Schwarz-gelber Rotstift

2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Gemeinsam vor der Presse (v. l.): Christian Michel, Förderer freier Schulen; Konrad Schneider, Sprecher der AG Freie Schulen; Bischof Joachim Reinelt; Martin Herold von der ev. Schulstiftung und Landesbischof Jochen Bohl. (Foto: Steffen Giersch)

Gemeinsam vor der Presse (v. l.): Christian Michel, Förderer freier Schulen; Konrad Schneider, Sprecher der AG Freie Schulen; Bischof Joachim Reinelt; Martin Herold von der ev. Schulstiftung und Landesbischof Jochen Bohl. (Foto: Steffen Giersch)

Landeshaushalt: Die Kirche wehrt sich gegen Einschnitte bei freien Schulen

Weniger Geld für freie Schulen, Jugend und Soziales – das plant die sächsische Staatsregierung. Die Kirchen protestieren ungewohnt heftig.

Das Knirschen im Gebälk zwischen Kirchen und Staatsregierung in Sachsen ist nicht mehr zu überhören. Vor kurzem startete die evangelische Kirche eine Postkarten-Aktion gegen die geplante Aufweichung des Sonntagsschutzes. Am 31. August haben der Landesbischof Jochen Bohl und sein katholischer Amtsbruder ­Joachim Reinelt eine weitere Kampagne gestartet. Sie heißt »Damit’s bunt bleibt – Ja zu freien Schulen«. Denn die Landesregierung plant in ihrem Haushaltsentwurf für die kommenden beiden Jahre, ihre Zuschüsse für die 170 freien Bildungseinrichtungen in Sachsen – darunter 46 evangelische – um über elf Prozent zu kürzen.

»Das wird zu einem Sterben von freien Schulen führen«, befürchtet Landesbischof Bohl. »Die Höhe der Elternbeiträge, der Zuschüsse von Sponsoren und der Kirche sind schon jetzt ausgereizt.«

In den letzten Jahren sei die Höhe der staatlichen Unterstützung schon auf heute nur noch 65 Prozent der Schulkosten gefallen, sagen freie Träger. Nun will das sächsische Kultusministerium zugleich die Hürden für die Neugründung von freien Schulen deutlich erhöhen. Er könne damit leben, wenn in den nächsten zehn Jahren keine freien Schulen mehr gegründet würden, hatte der CDU-Fraktionschef im Landtag, Steffen Flath, in einem Zeitungsinterview erklärt.

Das sei ein Strategiewechsel in der Schulpolitik, kritisiert Landesbischof Bohl und verweist auf das im Grundgesetz verbriefte Recht auf freie Schulen. Ein weiterer Kritikpunkt: Der Freistaat will die Übernahme der Schulgebühren für finanziell schwache Familien komplett streichen. Das würde 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen an christlichen Schulen in Sachsen treffen. »Die privaten Schulen würden dann zu Schulen der Bessergestellten«, sagt der katholische Bischof Reinelt. Das widerspreche kirchlichen Grundprinzipien.

Die freien Schulen sind nur ein Teil des Kürzungs-Paketes im Haushalt 2011/2012, über den der Landtag in dieser Woche erstmals berät. Um keine neuen Schulden aufnehmen zu müssen, will die CDU-FDP-Regierung Ausgaben in Höhe von 1,3 Milliarden Euro sparen. Vom Straßenbau über die Hochschulen bis zum Nahverkehr und öffentlichen Dienst müssen viele Bereiche mit harten Einschnitten rechnen. Doch auch die Mittel für Familien, Jugend- und Frauenprojekte, psychisch kranke und suchtkranke Menschen sollen stark gekürzt werden.

Die Diakonie hat sich deshalb mit anderen sächsischen Sozialverbänden und Gewerkschaften im »Bündnis Zukunft und Zusammenhalt« zusammengeschlossen, um gegen die geplanten Kürzungen zu kämpfen. »Wir werden uns an die Landtagsabgeordneten wenden, um Aufklärungsarbeit zu leisten und ins Gespräch zu kommen«, kündigt Diakonie-Vorstand Friedhelm Fürst an. Bei dem evangelischen Wohlfahrtsverband klagt man über mangelnde Kommunikation der Staatsregierung. Anfang November soll es vor dem Landtag in Dresden eine Großdemonstration geben.

Die CDU ist über die kirchliche Kritik gar nicht amüsiert. Deren Fraktionschef im Landtag, Steffen Flath, ließ in einem Zeitungsinterview ausrichten: »Kirche ja, aber bitte nicht als Opposition zur CDU.« Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl kontert: »Ich würde das Risiko, in der Opposition zu landen, für eine politische Partei viel höher einschätzen als für eine Kirche.«

Andreas Roth

Schätze sammeln

20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Die sächsischen Kirchgemeinden sollen Schatzkisten füllen und sich damit beim Kirchentag 2011 vorstellen.

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden.  In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)

Ab jetzt ist Phantasie gefragt: Wie lassen sich Schätze darstellen, die einem am Herzen liegen? Die sächsischen Kirchgemeinden werden in diesen Tagen dazu aufgefordert, Schatzkisten zu packen. Mit deren Inhalt stellen sich die Gemeinden beim Kirchentag 2011 in Dresden den Besuchern vor. So haben es sich die Organisatoren ausgedacht.

»Es ist Tradition bei Kirchentagen, dass die gastgebenden Gemeinden etwas zusammentragen«, sagt Tabea Köbsch von der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. »In Köln waren es Fässer, die jede Gemeinde mit heimatlichem Wasser gefüllt hat, in Bremen waren es Schiffe, die als Symbole dienten.«

Was aber könnte für Dresden, für Sachsen als Symbol stehen? »Dresden ist die Stadt der Schatzkammern, im Erzgebirge wurden die Schätze gefördert«, sagt Tabea Köbsch. Deshalb sollen es Schatzkisten sein. Doch sie sollen nicht mit Schätzen solcherart gefüllt werden. Hintergrund ist die Kirchentagslosung aus der Bergpredigt: »… da soll auch dein Herz sein.« Dieser Vers bezieht sich auf die himmlischen Schätze. Und deshalb heißt die Aktion auch »Die andere Schatzkammer«. Die Kirchgemeinden sollen sammeln, was ihnen am Herzen liegt.

