Hoffnung für Osteuropa: Rechnen statt betteln

23. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Kirchenbänke dienen als Schreibunterlage und Sitzgelegenheit, wenn die Roma-Kinder ihre Hausaufgaben in den Räumen der Roma-Kirchen von Săcele und Budila machen. (Foto: Matthias Netwall)

Mit den Spenden der Aktion »Hoffnung für Osteuropa« erhalten Roma-Kinder Hausaufgabenhilfe. Denn Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben.
 

Heute sind Gleichungen mit einer Unbekannten dran. Doch die junge Frau, die zwischen den Reihen hin und her geht und die Fragen der Kinder beantwortet, ist keine Lehrerin, und die Kinder sind auch nicht in der Schule. Es ist Hausaufgabenzeit im Gemeindehaus der Roma-Kirche im rumänischen Săcele. Was die Kinder noch erreichen wollen, hat die junge Frau schon: einen Schulabschluss. Das ist für Roma-Kinder nicht selbstverständlich. Deshalb holt die Kirchgemeinde sie von der Straße. Und der Verein »Projekt Leben« aus dem sächsischen Lauterbach bei Stolpen bezahlt die Helferinnen – seit einem Jahr mit Hilfe der Aktion »Hoffnung für Osteuropa«.

Die 1994 ins Leben gerufene Spendenaktion wurde bis 2010 vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verantwortet. Seit 2011 ist es eine Aktion der einzelnen Landeskirchen. »Und das ist gut so«, sagt Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumenreferent im Landeskirchenamt in Dresden. »Denn die Beziehungen nach Osteuropa sind vor allem in den Kirchgemeinden beheimatet.«

Aktionszeitraum für die Spendensammlung ist in jedem Jahr die Passionszeit. Spendenzweck in Sachsen ist für zwei Jahre die Hausaufgabenhilfe in der Roma-Kirche.

Hier engagiert sich seit 1999 der Verein »Projekt Leben«. »Wir haben in den 90er Jahren Jugendfreizeiten über den Jugendverband Entschieden für Christus (EC) in Rumänien veranstaltet. Das hat viele so bewegt, dass sie etwas für die Menschen dort tun wollten«, erzählt Matthias Netwall, der Geschäftsführer des Vereins.

In dieser Zeit sei die Roma-Kirche gewachsen – von 120 auf heute 750 Gemeinden. »Deren Mitarbeiter gehen in die Siedlungen der Roma«, so Netwall. »Und wenn es der Pascha genehmigt, predigen sie dort.« Und immer wieder würden danach Menschen Christen. »Wer dann zu einer Gemeinde gehört, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht mehr«, erzählt Netwall. Denn schon wer eine Schachtel Zigaretten am Tag rauche, ruiniere damit seine Familie. Die Lebensmittelpreise seien wie in Deutschland, doch die Sozialhilfe betrage nur 28 Euro.

Matthias Netwall hat bei seinen Besuchen das Leben der Roma kennengelernt. Auch die eingangs geschilderte Situation ist bei einem dieser Besuche auf Video gebannt worden. »Das Leben der Menschen dort hat mich sehr verändert«, bekennt er. »Wie sie es schaffen zu überleben, das würden wir gar nicht können.« Dabei habe sich die Situation seit 2007, als Rumänien zur EU kam, sehr verändert.

»Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch mehr auseinander gegangen.« Die Roma trifft es besonders hart. Ihre eigene Kirche versucht zu helfen – mit Unterstützung aus Deutschland. Im Jahr 2000 wurde in Sachsen das Jugenddankopfer für den Bau eines Gemeindehauses in Sacele gesammelt. Zur gleichen Zeit gab es schon einmal eine Initiative zur Hausaufgabenhilfe.

»Die Kirchen hatten mitbekommen, dass viele Eltern ihre Kinder zum Betteln schicken statt in die Schule«, berichtet Matthias Netwall. Da boten die Gemeinden ihre wenigen Räume an, damit Kinder dort ihre Hausaufgaben machen konnten. Bis zu 200 Kinder kamen. Doch das ging nicht lange gut. Die ehrenamtlichen »Lehrerinnen« mussten selbst irgendwie Geld verdienen und sich anere Arbeit suchen.

Erst mit Hilfe der Spendenaktion »Hoffnung für Osteuropa« konnte 2011 ein neuer Anfang gewagt werden. Über 20.000 Euro kamen bisher zusammen. Ab Sonntag wird wieder zu Spenden aufgerufen. Denn das ist neu, dass ein Projekt über zwei Jahre gefördert wird.

Doch dem Trägerverein ist Nachhaltigkeit wichtig. »In der Zwischenzeit versuchen wir, Spender zu gewinnen, dass es weiterlaufen und auch auf andere Orte ausgedehnt werden kann«, so Matthias Netwall. Denn nachhaltig sei es schon, wenn die Kinder zwei Jahre unterstützt und gefördert werden. »Dann trauen sie sich schon aufs Lyzeum – so heißt in Rumänien das Gymnasium.« Und dann brauchen sie vielleicht eine Bildungspatenschaft (s. unten).

Christine Reuther

»Hoffnung für Osteuropa«, Konto 100 100 400 der Diakonie Sachsen
bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 350 601 90.

Der Verein »Projekt Leben«

Der Verein hat deutschlandweit 39 Mitglieder. Er unterstützt die evangelische Roma-Kirche in Rumänien durch:

Frauenseminare: Romafrauen werden zu Gesundheitshelferinnen ausgebildet. Dazu gehört Wissen über Hygiene, Heilkräuter, Kneippsche Güsse und natürliche Familienplanung.

