Doppelt hält nicht besser
29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Johannes tauft Jesus – so malte es Lucas Cranach der Jüngere 1560 für die Wittenberger Stadtkirche. Als Taufzeugen fügte er den Reformator Johannes Bugenhagen in das Bild ein. Foto: epd-Bild
Wiedertaufen spalten Gemeindegruppen. Dabei geht es um die Frage: Muss ich mir Gottes Liebe verdienen?
Drei Wochen nach der Taufe saßen sich die sechs Täuflinge und die beiden Pfarrer ihrer erzgebirgischen Kirchgemeinde gegenüber. Die Atmosphäre war frostig. Denn über die Köpfe der erwachsenen Männer und Frauen war im Herbst vergangenen Jahres nicht das erste Mal Taufwasser geflossen. Bereits als Kind hatten sie das Sakrament empfangen – und nun in einer Freikirche wiederholt.
»Der Glaube muss vor der Taufe kommen«, sagte einer von ihnen zur Begründung. Die Taufe eines ungläubigen Säuglings ist in ihren Augen nichts wert. Die sechs wollten sich erst bewusst für Jesus entscheiden und als Zeichen dafür getauft werden – zum zweiten Mal. Ein Mensch, der getauft ist und sich nicht konsequent für den Glauben entscheidet, der wird ihrer Meinung nach von Gott nicht gerettet.
»Aber in der Taufe schenkt Gott mir seine Gnade. Die hält mich auch, wenn ich keine Kraft mehr habe«, erwiderte der Pfarrer den drei Ehepaaren. Sie waren engagiert in der Landeskirchlichen Gemeinschaft und sind erfolgreich im Beruf. Eine Leistung wollen sie auch für Gott erbringen.
»Paulus schreibt: Du bekommst von Gott, was du eigentlich nicht verdient hast«, sagte der Pfarrer. »Doch mit einer Wiedertaufe will man sich das Heil verdienen.«
Das ist kein Einzelfall. Es gibt mehrere Kirchgemeinden in Sachsen, in denen sich Einzelne oder kleine Gruppen in den letzten Jahren für eine Wiedertaufe entschieden. Schmerzhafte Aspaltungen von der Gemeinde sind oft das Ergebnis. Genaue Zahlen nennt die Landeskirche nicht. Doch ihre Taufordnung formuliert unmissverständlich: Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus und seiner Kirche bleibe ein Leben lang gültig.
»Mit einer Wiedertaufe geschieht die Trennung von der Landeskirche, solange die Betreffenden sich nicht von der Wiedertaufe distanzieren«, so die Ordnung. Die sechs nochmals getauften Christen aus dem Erzgebirge trennten sich freiwillig von ihrer Kirche.
Schon Martin Luther kämpfte hart mit den Wiedertäufern – es kam in der Reformationszeit zu Hinrichtungen und Vertreibungen. Auf seiner Vollversammlung bekannte der Lutherische Weltbund am 22. Juli seine Schuld gegenüber der Verfolgung der mennonitischen Kirche und aller Täufer. Unverändert aber gilt für ihn Luthers Lehre: Die Taufe ist ein Geschenk Gottes - und kein menschlicher Verdienst.
Doch in einer Gesellschaft, in der ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, hat es ein Geschenk schwer. »In ganz Deutschland gibt es einen Trend zur Individualisierung«, sagt Gert Pickel, Professor für Religionssoziologie an der Universität Leipzig. »Man könnte die Wiedertaufe als bewusste Entscheidung stark individualisierter Menschen deuten, die selbst aktiv entscheiden wollen.«
Dabei sollte man die Motive der Menschen, die sich für eine erneute Taufe entscheiden, durchaus ernst nehmen, sagt Wolfgang Ratzmann, Leipziger Professor für Praktische Theologie. »Die Kirche muss über neue Formen nachdenken für Lebensentscheidungen wie einen Wiedereintritt in die Kirche – und auch dafür, dass uns immer neu bewusst wird: Ich bin getauft.«
Ratzmann verweist auf katholische Kirchgemeinden in Bayern. Sie begrüßen wiedereingetretene oder neu zugezogene Mitglieder mit einer liturgischen Zeremonie. Und erst unlängst versammelten sich im Semesterabschlussgottesdienst der Leipziger Universität Besucher um den Taufstein der Nikolaikirche, wo ihnen mit Wasser ein Kreuz auf die Handflächen gezeichnet wurde – als Erinnerung an ihre Taufe.
