Sprengstoff für Gemeinden
26. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Am letzten Wochenende hat die Leitung unserer Landeskirche eine neue Regelung gefunden, wie mit Homosexualität im Pfarrhaus umzugehen ist. Das ist Sprengstoff in den Augen vieler Christen, der die Kirche vor eine Zerreißprobe stellt und sie nach Meinung Einzelner sogar zu spalten droht.
Die Kirchenleitung hat entschieden, dass andere entscheiden sollen. Und dürfen!
Eine weise Entscheidung, denn die wahren Sprengstoffexperten sitzen doch in den Gemeinden. Die Kirchenvorstände wissen am besten, was in ihrer Gemeinde geht und was nicht.
In manchen Gemeinden wird aus dem scheinbar explosiven Gemisch eine harmlose Verbindung werden, die unaufgeregt zur Kenntnis genommen wird. In anderen wiederum wird der Kirchenvorstand »einmütig« ablehnen, dass ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner ins Pfarrhaus zieht.
Damit wäre auch dort der Sprengstoff vom Tisch. Die Betroffenen entscheiden vor Ort. Das macht ernst mit dem Priestertum aller Gläubigen. Es ist eine Stärkung der Gemeinden, zumindest wenn sie mit ihrer neuen Freiheit umgehen können.
Natürlich ist der Sprengstoff damit noch nicht gänzlich aus der Welt. Denn wer mit der neuen Entscheidung generell Probleme hat, wird sich nicht damit trösten wollen, dass in seiner Gemeinde so etwas vielleicht nicht möglich ist.
Deshalb ist der Appell des Landesbischofs, sich gegenseitig in den verschiedenen Auffassungen zu achten und zu respektieren, umso wichtiger. Es bleibt zweifellos die einzige Möglichkeit, mit dieser Entscheidung umzugehen.
Denn nicht die Homosexualität an sich ist Sprengstoff – sondern wie wir als Christen miteinander umgehen.
Uwe Naumann
Landeskirche lebt weiter mit Spannungen
25. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Kirchenleitung öffnet Pfarrhäuser in Einzelfällen für gleichgeschlechtliche Partner.
Die sächsische Landeskirche kann künftig im Einzelfall eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus gestatten. Voraussetzung dafür sei die »einmütige Zustimmung« des jeweiligen Kirchenvorstands, so der am 21. Januar gefällte Beschluss der Kirchenleitung. Eine »starke Mehrheit« des Kirchenvorstands müsse zustimmen und die Minderheit den Beschluss »mittragen« können, heißt es in der Begründung.
Die Kirchenleitung weiß, dass die Meinungen zur Homosexualität in der Landeskirche weiter weit auseinanderliegen. Sie erkenne »in den verbleibenden unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf das Schriftverständnis und die theologische Bewertung der Homosexualität jeweils eine geistlich und theologisch angemessen begründete Position«, heißt es in dem Beschluss der Kirchenleitung.
Landesbischof Jochen Bohl schreibt in einer Erklärung dazu, die Landeskirche müsse weiter mit »Spannungen leben«. »Das ist möglich, wenn auch die jeweils abweichende Auffassung als eine im Licht des Evangeliums mögliche Auslegung der Bibel akzeptiert wird«, so Bohl.
Der Landesbischof weiß um die Zerreißprobe, die das Thema für die Einheit der Landeskirche birgt. »Jeder Einzelne ringt mit einem an der Schrift geschärften Gewissen um das rechte Verständnis von Gottes Wort«, schreibt der Landesbischof. »Darum ist wechselseitiger Respekt geboten.«
Gegner und Befürworter gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Pfarrhäusern waren sich in der Kirchenleitung in mehreren Punkten jedoch auch einig: Ehe und Familien bleiben als »biblische Ordnung« das Leitbild. Und das Thema Homosexualität sei kein Bekenntnisfall. Der Beschluss der Kirchenleitung war durch eine zwölfköpfige Arbeitsgruppe vorbereitet worden, in der Juristen und Theologen verschiedener Frömmigkeitsrichtungen nach einer biblisch begründeten Haltung zur Homosexualität fragten.