Theologische Seminare: Dabei werden kirchliche Mitarbeiter geschult. Diese Ausbildung wird auch von der sächsischen Landeskirche unterstützt. Besonders geht es den Roma-Kirchen-Mitarbeitern, die alle ohne Anstellung tätig sind, um Wissen über die lutherische Theologie.

Bildungspatenschaften: Das sind 25 Euro pro Schüler oder 60 Euro pro Student. Damit können die jungen Roma vor allem ihr Fahrgeld und ihre Studentenwohnung bezahlen. 42 solcher Patenschaften gibt es schon. Etwa 20 junge Leute warten noch darauf.

Hausaufgabenhilfe: Mit Spenden der Aktion »Hoffnung für Ost­europa« werden Kinder von der Straße geholt und nachmittags bei den Schul­arbeiten unterstützt.

Kontakt: Projekt Leben e. V.,
Dorfstraße 110, 01833 Stolpen, OT Lauterbach,
Telefon (03 59 73) 2 94 78.

www.projektleben.org

»Glücklich ist da niemand«

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

Es gibt sie tatsächlich, die Baufortschritte an der Leipziger Paulinerkirche. Im August vergangenen Jahres fielen die äußeren Baugerüste, die Hülle des Aula- und Kirchengebäudes erstrahlt also in ihrem fertigen Zustand. Am 2. Dezember durfte für einen Tag auch schon das Neue Augusteum, das künftige Hauptgebäude der Universität, welches die Universitätskirche umschließt, in Augenschein genommen werden. Und Mitte Dezember erfolgte die technische Überprüfung der Universitätsglocke im Dachreiter.

»Sie ist betriebsfähig, aber noch nicht klangfertig«, sagt der Glockenbeauftragte Roy Kreß. Dafür fehle über der 250 Kilogramm schweren Bronzeglocke aus dem Jahr 1659 noch ein Resonanzboden, so der kirchliche Baupfleger aus Leipzig. Dann könnte sie die Universitätsgottesdienste einläuten.

Wann sie dies allerdings das erste Mal nach der Sprengung der Kirche 1968 wieder tun wird, das traut sich derzeit niemand zu sagen. »Im Innenraum der Paulinerkirche hat sich gegenüber 2010 nichts wesentlich verändert«, sagen alle am Baugeschehen Beteiligten. »Das ist der absolute Rohbau.«

Mit dieser Begründung verweigert das Sächsische Finanzministerium als Bauherr derzeit alle Fotoaufnahmen und teilt mit, es gäbe intensive Gespräche mit dem Architekten Erick van Egeraat zum Innenausbau. »Wir müssen sehen, wie seine Entwürfe umgesetzt werden können und wir dabei den Kostenrahmen einhalten«, sagt Ministeriumssprecher Stephan Gößl und ergänzt: »Der gesamte Uni-Neubau hat bereits jetzt über 200 Millionen Euro gekostet.«

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Der Vorsitzende des Paulinervereins benennt die konkreten Konflikte mit dem Architekten: »Die Lichtsäulen und die Deckengestaltung sind umstritten«, sagt Ulrich Stötzner. »Dazu sind auch schon Versuche im Innenraum gemacht worden.« Und dabei blieb es. Der Bauverzug ist mittlerweile erheblich. 2009 sollte ursprünglich alles fertig sein, später 2011. »Glücklich ist da niemand«, sagt Stephan Gößl zum langen Stillstand. Er betont aber, dass zumindest das angrenzende Augusteum und das Dachgeschoss der Paulinerkirche »zum Sommersemester« von der Universität übernommen werden könnten. Und der Ministeriumssprecher macht Hoffnung, dass danach der Aula- und Kirchenraum im Mittelpunkt steht.

Das tut er ausnahmsweise auch schon an diesem Wochenende durch ein Benefizkonzert unter Schirmherrschaft von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Dabei sammelt die Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« Geld für eine sogenannte Schwalbennestorgel. Dieses Instrument im Renaissance- oder Frühbarockstil soll hoch oben an der Wand im Chorraum, also dem zukünftigen Kirchenraum, entstehen, berichtet der Stiftungsvorsitzende Martin Oldiges.

Bis zu 350 000 Euro seien für die traditionsreiche Orgel veranschlagt, die im weiten Umkreis ihresgleichen suche. Die Ausschreibung dafür ist schon erfolgt, so Oldiges. Die andere Orgel in dem Gebäude wird die Jehmlich-Orgel auf der Westempore und damit im Aula-Bereich sein. »Die Orgel liegt schon beim Orgelbauer auf Lager«, sagt Universitätsprediger Rüdiger Lux. »Da fallen schon Kosten an«, macht der Theologieprofessor auf die Folgen des Bauverzugs aufmerksam.

Lux denkt auch an seine Universitätsgemeinde: »Wir sind weiterhin zur Miete in der Nikolaikirche und warten auf die Fertigstellung der Universitätskirche für unsere Gottesdienste im eigenen Haus.« Für ihn persönlich kommt noch hinzu, dass er im Sommer mit 65 Jahren emeritiert wird. »Ich hätte den Bau gerne mit eingeweiht.«

Den Raum so bald wie möglich nutzen, das möchte auch der Kustos der Universität. »Ich würde gern in einem Jahr loslegen«, hofft Rudolf Hiller von Gaertringen, um dann 21 große Grabplatten im Chorraum aufhängen zu können. »Die Epitaphien sind größtenteils restauriert«, so der Kustos. Jetzt fehlen ihm noch die Stahlgerüste für die Aufhängung der Kunstwerke in drei Metern Höhe.