Die Landeskirche ruft im Rahmen des Reformationsjubiläums der EKD das nächste Jahr zum »Jahr der Taufe« aus. Dann sollen am 1. Mai Kirchgemeinden in Gottesdiensten eine Tauferinnerung für Kinder und Erwachsene anbieten. Über die Bedeutung der Taufe – so viel ist sicher – muss neu gesprochen werden.
Andreas Roth
Die Einzelkämpfer
29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Der Dresdner Kantor Stefan Gehrt spielt nicht nur viele Musikinstrumente, sondern ist auch für mehrere Gemeinden zuständig – mit einer 70-Prozent-Stelle. Vielen seiner Kollegen geht es ebenso. Foto: Steffen Giersch
Sie haben Teilzeitstellen und arbeiten oft mehr als sie müssten. Darüber wollen Sachsens Kantoren auf dem Kirchenmusikertag miteinander reden.
»Ich gehöre zu den ersten Kantoren in Sachsen, die in mehreren Gemeinden angestellt sind«, sagt Stefan Gehrt. Zwischen drei Kirchen ist er unterwegs, mit einer 70-Prozent-Stelle. Das bedeutet 28 Arbeitsstunden pro Woche. »Aber nur auf dem Papier. In Wirklichkeit komme ich auf 50 Wochenstunden«, erzählt er.
Mehr Zeit als früher braucht er, um seine musikalische Arbeit zu organisieren. »Früher konnte mir das Gemeindebüro vieles abnehmen.« Doch hier ist der Verwaltungsangestellte bereits für Pfarramt und Friedhof zuständig. »Der macht schon reichlich Überstunden.« Also muss Stefan Gehrt für musikalische Gottesdienste und Konzerte Programme und Ankündigungen selber schreiben, Plakate und Flyer gestalten und drucken lassen, die Finanzen für die Kirchenmusik verwalten.
Damit sich Termine in der einen nicht mit denen in der anderen Gemeinde überschneiden, sind zusätzliche Ausschuss-Sitzungen und Besprechungen nötig. Da bleibt für die Hauptsache – den musikalischen Alltag – nicht mehr viel Zeit. »Ich kann fast nur noch bei Höhepunkten wie Konfirmation oder Festgottesdiensten dabei sein.«
Gemeindezusammenschlüsse, größere Gebiete, weniger Personal – Stefan Gehrt weiß, dass die meisten Kantoren in der sächsischen Landeskirche mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Doch jeder stehe wie ein Einzelkämpfer auf seinem Posten. Nun aber wollen sie erstmals gemeinsam nach Lösungen suchen. Gelegenheit dafür sehen er und seine Mitstreiter zum Sächsischen Kirchenmusikertag am 18. September. »Dort kommt es darauf an, dass sich viele ehren-, neben- und hauptamtlich arbeitende Kirchenmusiker zusammenfinden, sich austauschen und deutlich vernehmbar artikulieren«, sagt er.
Ende 2009 hat er gemeinsam mit anderen Kantoren das »Netzwerk Kirchenmusik in Sachsen« initiiert. Drei Hauptprobleme gilt es für sie zu lösen: Erstens müssten alle Verbände, Vereine, Werke, Einrichtungen der Kirchenmusik mit Vertretern der unterschiedlich angestellten Kantoren zusammenkommen. Nach dem Vorbild der Jugendkammer schlagen sie eine »Kammer für Kirchenmusik« vor.
Zweitens wollen sie die bisherige Arbeitszeitkalkulation – 40 Prozent für »öffentlich sichtbare Dienste«, 60 Prozent für alle anderen Arbeiten – zur Diskussion stellen.
Stefan Gehrt schätzt: »Etwa zwei Drittel kommen damit nicht zurecht. Je geringer ihr Anstellungsumfang, desto schlechter funktioniert es.«
Drittens sollen die Kantoren mehr Klarheit über Rechte und Pflichten bekommen. Das mehrbändige Regelwerk dazu sei kaum zu überschauen. »Wir wollen eine Art Kompendium mit dem Wichtigsten daraus zusammenstellen.«
Alte Versorgungsprinzipien für die Kantoren und für die neuen Gemeindestrukturen seien durch Flickschusterei nicht zusammenzukitten, meint Stefan Gehrt. Die Kirchenmusiker brauchten neue Arbeitsbedingungen. »Sonst droht ihnen reihenweise Burnout.«
Sachsens Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) Markus Leidenberger stimmt ihm im Grundsätzlichen zu. Heute gebe es vielerorts größere Gebilde, etliche Kantoren arbeiteten mit mehreren Kirchenvorständen zusammen. Die Ordnungen indes stammten aus einer Zeit, da jede Gemeinde ihren Kantor hatte. Änderungsbedarf sieht deshalb auch er. Mahnt allerdings, nicht übers Ziel hinauszuschießen: »Wir müssen das Gegebene behutsam an die neuen Bedingungen anpassen, dabei die Folgen jeder Änderung abschätzen. Eine Veränderung in einer Ordnung zieht Veränderungen in anderen Ordnungen nach sich. Das ist ein kompliziertes Geflecht.« Als LKMD müsse er das Ganze im Blick behalten.
