Schätze sammeln

20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Die sächsischen Kirchgemeinden sollen Schatzkisten füllen und sich damit beim Kirchentag 2011 vorstellen.

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden.  In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)

Tabea Köbsch zwischen Stapeln von ungefalteten Pappkartons in der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. In diesen Tagen werden die künftigen »Schatzkisten« an die Gemeinden verteilt. (Foto: Steffen Giersch)

Ab jetzt ist Phantasie gefragt: Wie lassen sich Schätze darstellen, die einem am Herzen liegen? Die sächsischen Kirchgemeinden werden in diesen Tagen dazu aufgefordert, Schatzkisten zu packen. Mit deren Inhalt stellen sich die Gemeinden beim Kirchentag 2011 in Dresden den Besuchern vor. So haben es sich die Organisatoren ausgedacht.

»Es ist Tradition bei Kirchentagen, dass die gastgebenden Gemeinden etwas zusammentragen«, sagt Tabea Köbsch von der Geschäftsstelle des Kirchentags in Dresden. »In Köln waren es Fässer, die jede Gemeinde mit heimatlichem Wasser gefüllt hat, in Bremen waren es Schiffe, die als Symbole dienten.«

Was aber könnte für Dresden, für Sachsen als Symbol stehen? »Dresden ist die Stadt der Schatzkammern, im Erzgebirge wurden die Schätze gefördert«, sagt Tabea Köbsch. Deshalb sollen es Schatzkisten sein. Doch sie sollen nicht mit Schätzen solcherart gefüllt werden. Hintergrund ist die Kirchentagslosung aus der Bergpredigt: »… da soll auch dein Herz sein.« Dieser Vers bezieht sich auf die himmlischen Schätze. Und deshalb heißt die Aktion auch »Die andere Schatzkammer«. Die Kirchgemeinden sollen sammeln, was ihnen am Herzen liegt.

Sie selbst würde in ihrer Gemeinde Dresden-Laubegast etwas hineintun, das für die Gemeinschaft steht, sagt Tabea Köbsch. Oder für die Arbeit mit Kindern: »Denn die sind unser Reichtum.« Wie die Schatzkiste gefüllt wird, ist jeder Gemeinde selbst überlassen: Fotos, etwas Gebasteltes, schriftliche Wünsche oder gar Handwerkskunst aus dem Erzgebirge. Bis Ende März ist Zeit dafür. Die leeren Kartons werden in den nächsten Tagen an die Gemeinden geschickt. Ein frankierter Paketaufkleber für die Rücksendung liegt bei.

Inzwischen überlegen sich Architekturstudenten der TU Dresden, wie die vielen Schatzkisten auf dem Kirchentag präsentiert werden könnten. Candy Lenk bereitet dafür ein Seminar vor. Für den TU-Mitarbeiter ist das Thema »Schätzsammeln« spannend. »Einerseits liegen Schätze im Verborgenen und sicher verwahrt in Tresoren, andererseits heißt Ausstellen, das Publikum teilhaben lassen«, beschreibt er den Spannungsbogen, den er mit den Studenten durchdenken will.

Zugleich sollen Möglichkeiten der Präsentation in unterschiedlichen Materialien untersucht werden. »Es ist noch völlig offen, wie und wo die Präsentation stattfindet«, so Lenk. Es könnte auf einer großen Landkarte sein oder in Verbindung mit einer Internetaktion. »Es macht Lust, darüber nachzudenken«, so der Architekt.

Lust an der Mitwirkung will auch Tabea Köbsch wecken. Sie will die Aktion als einen Impuls sehen, als Kirchgemeinde nicht unter sich zu bleiben, sondern mit der Schatzsuche aus der Kirche hinauszugehen: Das Befüllen zu einer gemeinsamen Aktion mit Kommune oder örtlichen Vereinen zu gestalten, kirchliche Feste wie Erntedank oder den Kirchentagssonntag am 6. Februar zum Anlass zu nehmen.

Christine Reuther

Die Aktion endet am 30. März 2011. Die Schatzkisten werden beim Kirchentag 2011 in Dresden präsentiert. DER SONNTAG berichtet, wenn Sie uns ein Foto von den Schätzen oder vom Einpacken der Schatzkiste schicken: E-Mail: redaktion@sonntag-sachsen.de

Der Kirchentag in Dresden im Internet: www.kirchentag.de

Wie in einer Familie

18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christa Funke, Johanna Thieme und Christa Bense (v. l.) gehören zu der neuen Wohngemeinschaft, hier werden sie von einer jungen Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr beim Rundgang durch den Garten begleitet. Foto: Steffen Giersch

Christa Funke, Johanna Thieme und Christa Bense (v. l.) gehören zu der neuen Wohngemeinschaft, hier werden sie von einer jungen Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr beim Rundgang durch den Garten begleitet. Foto: Steffen Giersch

Die Christliche Sozialstation Meißen bietet Demenzkranken eine Wohngemeinschaft an

Es ist eines der schwierigsten Probleme in der Altenpflege: die Pflege alter Menschen, die an Demenz erkrankt sind, menschenwürdig zu gestalten. Ein diakonischer Verein in Meißen versucht jetzt eine ganz neue Lösung. Statt der üblichen zwei Möglichkeiten – ambulante Betreuung zu Hause oder Heim – geht die Christliche Sozialstation Meißen, 1990 als Verein von den evangelischen und der katholischen Gemeinde in der Domstadt gegründet, eine Art dritten Weg: die Wohngemeinschaft.

