Ein Jahr nach Fukushima
9. März 2012 von DER SONNTAG
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Es ist erst ein Jahr her, dass die Welt wie gebannt auf Japan blickte. Ein extremes Seebeben vor der Ostküste des Landes hatte im Nordosten zu stärksten Erschütterungen geführt und verbunden mit einer meterhohen Tsunami-Welle ganze Küstenbereiche verwüstet. Darunter befand sich auch das Atomkraftwerk Fukushima.
Tagelang konnte die Situation nicht richtig eingeschätzt werden. Niemand wusste, wie schlimm die Katastrophe wirklich ist. GAU oder Super-GAU?
Bis heute bleibt manche Antwort strittig: War es allein schon das Erdbeben, das für die Zerstörung des Kraftwerks ausreichte, wie die Vereinigung »Ärzte gegen den Atomkrieg« vor wenigen Tagen erklärte? War es die Verknüpfung mit der Tsunami-Welle, waren es auch verletzte Sicherheitsstandards?
Am Ende der Debatte steht immer die Tatsache, dass Naturkatastrophen nicht kalkulierbar sind, auch nicht zwischen Alpen und Ostsee.
Deutschland hat auf die Katastrophe reagiert, überaus schnell und eindeutig. Der vom Bundestag beschlossene Ausstieg aus der Atomkraft kostete acht alten Kernkraftwerken sofort die Lizenz. In der Zwischenzeit wurden die anderen Meiler auf ihre Sicherheit überprüft. Auch der so genannte Stresstest für Atomreaktoren in der Europäischen Union trägt dazu bei, atomare Gefahren zu erkennen und zu verringern.
Was letztlich zählt, ist aber nur die Abschaltung.
Noch zehn Jahre müssen wir warten, ehe alle Reaktoren in Deutschland vom Netz sind.
Zehn Jahre hoffentlich ohne Naturkatastrophen von ungeahnten Ausmaßen, von Terroranschlägen auf Reaktoren, technischen Defekten und menschlichem Versagen.
Aber was sind schon zehn Jahre? Allein in einem Jahr kann so viel passieren. Ganz zu schweigen von der Dauer der Endlagerung des Atommülls.
Uwe Naumann
Sieben Wochen Ehrgeiz fasten
29. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Sollen wir nicht immer unser Bestes geben? Will nicht jeder, dass er Qualität bekommt, wenn er oder sie sich etwas anschafft? Ist nicht manchmal das Beste gerade gut genug? Und nun ruft die Fastenaktion »7 Wochen ohne« in diesem Jahr auf, in der Passionszeit auf Perfektionismus zu verzichten, falschen Ehrgeiz zu vermeiden und die Anforderungen an sich selbst herunterzuschrauben. »Du bist gut genug«, lautet die tröstliche Botschaft.
Fast drei Millionen Menschen wollen sich diesem Aufruf anschließen, teilten die Organisatoren der Fastenaktion, die am vergangenen Sonntag in Frankfurt am Main eröffnet wurde, mit.
Es wird wohl nicht jedem Chef gefallen, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin sich mit dem Hinweis auf die Fastenaktion vielleicht zusätzlichen Anforderungen verweigert. Oder zu den Qualitätsstandards Adieu sagt.
Aber kann es nicht heilsam sein, mit mehr Gelassenheit zu leben? Nicht immer schneller, weiter, besser als die anderen zu sein? Oder nicht immer alles billiger haben zu müssen? Denn dort, wo es solche Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Für Schnäppchen, die wir ergattern, zahlen andere mit niedrigen Löhnen oder schlechten Arbeitsbedingungen drauf.
Andere essen während der Fastenzeit keine Schokolade, verzichten auf Alkohol oder Fleisch – oder leben eine Zeit ganz ohne feste Nahrung. Auch das mag heilsam sein und die innere Einkehr befördern. Doch ganz ohne Essen kann der Mensch nicht leben.
Und auch ganz ohne Ehrgeiz geht es nicht.