Annehmbare Bedingungen hält auch er für nötig. Schon wegen der enormen Bedeutung der Kirchenmusik. »Chöre und Posaunenchöre sorgen für soziale Kontakte. Sie sind die stabilsten Netzwerke in den Gemeinden.« Inzwischen hätten etliche Chöre auch Sänger, die keine Kirchenmitglieder sind. Durch Musik öffne sich die Kirche nach außen. »Bei Konzerten ist die Schwelle für Nichtchristen viel niedriger.«
Tomas Gärtner
Von denen, die Jesus nachfolgen, wird mehr verlangt
23. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, Verse 8 und 9
Wahrscheinlich ist es für viele ein Bedürfnis, die Welt und die Menschen einzuteilen in gut und böse, in weiß und schwarz oder – wie eben im Epheserbrief – in Licht und Finsternis. Diese Einteilung der Welt und der Mitmenschen ist sehr alt, viel zu einfach und misslich noch dazu, weil sie alles im Gegensätzlichen belässt und die Welt in einen Gegensatz zu Gott bringt. Und den Kindern des Lichtes können eben nur die Kinder der Finsternis gegenüberstehen; hier die Guten, da die Schlechten. Aber so ist die Welt nicht, sind wir Menschen nicht.

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig. Foto: Armin Kühne
Bei Jesus klingt das oft anders: Wenn schon Menschen Gutes tun, die Gott nicht kennen, wie viel mehr müsst ihr tun, die ihr von Gott so reich beschenkt seid. Jeder vernünftige Mensch sollte einschätzen können, was angemessen ist und wie man sich verhalten soll. Von denen jedoch, die Jesus nachfolgen, ist mehr verlangt!
Da wird keine ethische Forderung erhoben. Etwa: Nun strengt euch mal an und reißt euch zusammen! Daran können wir nur scheitern.
Von uns wird verlangt, das weiterzugeben, was uns überreich geschenkt wurde. Wer ein Vermögen bekommt, sollte nicht um Rechenpfennige feilschen. Wem alle Schulden erlassen werden, sollte großzügig auf eigene Forderungen verzichten können. Und wer mit offenen Armen empfangen wurde, sollte niemandem die Tür vor der Nase zuknallen.
Nichts, was über unser Vermögen geht, sollen wir leisten. Sondern nach dem Motto leben: Wie Du mir, Gott, so ich allen anderen.
Das hieße, als Kinder des Lichtes zu leben, wenn wir unseren Mitmenschen so begegneten, wie Gott uns gegenübertritt: vorbehaltlos und bedingungslos. Schwer genug. Aber auch die Früchte des Lichts haben Zeit zum Reifen.
Frank Martin
Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig.
Muttis Arbeit
22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar
Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, dann bleibe ich Zuhaus. Ich binde meine Schürze um und kehr die Stube aus …«, hieß es in einem Kinderlied aus DDR-Zeiten. Es besang die Emanzipation der Frau – und des Kindes: Während Mutti den Beruf ausübt, macht das Kind die Hausarbeit. Heute macht Mutti das alles allein. Zumindest, wenn man einer Studie glaubt, die Gewerkschaft und Familienministerium zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Auftrag gegeben hatten, und die vorige Woche in Leipzig vorgestellt wurde.
Während immer mehr Frauen die Hauptverdiener ihrer Familie sind – 21 Prozent sind es gegenüber 15 Prozent 1991 – bleibe die Rollenverteilung im Haushalt die gleiche wie immer, heißt es da. Mutti putzt und kocht und kümmert sich um die Kinder – neben dem Beruf. Und oft sei sie noch Druck vonseiten ihres Arbeitgebers ausgesetzt, wenn sich Arbeitszeit und Öffnungszeit des Kindergartens nicht vereinbaren lassen, sagt die Studie.