In ihrem Abschlussbericht spricht sich der größere Teil der Arbeitsgruppe für eine Zulassung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Pfarrhäusern und für eine gottesdienstliche Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften aus. Die Frage nach Segnungsgottesdiensten auch für Homosexuelle steht weiter ungelöst auf der Aufgabenliste der Kirchenleitung.
Andreas Roth
Der Beschluss der Kirchenleitung (PDF)
Die Erklärung des Landesbischofs (PDF)
Abschlussbericht der Arbeitsgemeinschaft »Homosexualität in biblischer Perspektive« (PDF)
Leipziger Erklärung für eine Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Paare (PDF)
Nach dem Beschluss: Pro und Contra
»Die Lage ist sehr, sehr heikel«
Sachsens Pfarrhäuser sind zukünftig nicht mehr tabu für gleichgeschlechtliche Paare. Doch nach der Entscheidung der Kirchenleitung kommt die Diskussion nicht zur Ruhe.
Katrin Jell ist Pfarrerin in Hohnstein.
Für mich bedeutet der Beschluss der Kirchenleitung wie für alle homosexuellen Pfarrer und Pfarrerinnen einen Zugewinn an Lebensqualität. Mit meiner Partnerin habe ich zwangsläufig eine Fernbeziehung.
Ich predige verbindliche Partnerschaften – aber durfte so nicht leben.
Für die Gemeinde war das schwer zu verstehen. Unsere Kirchenvorstände stehen hinter uns.
Katrin Jell
Dr. Carsten Rentzing ist Pfarrer in Markneukirchen und EKD-Synodaler.
Aus meiner Region gibt es schon mündliche Kirchenaustritts-Erklärungen nach dem Beschluss.
Die Lage ist sehr, sehr heikel.
Ich wünsche mir eine Lösung, die möglichst viele mitnimmt.
Deshalb sehe ich die Notwendigkeit, dass die Landessynode zu dieser Frage dezidiert Stellung nimmt.
Carsten Rentzing
Martin Henker ist Leipziger Superintendent.
Ich bin froh und dankbar, dass ein Weg gefunden wurde, wie in sehr seltenen Fällen und wenigen Orten der Landeskirche eine angemessene Reaktion möglich ist.
Das ist ein Kompromiss und sollte auch ein solcher werden.
Ich hoffe, dass sich die Synode in diesem Fall nicht auf den Weg macht, Beschlüsse der Kirchenleitung ändern zu wollen.
Martin Henker
Matthias Dreßler ist Landesinspektor der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen
Die bedingte Freigabe für das Zusammenleben homosexueller Pfarrer und Pfarrerinnen im Pfarrhaus widerspricht der Schrifterkenntnis vieler Mitglieder und Besucher der Landeskirchlichen Gemeinschaften und wird von ihnen mehrheitlich als eine schmerzliche Liberalisierung empfunden, die sie nicht bejahen können.Jetzt gilt es in der Gelassenheit des Glaubens abzuwarten, in welcher Weise sich die Landessynode im April positionieren wird.
Matthias Dreßler
Homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern im Einzelfall möglich
22. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Sächsische Kirchenleitung diskutiert intensiv ihre Haltung zu homosexuellen Partnerschaften und ändert ihre bisherige Position
In ihrer Klausurtagung am 20. und 21. Januar 2012 hat die Kirchenleitung der sächsischen Landeskirche die Pfarrhäuser in Einzelfällen für homosexuelle Partnerschaften geöffnet. Dem mit sehr großer Mehrheit entschiedenen Kurswechsel war eine intensive Debatte vorangegangen.