Und so sind sieben Wochen ohne übertriebene Forderungen an sich selbst und an andere ein gutes Mittel, wieder das richtige Maß zu finden und einfach alles »gut« zu machen, statt immer besser, schneller, billiger.
Christine Reuther
Kandidat der Herzen
22. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Es waren turbulente Stunden vor einer Woche. Christian Wulff hatte seinen Rücktritt erklärt, als die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen wegen Vorteilsnahme gegen ihn angekündigt hatte.
Doch, um es gleich zu sagen: Beschädigt haben die Vorgänge um Wulff das Amt des Bundespräsidenten nicht. Beschädigt wurde dessen Inhaber, beziehungsweise er hat sich selbst geschadet durch undurchsichtige freundschaftliche Verbandelungen.
Da kann man es schon als Sieg der Demokratie werten, wenn der Bundespräsident und frühere Ministerpräsident ein Bürger wie jeder andere ist, der gegen Ermittlungen nicht gefeit ist und der sich für sein Tun vor der Justiz gegebenenfalls auch rechtfertigen und ihr Urteil anhören muss.
Nein, dem Amt hat er nicht geschadet. Das wäre höchstens der Fall gewesen, wenn um seine Nachfolge ein Parteiengeschacher angefangen hätte, welcher Kandidat welcher Partei mehr nützt. So ist es nur zu begrüßen, dass sich schließlich die Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien auf Joachim Gauck geeinigt hat.
Und noch etwas ist erfreulich: Wenn er gewählt wird (was ja nun möglicherweise nicht mehr in Frage steht), dann steht ein evangelischer Pfarrer an der Spitze unseres Staates. Das gab es in der Bundesrepublik noch nie.
Wenn man dann noch in Rechnung stellt, dass mancher im Vorfeld genannte Kandidat und manche Kandidatin auch Amtsträger in der evangelischen Kirche waren, so ist das ein schöner Nebeneffekt bei der ganzen Angelegenheit.
Christine Reuther
Protest als Schule der Demokratie
9. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Ist Dresden sein Problem mit Neonazis los? Ihren Großaufmarsch, am 18. Februar haben sie zumindest abgesagt. Die Blockaden der vergangenen Jahre haben Wirkung gezeigt, sagen einige. Manches scheint dafür zu sprechen. Die Frustration unter den verhinderten Neonazi-Demonstranten jedenfalls war 2010 und 2011 nicht zu übersehen. In Jena hatten Sitzblockaden schon vor Jahren den braunen Spuk beendet.
Ist eine demokratisch fragwürdige Methode also die einzig wirksame gegen Demokratiefeinde?
Nein. Entscheidend ist nicht diese oder jene Art des Protestes, sondern dessen breite Basis. Wer sich symbolisch in eine Menschenkette einreiht, ist ebenso wichtig wie jemand, der sich auf die Straße setzt. Denn beide haben begriffen, dass sie die Lösung nicht Verwaltung, Gerichten und Polizei überlassen können, sondern sich selbst aufmachen müssen.
Auch wenn sich am 18. Februar in Dresden kein einziger Neonazi blicken lassen sollte, in der Vorbereitung haben alle Beteiligten mehr über Demokratie gelernt als in den Jahren zuvor. Zum Beispiel, dass Widerstand gegen Rechtsextremisten anstrengende Diskussion braucht, aber nicht Sturheit. Dass Kompromisse nötig sind, weil erst der Konsens die gewünschte politische Wirkung entfaltet.
Noch ist es für Triumph zu früh. Das Fatalste wäre es, erleichtert daheim die Füße hochzulegen. Vielleicht hat Dresden nun erstmals die Chance, Trauer und Gedenken in ein Freudenfest der Demokratie münden zu lassen.
Geschafft wäre es damit noch längst nicht. Große Neonaziaufmärsche lassen sich verdrängen. Rechtsextremes Denken aber ist damit nicht aus der Welt. Um Menschen dagegen zu immunisieren, braucht es geduldige, unspektakuläre Kleinarbeit.
