.« Eine gewisse Anspannung schwingt mit.
Die letzten Tage vor dem vorhergesagten Entbindungstermin verstreichen, im Bauch zappelt und strampelt das Baby, aber von Wehen keine Spur. Katharina und Uwe gehen ein letztes Mal zu zweit Wandern, gemeinsam Essen. Fünf Tage nach dem Termin kommt Katharina nach einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus. Die Ärzte wollen nicht länger warten. Sie leiten die Geburt ein.
Am vierten Advent sitzt eine neue kleine Familie in ihrer Dresdner Wohnung zusammen. Die junge Mutter hält die kleine Johanna im Arm, der junge Vater kümmert sich um die beiden. »Dieses Jahr werden wir Weihnachten anders feiern«, sagen die jungen Eltern und zeigen auf den Tannenbaum, der zum ersten Mal das Wohnzimmer schmückt. »Und wir bleiben über die Feiertage hier.«
Uwe Naumann
Ein Empfang ohne jede Inszenierung
11. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.
Jesaja 40, Verse 3 und 10
Staatsbesuche laufen nach einem festen Drehbuch ab. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Die Ankunft auf einer repräsentativen Straße wird perfekt vorbereitet und inszeniert. Erhaben und würdevoll soll es aussehen, wenn die Limousinen über den Asphalt rollen. Wie sich die Bilder gleichen. Auch die Regenten im alten Babylon liebten repräsentative Inszenierungen. Die Drehbücher leiteten zu minutiösen Vorbereitungen an. Die vielfach verwahrlosten und verfallenen Sandstraßen mussten begradigt, verfüllt und von Hindernissen bereinigt werden. »Bereitet dem König den Weg.«
Wenn Unterdrückte ihre eigene Sprache finden, verwenden sie oft geprägte Bilder und geben ihnen einen neuen, widerständigen Sinn. So bedient sich der Prophet beim Drehbuch der königlichen Ankunft und verwandelt es zum Hoffnungsbild für einen ganz anderen Advent. Den Israeliten, die aus ihrem Land vertrieben und von den Babyloniern versklavt worden waren, kündigt er das Kommen Gottes an. Gott befreit und macht der Knechtschaft ein Ende.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.
Veränderungen kommen allerdings nicht immer mit Pauken und Trompeten. Davon sprechen die Evangelisten und geben dem Bild der königlichen Ankunft eine neue Pointe.
Sie erzählen von einem König ohne allen Pomp, der auf einem Esel kommt. Für Royalisten ein Skandal und für Politiker eine Torheit. Der Tabubruch Jesu rückt einen anderen, scheinbar unscheinbaren Advent ins Licht. Er braucht kein festes Drehbuch und keine Inszenierung der Macht. Er bricht sich Bahn, wo das Evangelium verkündigt und Ideologien widersprochen wird, wo Menschen Gottesdienst feiern und sich engagieren, wo der gerechte Gott erfahren und Gerechtigkeit gestaltet wird. »Bereitet dem Herrn den Weg.«
Ulf Liedke
Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.
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