Die Kirchenleitung bekräftigt die bleibende Bedeutung der biblischen Ordnung von Ehe und Familie als Leitbild des Zusammenlebens von Frau und Mann, teilte das Landeskirchenamt mit. Um der Einheit der Landeskirche willen sollen die bisher geltenden Feststellungen der Kirchenleitung vom 29. August 2001 fortgeschrieben werden.
Mit dem neuen Beschluss jedoch behält sich die Landeskirche vor, in Einzelfällen gleichgeschlechtlichen Paaren das gemeinsame Leben im Pfarrhaus zu gestatten. Dies setzt die einmütige Zustimmung des zuständigen Kirchenvorstandes zwingend voraus und ist nur bei eingetragenen Lebenspartnerschaften möglich, so die Kirchenleitung.
Landesbischof Jochen Bohl wies in seiner Erklärung auf die stark gegensätzlichen Auffassungen in der sächsischen Landeskirche hin, welche nur durch ein gegenseitiges Respektieren und Achten der jeweils anderen Auffassung überwunden werden können. »Ich hoffe, dass die Christinnen und Christen in den Kirchgemeinden unserer Landeskirche diese Entscheidung der Kirchenleitung mittragen werden. Ich bin sicher, dass homosexuell geprägte Menschen, mit denen wir in der Gemeinschaft der Kirche verbunden sind, als Schwestern und Brüder im Glauben akzeptiert werden«, so Bohl.
Eine wichtige Grundlage der Beratung bildete der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe »Homosexualität in biblischem Verständnis«. Die Kirchenleitung würdigt den gefundenen Konsens der AG in wichtigen Aspekten. So schließt sie sich ausdrücklich der Einsicht an, dass der status confessionis nicht gegeben ist.
Wer willkommen ist, entscheiden nicht wir
22. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Lukas 13, Vers 29
Von ungewöhnlichen Gästelisten erzählt das Neue Testament immer wieder: von Einladungen, bei denen eitle Vordrängler zurückstecken müssen und Zurückhaltende vom Gastgeber auf die Ehrenplätze gebeten werden. Oder bei denen zum Festtermin alle geladenen Gäste etwas anderes zu tun haben, und an ihrer Stelle genießen Bettler und Ausgestoßene das vorbereitete Fest. Jesus selbst hat mit Menschen gegessen und gefeiert, die nach traditionellen Maßstäben das Allerletzte als Tischgemeinschaft waren – für Jesus waren sie erste Wahl.
Der Wochenspruch steht in einem ähnlichen Zusammenhang: Glaubt bloß nicht, ihr hättet euren Platz bei Gott im Himmel schon sicher, nur weil ihr mir hier und jetzt begegnet. Dabei sein beim himmlischen Festmahl werden Gäste aus allen Himmelsrichtungen, aus der ganzen Welt.
Das klingt nach ökumenischer Multikulti-Idylle. Auf jeden Fall macht es klar: Gott hat seine eigenen Maßstäbe dafür, wer ihm nahe steht. Das können auch die geographisch oder kulturell Fernen sein; niemand kann den Anspruch auf den Platz an Gottes Tisch für sich reservieren.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.
Das heißt aber auch: Es gibt keinen Grund, den eigenen Platz bei Gott für ein Exklusiv-Recht zu halten und eifersüchtig zu verteidigen. Die letzte Entscheidung, wer willkommen ist, liegt bei Gott. Und der ruft die Menschen auf, alle Welt einzuladen (Matthäus 28, Vers 19) – was Christen seit Paulus’ Zeiten tun. Und viele scheuen keine Mühe, um im entscheidenden Moment bereit zu sein für Gottes Fest.
Und wenn dann schon alles ausgebucht ist? Wie viele Plätze Gottes Tafel hat, darüber sagt die Bibel nichts. Aber ich glaube: Am Platz wird die Einladung bestimmt nicht scheitern.
Friederike Ursprung
Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.
