Verschlossene Herzen

20. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

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Er wollte ein guter Ehemann sein und ein guter Christ. Er litt, weil sein Herz für Männer schlägt. Ein Leiden ist Homosexualität nicht – aber ihre Verdrängung ist es.

Er schenkte ihr immer weiße Rosen. Nie rote. »Weil Du so rein bist«, sagte er dann zu ihr. Nie sagte er: Ich liebe dich. Sie bat ihn: »Schauspielere doch mal und sag es wenigstens ein einziges Mal.« Er konnte es nicht. Sie war seine Frau.

Sein Vater, Pfarrer auf dem sächsischen Land, hatte ihm beschieden: »Homo­sexualität kommt in Gottes Schöpfungsordnung nicht vor.« Martin Paul (alle Namen geändert) nahm es als Gesetz. Legte einen eisernen Ring um sein Herz. Es fühlte anders, als es durfte. Als es sollte. Schwul zu sein, das war für ihn schweinisch, das war gegen Gott. Als er 30 wurde, hatte er noch nie einen Menschen geküsst. Und dann kam sie. Sagte: »Martin, du bist schön.«

So etwas hatte er nie zuvor gehört. Martin und Katrin heirateten, bekamen drei Kinder. Eine christliche Ehe. 16 Jahre lang.

»Ich habe immer versucht, meiner Frau ein passender Ehemann zu sein, ich wollte sie auf Händen tragen und in den Himmel führen«, erinnert sich Martin Paul. Aber es wurde und wurde keine Liebe daraus. »Er hat es versucht«, sagt Katrin Paul. »Aber wir sind eigentlich mehr wie Geschwister.«

Doch es ging. Er sagte ihr: »Ich finde Männer so schön.« Sie antwortete: »Ich finde Männer auch so schön.« Vor allem aber waren sie einander treu, das trug. Der eiserne Ring jedoch zog sich immer fester um Martin Pauls Herz.

Sein Leben wurde zu einem Hindernislauf. So viele Ansprüche, denen er genügen musste. So viele Fallen, so viele Verstecke. Er entwickelte Pläne, an deren Ende eine Beerdigung gestanden hätte – wenigstens das sollte ehrenvoll sein. Paul stürzte sich in die Arbeit, um zu entkommen. Er verausgabte sich. Bis zum Zusammenbruch.

Thorsten Kohlmann ist ein Mann mit kräftigem Händedruck. Ein Handwerker mit Sinn fürs Praktische. Nie hätte er gedacht, dass es ihn trifft. Ihn, der behütet in einer evangelischen Handwerkerfamilie aufgewachsen war. Evangelischer Kindergarten, Junge Gemeinde, Kirchvorsteher. Von Schwulen hatte er in seiner Jugend gehört – um keinen Preis wollte er dazugehören.

Kohlmann fand eine Frau, eine sehr gute und liebe Frau, sagt er. Bekam eine Tochter mit ihr. »Es war keine schlechte Ehe«, sagt er. Die Anziehungskraft, die später zwischen ihnen fehlte, glichen sie aus mit Wanderungen, Gipfelbesteigungen, Opern- und Gottesdienstbesuchen. Doch da waren seine Gefühle für Männer, nicht für Frauen. Kohlmann fraß es in sich hinein.

Er betete oft. »Ich bin doch auch gottgewollt«, sagte er sich. »Es kann nicht gottgewollt sein, dass man sich ein Leben lang versteckt. Ich habe um einen Ausweg gebetet – und der kam eines Tages.« Ganz unerwartet. Kohlmanns Frau eröffnete ihm, dass da ein anderer Mann ist. Und Kohlmann? »Ich freue mich sehr für dich«, sagte er ihr. »Ich drücke dir die Daumen, dass du einen erwischst, der dich sehr liebt.« Noch immer kommen ihm die Tränen bei der Erinnerung an diesen Moment.

Thorsten Kohlmann und Martin Paul sind nun geschieden. Sie haben neue Partner – ihre Frauen auch. Alles Männer. Ihre Frauen sind ihre Freunde geblieben. In dem Café, in dem Martin Paul früher mit seiner Frau die Hochzeitstage feierte, sitzen sie sich gegenüber. In Würde haben sie sich getrennt, aber auch in Schmerzen.

»Dass ich dir das zufügen musste, hat mir sehr weh getan«, sagt Martin und sieht lange stumm seine frühere Frau an. »Du bist nicht mein Besitz«, erwidert sie. »Man kann den anderen nicht zwingen, anders zu sein, als er ist.«

Sie schüttelt den Kopf, als schüttele sie ihre Lebensträume ab. Sie denkt an ihre Kinder, ihre Verletzungen – aber auch daran, wie entspannt und glücklich ihr früherer Mann nun sein kann. »Ich mache Dir keinen Vorwurf«, antwortet sie ihm. »Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.«

Andreas Roth

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Reaktionen unserer Leser

7 Lesermeinungen zu “Verschlossene Herzen”
  1. aram sagt:

    Ich sitze in einem Seminar. Homosexualität ist das Thema. Ein Referent erzählt seine Geschichte. Seine Wende begann, als seine Frau ihn vor die Entscheidung stellte: entweder sein schwuler Freund oder sie und die Kinder. In dieser Zwickmühle sucht er Rat, findet Begleitung. Ein längerer Weg beginnt. Auf diesem Weg entscheidet er sich für die Familie, beendet die homoerotische Beziehung und wird ein begeisterter Familienvater und Ehemann. Unter den Zuhörern sitzt ein Vertreter von HuK (Homosexuelle und Kirche). Die Geschichte gefällt ihm nicht. Darum fragt er: “Du hattest schon Kinder. Wenn du Frauen auch anziehend gefunden hast, dann warst du doch bisexuell!?” Daran muss ich denken, wenn ich von Martin Paul und Thorsten Kohlmann lese.

