Ein Holländer gegen Windmühlen
26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Wie der Kirchenmusiker Henk van Loo und seine Frau ins erzgebirgische Holzhau kamen
Eisig bläst der Wind über den Kamm. Die Blicke von Henk van Loo und seiner Frau Susanne schweifen über die schneebehangenen Nadelwälder und die weiße Weite bis hinüber ins Tschechische. Sie scheinen das Erzgebirge zu umarmen. »Diese Ruhe, diese Luft, die Natur und die freundlichen Menschen hier – herrlich!«, schwärmt der 67-Jährige. Er braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was drüben in dem tschechischen Dorf Moldava entstehen soll: 45 Windräder sollen dort errichtet werden und mit ihren 150 Metern die Höhen des Gebirges überragen.

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch
»Sie verschmutzen den Horizont, das ist doch ein Naturschutzgebiet von höchster Bedeutung«, ruft Henk van Loo in den Schneegriesel. Man denke nur an das fast ausgestorbene Birkhuhn, das hier lebt, den schwarzen Storch oder den Tourismus. Dabei ist Henk van Loo gar kein gebürtiger Erzgebirgler, denen oft so viel Liebe zu ihrer Heimat nachgesagt wird. Er ist Holländer. Denen wiederum wird eine gewisse Liebe zu Windmühlen nachgesagt. Nichts davon bei ihm. Dabei hat das, was ihn ins erzgebirgische Holzhau verschlug, durchaus etwas mit Liebe zu tun: Der zu seiner Frau. Und der zu den Orgeln.
Viele Jahre arbeitete der Niederländer Henk van Loo in der Region um Maastricht als ehrenamtlicher Kirchenmusiker. Schon zu Zeiten der DDR führte ihn eine Kirchgemeindepartnerschaft immer wieder nach Erfurt. Dort lernte er seine spätere Frau Susanne kennen, und beide zogen vor zwölf Jahren in seine holländische Heimat.
Eine Busreise zu bedeutenden Orgeln führte sie 2007 ins Osterzgebirge. »Als ich vor dem Geburtshaus des Orgelbauers Gottfried Silbermann in Kleinbobritzsch stand, sagte ich mir: Hier möchte ich auch gern wohnen«, erinnert sich der Pharmazie-Vertreter.
Wenig später kaufte das Paar den alten Waldgasthof »Teichhaus« im Muldental bei Holzhau. »Wir wollten noch einmal etwas Neues probieren«, sagt die 50-jährige Susanne van Loo. Das Gasthaus machten sie wieder flott und eröffneten im November 2008. Weil sie sich ihre neue Heimat nicht wieder nehmen lassen wollen, gründeten sie zusammen mit anderen Einwohnern die Bürgerinitiative »Gegenwind«, um den tschechischen Windpark zu verhindern. Die Handvoll Aktivisten treffen sich in ihrer Gaststube. Gemeinsam sammelten sie 5000 Unterschriften gegen das Vorhaben und übergaben es im September letzten Jahres über die deutsche Botschaft in Prag der tschechischen Regierung. Inzwischen lehnt auch die Bezirkshauptfrau von Usti nad Labem den Bau der Generatoren ab. Susanne van Loo und ihr Mann schöpfen Hoffnung – aber die Sache sei noch nicht über den Berg.
Wenn Henk van Loo begeistert von den Flößern erzählt, die vor 400 Jahren an seinem Gasthaus Holz für den Silberbergbau auf der Mulde transportierten, dann wird diese Geschichte zu seiner eigenen. Und den Orgeln bleibt er ohnehin treu: Wenn in den umliegenden Kirchen von Hermsdorf oder Rechenberg ein Kantor fehlt, greift der spielende Holländer wieder in die Tasten.
Andreas Roth
Arbeitsamt mit Kreuz
21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Erste Christliche Arbeitsvermittlung von Stollberger Kirchgemeinde eröffnet.

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)
Ist das wirklich die erste christliche Arbeitsvermittlung? »Erzählt nicht schon Jesus in der Bibel von einem Mann, der Arbeitslosen eine Arbeit im Weinberg verschafft?«, fragt augenzwinkernd der Zwönitzer Pfarrer Dieter Bankmann seinen Stollberger Amtsbruder Andreas Dohrn. Der aber ist sich sicher, dass es so ist: »Erste Christliche Arbeitsvermittlung« nennt die Stollberger St. Jakobikirchgemeinde selbstbewusst ihr neues Projekt, das am 15. Januar offiziell begann.
