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Geht es nur noch abwärts?

Zukunft: Die Landeskirche wird um 40 Prozent schrumpfen, sagt die Kirchenleitung – doch in den Gemeinden zweifeln viele an dieser Prophezeiung. Das sind die Fakten.
Andreas Roth
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Zum Glauben gehört der Zweifel. Selbst wenn es um Statistik geht. »Die dem Papier ›Kirche mit Hoffnung‹ zu Grunde gelegten statistischen Erhebungen fragen wir sehr an!«, schreibt der Vorstand der St. Johannis-Kirchgemeinde Crimmitschau in einer Eingabe an die Landessynode. Auch andere Gemeinden zweifeln an der Datengrundlage der landeskirchlichen Strukturreform.

Die Kirchenleitung präsentiert in ihrem Papier »Kirche mit Hoffnung« eine Vorhersage: 40 Prozent weniger Mitglieder werde die Landeskirche bis 2040 haben – und damit über 40 Prozent weniger Personal. Zu den Gründen für diese Annahme schreibt sie nichts. »Es ist sehr problematisch, wenn eine Prognose nicht deutlich macht, welche Annahmen ihr zugrunde liegen« sagt Mathias Siedhoff, Mitglied im Vorstand des Centrums für Demografie und Diversität der TU Dresden. »Die Qualität einer Prognose zeigt sich auch darin.« Nur im mündlichen Vortrag gegenüber der Synode ließ sich das Landeskirchenamt in sein Zahlenwerk schauen.

Sachsen schrumpft, das ist unstrittig. Das Landesamt für Statistik geht von höchstens fünf Prozent weniger Einwohnern bis 2030 aus. Leipzig und Dresden sollen sogar kräftig wachsen, während Erzgebirge und Lausitz besonders stark verlieren. Doch warum sagt die Landeskirche im selben Zeitraum ein Elf-Prozent-Minus voraus? Weil der Anteil an evangelischen Sachsen seit Jahrzehnten stetig sinkt – und den Mitgliederrückgang in der Kirche noch einmal verstärkt.

Das Landeskirchenamt hat genaue Daten über die Größe jedes Jahrgangs in seiner Mitgliederkartei. »Die Zahlenreihen der einzelnen Jahrgänge können wir mit anerkannten statistischen und prognostischen Verfahren in die Zukunft übertragen«, erklärt der Finanzdezernent der Landeskirche, Oberlandeskirchenrat Michael Klatt. »Das ist relativ eindeutig und sicher.«

Bei der letzten Strukturreform sagte das Landeskirchenamt 2011 für das Jahr 2014 genau 728 796 Mitglieder voraus – es wurden 727 880. Auch die Angaben der sächsischen Finanzverwaltung über die Kirchensteuerzahler zeigen für Michael Klatt: »Deren Zahl wird sich bis 2040 fast halbieren, weil geburtenschwache Jahrgänge nachrücken. Der Trend ist eindeutig.«

Doch es gibt auch eine unsichere Variable, räumt der Finanzdezernent ein: die Taufen. Die Landeskirche geht von einem schon länger zu beobachtenden Trend aus, dass immer mehr evangelische Eltern ihre Neugeborenen nicht mehr taufen lassen, damit sie sich später selbst entscheiden können. Doch seien sie damit für die Kirche nicht verloren, kritisiert der Vorstand des Kirchenbezirks Leipzig in einer Eingabe: »Es dürfte statistisch erwartbar sein, dass diese Kinder mit einer gewissen Häufigkeit von dieser Wahl tatsächlich Gebrauch machen«.

Zweifel gibt es auch an dieser Gleichung der Kirchenleitung: 40 Prozent weniger Mitglieder gleich 40 Prozent weniger Geld. Allein die Leistungen des Freistaats Sachsen an die Landeskirche stiegen in den letzten zwanzig Jahren von 13 auf 22 Millionen Euro. Mehr noch: 2009 sagte das Landeskirchenamt für das Jahr 2014 Gesamteinnahmen in Höhe von 147 Millionen Euro voraus – es wurden 199 Millionen Euro. Innerhalb von zehn Jahren verdoppelten sich die Kirchensteuerzahlungen pro Gemeindeglied sogar.