Tomas Gärtner
Ethik beginnt beim Einkauf
8. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Wir wollen gesund essen, doch viel kosten soll es möglichst nicht. Wir wollen uns schick kleiden, aber billig muss es sein. Wer etwas günstig ergattert, ist dann glücklich. Und der Händler ist es auch, wenn sein Umsatz stimmt.
Doch das Glück ist einseitig. Mittlerweile müsste es sich herum gesprochen haben, dass unser preiswertes Leben meist auf Kosten anderer geht. Der Bauer, der die Schweine mästet, will damit Erlöse erzielen, von denen er leben kann. Bei niedrigen Preisen geht das dann meist nur mit Senkung des Aufwands. Und schon sind wir bei der Massentierhaltung.
Ähnlich ist es bei der Kleidung. Kosten senken, heißt auch da meist die Devise. Und das auf Kosten der Arbeiterinnen in den Nähereien Asiens oder Afrikas. Sie schuften, damit wir uns über ein neues Kleidungsstück freuen können.
Da beruhigt es das Gewissen nicht, das Gebrauchte in einen der Sammelcontainer zu werfen, die zumeist von karitativen Organisationen aufgestellt werden. Denn diese Kleidung kommt keinem Bedürftigen als Spende zugute. Es ist ein Riesengeschäft, das vor allem in Afrika gemacht wird. Auf Kosten der dortigen Textilindustrie. Denn wer dort ein T-Shirt auf dem Gebrauchtwarenmarkt für umgerechnet einen Euro haben kann, wird keines aus heimischer Produktion kaufen.
Und so ist es höchste Zeit, dass wir Kunden und Verbraucher nicht nur von den Unternehmen verlangen, sie mögen nach ethischen Gesichtspunkten produzieren, und dass Banken nach ethischen Kriterien das Geld anlegen. Da muss schon jeder selbst aufpassen. Gütesiegel über faire Produktion gibt es mittlerweile genug. Und es gibt auch noch genug zu tun, bis diese sich in unseren Köpfen eingenistet haben.
Christine Reuther
Sprengstoff für Gemeinden
26. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Am letzten Wochenende hat die Leitung unserer Landeskirche eine neue Regelung gefunden, wie mit Homosexualität im Pfarrhaus umzugehen ist. Das ist Sprengstoff in den Augen vieler Christen, der die Kirche vor eine Zerreißprobe stellt und sie nach Meinung Einzelner sogar zu spalten droht.
Die Kirchenleitung hat entschieden, dass andere entscheiden sollen. Und dürfen!
Eine weise Entscheidung, denn die wahren Sprengstoffexperten sitzen doch in den Gemeinden. Die Kirchenvorstände wissen am besten, was in ihrer Gemeinde geht und was nicht.
In manchen Gemeinden wird aus dem scheinbar explosiven Gemisch eine harmlose Verbindung werden, die unaufgeregt zur Kenntnis genommen wird. In anderen wiederum wird der Kirchenvorstand »einmütig« ablehnen, dass ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner ins Pfarrhaus zieht.
Damit wäre auch dort der Sprengstoff vom Tisch. Die Betroffenen entscheiden vor Ort. Das macht ernst mit dem Priestertum aller Gläubigen. Es ist eine Stärkung der Gemeinden, zumindest wenn sie mit ihrer neuen Freiheit umgehen können.
Natürlich ist der Sprengstoff damit noch nicht gänzlich aus der Welt. Denn wer mit der neuen Entscheidung generell Probleme hat, wird sich nicht damit trösten wollen, dass in seiner Gemeinde so etwas vielleicht nicht möglich ist.
Deshalb ist der Appell des Landesbischofs, sich gegenseitig in den verschiedenen Auffassungen zu achten und zu respektieren, umso wichtiger. Es bleibt zweifellos die einzige Möglichkeit, mit dieser Entscheidung umzugehen.
Denn nicht die Homosexualität an sich ist Sprengstoff – sondern wie wir als Christen miteinander umgehen.