Sie selbst würde in ihrer Gemeinde Dresden-Laubegast etwas hineintun, das für die Gemeinschaft steht, sagt Tabea Köbsch. Oder für die Arbeit mit Kindern: »Denn die sind unser Reichtum.« Wie die Schatzkiste gefüllt wird, ist jeder Gemeinde selbst überlassen: Fotos, etwas Gebasteltes, schriftliche Wünsche oder gar Handwerkskunst aus dem Erzgebirge. Bis Ende März ist Zeit dafür. Die leeren Kartons werden in den nächsten Tagen an die Gemeinden geschickt. Ein frankierter Paketaufkleber für die Rücksendung liegt bei.

Inzwischen überlegen sich Architekturstudenten der TU Dresden, wie die vielen Schatzkisten auf dem Kirchentag präsentiert werden könnten. Candy Lenk bereitet dafür ein Seminar vor. Für den TU-Mitarbeiter ist das Thema »Schätzsammeln« spannend. »Einerseits liegen Schätze im Verborgenen und sicher verwahrt in Tresoren, andererseits heißt Ausstellen, das Publikum teilhaben lassen«, beschreibt er den Spannungsbogen, den er mit den Studenten durchdenken will.

Zugleich sollen Möglichkeiten der Präsentation in unterschiedlichen Materialien untersucht werden. »Es ist noch völlig offen, wie und wo die Präsentation stattfindet«, so Lenk. Es könnte auf einer großen Landkarte sein oder in Verbindung mit einer Internetaktion. »Es macht Lust, darüber nachzudenken«, so der Architekt.

Lust an der Mitwirkung will auch Tabea Köbsch wecken. Sie will die Aktion als einen Impuls sehen, als Kirchgemeinde nicht unter sich zu bleiben, sondern mit der Schatzsuche aus der Kirche hinauszugehen: Das Befüllen zu einer gemeinsamen Aktion mit Kommune oder örtlichen Vereinen zu gestalten, kirchliche Feste wie Erntedank oder den Kirchentagssonntag am 6. Februar zum Anlass zu nehmen.

Christine Reuther

Die Aktion endet am 30. März 2011. Die Schatzkisten werden beim Kirchentag 2011 in Dresden präsentiert. DER SONNTAG berichtet, wenn Sie uns ein Foto von den Schätzen oder vom Einpacken der Schatzkiste schicken: E-Mail: redaktion@sonntag-sachsen.de

Der Kirchentag in Dresden im Internet: www.kirchentag.de

Die Macht des Wassers

13. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Die Schäden sind enorm, die Menschen verzweifelt: Nach der Flut geht es ans Aufräumen.

Das Wasser der Neiße hat sich zurückgezogen. Nun schaut Schwester Elisabeth auf die Verwüstung im Kloster  St. Marienthal. Die über 775 Jahre alte Anlage wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Matthias Weber)

Das Wasser der Neiße hat sich zurückgezogen. Nun schaut Schwester Elisabeth auf die Verwüstung im Kloster St. Marienthal. Die über 775 Jahre alte Anlage wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Matthias Weber)

Ein Baumstamm liegt vorm Brunnen im Kloster St. Marienthal. Einige hundert Kilo schwer, gut 80 Zentimeter im Durchmesser. Die Flut hat ihn Sonnabendnacht hier angespült. Vielleicht bleibt er als Mahnmal liegen. Als Erinnerung an ein Hochwasser, das die Menschen entlang der Neiße so noch nicht erlebt haben – auch die 15 Schwestern des Zisterzienserinnenklosters nahe Zittau nicht. Schon 1897 und 1981 stand das Wasser in der hi­storischen Anlage. »Aber so schlimm war es noch nie«, sagt Schwester Elisabeth. Sonnabendnachmittag trafen erste Warnungen im Kloster ein, das Hochwasser werde hier ankommen.

Die über 775 Jahre alte Anlage liegt direkt an der Neiße, darum wurden schnell mobile Schutzwände errichtet. Doch als die Flutwelle gegen 22 Uhr Ostritz und Marienthal erreicht, spült das Wasser einfach darüber hinweg. In Sekunden steht die schlammige Brühe rund 2,30 Meter hoch. Erst gegen Morgen fließt sie ab. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Euro. Das wiegt besonders schwer, denn das Zisterzien­serkloster wurde in den letzten Jahren für über 20 Millionen Euro saniert. Nun geht die Arbeit von neuem los (Spendenkonto 4 573 048 003, Volksbank Niederschlesien, BLZ 855 910 00, Kennwort: »Hilfe für Marienthal«).

Marienthal ist allerdings nur ein Beispiel für die Katastrophe, die über die Landkreise Görlitz und Bautzen hereingebrochen ist. Entlang der Neiße standen zahlreiche Orte teilweise oder komplett unter Wasser. Die historische Görlitzer Altstadt ist voller Schlamm. Viele Häuser sind unbewohnbar. Montag waren noch immer 600 Menschen aus ihren Häusern evakuiert. Dienstag traf die Flutwelle in Bad Muskau ein. Das Weltkulturerbe Pückler-Park wurde teilweise überflutet. Etwa 80 Menschen aus umliegenden Dörfern mussten in Sicherheit gebracht werden.

Die sonst so unerschütterlichen Menschen in der Oberlausitz stehen vielfach unter Schock. Einsatzkräfte wissen nicht, wo sie zuerst anpacken sollen. Michael Deckwart ist bei der Freiwilligen Feuerwehr in Ostritz und zugleich Hausmeister im schwer zerstörten Kloster St. Marienthal. »Ich eile immer nur von einer Stelle zur näch­sten«, sagt er. Geschlafen hat Michael Deckwart in den letzten Tagen kaum.