Außerdem brauche der 17 Meter hohe Chorraum eine Klimatisierung und ein Befeuchtungssystem, um die Epitaphien und den Paulineraltar aus der Thomaskirche fachgerecht konservieren zu können. Das funktioniere nach Meinung des Kustos nur, wenn der Chorraum vom Mittelschiff, der Aula, durch eine Glaswand abgetrennt ist. »Ohne Glaswand geht es nicht«, sagt Rudolf Hiller. Der Paulinerverein und die Kirchenvertreter dagegen lehnen die Glaswand ab. Sonst hätte auch die aus der alten Paulinerkirche gerettete Kanzel nach ihrer Restaurierung keinen Platz mehr.

Uwe Naumann

Landeskirche lebt weiter mit Spannungen

25. Januar 2012 von DER SONNTAG  
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Kirchenleitung öffnet Pfarrhäuser in Einzelfällen für gleichgeschlechtliche Partner.
 

EVLKSDie sächsische Landeskirche kann künftig im Einzelfall eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus gestatten. Voraussetzung dafür sei die »einmütige Zustimmung« des jeweiligen Kirchenvorstands, so der am 21. Januar gefällte Beschluss der Kirchenleitung. Eine »starke Mehrheit« des Kirchenvorstands müsse zustimmen und die Minderheit den Beschluss »mittragen« können, heißt es in der Begründung.

Die Kirchenleitung weiß, dass die Meinungen zur Homosexualität in der Landeskirche weiter weit auseinanderliegen. Sie erkenne »in den verbleibenden unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf das Schriftverständnis und die theologische Bewertung der Homosexualität jeweils eine geistlich und theologisch angemessen begründete Position«, heißt es in dem Beschluss der Kirchenleitung.

Landesbischof Jochen Bohl schreibt in einer Erklärung dazu, die Landeskirche müsse weiter mit »Spannungen leben«. »Das ist möglich, wenn auch die jeweils abweichende Auffassung als eine im Licht des Evangeliums mögliche Auslegung der Bibel akzeptiert wird«, so Bohl.

Der Landesbischof weiß um die Zerreißprobe, die das Thema für die Einheit der Landeskirche birgt. »Jeder Einzelne ringt mit einem an der Schrift geschärften Gewissen um das rechte Verständnis von Gottes Wort«, schreibt der Landesbischof. »Darum ist wechselseitiger Respekt geboten.«

Gegner und Befürworter gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Pfarrhäusern waren sich in der Kirchenleitung in mehreren Punkten jedoch auch einig: Ehe und Familien bleiben als »biblische Ordnung« das Leitbild. Und das Thema Homosexualität sei kein Bekenntnisfall. Der Beschluss der Kirchenleitung war durch eine zwölfköpfige Arbeitsgruppe vorbereitet worden, in der Juristen und Theologen verschiedener Frömmigkeitsrichtungen nach einer biblisch begründeten Haltung zur Homosexualität fragten.

In ihrem Abschlussbericht spricht sich der größere Teil der Arbeitsgruppe für eine Zulassung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Pfarrhäusern und für eine gottesdienstliche Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften aus. Die Frage nach Segnungsgottesdiensten auch für Homosexuelle steht weiter ungelöst auf der Aufgabenliste der Kirchenleitung.

Andreas Roth

 

Der Beschluss der Kirchenleitung (PDF)

Die Erklärung des Landesbischofs (PDF)

Abschlussbericht der Arbeitsgemeinschaft »Homosexualität in biblischer Perspektive« (PDF)

Markersbacher Erklärung (PDF)

Leipziger Erklärung für eine Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Paare (PDF)

 

 

Nach dem Beschluss: Pro und Contra


»Die Lage ist sehr, sehr heikel«

Sachsens Pfarrhäuser sind zukünftig nicht mehr tabu für gleichgeschlechtliche Paare. Doch nach der Entscheidung der Kirchenleitung kommt die Diskussion nicht zur Ruhe.

Katrin Jell ist Pfarrerin in Hohnstein.

Katrin Jell ist Pfarrerin in Hohnstein.

Für mich bedeutet der Beschluss der Kirchenleitung wie für alle homosexuellen Pfarrer und Pfarrerinnen einen Zugewinn an Lebensqualität. Mit meiner Partnerin habe ich zwangsläufig eine Fernbeziehung.

Ich predige verbindliche Partnerschaften – aber durfte so nicht leben.

Für die Gemeinde war das schwer zu verstehen. Unsere Kirchenvorstände stehen hinter uns.

Katrin Jell

Dr. Carsten Rentzing ist Pfarrer in Markneukirchen und EKD-Synodaler.

Dr. Carsten Rentzing ist Pfarrer in Markneukirchen und EKD-Synodaler.

Aus meiner Region gibt es schon mündliche Kirchenaustritts-Erklärungen nach dem Beschluss.

Die Lage ist sehr, sehr heikel.

Ich wünsche mir eine Lösung, die möglichst viele mitnimmt.

Deshalb sehe ich die Notwendigkeit, dass die Landessynode zu dieser Frage dezidiert Stellung nimmt.

Carsten Rentzing

Martin Henker ist Leipziger Superintendent.

