Links und rechts – der Elbe

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Dresden wehrte sich am 13. Februar erfolgreich gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer

Selig sind die Friedfertigen«, sagt Katrin Göring-Eckhardt beim Friedensgebet auf dem Dresdner Postplatz. Für Christen heiße das aufzustehen, wachzurütteln, unterwegs zu sein, so die Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Präsidentin des Kirchentags 2011 in Dresden vor den Hunderten Teilnehmern. Darunter sind auch über 100 Bläserinnen und Bläser von Posaunenchören aus allen Teilen Sachsens. Sie begleiten die Stationen des Friedensgebets gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus am 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens. Seit Jahren ein Tag des stillen Gedenkens, wird dieser zunehmend von Rechtsextremen für Aufmärsche und Kundgebungen instrumentalisiert.

In diesem Jahr wollte die Stadt das nicht länger hinnehmen. Erstmals war es gelungen, dass Kirchen, Rathaus, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen gemeinsam aufriefen zu einer Menschenkette um die Innenstadt. Das Friedensgebet bildete den Auftakt. Ruth Misselwitz von der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste zitierte dabei Dietrich Bonhoeffer: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«

Diese Menschen guten Willens wurden von Gebetsstation zu Gebetsstation, über den Theaterplatz und hin zur Synagoge, immer mehr bis sie das Rathaus erreichten. Dort sollte die Menschenkette beginnen. Über 12 000 Teilnehmer, so heißt es, hatten sich dort versammelt. Oberbürgermeisterin Helma Orosz rief auf, sich den »Neu- und Altnazis, die versuchen, das Gedenken zu missbrauchen«, entgegen zu stellen. »Dresden will sie nicht«, so die Oberbürgermeisterin.

Und während sich aus Tausenden Menschen in der Altstadt eine Kette formierte, leisteten weit ab, auf der anderen Elbseite, fast ebensoviele Menschen Widerstand gegen den von der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« angemeldeten Aufmarsch. Über 5000 Polizisten waren im Einsatz, um diese Demonstration vor gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Linksautonomen zu schützen.

Den friedlichen Blockierern und der Polizei gelang es schließlich, die vor dem Neustädter Bahnhof versammelten rund 6000 Rechtsextremen am Weiterkommen zu hindern. Diese mussten unverrichteter Dinge abreisen. Gera und Pirna hatten ihren Frust auszubaden: Am Abend haben mehrere Hundert von ihnen dort randaliert. Nach Polizeiangaben befanden sie sich auf der Rückreise von Dresden.

Die Dresdner Landessynodale Tabea Köbsch war bei der Blockade in der Dresdner Neustadt dabei. Ihr war es wichtig, »dass da auch ganz normale Leute sind und deeskalierend wirken«, sagt sie im Nachhinein. »Es fällt mir schwer, beim Friedensgebet die Hände zu falten, wenn auf der anderen Elbseite die braunen Horden sind.« Sie sieht es als großen Erfolg, dass die Blockade weitgehend friedlich geblieben ist, so wie es das Bündnis aus vorwiegend linken Parteien und Organisationen immer wieder gefordert hatte. »Friedlich und gewaltfrei« habe die Parole auf der Neustädter Seite gelautet.

Als Synodale wollte sie sich ein eigenes Bild von einer solchen Aktion zivilen Ungehorsams machen, nachdem im sozial-ethischen Ausschuss der Synode eine Beschwerde darüber eingegangen war, dass Kirche in Leipzig sich an einem solchen Aufruf beteiligt hatte. »Jetzt aus eigenem Erleben sage ich, dass es wichtig ist, wenn Kirche auch dabei ist«, so Köbsch.

Landesbischof Jochen Bohl, der an der Menschenkette in der Altstadt teilgenommen hatte, würdigte diese als »großen Erfolg«. »Wir haben dem Aufmarsch der neuen Nazis eine eindrückliche Antwort erteilt«, sagte er vor Journalisten. An der Menschenkette beteiligten sich auch der katholische Bischof Joachim Reinelt, Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl, Mini-sterpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie weitere Landespolitiker. Aber auch Synodenpräsident Otto Guse und seine Vorgängerin im Amt, Gudrun Lindner, hatten sich eingereiht.

Am Abend versammelten sich die Dresdner zu einem stillen Gedenken vor der Frauenkirche. Dabei erinnerte der frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP) an die Bombenangriffe vor 65 Jahren, die er als Zwölfjähriger in Dresden erlebt hatte. Von der Stadt müsse »immer wieder ein Signal für Frieden und Völkerverständigung, für Demokratie und Menschenrechte in die Welt« gesendet werden, forderte der 77-Jährige.

In einem ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche wurde am Abend ebenfalls an die Opfer der Bombennacht gedacht. Traditionell läuteten zum Zeitpunkt des Fliegeralarms am 13. Februar 1945 um 21.45 Uhr die Dresdner Kirchenglocken.

Während die Menschenkette ein Zeichen für den Willen der Bürger zu Frieden und Versöhnung setzte, ist die Verhinderung des Aufmarsches der Rechtsextremen jedoch den Menschen auf der anderen Elbseite zu verdanken, die mit zivilem Ungehorsam sich dem im wahrsten Sinne des Wortes entgegenstellten.
Dabei ging es jedoch nicht nur friedlich zu: 27 Menschen wurden verletzt, darunter 15 Polizisten, 25 Brände mussten gelöscht werden, Autos wurden beschädigt, ein Begegnungszentrum des Stadtteils von Rechten angegriffen. Und vermutlich Linksautonome störten das stille Gedenken abends an der Frauenkirche durch laute Zwischenrufe.