Noch schlimmer kam es für Feuerwehrleute in Neukirchen. Dort war der Dorfbach wie in vielen erzgebirgischen Tälern nahe Chemnitz am frühen Sonnabend überraschend schnell angestiegen. Als die Rettungskräfte einen Keller leerpumpen wollten, entdeckten sie drei Menschen – gestorben bei dem Versuch, ihre Waschmaschine zu retten. »Das war für die Feuerwehrleute sehr belastend, denn damit hatten sie nicht gerechnet«, sagt die Leiterin der Chemnitzer Notfallseelsorge Monika Seidel, die nach dem Einsatz mit drei der freiwilligen Feuerwehrmänner sprach.

»Im Gottesdienst am Sonntag haben wir für die Toten und ihre Angehörigen gebetet«, sagt der Neukirchner Pfarrer Kay Weißflog. »Mehr konnten wir nicht machen.«

In Burkhardtsdorf und in Chemnitz-Harthau fiel wegen der Flut die feierliche Schuleinführung ins Wasser. Die Gottesdienste am Sonntag wurden so zum einzigen feierlichen Ritual für die Erstklässler. »Die Eltern waren froh, dass wenigstens das stattfand«, sagt Johannes Hofmann, Pfarrer in Chemnitz-Harthau. Auch der Keller seines Pfarrhauses mit der Heizungsanlage wurde von der Chemnitz überflutet und zerstört.

Am Tag danach ging der Pfarrer in Dienstkleidung durch den Stadtteil, um seine Hilfe anzubieten. »Doch die Leute waren mit dem Aufräumen beschäftigt und hatten da noch keinen Nerv, über das Erlebte zu sprechen. Das kommt später.«

Chaos und Verwüstung in der Apostelkirche von Zittau. Das Wasser des über die Ufer getretenen Flüsschens Mandau drang in die Kirche ein. (Foto: Gemeinde)

Chaos und Verwüstung in der Apostelkirche von Zittau. Das Wasser des über die Ufer getretenen Flüsschens Mandau drang in die Kirche ein. (Foto: Gemeinde)

In Zittau wurde die Apostelkirche geflutet. »Überall waren Schlamm und Dreck, keine Taste des guten Klaviers bewegte sich noch«, teilte die Kirchgemeinde mit. Der Schaden werde auf etwa 100 000 Euro geschätzt. »Die Kirche ist zwar denkmaltechnisch nicht ganz so bedeutend, aber für die Gemeinde sehr wichtig«, sagt Pfarrerin Katharina Köhler, die Montag schon mit Gemeindemitgliedern gegen Schlamm und Wasser ankämpfte. »Sie wird fast täglich genutzt. Unser Jugendchor probt dort, Gruppen treffen sich, jeden Sonntag ist Gottesdienst.« Durch das Hochwasser sei sie praktisch unbrauchbar geworden.

In Bertsdorf bei Zittau sind das Pfarrhaus und die ohnehin wegen Einsturzgefahr gesperrte Kirche verschont geblieben, sagt Ulrike Möbius, die mit ihrem Mann im Pfarrhaus wohnt. Allerdings habe es das Dorf selbst schwer getroffen. Das Pfarrerehepaar im Ruhestand war den ganzen Sonntag unterwegs um zu helfen. »Wir haben gestaunt: Überall hatten Menschen die selbe Idee, packten mit an. Ich hoffe, das bleibt auch weiterhin so«, sagt Ulrike Möbius.

Irmela Hennig und Andreas Roth

Religionsunterricht: »mangelhaft«

5. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Wer war Martin Luther, wovon erzählt die Bibel? Das Wissen über Religionen gehört zur Allgemeinbildung. Doch in sächsischen Schulen wird das Fach Religionsunterricht noch längst nicht überall angeboten.  Foto: Steffen Giersch

Wer war Martin Luther, wovon erzählt die Bibel? Das Wissen über Religionen gehört zur Allgemeinbildung. Doch in sächsischen Schulen wird das Fach Religionsunterricht noch längst nicht überall angeboten. Foto: Steffen Giersch


Er bleibt in Sachsen ein Sorgenkind: Für flächendeckenden Religionsunterricht fehlen die Lehrer – und die Schulstunden.

Von Andreas Roth

Das Schuljahr beginnt. Doch viele Lehrer, Pfarrer und Gemeindepädagogen erfahren erst kurz vor Dienstbeginn, wo und wann sie Religionsunterricht geben werden. »Durch das Auslaufen der Teilzeitvereinbarung des Freistaates mit den Mittelschul- und Gymnasiallehrern war die Unterrichtsplanung dieses Mal besonders kompliziert«, stellt Almut Klabunde fest. Sie ist die für Bildung zuständige Oberlandeskirchenrätin im Landeskirchenamt.

Dabei ist die Zahl der Schüler in den vergangenen zehn Jahren gesunken: von 480.000 auf 270.000. Und auch die Zahl der Religionsschüler verringerte sich von knapp 76.000 im Jahr 2000 auf rund 65.000 im letzten Schuljahr. »Aber es fehlt nach wie vor an Religionslehrern«, sagt Oberlandeskirchenrätin Almut Klabunde.

Denn weil die Schüler und die Staatsfinanzen knapper wurden, stellt der Freistaat seit Jahren nur wenige neue Lehrer ein. Staatliche Pädagogen würden »auf absehbare Zeit nicht flächendeckend« den Religionsunterricht an sächsischen Schulen gewährleisten können, räumt die Sprecherin des Kultusministeriums Susann Mende ein. Ob unter den jetzt angekündigten Neueinstellungen von 130 Lehrern auch Religionslehrer sein werden, lässt das Ministerium offen.

Deshalb unterrichten neben 450 staatlichen Lehrern auch 365 evangelische Gemeindepädagogen und 199 Pfarrer in Sachsens Schulen. Und die Landeskirche versucht das Loch weiter zu stopfen. Die Stellen ihrer Katecheten werden aufgestockt: Sie dürfen nun bis zu drei Viertel ihrer Dienstzeit Religionsunterricht geben. Zudem werden im beginnenden Schuljahr in den Kirchenbezirken Plauen, Freiberg, Auerbach und Leipzig neue Schulpfarrer eingeführt. Doch bei allen Anstrengungen der Landeskirche: Die Lücke im Religionsunterricht bleibt groß in Sachsen.