Hinter ihrem Gebäude, dem »Hirschberghaus«, in dem der Verein seit zehn Jahren eine Tagespflege anbietet, wurde für rund eine Million Euro ein Neubau errichtet und funktional genau abgestimmt auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen: nur Erdgeschoss, keine Treppen, keine Stufen, breite Gänge und Türen. In dem U-förmigen Komplex befinden sich zwölf Einraumwohnungen, zwischen 21 und 29 Quadratmeter groß, mit integriertem Bad. Darin wohnen die alten Menschen als Mieter, sieben derzeit.

»Dies ist ihr privater Rückzugsraum«, erläutert Mechthild Weber, Geschäftsführerin der Sozialstation. »Wir als Pflegepersonal sind bei ihnen zu Gast.« So müssen die Betreuer beispielsweise an der Wohnungstür klingeln.

Mittelpunkt ist ein Gemeinschaftsraum, etwa hundert Quadratmeter groß, mit Tischen, Stühlen, Sitzgruppe und Küche. »Das Herzstück«, sagt Mechthild Weber. Hier verbringen die Bewohner ihren Tag gemeinsam. »Wie in einer großen Familie können sie hier zusammen leben«, sagt Jürgen Günther, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Vereinsvorsitzender. Das bewahre sie vor Vereinsamung.

Der Kontakt zu den Angehörigen bleibt intensiv. »Meine Kinder kommen fast jeden Tag, machen zum Beispiel sauber«, berichtet die 87-jährige Johanna Thieme. Angehörige könnten hier mit essen, auch übernachten, sagt Mechthild Weber. Deshalb sollen die Partner oder Kinder der Bewohner möglichst in der näheren Umgebung leben.

Betreut würden die alten Menschen rund um die Uhr, sagt Mechthild Weber. Von Hilfspflegekräften, Praktikanten, Ehrenamtlichen und einer Fachpflegekraft. »Wir wollen ihnen aber nicht alles abnehmen. Was sie noch können, sollen sie selber tun.« Je nach ihren Möglichkeiten gehen die Bewohner mit einkaufen, kochen, waschen und legen ihre Wäsche selber. »Wir setzen bei den Fähigkeiten an, die noch vorhanden sind und versuchen die zu aktivieren. Keine Überversorgung also.«

Der Gebäudekomplex umschließt einen Garten mit gepflasterten Wegen zwischen Kräuterbeeten und einer Sitzecke mit Bänken. »Lässt es das Wetter zu, können sich unsere Bewohner hier unter freiem Himmel bewegen«, sagt Mechthild Weber.

»Wir betreten mit dieser Wohngemeinschaft Neuland bei der Betreuung von Menschen mit Demenz«, sagt Pfarrer Günther. Bis zur Eröffnung im April seien sieben Jahre mit harten Kämpfen vergangen. Die Pflegekasse, aber auch die Diakonie hätten diesen Sonderweg nicht akzeptieren wollen und eine klare Entscheidung zwischen den üblichen Formen gefordert: ambulant oder stationär.

Dass es ein Wagnis ist, dessen seien sie sich bewusst, so Günther. »Aber die Angehörigen haben uns immer wieder gesagt: Wir brauchen es genau so.« Noch gebe es in Sachsen keine Lobby für diese Art Wohngemeinschaft, sagt Pfarrer Günther. »Das kommt aber.«

Tomas Gärtner

Christliche Sozialstation Meißen, Hirschbergstraße 2, 01662 Meißen; Telefon (0 35 21) 45 25 89.
www.sozialstation-meissen.de

Fettbemmen und Alphörner

10. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Vor der Martin-Luther-Kirche informieren Mitarbeiter des Kirchentags über das 2011 kommende Ereignis, dessen Vorbereitungsphase mit einem Gottesdienst in der Kirche eingeläutet wurde.

Vor der Martin-Luther-Kirche informieren Mitarbeiter des Kirchentags über das 2011 kommende Ereignis, dessen Vorbereitungsphase mit einem Gottesdienst in der Kirche eingeläutet wurde.


Zur »Nacht der Kirchen« in Dresden luden 63 Gemeinden mit originellen Ideen ein

Kurz nach 18 Uhr. Aus dem modernen, hellgrauen Eckhaus im Dresdner Stadtteil Löbtau tönt Kindergesang. Davor steht ein Aufsteller mit einem Plakat: »Nacht der Kirchen«. Drinnen sitzen sieben Mädchen und ein kleiner Junge auf Stühlen. Unter ihnen ist Dorothea. Sie ist zum ersten Mal hier und wird extra begrüßt. »Was tun wir denn so gerne hier im Kreis?«, singen die Kinder. »Tanzen, tanzen«, und sie drehen sich um die eigene Achse. Ihre Eltern beteiligen sich an dem Bewegungsspiel. Die freikirchliche Adventgemeinde hat zum Kinderprogramm eingeladen. So wie viele der 63 Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen beginnt sie damit ihr Programm zur »Nacht der Kirchen«.