»Wenn wir immer nur auf die Opfer des Arbeitsmarktes sehen, werden wir ihnen nicht wirklich helfen können«, sagt Pfarrer Dohrn. »Wir brauchen auch den Zugang zu den Arbeitgebern und zu neuen Jobs, um Armut überwinden zu können.«
Seit 1990 beraten Christen in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative und in dem Modellprojekt »Jakobi-Job-Lotsen« Menschen auf der Suche nach neuer Arbeit. »Manche Mitglieder unserer Gemeinde waren skeptisch, ob eine Arbeitsvermittlung zu unseren Kernaufgaben gehört«, sagt Kirchvorsteherin Angela Müller. »Auch steuerliche und finanzielle Probleme müssen gemeistert werden.« Doch das Engagement für die »Mühseligen und Beladenen« hat die Stollberger Kirchgemeinde tief in ihrem Leitbild verankert.
Auch der Kirche selbst soll die Arbeitsvermittlung helfen. Nicht nur, weil die Stollberger Kirchgemeinde auf Gewinn zur Finanzierung ihrer Arbeit hofft.
»Für unseren kirchlichen Kindergarten geeignete evangelische Mitarbeiter zu finden, ist ein großes Problem«, spricht der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold eine Sorge an, die viele Kirchgemeinden teilen. Er hofft auf die Christliche Arbeitsvermittlung, weil sie – anders als die Arbeitsagentur – die Bewerber bewusst nach persönlichen und geistlichen Fähigkeiten fragt.
Der Diakonie in Sachsen mangelt es an Sozialpädagogen, Erziehern und Pflegern. Deshalb verspricht der Vorstand des Diakonischen Werkes Aue-Schwarzenberg, Rainer Sonntag: »Wir werden der Christlichen Arbeitsvermittlung auf den Zahn fühlen und sehen, wie ihre Möglichkeiten sind.«
Das Angebot ist für Arbeitsuchende und Arbeitgeber kostenlos. Die Stelle der von der Kirchgemeinde angestellten Mitarbeiterin Gudrun Gehler soll sich über Vermittlungsgutscheine finanzieren, die Erwerbslose von der Arbeitsagentur erhalten. Ob allerdings die Fachkräfte, die von Kirche und Diakonie händeringend gesucht werden, auch unter den Arbeitslosen zu finden sind, wird sich noch zeigen müssen.
»Auch die Christliche Arbeitsvermittlung kann das Problem der Ausgrenzung von Gering-Qualifizierten nicht lösen« fürchtet Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Doch schon vor ihrem Start haben sich über 100 Arbeitsuchende bei der Christlichen Arbeitsvermittlung registrieren lassen – und 21 Arbeitsangebote.
Andreas Roth
»Lähmende Ohnmacht«
15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Gornsdorfer Christen fordern Gerechtigkeit für die im Oman verurteilte Dana Gerlich.
Ob Dana Gerlich wirklich schuldig ist, bleibt unbewiesen. Sicher aber ist: Schon jetzt hat ihr Fall viel Schaden angerichtet. Viele Menschen in ihrer erzgebirgischen Heimat um Gornsdorf haben einiges an Zutrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat verloren. Sie engagieren sich für ein gerechtes Urteil über die 35-Jährige aus ihrem Dorf. Und rennen damit gegen unsichtbare Mauern.

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab. (Foto: Steffen Giersch)
»Das Auswärtige Amt hat ihrer Mutter jedoch schriftlich bestätigt, dass der Oman keine Einwände hätte, wenn ihre Tochter nach fünf Jahren Haft freikommt«, sagt Pfarrer Görner.
Im Mai 2009 schrieb die in Chemnitz Inhaftierte deshalb ein Gnadengesuch an Ministerpräsident Stanislaw Tillich. »Sieben Monate lang bekam sie von der Staatsregierung keine Antwort«, sagt der Pfarrer, der sah, wie Dana Gerlich körperlich und seelisch schwer unter der Ungewissheit litt. »Als Christ sage ich: So kann man mit einem Menschen nicht umgehen.«
Um das Gnadengesuch zu unterstützen, sammelte eine Gruppe um Pfarrer Görner und Gerlichs früheren Sportlehrer Reiner Pohl 2400 Unterschriften. Die Antwort von Staatskanzleiminister Johannes Beermann: Es sei »unüblich«, Einfluss auf ein Gnadengesuch zu nehmen. Aus der CDU-Landtagsfraktion wurde der Burkhardtsdorferin Christa Weinhold beschieden: Der Staat lasse sich nicht erpressen. »Wie können 2400 Unterschriften als Erpressung verstanden werden?«, wundert sich die Christin über dieses Demokratieverständnis.