»Wenn ich gewusst hätte, wie schwer das alles ist, hätte ich mich nicht für ein Kind entschieden«, sagt eine junge Frau in einer Radioreportage, als es um einen Betreuungsplatz geht, den sie für ihr Kind nur schwer und für viel Geld ergatterte. Dazu passt eine Meldung des Müttergenesungswerks. Das hat die Ablehnungspraxis der Krankenkassen für Mutter-Kind-Kuren kritisiert. Es sei unverständlich, warum kranke und belastete Mütter viele Hürden überwinden müssten, wenn sie einen Kurantrag einreichten, hieß es.
So richtig wundern kann man sich deshalb nicht, wenn Deutschland immer älter wird und immer weniger Kinder geboren werden. Umso mehr freut man sich über jede Kinderwagen schiebende Familie und jeden Vater, der sich Elternzeit nimmt. Dabei müsste das alles doch selbstverständlich sein.
Christine Reuther
Der Riss in der Seele
22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Für kranke Seelen gibt es Krankenhäuser. Dort stellen sich mitunter große Fragen: nach Liebe, nach Sinn und Sinnlosigkeit, nach Gott.
Ihren Blick hat die junge Frau in sich gekehrt. Ein rosa Schaltuch über das karierte Kleid geworfen, sitzt sie da. »Sie sehen so traurig aus«, sagt der Pfarrer. »Kommen Sie mit, es tut Ihnen gut. Sie müssen auch nichts sagen.« Sie steht auf, kommt mit. Und sagt nichts.
Drei Tage, fünf Tage, acht Tage, zwei Wochen – die sechs jungen Männer und Frauen, die sich in dem Raum um Pfarrer Rainer Petzold versammeln, nennen ihre wichtigsten Zahlen. Bei Nadine Krause (Namen aller Patienten geändert) sind es zehn Tage. Zehn Tage ist sie nun schon in der Drogenstation des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Zehn Tage Entgiftung vom Heroin.
Ein Gegengift, das der Krankenhausseelsorger jeden Mittwoch anbietet, ist das Gespräch über die Liebe: über die Nächstenliebe und die Liebe zu sich selbst, wie Jesus sie sah. Und über das schmerzliche Vermissen von Liebe. Über diesen Phantomschmerz, diese Wurzel der Sucht. Die traurige junge Frau auf dem Ledersofa beugt sich vor und hört aufmerksam zu. Sie lächelt kurz.
»Der Pfarrer hat mir Seiten an mir gezeigt, die ich so noch nicht gesehen habe – dass ich auch gute Seiten habe«, sagt die 28-Jährige. »Jetzt will ich Ruhe in mir finden. Ich glaube an Gott.«
Die Arnsdorfer Psychiatrie mit ihren sanatoriumsartigen Häusern liegt still in der Sommerglut. Der evangelische Klinikseelsorger Rainer Petzold begegnet hier Patienten, die sich für Jesus halten. Oder solchen, die sich in tiefster Depression von Gott und der Welt verlassen glauben. Andere hören Stimmen. Wieder andere werden von schweren Schuldgefühlen geplagt – obwohl sie niemandem etwas zu Leide taten.
Auf der Akut-Station wird Rainer Petzold von einem Lied empfangen. Anna Duricova hat ein lateinisches Zitat aus ihrem Gespräch mit dem Seelsorger flugs vertont. Nun singt die kleine Frau mit den ausdrucksstarken Augen und dem grünen Kleid. Sie ist hier, weil sie auf der Straße vor ihrer Wohnung gemalt und laut gesungen hatte. Eine Psychose, teilte man ihr mit.
»Ich brauche einen Geist, der zuhört und zum Gespräch bereit ist, wenn alle anderen versagen«, sagt die 47-Jährige Künstlerin über ihre Gespräche mit dem Pfarrer. »Mein Thema ist immer: woher, wohin und warum? Ich suche Antworten.«
Eine Antwort hat sie schon gefunden: Ihre Krankheit habe sie dazu gebracht, die Erde und die Menschen zu achten. Doch warum Jesus an einem Folter-Kreuz sterben musste, und warum überhaupt so viel Leid auf der Welt ist – diese Fragen in den Seelsorgegesprächen machen ihre glänzenden Augen klein und hart. Es ist ein Leiden, das keine Medizin lösen kann.