Mit dem Singspiel »Die drei Mutmacher« lädt die Kurrende der evangelischen Kirche im Stadtteil Weißer Hirsch Kinder und Eltern ein. Andreas Beuchel, jetzt Rundfunkbeauftragter, gehört zu dem Initiativkreis, der die »Nacht der Kirchen« vorbereitet. Vier Jahre war er hier Gemeindepfarrer. An diesen Abenden habe er immer wieder Menschen getroffen, die er sonst nur auf der Straße, nie aber in der Kirche sehe, erzählt er. Die Aktion biete Gelegenheit, mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. »Wir gehen nach draußen und nehmen den Menschen ihre Angst, die Kirchenschwelle zu überschreiten.« Ein Imbiss mit »Fettbemmen«, Mineralwasser und Apfelsaft komme gut an. Häufig ergäben sich dabei Gespräche. »Wir haben es mit der Nacht der Kirchen geschafft, dass die Dresdner ihre Kirchen nicht nur als Baudenkmäler, sondern auch als Orte der Begegnung wahrnehmen«, sagt Beuchel.

Manche wiederum trauten sich herein, weil sie gerade nicht angesprochen würden, sagt Klemens Ullmann, Pfarrer an der katholischen Hofkirche. »Sie schätzen diese Freiheit, hereinkommen zu können, ohne vereinnahmt zu werden.« Um die viertausend sind es in der Kathedrale diesmal, die diesen Abend dazu benutzen.

Gerade die kleineren Kirchen in den Stadtteilen sorgen mit ungewöhnlichen Angeboten für Vielfalt. In der evangelischen Philippuskirche im Plattenbaugebiet Gorbitz demonstriert Kantor Gerhard Ullmann 14 staunenden Zuhörern, wie er mit Hilfe moderner Aufnahmetechnik allein ein Trio für Klavier, Akkordeon und Geige spielen kann. Musik prägt auch diesmal die Programme. Oft sind es die Orgeln. Kantor Christian Thiele hat einen ganzen »Orgelspaziergang« zu Instrumenten in vier Kirchen organisiert. Die Markuskirche überrascht mit jazzigen Improvisationen über Lieder aus dem Gesangbuch, die Friedenskirche mit vier selbst gebauten Alphörnern, gespielt von Mitgliedern des Posaunenchors.

In der Martin-Luther-Kirche steht der Kirchentag 2011 im Mittelpunkt. Hier ist Reinhard Höppner zu Gast. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt gehört zum Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags und will mit seiner Kirchentagsbegeisterung die Zuhörer anstecken, »weil es ein ziemlich einmaliges Ereignis sein wird«. Der Kirchentag sei eine große Bewegung, die nicht kleinzukriegen ist. Viele Teilnehmer des Ökumenischen Kirchentags in München hätten ihm erzählt, dass sie sich auf Dresden freuen. »Und es ist ja eine schöne Stadt«, so Höppner.

Tomas Gärtner/Christine Reuther

Tour de Ökumene

13. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Evangelische, katholische und freikirchliche Christen reisen gemeinsam zum Ökumenischen Kirchentag nach München – und entdecken die Vielfalt der Konfessionen.

In Bautzen leben evangelische und katholische Christen seit Jahrhunderten zusammen: Veronika Mahling begrüßt die ökumenischen Reisenden mit Brot und Salz in ihrer sorbischen Gaststätte Wjelbik.  Foto: Irmela Hennig

In Bautzen leben evangelische und katholische Christen seit Jahrhunderten zusammen: Veronika Mahling begrüßt die ökumenischen Reisenden mit Brot und Salz in ihrer sorbischen Gaststätte Wjelbik. Foto: Irmela Hennig

Es ist kurz nach zwei am Sonntag­nachmittag. Die Sonne scheint auf den Bautzener Domvorplatz. 34 Sachsen und Berliner schlängeln sich vorbei an parkenden Autos und tauchen ein in die kühle Halle der Petrikirche. In die evangelische Hälfte der Simultankirche, die sich Protestanten und Katholiken seit Jahrhunderten teilen. Nur ein hüfthoher Zaun trennt die Konfessionen. »Wir sind angekommen an der ersten Station unserer Reise«, begrüßt Ulrich Clausen, Mitarbeiter im Bistum Dresden-Meißen, die Männer und Frauen.

Es ist eine ökumenische Begegnungsfahrt, die Protestanten, Katholiken und Mitglieder einer Radeberger Adventgemeinde zusammengeführt hat. Über Sachsen und Böhmen geht es für sie per Bus nach München zum zweiten Ökumenischen Kirchentag. Eingeladen zu der Tour hatte die evangelische Landeskirche zusammen mit dem katholischen Bistum Dresden-Meißen, dem Haus der Kirche Dresden und dem Ökumenischem Informationszentrum.

Kaum etwas wäre besser geeignet für den Auftakt einer Reise zum Ökumenischen Kirchentag als der Bautzener Simultandom, findet Friedemann Oehme, einer der Organisatoren von Seiten der Landeskirche. Denn hier wird Ökumene seit langem gelebt. Der evangelische Dompfarrer Burkhart Pilz spricht in einer Andacht vom Schmerz über die geteilte Christenheit, aber auch davon, dass die Gläubigen mehr verbinde als trenne.

Im Bautzener Dom funktioniert das ganz praktisch. Da er von zwei Konfessionen genutzt wird, muss jede die Veranstaltungen der anderen im Blick haben. Entwickelt hat sich dabei keineswegs ein verbissenes Raumregelement, sondern ein Miteinander, das auch von Humor getragen wird.

