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Am Pulsschlag der Geschichte

Leipzigs ehemaliger Superintendent Friedrich Magirius legt seine Lebenserinnerungen vor
Von Stefan Seidel
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Sein Name ist eng mit der Friedlichen Revolution von 1989 verbunden: Friedrich Magirius, seinerzeit Superintendent von Leipzig und Wegbereiter der montäglichen Friedensgebete. Mit 87 Jahren hat der Kirchenmann und spätere Politiker nun seine Lebenserinnerungen vorgelegt.

Sie lesen sich streckenweise wie ein Krimi. Denn es sind nicht nur Geschichten eines langen Lebens, sondern Geschichten, die Geschichte schrieben. Diesen Pulsschlag der großen Geschichte spürt man besonders in Magirius’ Beschreibungen der Jahre 1987 bis 1990.

Seit 1982 war er Superintendent in Leipzig und Pfarrer der Nikolaikirche – und folgte alsbald der Bitte friedensbewegter Jugendlicher, ein regelmäßiges Friedensgebet einzuführen. In seiner vorherigen fast zehnjährigen Tätigkeit als Leiter der Aktion Sühnezeichen hatte Magirius erlebt, dass Versöhnung und Frieden möglich sind, wenn man aktiv darum bittet. Die weitreichenden Folgen hatte er in der Geburtsstunde der Friedensgebete allerdings noch nicht abgesehen. Auch als sich ab 1987 die Situation aufzuheizen begann, als zunehmend Ausreisewillige die Montagsgebete als Plattform nutzten, wollte Magirius keine Revolution. »Unsere Friedensgebete richteten sich vorwiegend auf die Veränderung der misslichen Verhältnisse in der DDR oder gegen die Hochrüstung. Aber dass sie zu so weitreichenden und einschneidenden Änderungen, wie der Einheit Deutschlands (…) führen würden, das habe ich nicht geglaubt.« Magirius wollte die Zeichen der Zeit erkennen und dort Kirche für andere sein, wo es nötig war.

Dabei stand er oft in Konflikten – sowohl innerkirchlich etwa mit Pfarrer Christoph Wonneberger als auch mit den staatlichen Stellen. Detailliert beschreibt Magirius den entscheidenden Tag, den 9. Oktober, jene »Atmosphäre der Angst«, die sich seit den Morgenstunden durch die Stadt zog  – und den unglaublichen, friedlichen Verlauf der Demonstration, der ihn tief bewegt hat.

Doch Magirius geriet in der Wende nicht in eine schwärmerische Euphorie. Er sah auch klar die Gefahren des »westlichen Mammons« und einer zu schnellen Übernahme der DDR. 1990 wurde Magirius zum Geburtshelfer der neuen Demokratie, indem er den Runden Tisch in Leipzig moderierte. Später lenkte er noch als Stadtpräsident die Geschicke seiner Stadt. Heute blickt er dankbar auf sein wechselvolles Leben – und formuliert noch einmal seine Mahnung: »Das Wachsen der Ökonomie muss sich verbinden mit dem Wachsen an Mitmenschlichkeit und Solidarität.«

Dieses Buch hält authentisch ein Stück Zeit- und Kirchengeschichte fest und lässt manches im Rückblick besser verstehen. Es sichert aber auch den Kern einer christlichen Existenz: dass der Glaube an Versöhnung nicht vergeblich ist, sondern Wirklichkeit werden kann.

Friedrich Magirius: Gelebte Versöhnung. Meine Erinnerungen. Mitteldeutscher Verlag, 240 S., 19,95 Euro.

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