Christine Reuther/epd

Gene, Chips und Schöpfungsakt

7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen.     Foto: Steffen Giersch

Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen. Foto: Steffen Giersch

Nun ist die Selbstbestimmung Gesetz. In einer Patientenverfügung darf jeder seinen Willen festschreiben. Manche sehen in den Paragrafen bereits die Lösung. Für Jörg Michel fangen die Fragen hier erst an: »Wie hilfreich ist ein Gesetz beim Versuch, mögliche extreme Situationen der Zukunft zu regeln?«

Um Experten und Interessierte darüber diskutieren zu lassen, hat er eine Tagung vorbereitet: vom 22. bis 24. Januar. Es ist der erste öffentliche Auftritt des 43-jährigen promovierten Biologen als neuer Studienleiter in der Evangelischen Akademie Meißen. »Naturwissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung« heißt sein Bereich. Er ersetzt den Studienbereich »Arbeitswelt und Wirtschaft«.

Viel Vorlaufzeit hatte Michel nicht. Er betrachtet das als Vorteil: »Da kann ich aktuell reagieren.« Auf das Thema Depression beispielsweise – seit der Selbsttötung des Fußballtorwarts Robert Enke in aller Munde. Die Tagung dazu ist für April geplant.

Möglichst viele Facetten eines Problems zu ermitteln, Fragen dazu aufzuwerfen und geeignete Referenten zu finden, das ist seine Aufgabe als Studienleiter. Michel, der aus Hessen stammt, bringt eine naturwissenschaftliche Ausbildung mit. Biologiestudium in Gießen. Promotion zu Genetik und molekularer Biologie. Danach angewandte Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Zellbiologie im Klinikum der Gießener Universität. 2006 ist er in den Osten Deutschlands gekommen – nach Senftenberg, an die Fachhochschule Lausitz. Sein Fachbereich dort: Biotechnologie, Chemie, Verfahrenstechnik.

Mehr und mehr sei ihm bewusst geworden, dass sich sein Fachgebiet innerhalb von Grenzen bewege: »Dass es Bereiche gibt, wo Naturwissenschaft keine Aussagen machen kann.« Deshalb absolvierte er ein Fernstudium der Theologie. Inzwischen ist er neuen Themen auf der Spur: Chips, die, in den Körper implantiert, die Möglichkeiten des Menschen erweitern; Energiegewinnung in der Wüste; synthetische Biologie. »Letzteres erinnert an einen Schöpfungsakt. Da werde ich hellhörig.«

Tomas Gärtner

Homepage des Studienbereichs Naturwissenschaft an der Evangelischen Akademie Meißen

»So eine Art Nomade«

30. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Das Büro für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden ist eröffnet. Dessen Leiter Volker Knöll ist mal wieder Stadtbürger auf Zeit.

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch


Volker Knöll ist jetzt ein Dresdner. Vorher war er Bremer. Geboren und aufgewachsen ist der 39-jährige Betriebswirt und Non-Profit-Manager in Südhessen. Viele Menschen knüpfen ihre Identität an ihren Wohnort. Würde Volker Knöll dies tun, müsste er sie alle zwei Jahre wechseln, im Rhythmus des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Als Geschäftsführer gehört er zur mobilen Truppe des Großereignisses, zu dem in Dresden vom 1. bis 5. Juni 2011 um die 100 000 Menschen erwartet werden. »Ich bin so eine Art Nomade«, sagt er. Auch »Handwerker« oder »Wanderzirkus« würden er und die rund 80 Mitarbeiter der Geschäftsstelle genannt, meint er und lacht. Freundlich, agil, offen, humorvoll – so wirkt er bei der Eröffnung der Geschäftsstelle. Die befindet sich nur ein paar Schritte entfernt vom Dresdner Zwinger.

Seine neue Wohnung hat Volker Knöll im Stadtteil Striesen gefunden. Gemeinsam mit seiner Verlobten. Auch sie gehört zu den Organisatorinnen des Kirchentages. Ein Glücksfall – die Belastungsprobe für das Familienleben entfällt. Auch die anderen drei Geschäftsführer, die ihm folgen, müssen die Kirchentagsstadt zu ihrem Hauptwohnsitz machen. Kisten packen und die gesamte Einrichtung im Laster verstauen, sei für ihn schon fast zur Routine geworden, sagt Knöll. »Nach dem dritten Umzug hat man sich daran gewöhnt, dass es IKEA-Möbel gibt.«

Aber sich mit Haut und Haaren auf den neuen Ort einzulassen, gehöre nun einmal dazu. Die schwierige Seite dieses fortwährenden Wechsels für ihn: »Dass man ständig sein soziales Umfeld wechseln muss. Menschen, die man erst intensiv kennen gelernt hat, muss man wieder loslassen.«

Sich gründlich umzusehen – das wird auch in Dresden seine Haupttätigkeit sein. Immer mit dem prüfenden Veranstalter-Blick: Welche Wiese eignet sich für einen Gottesdienst unter freiem Himmel? Wo kann eine Bühne stehen? In welche Halle passen wie viele Menschen? Für diese Touren will er den Dienstwagen stehen lassen und sich aufs Fahrrad schwingen.