Gewissen gegen Gewissen
21. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Dürfen sie oder dürfen sie nicht ins Pfarrhaus, der Pfarrer oder die Pfarrerin, die ihresgleichen lieben? Die Kirchenleitung hat am 21. Januar eine Entscheidung von einiger Tragweite zu fällen.
Es geht um das neue Pfarrerdienstgesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dessen Paragraf 39. Wer den 2010 verabschiedeten Gesetzestext liest, wird zunächst nichts Spektakuläres entdecken. Um die Lebensführung der Pfarrerinnen und Pfarrer »im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe« geht es da.
Diese Erweiterung über die Ehe hinaus bezieht sich auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und ist der Anlass für Unterschriftensammlungen in Sachsen: dafür und dagegen. Warum die EKD diesen Passus ins Gesetz eingefügt hat, wird aus der Begründung deutlich: Er ermögliche es den Gliedkirchen, ihr eigenes Profil im Umgang mit unterschiedlichen Lebensgemeinschaften beizubehalten und weiter zu entwickeln.
Darüber will die Kirchenleitung beraten: Braucht die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens eine neue Regelung oder will sie an der bisherigen festhalten, dass gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus nicht erlaubt sind? Gegner einer Neuregelung sprechen von Kirchenspaltung. Ernstzunehmende Christen sehen sich in Gewissensnöten. Andere ernstzunehmende Christen wiederum sehen die Gewissensnöte betroffener Pfarrerinnen und Pfarrer.
Doch warum soll es einer Gemeinde zugemutet werden, die es partout nicht will? Und warum einer Gemeinde verwehrt werden, wenn sie darin kein Problem sieht?
Es wird keine leichte Entscheidung, die die Kirchenleitung zu treffen hat. Im Gebet können wir sie unterstützen, dass es eine weise Entscheidung wird.
Christine Reuther
Verschlossene Herzen
20. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Er wollte ein guter Ehemann sein und ein guter Christ. Er litt, weil sein Herz für Männer schlägt. Ein Leiden ist Homosexualität nicht – aber ihre Verdrängung ist es.
Er schenkte ihr immer weiße Rosen. Nie rote. »Weil Du so rein bist«, sagte er dann zu ihr. Nie sagte er: Ich liebe dich. Sie bat ihn: »Schauspielere doch mal und sag es wenigstens ein einziges Mal.« Er konnte es nicht. Sie war seine Frau.
Sein Vater, Pfarrer auf dem sächsischen Land, hatte ihm beschieden: »Homosexualität kommt in Gottes Schöpfungsordnung nicht vor.« Martin Paul (alle Namen geändert) nahm es als Gesetz. Legte einen eisernen Ring um sein Herz. Es fühlte anders, als es durfte. Als es sollte. Schwul zu sein, das war für ihn schweinisch, das war gegen Gott. Als er 30 wurde, hatte er noch nie einen Menschen geküsst. Und dann kam sie. Sagte: »Martin, du bist schön.«
So etwas hatte er nie zuvor gehört. Martin und Katrin heirateten, bekamen drei Kinder. Eine christliche Ehe. 16 Jahre lang.
»Ich habe immer versucht, meiner Frau ein passender Ehemann zu sein, ich wollte sie auf Händen tragen und in den Himmel führen«, erinnert sich Martin Paul. Aber es wurde und wurde keine Liebe daraus. »Er hat es versucht«, sagt Katrin Paul. »Aber wir sind eigentlich mehr wie Geschwister.«
Doch es ging. Er sagte ihr: »Ich finde Männer so schön.« Sie antwortete: »Ich finde Männer auch so schön.« Vor allem aber waren sie einander treu, das trug. Der eiserne Ring jedoch zog sich immer fester um Martin Pauls Herz.
Sein Leben wurde zu einem Hindernislauf. So viele Ansprüche, denen er genügen musste. So viele Fallen, so viele Verstecke. Er entwickelte Pläne, an deren Ende eine Beerdigung gestanden hätte – wenigstens das sollte ehrenvoll sein. Paul stürzte sich in die Arbeit, um zu entkommen. Er verausgabte sich. Bis zum Zusammenbruch.