Die Begegnungsreisenden sind beeindruckt, interessiert. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr für Dom und Spreestadt. Sie werfen einen Blick in den Domladen, der von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam betrieben wird. Sie trinken Kaffee im Restaurant »Wjelbik«, wo sie von Wirtin Veronika Mahling sorbisch mit Brot und Salz begrüßt werden.

Dann geht es weiter nach Südosten, nach Herrnhut. Am Nachmittag des 9. Mai treffen die Christen dort ein. Die Gedenkfeiern zum 250. Todestag des Nikolaus von Zinzendorf, Gründer der Brüdergemeine, sind da gerade vorüber. Für die Reisenden gibt es eine Führung über den berühmten Gottesacker. Die schlichten, nur von Wiese gesäumten Grabsteine, erstaunen manche. »Man sieht zu wenig von der Heimat. Da ist so viel, was man noch nicht kennt«, sagt eine Dresdnerin. Genau hier wollen die Veranstalter Abhilfe lei­sten. Friedemann Oehme wünscht sich, dass die Reise »eine Entdeckertour wird«. Ideal wäre für ihn, wenn darüber hinaus in den kommenden Tagen Begegnungen zwischen den Konfessionen entstünden.

Den Kopf voller Zinzendorf geht es für die Gläubigen am Dienstagmorgen nach Prag. Beim Zentralrat der Hussitischen Kirche Tschechiens im Stadtteil Dejvice legen sie einen Zwischenstopp ein, ehe sie zur Kirche der Böhmischen Brüdern weiterreisen. Der Bus schlängelt sich durch den Stau der Großstadt und hält schließlich vor einer klassizi­stisch anmutenden Fassade – dem Prager Gotteshaus der Hussiten. Pastorin Hana Tonzarova begrüßt die Gruppe auf Deutsch. Sie serviert Kaffee und böhmisches Hefegebäck.

Seit 1947 ist es in Hana Tonzarovas Kirche möglich, dass Frauen Pfarrerinnen werden. Ein Drittel der hussitischen Theologen stellen sie mittlerweile. Zunächst aber taucht die Pa­storin mit ihren Gästen tief ein in die Geschichte um die böhmische Reformationsbewegung, Gegenreformation, Vertreibung und schließlich Neugründung der Hussitischen Kirche im Jahre 1920. »Gewissensfreiheit« antwortet Hana Tonzarova auf die Frage, was ihr an der Hussitischen Kirche besonders wichtig ist. Und das klare Ziel der Kirche, das Christentum wieder in die Gesellschaft zu bringen.

Dann wartet der Bus. Wie noch oft in den nächsten Tagen, bis die Pilger ihr Ziel in München erreicht haben.

Irmela Hennig

Osterspaziergang zur Kirche

2. April 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Im Kirchenbezirk Großenhain sollen Ostersonntag Kirchen für Besucher offen bleiben

Pfarrer Jörg Matthies in der Schlosskirche von Diesbar-Seußlitz. Auch hier werden am Sonntag bis abends Besucher erwartet – so wie in zahlreichen anderen Kirchen des Kirchenbezirks Großenhain. Foto: Steffen Giersch

Pfarrer Jörg Matthies in der Schlosskirche von Diesbar-Seußlitz. Auch hier werden am Sonntag bis abends Besucher erwartet – so wie in zahlreichen anderen Kirchen des Kirchenbezirks Großenhain. Foto: Steffen Giersch

Ein Kirchenraum kann mehr erzählen als tausend Worte. »Und«, sagt Kai Schmerschneider, »jeder kann die christliche Botschaft dort sinnlich erfahren, auch, wenn er nicht getauft ist.« Das jedoch sei in den Gemeinden zu wenig bewusst, meint der 48-Jährige, der für die Evangelische Erwachsenenbildung (EEB) als Kirchenraumpädagoge arbeitet.

In den vergangenen Wochen ist er im Kirchenbezirk Großenhain unterwegs gewesen, um für seine Idee zu werben. 28 der insgesamt 67 Kirchen in der Ephorie werden am Ostersonntag von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet sein. Die Initiative »Offene Kirchen am Ostersonntag« soll vor allem Konfessionslose einladen.

Der wichtigste kirchliche Feiertag sei dafür besser als jedes andere Datum geeignet, sagt Schmerschneider. Viele Familien unternehmen in der Frühlingszeit Ausflüge in die Umgebung. Der Aufbruch in der Natur korrespondiere mit der Osterbotschaft vom Sieg des Lebens über den Tod, so Schmerschneider. Und das zeige sich im Bauprinzip jeder Kirche: »In der Regel betritt man sie durch ein Portal an der Westseite, kommt also vom Dunkel und geht Richtung Osten, in das Licht.« Schmerschneider plädiert dafür, diese Ästhetik des Raums sprechen zu lassen. »Die Menschen betreten eine Kirche, setzen sich der Stille aus und stellen sich Fragen.«

Katholischen Christen sei die enorme Bedeutung des Raumes deutlicher bewusst. »Bei Evangelischen wird Kirche immer über Veranstaltungen definiert. Wir müssen diese geistliche Kultur, das Gebäude selbst auch wertzuschätzen, wieder lernen. Eine geöffnete, einladende Kirche sollte ebenso als Teil der Gemeindearbeit verstanden werden wie Junge Gemeinde oder Seniorenbibelkreise.«

In den Kirchen in Skäßchen und Großenhain kann man bereits 5 Uhr eine Ostermette erleben. Nach altem Brauch wird das Licht der Osterkerze in die dunkle Kirche getragen. In anderen Kirchen, deren Altäre österlich geschmückt sind, werden von 9 Uhr an Ostergottesdienste gefeiert.