In der Geschäftsstelle herrscht reges Kommen und Gehen. Das werde so bleiben, sagt Volker Knöll. »Unsere Arbeit hat eine hohe Dynamik.« Für die Inhalte ist das Büro in Fulda zuständig. Er und seine Mitarbeiter haben das Terrain technisch vorzubereiten. Es wird Abteilungen geben für Möbel, Computer, Telefone, für Transport, Raumplanung, Quartiere.

»Ich habe hier die Funktion eines Dirigenten mit Orchester«, sagt Volker Knöll. Er muss darüber wachen, dass nicht mehr ausgegeben wird als im Haushalt zur Verfügung steht – voraussichtlich werde sich dieser Betrag um die 14 Millionen Euro bewegen.

Tomas Gärtner

Geschäftsstelle 33. Deutscher Evangelischer Kirchentag Dresden 2011 e. V., Ostra-Allee 25, 01067 Dresden, Telefon (03 51) 79 58 50
www.kirchentag.de

Seligpreisungen in Sandstein

27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Harald Bretschneider schuf »Stein der Weisen« für ein Freitaler Altenpflegeheim

Harald Bretschneider während der Steinmetzarbeit an seinem »Stein der Weisen«, den der Hobbybildhauer und pensionierte Oberlandeskirchenrat für ein Altenpflegeheim der Diakonie anfertigt. Foto: Steffen Giersch

Harald Bretschneider während der Steinmetzarbeit an seinem »Stein der Weisen«, den der Hobbybildhauer und pensionierte Oberlandeskirchenrat für ein Altenpflegeheim der Diakonie anfertigt. Foto: Steffen Giersch

Es ist ein ungewöhnliches Denkmal, das am 11. September in Freital vor dem Altenpflegeheim »Friedrich Bodelschwingh« der Dresdner Stadtmission enthüllt wird: Zwei miteinander verbundene, oben abgerundete flache Steine, die in ihrer Gestalt an ein aufgeschlagenes Buch und an die Gesetzestafeln des Mose aus dem Alten Testament erinnern. Auf der einen Seite finden sich die Zehn Gebote, auf der anderen die Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu Christi.

Der Schöpfer des Denkmals ist kein professioneller Künstler, sondern Harald Bretschneider, 1991 bis 1997 Direktor der Dresdner Stadtmission, dann bis 2007 Oberlandeskirchenrat im Landeskirchenamt. »Stein der Weisen« – diesen Titel hat er selbst den beiden Tafeln aus Sandstein gegeben, an denen er seit Januar gearbeitet hat.

Neben der Malerei und der Fotografie gehört die Bildhauerei schon seit Jahren zu seinen Hobbys. Jetzt, mit 67 Jahren und im Ruhestand, widmet er sich ihr intensiver. Ein praktischer Mensch, der mit Werkzeug umzugehen versteht, ist er bereits seit seiner Jugend gewesen. Nach dem Theologiestudium Anfang der 60er Jahre war er Bauarbeiter und hat Zimmermann gelernt. Auch später als Dorfpfarrer in Wittgensdorf bei Zittau sei er zugleich immer auch Zimmerer geblieben, wie er erzählt. Er hat Häuser eingerüstet und Schornsteingerüste auf Dächer gesetzt. Daneben hat er gemeinsam mit Ehrenamtlichen Einladungen zu den Festgottesdiensten des Kirchenjahres künstlerisch gestaltet.

Der Erfinder des Symbols »Schwerter zu Pflugscharen« in den 80er Jahren, als er Landesjugendpfarrer war, hat christliche Werte immer auch öffentlich vertreten. Angefangen bei den Gesprächen mit Kirchenfernen auf der Baustelle über diese gewiefte Umdeutung eines sowjetischen Denkmals in ein Symbol der kirchlichen Friedensbewegung bis hin zu seinen Plädoyers für die Vermittlung von religiösem Wissen im sächsischen Bildungswesen. Nun will er dies mit dem Denkmal auf symbolische Weise tun.

Für Silvio Griebsch, den Leiter des »Bodelschwingh«-Heimes ist das Denkmal ein »gutes Stück Mission«. Dieser »Stein der Weisen« symbolisiere den Geist des Hauses, zeige die christliche Grundlage, die hinter dem Pflegekonzept der Einrichtung steht, sagt er. Harald Bretschneider erinnert daran: »Die Zehn Gebote bilden die verdichtete Lebens- und Glaubenserfahrung, wie das Leben gelingt.« Sie seien die Grundlage der Gesetzgebung der europäischen Staaten. »Wo sie missachtet werden, wird die menschliche Kultur und das Leben zerstört.« Als Ergänzung dazu betrachtet er die Seligpreisungen, »in denen Gott uns immer wieder neu zur Orientierung seine Hand reicht«.