Uwe Naumann
Gewissen gegen Gewissen
21. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Dürfen sie oder dürfen sie nicht ins Pfarrhaus, der Pfarrer oder die Pfarrerin, die ihresgleichen lieben? Die Kirchenleitung hat am 21. Januar eine Entscheidung von einiger Tragweite zu fällen.
Es geht um das neue Pfarrerdienstgesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dessen Paragraf 39. Wer den 2010 verabschiedeten Gesetzestext liest, wird zunächst nichts Spektakuläres entdecken. Um die Lebensführung der Pfarrerinnen und Pfarrer »im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe« geht es da.
Diese Erweiterung über die Ehe hinaus bezieht sich auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und ist der Anlass für Unterschriftensammlungen in Sachsen: dafür und dagegen. Warum die EKD diesen Passus ins Gesetz eingefügt hat, wird aus der Begründung deutlich: Er ermögliche es den Gliedkirchen, ihr eigenes Profil im Umgang mit unterschiedlichen Lebensgemeinschaften beizubehalten und weiter zu entwickeln.
Darüber will die Kirchenleitung beraten: Braucht die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens eine neue Regelung oder will sie an der bisherigen festhalten, dass gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus nicht erlaubt sind? Gegner einer Neuregelung sprechen von Kirchenspaltung. Ernstzunehmende Christen sehen sich in Gewissensnöten. Andere ernstzunehmende Christen wiederum sehen die Gewissensnöte betroffener Pfarrerinnen und Pfarrer.
Doch warum soll es einer Gemeinde zugemutet werden, die es partout nicht will? Und warum einer Gemeinde verwehrt werden, wenn sie darin kein Problem sieht?
Es wird keine leichte Entscheidung, die die Kirchenleitung zu treffen hat. Im Gebet können wir sie unterstützen, dass es eine weise Entscheidung wird.
Christine Reuther
Präsident und Propheten
14. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Foto: © Jesco Denzel - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Darf man Mitleid haben mit einem Bundespräsidenten? Natürlich. Sind wir nicht alle Sünder? Aber ja. Ist es nicht christlich, einem Sünder zu vergeben? Auch das: Ja – aber.
Will man sich an der Bibel orientieren, und ein christlicher Politiker wie Christian Wulff wird das nicht bestreiten wollen, dann heißt die Zwillingsschwester der Vergebung Buße: Umkehr, echte Reue. Bei der für den Präsidenten wie für die Zuschauer gleichermaßen peinlichen Befragung in der Fernseharena war man versucht, dem Bundespräsidenten auf die Schulter zu klopfen und ihm zuzurufen: »Ist schon gut«. Doch warum tauchen am Tag eins nach der erklärten Offenheit wieder neue Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Präsidenten auf?
So kommt der Verdacht in die Welt, dass Reue für Wulff ein Werkzeug aus dem politischen Überlebens-Kit geworden ist. Der Theologe Dietrich Bonheffer hat – freilich angesichts ungleich ernsthafterer Konflikte – vor einer »billigen Gnade« gewarnt: »Gnade ohne Preis, ohne Kosten«.
Die Bibel kennt den Preis: Es ist die Einsicht in die Verführbarkeit der Mächtigen. Das Alte Testament erzählt von Königen, die durch Gottes und des Volkes Willen auf den Thron kamen – und ihn verblendet von der Macht wieder verloren. Sie hatten die Empfindlichkeit für Unrecht verloren – oder auch nur dafür, was Menschen als Unrecht empfinden könnten. Die Macht selbst kann zur Gefahr werden auch für den Mächtigen. Und ihn isolieren.
Die biblische Mahnung trifft indes alle, die Macht verliehen bekommen – ob in Politik oder Wirtschaft, ob in Kirche oder Redaktionen. Die Propheten des Alten Testaments lehren uns: Mächtige brauchen Kritik, und sie brauchen Demut. Für ihre Kritiker gilt übrigens das Gleiche.
