Sieben Wochen Ehrgeiz fasten

29. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Kommentar

7WO2012Sollen wir nicht immer unser Bestes geben? Will nicht jeder, dass er Qualität bekommt, wenn er oder sie sich etwas anschafft? Ist nicht manchmal das Beste gerade gut genug? Und nun ruft die Fasten­aktion »7 Wochen ohne« in diesem Jahr auf, in der Passionszeit auf Perfektionismus zu verzichten, falschen Ehrgeiz zu vermeiden und die Anforderungen an sich selbst herunterzuschrauben. »Du bist gut genug«, lautet die tröstliche Botschaft.

Fast drei Millionen Menschen wollen sich diesem Aufruf anschließen, teilten die Organisatoren der Fastenaktion, die am vergangenen Sonntag in Frankfurt am Main eröffnet wurde, mit.

Es wird wohl nicht jedem Chef gefallen, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin sich mit dem Hinweis auf die Fastenaktion vielleicht zusätzlichen Anforderungen verweigert. Oder zu den Qualitätsstandards Adieu sagt.

Aber kann es nicht heilsam sein, mit mehr Gelassenheit zu leben? Nicht immer schneller, weiter, besser als die anderen zu sein? Oder nicht immer alles billiger haben zu müssen? Denn dort, wo es solche Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Für Schnäppchen, die wir ergattern, zahlen andere mit niedrigen Löhnen oder schlechten Arbeitsbedingungen drauf.

Andere essen während der Fa­stenzeit keine Schokolade, verzichten auf Alkohol oder Fleisch – oder leben eine Zeit ganz ohne feste Nahrung. Auch das mag heilsam sein und die innere Einkehr befördern. Doch ganz ohne Essen kann der Mensch nicht leben.

Und auch ganz ohne Ehrgeiz geht es nicht.

Und so sind sieben Wochen ohne übertriebene Forderungen an sich selbst und an andere ein gutes Mittel, wieder das richtige Maß zu finden und einfach alles »gut« zu machen, statt immer besser, schneller, billiger.

Christine Reuther

Befreit die Tiere aus der religiösen Schmuddelecke

25. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3, Vers 8 b

Den Teufel darfst du dir nicht als Tier mit Hörnern, Hufen oder als reißende Bestie vorstellen«, ist oft zu hören. Dennoch: Tief in der christlichen Vorstellung hat sich der Teufel in Tiergestalt festgesetzt. Tierische Monster befinden sich unter Taufsteinen; Raben, Katzen und Eulen begleiten Hexen. Ketzer, mit Satan im Bunde, verwandeln sich nachts in Wölfe.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Andere Religionen haben Tiere verehrt, im Christentum wurden sie dämonisiert. Tiere verkörpern Emotion und Triebhaftigkeit. Sie sind das »Animalische« schlechthin, das der Mensch selbst tief in sich fühlt, aber dem bösen Triebe zuordnet. Georg, der Drachentöter, ist das Seelenbild des Menschen, der mit dem Tier in sich ringt und die Schlacht gegen den eigenen Körper schlägt.

Nicht nur, dass dadurch die Tiere tief diskreditiert sind, auch unser Verhältnis zum Kreatürlichen hat Schaden genommen. Welch vergeblichen Kampf gegen uns selbst haben wir uns aufgeladen und unser »Tiersein«, das nichts Schlechtes ist, verleugnet?

Die Kirche sieht bis heute das Tier abgrundtief vom Menschen geschieden, auch in der Moral.

Darwin hat die christliche Seele tief verletzt, als er nachwies, dass der Mensch ein Tier ist – wenn auch ein ganz spezielles. Er gehört zum Reich des Lebendigen und ist »Leben inmitten von Leben, das leben will« (Albert Schweitzer). Es ist Zeit, die Tiere aus der religiösen Schmuddelecke zu befreien, ihnen ihre Würde als Mitgeschöpfe wieder zu geben. Das Böse ist anders zu orten.