Am andere Ende des Krankenhausgeländes sitzt Klaus Reichelt in seinem Zimmer und kann kaum mehr beten. »Nur noch, wenn der Pfarrer freitags kommt«, sagt er. Einst war er selbst Pfarrer, man sieht es dem stillen Mann mit den klugen Augen unter der hohen Stirn noch an. Vor 30 Jahren war das, bis die Wahnvorstellungen kamen. Nun freut er sich an den Enten im Teich, das Reden fällt ihm schwer. Theologische Bücher hat Reichelt nicht mehr. Dafür den Sonntagsgottesdienst in der Krankenhauskirche.
Ein letztes Lied auf der Drogenstation. Fast sprechend fallen die Jugendlichen in des Gesang des Pfarrers ein. »Zwei Wochen habe ich hier noch vor mir«, sagt Nadine zu Rainer Petzold. Unruhig sieht sie zu Boden. Sie kämpft gegen das Heroin, gegen ihre Sucht, gegen die Gedanken an ihre kranke Mutter. Noch kämpft sie. Der Seelsorger macht ihr Mut.
Keine fünf Minuten später kommt eine Krankenschwester: Nadine hat sich entlassen. Sie ist weg, hat sich schutzlos ihrer Sucht ausgeliefert. Einen Zettel nahm sie mit, den sie sich vom Pfarrer gewünscht hatte. Darauf eine Zeile aus Schillers »Ode an die Freude«: »Wer auch nur eine Seele /sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund!«
Andreas Roth
»Du frierst, zitterst, schwitzt«
22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch
Mike Schulz will weg vom Alkohol und findet Hilfe bei der Auerbacher Diakonie
Es ist ein stiller Kampf vor dem kleinen Kiosk auf dem Auerbacher Neumarkt. Er beginnt für Mike Schulz, wenn seine Kumpels ihr Sternburg-Bier an die Lippen setzen. »Du musst einen eisernen Willen haben. Ich bin ein trockener Alkoholiker – die Krankheit ist nicht heilbar«, sagt Schulz (44), und fährt sich mit der Hand leicht zitternd durchs lange Haar. Er sieht in die kleinen Männerrunde im Schatten der Bäume, er sieht die braunen Flaschen. »Ich bleibe so lange, wie es geht. Und wenn ich merke, es geht nicht mehr, hau ich ab.«
Schulz weiß wohin es führt, wenn er diesen Abgang verpasst. Es war zwei Tage vor Silvester im letzten Jahr, er hatte gerade acht Wochen Krankenhaus hinter sich: Entgiftung, Langzeittherapie, harte Arbeit für ihn und seine Therapeuten. Da machte seine Freundin mit ihm Schluss, die Sinnlosigkeit tat sich vor ihm auf – und die ihm so vertraute Lösung: Drei Flaschen Schnaps und sechs Flaschen Bier trank er im Schnitt. Täglich. »Irgendwann hätte ich mich tot gesoffen«, sagt Schulz.
Sein Gesicht erzählt davon. Doch seine Augen hat der Alkohol nicht stumpf gekriegt, im Gegenteil: ganz unverstellt, manchmal ein wenig melancholisch und nicht selten mit Lachfalten blicken sie auf das sommerliche Treiben auf der Geschäftsstraße. Was hätte werden können, wenn sein Vater nicht selbst getrunken und ihn geschlagen hätte, wenn er nicht ins Kinderheim gekommen wäre, nicht in einen der berüchtigten DDR-Jugendwerkhöfe? »Das war die Vorstufe zum Knast«, sagt Schulz.
Die Tätowierungen auf seinem Arm sind die Erinnerung an etliche Jahre hinter Gittern. Auch dort blieb der Alkohol sein Begleiter, selbst hergestellt aus gegorenem Brot. Vier Mal versuchte Maik Schulz in den elf Jahren nach seiner Haftentlassung, sich von seiner Sucht zu befreien. »Du frierst, schwitzt, zitterst, isst nichts mehr, liegst da – da willst du nicht mehr leben.« An Gott glauben, sagt Schulz, kann er nicht. Sein Himmel bleibt leer.
Es war nicht nur seine Freundin, die ihm im vergangenen Frühjahr eine neue Chance gab und zu einer Entgiftung im Krankenhaus motivierte, sondern auch die Suchtberatung der Auerbacher Diakonie. Zu ihr kommt Schulz seit dem Frühjahr immer wieder und besucht oft deren Teestube. Hier können suchtkranke Menschen kostenlos frühstücken, Alkoholfreies trinken, für kleines Geld zu Mittag essen und die Einsamkeit bekämpfen.