Martin Henker ist Leipziger Superintendent.

Ich bin froh und dankbar, dass ein Weg gefunden wurde, wie in sehr seltenen Fällen und wenigen Orten der Landeskirche eine angemessene Reaktion möglich ist.

Das ist ein Kompromiss und sollte auch ein solcher werden.

Ich hoffe, dass sich die Synode in diesem Fall nicht auf den Weg macht, Beschlüsse der Kirchenleitung ändern zu wollen.

Martin Henker

 Matthias Dreßler ist Landesinspektor der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen

Matthias Dreßler ist Landesinspektor der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen

 
Die bedingte Freigabe für das Zusammenleben homo­sexueller Pfarrer und Pfarrerinnen im Pfarrhaus widerspricht der Schrifterkenntnis vieler Mitglieder und Besucher der Landeskirchlichen Gemeinschaften und wird von ihnen mehrheitlich als eine schmerzliche Liberalisierung empfunden, die sie nicht bejahen können.

Jetzt gilt es in der Gelassenheit des Glaubens abzuwarten, in welcher Weise sich die Landessynode im April positionieren wird.

Matthias Dreßler

 

Homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern im Einzelfall möglich

22. Januar 2012 von DER SONNTAG  
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Sächsische Kirchenleitung diskutiert intensiv ihre Haltung zu homosexuellen Partnerschaften und ändert ihre bisherige Position

In ihrer Klausurtagung am 20. und 21. Januar 2012 hat die Kirchenleitung der sächsischen Landeskirche die Pfarrhäuser in Einzelfällen für homosexuelle Partnerschaften geöffnet. Dem mit sehr großer Mehrheit entschiedenen Kurswechsel war eine intensive Debatte vorangegangen.

Die Kirchenleitung bekräftigt die bleibende Bedeutung der biblischen Ordnung von Ehe und Familie als Leitbild des Zusammenlebens von Frau und Mann, teilte das Landeskirchenamt mit. Um der Einheit der Landeskirche willen sollen die bisher geltenden Feststellungen der Kirchenleitung vom 29. August 2001 fortgeschrieben werden.

Mit dem neuen Beschluss jedoch behält sich die Landeskirche vor, in Einzelfällen gleichgeschlechtlichen Paaren das gemeinsame Leben im Pfarrhaus zu gestatten. Dies setzt die einmütige Zustimmung des zuständigen Kirchenvorstandes zwingend voraus und ist nur bei eingetragenen Lebenspartnerschaften möglich, so die Kirchenleitung.

Landesbischof Jochen Bohl wies in seiner Erklärung auf die stark gegensätzlichen Auffassungen in der sächsischen Landeskirche hin, welche nur durch ein gegenseitiges Respektieren und Achten der jeweils anderen Auffassung überwunden werden können. »Ich hoffe, dass die Christinnen und Christen in den Kirchgemeinden unserer Landeskirche diese Entscheidung der Kirchenleitung mittragen werden. Ich bin sicher, dass homosexuell geprägte Menschen, mit denen wir in der Gemeinschaft der Kirche verbunden sind, als Schwestern und Brüder im Glauben akzeptiert werden«, so Bohl.

Eine wichtige Grundlage der Beratung bildete der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe »Homosexualität in biblischem Verständnis«. Die Kirchenleitung würdigt den gefundenen Konsens der AG in wichtigen Aspekten. So schließt sie sich ausdrücklich der Einsicht an, dass der status confessionis nicht gegeben ist.

In großer Gewissensnot

19. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

Der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady (4. v. l.) übergibt mit acht weiteren Vertretern von Kirchgemeinden Landesbischof Jochen Bohl (3. v. r.)  im Landeskirchenamt die »Markersbacher Erklärung«. In ihr wenden sich Kirchgemeinden gegen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Foto: Steffen Giersch

Der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady (4. v. l.) übergibt mit acht weiteren Vertretern von Kirchgemeinden Landesbischof Jochen Bohl (3. v. r.) im Landeskirchenamt die »Markersbacher Erklärung«. In ihr wenden sich Kirchgemeinden gegen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Foto: Steffen Giersch

Dürfen homosexuelle Paare gesegnet werden oder ins Pfarrhaus einziehen? Darüber wird die Kirchenleitung am Wochenende beraten. Gegner und Befürworter machen Druck.

Gegen eine Lockerung der Regelung zu homosexuellen Pfarrern und Pfarrerinnen in der sächsischen Landeskirche haben sich Kirchenvorstände von 121 Gemeinden ausgesprochen. Das entspricht einem reichlichen Sechstel der insgesamt 776 Gemeinden und Kirchspiele in der Landeskirche. Bekundet haben sie das mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung«.

Unterschrieben haben nach Angaben der Initiatoren außerdem Vertreter von 160 Gemeinschaften sowie mehr als 300 Einzelpersonen. Die Erklärung und Unterschriften hat der Initiativkreis Landesbischof Jochen Bohl am 10. Januar übergeben.

In ihrer Erklärung bitten die Unterzeichner die Kirchenleitung und Landessynode, an der bisherigen Regelung von 2001 festzuhalten. Sie besagt, dass »eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verkündigung gemacht wird«. Auf ihrer Frühjahrstagung im April muss die Landessynode darüber beschließen, ob das neue Pfarrdienstrecht der EKD auch in der sächsischen Landeskirche gelten soll.