  2. Gast sagt:

    Homosexualität ist ein absolutes Randthema und sollte in der Gesellschaft wie in der Kirche auch als solches behandelt werden. Derzeit könnte der Eindruck entstehen, dass homosexuelle Partnerschaften wenigstens gleiches Gewicht hätten wie die gottgewollte Ehe zwischen Mann und Frau. Wann beginnt endlich die Diskussion über unglückliche Kinder in der modernen Ehe, über die Zunahme psychischer Erkrankungen, die durch zu wenig Zuneigung und Zeit in der traditionellen Familie entstehen? Dreiviertel aller Kinder wachsen noch bei verheirateten Eltern auf, noch, denn der Trend deutet auf einen zunehmenden Verfall der Ehe hin, auf Ehescheidungen, die immer alltäglicher werden und in aller Regel zu Lasten der Kinder gehen. Egoistische Selbstverwirklichung hat aber mit Gottes Wort nichts gemeinsam, und individuelle Gründe für Ehescheidungen sollten deshalb immer hinter dem Glück der Kinder stehen.

  3. conradowitsch sagt:

    Dass ich schon bei der ersten Lektüre weiß, wie Martin Paul eigentlich heißt und ich so ungewollt tiefe Einblicke in das Seelenleben einer mir bekannten Person bekomme, befremdet mich. Jeder psychologisch einigermaßen gebildete Mensch erfährt hier zwischen den Zeilen, worin die eigentliche Not besteht. Dass diese durch Partnerwechsel gelöst werden kann – wer mag es glauben? Das Schicksal der betroffenen Kinder bleibt ausgeblendet. Sie sind wohl die Verlierer. Kirche als Anwalt der Schwachen? – hier kann ich’s nicht erkennen.

  4. aram sagt:

    Und wer erhebt die Stimme für diejenigen, die homosexuell empfinden, dies für sich aber nicht als stimmig für sich fühlen können, denen der übliche Rat: lebe es aus! nicht hilft? Sie haben keine Lobby. Offiziell gibt es sie nicht, darf es sie nicht geben. Sie fragen nach Chancen für Veränderung. Wer bietet sie ihnen an? Das ist die Minderheit in der Minderheit. Muss die Kirche nicht zuerst für solche da sein, unterstützend statt in Frage stellend?

  5. Uwe sagt:

    Kompromiss im Umgang zu Homosexualität und Pfarrhaus
    In versöhnter Verschiedenheit beieinander bleiben
    In ihrer Klausurtagung am 20. und 21. Januar 2012 hat sich die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens intensiv mit der Frage des Umgangs mit Homosexualität beschäftigt.
    Die Kirchenleitung bekräftigt die bleibende Bedeutung der biblischen Ordnung von Ehe und Familie als Leitbild des Zusammenlebens von Frau und Mann. Des Weiteren sollen um der Einheit der Landeskirche willen die Feststellungen der Kirchenleitung vom 29. August 2001 fortgeschrieben werden. Die Landeskirche behält sich vor, in Einzelfällen gleichgeschlechtlichen Paaren das gemeinsame Leben im Pfarrhaus zu gestatten. Dies setzt die einmütige Zustimmung des zuständigen Kirchenvorstandes zwingend voraus und ist nur bei Eingetragenen Lebenspartnerschaften möglich.
    Landesbischof Jochen Bohl wies in seiner Erklärung auf die stark gegensätzlichen Auffassungen in der sächsischen Landeskirche hin, welche nur durch ein gegenseitiges Respektieren und Achten der jeweils anderen Auffassung überwunden werden können. „Ich hoffe, dass die Christinnen und Christen in den Kirchgemeinden unserer Landeskirche diese Entscheidung der Kirchenleitung mittragen werden. Ich bin sicher, dass homosexuell geprägte Menschen, mit denen wir in der Gemeinschaft der Kirche verbunden sind, als Schwestern und Brüder im Glauben akzeptiert werden“, so Bohl.
    Eine wichtige Grundlage der Beratung bildete der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Homosexualität in biblischem Verständnis“. Die Kirchenleitung würdigt den gefundenen Konsens der AG in wichtigen Aspekten. So schließt sie sich ausdrücklich der Einsicht an, dass der status confessionis nicht gegeben ist.

  6. Susanne sagt:

    Das ist eine gute Nachricht!Es ist schön, dass so ein Kompromiss gefunden werden konnte.(Ich hätte nicht gedacht, dass das doch so schnell geht…)
    Ich wünsche mir, dass es weiter so geht und erstens die Diskriminierungen aufhören und zweitens nun wieder mehr Kraft auf andere, auch dringende Fragen, die unsere Landeskirche betreffen, verwendet werden kann.

  7. Leserin sagt:

    Warum müssen Artikel über Homosexualität im christlichen Kontext immer so devot und weinerlich sein? Es geht um Liebe und nicht um das Verlassen von Frauen! Und männliche Homosexualität ist eine Entscheidung für Männer und nicht gegen Frauen!
    Wie conradowitsch bin ich der Meinung, dass das eigentliche Problem ganz woanders liegt. Hinter der devoten Samariterhaltung von Martin verbirgt sich m.E. ganz viel Frauenverachtung und Selbstbezogenheit. IHM hat es wehgetan, dass er ihr das antun musste, und ihr? Denkt er wirklich, die Frauen können nicht ohne ihn? Wir leben doch nicht mehr zu Moses Zeiten! Um wieviel reifer wirken da die Worte seiner Frau! Warum wurden eigentlich weder glückliche und selbstbewusste Menschen noch Frauen interviewt? Der Artikel hat was von Bekenntnisliteratur der 70er.

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