Zwar kann jedes Kind das Fach besuchen, wenn es das möchte – wenigstens in einer benachbarten Schule. Doch soll Religion laut Lehrplan eigentlich an allen sächsischen Grund- und Mittelschulen sowie Gymnasien zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden. Das aber ist nur in den letzten beiden Klassen vor dem Abitur überall der Fall (siehe Kasten).

»Wie es jetzt aussieht, wird es auf keinen Fall eine Verbesserung dieser Lage geben«, sagt Gabriele Mendt, Bildungsreferentin der sächsischen Landeskirche. »Der Ausbau der Zweistündigkeit stagniert seit Jahren.«

Das hat Folgen für den Inhalt des Religionsunterrichtes. »Ein nur eine Stunde pro Woche unterrichtetes Fach hinterlässt bei den Schülern einen oberflächlichen und wenig ernsthaften Eindruck«, sagt Christian Kahrs, der als Professor an der Evangelischen Fachhochschule Moritzburg Gemeindepädagogen auch für den Dienst in der Schule ausbildet. »In nur einer Wochenstunde kann man ein Thema nicht in Ruhe erarbeiten. Dabei brauchen die meisten Schüler erst einmal eine Alphabetisierung in der Wahrnehmung der religiösen Wirklichkeit.« Zudem brauche ein Fach Gewicht, um sich an einer Schule zu etablieren, so Kahrs. »Doch der Freistaat scheint daran kein großes Interesse zu haben, weil es Geld kostet.«

Besonders groß ist das Problem für behinderte Kinder und Jugendliche. Sie finden an keiner einzigen sächsischen Förderschule einen zweistündigen Religionsunterricht, und nur an einigen Einrichtungen gibt es das Fach mit wenigstens einer Wochenstunde.

Auch an den Berufsschulen wird nur selten Religion unterrichtet. Das liegt an der geringen Nachfrage – aber auch am Mangel an speziell für diese Schulart ausgebildeten Religionslehrern.

Die Einzelkämpfer

29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Der Dresdner Kantor Stefan Gehrt spielt nicht nur viele Musikinstrumente, sondern ist auch für mehrere Gemeinden zuständig – mit einer 70-Prozent-Stelle. Vielen seiner Kollegen geht es ebenso. Foto: Steffen Giersch

Der Dresdner Kantor Stefan Gehrt spielt nicht nur viele Musikinstrumente, sondern ist auch für mehrere Gemeinden zuständig – mit einer 70-Prozent-Stelle. Vielen seiner Kollegen geht es ebenso. Foto: Steffen Giersch


Sie haben Teilzeitstellen und arbeiten oft mehr als sie müssten. Darüber wollen Sachsens Kantoren auf dem Kirchenmusikertag miteinander reden.

»Ich gehöre zu den ersten Kantoren in Sachsen, die in mehreren Gemeinden angestellt sind«, sagt Stefan Gehrt. Zwischen drei Kirchen ist er unterwegs, mit einer 70-Prozent-Stelle. Das bedeutet 28 Arbeitsstunden pro Woche. »Aber nur auf dem Papier. In Wirklichkeit komme ich auf 50 Wochenstunden«, erzählt er.

Mehr Zeit als früher braucht er, um seine musikalische Arbeit zu organisieren. »Früher konnte mir das Gemeindebüro vieles abnehmen.« Doch hier ist der Verwaltungsangestellte bereits für Pfarramt und Friedhof zuständig. »Der macht schon reichlich Überstunden.« Also muss Stefan Gehrt für musikalische Gottesdienste und Konzerte Programme und Ankündigungen selber schreiben, Plakate und Flyer gestalten und drucken lassen, die Finanzen für die Kirchenmusik verwalten.

Damit sich Termine in der einen nicht mit denen in der anderen Gemeinde überschneiden, sind zusätzliche Ausschuss-Sitzungen und Besprechungen nötig. Da bleibt für die Hauptsache – den musikalischen Alltag – nicht mehr viel Zeit. »Ich kann fast nur noch bei Höhepunkten wie Konfirmation oder Festgottesdiensten dabei sein.«

Gemeindezusammenschlüsse, größere Gebiete, weniger Personal – Stefan Gehrt weiß, dass die meisten Kantoren in der sächsischen Landeskirche mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Doch jeder stehe wie ein Einzelkämpfer auf seinem Posten. Nun aber wollen sie erstmals gemeinsam nach Lösungen suchen. Gelegenheit dafür sehen er und seine Mitstreiter zum Sächsischen Kirchenmusikertag am 18. September. »Dort kommt es darauf an, dass sich viele ehren-, neben- und hauptamtlich arbeitende Kirchenmusiker zusammenfinden, sich austauschen und deutlich vernehmbar artikulieren«, sagt er.

Ende 2009 hat er gemeinsam mit anderen Kantoren das »Netzwerk Kirchenmusik in Sachsen« initiiert. Drei Hauptprobleme gilt es für sie zu lösen: Erstens müssten alle Verbände, Vereine, Werke, Einrichtungen der Kirchenmusik mit Vertretern der unterschiedlich angestellten Kantoren zusammenkommen. Nach dem Vorbild der Jugendkammer schlagen sie eine »Kammer für Kirchenmusik« vor.
Zweitens wollen sie die bisherige Arbeitszeitkalkulation – 40 Prozent für »öffentlich sichtbare Dienste«, 60 Prozent für alle anderen Arbeiten – zur Diskussion stellen.