»Das Positiv-Szenario mit enorm guter Konjunktur, guter Beschäftigung, guten Tarifabschlüssen und guter Steuergesetzgebung, das wir in den letzten Jahren erlebt haben, kann eigentlich nicht übertroffen werden«, sagt Finanzdezernent Michael Klatt. Er verweist auf Trump, die Zinskrise, die offenen Fragen der EU.

Die Leitung der Landeskirche will lieber vorsichtig planen, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Ihre Kritiker dagegen nehmen den Titel ihres Papiers »Kirche mit Hoffnung« beim Wort.

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2 Lesermeinungen zu Geht es nur noch abwärts?
Gert Flessing schreibt:
29. März 2017, 16:43

Was hilft uns als Kirche, in der Situation, in der wir sind?
Ich neige nicht dazu, Statistiken für den "Heiligen Gral" zu halten. Vor allem Statistiken über einen Zeitraum, der Jahrzehnte umfasst, haben gewiss eine "kleine Unschärfe".
Andererseits weiß ich, da ich die Gemeindeentwicklung der, von mir zu überblickenden, jüngeren Zeit, kenne, das es einen Abwärtstrend gegeben hat, der auch noch nicht gestoppt ist.
Geburt und Tod spielen dabei ebenso eine Rolle, wie arbeitsbedingte Wegzüge.
Dazu kommen Zweifel von Gemeindegliedern an der Landeskirche, die sie Zuflucht bei Freikirchen suchen lassen.
Andererseits stelle ich Zuzüge fest, auch von Menschen, die vor Jahren die Region verlassen haben und nun wieder da sind. Manche, weil sie hier doch Arbeit fanden, manche auch, weil sie, als Rentner in der alten Heimat leben möchten.
Ich erlebe auch, das die Summen des Kirchgeldes durchaus stabil sind.
Das hängt gewiss mit der, oben angeführten, guten Konjunktur zusammen.
Dennoch bin ich der Meinung, das es sich lohnen kann, über das, was vertraut ist, hinaus zu denken und zu planen.
Die in einem anderen Artikel angesprochene Konfirmandenarbeit zeigt, was möglich ist. Weiter denken und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit finden, sollte nicht so schwer sein.
Wird dabei die Identität der einzelnen Gemeinden in Frage gestellt? Wird da vielleicht die Zuständigkeit dieses oder jenes Kirchenvorstandes verletzt?
Liebe Geschwister, nur keine Eitelkeiten und nur kein Gerangel um irgend ein Fetzchen Macht!
Wir dienen Christus und er ist der Herr der Gemeinde, weder der Pfarrer, noch der Kirchenvorstand.
Von daher ist es müßig, sich über Statistiken aufzuregen, wenngleich es schon interessant wäre, deren Hintergründe offen einsehen zu können.
Was uns, als Kirche hilft, ist das, was schon immer geholfen hat. Sich deutlich zu machen, das wir Christus dienen und das wir ihm, in diesem dienst, vertrauen können.
Das bedeutet aber auch, nicht vor dem zurück zu schrecken, was uns über, lieb gewordene, Grenzen führt. Der Weg zueinander, in einer Region, kann mühsam sein und verdrießlich machen. Wir haben es ja mit Menschen zu tun. Aber er ist Teil der Nachfolge und vielleicht auch Teil des Kreuzes, das wir zu tragen haben. Doch wenn wir ihn zu gehen wagen, ist er nicht ohne Hoffnung.
Gert Flessing

Matthias Helbig schreibt:
29. März 2017, 19:24

Die im ersten Absatz zitierte Eingabe der Kirchgemeinde Crimmitschau steht auf der Seite http://kirche-mit-hoffnung.de zum Nachlesen bereit. Dort finden sich noch weitere Eingaben und Dokumente zur vorgeschlagenen Strukturreform sowie der Link zur einer Petition an die Landessynode, diese Strukturreform zu stoppen und zusammen mit den Gemeinden neu anzufangen.

Tageslosung

Josef tröstete seine Brüder und redete freundlich mit ihnen.

(1.Mose 50,21)

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

(Römer 12,21)

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