»Böse ist, was Leben zerstört«, hat es Albert Schweitzer auf den Punkt gebracht. Die Werke des Teufels zerstören heißt: sich fürs Leben auf dieser Erde einzusetzen und »Ja« zum Leben zu sagen, das in uns ist.

Ulrich Seidel

Oma kommt nicht ins Heim

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Ein junger Mann geht einen ungewöhnlichen Schritt: Er pflegt seine Großmutter – ganztags. Das neue Pflegezeitgesetz hilft ihm nicht.
 

Martin Raschke* wirkt übernächtig. »Heute Nacht wurde ich alle zwei Stunden geweckt«, sagt der 30-Jährige. Man könnte meinen, ein junger Vater spricht über sein unruhiges Neugeborenes. Doch Martin pflegt seine Großmutter, Dora Neubauer. Seit ihrem Schlaganfall im Oktober ist sie halbseitig gelähmt und vollständig auf Hilfe angewiesen.

»Das war ein Schock und eine große Umstellung für uns alle«, sagt Martin Raschke. Drei Generationen wohnen im Haus der Raschkes unweit der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche, zu deren Gemeinde sie gehören. Die 92-jährige Großmutter im ersten Stock. Daneben Martins Eltern, die Schwester im Erdgeschoss. Auch Martin ist wieder die meiste Zeit im Haus, als guter Engel in Großmutters Wohnung. »Die Oma in ein Pflegeheim zu geben, kam für uns zu keinem Zeitpunkt in Frage«, erklärt er. Als Altenpfleger ist Raschke ernüchtert vom Alltag in den Heimen.

Stattdessen ist er eingesprungen. Für ein halbes Jahr nimmt er unbezahlten Sonderurlaub.

Seither gibt es für Martin kaum mehr Feierabende. »Einen Angehörigen zu pflegen ist mehr als ein Vollzeitjob«, sagt er. Er bereitet und reicht der Großmutter das Frühstück, hebt sie vom Bett zum Sessel, kocht das Mittagessen, führt zur Toilette, organisiert Arzttermine, fährt sie im Rollstuhl aus.

Entgegen aller Prognosen hat sich Dora Neubauers Zustand sehr verbessert. Familie Raschke weiß um Gottes Fügungen und Führungen.

Martin scheint dafür viel vom eigenen Leben zu opfern. Doch davon will er nichts wissen. »Für mich ist das selbstverständlich«, sagt er. »Das hat etwas mit Achtung vor den Älteren zu tun.« Er spricht davon, etwas zurückzugeben, das er einst empfangen hat. »Meine Oma stand Tag für Tag am Herd und hat mir Mittagessen gekocht«, erinnert er sich lächelnd. Nun kocht er für die Oma. Ein Geben und Nehmen zwischen den Generationen.

Raschkes sind dabei keine Ausnahme. Rund Dreiviertel der 2,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Dieser Einsatz hat seinen Preis. Mehrere Studien zeigen, dass pflegende Angehörige eher chronisch erkranken und unter Depressionen leiden. Zudem stellt sich das Problem, wie Beruf und Pflege vereinbart werden können.

Dem will nun das neue Pflegezeitgesetz abhelfen. Angehörige dürfen seit 2012 ihre Arbeitszeit für die Pflege reduzieren – allerdings verlieren sie damit auch einen Teil ihres Lohnes und müssen den Rest später wieder hereinarbeiten. »Dieses Gesetz nützt uns in unserer Situation nichts«, klagt Martin Raschke. Die Gehaltseinbußen seien zu hoch. Außerdem würden dem Pflegenden letztlich Schulden aufgebürdet. Eine nicht geringe Belastung, findet er.

Die Raschkes versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Martins Mutter übernimmt Nachtwachen, auch seine Schwester ist unterstützend zur Stelle. »Ganz allein ist die Pflege zu Hause nicht zu stemmen«, sagt Martin. Die Spaziergänge mit seinem Hund nutzt er ganz bewusst als Zeit für sich. Auch ist er nicht gänzlich eingezogen in Großmutters Wohnung. Zu diesem inneren und äußeren Abstand raten immer wieder die Experten.