Stefan Gehrt schätzt: »Etwa zwei Drittel kommen damit nicht zurecht. Je geringer ihr Anstellungsumfang, desto schlechter funktioniert es.«
Drittens sollen die Kantoren mehr Klarheit über Rechte und Pflichten bekommen. Das mehrbändige Regelwerk dazu sei kaum zu überschauen. »Wir wollen eine Art Kompendium mit dem Wichtigsten daraus zusammenstellen.«

Alte Versorgungsprinzipien für die Kantoren und für die neuen Gemeindestrukturen seien durch Flickschusterei nicht zusammenzukitten, meint Stefan Gehrt. Die Kirchenmusiker brauchten neue Arbeitsbedingungen. »Sonst droht ihnen reihenweise Burnout.«

Sachsens Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) Markus Leidenberger stimmt ihm im Grundsätzlichen zu. Heute gebe es vielerorts größere Gebilde, etliche Kantoren arbeiteten mit mehreren Kirchenvorständen zusammen. Die Ordnungen indes stammten aus einer Zeit, da jede Gemeinde ihren Kantor hatte. Änderungsbedarf sieht deshalb auch er. Mahnt allerdings, nicht übers Ziel hinauszuschießen: »Wir müssen das Gegebene behutsam an die neuen Bedingungen anpassen, dabei die Folgen jeder Änderung abschätzen. Eine Veränderung in einer Ordnung zieht Veränderungen in anderen Ordnungen nach sich. Das ist ein kompliziertes Geflecht.« Als LKMD müsse er das Ganze im Blick behalten.

Annehmbare Bedingungen hält auch er für nötig. Schon wegen der enormen Bedeutung der Kirchenmusik. »Chöre und Posaunenchöre sorgen für soziale Kontakte. Sie sind die stabilsten Netzwerke in den Gemeinden.« Inzwischen hätten etliche Chöre auch Sänger, die keine Kirchenmitglieder sind. Durch Musik öffne sich die Kirche nach außen. »Bei Konzerten ist die Schwelle für Nichtchristen viel niedriger.«

Tomas Gärtner

www.netzwerk-kirchenmusik.de

»Du frierst, zitterst, schwitzt«

22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch

Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch


Mike Schulz will weg vom Alkohol und findet Hilfe bei der Auerbacher Diakonie

Es ist ein stiller Kampf vor dem kleinen Kiosk auf dem Auerbacher Neumarkt. Er beginnt für Mike Schulz, wenn seine Kumpels ihr Sternburg-Bier an die Lippen setzen. »Du musst einen eisernen Willen haben. Ich bin ein trockener Alkoholiker – die Krankheit ist nicht heilbar«, sagt Schulz (44), und fährt sich mit der Hand leicht zitternd durchs lange Haar. Er sieht in die kleinen Männerrunde im Schatten der Bäume, er sieht die braunen Flaschen. »Ich bleibe so lange, wie es geht. Und wenn ich merke, es geht nicht mehr, hau ich ab.«

Schulz weiß wohin es führt, wenn er diesen Abgang verpasst. Es war zwei Tage vor Silvester im letzten Jahr, er hatte gerade acht Wochen Krankenhaus hinter sich: Entgiftung, Langzeittherapie, harte Arbeit für ihn und seine Therapeuten. Da machte seine Freundin mit ihm Schluss, die Sinnlosigkeit tat sich vor ihm auf – und die ihm so vertraute Lösung: Drei Flaschen Schnaps und sechs Flaschen Bier trank er im Schnitt. Täglich. »Irgendwann hätte ich mich tot gesoffen«, sagt Schulz.

Sein Gesicht erzählt davon. Doch seine Augen hat der Alkohol nicht stumpf gekriegt, im Gegenteil: ganz unverstellt, manchmal ein wenig melancholisch und nicht selten mit Lachfalten blicken sie auf das sommerliche Treiben auf der Geschäftsstraße. Was hätte werden können, wenn sein Vater nicht selbst getrunken und ihn geschlagen hätte, wenn er nicht ins Kinderheim gekommen wäre, nicht in einen der berüchtigten DDR-Jugendwerkhöfe? »Das war die Vorstufe zum Knast«, sagt Schulz.

Die Tätowierungen auf seinem Arm sind die Erinnerung an etliche Jahre hinter Gittern. Auch dort blieb der Alkohol sein Begleiter, selbst hergestellt aus gegorenem Brot. Vier Mal versuchte Maik Schulz in den elf Jahren nach seiner Haftentlassung, sich von seiner Sucht zu befreien. »Du frierst, schwitzt, zitterst, isst nichts mehr, liegst da – da willst du nicht mehr leben.« An Gott glauben, sagt Schulz, kann er nicht. Sein Himmel bleibt leer.

Es war nicht nur seine Freundin, die ihm im vergangenen Frühjahr eine neue Chance gab und zu einer Entgiftung im Krankenhaus motivierte, sondern auch die Suchtberatung der Auerbacher Diakonie. Zu ihr kommt Schulz seit dem Frühjahr immer wieder und besucht oft deren Teestube. Hier können suchtkranke Menschen kostenlos frühstücken, Alkoholfreies trinken, für kleines Geld zu Mittag essen und die Einsamkeit bekämpfen.

»Ich habe aus Frust gesoffen, wenn es nicht so hingehauen hat wie ich wollte«, das hat Schulz bei den Gesprächen mit den Beratern der Diakonie gelernt. »Jetzt suche ich mir einen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Das Leben ist kein Wunschkonzert.«

Iris, die Wirtin von »Shelly’s Bi­stro« in der Auerbacher Fußgängerzone, klopft Schulz auf die Schulter: »Du kannst stolz auf dich sein«, sagt sie. Sie hat einen Bier- und Schnapskunden verloren – aber Mike Schulz hat eine Zukunft gewonnen.

Andreas Roth

Gegen Klimasünden

15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Klima
Die sächsische Landeskirche will etwas gegen den Klimawandel tun. Doch es geht nur langsam voran – und die Zeit drängt.

