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Freibergs jüngste Geschichte

Ein Buch untersucht die DDR-Kirche in der Domstadt
Tomas Gärtner
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Nach sechs Jahren Forschungsarbeit liegt Freibergs Kirchengeschichte nun vollständig vor. Der vierte und letzte Band beleuchtet die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur deutschen Einheit. Etwas Besonderes ist er in mehrfacher Hinsicht, denn an das darin Beschriebene dürften bei etlichen Freibergern noch Erinnerungen wach sein. Zudem haben in jenen Jahren die Gemeinden ihr unterschiedliches Profil ausgeprägt, das sie heute kennzeichnet.

Schließlich ist Autor Karl-Hermann Kandler diesmal in einer Doppelrolle: Der 79-jährige emeritierte Professor für Systematische Theologie in Leipzig war selbst von 1980 bis 1990 Pfarrer in Freiberg. Ist da die nötige Objektivität möglich?, könnte man sich fragen. Andererseits eröffnet sich dem Leser eine Innensicht, die vertieft. Jedenfalls hält der Autor sich streng an Dokumente, in denen er sich jedoch auch ausführlich selbst zitiert. Sein Stil ist zurückhaltend sachlich, bisweilen trocken. So aber behält man einen klaren Blick gerade dort, wo es emotional wird, wenn man Menschen in Konflikte verstrickt sieht. Eines jedenfalls wird deutlich: Es ist Perspektive eines Mannes der Kirche.

Der Leser erfährt, wie rasch nach Kriegsende die Reibereien mit Staatsvertretern begannen. 1947 etwa versuchte die Stadtverwaltung Einfluss zu nehmen auf kirchliche Trauerfeiern. Tribunalartig relegierte die Bergakademie 1952 elf Studenten. Die Schwierigkeiten für Christen nahmen zu: »Es waren zumeist eher Sticheleien als große Aktionen, die man seitens staatlicher Organe gegen die Kirche unternahm.« Das konzentrierte sich besonders auf den Kampf Jugendweihe kontra Konfirmation. Doch die Behörden behinderten auch die Krankenhausseelsorge. Ständig mussten Kirchenvertreter einen Abwehrkampf gegen ideologische Vereinnahmung führen. Superintendent Cornelius Kohl erinnert sich: »Wir Pfarrer hatten ein Stück Freiraum und nutzten ihn ... zu offenen Gesprächen mit den staatlichen Stellen. Wir wurden aber auch von diesen benutzt, um herauszufinden, was man denke, und auch, was die Bevölkerung dachte.« Pfarrer jedoch, die für die Staatssicherheit spitzelten, blieben die Ausnahme. »So schlimm dies alles auch ist, von einer staatsabhängigen Kirche kann man nicht sprechen«, urteilt der Autor.

Im Herbst 1989 öffneten die Kirchen ihre Räume für Dialog-Veranstaltungen. Superintendent Wilhelm Schlemmer moderierte den »Runden Tisch«. Eine Gratwanderung, da die SED die Freiberger Pfarrer für die Beruhigung der aufmüpfigen Bevölkerung einspannen wollte. Mit den ersten freien Wahlen zogen sich die Kirchenvertreter aus der Politik zurück. Doch etliche Christen engagierten sich in Parteien und Bürgerbewegung.

Besonders aufschlussreich sind die Exkurse am Ende. Im nüchternen Protokollton berichten die Dokumente zum Beispiel von beeindruckender Standhaftigkeit junger Christen. Sie verweigerten das öffentliche Bekenntnis zu Hass und zum Dienst mit der Waffe und nahmen in Kauf, von der Schule geworfen zu werden. Die Festschrift des Gymnasiums 2015 verliere darüber kein Wort, so Kandler. So schließt dieses Buch nicht nur eine Lücke in der jüngsten Kirchengeschichte, auch im kollektiven Gedächtnis der Freiberger.

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