Eines steht für Martin trotz aller Belastung fest: Er ist dankbar für die Zeit, die er noch mit seiner Oma verbringen darf. »Fast jeden Tag höre ich eine Geschichte aus ihrem langen Leben«, berichtet er. Und auch Dora Neubauer ist froh über ihren rührigen Enkel. »Es ist einfach schön, den Lebensweg mit seinen Lieben auch am Ende gemeinsam zu gehen«, sagt sie.

Die Funkklingel in Martins Hand piept. Es ist kurz nach 20 Uhr. Martin lächelt. »Jetzt möchte sie nochmal auf die Toilette, damit sie den Abendfilm durchhält. Das hat sie mir versprochen.« Auf den Film mit seiner Oma freut er sich schon den ganzen Tag.

Stefan Seidel

*Alle Namen von der Redaktion geändert

Hoffnung für Osteuropa: Rechnen statt betteln

23. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Mit den Spenden der Aktion »Hoffnung für Osteuropa« erhalten Roma-Kinder Hausaufgabenhilfe. Denn Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben.
 

Heute sind Gleichungen mit einer Unbekannten dran. Doch die junge Frau, die zwischen den Reihen hin und her geht und die Fragen der Kinder beantwortet, ist keine Lehrerin, und die Kinder sind auch nicht in der Schule. Es ist Hausaufgabenzeit im Gemeindehaus der Roma-Kirche im rumänischen Săcele. Was die Kinder noch erreichen wollen, hat die junge Frau schon: einen Schulabschluss. Das ist für Roma-Kinder nicht selbstverständlich. Deshalb holt die Kirchgemeinde sie von der Straße. Und der Verein »Projekt Leben« aus dem sächsischen Lauterbach bei Stolpen bezahlt die Helferinnen – seit einem Jahr mit Hilfe der Aktion »Hoffnung für Osteuropa«.

Die 1994 ins Leben gerufene Spendenaktion wurde bis 2010 vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verantwortet. Seit 2011 ist es eine Aktion der einzelnen Landeskirchen. »Und das ist gut so«, sagt Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumenreferent im Landeskirchenamt in Dresden. »Denn die Beziehungen nach Osteuropa sind vor allem in den Kirchgemeinden beheimatet.«

Aktionszeitraum für die Spendensammlung ist in jedem Jahr die Passionszeit. Spendenzweck in Sachsen ist für zwei Jahre die Hausaufgabenhilfe in der Roma-Kirche.

Hier engagiert sich seit 1999 der Verein »Projekt Leben«. »Wir haben in den 90er Jahren Jugendfreizeiten über den Jugendverband Entschieden für Christus (EC) in Rumänien veranstaltet. Das hat viele so bewegt, dass sie etwas für die Menschen dort tun wollten«, erzählt Matthias Netwall, der Geschäftsführer des Vereins.

In dieser Zeit sei die Roma-Kirche gewachsen – von 120 auf heute 750 Gemeinden. »Deren Mitarbeiter gehen in die Siedlungen der Roma«, so Netwall. »Und wenn es der Pascha genehmigt, predigen sie dort.« Und immer wieder würden danach Menschen Christen. »Wer dann zu einer Gemeinde gehört, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht mehr«, erzählt Netwall. Denn schon wer eine Schachtel Zigaretten am Tag rauche, ruiniere damit seine Familie. Die Lebensmittelpreise seien wie in Deutschland, doch die Sozialhilfe betrage nur 28 Euro.

Matthias Netwall hat bei seinen Besuchen das Leben der Roma kennengelernt. Auch die eingangs geschilderte Situation ist bei einem dieser Besuche auf Video gebannt worden. »Das Leben der Menschen dort hat mich sehr verändert«, bekennt er. »Wie sie es schaffen zu überleben, das würden wir gar nicht können.« Dabei habe sich die Situation seit 2007, als Rumänien zur EU kam, sehr verändert.

»Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch mehr auseinander gegangen.« Die Roma trifft es besonders hart. Ihre eigene Kirche versucht zu helfen – mit Unterstützung aus Deutschland. Im Jahr 2000 wurde in Sachsen das Jugenddankopfer für den Bau eines Gemeindehauses in Sacele gesammelt. Zur gleichen Zeit gab es schon einmal eine Initiative zur Hausaufgabenhilfe.

»Die Kirchen hatten mitbekommen, dass viele Eltern ihre Kinder zum Betteln schicken statt in die Schule«, berichtet Matthias Netwall. Da boten die Gemeinden ihre wenigen Räume an, damit Kinder dort ihre Hausaufgaben machen konnten. Bis zu 200 Kinder kamen. Doch das ging nicht lange gut. Die ehrenamtlichen »Lehrerinnen« mussten selbst irgendwie Geld verdienen und sich anere Arbeit suchen.

Erst mit Hilfe der Spendenaktion »Hoffnung für Osteuropa« konnte 2011 ein neuer Anfang gewagt werden. Über 20.000 Euro kamen bisher zusammen. Ab Sonntag wird wieder zu Spenden aufgerufen. Denn das ist neu, dass ein Projekt über zwei Jahre gefördert wird.

Doch dem Trägerverein ist Nachhaltigkeit wichtig. »In der Zwischenzeit versuchen wir, Spender zu gewinnen, dass es weiterlaufen und auch auf andere Orte ausgedehnt werden kann«, so Matthias Netwall. Denn nachhaltig sei es schon, wenn die Kinder zwei Jahre unterstützt und gefördert werden. »Dann trauen sie sich schon aufs Lyzeum – so heißt in Rumänien das Gymnasium.« Und dann brauchen sie vielleicht eine Bildungspatenschaft (s. unten).

Christine Reuther

»Hoffnung für Osteuropa«, Konto 100 100 400 der Diakonie Sachsen
bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 350 601 90.

Der Verein »Projekt Leben«

Der Verein hat deutschlandweit 39 Mitglieder. Er unterstützt die evangelische Roma-Kirche in Rumänien durch:

Frauenseminare: Romafrauen werden zu Gesundheitshelferinnen ausgebildet. Dazu gehört Wissen über Hygiene, Heilkräuter, Kneippsche Güsse und natürliche Familienplanung.

Theologische Seminare: Dabei werden kirchliche Mitarbeiter geschult. Diese Ausbildung wird auch von der sächsischen Landeskirche unterstützt. Besonders geht es den Roma-Kirchen-Mitarbeitern, die alle ohne Anstellung tätig sind, um Wissen über die lutherische Theologie.

Bildungspatenschaften: Das sind 25 Euro pro Schüler oder 60 Euro pro Student. Damit können die jungen Roma vor allem ihr Fahrgeld und ihre Studentenwohnung bezahlen. 42 solcher Patenschaften gibt es schon. Etwa 20 junge Leute warten noch darauf.

Hausaufgabenhilfe: Mit Spenden der Aktion »Hoffnung für Ost­europa« werden Kinder von der Straße geholt und nachmittags bei den Schul­arbeiten unterstützt.

Kontakt: Projekt Leben e. V.,
Dorfstraße 110, 01833 Stolpen, OT Lauterbach,
Telefon (03 59 73) 2 94 78.

www.projektleben.org

Kandidat der Herzen

22. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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gauck

Es waren turbulente Stunden vor einer Woche. Christian Wulff hatte seinen Rücktritt erklärt, als die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen wegen Vorteilsnahme gegen ihn angekündigt hatte.

Doch, um es gleich zu sagen: Beschädigt haben die Vorgänge um Wulff das Amt des Bundespräsidenten nicht. Beschädigt wurde dessen Inhaber, beziehungsweise er hat sich selbst geschadet durch undurchsichtige freundschaftliche Verbandelungen.