Tomas Gärtner

Ein Geben und Nehmen

7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ehrenamtliche Seelsorgehelferinnen und ihre Arbeit mit Gefangenen der JVA Zeithain

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der  Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida.  Foto: Steffen Giersch

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida. Foto: Steffen Giersch

Abhauen bringt doch nichts, man will doch vorwärts kommen im Leben«, sagt Martin K. und trägt den Tisch in den Pfarrgarten unter die große Weide. Deren Zweige hängen so tief, dass darunter ein großer schattiger Platz für eine Mittagstafel entstanden ist: In Riesa-Weida wird nach dem Gottesdienst gekocht, anschließend gibt es Mittagessen für vier Gefangene der JVA Zeithain und ihre Betreuerinnen Angelika Neumann und Christine Sims. Die beiden Frauen sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Gefängnisseelsorge. Die vier Männer, die sie heute mitgenommen haben für einen Sonntag in freier Natur, bewegen sich ungezwungen und wissen: nach acht Stunden geht es wieder hinter Gitter.

Martin zählt schon die Tage, bis er in den offenen Vollzug verlegt wird. Dann kann der 23-Jährige ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, ehe er eine Lehre als Bürokaufmann beginnt. Seine Freundin, die erst Schluss machen wollte, wenn er in den Knast kommt, wartet auf ihn. »Sie ist mein einziger Halt im Leben«, sagt Martin.

»Die meisten, um die wir uns kümmern, haben niemanden mehr. Und ohne Bezugsperson gibt es keinen Ausgang und keinen Urlaub«, sagt Angelika Neumann. Etwa 20 Häftlinge kommen einmal im Monat im Gefängnis zum Bibelgespräch. Um diesen Kreis kümmern sich die beiden Frauen besonders, besuchen die Männer in ihren Zellen, begleiten sie beim Ausgang. Einmal im Monat aber nehmen sie Gefangene, denen Hafterleichterung bewilligt wurde und die bei der Gefängnisleitung rechtzeitig einen Antrag gestellt haben, für wenige Stunden mit nach draußen in den Gottesdienst und zum gemeinsamen Mittagessen.

Heute gibt es gefüllte Paprikaschoten. Kai S. ist der Küchenchef. Der gelernte Fleischer verteilt die Arbeit: Zweibeln schälen, Paprika waschen. Er hat noch einige Monate im Gefängnis abzusitzen. Die Zeit nutzt er zu Schweißerlehrgängen. Dann will er ein neues Leben beginnen.

Als Angelika Neumann vor 14 Jahren mit der Häftlingsbetreuung anfing, hatte sie die Hoffnung, wenigstens einen wieder auf den richtigen Weg zu begleiten. »Inzwischen war ich zu vier Hochzeiten eingeladen«, erzählt sie. Zu vielen ehemaligen Häftlingen hat sie Kontakte, führt Briefwechsel. Sie hat sie ins Leben begleitet. »Ich habe ein Möbellager, bekomme Spenden an Wäsche, Geschirr und Kleidung«, sagt sie. Damit kann mancher Häftling seine ersten Schritte ins zivile Leben machen. Nicht bei allen gelingt das. Die Frauen kennen Fälle, wo ehemalige Häftlinge mit einem eigenen Haushalt total überfordert sind, sich und die Wohnung verkommen lassen und irgendwann wieder »drin« landen.

Harri B. weiß das nur zu gut. Er will selbst einen Verein gründen, »um Gefangene aufzufangen, wenn sie rauskommen«, wie er sagt. »Ich denke, ich kann da mitreden«, fügt er hinzu. Noch für August ist ihm die vorzeitige Entlassung zugesagt worden.

Angelika Neumann und Christine Sims ernten oft Unverständnis, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit erzählen. Mitstreiter finden sie nicht. Dabei sei die Arbeit Gewinn für beide Seiten, sagt Christine Sims.

Kürzlich hörte Angelika Neumann von den Sorgen der landeskirchlichen Gemeinschaft in Pulsen mit ihrem verwilderten Grundstück ums sanierte Haus. Sie suchte Helfer für einen Arbeitseinsatz unter »ihren« Gefangenen. »Da waren alle Hände oben«, sagt Martin K., alle hätten sich gemeldet. »Soviel zum Thema Geben und Nehmen«, fügt er hinzu.

Christine Reuther

Kunstwerke zum Kreuzestod

23. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ein Kölner Kunstliebhaber schenkte Zittau Bilder von Chagall, Dix und Dali

Die Lithografie »Christus, roter Ochse und Madonna« von Marc Chagall gehört zu den ausgestellten 150 Werken der anonymen Schenkung. Insgesamt 500 Objekte hat ein Kölner Sammler der Stadt Zittau übergeben.  Repro: Ausstellung

Die Lithografie »Christus, roter Ochse und Madonna« von Marc Chagall gehört zu den ausgestellten 150 Werken der anonymen Schenkung. Insgesamt 500 Objekte hat ein Kölner Sammler der Stadt Zittau übergeben. Repro: Ausstellung

Der rote Ochse sticht ins Auge. Massig drohnt er zwischen dem gekreuzigten Jesus und seiner trauernden Mutter Maria. »Christus, roter Ochse und Madonna« heißt die Lithografie von Marc Chagall. Das rote Tier könnte für die Liebe stehen, aber auch für das Blut des Opfers, deutet Marius Winzeler. Er ist Direktor der Städtischen Museen Zittau. Und das Bild des berühmten jüdischen Künstlers Marc Chagall hängt seit kurzem in seinem Museum. Zusammen mit Werken weiterer bekannter Maler und Zeichner wie Salvador Dali, Otto Dix, Albrecht Dürer, Lovis Corinth, Ernst Barlach, Max Beckmann und anderer.