Kurz vor Weihnachten wurde Dana Gerlichs Gnadengesuch vom Ministerpräsidenten abgewiesen. Von den Gründen für die Entscheidung kein Wort. »Sind wir so unmündig?«, fragt Pfarrer Gottfried Görner. Bei seinem letzten Besuch im Gefängnis übergab ihm Dana Gerlich einen Brief. »Ich bin verzweifelt und von einer lähmenden Ohnmacht erfüllt«, schreibt sie: »Ich werde in Deutschland nie die Chance auf einen fairen Prozess bekommen.«
Ihre letzten Hoffnungen setzen sie und viele Gornsdorfer auf den Europäischen Gerichtshof. Von Sachsens Regierung erwarten sie nichts mehr.
Andreas Roth
Kein Blatt vor dem Mund
31. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor 20 Jahren erschien in Werdau und Crimmitschau Sachsens erste freie Zeitung

Wie Schätze aus einer fernen Zeit halten Kerstin Walther (li.) und Barbara Gabor in den Händen, was am 5. Januar 1990 revolutionär war: Sachsens erste freie Zeitung – das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt. (Foto: Steffen Giersch)
Die Freiheit kam in großen Stapeln an. Im Hof der Schmiede ihres Mannes in einem Crimmitschauer Fabrikviertel schnürten Kerstin Walther und ihre Freundin Barbara Gabor jeden Donnerstag die Bündel auf und trugen vor 20 Jahren zum ersten Mal das Unerhörte in die westsächsische Kleinstadt: Eine freie Zeitung – das »Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt«. Am 5. Januar 1990 erschien es zum ersten Mal und gilt als erste Zeitungsgründung der Friedlichen Revolution in Sachsen. Kerstin Walther und Barbara Gabor hatten beides lang ersehnt.
Die beiden Christinnen hatten die Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 erlebt, im christlichen Friedensseminar Königswalde trotz Diktatur frei gedacht und auf der Schreibmaschine Flugblätter fürs Neue Forum geschrieben. Sie kannten die Lügen der SED-Parteizeitung mit dem Namen »Freie Presse«. Jetzt lasen Barbara Gabor und Kerstin Walther in der ersten Ausgabe der neuen Wochenzeitung: »Nun halten Sie sie in der Hand – die erste Freie Presse im Kreis Werdau seit 111 Jahren.«
Der Runde Tisch des Kreises hatte auf seiner ersten Sitzung Anfang Dezember 1989 eine kleine Gruppe mit der Zeitungsgründung beauftragt. »Wir hatten keine Technik, kein Vorbild und eigentlich auch alle keine Ahnung«, sagt deren Chef Georg Meusel heute. Sich Chefredakteur zu nennen, wäre dem Elektriker Meusel wie Hochstapelei vorgekommen. In der DDR schrieb er für Kirchen- und Fachzeitungen, doch die Schule hatte er aus politischen Gründen nach der achten Klasse verlassen müssen.
Die Seiten des freien Wochenblatts wurden auf den Teppich von Meusels Wohnzimmer zusammengeschnipselt und geklebt. Keine vier Wochen nach dem Gründungsbeschluss erschienen die 15 000 Exemplare der ersten Ausgabe. Jede Woche war hier nun zu lesen, was vorher von der SED-Diktatur unter der Decke gehalten wurde: Fakten über die dreckige Luft in Crimmitschau etwa, über das Unwesen der Staatssicherheit. Oder über das Schicksal der 19 Werdauer Oberschüler, die 1951 zu 130 Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, weil sie gegen die unfreien Wahlen in der DDR protestiert hatten.
Oder über die zum Himmel stinkende Pleiße. Barbara Gabor kann sich noch gut an den Anruf zu später Stunde am 25. Januar 1990 erinnern: Die Nachtschicht des VEB Lederproduktion Crimmitschau hatte das Einleiten von Chemikalien in den Fluss nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Gabor fuhr als Vertreterin des Neuen Forums mit der Polizei hin und ließ Proben nehmen. In der nächsten Ausgabe des Wochenblatts berichtet sie ausführlich darüber.