Auch in der barocken Schlosskirche in Diesbar-Seußlitz. Errichtet worden ist sie 1724 unter Leitung von George Bähr, der die Dresdner Frauenkirche konstruierte. Die Einheit von Abendmahl, Wort und Musik, eine lutherische Besonderheit, findet der Besucher in der Schlosskirche Diesbar-Seußlitz an der Ostseite im Kanzelaltar symbolisiert. Dieser ist gestaltet in einem überaus heiteren, ländlich-festlich gestimmten Barock. Von 9.30 bis 18 Uhr sind auch hier Besucher willkommen.

Tomas Gärtner

www.kirchenbezirk-grossenhain.de

Links und rechts – der Elbe

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Steffen Giersch

Foto: Steffen Giersch

Dresden wehrte sich am 13. Februar erfolgreich gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer

Selig sind die Friedfertigen«, sagt Katrin Göring-Eckhardt beim Friedensgebet auf dem Dresdner Postplatz. Für Christen heiße das aufzustehen, wachzurütteln, unterwegs zu sein, so die Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Präsidentin des Kirchentags 2011 in Dresden vor den Hunderten Teilnehmern. Darunter sind auch über 100 Bläserinnen und Bläser von Posaunenchören aus allen Teilen Sachsens. Sie begleiten die Stationen des Friedensgebets gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus am 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens. Seit Jahren ein Tag des stillen Gedenkens, wird dieser zunehmend von Rechtsextremen für Aufmärsche und Kundgebungen instrumentalisiert.

In diesem Jahr wollte die Stadt das nicht länger hinnehmen. Erstmals war es gelungen, dass Kirchen, Rathaus, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen gemeinsam aufriefen zu einer Menschenkette um die Innenstadt. Das Friedensgebet bildete den Auftakt. Ruth Misselwitz von der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste zitierte dabei Dietrich Bonhoeffer: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«

Diese Menschen guten Willens wurden von Gebetsstation zu Gebetsstation, über den Theaterplatz und hin zur Synagoge, immer mehr bis sie das Rathaus erreichten. Dort sollte die Menschenkette beginnen. Über 12 000 Teilnehmer, so heißt es, hatten sich dort versammelt. Oberbürgermeisterin Helma Orosz rief auf, sich den »Neu- und Altnazis, die versuchen, das Gedenken zu missbrauchen«, entgegen zu stellen. »Dresden will sie nicht«, so die Oberbürgermeisterin.

Und während sich aus Tausenden Menschen in der Altstadt eine Kette formierte, leisteten weit ab, auf der anderen Elbseite, fast ebensoviele Menschen Widerstand gegen den von der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« angemeldeten Aufmarsch. Über 5000 Polizisten waren im Einsatz, um diese Demonstration vor gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Linksautonomen zu schützen.

Den friedlichen Blockierern und der Polizei gelang es schließlich, die vor dem Neustädter Bahnhof versammelten rund 6000 Rechtsextremen am Weiterkommen zu hindern. Diese mussten unverrichteter Dinge abreisen. Gera und Pirna hatten ihren Frust auszubaden: Am Abend haben mehrere Hundert von ihnen dort randaliert. Nach Polizeiangaben befanden sie sich auf der Rückreise von Dresden.

Die Dresdner Landessynodale Tabea Köbsch war bei der Blockade in der Dresdner Neustadt dabei. Ihr war es wichtig, »dass da auch ganz normale Leute sind und deeskalierend wirken«, sagt sie im Nachhinein. »Es fällt mir schwer, beim Friedensgebet die Hände zu falten, wenn auf der anderen Elbseite die braunen Horden sind.« Sie sieht es als großen Erfolg, dass die Blockade weitgehend friedlich geblieben ist, so wie es das Bündnis aus vorwiegend linken Parteien und Organisationen immer wieder gefordert hatte. »Friedlich und gewaltfrei« habe die Parole auf der Neustädter Seite gelautet.

Als Synodale wollte sie sich ein eigenes Bild von einer solchen Aktion zivilen Ungehorsams machen, nachdem im sozial-ethischen Ausschuss der Synode eine Beschwerde darüber eingegangen war, dass Kirche in Leipzig sich an einem solchen Aufruf beteiligt hatte. »Jetzt aus eigenem Erleben sage ich, dass es wichtig ist, wenn Kirche auch dabei ist«, so Köbsch.

Landesbischof Jochen Bohl, der an der Menschenkette in der Altstadt teilgenommen hatte, würdigte diese als »großen Erfolg«. »Wir haben dem Aufmarsch der neuen Nazis eine eindrückliche Antwort erteilt«, sagte er vor Journalisten. An der Menschenkette beteiligten sich auch der katholische Bischof Joachim Reinelt, Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl, Mini-sterpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie weitere Landespolitiker. Aber auch Synodenpräsident Otto Guse und seine Vorgängerin im Amt, Gudrun Lindner, hatten sich eingereiht.