Der Kirchenvorstand war verblüfft. Als eine Energieberaterin im vergangenen September die Bautzener St. Michaels-Kirche, das Pfarrhaus und den Saal der Gemeinde unter die Lupe nahm, präsentierte sie überraschende Ergebnisse: Die Heizung der Kirche verbraucht allein in den Winter-Gottesdiensten so viel Energie wie fünf Haushalte im ganzen Jahr. Der Heizkessel im Pfarrhaus ist doppelt so groß wie nötig und der Ofen im Gemeinderaum uneffektiv. »Das Ausmaß der Energievernichtung hat uns beeindruckt«, sagt Kirchvorsteher Siegfried Kühn. Er diskutiert in seinem Kirchenvorstand nun Konsequenzen aus der Energieberatung. Das Ziel: »Wir wollen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.«

Im Juni trat die Landeskirche einem Klimaschutz-Bündnis aus 23 Kirchen und Entwicklungsdiensten bei. Die EKD-Synode hatte im Herbst 2008 beschlossen: Die Landeskirchen sollten ihre CO2-Emissionen bis 2015 um ein Viertel senken. Doch wie will man das berechnen? Niemand in der sächsischen Landeskirche weiß genau, wie hoch der Kohlendioxid-Ausstoß eigentlich ist. Die Ziele für eine Reduzierung sind dementsprechend schwammig und unkontrollierbar.

Immerhin: Seit dem letzten Jahr bietet die Sächsische Energieagentur SAENA für die Landeskirche mit staatlicher Förderung Energieberatungen an – doch nur 20 von insgesamt 780 Kirchgemeinden hatten wie St. Michael in Bautzen bisher Interesse daran. Der erste kirchliche Praxistag zum Energiesparen im vergangenen Jahr hatte 30 Teilnehmer. Sechs sächsische Kirchgemeinden und kirchliche Einrichtungen arbeiten zudem an der Einführung eines Umweltmanagements nach EU-Regeln, das die Evangelische Akademie Wittenberg unter dem Markennamen »Grüner Hahn« begleitet.

»Diese Angebote sprechen sich nur langsam herum, obwohl wir alle Kirchgemeinden in Sachsen mehrfach angeschrieben haben«, sagt Joachim Krause, der scheidende Umweltbeauftragte der sächsischen Landeskirche. Wegen knapper Kassen scheuten Kirchgemeinden oft vor Investitionen etwa in neue Heiztechnik zurück, so Krause: »Dass sich manche Maßnahme über eingesparte Energie in überschaubarer Zeit wieder refinanziert, ist nicht leicht zu vermitteln«. Hinzu kommt, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung vielerorts nicht als kirchliche Kernaufgabe gesehen wird.

»Es hängt immer am Engagement von wenigen, meist ehrenamtlichen Mitarbeitern«, hat Antje Fritzsche von der SAENA bei der Beratung von Kirchgemeinden erfahren. Um mehr Christen in Sachsen zu motivieren, lädt die SAENA gemeinsam mit der Landeskirche am 25. September zum zweiten Umwelt-Praxistag nach Dresden ein.

Das Dresdner Landeskirchenamt will mit gutem Beispiel vorangehen: Dort lässt man jetzt Energiefresser wie Spülmaschinen am Abend laufen, um den Energieverbrauch besser zu verteilen und einzudämmen. Außerdem bezieht die Behörde seit Jahresbeginn ebenso wie etliche Kirchgemeinden nur noch Öko-Strom und will damit den CO2-Ausstoß um 124 Tonnen verringern. Das Chemnitzer Regionalkirchenamt wird im nächsten Jahr nachziehen.

Auch einige Einrichtungen der Diakonie Sachsen setzen auf Energie aus Sonne, Erde und Holz. Am Radebeuler Stammsitz wurde im März eine Energieoptimierungsanlage in Betrieb genommen, die jährlich 12,5 Tonnen CO2 sparen soll. Doch unter zunehmendem Kostendruck gerät bei diakonischen Einrichtungen der Klimaschutz mitunter ins Hintertreffen.

Die Landessynode hatte das Landeskirchenamt bereits im April 2007 um die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei Bauvorhaben gebeten. Doch in der landeskirchlichen Bauordnung spielt dieses Anliegen bis heute keine Rolle. »Der Klimawandel betrifft uns alle«, hatte die sächsische Kirchenleitung im Vorfeld der Weltklimakonferenz 2009 gemahnt: »Die Zeit der Beschwichtigung ist vorbei.« Das gilt auch für die Kirche selbst.

Andreas Roth

Internetseite der Sächsischen Energieagentur SAENA mit Beratungsangeboten für Kirchgemeinden: www.saena.de

»Es wird hart«

9. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Auf dem Hof des Evangelischen Schulzentrums in Chemnitz: Die Schülerinnen Virginia, Emma, Senta und Jessica (v. l.) wissen nichts von den Sorgen des Schul-Geschäftsführers Stefan Meyer (hinten). Foto: Andreas Seidel

Auf dem Hof des Evangelischen Schulzentrums in Chemnitz: Die Schülerinnen Virginia, Emma, Senta und Jessica (v. l.) wissen nichts von den Sorgen des Schul-Geschäftsführers Stefan Meyer (hinten). Foto: Andreas Seidel


Die sächsische Regierung erschwert die Gründung evangelischer Schulen und kürzt die Zuschüsse – besonders stark für Schüler aus armen Familien.

Eigentlich wollte das Evangelische Schulzentrum Chemnitz in einem Jahr ein Gymnasium eröffnen. Eigentlich. Denn zusammen mit den Kürzungsplänen der sächsischen Staatsregierung gab Kultusminister Roland Wöller (CDU) einen Kurswechsel für freie Schulen bekannt: Ab nächstem Jahr müssen neugegründete Gymnasien von Anfang an mit drei Klassen und Mittelschulen mit zwei Klassen pro Jahrgang an den Start gehen – und sie müssen vier Jahre lang ohne staatliche Zuschüsse überleben. Bisher konnten Schulvereine mit einer Klasse beginnen und es genügten drei Jahre bis zur Anerkennung.