Thorsten Kohlmann ist ein Mann mit kräftigem Händedruck. Ein Handwerker mit Sinn fürs Praktische. Nie hätte er gedacht, dass es ihn trifft. Ihn, der behütet in einer evangelischen Handwerkerfamilie aufgewachsen war. Evangelischer Kindergarten, Junge Gemeinde, Kirchvorsteher. Von Schwulen hatte er in seiner Jugend gehört – um keinen Preis wollte er dazugehören.
Kohlmann fand eine Frau, eine sehr gute und liebe Frau, sagt er. Bekam eine Tochter mit ihr. »Es war keine schlechte Ehe«, sagt er. Die Anziehungskraft, die später zwischen ihnen fehlte, glichen sie aus mit Wanderungen, Gipfelbesteigungen, Opern- und Gottesdienstbesuchen. Doch da waren seine Gefühle für Männer, nicht für Frauen. Kohlmann fraß es in sich hinein.
Er betete oft. »Ich bin doch auch gottgewollt«, sagte er sich. »Es kann nicht gottgewollt sein, dass man sich ein Leben lang versteckt. Ich habe um einen Ausweg gebetet – und der kam eines Tages.« Ganz unerwartet. Kohlmanns Frau eröffnete ihm, dass da ein anderer Mann ist. Und Kohlmann? »Ich freue mich sehr für dich«, sagte er ihr. »Ich drücke dir die Daumen, dass du einen erwischst, der dich sehr liebt.« Noch immer kommen ihm die Tränen bei der Erinnerung an diesen Moment.
Thorsten Kohlmann und Martin Paul sind nun geschieden. Sie haben neue Partner – ihre Frauen auch. Alles Männer. Ihre Frauen sind ihre Freunde geblieben. In dem Café, in dem Martin Paul früher mit seiner Frau die Hochzeitstage feierte, sitzen sie sich gegenüber. In Würde haben sie sich getrennt, aber auch in Schmerzen.
»Dass ich dir das zufügen musste, hat mir sehr weh getan«, sagt Martin und sieht lange stumm seine frühere Frau an. »Du bist nicht mein Besitz«, erwidert sie. »Man kann den anderen nicht zwingen, anders zu sein, als er ist.«
Sie schüttelt den Kopf, als schüttele sie ihre Lebensträume ab. Sie denkt an ihre Kinder, ihre Verletzungen – aber auch daran, wie entspannt und glücklich ihr früherer Mann nun sein kann. »Ich mache Dir keinen Vorwurf«, antwortet sie ihm. »Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.«
Andreas Roth
In großer Gewissensnot
19. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady (4. v. l.) übergibt mit acht weiteren Vertretern von Kirchgemeinden Landesbischof Jochen Bohl (3. v. r.) im Landeskirchenamt die »Markersbacher Erklärung«. In ihr wenden sich Kirchgemeinden gegen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Foto: Steffen Giersch
Dürfen homosexuelle Paare gesegnet werden oder ins Pfarrhaus einziehen? Darüber wird die Kirchenleitung am Wochenende beraten. Gegner und Befürworter machen Druck.
Gegen eine Lockerung der Regelung zu homosexuellen Pfarrern und Pfarrerinnen in der sächsischen Landeskirche haben sich Kirchenvorstände von 121 Gemeinden ausgesprochen. Das entspricht einem reichlichen Sechstel der insgesamt 776 Gemeinden und Kirchspiele in der Landeskirche. Bekundet haben sie das mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung«.
Unterschrieben haben nach Angaben der Initiatoren außerdem Vertreter von 160 Gemeinschaften sowie mehr als 300 Einzelpersonen. Die Erklärung und Unterschriften hat der Initiativkreis Landesbischof Jochen Bohl am 10. Januar übergeben.