Da kann man es schon als Sieg der Demokratie werten, wenn der Bundespräsident und frühere Ministerpräsident ein Bürger wie jeder andere ist, der gegen Ermittlungen nicht gefeit ist und der sich für sein Tun vor der Justiz gegebenenfalls auch rechtfertigen und ihr Urteil anhören muss.

Nein, dem Amt hat er nicht geschadet. Das wäre höchstens der Fall gewesen, wenn um seine Nachfolge ein Parteiengeschacher angefangen hätte, welcher Kandidat welcher Partei mehr nützt. So ist es nur zu begrüßen, dass sich schließlich die Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien auf Joachim Gauck geeinigt hat.

Und noch etwas ist erfreulich: Wenn er gewählt wird (was ja nun möglicherweise nicht mehr in Frage steht), dann steht ein evangelischer Pfarrer an der Spitze unseres Staates. Das gab es in der Bundesrepublik noch nie.

Wenn man dann noch in Rechnung stellt, dass mancher im Vorfeld genannte Kandidat und manche Kandidatin auch Amtsträger in der evangelischen Kirche waren, so ist das ein schöner Nebeneffekt bei der ganzen Angelegenheit.

Christine Reuther

Schuldig unschuldig

22. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

urteil

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit – Zeit zur Umkehr. Doch es gibt Menschen, die schreckliches getan haben und dennoch vor Gericht als schuld­unfähig gelten. Schwer zu verstehen für ihre Opfer.
 

Wenn in Großschweidnitz, einem kleinen Dorf südlich von Löbau, Gottesdienst gefeiert wird, dann sitzen sie manchmal ganz dicht beieinander: Kranke und Gesunde, Straftäter und freie Menschen. Die einzige Kirche des Ortes ist zugleich Kirche einer psychiatrischen Klinik, in der auch straftätig gewordene Menschen behandelt werden.

Irgendwann wird vor dem Altar eine Kerze angezündet. Einzelne treten nach vorn und beten in der Stille; sie halten Fürbitte. Manche dieser Menschen gehören zu den Straftätern der Klinik. Vielleicht beten sie für jene, denen sie Unrecht angetan haben, die sie gequält oder gar getötet haben. Doch weil sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen standen, haben Gerichte sie für vermindert schuldfähig erklärt und nach Großschweidnitz geschickt. Sie sprechen dort mit Psychologen, sie schreiben Briefe an ihre Opfer. Einmal im Monat lädt der Klinikseelsorger Peter Pertzsch die Patienten der geschlossenen Abteilung innerhalb der Klinik zu einer Andacht ein.

Schuldunfähig. Für die Opfer von Straftaten und ihre Angehörigen, besonders häufig aber auch für die Öffentlichkeit, die Kriminalität nur aus den Medien kennt, ist es oft unverständlich, warum jemand seiner gerechten Strafe entgehen soll und in einem Krankenhaus auf Staatskosten untergebracht wird.

Für Stephan Sutarski, forensischer Psychiater und gerichtlicher Gutachter aus Dresden, ist die verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit jedoch Folge einer nach »knallharten« Kriterien diagnostizierten Erkrankung, etwa einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Alkohol- oder Medikamentensucht: »Wer im Wahn oder im Rausch handelt, ist nicht fähig, sein Handeln nach moralischen Maßstäben zu steuern und sich schuldig zu machen.« Selbst wenn er weiß, dass seine Tat geltendem Recht widerspricht.

Doch ein Schuldunfähigkeitsurteil ist kein Freispruch. Schnell wird vergessen, dass die nachfolgende Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt oft ein ganzes Leben andauert, während bei einer lebenslänglichen Haftstrafe bereits nach 15 Jahren gute Chancen auf Entlassung bestehen.

Für die suchtkranken Patienten im Großschweidnitzer Maßregelvollzug ist zwar die Therapiedauer auf ­höchstens zwei Jahre festgelegt – die Angst davor, für immer »weggesperrt« zu ein, treibt manche dennoch um, wie Seelsorger Pertzsch berichtet: »Die Leute kommen zu mir, weil sie wissen, dass sie mir alles erzählen können.« Die Straftaten der Patienten bewertet Pertzsch nicht, die Gespräche drehen sich eher um »Vor-Ort-Befindlichkeiten«. Manchmal, ganz vorsichtig, bietet Pertzsch auch ein Gebet oder einen Segen an. Die Einladung zum Gitarrenunterricht kommt meist besser an.