Andreas Roth
Ende und Anfang
4. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Ein neues Jahr hat begonnen und wir stehen wieder einmal vor dem Ende der Welt. Hätten doch die Mayas bloß ihren fünftausendjährigen Kalender weiter geschrieben – dann müsste sich heute niemand davor fürchten, dass mit dem Ende der aufgeschriebenen Tage in diesem überlieferten Dokument am 21. Dezember 2012 auch das Ende der wirklichen Tage auf unserer Erde gekommen sein wird.
Dass alles Irdische einmal endet, wissen wir. Wir wissen auch, in wessen Hand es liegt. Und wir können ahnen, wie es aussehen könnte – das Ende der Erde. Denn wir schinden sie ganz schön, holen aus ihr heraus, was sich nur irgendwie verwerten lässt. Nicht immer gereicht diese Ausbeute zum Segen für Menschen. Und Weltuntergangsszenarien werden immer wieder gern verfilmt, weil sich mit dem Schauer des Entsetzens gut Geld verdienen lässt.
Es heißt sogar, auf die Furcht vor dem, was im neuen Jahr kommen mag, sei der gestiegene Umsatz im Weihnachtsgeschäft zurückzuführen: Weil die Menschen der Wirtschaft und dem Euro nicht mehr vertrauten, hätten sie ihr Geld in Kaufhäusern und im Versandhandel ausgegeben. Dann kann doch die Furcht nicht so groß sein, wenn das Geld so locker sitzt.
Die Angst ist in ganz anderen Weltgegenden zuhause: bei den hungernden Menschen in Ostafrika, im sich nun selbst überlassenen und von Kriegsjahren gezeichneten Irak, ebenso in Afghanistan. Bei den Menschen, die aus politischer oder wirtschaftlicher Not aus ihrer Heimat fliehen und bei uns Hilfe und Neuanfang suchen. Ihre Hoffnung wird es sein, dass ihre Not bald endet. Deshalb bleibt noch viel zu tun, um die Erde lebenswert für alle zu gestalten – auch wenn unser aller Dasein einmal endet.
Die Furcht davor sollte uns nicht abhalten, es zu tun.
Christine Reuther
Organspende ist keine Pflicht
16. Dezember 2011 von DER SONNTAG
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Eigentlich könnten die Befürworter der Organspende frohlocken: Zwei Drittel der Deutschen wären bereit, einem schwer Erkrankten ein Organ zu überlassen, wie die Bertelsmann-Stiftung und die Krankenkasse Barmer GEK in einer Studie ermittelt haben. Rund 12 000 Patienten warten der Deutschen Stiftung Organtransplantation zufolge in der Bundesrepublik auf eine Niere, eine Leber, Herz, Lunge oder Bauchspeicheldrüse. Gemessen daran ist die Zahl jener, die einen Spenderausweis besitzen, zu gering.
Mehr als 1100 Patienten sind im vergangenen Jahr gestorben. Verständlich also, wenn Politiker wie Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Druck machen. Scheint nun ein Hoffnungsschimmer für die schwer Erkrankten auf?
Nein, noch kann davon keine Rede sein. Denn – auch dies hat die Studie gezeigt: Die Unsicherheit bleibt groß, eine Entscheidung anspruchsvoll. Setzt sie doch voraus, dass man sich mit solch komplizierten Grenzfragen wie der nach dem Hirntod beschäftigen muss – jenem Zeitpunkt also, an dem Organe entnommen werden könnten. Bedenken bleiben: Kann man von einem Menschen, dem dies widerfährt, würdig Abschied nehmen? Und sind die Erfolgsaussichten, mit einem Spenderorgan auf Dauer zu überleben, nicht zu gering?
Die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland ist eindeutig: Sie ermutigt zur Organspende. Sie könne ein Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus sein. Aber sie erklärt das nicht zur Christenpflicht. Sie lehnt daher auch die Widerspruchsregelung ab, bei der jedem, der nicht ausdrücklich ablehnt, Zustimmung unterstellt wird. Angesichts des hohen Bedarfs ist Information nötig – keineswegs moralischer Druck.
Tomas Gärtner
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