In ihrer Erklärung bitten die Unterzeichner die Kirchenleitung und Landessynode, an der bisherigen Regelung von 2001 festzuhalten. Sie besagt, dass »eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verkündigung gemacht wird«. Auf ihrer Frühjahrstagung im April muss die Landessynode darüber beschließen, ob das neue Pfarrdienstrecht der EKD auch in der sächsischen Landeskirche gelten soll.
Dieses spricht im Paragraph 39 von Lebensführung der Pfarrer »im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe«. Dafür seien »Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung« maßgebend. Die »Begründung« zu diesem Passus jedoch lässt auch »gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften« von Pfarrern zu.
Mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung« hätten dies auch mehrere junge Leute und Theologiestudenten abgelehnt, erklärte der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady im Namen des Initiativkreises. »Daraus wird deutlich, dass unser Anliegen generationenübergreifend vertreten wird und nicht nur die Sache von ein paar ›Alten‹ ist«, fügte er hinzu.
Nach einem halbstündigen vertraulichen Gespräch mit Landesbischof Bohl erklärte die neunköpfige Initiativgruppe in einem Papier, »dass zahlreiche Gemeindeglieder durch die geplante Öffnung in große Gewissensnot geraten und ihre geistliche Heimat in der sächsischen Landeskirche verlieren«. Mit dem Landesbischof seien sie sich einig gewesen, dass die Einheit der Landeskirche gewahrt bleiben möge.
Zugleich aber sei in dem Gespräch deutlich geworden, »dass eine Veränderung der bisherigen Rechtslage kirchenspaltendes Potential besitzt«. Die Initiative mahne die Landeskirche, bei den biblischen Grundlagen und Bekenntnissen zu bleiben. »Die Kirche muss ihrer gesellschaftlichen Orientierungsaufgabe nachkommen und darf sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen unterwerfen, die im Gegensatz zum Wort Gottes stehen.«
Landesbischof Jochen Bohl sagte nach dem Gespräch, er habe den Initiatoren für ihr Engagement gedankt. »Ich habe außerdem darauf hingewiesen, dass die Kirchenleitung diese Sorgen ernst nimmt und die Initiatoren in die Entscheidungsfindung einbezieht.«
Eine andere Erklärung mit dem Namen »Auch unter Christen – Liebe zum gleichen Geschlecht«, die aus dem Kirchenbezirk Leipziger Land kommt und eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern und die Segnung homosexueller Paare fordert, haben inzwischen 214 Frauen und Männer unterschrieben – die meisten davon Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter.
Die Zahl eingetragener Partnerschaften von Gleichgeschlechtlichen soll in Sachsen bei etwa 940 liegen.
Tomas Gärtner
Kein bürokratisches Korsett, sondern ein Geschenk Gottes
15. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche

Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist
durch Jesus Christus geworden.
Johannes 1, Vers 17
Eine rote Ampel ignorieren, wenn weit und breit die Straße frei ist, oder irgendwelche bürokratische Vorschriften übergehen: Irgend ein Gesetz hat wohl jeder schon mal übertreten. Umgekehrt kann es auch passieren, dass jemand zwar gegen kein Gesetz verstößt, deshalb aber noch lange kein anständiger Mensch ist, der alles richtig macht.
Dennoch bestreitet niemand Sinn und Notwendigkeit von Gesetzen. Für den Evangelisten Johannes gehört das Gesetz, das das Volk Israel bis zu Mose zurückverfolgte, ganz an den Anfang seines Evangeliums: zur Programmerklärung vom Wort, das Fleisch wurde. Und diesem Gesetz stellt er die Gnade und Wahrheit Christi gegenüber.
Tatsächlich hat sich Jesus oft mit dem Gesetz des Mose auseinandergesetzt. Er hat es in der Bergpredigt unerhört neu ausgelegt, er hat sich mit Leuten abgegeben, die von Gesetzes wegen kein angemessener Umgang für fromme Juden waren; er hat immer wieder am Sabbat Dinge getan, die der gesetzlichen Feiertagsruhe widersprachen.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.