»Eine Neugründung zu finanzieren ist nun fast unmöglich«, sagt Stefan Meyer, Geschäftsführer des Freien Evangelischen Schulvereins Chemnitz. Der Träger muss nun neu entscheiden, ob er die Gründung eines Gymnasiums beim Freistaat anmelden wird. Dass hinter der Wende in der sächsischen Schulpolitik etwas anderes steht als der zunächst vorgegebene Spar­zwang offenbarte Kultusminister Wöller selbst. In einer Zeitung sprach er von einer »Kannibalisierung« zwischen staatlichen Schulen und freien Schulträgern: Allein in 19 Fällen seien in den letzten zehn Jahren freie Schulen gegründet worden, weil die staatliche Schule in einem Ort mangels Kinder schließen musste. Dieser Konkurrenzkampf um Schüler habe das staatliche Schulnetz in einigen Regionen in Gefahr gebracht, so der Minister.

In der Tat gibt es bis heute Neugründungen evangelischer Schulen in Sachsen, die eine geschlossene staatliche Einrichtung ersetzen. Auf der anderen Seite stehen Träger wie das Evangelische Schulzentrum Chemnitz, die in einer Stadt eher eine Alternative in der Bildungslandschaft darstellen und kaum eine Bedrohung sind.

Den 148 freien Schulen in Sachsen – davon 41 evangelische – stehen 1169 staatliche Einrichtungen gegenüber. Die finanziellen Zuschüsse pro Schüler und damit die Haupteinnahmequelle der freien Schulvereine will der Freistaat in den nächsten zwei Jahren um 11,1 Prozent senken. »Doch Einsparungen im Schulbetrieb sind kaum noch möglich, und bei den Gehältern der Lehrer stehen wir im Wettbewerb mit staatlichen Schulen um gutes Personal«, sagt Martin Herold von der Schulstiftung der sächsischen Landeskirche. »Es wird hart werden.«

Deshalb wollen sich die Landeskirche und das katholische Bistum Dresden-Meißen in den nächsten Wochen bei der Landesregierung für die freien Schulen einsetzen. »Die Landeskirche kann die Kürzungen nicht hinnehmen. Sie bedrohen die Arbeit der evangelischen Schulen existentiell«, sagt Oberlandeskirchenrätin Almut Klabunde, Bildungsdezernentin der sächsischen Landeskirche.

Die geplanten Kürzungen werden auch die ärmsten Familien treffen: Ihnen konnten die freien Schulträger bisher das Schulgeld mit Hilfe von staatlichen Zuschüssen erlassen. Dieses Geld aber will das Kultusministerium in diesem Jahr streichen. »Wir hoffen, dass deshalb Kinder unsere Schule nicht verlassen müssen – und wollen alles dafür tun«, sagt Sieglinde Eichert, die Leiterin der Evangelischen Schule Wilkau-Haßlau. »Die freie Schulwahl, die das Grundgesetz fordert, wird wohl künftig durch den Geldbeutel entschieden. Und konfessionelle Schulen werden nur noch für Reiche da sein – das ist das, was wir nicht wollen.«

Andreas Roth

Macht ist nichts Böses

1. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Ein Politiker aus der Kirche: Hans Geisler, der langjährige Sozialminister Sachsens, arbeitete zu Zeiten der DDR in der Synode der sächsischen Landeskirche und beim Kirchentag mit – und lernte dort Demokratie. Foto: Steffen Giersch

Ein Politiker aus der Kirche: Hans Geisler, der langjährige Sozialminister Sachsens, arbeitete zu Zeiten der DDR in der Synode der sächsischen Landeskirche und beim Kirchentag mit – und lernte dort Demokratie. Foto: Steffen Giersch


In der letzten DDR-Regierung saßen vor 20 Jahren auch friedliche Revolutionäre. Hans Geisler war einer von ihnen.

Es ist ein Spaziergang durchs Grüne mitten in Berlin, bei dem Hans Geisler Regierungsmitglied wird. Ein stiller bescheidener Chemiker aus Dresden soll parlamentarischer Staatssekretär werden – und weiß im April 1990 gar nicht so genau, was das ist.

Wenige Monate zuvor noch hatte er in Kirchen für den Frieden gebetet, hatte im Herbst 1989 für die Revolution demonstriert, hatte für die neu gegründete Partei »Demokratischer Aufbruch« am Runden Tisch des Bezirks Dresden gesessen – und schließlich bei den ersten freien Volkskammer-Wahlen der DDR am 18. März die Enttäuschung der Bürgerrechtler geteilt: nur 0,9 Prozent der Stimmen erhielt Geislers kleine Partei.

»Macht ist eher etwas Böses, sie wird eigentlich immer missbraucht«, so hatte Hans Geisler Anfang der 1980er Jahre auf einer Synode der sächsischen Landeskirche gesprochen. Daran erinnert er sich gut. Noch besser erinnert er sich an die Erwiderung des Landesbischofs Johannes Hempel: »Macht fällt einem zu und muss verantwortet werden.« Im Frühling 1990 fällt sie Hans Geisler zu, mit 50 Jahren. Christa Schmidt, die Familienministerin der Regierung von Lothar de Maizière, trägt dem gerade in die Volkskammer gewählten Abgeordneten auf einem Spaziergang die Aufgabe an.

Doch den evangelischen Christ treiben Gewissensfragen um: Wie soll er es mit dem freizügigen DDR-Recht auf Abtreibung halten? »Für mich persönlich ist jeder Schwangerschaftsabbruch ein Mord«, so sagt es der neue Staatssekretär später vor der Volkskammer. »Aber ich habe Verantwortung auch für 80 Prozent der DDR-Bürger, die meine Haltung nicht teilen.« Gut möglich, dass dies die Geburtsstunde des Politikers Hans Geisler ist. Er nimmt die Verantwortung an und gestaltet sie.

Rasend dreht sich das politische Räderwerk in der ersten frei gewählten Volkskammer und DDR-Regierung. »Was damals vom Parlament in einer Woche beschlossen wurde, braucht heute einen Monat oder länger«, erinnert sich Geisler. Der Chemiker, der bisher das Labor des Dresdner Diakonissen-Krankenhauses geleitet hatte, gräbt sich durch Akten mit ost- und westdeutschen Gesetzen. Neuland. Bis August 1990 muss der Vertrag für die deutsche Wiedervereinigung stehen.