Schwierig wäre es, müsste Pertzsch neben den Tätern auch die Opfer in seine Seelsorgearbeit einbeziehen. Er kann ihre Wut, ihre Ohnmacht verstehen. Und dennoch glaubt er, dass der Wunsch nach Vergeltung nur kurzzeitig entlastet, während Vergebung langfristig frei machen könne: »Vergebung bedeutet nicht, dass ich die Tat des anderen vergesse, sondern dass ich lerne, das Geschehene loszulassen und nach vorn zu schauen.«

Ähnlich formuliert es der Leipziger Theologieprofessor Rochus Leonhardt: »Kein Christ muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er eine Straftat nicht vergeben kann.« Es gehe darum, Vertrauen in die Urteilsfähigkeit Gottes zu haben und keine Selbstjustiz zu üben.

Im Römerbrief steht: »Rächt euch niemals selbst, sondern überlasst die Rache dem Zorn Gottes.« Gott wird auch die Frage der Schuldfähigkeit richtig einzuschätzen wissen.

Friederike Michalek

Gott und der Schlüssel der Sprache

12. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

© nellart

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräerbrief Kapitel 3, Vers 15

Täuschen Sie sich nicht, der Mensch ist ein auditives Wesen«, sagte mir einst ein Pädagoge, als ich Zweifel hegte am vielen Reden in der Kirche. Sicher hat er recht, denn Gehörtes sitzt fester in der Erinnerung als Gelesenes oder Geschautes. Auch ist das Gehör jener Sinn, welcher zuallerletzt erlischt. Manch Kranker, der aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte, wusste, was um ihn gesprochen wurde.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ich erinnere mich nicht nur einmal, dass scheinbar nicht ansprechbare Patienten auf gehörte Psalmworte körperlich reagierten.

Sprachen sind codierte akustische Zeichen und einzigartig auf Kommunikation ausgerichtet. Doch wir könnten nicht sprechen, hätten wir keinen Kehlkopf, der die Stimme hervorbringt. Diese kann unendlich modulieren vom zartesten Raunen bis zum höchsten Gesang.

Das Gehör kann enorm differenzieren: Vokabular, Tonfall, Dialekte oder Untertöne. Wir erkennen Menschen an ihren Stimmen.

»Heute, wenn ihr seine Stimme hört …«.

Was von Jesus geblieben ist, sind Zeilen auf totem Papier, eine Art Konserve. Erst Jahrzehnte nachdem er redete, wurden seine Worte aufgeschrieben in einer Sprache, die er nie gesprochen hat.

Wie mag es sich angehört und angefühlt haben: »Selig, ihr Armen, das Reich Gottes ist euer« oder: »Dein Glaube hat dir geholfen«, als diese Worte einst erklangen und in Galiläa in die Seelen der Hörer und Hörerinnen fielen?

»Verstockt eure Herzen nicht …« will doch sagen, dass Gott im Innersten vernehmbar ist und uns über den Schlüssel unserer Sprache erreichen kann, Offenheit vorausgesetzt.

Nur dass sich das jeder – auch kirchlichen – Kontrolle entzieht. Aber damit müssen wir leben.

Ulrich Seidel

Beten oder blockieren?

10. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

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Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.


Blockaden sind rechtswidrig

Christen sollen in Dresden am 13. und 18. Februar klar gegen Neonazis eintreten – aber sich ihnen nicht in den Weg setzen, meint Sachsens Landesbischof Jochen Bohl.
 

In unserer Landeskirche gibt es erfreulicherweise einen breiten Konsens, dass es dringend notwendig ist, klar und eindeutig Position gegen die neuen Nazis zu beziehen.

