Gefährlich nahe

4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Es sind Einzelfälle – doch sexuelle Gewalt gibt es auch in der sächsischen Landeskirche. Sie könnte mehr für vorbeugenden Schutz tun.

1198017_22050149In den letzten sechs Jahren hat es unter den mehr als 700 Pfarrern der sächsischen Landeskirche zwei Fälle sexueller Straftaten gegeben – zumindest nach offiziellen Angaben. Für das Dresdner Landeskirchenamt ist das Verfahren klar: Wird ein rechtswidriges Fehlverhalten bekannt, folgt ein kirchliches Disziplinarverfahren und eine Anzeige bei der Justiz. Doch die Realität ist keineswegs so eindeutig.

Als ein Pfarrer in Penig vor vier Jahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie angeklagt wurde, suspendierte ihn die Kirche sofort und entließ den beliebten Theologen später. Denn die Staatsanwaltschaft ermittelte bereits. Anders lag der Fall in einer Kirchgemeinde einer anderen sächsischen Region (alle Namen und Orte sind der Redaktion bekannt). Dort wurde vor drei Jahren bekannt, dass der Ortspfarrer eine Minderjährige aus der Jungen Gemeinde sexuell belästigt habe.

Das Strafgesetzbuch verbietet eindeutig den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Die Landeskirche eröffnete ein Disziplinarverfahren, der Pfarrer räumte sein Vergehen ein, er wurde nicht entlassen sondern in den Wartestand versetzt. Eine Anzeige bei der Justiz durch die Kirche blieb aus. Das Opfer und seine Eltern wollten die Strapazen eines öffentlichen Prozesses vermeiden, hieß es. Die Folgen der Übergriffe habe das Mädchen bis heute nicht verwunden, sagen Menschen, die mit ihr in Kontakt stehen.

Einen typischen Loyalitätskonflikt zeigt ein Fall aus dem Jahr 2003. In zwei Instanzen befanden damals Gerichte, dass ein Diakon aus Westsachsen ein 12-jähriges Mädchen auf den Mund geküsst und unsittlich berührt haben soll und verurteilten ihn wegen viermaligem sexuellen Missbrauch in einem weniger schweren Fall zu einer hohen Geldstrafe. Doch Kollegen und Vorgesetzte halten ihren geschätzten Kollegen für unschuldig und bezweifeln – anders als die Gerichte – die Aussage des Kindes. Der Diakon blieb im Dienst und arbeitet bis heute mit Kindern und Jugendlichen. Als er die Gemeinde und den Kirchenbezirk wechselte, erfuhren seine neuen Vorgesetzten nichts von der Vorstrafe. Erst als er Religionsunterricht in einer staatlichen Schule geben wollte, wurde sie zum Problem.

»Jeder, der beim Freistaat Sachsen als Lehrer angestellt werden will, muss bei der Einstellung ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen«, sagt Lutz Steinert von der sächsischen Bildungsagentur. »Ich gehe davon aus, dass ein Bewerber nicht beschäftigt wird, wenn sexuelle Straftaten vorliegen.« Anders als Jugendämter und viele Vereine fragen nur die wenigsten sächsischen Kirchgemeinden bei der Einstellung von Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern nach einem Führungszeugnis – eine verbindliche Regelung der Landeskirche dazu fehlt.

»Wir wollen das Risiko von Übergriffen in der Kinder- und Jugendarbeit gezielt verringern«, sagt Heike Siebert vom sächsischen Landesjugendpfarramt. Sie will haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für das Thema sensiblisieren und einen Verhaltenskodex erarbeiten. Die Prävention von sexueller Gewalt ist in der Ausbildung von Gemeinde- und Sozialpädagogen an den Evangelische Fachhochschulen in Moritzburg und Dresden mittlerweile fest verankert (Interview rechts). Nur in der Ausbildung der sächsischen Pfarrer ist sie – anders als bei vielen anderen pädagogischen und therapeutischen Berufen – noch immer kein eigenständiges Standardthema.

Andreas Roth

Ein Holländer gegen Windmühlen

26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Wie der Kirchenmusiker Henk van Loo und seine Frau ins erzgebirgische Holzhau kamen

Eisig bläst der Wind über den Kamm. Die Blicke von Henk van Loo und seiner Frau Susanne schweifen über die schneebehangenen Nadelwälder und die weiße Weite bis hinüber ins Tschechische. Sie scheinen das Erzgebirge zu umarmen. »Diese Ruhe, diese Luft, die Natur und die freundlichen Menschen hier – herrlich!«, schwärmt der 67-Jährige. Er braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was drüben in dem tschechischen Dorf Moldava entstehen soll: 45 Windräder sollen dort errichtet werden und mit ihren 150 Metern die Höhen des Gebirges überragen.

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch

»Sie verschmutzen den Horizont, das ist doch ein Naturschutzgebiet von höchster Bedeutung«, ruft Henk van Loo in den Schneegriesel. Man denke nur an das fast ausgestorbene Birkhuhn, das hier lebt, den schwarzen Storch oder den Tourismus. Dabei ist Henk van Loo gar kein gebürtiger Erzgebirgler, denen oft so viel Liebe zu ihrer Heimat nachgesagt wird. Er ist Holländer. Denen wiederum wird eine gewisse Liebe zu Windmühlen nachgesagt. Nichts davon bei ihm. Dabei hat das, was ihn ins erzgebirgische Holzhau verschlug, durchaus etwas mit Liebe zu tun: Der zu seiner Frau. Und der zu den Orgeln.