Dieses spricht im Paragraph 39 von Lebensführung der Pfarrer »im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe«. Dafür seien »Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung« maßgebend. Die »Begründung« zu diesem Passus jedoch lässt auch »gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften« von Pfarrern zu.

Mit ihrer Unterschrift unter die »Markersbacher Erklärung« hätten dies auch mehrere junge Leute und Theologiestudenten abgelehnt, erklärte der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady im Namen des Initiativkreises. »Daraus wird deutlich, dass unser Anliegen generationenübergreifend vertreten wird und nicht nur die Sache von ein paar ›Alten‹ ist«, fügte er hinzu.

Nach einem halbstündigen vertraulichen Gespräch mit Landesbischof Bohl erklärte die neunköpfige Initiativgruppe in einem Papier, »dass zahlreiche Gemeindeglieder durch die geplante Öffnung in große Gewissensnot geraten und ihre geistliche Heimat in der sächsischen Landeskirche verlieren«. Mit dem Landesbischof seien sie sich einig gewesen, dass die Einheit der Landeskirche gewahrt bleiben möge.

Zugleich aber sei in dem Gespräch deutlich geworden, »dass eine Veränderung der bisherigen Rechtslage kirchenspaltendes Potential besitzt«. Die Initiative mahne die Landeskirche, bei den biblischen Grundlagen und Bekenntnissen zu bleiben. »Die Kirche muss ihrer gesellschaftlichen Orientierungsaufgabe nachkommen und darf sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen unterwerfen, die im Gegensatz zum Wort Gottes stehen.«

Landesbischof Jochen Bohl sagte nach dem Gespräch, er habe den Initiatoren für ihr Engagement gedankt. »Ich habe außerdem darauf hingewiesen, dass die Kirchenleitung diese Sorgen ernst nimmt und die Initiatoren in die Entscheidungsfindung einbezieht.«

Eine andere Erklärung mit dem Namen »Auch unter Christen – Liebe zum gleichen Geschlecht«, die aus dem Kirchenbezirk Leipziger Land kommt und eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern und die Segnung homosexueller Paare fordert, haben inzwischen 214 Frauen und Männer unterschrieben – die meisten davon Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter.

Die Zahl eingetragener Partnerschaften von Gleichgeschlechtlichen soll in Sachsen bei etwa 940 liegen.

Tomas Gärtner

Passt das zusammen?

12. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Ostsachsen, Sachsen

Die Kirchenbezirke Meißen und Großenhain gehen zusammen – trotz Unterschieden

In Meißen die Frauenkirche (l.), in Großenhain die Marienkirche (r.): Trotz der gleichen Namenspatronin der Kirchen gibt es zwischen den beiden Kirchenbezirken erhebliche Unterschiede. Fotos: Steffen Giersch

In Meißen die Frauenkirche (l.), in Großenhain die Marienkirche (r.): Trotz der gleichen Namenspatronin der Kirchen gibt es zwischen den beiden Kirchenbezirken erhebliche Unterschiede. Fotos: Steffen Giersch


Unterschiedliche Traditionen, andere Strukturen, verschiedene Ziele: größer kann die Kluft zwischen zwei Kirchenbezirken kaum sein. Und doch müssen sich Meißen und Großen­hain zusammenschließen.

»Das wird eine Ehe zwischen sehr unterschiedlichen Partnern«, mutmaßt Gerlinde Franke, Vorsitzende der Großenhainer Kirchenbezirkssynode. Eine Arbeitsgruppe beider Kirchenbezirke hatte bis Sommer 2011 analysiert und verglichen. Aus Meißen hieß es dann: »Die Kirchenbezirkssynode spricht sich gegen eine Fusion aus.« Und aus Großenhain: »Der Kirchenbezirksvorstand sah daraufhin keine Grundlage für die Vereinigung der Kirchenbezirke zum gegebenen Zeitpunkt.«

Die Unterschiede betreffen Grundsätzliches. Zum Beispiel die Anstellung der Gemeindepädagogen: im Meißener Kirchenbezirk liegt die bei den Gemeinden, in Großenhain beim Kirchenbezirk. »Die Betroffenen erleben das als überwiegend positiv«, sagt Gerlinde Franke. Sie sieht es als Fortschritt. Anders organisiert ist auch die Diakonie, wie Michael Gilbert sagt, Vorsitzender der Meißener Kirchenbezirkssynode: In Meißen als Verein, in Großenhain als gemeinnützige GmbH.

Weiterer Gegensatz: »Wir haben die Ortsgemeinden gestärkt«, sagt der Meißener Superintendent Andreas Stempel. »Wir hingegen denken in Regionen«, erläutert Pfarrer Harald Pepel, stellvertretender Superintendent in Großenhain. Dazu gehöre auch eine zentrale Arbeitsstelle »Kinder-Jugend-Bildung«. »Diese Struktur tut uns gut«, betont Pepel. Eine Verbesserung, hinter die Großenhain nicht wieder zurück will. »Nun müssen wir sehen, ob wir uns für das eine oder das andere Modell entscheiden oder etwas völlig Neues aus beiden machen«, sagt er. Meißens Superintendent Stempel meint: »Bei einer Vereinigung müssen beide Seiten nachgeben.«

Immerhin hat die Landessynode beim Fusionsbeschluss im November 2011 ein Jahr Übergangsphase gewährt – bis Jahresbeginn 2013. Die Neuordnung von Verwaltung und Leitung lasse sich bis dahin bewältigen, sagt Michael Gilbert aus Meißen. »Um aber die Unterschiede zu beseitigen, reicht ein Jahr nicht.«