Näch­stenliebe braucht Klarheit! Darum rufe ich dazu auf, in Dresden Zeichen gegen die neuen Nazis zu setzen – mit der Menschenkette, den Mahnwachen und Bittgängen.

Zu Blockadeaktionen rufe ich aus zwei Gründen nicht auf. Zunächst, weil man sich in den letzten Monaten in Dresden sehr um einen gemeinsamen Aufruf der demokratischen Parteien und Kräfte bemüht hat. Ich bin dankbar, dass dieser Konsens erstmals zustande gekommen ist.

Er besagt, dass nicht zu Blockadeaktionen aufgerufen wird, sondern zu einer Kundgebung in Hör- und Sichtweite der Nazis. Diesem Aufruf schließe ich mich an, weil ich ihn für richtig und notwendig halte.

Zweitens, weil Blockaden rechtswidrig sind. Das hat unter anderen der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und jetzige Vorsitzende der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD, Professor Dr. Hans-Jürgen Papier, im vergangenen Mai in Dresden dargelegt. Der Konsens unter den Juristen ist eindeutig.

Es fällt sicher nicht leicht, zu akzeptieren, dass in einem demokratischen Rechtsstaat auch die Feinde der Demokratie durch das Recht geschützt sind. Aber ausnahmslos alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht zu demonstrieren, solange eine Demon­stration nicht verboten wird.

Nun ist es denkbar, dass die Kirche die Christinnen und Christen aufrufen muss, sich über das Recht hinwegzusetzen – das wird aber nur in seltenen Ausnahmefällen und dann zur Abwendung eines übergesetzlichen Notstands in Frage kommen. Davon kann aber an dieser Stelle keine Rede sein.

Jochen Bohl

Katrin Göring-Eckardt ist Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestages. <br>(Foto: DEKT)

Katrin Göring-Eckardt ist Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestages.
(Foto: DEKT)


Dem Hass den Weg verstellen

Dresdens Zerstörung ist eine Mahnung, wohin die Ideologie der Neonazis führt, meint Katrin Göring-Eckardt. Deshalb unterstützt sie Blockaden.
 

Die Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich habe sie 1989 in der DDR selbst durch damals illegale Demonstrationen mit erkämpft. Sie bedeutet, die eigene Meinung öffentlich kund zu tun, aber auch hinzunehmen, wenn andere für Ziele demonstrieren, die man selbst ablehnt.

Bei den geplanten Aufzügen der Neonazis in Dresden soll aber nicht für eine politische Position demonstriert werden, sondern für eine Ideologie der Intoleranz und Unmenschlichkeit, des Hasses und der Gewalt.

Die Nazis berufen sich auf die Demonstrationsfreiheit – um dafür zu demonstrieren, diese Freiheit zu nehmen, wie auch die Meinungsfreiheit, die Toleranz und Mitmenschlichkeit. Sie sprechen einigen Menschen sogar das Recht ab, überhaupt leben zu dürfen. Über 150 Menschen wurden deswegen in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland ermordet. Die schrecklichen Taten der rechtsextremen Terroristen sind nur ein weiterer Beweis dafür, dass den Worten der Neonazis auch Taten folgen.

Aus diesem Grund bin ich Erstunterzeichnerin des Aufrufs »Nächsten­liebe verlangt Klarheit – Kein Naziaufmarsch, nirgendwo« der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus. Zur Verteidigung unserer Werte gehören klare Signale, gerade in einer Stadt, die so furchtbar unter dem von Nazis begonnenen Krieg gelitten hat.

Das Schicksal Dresdens ist uns Mahnung, wohin diese menschenverachtende Ideologie führt: In Tod und Verderben! Und es ist uns Auftrag, uns dem in den Weg zu stellen – gewaltfrei, aber bestimmt. In Anlehnung an Martin Luther: Hier stehe ich, ich kann nicht anders!