Viele Jahre arbeitete der Niederländer Henk van Loo in der Region um Maastricht als ehrenamtlicher Kirchenmusiker. Schon zu Zeiten der DDR führte ihn eine Kirchgemeindepartnerschaft immer wieder nach Erfurt. Dort lernte er seine spätere Frau Susanne kennen, und beide zogen vor zwölf Jahren in seine holländische Heimat.
Eine Busreise zu bedeutenden Orgeln führte sie 2007 ins Osterzgebirge. »Als ich vor dem Geburtshaus des Orgelbauers Gottfried Silbermann in Kleinbobritzsch stand, sagte ich mir: Hier möchte ich auch gern wohnen«, erinnert sich der Pharmazie-Vertreter.

Wenig später kaufte das Paar den alten Waldgasthof »Teichhaus« im Muldental bei Holzhau. »Wir wollten noch einmal etwas Neues probieren«, sagt die 50-jährige Susanne van Loo. Das Gasthaus machten sie wieder flott und eröffneten im November 2008. Weil sie sich ihre neue Heimat nicht wieder nehmen lassen wollen, gründeten sie zusammen mit anderen Einwohnern die Bürgerinitiative »Gegenwind«, um den tschechischen Windpark zu verhindern. Die Handvoll Aktivisten treffen sich in ihrer Gaststube. Gemeinsam sammelten sie 5000 Unterschriften gegen das Vorhaben und übergaben es im September letzten Jahres über die deutsche Botschaft in Prag der tschechischen Regierung. Inzwischen lehnt auch die Bezirkshauptfrau von Usti nad Labem den Bau der Generatoren ab. Susanne van Loo und ihr Mann schöpfen Hoffnung – aber die Sache sei noch nicht über den Berg.

Wenn Henk van Loo begeistert von den Flößern erzählt, die vor 400 Jahren an seinem Gasthaus Holz für den Silberbergbau auf der Mulde transportierten, dann wird diese Geschichte zu seiner eigenen. Und den Orgeln bleibt er ohnehin treu: Wenn in den umliegenden Kirchen von Hermsdorf oder Rechenberg ein Kantor fehlt, greift der spielende Holländer wieder in die Tasten.

Andreas Roth

Es trifft die Kleinen

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Jeden Montag kochen sich Kinder und Jugendlichen im Plauener Jugendhaus Boxenstop ein gesundes Essen, was für viele von ihnen Zuhause keine Selbstverständlichkeit ist. Doch nun ist dieses Angebot in Gefahr. Foto: Ellen Liebner

Jeden Montag kochen sich Kinder und Jugendlichen im Plauener Jugendhaus Boxenstop ein gesundes Essen, was für viele von ihnen Zuhause keine Selbstverständlichkeit ist. Doch nun ist dieses Angebot in Gefahr. Foto: Ellen Liebner

Das sächsische Sozialministerium kürzt die Gelder für die Jugendarbeit drastisch. Auch viele kirchliche Angebote sind bedroht.

Am Anfang war eine nüchterne Zahl: 4,7 Millionen Euro will das sächsische Sozialministerium in diesem Jahr bei den Zuschüssen für die Kinder- und Jugendarbeit sparen. Grund sind die Wirtschaftskrise und die deshalb zurückgehenden Steuereinnahmen. Zwischen den Plattenbauten im Plauener Stadtteil Chrieschwitz kann diese abstrakte Zahl bald sehr konkret werden.

Im evangelischen Jugendhaus Boxenstop lernen Schüler beispielsweise, sich selbst für wenig Geld ein gesundes Essen zuzubereiten. »Das kennen viele von zu Hause nicht«, sagt Detlef Köhler, der Leiter des Boxenstop. »In den Ferien bieten wir auch Freizeiten für Kinder aus Familien an, die sonst im Urlaub nie wegfahren.« Beide Angebote, fürchtet Köhler, könnten mit der angekündigten Kürzung der Fördermittel um 30 Prozent wegfallen.

»Die Landkreise und Städte werden diesen Rückgang kaum kompensieren können«, sagt Hans-Jürgen Meurer, Referent für Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. »Aber ob sie die Zuschüsse für alle Jugendprojekte gleichmäßig um 30 Prozent kürzen oder sich auf einzelne Vorhaben konzentrieren und andere dafür schließen werden, das ist noch offen.« Sicher aber ist für die Diakonie schon jetzt: Es wird vor allem die mobile Jugendarbeit auf den Straßen und Plätzen sowie Jugendhäuser treffen – und da vor allem die Kleinen.