Eines der Hauptprobleme ist die Größe des neuen Kirchenbezirks: von der brandenburgischen Grenze bis kurz vor Freiberg. »Das bedeutet viel längere Wege«, sagt Andreas Stempel, der den neuen Kirchenbezirk leiten wird. »Unser Kirchenmusikdirektor zum Beispiel hat statt 56 dann 120 Orgeln. Da wird er nicht mehr überall hinkommen.« Andreas Stempel selbst hat dann statt 22 Pfarrern etwa 50 Mitarbeiter. Wie er da Leitung und Führung bewältigen soll, weiß er noch nicht. Verdoppeln jedenfalls lasse sich die Arbeit nicht. »Also muss ich meinen Tätigkeitsbereich neu ordnen, vieles weglassen und mich auf Kernbereiche konzentrieren.«

Fusion unmöglich – diese Position ist für die Verantwortlichen jedoch Vergangenheit. »Jetzt schauen wir nach vorn«, sagt Gerlinde Franke. Die Arbeitsgruppe hat schon wieder beraten. »Rezepte gibt es nicht«, meint Michael Gilbert. »Neue Ideen müssen her.«

Tomas Gärtner

»Zwickau ist keine braune Stadt«

5. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Der Straßen-Sozialarbeiter Elfried Börner will rechtsextreme Jugendliche für die Demokratie gewinnen

Elfried Börner ist Streetworker der Zwickauer Stadtmission. Foto: Andreas Wohland

Elfried Börner ist Streetworker der Zwickauer Stadtmission. Foto: Andreas Wohland


Zwickau ist durch eine rechtsextreme Terrorgruppe in die Schlagzeilen geraten. Deshalb haben sich kürzlich Streetworker mit einem offenen Brief an die Zwickauer Oberbürgermeisterin gewandt. Andreas Wohland sprach dazu mit Elfried Börner (53), der seit 1998 als Straßen-Sozialarbeiter der Stadtmission Zwickau unterwegs ist.

Herr Börner, was erhoffen Sie sich von dem offenen Brief?
Börner: Einerseits wollten wir eine Rückmeldung von der Straße geben, so wie wir die Stimmung in der Stadt erleben. Jetzt erwarten wir, dass man sich mit dem Thema im Dialog miteinander in der Gesellschaft beschäftigt. Nur mit einzelnen Aktionen, die sicherlich wichtig sind, ist es langfristig nicht getan.

Haben Sie als Streetworker auch mit rechten Jugendlichen zu tun?
Börner: Selbstverständlich. Wir treffen seit Jahren auch auf junge Leute, die rechtsextreme Ansichten vertreten. Es handelt sich meist um jüngere, bei denen im Kopf noch keine verfestigten Dinge vorhanden sind. Vielfach ist es auch eine Protesthaltung, die wohl jeder junge Mensch in irgendeiner Form in seiner Entwicklung durchmacht. Das bietet für uns viele Ansatzpunkte, diese Jugendlichen wieder für die Demokratie zu gewinnen.

Wie gehen Sie dabei vor?
Börner: Man muss natürlich wissen, wie sie ticken. Wir reden mit ihnen, hören uns ihr Problem an, zeigen ehrliches Interesse und versuchen, sie für eine Normalität zu gewinnen. Sprich: Du machst eine Ausbildung, gehst deinem Job nach, gründest eine Familie, hast ein funktionierendes soziales System und andere Hobbys, als nach rechten Führern zu rufen. Dieses Normalisieren, sie für die Gesellschaft gewinnen, ist uns wichtig.

Wie gehen die Zwickauer generell mit dem Stigma um, das das Mördertrio verursacht hat?
Börner: Aus zahllosen Gesprächen mit Jugendlichen wissen wir, dass sie das, was passiert ist, als schlimm und peinlich für Zwickau empfinden. Auf der anderen Seite können sie aber schon nicht mehr hören, wenn in den Medien ständig vom Zwickauer Nazi-Trio oder der Zwickauer Terroristenzelle die Rede ist. Die vorherrschende Meinung ist: Das sind nicht wir, Zwickau ist keine braune Stadt. Eine rechte Szene ist da, aber bei weitem nicht mehr so ausgeprägt wie noch vor zwölf, dreizehn Jahren.

Was wünschen Sie sich in dem Zusammenhang von den Zwickauern?
Börner:Nicht nur die Zwickauer, alle Menschen sollten mehr Zivilcourage zeigen. Nicht nur bei Straftaten, sondern bei allem, was mit Extremismus zusammenhängt, sich einmischen, eine eigene demokratische Meinung vertreten und den offenen Dialog suchen.

Haben Sie V-Männer in der rechten Szene?
Börner:Wenn man das V mit Vertrauen gleichsetzt, dann sind wir Streetworker sicherlich V-Frauen und -Männer. Wir treten den Jugendlichen mit offenem Visier gegenüber. Das beziehen wir übrigens auch auf Gruppierungen mit linksextremem Gedankengut.