Hans Geisler verhandelt mit westdeutschen Ministerien über die Höhe einer menschenwürdigen Mindestrente und Sozialhilfe. Kaum einer ahnt, wie wichtig diese Zahlen bald für das entstehende Heer der Arbeitslosen werden sollen. Als die Verhandlungen an das Thema Abtreibungen gelangen, bleibt Geisler hart: Er fordert für Ost und West mehr Beratung und Bedenkzeit für schwangere Frauen. Der BRD-Verhandlungsführer Wolfgang Schäuble verlässt den Raum. Nach zehn Minuten kehrt er zurück – und akzeptiert.

Am 3. Oktober 1990 kommt die DDR an ihr Ende. Hans Geisler wird sächsischer Sozialminister, zwölf Jahre lang. Ob einer wie er heute noch Politiker werden könnte, wo in Parteien oft Seilschaften und Ellenbogen zählen? »Schwer«, sagt Hans Geisler, »sehr schwer.« Eine, die er im Sommer 1990 öfters in den Fluren der DDR-Regierung traf und seitdem duzt, hat es geschafft. Sie war damals stellvertretende Regierungssprecherin. Sie heißt Angela Merkel.

Andreas Roth

Ein Mann des Ausgleichs

Friedrich Magirius in seinem Garten in Leipzig-Wahren. Als Superintendent und Stadtpräsident hat er das kirchliche und politische Leben in der Messestadt vor und nach 1989 wesentlich mit geprägt. Foto: Armin Kühne

Friedrich Magirius in seinem Garten in Leipzig-Wahren. Als Superintendent und Stadtpräsident hat er das kirchliche und politische Leben in der Messestadt vor und nach 1989 wesentlich mit geprägt. Foto: Armin Kühne


Am 26. Juni feiert der frühere Leipziger Superintendent Friedrich Magirius 80. Geburtstag

Der Garten ums Haus zeigt sich im Juni von seiner schönsten Seite. Ehe es um die ernsten Dinge seines 80-jährigen Lebens geht, führt Friedrich Magirius durch die von seiner Frau Christel angelegten Blumenbeete. Diese leuchten in prächtigen Farben, passend zum 80. Geburtstag des früheren Leipziger Superintendenten, den er am 26. Juni feiert.

Als er dann auf seine Erinnerungen zu sprechen kommt, hat er für sich einen roten Faden ausgemacht: »Ich bin kein Einzeltyp. Gott hat mir immer eine Gruppe geschenkt, gerade auch für Leitungsaufgaben«, sagt er. Das war so in seiner ersten Gemeinde in Einsiedel bei Chemnitz, wo er einen engen Kontakt mit dem Kirchenvorstand gepflegt hat, das war auch so während seiner Arbeit als Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR von 1974 bis 1982, das prägte seine Arbeit als Superintendent und nach 1989 als Stadtpräsident von Leipzig.

Gerade in den letzten Jahren der DDR war ihm das wichtig. »Es war mein Anliegen, dass es eine Gruppe gibt, die die Friedensgebete verantwortet«, sagt er rückblickend. Deshalb habe er 1985 vorgeschlagen, dass die Kirchenbezirkssynode einen Ausschuss »Frieden und Gerechtigkeit« wählt mit Mitgliedern der Synode und der Friedensgruppen.

Als »Mann des verantwortlichen Ausgleichs« würdigt Johannes Hempel, damals Landesbischof, den Jubilar. »Er hat sich als Pfarrer und Superintendent von Anfang an der Vermittlung zwischen getrennten Kirchen, Völkern, christlichen Gruppen gewidmet«, so Hempel. Mit der »Aktion Sühnezeichen« habe er Brücken zu Polen gebaut. »Im Jahre 1989 mühte er sich um die Vermittlung zwischen Gruppen der friedlichen Revolution und der Kirchenleitung«, so Hempel.

Friedrich Magirius selbst sieht diese Zeit mit gemischten Gefühlen. 1988 habe der Synodalausschuss vor einem doppelte Problem gestanden: Einerseit seien immer mehr Antragsteller auf Ausreise zu den Friedensgebeten gekommen, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Andererseits hätten immer mehr Gruppen gefordert, dringend in der Gesellschaft hier etwas zu verändern. »Ich konnte sie nicht zusammenhalten«, sagt er. Und immer habe er in dem Spannungsfeld zwischen Aufbegehrenden und Staatsmacht gestanden. Dabei war sein Credo: »Kirche muss Kirche bleiben, offen für die Probleme der Gruppen, aber immer auch für die Botschaft der Bibel«, sagt er.

Als dann in Ostdeutschland demokratische Verhältnisse Einzug hielten, ging es Friedrich Magirius wieder darum, »in der Stadt die Partner zu finden, mit denen man etwas bewegen kann«. Er ging ehrenamtlich und ohne Parteibuch in den Stadtrat und wurde dort zum Stadtpräsidenten gewählt – ein Amt, das es neben dem Oberbürgermeister nur vier Jahre lang gab. Noch heute engagiert er sich für die Belange der Stadt. »Ich gehe in Jugendzentren, um zu hören, was es dort für Probleme gibt«, sagt er. »Ich kann dadurch helfen, dass ich die kenne, die helfen können.« Und er übernimmt noch gern Gottesdienstvertretungen.

Für Christoph Münchow ist Magirius »auch im Ruhestand seinen Grundanliegen mit beherztem Engagement treu gebleiben«, so der heutige Oberlandeskirchenrat und einstige Lehrvikar des Jubilars aus Chemnitzer Zeiten. »Es geht ihm um das Gespräch zwischen den Generationen, zwischen jüdischen und polnischen Zeitzeugen mit der heranwachsenden Generation«, so Münchow. Er betont: »Friedrich Magirius hält klar im Blick, wo Widerstehen und wo Versöhnen nötig sind.«

Sich einbringen, Verzicht üben, das sieht Magirius unter heutigen Verhältnisse geboten. Zu seinem 80. Geburtstag wünscht er sich keine Reden, »aber ich freue mich, dass Gott mir das Alter geschenkt hat und ich noch mitwirken kann«.

Christine Reuther

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