Die mobile Jugendarbeit der Kirchgemeinde Lommatzsch-Neckanitz etwa müsste bei einer Kürzung der Zuschüsse für die einzige Mitarbeiterstelle schließen, so Hans-Jürgen Meurer. »Dabei wollte die Staatsregierung laut Koalitionsvertrag die Jugendarbeit auf dem Land stärken!«

Insgesamt gibt es allein innerhalb der Diakonie Sachsen 78 Projekte mit 156 Mitarbeitern, die von den Kürzungen betroffen sein könnten. Die Kirchgemeinden der sächsischen Landeskirche betreiben 50 sozialdiakonische Angebote für Jugendliche – 15 davon sind in ihrer Existenz bedroht, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Jedes dieser Angebote erreicht im Durchschnitt 70 bis 120 Kinder und Jugendliche pro Woche«, so Bilz. Die Einsparungen wären eine »Zerstörung von Strukturen und Netzwerken mit unabsehbaren Auswirkungen« und »demoralisieren die Mitarbeiter genauso wie die bisher erreichten Kinder und Jugendlichen«.

Die Stelle des Bildungsreferenten im Dresdner Landesjugendpfarramt steht ebenfalls auf der Kippe. Hinzu kommt: Die Zahl der jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr soll von derzeit 1110 auf rund 500 sinken – auch davon sind kirchliche Träger betroffen.

»Bei der Förderung des Straßenbaus kürzt der Wirtschaftsminister auch nicht«, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Sozialministerin Clauß nimmt den Spardruck zu schnell hin.« Jetzt wollen Vertreter der sächsischen Landeskirche und Diakonie zusammen mit anderen Jugendverbänden bei Abgeordneten und der Staatsregierung für eine Reduzierung der Kürzungen kämpfen.

Landesjugendpfarrer Tobias Bilz fordert: »Wir erwarten, dass die Wahrung des sozialen Friedens und die Investitionen in die heranwachsende Generation genauso ernst genommen werden wie die Rettung des Finanz- und Wirtschaftssystems.«

Andreas Roth

Links und rechts – der Elbe

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Dresden wehrte sich am 13. Februar erfolgreich gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer

Selig sind die Friedfertigen«, sagt Katrin Göring-Eckhardt beim Friedensgebet auf dem Dresdner Postplatz. Für Christen heiße das aufzustehen, wachzurütteln, unterwegs zu sein, so die Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Präsidentin des Kirchentags 2011 in Dresden vor den Hunderten Teilnehmern. Darunter sind auch über 100 Bläserinnen und Bläser von Posaunenchören aus allen Teilen Sachsens. Sie begleiten die Stationen des Friedensgebets gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus am 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens. Seit Jahren ein Tag des stillen Gedenkens, wird dieser zunehmend von Rechtsextremen für Aufmärsche und Kundgebungen instrumentalisiert.

In diesem Jahr wollte die Stadt das nicht länger hinnehmen. Erstmals war es gelungen, dass Kirchen, Rathaus, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen gemeinsam aufriefen zu einer Menschenkette um die Innenstadt. Das Friedensgebet bildete den Auftakt. Ruth Misselwitz von der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste zitierte dabei Dietrich Bonhoeffer: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«

Diese Menschen guten Willens wurden von Gebetsstation zu Gebetsstation, über den Theaterplatz und hin zur Synagoge, immer mehr bis sie das Rathaus erreichten. Dort sollte die Menschenkette beginnen. Über 12 000 Teilnehmer, so heißt es, hatten sich dort versammelt. Oberbürgermeisterin Helma Orosz rief auf, sich den »Neu- und Altnazis, die versuchen, das Gedenken zu missbrauchen«, entgegen zu stellen. »Dresden will sie nicht«, so die Oberbürgermeisterin.

Und während sich aus Tausenden Menschen in der Altstadt eine Kette formierte, leisteten weit ab, auf der anderen Elbseite, fast ebensoviele Menschen Widerstand gegen den von der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« angemeldeten Aufmarsch. Über 5000 Polizisten waren im Einsatz, um diese Demonstration vor gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Linksautonomen zu schützen.

Den friedlichen Blockierern und der Polizei gelang es schließlich, die vor dem Neustädter Bahnhof versammelten rund 6000 Rechtsextremen am Weiterkommen zu hindern. Diese mussten unverrichteter Dinge abreisen. Gera und Pirna hatten ihren Frust auszubaden: Am Abend haben mehrere Hundert von ihnen dort randaliert. Nach Polizeiangaben befanden sie sich auf der Rückreise von Dresden.

Die Dresdner Landessynodale Tabea Köbsch war bei der Blockade in der Dresdner Neustadt dabei. Ihr war es wichtig, »dass da auch ganz normale Leute sind und deeskalierend wirken«, sagt sie im Nachhinein. »Es fällt mir schwer, beim Friedensgebet die Hände zu falten, wenn auf der anderen Elbseite die braunen Horden sind.« Sie sieht es als großen Erfolg, dass die Blockade weitgehend friedlich geblieben ist, so wie es das Bündnis aus vorwiegend linken Parteien und Organisationen immer wieder gefordert hatte. »Friedlich und gewaltfrei« habe die Parole auf der Neustädter Seite gelautet.

Als Synodale wollte sie sich ein eigenes Bild von einer solchen Aktion zivilen Ungehorsams machen, nachdem im sozial-ethischen Ausschuss der Synode eine Beschwerde darüber eingegangen war, dass Kirche in Leipzig sich an einem solchen Aufruf beteiligt hatte. »Jetzt aus eigenem Erleben sage ich, dass es wichtig ist, wenn Kirche auch dabei ist«, so Köbsch.