Die Bilder haben drei Dinge gemeinsam: Es sind Originale. Sie befassen sich alle mit dem Thema Kreuz, mit dem Leiden und Sterben Christi. Und sie sind ein Geschenk: Ein 84-jähriger Kölner Sammler hat sie an das Zittauer Museum übergeben. 500 Arbeiten sind es insgesamt. Der Sammler hat weitere versprochen. Doch, anonym will er bleiben.

»Sammlung Wolfgang Sternling« – diesen Titel hat sich Marius Winzeler für den einzigartigen Schatz ausgedacht, dessen Wert auf etwa eine halbe Millionen Euro geschätzt wird. Der Weg der Kunstwerke führt über die berühmten Zittauer Fastentücher. Mittlerweile gibt es drei dieser sakralen Bilderbibeln in der Oberlausitzer Stadt. Fastentücher verhüllen in der Passionszeit bildliche Jesusdarstellungen. Oft zeigen sie biblische Motive.

Zwei der Zittauer Fastentücher, darunter das Große aus dem Jahr 1472, waren vor über zehn Jahren in Köln zu sehen. Auch der anonyme Sammler, ein tief gläubiger Katholik, sah sie damals und war beeindruckt. Er suchte den Kontakt nach Zittau – über Jahre entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen ihm und der Stadt. Der Kunstliebhaber meinte schließlich, im Zittauer Museum den richtigen Platz für seine Sammlung gefunden zu haben. Immerhin ist das Museum zuständig für die Fastentücher. Er verschenkte einen Großteil seiner Werke.

Zum zehnten Geburtstag des »Museums Kirche zum Heiligen Kreuz«, in dem das Große Fastentuch ausgestellt ist, zeigt Zittau nun einen Teil der Sammlung. »Kreuzzeichen« ist der Titel der Schau. Denn Thema ist das Kreuz – mal mehr, mal weniger deutlich in jedem Bild zu finden.

150 Werke sind ausgestellt. Mei­sterwerke vom 15. bis zum 21. Jahrhundert. Viele Werke strahlen tiefe Gläubigkeit aus. Andere scheinen nach einer Erklärung für den Opfertod Jesu zu suchen. Manchmal ist es fast, als setzten sie die große Bilderbibel fort, die mit dem Zittauer Fastentuch im 15.Jahrhundert entstand.

Irmela Hennig

Die Ausstellung »Kreuzzeichen« ist bis 8. November in den Städtische Museen Zittau, Klosterstraße 3, zu sehen. Sie ist täglich 10 bis 17 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen gibt es am 2. August, 27. September und 8. November, jeweils 15 Uhr.

www.zittauer-fastentuecher.de

Schwarze Nacht für Görlitz

16. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wirbel um ein Gothic-Konzert auf dem historischen Nikolaifriedhof der Neißestadt

Die so genannte »Schwarze Szene« hat sich den Görlitzer Nikolaifriedhof für ein Konzert auserkoren. Kirche und Stadt sind dagegen. Doch die Werbung im Internet geht weiter. Foto: Irmela Hennig/der Sonntag

Die so genannte »Schwarze Szene« hat sich den Görlitzer Nikolaifriedhof für ein Konzert auserkoren. Kirche und Stadt sind dagegen. Doch die Werbung im Internet geht weiter. Foto: Irmela Hennig/der Sonntag

Mit schwarzen, düsteren Grüßen aus der Gruft«, verabschieden sich André Bartel, Conny Wiesner und Laure Teillet in ihrem Infobrief von den Lesern. In den Zeilen darüber hatten sie eingeladen – zum ersten Gothic-Konzert auf einem Friedhof. Auf dem rund 800 Jahre alten Görlitzer Nikolaifriedhof wollten sich am 12. September rund 700 Anhänger der schwarzen Szene treffen. Es sollte europaweit das erste legale Gothic-Fest auf einem Friedhof überhaupt sein, sagen die jungen Organisatoren mit Stolz. Im Internet wurden schon fleißig geworben. Die Tickets für 23,66 Euro angeboten. 666 Eintrittskarten sollen verkauft werden – diese Zahl steht in Gothic-Kreisen auch für den Teufel. Von der Internetseite der »NikolaiNox« wurde der Hinweis auf die 666 Karten mittlerweile entfernt – nur von Limitierung ist noch die Rede.

Doch die Veranstalter haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der historische Friedhof wird von der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz verwaltet. Und diese habe dem Veranstalterverein »Ideenfluß« unterdessen eine Absage erteilt, sagte der ostsächsische Regionalbischof Hans-Wilhelm Pietz am 7. Juli in Görlitz. Das christliche Bekenntnis sei mit der geplanten Veranstaltung nicht vereinbar. Der historische Friedhof sei ein »Ort der Totenruhe und des Gedächtnisses«, jedoch kein Ort für eine Massenveranstaltung, bei der Todessehnsucht im Mittelpunkt steht, betonte Pietz, der auch Kuratoriumsvorsitzender der Evangelischen Kulturstiftung ist.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick bezeichnet das Vorhaben als »pietätlos und unvorstellbar«. Die Totenruhe müsse gewahrt werden. Hinzu kommt der Denkmalschutz. »Wir kämpfen auf dem Friedhof um jeden Grabstein. Es ist fast alles Sandstein und bröckelt. Bei 666 Besuchern ist es nicht denkbar, das kein Schaden für die alte Substanz entsteht.« Außerdem liege der Friedhof im Wohngebiet. Da müsse auch auf Lärmschutz geachtet werden. Unterdessen wirbt der Görlitzer Verein im Internet weiter für das Konzert »NikolaiNox« (Nikolainacht) – allerdings steht nun dabei »am Nikolaifriedhof«.