Abschied nach 474 Jahren

Mit der Fusion der Kirchenbezirke Glauchau und Rochlitz zum Jahreswechsel zählt die Sächsische Landeskirche noch 19 Kirchenbezirke. Karte: DER SONNTAG

Mit der Fusion der Kirchenbezirke Glauchau und Rochlitz zum Jahreswechsel zählt die Sächsische Landeskirche noch 19 Kirchenbezirke. Karte: DER SONNTAG


 
Die Kirchenbezirke Glauchau und Rochlitz müssen zusammengehen – das bringt weite Wege und manche Chancen

Leicht fällt es ihm nicht. Doch Johannes Jenichen muss es tun. Kurz vor Weihnachten greift er zum Werkzeug, geht vor das Rochlitzer Pfarrhaus. Ohne großes Aufsehen schraubt er das Schild der Superintendentur Rochlitz ab. Danach klopft er von der Außenmauer des Grundstücks die Buchstaben herunter, die auf den Sitz des Kirchenbezirks hinweisen.

Eine fast 475-jährige Tradition wird zerschlagen, zurück bleiben ihre Schatten an der Wand. »Das ist schon besonders historisch«, sagt der Mann, der seit 1996 diesem Kirchenbezirk vorsteht. »Wir dachten, das wäre ewig.«

Rochlitz ist eine von vielen Ephorien der Sächsischen Landeskirche, die in den letzten Jahren mit anderen fusionieren. Von ehemals 25 Kirchenbezirken sind noch 19 übrig, wobei die nächste Fusion von Meißen und Großenhain schon beschlossen ist.

Doch kein Kirchenbezirk weist eine solche geografische Besonderheit auf wie die neue Ephorie Glauchau-Rochlitz. Denn nur wenige Kilo­meter gemeinsame Grenze trennten bisher – und müssen nun das neue Gebilde verbinden. »Ich werde versuchen, alles zusammenzuhalten«, sagt Jenichen über seine 56 Kirchgemeinden mit knapp 50 000 Gemeindegliedern.

Neben dem Zusammenhalten gehe es bei der Fusion um das Zusammenführen, weiß Holger Bartsch. »Wir können Konzeptionelles einbringen wie die Gemeinde-Uni und einen Referenten für Gemeindeaufbau«, stellt der stellvertretende Superintendent von Glauchau die Gaben seiner Ephorie vor. Rochlitz leiste eine gute Arbeit mit Kindern und bringe den Superintendenten mit.

Eigenhändig entfernt Johannes Jenichen zum Jahresende die Hinweise auf seine Rochlitzer Superintendentur. Er arbeitet künftig in Glauchau. Foto: M. Kober

Eigenhändig entfernt Johannes Jenichen zum Jahresende die Hinweise auf seine Rochlitzer Superintendentur. Er arbeitet künftig in Glauchau. Foto: M. Kober


»Das wird eine schöne Vielfalt«, meint Bartsch. Johannes Jenichen ergänzt: »Die Ephorie Rochlitz bringt die Erfahrung mit drei Kirchspielen ein.« Diese Strukturen gebe es in Glauchau nicht. Sie könnten aber zukünftig wichtiger werden, schätzt Jenichen.

Die Fusion hat auch ihren Preis, denn die Wege im Kirchenbezirk werden länger – mit dem Wechsel der Superintendentur von Rochlitz nach Glauchau besonders für die Rochlitzer Region. »Sie müssen aber nicht zu uns kommen, sondern wir kommen zu ihnen«, sagt Johannes Jenichen über die ephoralen Mitarbeiter.

Ein neuer Bus der Jugendarbeit fahre schon durch das Land. »Wir sind die Reiseapostel«, so Jenichen. Das kennt Monika Hähnel, die seit 1986 Rochlitzer Bezirkskatechetin ist. Vertretungsweise hatte sie schon für ein Jahr die Glauchauer Ephorie mit betreut – ohne Auto. Für die Fusion sollte die 56-Jährige einen Führerschein machen und fast nur noch hospitieren. »Das möchte ich nicht«, sagt sie und entschied sich für eine Arbeit als Gemeindepädagogin.

Doch nicht immer führen die Wege bis Glauchau: Große Veranstaltungen des Kirchenbezirks werden in Burgstädt stattfinden, die Gemeindepädagogen treffen sich in Waldenburg. »Wir müssen auch nicht alles ganz groß organisieren«, meint Johannes Jenichen. »Wir müssen in Regionen denken.«

Uwe Naumann

Vereinigungsgottesdienst am 6. Januar, 18 Uhr in der Georgenkirche Glauchau. Dann startet auch die neue Homepage des Kirchenbezirks: www.kirchenbezirk-glauchau-rochlitz.de

»Die Kirche muss Menschen bewegen«

22. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Warum die Kirche ins Radio kommt – und warum nicht. Fragen an den Chef von MDR Jump, Ulrich Manitz.

 

Der gebürtige Dresdner Ulrich Manitz ist seit September Chef der Pop-Welle MDR Jump. Foto: MDR.

Der gebürtige Dresdner Ulrich Manitz ist seit September Chef der Pop-Welle MDR Jump. Foto: MDR.

Herr Manitz, heute früh konnte ich in Ihrem Programm einen singenden Wichtel hören – aber kaum Politik und schon gar nicht Kirche. Sind die Kirche und ihre Botschaft so uninteressant für MDR-Jump-Hörer?
Manitz:
Sie hören uns nicht genau. Seit Ende August haben wir deutlich mehr Informationen im Programm. Und Kirche findet bei MDR Jump auch statt: Im Advent haben wir die Serie »Glocken Mitteldeutschlands« im Programm, in der wir besondere Gotteshäuser und ihre Gemeinden vorstellen. Das sind sehr aufwändige Beiträge, die wir zusammen mit den Senderbeauftragten der Kirchen und mit eigenen Redakteuren produzieren.
 