Landesbischof Jochen Bohl, der an der Menschenkette in der Altstadt teilgenommen hatte, würdigte diese als »großen Erfolg«. »Wir haben dem Aufmarsch der neuen Nazis eine eindrückliche Antwort erteilt«, sagte er vor Journalisten. An der Menschenkette beteiligten sich auch der katholische Bischof Joachim Reinelt, Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl, Mini-sterpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie weitere Landespolitiker. Aber auch Synodenpräsident Otto Guse und seine Vorgängerin im Amt, Gudrun Lindner, hatten sich eingereiht.

Am Abend versammelten sich die Dresdner zu einem stillen Gedenken vor der Frauenkirche. Dabei erinnerte der frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP) an die Bombenangriffe vor 65 Jahren, die er als Zwölfjähriger in Dresden erlebt hatte. Von der Stadt müsse »immer wieder ein Signal für Frieden und Völkerverständigung, für Demokratie und Menschenrechte in die Welt« gesendet werden, forderte der 77-Jährige.

In einem ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche wurde am Abend ebenfalls an die Opfer der Bombennacht gedacht. Traditionell läuteten zum Zeitpunkt des Fliegeralarms am 13. Februar 1945 um 21.45 Uhr die Dresdner Kirchenglocken.

Während die Menschenkette ein Zeichen für den Willen der Bürger zu Frieden und Versöhnung setzte, ist die Verhinderung des Aufmarsches der Rechtsextremen jedoch den Menschen auf der anderen Elbseite zu verdanken, die mit zivilem Ungehorsam sich dem im wahrsten Sinne des Wortes entgegenstellten.
Dabei ging es jedoch nicht nur friedlich zu: 27 Menschen wurden verletzt, darunter 15 Polizisten, 25 Brände mussten gelöscht werden, Autos wurden beschädigt, ein Begegnungszentrum des Stadtteils von Rechten angegriffen. Und vermutlich Linksautonome störten das stille Gedenken abends an der Frauenkirche durch laute Zwischenrufe.

Christine Reuther/epd

Weniger ist nichts

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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2011 soll der Zivildienst von neun auf sechs Monate verkürzt werden. Unmöglich, meinen Verantwortliche in Einrichtungen der Diakonie wie dem Sächsischen Epilepsie­zentrum in Kleinwachau.

Kaffee kochen, Frühstück bringen und Zeit für ein Schwätzchen haben: Der 18-jährige Zivildienstleistende Alexander Graf arbeitet in der Seniorenstätte des Sächsischen Epilepsiezentrums in Kleinwachau. Foto: Steffen Giersch

Kaffee kochen, Frühstück bringen und Zeit für ein Schwätzchen haben: Der 18-jährige Zivildienstleistende Alexander Graf arbeitet in der Seniorenstätte des Sächsischen Epilepsiezentrums in Kleinwachau. Foto: Steffen Giersch

Alexander Graf deckt den Frühstückstisch der Seniorenstätte. Dann gießt er Dietmar Naake, einem der Bewohner, eine Tasse Tee ein. Zeit für ein kurzes Gespräch.
14 solche Zivildienstleistenden wie Alexander Graf beschäftigt das Epilepsiezentrum. Sie unterstützen die Pfleger in den Wohneinheiten, helfen in den Werkstätten, bei schwerst-mehrfach-behinderten Schülern, transportieren das Essen mit dem Kleintransporter, erledigen Reparaturen.

Von den fast 6400 Zivildienstplätzen in Sachsen insgesamt sind derzeit reichlich 4000 besetzt. Die Diakonie, sagt Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Zivildienst, sei größter Träger für Zivis im Osten Deutschlands. Mehr als 600 beschäftigt sie im Moment. Zwei Drittel von ihnen in Pflege oder Betreuung.
»Sie tun all das, was unsere Mitarbeiter nicht schaffen«, sagt Martin Wallmann, Geschäftsführer des Epilepsiezentrums. Dafür gibt seine Einrichtung für jeden Zivi rund tausend Euro aus.

Die neun Monate sehen die jungen Männer nicht als vergeudete Lebenszeit. Hier hätten sie mehr gelernt als in den Jahren der Abiturzeit zuvor, sagen mehrere von ihnen.
Ihren Nachfolgern wird dafür weniger Zeit bleiben. Zu Jahresbeginn 2011 soll die Zivildienstzeit auf sechs Monate verkürzt werden. So sieht es die Vereinbarung der schwarz-gelben Koalitionsregierung vor.

Landesbischof Jochen Bohl hält dies für fatal. Damit bleibe keine Zeit, eine Beziehung zwischen Zivi und Behindertem aufzubauen. Neun Monate Zivildienstzeit seien schon die unterste Grenze gewesen, sagt er. »Ich rate deshalb dringend davon ab, eine weitere Verkürzung des Zivildienstes zu beschließen.«
Der ständige Wechsel der Bezugspersonen sei den Bewohnern nicht zuzumuten, sagt Martin Wallmann. »Wir werden uns ernsthaft überlegen, ob wir dann noch Zivildienstleistende einstellen.« Vorerst wolle er das Gesetz abwarten.