Seine Begründung: Der Sabbat sei schließlich für den Menschen da und nicht umgekehrt! Doch so ungewohnt er das Gesetz ausgelegt hat – außer Kraft setzen wollte er es nicht, im Gegenteil: Er wollte ihm zu neuem Leben verhelfen – damit das Gesetz kein starres, bürokratisches Regelkorsett ist, sondern ein Geschenk Gottes, das dem Leben dient. Gnade und Wahrheit sind die Zugaben, die diesen Unterschied ausmachen. So kann auch mal Gnade vor Recht gelten – nicht als gnädiges »Schwamm drüber«.
Tue ich, was Gott von mir will? Was habe ich womöglich falsch gemacht, wo bin ich auf Gnade angewiesen? Die Aussicht auf diese Gnade hilft, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
Friederike Ursprung
Präsident und Propheten
14. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Foto: © Jesco Denzel - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Darf man Mitleid haben mit einem Bundespräsidenten? Natürlich. Sind wir nicht alle Sünder? Aber ja. Ist es nicht christlich, einem Sünder zu vergeben? Auch das: Ja – aber.
Will man sich an der Bibel orientieren, und ein christlicher Politiker wie Christian Wulff wird das nicht bestreiten wollen, dann heißt die Zwillingsschwester der Vergebung Buße: Umkehr, echte Reue. Bei der für den Präsidenten wie für die Zuschauer gleichermaßen peinlichen Befragung in der Fernseharena war man versucht, dem Bundespräsidenten auf die Schulter zu klopfen und ihm zuzurufen: »Ist schon gut«. Doch warum tauchen am Tag eins nach der erklärten Offenheit wieder neue Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Präsidenten auf?
So kommt der Verdacht in die Welt, dass Reue für Wulff ein Werkzeug aus dem politischen Überlebens-Kit geworden ist. Der Theologe Dietrich Bonheffer hat – freilich angesichts ungleich ernsthafterer Konflikte – vor einer »billigen Gnade« gewarnt: »Gnade ohne Preis, ohne Kosten«.
Die Bibel kennt den Preis: Es ist die Einsicht in die Verführbarkeit der Mächtigen. Das Alte Testament erzählt von Königen, die durch Gottes und des Volkes Willen auf den Thron kamen – und ihn verblendet von der Macht wieder verloren. Sie hatten die Empfindlichkeit für Unrecht verloren – oder auch nur dafür, was Menschen als Unrecht empfinden könnten. Die Macht selbst kann zur Gefahr werden auch für den Mächtigen. Und ihn isolieren.
Die biblische Mahnung trifft indes alle, die Macht verliehen bekommen – ob in Politik oder Wirtschaft, ob in Kirche oder Redaktionen. Die Propheten des Alten Testaments lehren uns: Mächtige brauchen Kritik, und sie brauchen Demut. Für ihre Kritiker gilt übrigens das Gleiche.
Andreas Roth
Fröhlichen Herzens
13. Januar 2012 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Der Leipziger Thomanerchor – hier eine Szene aus dem aktuellen Kinofilm »Die Thomaner« – feiert 800. Geburtstag und ganz Deutschland feiert mit beim Themenjahr »Reformation und Musik«. Foto: © NFP
Für Luther gehörte Musik ebenso zum Gottesdienst wie das Wort. Deshalb begeht die evangelische Kirche 2012 das Themenjahr »Reformation und Musik«.
Sie beginnt mit A wie Augsburg und endet mit Z wie Zittau: die Musikreihe »366 plus 1«, die sich dieses Jahr wie ein Band durch Deutschland zieht. An jedem Tag erklingt in einer deutschen Kirche ein Konzert. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Aktion ins Leben gerufen. Anlass ist das Themenjahr »Reformation und Musik«.