Liegt es auch an der Kirche selbst, wenn sie nicht so häufig in den Medien vorkommt?
Manitz:
Wir müssen uns nichts vormachen: Wir leben in einem Land, in dem viele Menschen mit Kirche nichts im Sinn haben. Wenn die Kirche mehr in Medien stattfinden will, muss sie auch Themen setzen, die Menschen bewegen. Wir als Sender entscheiden ganz demokratisch, was unsere Hörer interessieren könnte. In unserer Community-Show am Donnerstagabend ist Kirche immer wieder ein Thema, wenn wir mit Hörern über Lebensfragen reden wie kürzlich am Welt-Aids-Tag und demnächst sicher auch in der ARD-Themenwoche »Leben mit dem Tod«. Auch die Hintergründe christlicher Feiertage erklären wir unseren Hörern – das interessiert die Leute draußen.
 
Wie bringt man einer mehrheitlich religiös unmusikalischen Hörerschaft christliche Themen nahe?
Manitz:
Man erreicht Menschen über Themen, die sie berühren. Die Kirche tut ja beispielsweise viel im sozialen Bereich, aber sie hat auch eine theologische Botschaft. Wir müssen allerdings sehr genau darauf achten, ob und wie so etwas in das Programm einer Popwelle passt und suchen da selbst nach einem Weg.
 
Ist es für diese Menschen wichtig, dass keine abschließenden Wahrheiten verkündet werden?
Manitz:
Ich glaube, dass gerade junge Menschen nicht gerne mit vorgefertigten Meinungen konfrontiert werden wollen. Sie wollen kritisch nachfragen. Wir wollen niemanden zu etwas überreden – wir regen zum Weiterdenken an. Wir wollen über Kirche informieren und nicht missionieren.
 
Die Fragen stellte Andreas Roth

»Wir nehmen die Not Homosexueller wahr«

16. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Pfarrer der Kirchenbezirke Leipzig und Leipziger Land sind für Segnung und Anerkennung homosexueller Paare

Die Superintendenten Martin Henker (l.) und Matthias Weismann (r.).

Die Superintendenten Martin Henker (l.) und Matthias Weismann (r.).


In der Diskussion um die Gleichstellung homosexueller Pfarrer gehen nun auch die Anhänger einer Öffnung der Landeskirche in die Offensive. In einer öffentlichen Erklärung haben 53 Pfarrer aus ganz Sachsen sowie weitere kirchliche Mitarbeiter und Gemeindeglieder die bisherige Praxis der Landeskirche heftig kritisiert. »Wir nehmen eine offenkundige Not homosexueller Männer und Frauen wahr, denen als Christen vorgeworfen wird, Gottes Wahrheit vorsätzlich zu ignorieren«, heißt es in der Erklärung.

Die Diskriminierung Homosexueller wird darin auch als Schuld der Kirche angesehen. »Homosexuelle Menschen haben ihre Orientierung nicht selbst gewählt, sondern sind von Gott als schwul oder lesbisch geschaffen worden.« Deshalb plädieren die Unterzeichner – unter ihnen der Bornaer Superintendent Matthias Weismann und sein Leipziger Amtsbruder Martin Henker – für eine Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern. Auch die Segnung homosexueller Paare soll erlaubt werden.

Das Schreiben wurde auf einem Studientag der Pfarrer des Kirchenbezirks Leipziger Land verfasst. Auf dessen Internetseite wird dazu eingeladen, sich anzuschließen oder seine Meinung zu äußern.

Die Ephoralkonferenz des Kirchenbezirks Leipzig diskutierte am 7. Dezember ebenfalls über die Segnung homosexueller Partnerschaften. Eine Arbeitsgruppe Leipziger Theologen stellte dabei einen Vorschlag zu Richtlinien für einen Gottesdienst zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vor.

»Ob dem Begehren nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Paare entsprochen werden kann, obliegt dem Gewissen und der seelsorgerlichen Verantwortung der Pfarrerinnen und Pfarrer, die darum gebeten werden«, heißt es in dem Entwurf. »Jede und jeder ist in dieser Entscheidung frei.«

Voraussetzung für eine Segnung soll eine standesamtlich eingetragene Lebenspartnerschaft sein. Bisher soll es nach einem Beschluss der sächsischen Kirchenleitung keine Gottesdienste zur Segnung homosexueller Partnerschaften in der Landeskirche geben.

Der Entwurf aus dem Kirchenbezirk Leipzig sieht dagegen ausdrücklich eine öffentliche und »gemeindebezogene« Segnung im Rahmen eines Gottesdienstes vor. »Der jeweilige Kirchenvorstand muss sein grundsätzliches Einverständnis mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erklärt haben«, heißt es in dem Papier. »Kann und will ein Pfarrer aus theologischen, aus Gewissensgründen oder wegen der Ablehnung durch den Kirchenvorstand die begehrte Segenshandlung nicht vollziehen, kann der Superintendent das Paar an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin vermitteln, von denen er weiß, dass es in deren Gemeinde möglich ist.«

Der Leipziger Superintendent Martin Henker blickt nun voraus auf die Sitzung der Kirchenleitung am 20. Januar, die dann den Umgang mit homosexuellen Partnerschaften in der Landeskirche neu diskutiert. »Das Papier wurde der Kirchenleitung weitergegeben, um in die anstehenden Beratungen einbezogen zu werden«, so Henker. (so)

Der offene Brief der Pfarrer im Internet hier

www.kirche-im-leipziger-land.de

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