Auch in Zwickau rissen die Menschen den Verkäufern das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt aus den Händen. Denn Anfang 1990 war der Hunger nach unabhängigen Informationen groß – und in Werdau war Sachsens erste freie Zeitung gegründet worden.
Zu den Menschen, die das Werdau-Crimmitschauer Wochenblatt den Verkäufern damals aus der Hand rissen, gehörte auch der Medizintechniker Manfred Steinchen. Kurz darauf übernahm der Crimmitschauer den Versand der Zeitung an die Abonnenten. Dabei musste er zusehen, wie im Laufe des Jahres 1990 die Zahl der Leser immer mehr sank. »Nach der Währungsunion kostete die Zeitung plötzlich 90 West-Pfennige, da war die Bild-Zeitung billiger«, erinnert er sich. »Viele Abonnenten haben gekündigt, vielen war die Zeitung zu links. Von der Bürger- und Friedensbewegung wollte niemand mehr etwas lesen.«
Doch als ein westdeutscher Verlag das kleine Wochenblatt übernehmen wollte und dem Gründer Georg Meusel einen lukrativen Redakteursvertrag anbot, lehnte der ab. »Wir wollten uns nicht vereinnahmen lassen und auch kein Geschäft machen. Sondern Pressefreiheit durchsetzen in der Region.«
Als die Auflage unter 3000 fiel erschien am 10. August 1990 die letzte Nummer. »Das Wochenblatt hatte seine Aufgabe erfüllt«, sagt Kerstin Walther heute. »Es war überholt.« Die Druckerei der staatssozialistischen »Freien Presse« indes druckte schon im Frühjahr 1990 lieber lukrative Anzeigen für bundesdeutsche Firmen als die kleine Zeitung der Bürgerbewegung. Mit Hilfe eines Medienkonzerns aus Helmut Kohls Heimat und ihres Leser- und Mitarbeitervorsprungs als Organ der SED-Diktatur ist die ehemalige Parteizeitung heute wieder allein in der Region.
Das Blatt hatte sich gewendet.
Andreas Roth
Eine Ausstellung des Martin-Luther-King-Zentrums über die Zeitungen der Friedlichen Revolution ist ab 5. Januar im Werdauer Rathaus zu sehen.
Laut in stiller Nacht
17. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Seit 466 Jahren läutet die Ehrenfriedersdorfer Lautbruderschaft mit der Hand

Ehrensache in Ehrenfriedersdorf: Olaf Werner (li.) und Dieter Stahl (r.) sind Mitglieder der Turmlautbruderschaft und bringen die 3,7 Tonnen schwere Kirchenglocke mit ihrer Muskelkraft zum Klingen. Foto: Steffen Giersch
Wenn die stille heilige Nacht am stillsten ist, steigen sechs Männer die Anhöhe empor zur Ehrenfriedersdorfer St. Niklaskirche. Sie erklimmen die 81 Stufen hinauf über das Gewölbe das alten Gotteshauses, vorbei an den Turmfalken, stoßen die mächtigen Fensterläden des Wehrturms weit auf und sprechen ein Gebet. Dann ziehen sie an den Seilen der großen Glocke, dass ihr Ton weit hinaus über das Erzgebirgsstädtchen schallt. »Früh um vier sind wir die ersten, die die frohe Botschaft von der Geburt Jesu in die Welt hinausrufen. Das ist ergreifend«, sagt Eckehard Röder, der sich mit den anderen fünf Männern aller fünf Minuten beim ziehen der 3,7 Tonnen schweren Glocke abwechselt. Eine Stunde lang, in bitterer Kälte.
Unten im Tal der Wilisch funkeln die Schwibbögen in den Fenstern. »All die Lichter in der Heiligen Nacht von hier oben zu sehen, das ist gigantisch«, schwärmt Olaf Werner. Und es ist wohl in ganz Deutschland einmalig, was den selbstständigen Treppensanierer Werner und den Krankenpfleger Röder mit 37 anderen Ehrenfriedersdorfer Männern verbindet: Sie bilden zusammen die Turmlautbruderschaft. Abwechseln läuten sie an jedem Sonnabendabend, zum Sonntagsgottesdienst, zu Beerdigungen, zum Jahreswechsel und zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten.