Der Görlitzer Nikolaifriedhof mit mehr als 800 Grabmalen wurde wahrscheinlich im 12. Jahrhundert angelegt und ist um 1305 erstmals erwähnt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war er die größte und wichtigste Beerdigungsstätte in Görlitz. Kirchenpolitisch gehört Görlitz zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Irmela Hennig

Die Luft geht nicht aus

4. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Sterben Posaunenchöre aus? Das muss nicht sein, findet die Posaunen­mission und geht bei der Nachwuchs­gewinnung neue Wege.

Trompete lernen ist nicht einfach, einen Posaunenchor zu erhalten auch nicht: Der freiberufliche Musiker Thomas Köckritz probt im Gemeindehaus Dresden-Weißig mit dem Posaunenchornachwuchs. Foto: Steffen Giersch

Trompete lernen ist nicht einfach, einen Posaunenchor zu erhalten auch nicht: Der freiberufliche Musiker Thomas Köckritz probt im Gemeindehaus Dresden-Weißig mit dem Posaunenchornachwuchs. Foto: Steffen Giersch

Auf ganze sechs Bläser war der Posaunenchor in Schönfeld-Weißig geschrumpft. »Und die Leute werden älter«, sagt Landesposaunenwart Andreas Altmann. »Entweder stirbt der Posaunenchor irgendwann oder wir überlegen uns rechtzeitig, wie wir neue Bläser gewinnen.« Vielerorts ist das so.

Nicht aber in Dresden-Niedersedlitz. Etwa 20 Mitglieder gehören dem dortigen Posaunenchor an – vom neunjährigen Schüler bis zum 75-jährigen Rentner, wie Pfarrer Reinhard Maack berichtet, der den Chor selbst leitet und unterrichtet. Die jüngeren bringen Brüder oder Freunde mit. Ein stabiles Ensemble. Am 7. Juni wird es 50 Jahre alt. Für Bläser, die gemeinsam in der Jungen Gemeinde begannen und nun gemeinsam älter werden, sei es dagegen schwieriger, sagt Landesposaunenwart Jörg-Michael Schlegel. »Für einen Jugendlichen ist es natürlich nicht gerade attraktiv, mit lauter Sechzigjährigen zusammen zu spielen.« In Weißig scheint eine Lösung gefunden.

Jeden Mittwochabend kommen drei Jungen im Alter zwischen neun und 13 Jahren ins Gemeindehaus. Thomas Köckritz übt mit ihnen eine Stunde lang, den richtigen Ton auf Trompete oder Posaune zu treffen, lehrt sie das richtige Atmen und den Rhythmus zu halten. Auch drei Erwachsenen gibt er im Gemeindehaus Unterricht. Das Besondere daran: Er gehört nicht zur Kirchgemeinde, sondern ist freiberuflicher Musiker, unterrichtet an Musikschulen und leitet ein Jugendblasorchester. Dies ist ein neuer Weg, den die sächsische Posaunenmission seit 2006 in der Nachwuchsgewinnung geht. »Jungbläserschule« nennt sich das Projekt. Zwei bis vier Jahre dauert die Grundausbildung. Doch bereits nach einem halben Jahr können Anfänger das erste Mal gemeinsam mit dem Bläserkreis auftreten.

Ein Instrument müssen ihnen die Eltern nicht unbedingt gleich kaufen. Das können sie auch beim Posaunenchor ausleihen. Unterricht gehörte in den sächsischen Posaunenchören schon immer dazu. Doch bisher hat das in der Regel der Chorleiter selbst ehrenamtlich übernommen, wie Landesposaunenwart Jörg-Michael Schlegel erzählt. Das aber bedeute zusätzlichen Zeitaufwand. Viele von ihnen schaffen das nicht mehr. Seit 1990 sind etliche Posaunenbläser aus den Gemeinden deshalb an die Musikschulen gegangen. Das Problem dabei: »Die Bläser in den Gemeinden haben eine andere Griffweise beim Spielen als an der Musikschule gelehrt wird«, sagt Schlegel. Also müssen sie sich umstellen. »Außerdem holen sich Musikschulen die guten Musiker dann in ihr eigenes Ensemble.« Für den Posaunenchor der Kirchgemeinde bleibt dann häufig keine Zeit mehr.