Von den sechs Monaten gehen die Wochen für die obligatorischen Lehrgänge, Urlaub und Einarbeitungszeit ab. Am Ende blieben vielleicht vier Monate realer Dienstzeit, schätzt Volkmar Barthel, der Leiter der Wohnbereiche im Epilepsiezentrum. Zudem bliebe eine Lücke von Februar bis Sommer, in der zu wenige Zivildienstpflichtige zur Verfügung stünden, sagt eine Diakoniesprecherin. Für die Zivis wiederum entsteht eine »biografische Lücke«, wie Jens Kreuter es ausdrückt. Nach sechs Monaten Dienst müssen sie drei Monate oder länger bis zum Studium überbrücken. Größtes Problem für sie: Wovon sollen sie in dieser Zeit leben?

Welche Auswege gäbe es? Die freiwillige Verlängerung – beim Militärdienst jederzeit möglich – sei beim Zivildienst nicht zulässig, sagt Kreuter. Martin Wallmann kann seinen Zivis nur anbieten, dieselbe Arbeit als Ehrenamtliche zu erledigen, für 100 Euro Aufwandsentschädigung. Doch muss er zugeben: »Ich würde das auch nicht machen.« Eine andere Möglichkeit: Die Zivis als Ungelernte weiter beschäftigen. Allerdings müsste er sie dann nach Tarif bezahlen. Das würde seine Einrichtung jährlich rund 250 000 Euro zusätzlich kosten. Geld, das er nicht hat. Ohne Zivis sei eine mindere Qualität der Betreuung unausweichlich, fürchtet er.

Diskutiert wird auch eine Art Sozial­dienst für alle. Ganz nebenbei könnte der mit der Tatsache Schluss machen, dass nur Männer dienen müssen, Frauen jedoch verschont bleiben. Doch Jens Kreuter winkt ab: »Einen Zwangsdienst lässt das Grundgesetz nur in einem Fall zu: bei der Landesverteidigung.« »Wie wäre es mit einem sozialen Praxisjahr für alle Schüler?« fragt Wohnbereichsleiter Barthel. »Das könnte der Schlüssel sein«, meint Kreuter. Ein zusätzliches Schuljahr wäre Sache der Bildung, kein Zwangsdienst. »Aber wenn überall die Verkürzung von Schul- und Studienzeiten angestrebt wird, halte ich das für wenig wahrscheinlich.«

Wann der Bundestag die Verkürzung der Zivildienstzeit beschließt, kann Jens Kreuter noch nicht sagen. Die Entscheidung jedoch gilt als sicher. Die Uhr tickt. Eine generelle Linie, wie künftig zu verfahren sei, sagt eine Sprecherin, gebe es in der sächsischen Diakonie aber noch nicht.

Tomas Gärtner

Sterbenskrank

4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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© David Harding (Fotolia.com)

© David Harding (Fotolia.com)

Freitod? Selbstmord? Wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende macht, ist er weder frei noch ein Mörder, sondern oft geplagt von einer seelischen Krankheit.

Wie eine dunkle Wolke zog das Unheil herauf. »Man spürte es«, sagt Ingrid Weber (Name geändert), »ohne es greifen zu können.« Es nahm seinen Anfang, als ihr Mann beim Skifahren verunglückte. Sein gebrochener Arm verheilte. Das Leben aber des kräftigen Mannes – gut 60 Jahre alt, Chef einer großen Behörde in einer sächsischen Kleinstadt – hatte einen Riss bekommen. Ingrid Weber bemerkte ihn lange nicht.

Sie sah nur, wie bei ihrem Mann Krankheit um Krankheit folgte. Wie er abnahm: »Ein Mensch, der nicht mehr wird.« Wollte sie mit ihm über das Dunkle reden, das sie sich zusammenziehen spürte, sah er stumm weg. Nicht einmal Streit gab es, nicht einmal am Stammtisch sprach er viel. Als Ingrid Weber vor beinahe zwei Jahren zur Silberhochzeit ihrer Eltern fuhr, verabschiedeten sie sich mit einem Kuss. Wie immer.

Am nächsten Tag – das Erzgebirgsvorland stand im Frühling – kehrte sie zurück und fand ihn im Auto. Ihr Mann hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, so wie 616 Sachsen im letzten Jahr. Schock – mehr spürte Ingrid Weber nicht. Nur noch den inneren Schrei: »Das tust Du mir nicht an!« Dann kamen die Schmerzen der Trauer. Und die Vorwürfe. »Ich habe mich zermartert«, sagt die 51-Jährige. »Warum habe ich es nicht gemerkt? Ich hätte es merken müssen.«

Ihr Geschichte ähnelt der des Nationaltorwarts Robert Enke. Noch am 10. November lehnte der eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ab. Es gehe ihm gut, sagte er – Stunden später war er tot. Versuchte Suizide sind oft Hilferufe in tiefen Krisen. »Doch von den Menschen, die sich wirklich selbst töten, leiden über 90 Prozent zumindest im unmittelbaren Vorfeld an einer psychischen Erkrankung«, sagt der Dresdner Professor Werner Felber, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Meist sind es schwere Depressionen, zu denen mitunter auch Suchterkrankungen oder psychotische Störungen kommen. Das ist keine Freiheit – kein Frei-Tod. Und schon gar kein Selbst-Mord, wie die kirchliche Tradition Jahrhunderte lang urteilte.