Am Abend versammelten sich die Dresdner zu einem stillen Gedenken vor der Frauenkirche. Dabei erinnerte der frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP) an die Bombenangriffe vor 65 Jahren, die er als Zwölfjähriger in Dresden erlebt hatte. Von der Stadt müsse »immer wieder ein Signal für Frieden und Völkerverständigung, für Demokratie und Menschenrechte in die Welt« gesendet werden, forderte der 77-Jährige.

In einem ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche wurde am Abend ebenfalls an die Opfer der Bombennacht gedacht. Traditionell läuteten zum Zeitpunkt des Fliegeralarms am 13. Februar 1945 um 21.45 Uhr die Dresdner Kirchenglocken.

Während die Menschenkette ein Zeichen für den Willen der Bürger zu Frieden und Versöhnung setzte, ist die Verhinderung des Aufmarsches der Rechtsextremen jedoch den Menschen auf der anderen Elbseite zu verdanken, die mit zivilem Ungehorsam sich dem im wahrsten Sinne des Wortes entgegenstellten.
Dabei ging es jedoch nicht nur friedlich zu: 27 Menschen wurden verletzt, darunter 15 Polizisten, 25 Brände mussten gelöscht werden, Autos wurden beschädigt, ein Begegnungszentrum des Stadtteils von Rechten angegriffen. Und vermutlich Linksautonome störten das stille Gedenken abends an der Frauenkirche durch laute Zwischenrufe.

Christine Reuther/epd

Gene, Chips und Schöpfungsakt

7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen.     Foto: Steffen Giersch

Jörg Michel ist der neue Studien­leiter an der Evangelischen Akademie Meißen. Foto: Steffen Giersch

Nun ist die Selbstbestimmung Gesetz. In einer Patientenverfügung darf jeder seinen Willen festschreiben. Manche sehen in den Paragrafen bereits die Lösung. Für Jörg Michel fangen die Fragen hier erst an: »Wie hilfreich ist ein Gesetz beim Versuch, mögliche extreme Situationen der Zukunft zu regeln?«

Um Experten und Interessierte darüber diskutieren zu lassen, hat er eine Tagung vorbereitet: vom 22. bis 24. Januar. Es ist der erste öffentliche Auftritt des 43-jährigen promovierten Biologen als neuer Studienleiter in der Evangelischen Akademie Meißen. »Naturwissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung« heißt sein Bereich. Er ersetzt den Studienbereich »Arbeitswelt und Wirtschaft«.

Viel Vorlaufzeit hatte Michel nicht. Er betrachtet das als Vorteil: »Da kann ich aktuell reagieren.« Auf das Thema Depression beispielsweise – seit der Selbsttötung des Fußballtorwarts Robert Enke in aller Munde. Die Tagung dazu ist für April geplant.

Möglichst viele Facetten eines Problems zu ermitteln, Fragen dazu aufzuwerfen und geeignete Referenten zu finden, das ist seine Aufgabe als Studienleiter. Michel, der aus Hessen stammt, bringt eine naturwissenschaftliche Ausbildung mit. Biologiestudium in Gießen. Promotion zu Genetik und molekularer Biologie. Danach angewandte Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Zellbiologie im Klinikum der Gießener Universität. 2006 ist er in den Osten Deutschlands gekommen – nach Senftenberg, an die Fachhochschule Lausitz. Sein Fachbereich dort: Biotechnologie, Chemie, Verfahrenstechnik.

Mehr und mehr sei ihm bewusst geworden, dass sich sein Fachgebiet innerhalb von Grenzen bewege: »Dass es Bereiche gibt, wo Naturwissenschaft keine Aussagen machen kann.« Deshalb absolvierte er ein Fernstudium der Theologie. Inzwischen ist er neuen Themen auf der Spur: Chips, die, in den Körper implantiert, die Möglichkeiten des Menschen erweitern; Energiegewinnung in der Wüste; synthetische Biologie. »Letzteres erinnert an einen Schöpfungsakt. Da werde ich hellhörig.«

Tomas Gärtner

Homepage des Studienbereichs Naturwissenschaft an der Evangelischen Akademie Meißen

»So eine Art Nomade«

30. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Das Büro für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden ist eröffnet. Dessen Leiter Volker Knöll ist mal wieder Stadtbürger auf Zeit.

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch

Noch sieht alles sehr provisorisch aus: Volker Kröll in der Dresdner Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in der er dieses Großereignis für 2011 mit seinen Mitarbeitern vorbereitet. Foto: Steffen Giersch


Volker Knöll ist jetzt ein Dresdner. Vorher war er Bremer. Geboren und aufgewachsen ist der 39-jährige Betriebswirt und Non-Profit-Manager in Südhessen. Viele Menschen knüpfen ihre Identität an ihren Wohnort. Würde Volker Knöll dies tun, müsste er sie alle zwei Jahre wechseln, im Rhythmus des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Als Geschäftsführer gehört er zur mobilen Truppe des Großereignisses, zu dem in Dresden vom 1. bis 5. Juni 2011 um die 100 000 Menschen erwartet werden. »Ich bin so eine Art Nomade«, sagt er. Auch »Handwerker« oder »Wanderzirkus« würden er und die rund 80 Mitarbeiter der Geschäftsstelle genannt, meint er und lacht. Freundlich, agil, offen, humorvoll – so wirkt er bei der Eröffnung der Geschäftsstelle. Die befindet sich nur ein paar Schritte entfernt vom Dresdner Zwinger.