Bei der »Jungbläserschule« erhalten die Laienmusiker eine fundierte und genau auf ihre Art des Spiels zugeschnittene Ausbildung von einem auswärtigen Profi. Vorteil Nummer zwei: Der Unterricht findet im Gemeindehaus statt. »Da ist der Zusammenhang zur Gemeinde immer da«, sagt Schlegel. Der Nachteil gegenüber früher: Das muss jetzt bezahlt werden. 30 Euro monatlich kostet der Unterricht in kleinen Gruppen, 45 Euro der Einzelunterricht. Das aber sei immer noch weniger als an der Musikschule, sagt Schlegel. Zudem beteiligen sich viele Gemeinden an der Finanzierung. Nach einer zweijährigen Testphase hat sich das Modell aus Sicht der Posaunenmission bewährt.

An 15 Orten werden jeweils etwa zehn Kinder unterrichtet, wie Schlegel sagt. »Sie sind in den Posaunenchor integriert und bleiben dabei.« Steigende Tendenz verzeichnet die Posaunenmission auch beim Interesse an Kursen für Jungbläser. Vor 1990 seien dazu in der Regel um die 20 Bläser gekommen, sagt Schlegel. Jetzt seien etwa 200 Plätze pro Jahr ausgebucht. »Das Erlenen eines Instrumentes ist ein sinnvolles Hobby«, findet Landesposaunenwart Schlegel. Dazu komme das Gruppenerlebnis. »Und mancher Erwachsene findet auf diesem Weg zu einer Gemeinde.«

www.spm-ev.de

Tomas Gärtner

Sachsens erste »Sup-Wahl« im Osterzgebirge

29. Mai 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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In Dippoldiswalde darf die Bezirkssynode ihren Superintendenten wählen

Wer wird Freibergs neuer Superintendent? Zur Wahl stehen der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold (li.) und der Dresdener Militärseelsorger Christoph Noth. Fotos: Archiv

Wer wird Freibergs neuer Superintendent? Zur Wahl stehen der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold (li.) und der Dresdener Militärseelsorger Christoph Noth. Fotos: Archiv

Am 5. Juni gibt es in Dippoldiswalde eine Premiere: Erstmals darf die Synode eines Kirchenbezirks in der sächsischen Landeskirche seinen Superintendenten selbst wählen – ihre 2007 beschlossene neue Verfassung macht es möglich. So werden die 94 Verteter der Kirchgemeinden im frisch fusionierten Kirchenbezirk Freiberg am Abend jenes Junitages geheim auf Stimmzetteln über ihren künftigen leitenden Geistlichen abstimmen.
Zur Wahl stehen der Dresdner Militärseelsorger Christoph Noth und der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold. »Es war uns wichtig, dass wir wirklich eine Auswahl haben«, sagt Pfarrer Thomas Köckert, der Vorsitzende des Kirchenbezirksvorstands.

Während bisher die sächsischen Superintendenten von der Kirchenleitung ernannt wurden, traf nun eine siebenköpfige Kommission unter dem Vorsitz von Landesbischof Jochen Bohl die Vorauswahl unter den drei Bewerbern für das Amt.

In dem Gremium saßen neben dem Präsidenten der Landessynode, Otto Guse, vier weitere Mitglieder der Kirchenleitung – aber auch je ein Verteter der zusammengeschlossenen Kirchenbezirke Dippoldiswalde und Freiberg. »Es ist ein nächster Schritt für die innerkirchliche Demokratie«, sagt Birgit Kraft nüchtern, die Vorsitzende der Kirchenbezirkssynode, die mit in der Auswahlkommission saß. Sie verweist darauf, dass die Kirchenleitung bei der Berufung des Superintendenten das letzte Wort behält.
Auch für die Kirchenleitung ist dies eine Premiere. Und wie es bei Premieren ist, hakt es dabei auch an manchen Stellen. So fehlten klare Protkolle und Vorlagen für den Wahlvorgang, sagt die Vorsitzende der Kirchenbezirkssynode Birgit Kraft. »Leider gibt es auch keine Gottesdienste, in denen sich die beiden Kandidaten mit einer Predigt den Synodalen und Kirchgemeindegliedern vorstellen können.«
Für die beiden Bewerber aber geht schon allein mit der Wahl ein alter Wunsch in Erfüllung. »Schon vor vielen Jahren habe ich gedacht: Dass eine Synode ihren Superintendenten wählen kann wäre eigentlich ganz schön«, sagt der Dresdner Soldatenseelsorger Christoph Noth.
Sein Gegenkandidat Arndt Haubold ergänzt: »Die kirchenleitenden Ämter sollten gewählt werden. Für mich ist diese Wahl etwas Besonderes – und auch etwas Schönes.« Ein Wahlkampf aber sei dies für ihn nicht, betont der Markkleeberger Pfarrer: »Ich sehe den Wahlausgang als Gottes Fügung an.«
In dem zum Jahresanfang zusammengeschlossenen Kirchenbezirk Freiberg sind die Erwartungen hoch. Der neue Superintendent soll den Kirchenbezirk, der mit 50 000 Gemeindegliedern vom Stadtrand Dresdens bis ins Erzgebirge reicht, einen. Vor allem im Alt-Kirchenbezirk Dippoldiswalde gab es großen Widerstand gegen die von der Kirchenleitung forcierte Vereinigung. Die beiden Kandidaten müssen sich deshalb vor der Kirchenbezirkssynode mit einem Vortrag vorstellen. Titel: »Der neue Kirchenbezirk Freiberg – Chancen eines Zusammenschlusses.«