Der jüngste Bruder ist 21 Jahre alt – und man bleibt Bruder bis zum Tod. So will es die altehrwürdige Tradition der christlichen Bruderschaft. Gegründet wurde sie, als die Ehrenfriedersdorfer Kirchgemeinde im Jahr 1543 ihre große Glocke in Freiberg gießen ließ. Seitdem wandert das Amt des Läutens in der Bruderschaft von Generation zu Generation. Der 34-jährige Eckehard Röder wurde vor zehn Jahren von seinem Schwiegervater dazugeholt. Nun ist er für ein Jahr selbst Oberbruder und hat drei junge Männer gewonnen, die auf dem traditionellen Convent der Bruderschaft Anfang Januar aufgenommen werden.
»Für mich ist das Läuten eine Art praktischer Gottesdienst. Man kann Gott dabei mit der eigenen Hand dienen«, erklärt Röder, warum sich Männer immer wieder für dieses Ehrenamt begeistern. »Hauskreise sind oft so abstrakt.« Der Kirchner Dieter Stahl bringt es auf die handfeste Formel: »Das ist für uns Ehrensache.«
Eine Frage der Ehre ist es für die Brüder auch, unter den niedrigen Balken des Glockenbodens bis auf eine weiße Plastikuhr nichts Modernes zuzulassen. Auf der Pappschachtel mit dem Gehörschutz liegt eine dicke Staubschicht. Und neben den Glockenseilen rostet das mechanische Läutewerk. 1913 wurde es ein-, 1935 wieder ausgebaut. Ein eisernes Monster. »Es war zu unzuverlässig«, grinst Olaf Werner. »Einfach irreparabel.«
Andreas Roth
Homepage der Kirchgemeinde Ehrenfriedersdorf
Klappe zu?
3. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Babyklappen in Südsachsen wollen Leben retten – trotz Kritik des Ethikrates

»Es ist ein allerletzter Ausweg«, sagt Cathrin Schauer und zeigt die Babyklappe ihres Vereins Karo e. V. in Plauen. Sie will verhindern, dass Mütter in Not ihr Neugeborenes töten oder aussetzen. Foto: Ellen Liebner
Die Tür des Hauses nahe dem Unteren Bahnhof in Plauen steht immer offen. Mütter in Not können unerkannt zu ihr hineinkommen, ihr Neugeborenes durch eine Klappe in ein Wärmebett legen und ebenso unerkannt wieder verschwinden. Erst sieben Minuten später wird das Vogtlandklinikum alarmiert. Der Betreiber der Babyklappe – der Plauener Frauenschutzverein Karo e. V. – will so Müttern in Not die Strafe ersparen – und ihren Kindern den Tod. Ein allerletzter Ausweg soll das sein, den es nicht gab, als im Vogtland vor Jahren Mütter ihre Babys in Sparkassenfilialen aussetzten oder gar töteten.
In der letzten Woche aber hat die Mehrheit des Deutschen Ethikrates befunden: Babyklappen sind nicht ethisch und rechtlich problematisch und sollten abgeschafft werden. Die Betreiber dieser Hilfsangebote in Südsachsen aber – neben dem Plauener Karo e. V. das Klinikum Chemnitz und die Helios-Klinik in Aue – sehen das anders und wollen ihre Babyklappen weiter geöffnet halten.
Die Mehrheit des mit Juristen, Medizinern, Theologen und Philosophen besetzten Ethikrates bezweifelt, dass Babyklappen überhaupt Leben retten. In der Tat ist das schwer zu beweisen – aber auch schwer zu widerlegen, denn sie leben von der Anonymität. Bei der seit einem Jahr bestehenden Plauener Babyklappe sind bislang noch keine Neugeborenen abgegeben worden. Die Helios-Klinik in Aue macht keine Angaben. Im Babykorb des Chemnitzer Klinikums aber lagen in den letzten acht Jahren bereits 16 Kinder. »Auch wenn das sicher nicht nur an der Babyklappe liegt: Nach meiner Kenntnis hat es in dieser Zeit im Raum Chemnitz keine Aussetzungen oder Tötungen von Neugeborenen gegeben«, sagt Kliniksprecher Uwe Kreißig.
Ihre Eltern aber werden die anonym abgegebenen Kinder niemals kennenlernen, kritisiert der Ethikrat. Das verletze ihre Grundrechte. »Doch das Recht auf Leben liegt über dem Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung«, meint Cathrin Schauer vom Karo e. V.