»Ich habe aus Frust gesoffen, wenn es nicht so hingehauen hat wie ich wollte«, das hat Schulz bei den Gesprächen mit den Beratern der Diakonie gelernt. »Jetzt suche ich mir einen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Das Leben ist kein Wunschkonzert.«
Iris, die Wirtin von »Shelly’s Bistro« in der Auerbacher Fußgängerzone, klopft Schulz auf die Schulter: »Du kannst stolz auf dich sein«, sagt sie. Sie hat einen Bier- und Schnapskunden verloren – aber Mike Schulz hat eine Zukunft gewonnen.
Andreas Roth
Bürgerrecht für alle gibt es nur bei Gott
16. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2, Vers 19
Was hat die frühe Kirche so anziehend gemacht? Der Glaube und die Predigt? Darüber haben viele gelacht. Stärker wirkte die Einheit von Glaube und Leben. Dazu gehörte ohne Zweifel die Bereitschaft, für den eigenen Glauben zu sterben. Vor allem aber setzten die Gemeinden die Forderung Jesu um, barmherzig zu allen Menschen zu sein. Es war das diakonische Handeln der Kirche, das die Kirche so anziehend machte. Und sie bot etwas, das Rom nur sparsam verteilte: das Bürgerrecht. Wer getauft war, bekam das Bürgerrecht im Himmel. Egal, ob Mann oder Frau, frei oder versklavt, Jude, Grieche oder Barbar – alle eins in Christus Jesus.

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne
Nicht die Nation zählt, die davon lebt, dass sie sich gegen Menschen anderer Nationen abgrenzt. Nicht die Geburt zählt, die bestimmt, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Nein: alle eins in Christus Jesus; keine Gäste mehr bei Gott, sondern seine Familie.
Heute sterben an den Grenzen Europas täglich Menschen, die hierher wollen, um zu leben. Egal, ob sie ein Bürgerrecht im Himmel haben oder nicht – sie müssen draußen bleiben. Das Bürgerrecht im Himmel ist auf der Erde nicht viel wert; auch nicht im christlichen Abendland. Was könnte die Kirche heute
anziehend machen?
Frank Martin
Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.
Zeugung statt Erzeugung
16. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Kommentar

Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes, die Untersuchung von Embryos auf Gendefekte und Erbkrankheiten vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter zuzulassen, hat ein grundsätzliches Dilemma offenbart: Eine Gesetzgebung, die erst abwägen möchte, was ethisch zulässig ist, um dies dann in Paragrafen zu formulieren, hinkt den rasanten Fortschritten der Gentechnik meilenweit hinterher.
Verständlich: Ethische Debatten brauchen Zeit, weil jene, die sie führen, in größeren Zusammenhängen denken müssen, denen der Gesellschaft und des Menschen. Weil sie erwägen müssen.
Da ist die Medizin schneller, schon weil sie es sein muss: Nur wer im Wettlauf der Erkenntnisse die Nase vorn hat, hat Aussicht, die teure Forschung auch künftig finanziert zu bekommen. Diese Dynamik hat einen stärker und stärker werdenden Verbündeten: Es ist die Auffassung, dem Einzelnen seien dank der modernen Medizin in der Verwirklichung seiner Lebensvorstellungen keine Grenzen mehr gesetzt. Kein Schicksal mehr, nur noch Möglichkeiten, die man wie ein Designer selbst gestaltet.
Ging es in dem vorliegenden Fall um die Bekämpfung gefährlicher Krankheiten? Es ging um den Kinderwunsch von Paaren und um deren nachvollziehbaren Anspruch, ein gesundes Kind zu bekommen. Wäre auch ein Paar denkbar, das nur jene Therapien auf sich nimmt, die seine natürlichen Fähigkeiten stimulieren, Kinder zu bekommen? Und das schließlich sagt: Schluss, vielleicht liegt ein tieferer Sinn darin, dass es bei uns nicht sein soll.
Es gibt andere Wege als so weit gehende Eingriffe, die die Zeugung zur Erzeugung machen. Eine Adoption zum Beispiel. Wir sollten uns die Frage stellen: Ist zur Erfüllung des Kinderwunsches alles zulässig?
Tomas Gärtner
Gegen Klimasünden
15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen

Die sächsische Landeskirche will etwas gegen den Klimawandel tun. Doch es geht nur langsam voran – und die Zeit drängt.