Andreas Roth

Stillsein ist keine Alternative

Das Gedenken an Dresdens Zerstörung zeigt: Versöhnung bleibt eine Aufgabe

Für einen langen Moment hielt der Bischof inne und beugte seinen Kopf. »Ich stehe vor Ihnen mit dem Einsatz, Vergebung zu suchen von denen, die durch mein Land gelitten haben«, sagte Christopher Cocksworth. Der Bischof von Coventry sprach im Ökumenischen Friedensgottesdienst in der Dresdner Kathedrale am Abend des 13. Februars – 64 Jahre nachdem britische und amerikanische Bomber Dresdens Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hatten. »Ich stehe vor Ihnen mit den Worten Jesu auf meinen Lippen, die Domprobst Howard nach der Bombardierung von Coventry gesagt hat und die jeden Tag in der Kathedrale von Coventry wiederholt werden: Vater vergib.« Die englische Stadt war fünf Jahre vor der Bombardierung Dresdens von Deutschen zerstört worden.

Gedenkveranstaltung in der Frauenkirche

Gedenkveranstaltung in der Frauenkirche

An diese Reihenfolge der historischen Ereignisse erinnerte Landesbischof Jochen Bohl bei der Gedenkveranstaltung vor der Dresdner Frauenkirche. »Der Krieg war am 13. Februar 1945 zurückgekehrt in unsere Stadt. In unserem Land wurden die Verbrechen ersonnen und vorbereitet. Als Dresden brannte, hatten Millionen ihr Leben bereits verloren.« Der Landesbischof gedachte der ermordeten Juden, der Toten in ganz Europa – auch in Coventry. »Bis auf den heutigen Tag trauern Menschen. Wir verneigen uns vor dem Schmerz, den sie erlitten und noch erleiden.«

Etwa 3000 Menschen hörten am kalten Abend des 13. Februars vor der Frauenkirche dem Landesbischof und dem nach ihm sprechenden Hauptredner Hans-Jochen Vogel zu. »Warum sollen wir uns erinnern?«, fragte der ehemalige SPD-Vorsitzende in seiner Gedenkrede. »Nicht um Schuldkomplexe zu konservieren. Schuld ist ein individueller Begriff, mit dem keiner konfrontiert werden kann, der damals noch nicht gelebt hat. Und auch nicht, um ein- oder zweimal im Jahr Betroffenheit zu bekunden. Wir sollten uns erinnern, um uns immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wo es endet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.«

Untermalt wurden die Worte Vogels vom Dröhnen eines Polizeihubschraubers, der eine Demonstration von 1000 Rechtsex­tremen überwachte. Es war die Vorhut der 6000 Neonazis aus ganz Europa, die am nächsten Tag durch die Stadt marschierten. Und mit dem Verweis auf die Bombardierung Dresdens den Holocaust verharmlosten.

Protestdemonstration »Geh Denken« in Dresden

Protestdemonstration »Geh Denken« in Dresden

Doch auch die Demokraten Dresdens gingen am 14. Februar auf die Straße. Der Tag begann für viele von ihnen mit Andachten in mehreren Innenstadtkirchen. An einem Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge nahmen rund 500 Gäste teil.

Zu der anschließenden Protestdemonstration »Geh Denken« gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten versammelten sich mehrere tausend Menschen aus ganz Deutschland, darunter auch viele Christen.

Pfarrer Karl-Heinz Maischner, Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen, betonte vor den Demonstrationsteilnehmern: »Für Christen ist die menschenfeindliche Ideologie der Nazis unvereinbar mit ihrem Glauben.« Er wünsche sich ein deutliches Signal an die Kirchgemeinden. Denn gerade die Kirche mit ihrer Nächstenliebe als Grundlage habe als eine der größten Organisationen in der Gesellschaft eine große Verantwortung. Der Superintendent von Dresden Mitte Peter Meis betonte: »Eine streitbare Demokratie muss vernehmbar sein. Das Stillsein ist keine Alternative.«

Der Sonnabend war zugleich der Tag der Extremisten von rechts und links. Mit vielen Verletzten, Zerstörungen, Festnahmen. Das lässt befürchten, dass sich im nächsten Jahr die Spirale der verbalen und tätlichen Gewalt noch weiter drehen wird.

Doch als sich am Abend des 13. Februars in der Dresdner Kathedrale die Honoratioren aus Kirche und Staat – unter ihnen Mini­sterpräsident Tillich und Innenmini­ster Buttolo – zum Gedenkgottesdienst einfanden, konnte man den Eindruck gewinnen, die Versöhnungsbotschaft dieses Tages sei eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte.

Der Prediger des Abends, Paul Oestreicher, aber diagnostizierte das Gegenteil: Die Überwindung von Gewalt ist eine bleibende Aufgabe. Er verwies auf die Rechtsextremisten. »Wie können wir ihren Irrsinn mit Liebe besiegen? Das ist die Aufgabe, die uns Jesus gibt«, sagte der anglikanische Pfarrer. Der aus einer jüdischen Familie stammende langjährige Leiter des Versöhnungszentrums in Coventry hält die Gegendemonstration durchaus für wichtig. »Aber damit ist das Böse noch lange nicht mit Gutem besiegt. Wir werden erst beginnen, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn wir verstanden haben, warum diese Menschen so sind, wie sie sind.«

Tomas Gärtner / Andreas Roth