»Wenn jemand sagt: Ich habe keinen Lebensmut mehr, alles ist sinnlos, ich bin völlig verzweifelt – bei solchen Signalen müssen wir hellhörig werden«, sagt der Psychiater Werner Felber. »Man sollte sich trauen, auf die Person zuzugehen und sie auf ihre Nöte anzusprechen.« Die Telefonseelsorge, der Hausarzt oder der sozial-psychiatrische Dienst der Städte und Landkreise können helfen.

Dass der Wunsch zu sterben nicht der Schlusspunkt bleibt, hat Ute Lewitzka bei ihren Patienten oft erlebt. »Mit ein paar Tagen Abstand bewertet man die Dinge oft anders«, sagt die Oberärztin am Dresdner Universitätsklinikum. Gemeinsam mit ihren Patienten sucht sie nach Kraftquellen, die ihnen Halt geben in der Krise: Familie, Hobbys, der Glaube.

Hilfe fand auch Ingrid Weber. In einer Selbsthilfegruppe des bundesweiten Vereins »Angehörige um Suizid« (AGUS), die in Freiberg von der Diakonie ins Leben gerufen wurde. Dort konnte die Christin reden – auch über das, was sie an dem Tod ihres Mannes nicht versteht: »Er hatte doch mich, er hatte eine Familie. Man fühlt sich und die eigene Liebe weggestoßen.« So sitzt sie manches Mal an seinem hölzernen Schreibtisch, seine Augen lachen von einem Foto.

Oft muss sie an die Frau des Fußballtorwarts Robert Enke denken, die glaubte: Mit Liebe geht das, auch in der tiefsten Depression. Ingrid Weber sagt: »Man kann eben mit Liebe niemanden retten.« Dass die Liebe den Tod überlebt, das ist ihr ebenso gewiss.

Andreas Roth

Der Verein AGUS für Hinterbliebene im Internet

Kirche als Zielscheibe

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Das Aktionsjahr der Landeskirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus geht am 1. Februar zu Ende. Was hat es verändert?

Die Kirchenfeindschaft der neuen Nazis und ihr Neuheidentum sind immer öfter deutlich zu sehen – wie hier auf einer Mauer in Annaberg-Buchholz im letzten Jahr. Odin ist der Hauptgott der nordischen Mythologie. Foto: S. Giersch

Die Kirchenfeindschaft der neuen Nazis und ihr Neuheidentum sind immer öfter deutlich zu sehen – wie hier auf einer Mauer in Annaberg-Buchholz im letzten Jahr. Odin ist der Hauptgott der nordischen Mythologie. Foto: S. Giersch

Der Rechtsextremismus hat zwei Gesichter. Das eine ist bieder und tüchtig. So wie jener NPD-Stadtrat im nordsächsischen Städtchens Strehla, der sich bei der Landeskirche für die Einbeziehung seiner Heimat in den geplanten Lutherweg stark macht und dafür den Reformator als »Wegbereiter eines freieren Deutschlands« lobt.

Das andere Gesicht der Rechtsextremen ist weit weniger geschmeidig. Da wird die Zittauer Pfarrerin Katharina Köhler auf Internetseiten der NPD wegen »linker Multi-Kultur« als »Polit-Pfäffin« verunglimpft – weil sie am 9. November auch mit Linken an die Pogromnacht von 1938 erinnert hatte. Da sind die NPD-Flugblätter gegen die »Gutmenschen-Mafia« und die »schändliche Willkür« des Kirchenvorstands im erzgebirgischen Leukersdorf, weil dieser Mitte November einen Kranz der Rechtsextremen vom Kriegerdenkmal auf seinem Friedhof entfernen ließ.

Und da wird dem sächsischen Landesbischof Jochen Bohl auf rechtsextremen Internetseiten »Kreuzzugstimmung« und »politische Ketzerhatz« unterstellt, nur weil er vor den Wahlen im letzten Jahr klar sagte: Die Ideologie der neuen Nazis ist menschenverachtend und unvereinbar mit dem christlichen Glauben.

»Nächstenliebe verlangt Klarheit« heißt das seit zwölf Monaten währende Aktionsjahr für Demokratie und gegen Rechtsextremismus der sächsischen Landeskirche. Am 1. Februar geht es mit einem Fachtag und einem Gottesdienst in der Chemnitzer Bonhoeffer-Kirchgemeinde zu Ende.

»Das Thema hat durch das Aktionsjahr bei vielen Christen und Kirchgemeinden eine Aufmerksamkeit bekommen, die ihm auch zukommt«, zieht Landesbischof Jochen Bohl eine erste Bilanz. Dass es eine Gegnerschaft zwischen Neonazis und Kirche gebe, sei offenkundig. »Nicht zuletzt ist es für die Opfer rechtsextremer Übergriffe wichtig zu sehen, dass die Kirche sich positioniert«, betont der Landesbischof.

Die Arbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus«, die 2005 von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen gegründet wurde, beriet und informierte im Aktionsjahr zusammen mit dem Kulturbüro Sachsen über 18 sächsische Kirchgemeinden und vier Kirchenbezirkssynoden zu demokratischen Gegenstrategien.

»Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz«, hat Susanne Feustel festgestellt, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. In 31 Veranstaltungen hat sie im letzten Jahr Schüler, Lehrer, Gemeindepädagogen, Sozialarbeiter und Gemeindeglieder über die neuen Nazis aufgeklärt. »Die Sensibilität für den Rechtsextremismus ist durch das Aktionsjahr gewachsen. Aber es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.«

Das aber ist nötig: Weil sich das Denken vieler Neonazis oft mit einer neuheidnischen Kirchenfeindlichkeit verbindet, weil die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten in Sachsen weiter steigt – auf rund 2400 im vorletzten Jahr. Und weil Christen selbst nicht gefeit sind vor rechtsextremen Gedanken. »Auch in der Kirche gibt es antijüdische, antiislamische und völkische Vorurteile«, sagt Friedemann Bringt vom Kulturbüro Sachsen. »Und Opfer von rechtsextremer Diskriminierung und Gewalt finden leider in einigen Gemeinden noch zu wenig Unterstützung.«

Andreas Roth

Arbeitsamt mit Kreuz

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Erste Christliche Arbeitsvermittlung von Stollberger Kirchgemeinde eröffnet.

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Ist das wirklich die erste christliche Arbeitsvermittlung? »Erzählt nicht schon Jesus in der Bibel von einem Mann, der Arbeitslosen eine Arbeit im Weinberg verschafft?«, fragt augenzwinkernd der Zwönitzer Pfarrer Dieter Bankmann seinen Stollberger Amtsbruder Andreas Dohrn. Der aber ist sich sicher, dass es so ist: »Erste Christliche Arbeitsvermittlung« nennt die Stollberger St. Jakobikirchgemeinde selbstbewusst ihr neues Projekt, das am 15. Januar offiziell begann.

»Wenn wir immer nur auf die Opfer des Arbeitsmarktes sehen, werden wir ihnen nicht wirklich helfen können«, sagt Pfarrer Dohrn. »Wir brauchen auch den Zugang zu den Arbeitgebern und zu neuen Jobs, um Armut überwinden zu können.«

Seit 1990 beraten Christen in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative und in dem Modellprojekt »Jakobi-Job-Lotsen« Menschen auf der Suche nach neuer Arbeit. »Manche Mitglieder unserer Gemeinde waren skeptisch, ob eine Arbeitsvermittlung zu unseren Kernaufgaben gehört«, sagt Kirchvorsteherin Angela Müller. »Auch steuerliche und finanzielle Probleme müssen gemeistert werden.« Doch das Engagement für die »Mühseligen und Beladenen« hat die Stollberger Kirchgemeinde tief in ihrem Leitbild verankert.

Auch der Kirche selbst soll die Arbeitsvermittlung helfen. Nicht nur, weil die Stollberger Kirchgemeinde auf Gewinn zur Finanzierung ihrer Arbeit hofft.

»Für unseren kirchlichen Kindergarten geeignete evangelische Mitarbeiter zu finden, ist ein großes Problem«, spricht der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold eine Sorge an, die viele Kirchgemeinden teilen. Er hofft auf die Christliche Arbeitsvermittlung, weil sie – anders als die Arbeitsagentur – die Bewerber bewusst nach persönlichen und geistlichen Fähigkeiten fragt.

Der Diakonie in Sachsen mangelt es an Sozialpädagogen, Erziehern und Pflegern. Deshalb verspricht der Vorstand des Diakonischen Werkes Aue-Schwarzenberg, Rainer Sonntag: »Wir werden der Christlichen Arbeitsvermittlung auf den Zahn fühlen und sehen, wie ihre Möglichkeiten sind.«

Das Angebot ist für Arbeitsuchende und Arbeitgeber kostenlos. Die Stelle der von der Kirchgemeinde angestellten Mitarbeiterin Gudrun Gehler soll sich über Vermittlungsgutscheine finanzieren, die Erwerbslose von der Arbeitsagentur erhalten. Ob allerdings die Fachkräfte, die von Kirche und Diakonie händeringend gesucht werden, auch unter den Arbeitslosen zu finden sind, wird sich noch zeigen müssen.

»Auch die Christliche Arbeitsvermittlung kann das Problem der Ausgrenzung von Gering-Qualifizierten nicht lösen« fürchtet Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Doch schon vor ihrem Start haben sich über 100 Arbeitsuchende bei der Christlichen Arbeitsvermittlung registrieren lassen – und 21 Arbeitsangebote.

Andreas Roth

»Lähmende Ohnmacht«

15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Gornsdorfer Christen fordern Gerechtigkeit für die im Oman verurteilte Dana Gerlich.

Ob Dana Gerlich wirklich schuldig ist, bleibt unbewiesen. Sicher aber ist: Schon jetzt hat ihr Fall viel Schaden angerichtet. Viele Menschen in ihrer erzgebirgischen Heimat um Gornsdorf haben einiges an Zutrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat verloren. Sie engagieren sich für ein gerechtes Urteil über die 35-Jährige aus ihrem Dorf. Und rennen damit gegen unsichtbare Mauern.