Immerhin liegt in den Babyklappen ein Brief, mit dem Mütter auch noch später einen Weg zu ihrem abgegebenen Kind finden können. »Bei drei der bei uns abgegebenen 16 Babys haben sich die Mütter nach einigen Wochen gemeldet, so dass die Kinder nicht zur Adoption freigegeben werden mussten«, so der Sprecher des Chemnitzer Klinikums Uwe Kreißig.
Als Alternative zu den von ihm mehrheitlich kritisierten Babyklappen schlägt der Ethikrat die Verstärkung der Hilfsangebote für Mütter in Notlagen vor. »Auf die weisen wir in Beratungsgesprächen sowieso hin«, so Cathrin Schauer. »Gemeinsam mit den Frauen suchen wir nach Alternativen.« Doch die Sozialarbeiterin weiß auch: Jene Frauen, die überwältigt von ihren Gefühlen und ihrer Hilflosigkeit ihr Baby töten, haben keine Zeit für Beratungsgespräche. »Man muss akzeptieren, dass es Menschen in solchen Notlagen und mit solchen Ängsten gibt. Und dafür muss es eine allerletzte Alternative geben.«
Andreas Roth
Ein Licht für Anna
19. November 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor ihrer Geburt gestorbene Kinder haben auf dem Auer Klösterlein-Friedhof ein Grab

Vor dem Grabmal einer trauernden Mutter auf dem Auer Klösterlein-Friedhof zünden Franziska Ullmann und Pfarrer Frank Pierel eine Kerze für ihre gestorbenen Kinder an. Foto: Steffen Giersch
Über diese Trauer wird meist geschwiegen. Stumm ist sie, so wie die vom Schmerz gekrümmte Frau, die sich in grüner Bronze über das Grab ihres Kindes beugt. Vor 90 Jahren ließ eine trauernde Mutter dieses Denkmal auf den Auer Klösterlein-Friedhof setzen. Franziska Ullmann steht davor und kennt dieses Gefühl. »Ich habe vier Kinder«, sagt sie. Zwei von ihnen leben, zwei starben vor der Geburt. Die 29-Jährige zündet zu Füßen der trauernden Mutter ein Licht an. Seit vier Jahren finden hier Kinder ihr Grab, die nie das Licht der Welt erblickten. Bunte Windräder, ein Teddybär, eine Holzeisenbahn und viele farbenfrohe Spielzeug-Schmetterlinge – die Trauer mischt sich an diesem Ort mit lebendiger Liebe.
In Sichtweite steht auch das kleine Holzkreuz, das Franziska Ullmann für eines ihrer Kinder gesetzt hat. Gegenüber ein Kreuz mit dem Namen von Anna. Nach der 22. Schwangerschaftswoche ist sie im Krankenhaus gestorben. »Auf meiner Hand«, sagt Frank Pierel. »Sie war zu jung.« Der Pfarrer der Kirchgemeinde in Aue-Zelle und seine Frau nahmen Anna mit nach Hause, zimmerten einen Sarg und setzte sie am übernächsten Tag auf dem Klösterlein-Friedhof bei. Für viele Ärzte, Pfleger und auch Betroffene war das damals unvorstellbar. Gestorbene Kinder – so sagte es das Gesetz – waren hygienisch einwandfrei zu entsorgen.
»Doch wir spürten, wie wichtig und heilsam es für Eltern ist, ihr gestorbenes Kind beisetzen zu können«, sagt Frank Pierel. »Wir mussten früher erleben, wie bitter es ist, wenn das verwehrt wurde.« Zehn Kinder hat das Pfarrerehepaar, fünf von ihnen hat es verloren. Für sie richteten sie auf dem Friedhof vor zehn Jahren einen Begräbnisplatz ein, der offen sein sollte auch für andere Kinder.
»Wir haben unsere Trauer in der Gemeinde nicht versteckt«, sagt Frank Pierel. »Das führte dazu, dass ganz viele Eltern mit einem ähnlichen Schicksal begannen, sich zu öffnen. Viele haben bis dahin nie über ihre Trauer reden können.« So wurde das Grab auf dem Klösterlein-Friedhof ein Platz für die Trauer vieler Eltern: christlicher, atheistischer, muslimischer, buddhistischer – und auch für eine 80-jährige Frau, die ihr Kind vor 60 Jahren verloren hatte. Manche Eltern, die ihre Trauer erst verdrängen, rufen nach Jahren bei der Kirchgemeinde an. »Wenn sie dann erfahren, dass sich jemand um ihr Kind gekümmert hat, sind sie glücklich«, hat Pfarrer Pierel erfahren.