Und Sachsen hat nicht unwesentlich Anteil daran, dass die Musik gerade 2012 im Mittelpunkt der Reformationsdekade bis 2017 steht: In Leipzig feiern Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule ihr 800-jähriges Bestehen. Weil Bildung untrennbar mit dem Wirken von Martin Luther verbunden ist und Johann Sebastian Bach diese drei Einrichtungen maßgeblich geprägt hat. In Sachsen endet auch die Musikreihe: mit einem Silvesterkonzert in der Zittauer Weberkirche.
Doch bis Dezember wartet Christian Kühne nicht. Der Löbauer Kantor ist Leiter einer Arbeitsgruppe Kirchenmusik in der Oberlausitz. Diese hat ein Konzept zum Themenjahr entwickelt. Und alle Konfessionen machen mit. »Schließlich gibt es in der Oberlausitz eine ganze Reihe reformatorischer Traditionen«, sagt er. Da sind die evangelisch-lutherischen Gemeinden, die hussitischen Wurzeln der Herrnhuter Brüdergemeine, die calvinistischen Gemeinden auf dem Gebiet der Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und nicht zuletzt die katholischen Sorben.
So gibt es im April unter der Überschrift »Römisch-katholische und reformatorische Frömmigkeit im Dialog« mehrere Aufführungen von Dvoraks »Stabat mater«. Es gibt ein Chortreffen des Sechsstädtebundes und die Aufführung von Haydns »Schöpfung« auf der 6. Sächsischen Landesgartenschau in Löbau.
Auch für Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger ist dieses Musikprogramm in der Oberlausitz ein Schwerpunkt im Themenjahr. Und so wie er sich für sein Kirchspiel Dresden-Neustadt das Jahresthema »Viele Stimmen – ein Gesang« gesetzt hat, hofft er, dass sich viele Gemeinden mit der Bedeutung der Musik für die Reformation befassen.
Immerhin ist trotz sinkender Gemeindegliederzahlen die Anzahl der Kirchenchöre und die der Sängerinnen und Sänger angestiegen. 2010 waren es rund 26 000 Sänger in 771 Chören. Das sind 3,34 Prozent der Gemeindeglieder – gegenüber 2,77 Prozent in nur 754 Chören im Jahr 2004. »Ich denke, dass diese Breite deutschlandweit einmalig ist«, sagt Kantor Jens Staude, Vorsitzender des sächsischen Kirchenchorwerks. Vor allem durch die Kurrenden werde immer wieder für Nachwuchs gesorgt.
Bei den Posaunen ist es ähnlich. Entstanden aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts, sind die 454 sächsischen Bläserchöre mit ihren 6150 Mitgliedern heute eine typisch evangelische Art der Verkündigung. Für Hartmut Rau, den Vorsitzenden der Posaunenmission, ist Bläserarbeit »ein missionarischer Faktor ohnegleichen«. Das stellen die Bläserinnen und Bläser unter Beweis, wenn sich etwa 2000 von ihnen Anfang Juli in Zwickau zum Landesposaunenfest treffen.
Und was hat das alles mit der Reformation zu tun? Weil Musik »ein ruhiges und fröhliches Herz schenkt«, zitiert der Kirchenhistoriker Markus Hein von der Theologischen Fakultät Leipzig aus einem Brief Martin Luthers an den bayerischen Hofkapellmeister Ludwig Senf (1530). Für den Reformator gab es keine Kunst nach der Theologie, die der Musik gleichkommt. Und so hat er nicht nur das Wort in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerückt, sondern auch den Gemeindegesang, der damals seit 900 Jahren aus den Kirchen verschwunden war.
»Musik muss laut Luther mit dem übereinstimmen, was im Gottesdienst gesagt wird«, so Hein. »Das beste Beispiel ist Johann Sebastian Bach, dessen Musik gefüllt ist mit Evangelium.«
Christine Reuther
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