Seine neue Wohnung hat Volker Knöll im Stadtteil Striesen gefunden. Gemeinsam mit seiner Verlobten. Auch sie gehört zu den Organisatorinnen des Kirchentages. Ein Glücksfall – die Belastungsprobe für das Familienleben entfällt. Auch die anderen drei Geschäftsführer, die ihm folgen, müssen die Kirchentagsstadt zu ihrem Hauptwohnsitz machen. Kisten packen und die gesamte Einrichtung im Laster verstauen, sei für ihn schon fast zur Routine geworden, sagt Knöll. »Nach dem dritten Umzug hat man sich daran gewöhnt, dass es IKEA-Möbel gibt.«

Aber sich mit Haut und Haaren auf den neuen Ort einzulassen, gehöre nun einmal dazu. Die schwierige Seite dieses fortwährenden Wechsels für ihn: »Dass man ständig sein soziales Umfeld wechseln muss. Menschen, die man erst intensiv kennen gelernt hat, muss man wieder loslassen.«

Sich gründlich umzusehen – das wird auch in Dresden seine Haupttätigkeit sein. Immer mit dem prüfenden Veranstalter-Blick: Welche Wiese eignet sich für einen Gottesdienst unter freiem Himmel? Wo kann eine Bühne stehen? In welche Halle passen wie viele Menschen? Für diese Touren will er den Dienstwagen stehen lassen und sich aufs Fahrrad schwingen.

In der Geschäftsstelle herrscht reges Kommen und Gehen. Das werde so bleiben, sagt Volker Knöll. »Unsere Arbeit hat eine hohe Dynamik.« Für die Inhalte ist das Büro in Fulda zuständig. Er und seine Mitarbeiter haben das Terrain technisch vorzubereiten. Es wird Abteilungen geben für Möbel, Computer, Telefone, für Transport, Raumplanung, Quartiere.

»Ich habe hier die Funktion eines Dirigenten mit Orchester«, sagt Volker Knöll. Er muss darüber wachen, dass nicht mehr ausgegeben wird als im Haushalt zur Verfügung steht – voraussichtlich werde sich dieser Betrag um die 14 Millionen Euro bewegen.

Tomas Gärtner

Geschäftsstelle 33. Deutscher Evangelischer Kirchentag Dresden 2011 e. V., Ostra-Allee 25, 01067 Dresden, Telefon (03 51) 79 58 50
www.kirchentag.de

Seligpreisungen in Sandstein

27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Harald Bretschneider schuf »Stein der Weisen« für ein Freitaler Altenpflegeheim

Harald Bretschneider während der Steinmetzarbeit an seinem »Stein der Weisen«, den der Hobbybildhauer und pensionierte Oberlandeskirchenrat für ein Altenpflegeheim der Diakonie anfertigt. Foto: Steffen Giersch

Harald Bretschneider während der Steinmetzarbeit an seinem »Stein der Weisen«, den der Hobbybildhauer und pensionierte Oberlandeskirchenrat für ein Altenpflegeheim der Diakonie anfertigt. Foto: Steffen Giersch

Es ist ein ungewöhnliches Denkmal, das am 11. September in Freital vor dem Altenpflegeheim »Friedrich Bodelschwingh« der Dresdner Stadtmission enthüllt wird: Zwei miteinander verbundene, oben abgerundete flache Steine, die in ihrer Gestalt an ein aufgeschlagenes Buch und an die Gesetzestafeln des Mose aus dem Alten Testament erinnern. Auf der einen Seite finden sich die Zehn Gebote, auf der anderen die Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu Christi.

Der Schöpfer des Denkmals ist kein professioneller Künstler, sondern Harald Bretschneider, 1991 bis 1997 Direktor der Dresdner Stadtmission, dann bis 2007 Oberlandeskirchenrat im Landeskirchenamt. »Stein der Weisen« – diesen Titel hat er selbst den beiden Tafeln aus Sandstein gegeben, an denen er seit Januar gearbeitet hat.

Neben der Malerei und der Fotografie gehört die Bildhauerei schon seit Jahren zu seinen Hobbys. Jetzt, mit 67 Jahren und im Ruhestand, widmet er sich ihr intensiver. Ein praktischer Mensch, der mit Werkzeug umzugehen versteht, ist er bereits seit seiner Jugend gewesen. Nach dem Theologiestudium Anfang der 60er Jahre war er Bauarbeiter und hat Zimmermann gelernt. Auch später als Dorfpfarrer in Wittgensdorf bei Zittau sei er zugleich immer auch Zimmerer geblieben, wie er erzählt. Er hat Häuser eingerüstet und Schornsteingerüste auf Dächer gesetzt. Daneben hat er gemeinsam mit Ehrenamtlichen Einladungen zu den Festgottesdiensten des Kirchenjahres künstlerisch gestaltet.

Der Erfinder des Symbols »Schwerter zu Pflugscharen« in den 80er Jahren, als er Landesjugendpfarrer war, hat christliche Werte immer auch öffentlich vertreten. Angefangen bei den Gesprächen mit Kirchenfernen auf der Baustelle über diese gewiefte Umdeutung eines sowjetischen Denkmals in ein Symbol der kirchlichen Friedensbewegung bis hin zu seinen Plädoyers für die Vermittlung von religiösem Wissen im sächsischen Bildungswesen. Nun will er dies mit dem Denkmal auf symbolische Weise tun.