Wie hilflos die Nachricht vom Tod eines ungeborenen Kindes machen kann, das weiß Franziska Ullmann – als Mutter, aber auch als frühere Schwesternschülerin auf einer gynäkologischen Station. »Ich habe erlebt, wie das Pflegepersonal sagte: ›Sie können wieder Kinder bekommen.‹ Aber genau das hilft nicht.« Deshalb hat die Christin zusammen mit der Hebamme Birgit Teubner vor einem Jahr den Verein Sternenkinder Aue gegründet. Hebammen, Ärzte, Schwestern, Pfarrer und Betroffene knüpfen darin ein Netz, um trauernde Eltern aufzufangen.
Seit letztem Sommer muss jedes Kind, das im Mutterleib stirbt, bestattet werden – auch Kinder, die abgetrieben wurden. Dafür hat sich Pfarrer Frank Pierel bei Politikern eingesetzt. »Weil diese Kinder auch Menschen sind. Und weil ich weiß, dass manche Frauen nach einem Jahr beginnen, nach ihrem Kind zu fragen.«
Andreas Roth
»Gott riss das Ruder herum«
11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Für den Gornsdorfer Manfred Keller gehören die 9. November 1989 und 1938 zusammen.

»Wenn ein Volk Gott um Verzeihung bittet, kommt etwas in Bewegung«, davon ist Pfarrer Manfred Keller überzeugt. Deshalb nimmt er zu jeder Lesung aus seinem Wende-Buch auch den hölzernen Davidstern mit. (Foto: Steffen Giersch)
Eine Handvoll Frauen und Männer kamen nach vorn und erzählten: Von den großen jüdischen Kaufhäusern im nahen Chemnitz, von der brennenden Synagoge, von der Pogromnacht am 9. November 1938. Dann fragte Keller die Gemeinde, ob sie sich vorstellen konnten, Gott um Vergebung zu bitten. Es geschah in aller Stille und mit vielen Kerzen. »Wenn ein Volk sich demütigt und im Gebet um Verzeihung bittet, dann reagiert Gott vielleicht«, hoffte Keller. »Dann kommt etwas in Bewegung.«
Manfred Keller traut Gott Großes zu. Das war schon so, als er seit 1972 Jugendwart im Kirchenbezirk Aue war. Immer im Schatten des mächtigen Uranbergbaus der Wismut, vom SED-Staat äußerst misstrauisch beobachtet. Und dennoch gelang es dem damaligen Diakon, zu den Rüstzeiten, evangelischen Jugendtagen und offenen Abenden hunderte junge Menschen anzuziehen. Im Grunde, sagt Manfred Keller, sieht er sich immer zuerst als Missionar für die frohe Botschaft Jesu – ob er nun Bibelverse predigte oder gegen den Wehrdienst in der NVA.
»Der K. entwickelte sich im Kreis Aue zu einem der reaktionärsten und aktivsten Würdenträger der ev.-luth. Kirche«, schrieb die Stasi-Kreisdienststelle Zschopau in ihre Akten. »Er ist Wehrdienstverweigerer und seine Angriffe richten sich besonders gegen den Wehrkundeunterricht.« Als Keller 1988 Pfarrdiakon in Jahnsbach wurde, ließ ihn die Staatssicherheit durch sechs Inoffizielle Mitarbeiter beschatten.
Dann kam der Herbst 1989. Demonstrationen, das »Neue Forum« oder Friedensgruppen gab es in dem 1500-Einwohner-Dorf nicht. Dafür das Friedensgebet in Manfred Kellers Kirche. Und weil der Druck auch in dem Erzgebirgsort wuchs, lud der Pfarrer zusammen mit anderen in den Gasthof zu einem Einwohnerforum ein. Der Saal war voll, und die Wogen schlugen hoch. »Endlich durften die Menschen sagen, was sie schon immer sagen wollten«, erinnert sich der 67-jährige Keller, der heute im Ruhestand ist. »Der Kessel war zum Überlaufen voll.«
Es ging um ganz Handfestes: Christliche Schüler sagten dem scharfen Direktor die Meinung, Einwohner beschwerten sich über die Verbrennung von Kunststoffen im örtlichen Bademodewerk – und über die stinkende Gülle der LPG-Rinderzucht. So begann die Freiheit in Jahnsbach.