Der Kirchenvorstand war verblüfft. Als eine Energieberaterin im vergangenen September die Bautzener St. Michaels-Kirche, das Pfarrhaus und den Saal der Gemeinde unter die Lupe nahm, präsentierte sie überraschende Ergebnisse: Die Heizung der Kirche verbraucht allein in den Winter-Gottesdiensten so viel Energie wie fünf Haushalte im ganzen Jahr. Der Heizkessel im Pfarrhaus ist doppelt so groß wie nötig und der Ofen im Gemeinderaum uneffektiv. »Das Ausmaß der Energievernichtung hat uns beeindruckt«, sagt Kirchvorsteher Siegfried Kühn. Er diskutiert in seinem Kirchenvorstand nun Konsequenzen aus der Energieberatung. Das Ziel: »Wir wollen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.«
Im Juni trat die Landeskirche einem Klimaschutz-Bündnis aus 23 Kirchen und Entwicklungsdiensten bei. Die EKD-Synode hatte im Herbst 2008 beschlossen: Die Landeskirchen sollten ihre CO2-Emissionen bis 2015 um ein Viertel senken. Doch wie will man das berechnen? Niemand in der sächsischen Landeskirche weiß genau, wie hoch der Kohlendioxid-Ausstoß eigentlich ist. Die Ziele für eine Reduzierung sind dementsprechend schwammig und unkontrollierbar.
Immerhin: Seit dem letzten Jahr bietet die Sächsische Energieagentur SAENA für die Landeskirche mit staatlicher Förderung Energieberatungen an – doch nur 20 von insgesamt 780 Kirchgemeinden hatten wie St. Michael in Bautzen bisher Interesse daran. Der erste kirchliche Praxistag zum Energiesparen im vergangenen Jahr hatte 30 Teilnehmer. Sechs sächsische Kirchgemeinden und kirchliche Einrichtungen arbeiten zudem an der Einführung eines Umweltmanagements nach EU-Regeln, das die Evangelische Akademie Wittenberg unter dem Markennamen »Grüner Hahn« begleitet.
»Diese Angebote sprechen sich nur langsam herum, obwohl wir alle Kirchgemeinden in Sachsen mehrfach angeschrieben haben«, sagt Joachim Krause, der scheidende Umweltbeauftragte der sächsischen Landeskirche. Wegen knapper Kassen scheuten Kirchgemeinden oft vor Investitionen etwa in neue Heiztechnik zurück, so Krause: »Dass sich manche Maßnahme über eingesparte Energie in überschaubarer Zeit wieder refinanziert, ist nicht leicht zu vermitteln«. Hinzu kommt, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung vielerorts nicht als kirchliche Kernaufgabe gesehen wird.
»Es hängt immer am Engagement von wenigen, meist ehrenamtlichen Mitarbeitern«, hat Antje Fritzsche von der SAENA bei der Beratung von Kirchgemeinden erfahren. Um mehr Christen in Sachsen zu motivieren, lädt die SAENA gemeinsam mit der Landeskirche am 25. September zum zweiten Umwelt-Praxistag nach Dresden ein.
Das Dresdner Landeskirchenamt will mit gutem Beispiel vorangehen: Dort lässt man jetzt Energiefresser wie Spülmaschinen am Abend laufen, um den Energieverbrauch besser zu verteilen und einzudämmen. Außerdem bezieht die Behörde seit Jahresbeginn ebenso wie etliche Kirchgemeinden nur noch Öko-Strom und will damit den CO2-Ausstoß um 124 Tonnen verringern. Das Chemnitzer Regionalkirchenamt wird im nächsten Jahr nachziehen.
Auch einige Einrichtungen der Diakonie Sachsen setzen auf Energie aus Sonne, Erde und Holz. Am Radebeuler Stammsitz wurde im März eine Energieoptimierungsanlage in Betrieb genommen, die jährlich 12,5 Tonnen CO2 sparen soll. Doch unter zunehmendem Kostendruck gerät bei diakonischen Einrichtungen der Klimaschutz mitunter ins Hintertreffen.
Die Landessynode hatte das Landeskirchenamt bereits im April 2007 um die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei Bauvorhaben gebeten. Doch in der landeskirchlichen Bauordnung spielt dieses Anliegen bis heute keine Rolle. »Der Klimawandel betrifft uns alle«, hatte die sächsische Kirchenleitung im Vorfeld der Weltklimakonferenz 2009 gemahnt: »Die Zeit der Beschwichtigung ist vorbei.« Das gilt auch für die Kirche selbst.