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab.  (Foto: Steffen Giersch)

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab. (Foto: Steffen Giersch)

Am 17. Juli 2004 wurde Dana Gerlich im Oman zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie soll die Mörder ihres Vaters beauftragt haben. »Doch warum ist sie dann nach der Beisetzung ihres Vaters in Deutschland in den Oman zurückgeflogen, obwohl sie wusste, dass die Mörder gefasst worden waren?«, kritisiert der Gornsdorfer Pfarrer Gottfried Görner das unter fragwürdigen Bedingungen zustandegekommene Urteil. Doch das Chemnitzer Landgericht musste es anerkennen, damit Dana Gerlich ihre Strafe in Deutschland verbüßen kann.

»Das Auswärtige Amt hat ihrer Mutter jedoch schriftlich bestätigt, dass der Oman keine Einwände hätte, wenn ihre Tochter nach fünf Jahren Haft freikommt«, sagt Pfarrer Görner.

Im Mai 2009 schrieb die in Chemnitz Inhaftierte deshalb ein Gnadengesuch an Ministerpräsident Stanislaw Tillich. »Sieben Monate lang bekam sie von der Staatsregierung keine Antwort«, sagt der Pfarrer, der sah, wie Dana Gerlich körperlich und seelisch schwer unter der Ungewissheit litt. »Als Christ sage ich: So kann man mit einem Menschen nicht umgehen.«

Um das Gnadengesuch zu unterstützen, sammelte eine Gruppe um Pfarrer Görner und Gerlichs früheren Sportlehrer Reiner Pohl 2400 Unterschriften. Die Antwort von Staatskanzleiminister Johannes Beermann: Es sei »unüblich«, Einfluss auf ein Gnadengesuch zu nehmen. Aus der CDU-Landtagsfraktion wurde der Burkhardtsdorferin Christa Weinhold beschieden: Der Staat lasse sich nicht erpressen. »Wie können 2400 Unterschriften als Erpressung verstanden werden?«, wundert sich die Christin über dieses Demokratieverständnis.

Kurz vor Weihnachten wurde Dana Gerlichs Gnadengesuch vom Minister­präsidenten abgewiesen. Von den Gründen für die Entscheidung kein Wort. »Sind wir so unmündig?«, fragt Pfarrer Gottfried Görner. Bei seinem letzten Besuch im Gefängnis übergab ihm Dana Gerlich einen Brief. »Ich bin verzweifelt und von einer lähmenden Ohnmacht erfüllt«, schreibt sie: »Ich werde in Deutschland nie die Chance auf einen fairen Prozess bekommen.«

Ihre letzten Hoffnungen setzen sie und viele Gornsdorfer auf den Europäischen Gerichtshof. Von Sachsens Regierung erwarten sie nichts mehr.

Andreas Roth

Gene, Chips und Schöpfungsakt

7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen.     Foto: Steffen Giersch

Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen. Foto: Steffen Giersch

Nun ist die Selbstbestimmung Gesetz. In einer Patientenverfügung darf jeder seinen Willen festschreiben. Manche sehen in den Paragrafen bereits die Lösung. Für Jörg Michel fangen die Fragen hier erst an: »Wie hilfreich ist ein Gesetz beim Versuch, mögliche extreme Situationen der Zukunft zu regeln?«

Um Experten und Interessierte darüber diskutieren zu lassen, hat er eine Tagung vorbereitet: vom 22. bis 24. Januar. Es ist der erste öffentliche Auftritt des 43-jährigen promovierten Biologen als neuer Studienleiter in der Evangelischen Akademie Meißen. »Naturwissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung« heißt sein Bereich. Er ersetzt den Studienbereich »Arbeitswelt und Wirtschaft«.

Viel Vorlaufzeit hatte Michel nicht. Er betrachtet das als Vorteil: »Da kann ich aktuell reagieren.« Auf das Thema Depression beispielsweise – seit der Selbsttötung des Fußballtorwarts Robert Enke in aller Munde. Die Tagung dazu ist für April geplant.

Möglichst viele Facetten eines Problems zu ermitteln, Fragen dazu aufzuwerfen und geeignete Referenten zu finden, das ist seine Aufgabe als Studienleiter. Michel, der aus Hessen stammt, bringt eine naturwissenschaftliche Ausbildung mit. Biologiestudium in Gießen. Promotion zu Genetik und molekularer Biologie. Danach angewandte Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Zellbiologie im Klinikum der Gießener Universität. 2006 ist er in den Osten Deutschlands gekommen – nach Senftenberg, an die Fachhochschule Lausitz. Sein Fachbereich dort: Biotechnologie, Chemie, Verfahrenstechnik.

Mehr und mehr sei ihm bewusst geworden, dass sich sein Fachgebiet innerhalb von Grenzen bewege: »Dass es Bereiche gibt, wo Naturwissenschaft keine Aussagen machen kann.« Deshalb absolvierte er ein Fernstudium der Theologie. Inzwischen ist er neuen Themen auf der Spur: Chips, die, in den Körper implantiert, die Möglichkeiten des Menschen erweitern; Energiegewinnung in der Wüste; synthetische Biologie. »Letzteres erinnert an einen Schöpfungsakt. Da werde ich hellhörig.«

Tomas Gärtner

Homepage des Studienbereichs Naturwissenschaft an der Evangelischen Akademie Meißen

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