Katrin Göring-Eckardt

Protest als Schule der Demokratie

9. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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DSC_7719Ist Dresden sein Problem mit Neo­nazis los? Ihren Großaufmarsch, am 18. Februar haben sie zumindest abgesagt. Die Blockaden der vergangenen Jahre haben Wirkung gezeigt, sagen einige. Manches scheint dafür zu sprechen. Die Frustration unter den verhinderten Neonazi-Demonstranten jedenfalls war 2010 und 2011 nicht zu übersehen. In Jena hatten Sitzblockaden schon vor Jahren den braunen Spuk beendet.

Ist eine demokratisch fragwürdige Methode also die einzig wirksame gegen Demokratiefeinde?

Nein. Entscheidend ist nicht diese oder jene Art des Protestes, sondern dessen breite Basis. Wer sich symbolisch in eine Menschenkette einreiht, ist ebenso wichtig wie jemand, der sich auf die Straße setzt. Denn beide haben begriffen, dass sie die Lösung nicht Verwaltung, Gerichten und Polizei überlassen können, sondern sich selbst aufmachen müssen.

Auch wenn sich am 18. Februar in Dresden kein einziger Neonazi blicken lassen sollte, in der Vorbereitung haben alle Beteiligten mehr über Demokratie gelernt als in den Jahren zuvor. Zum Beispiel, dass Widerstand gegen Rechtsextremisten anstrengende Diskussion braucht, aber nicht Sturheit. Dass Kompromisse nötig sind, weil erst der Konsens die gewünschte politische Wirkung entfaltet.

Noch ist es für Triumph zu früh. Das Fatalste wäre es, erleichtert daheim die Füße hochzulegen. Vielleicht hat Dresden nun erstmals die Chance, Trauer und Gedenken in ein Freudenfest der Demokratie münden zu lassen.

Geschafft wäre es damit noch längst nicht. Große Neonaziaufmärsche lassen sich verdrängen. Rechtsextremes Denken aber ist damit nicht aus der Welt. Um Menschen dagegen zu immunisieren, braucht es geduldige, unspektakuläre Kleinarbeit.

Tomas Gärtner

Ethik beginnt beim Einkauf

8. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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fairtrade

Wir wollen gesund essen, doch viel kosten soll es möglichst nicht. Wir wollen uns schick kleiden, aber billig muss es sein. Wer etwas günstig ergattert, ist dann glücklich. Und der Händler ist es auch, wenn sein Umsatz stimmt.

Doch das Glück ist einseitig. Mittlerweile müsste es sich herum gesprochen haben, dass unser preiswertes Leben meist auf Ko­sten anderer geht. Der Bauer, der die Schweine mästet, will damit Erlöse erzielen, von denen er leben kann. Bei niedrigen Preisen geht das dann meist nur mit Senkung des Aufwands. Und schon sind wir bei der Massentierhaltung.

Ähnlich ist es bei der Kleidung. Kosten senken, heißt auch da meist die Devise. Und das auf Kosten der Arbeiterinnen in den Nähereien Asiens oder Afrikas. Sie schuften, damit wir uns über ein neues Kleidungsstück freuen können.

Da beruhigt es das Gewissen nicht, das Gebrauchte in einen der Sammelcontainer zu werfen, die zumeist von karitativen Organisationen aufgestellt werden. Denn diese Kleidung kommt keinem Bedürftigen als Spende zugute. Es ist ein Riesengeschäft, das vor allem in Afrika gemacht wird. Auf Kosten der dortigen Textilindustrie. Denn wer dort ein T-Shirt auf dem Gebrauchtwarenmarkt für umgerechnet einen Euro haben kann, wird keines aus heimischer Produktion kaufen.

Und so ist es höchste Zeit, dass wir Kunden und Verbraucher nicht nur von den Unternehmen verlangen, sie mögen nach ethischen Gesichtspunkten produzieren, und dass Banken nach ethischen Kriterien das Geld anlegen. Da muss schon jeder selbst aufpassen. Gütesiegel über faire Produktion gibt es mittlerweile genug. Und es gibt auch noch genug zu tun, bis diese sich in unseren Köpfen eingenistet haben.

Christine Reuther

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