Andreas Roth
Internetseite der Sächsischen Energieagentur SAENA mit Beratungsangeboten für Kirchgemeinden: www.saena.de
Weltversammlung der lutherischen Christen
15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Wenn sich in der kommenden Woche über 400 Abgesandte der 140 lutherischen Kirchen aus aller Welt in Stuttgart treffen, sind auch fünf Sachsen dabei.
Aus Lateinamerika kommt der Ruf nach einem Ende bewaffneter Konflikte, die »Millionen Menschen in aller Welt ihr tägliches Brot« nehmen. Europas lutherische Christen bekennen, »in vielfältiger Weise« versagt zu haben: Ressourcen vergeudet, Habgier toleriert und die Beziehungen zwischen Schöpfer und Schöpfung zerstört zu haben. Die Afrikaner fordern fairen Zugang zu Land, Wasser, Bildung und ein entschlossenes »Ja« zur Frauenordination. Vertreter der Christen aus den 140 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) haben ihre Botschaften formuliert. Vom 20. bis 27. Juli werden sie bei ihrer Vollversammlung in Stuttgart darüber sprechen unter dem Thema »Unser täglich Brot gib uns heute«.
Die sächsische Landeskirche entsendet fünf Teilnehmer. Neben Landesbischof Jochen Bohl sind das die Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze, die Medizinstudentin Stefanie Opitz als Jugendvertreterin, die Oberkirchenrätin Kathrin Schaefer aus dem Landeskirchenamt und der Synodenpräsident Otto Guse. Wie alle rund 400 Delegierten haben sie sich auf das Treffen vorbereitet und fahren mit unterschiedlichen Erwartungen nach Stuttgart.
Otto Guse will vor allem wissen, »welche Probleme die lutherischen Kirchen weltweit bewegen«. »Wir sind gut beraten zuzuhören«, sagt der Synodenpräsident. Denn zum Beispiel ökologische Fragen beträfen andere Länder und Kirchen in viel stärkerem Maße. »Und das Problem knapper werdender Mittel trifft uns bei weitem nicht so existentiell wie andere.« Zudem sei unser demografischer Wandel Afrikanern nicht zu vermitteln. »Das sind ganz junge Kirchen. Da werden wir sicher Erfahrungen mit nach Sachsen nehmen.«
Stefanie Opitz ist das Thema Ernährungsgerechtigkeit wichtig. »Auf unseren Freizeiten, Tagungen, in unseren Freizeitheimen nur fair gehandelte Produkte anzubieten – das wäre schon ein großer Gewinn, wenn wir das in unseren Landeskirchen erreichen könnten«, sagt die Medizinstudentin. In der vergangenen Woche hat sie sich in Dresden gemeinsam mit 120 Jugendvertretern aus aller Welt auf das Treffen in Stuttgart vorbereitet.
Und auch Antje Hinze interessiert, »was die Menschen, die kein täglich Brot haben, uns zu sagen« haben. Sie will aber auch dort mitreden, wo es um die Frauenordination geht. In dieser Frage ist sie der selben Meinung wie die afrikanischen Christinnen: »Viele Frauen hungern nach Anerkennung ihres Dienstes und nach der Möglichkeit, ihre Gaben für eine gerechte Welt einzusetzen«, so Hinze.
Noch ein anderes Thema liegt ihr am Herzen, obwohl es nicht auf der Tagesordnung steht: Der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in der Kirche. »Es gibt Menschen unter uns, die hungern nach Gottes Segen für ihre Beziehung, wir aber schließen sie aus.« Bei diesem Thema jedoch gibt es gegensätzliche Positionen in der weltweiten lutherischen Christenheit. Noch 2007, bei einer LWB-Ratstagung im schwedischen Lund, hatte Generalsekretär Ishmael Noko bekräftigt, dass die kontroverse Debatte über Ehe, Familie und Sexualität den Lutherischen Weltbund nicht spalten könne. Diesen Fragen müsse man sich stellen, hatte Noko damals gesagt. In ihrer Botschaft an die Vollversammlung bekräftigen die Vertreter Afrikas jedoch ihre Haltung, wonach allein die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott eingesetzt und gewollt sei.
Antje Hinze hofft, dass sich an diesem Thema die lutherische Christenheit nicht entzweit. Und sie erwartet von dem Treffen in Stuttgart »ein lebendiges Zeugnis aus einer Welt des Hungers, des Durstes, der Verzweiflung, das mich verändert«.
Christine Reuther
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