Für Silvio Griebsch, den Leiter des »Bodelschwingh«-Heimes ist das Denkmal ein »gutes Stück Mission«. Dieser »Stein der Weisen« symbolisiere den Geist des Hauses, zeige die christliche Grundlage, die hinter dem Pflegekonzept der Einrichtung steht, sagt er. Harald Bretschneider erinnert daran: »Die Zehn Gebote bilden die verdichtete Lebens- und Glaubenserfahrung, wie das Leben gelingt.« Sie seien die Grundlage der Gesetzgebung der europäischen Staaten. »Wo sie missachtet werden, wird die menschliche Kultur und das Leben zerstört.« Als Ergänzung dazu betrachtet er die Seligpreisungen, »in denen Gott uns immer wieder neu zur Orientierung seine Hand reicht«.

Tomas Gärtner

Ein Geben und Nehmen

7. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ehrenamtliche Seelsorgehelferinnen und ihre Arbeit mit Gefangenen der JVA Zeithain

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der  Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida.  Foto: Steffen Giersch

Angelika Neumann (2. v. l.) und Christine Sims (r.) mit den vier Insassen der Justizvollzugsanstalt Zeithain bei der Vorbereitung des Mittagessens in der Pfarrküche von Riesa-Weida. Foto: Steffen Giersch

Abhauen bringt doch nichts, man will doch vorwärts kommen im Leben«, sagt Martin K. und trägt den Tisch in den Pfarrgarten unter die große Weide. Deren Zweige hängen so tief, dass darunter ein großer schattiger Platz für eine Mittagstafel entstanden ist: In Riesa-Weida wird nach dem Gottesdienst gekocht, anschließend gibt es Mittagessen für vier Gefangene der JVA Zeithain und ihre Betreuerinnen Angelika Neumann und Christine Sims. Die beiden Frauen sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Gefängnisseelsorge. Die vier Männer, die sie heute mitgenommen haben für einen Sonntag in freier Natur, bewegen sich ungezwungen und wissen: nach acht Stunden geht es wieder hinter Gitter.

Martin zählt schon die Tage, bis er in den offenen Vollzug verlegt wird. Dann kann der 23-Jährige ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, ehe er eine Lehre als Bürokaufmann beginnt. Seine Freundin, die erst Schluss machen wollte, wenn er in den Knast kommt, wartet auf ihn. »Sie ist mein einziger Halt im Leben«, sagt Martin.

»Die meisten, um die wir uns kümmern, haben niemanden mehr. Und ohne Bezugsperson gibt es keinen Ausgang und keinen Urlaub«, sagt Angelika Neumann. Etwa 20 Häftlinge kommen einmal im Monat im Gefängnis zum Bibelgespräch. Um diesen Kreis kümmern sich die beiden Frauen besonders, besuchen die Männer in ihren Zellen, begleiten sie beim Ausgang. Einmal im Monat aber nehmen sie Gefangene, denen Hafterleichterung bewilligt wurde und die bei der Gefängnisleitung rechtzeitig einen Antrag gestellt haben, für wenige Stunden mit nach draußen in den Gottesdienst und zum gemeinsamen Mittagessen.

Heute gibt es gefüllte Paprikaschoten. Kai S. ist der Küchenchef. Der gelernte Fleischer verteilt die Arbeit: Zweibeln schälen, Paprika waschen. Er hat noch einige Monate im Gefängnis abzusitzen. Die Zeit nutzt er zu Schweißerlehrgängen. Dann will er ein neues Leben beginnen.

Als Angelika Neumann vor 14 Jahren mit der Häftlingsbetreuung anfing, hatte sie die Hoffnung, wenigstens einen wieder auf den richtigen Weg zu begleiten. »Inzwischen war ich zu vier Hochzeiten eingeladen«, erzählt sie. Zu vielen ehemaligen Häftlingen hat sie Kontakte, führt Briefwechsel. Sie hat sie ins Leben begleitet. »Ich habe ein Möbellager, bekomme Spenden an Wäsche, Geschirr und Kleidung«, sagt sie. Damit kann mancher Häftling seine ersten Schritte ins zivile Leben machen. Nicht bei allen gelingt das. Die Frauen kennen Fälle, wo ehemalige Häftlinge mit einem eigenen Haushalt total überfordert sind, sich und die Wohnung verkommen lassen und irgendwann wieder »drin« landen.

Harri B. weiß das nur zu gut. Er will selbst einen Verein gründen, »um Gefangene aufzufangen, wenn sie rauskommen«, wie er sagt. »Ich denke, ich kann da mitreden«, fügt er hinzu. Noch für August ist ihm die vorzeitige Entlassung zugesagt worden.

Angelika Neumann und Christine Sims ernten oft Unverständnis, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit erzählen. Mitstreiter finden sie nicht. Dabei sei die Arbeit Gewinn für beide Seiten, sagt Christine Sims.

Kürzlich hörte Angelika Neumann von den Sorgen der landeskirchlichen Gemeinschaft in Pulsen mit ihrem verwilderten Grundstück ums sanierte Haus. Sie suchte Helfer für einen Arbeitseinsatz unter »ihren« Gefangenen. »Da waren alle Hände oben«, sagt Martin K., alle hätten sich gemeldet. »Soviel zum Thema Geben und Nehmen«, fügt er hinzu.

Christine Reuther

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