Als die Versammlung abends nach zehn zu Ende war, gingen die Bürger aufrecht durchs Dorf. Rechts und links der Straße standen die Fester offen. Aus ihnen rief es. Die Mauer ist auf! »Wir konnten es kaum fassen«, sagt Manfred Keller. »Der lebendige Gott hatte das Ruder herumgerissen.« Es war der 9. November, 51 Jahre nach dem Brand der Synagogen.
Andreas Roth
Manfred Kellers Buch »Wendegeschichten« kann beim Autor für 8,50 Euro bestellt werden:
August-Bebel-Straße 15, 09390 Gornsdorf, E-Mail manfred.keller1@gmx.de.
Wo täglich 70 Kinder singen
3. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Der evangelische Kindergarten Meerane erhielt das musikalische Gütesiegel »Felix«
»Wir müssen doch mit den Pfunden wuchern, die wir haben«, sagt Kindergartenleiterin Henrike Marosi zu »Felix«, der Auszeichnung für besonders sangesfreudige Kinder und Erzieherinnen. Seit Dienstag vergangener Woche prangt das bunte Emailleschild am evangelischen Kindergarten »St. Martin« von Meerane. Der Vorsitzende des sächsischen Kirchenchorwerkes Jens Staude hat es dem Kindergarten übergeben.

Die Kinder der evangelischen Kindertagesstätte »St. Martin« in Meerane sind besonders musikalisch: täglich singen und musizieren sie mit ihren Erzieherinnen, manchmal auch mit Kantor Norbert Ranft (l.). Foto: Wiegand Sturm

»Ich hatte das Schild schon im Harz an einem Kindergarten gesehen«, berichtet Henrike Marosi. Dass auch ein Burgstädter Kindergarten dieses Signet erhalten hatte, erfuhr sie aus der Tagespresse – und bewarb sich Anfang des Jahres ihrerseits um dieses musikalische Gütesiegel.
»Die Aktion ›Felix‹ ist eine Initiative des Deutschen Chorverbandes und des Verbandes evangelischer Kirchenchöre in Deutschland«, sagt Jens Staude. Der Lößnitzer Kantor ist der Vorsitzende des sächsischen Kirchenchorwerks. Seit vorigem Jahr unterstütze dieses die gesamtdeutsche Initiative auch für Sachsen. Die Auszeichnung erhielten Kindergärten, »die sich in besonderem Maße im musikalischen Bereich betätigen und beispielhaft musikalisch wirken«, so Staude.
Der kirchliche Kindergarten in Burgstädt sei der erste in Sachsen gewesen, der das Gütesiegel erhielt, sagt Staude. Nach dem Meeraner Kindergarten bekam in der vergangenen Woche auch noch der Kindergarten in Klingenthal das Zertifikat »Felix« von Jens Staude überreicht. »Die Beantragung durch drei Einrichtungen macht deutlich, dass dafür Interesse besteht und das Singen mit Kindern für manche sehr wichtig ist«, sagt Staude. Das sächsische Kirchenchorwerk wolle das fördern und weiter bekannt machen.
Henrike Marosi schien der »Felix« wie geschaffen für ihre Einrichtung. Schließlich arbeitet der Kindergarten der Kirchgemeinde Meerane seit seiner Gründung 1948 mit musischem Profil. Alle Erzieherinnen spielen ein Instrument. Täglich singen und musizieren sie mit den 70 Kindern. An einem Tag in der Woche kommt die Musikschule zur musikalischen Früherziehung in den Kindergarten. Und vor allem Kantor Norbert Ranft unterrichtet den jüngsten Nachwuchs für die Meeraner Kirchenmusik: Er singt nicht nur mit ihnen, sondern gibt auch Flötenunterricht.
Der »Felix« gilt drei Jahre. Dann kann sich ein Kindergarten neu bewerben und überprüfen lassen.
Henrike Marosi in Meerane weiß schon jetzt: »Na klar werden wir uns wieder bewerben. Das ist doch das beste, was man tun kann.«
Christine Reuther
www.kirche-meerane.de
www.dcvg.de/felix.html
Vielfalt in Gefahr
13. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Viele sächsische Kirchgemeinden sind mit der Erhaltung ihrer Kunstschätze überfordert, stellt der Kunstdienst fest.

Mit Hochachtung vor der historischen Handwerkskunst betrachtet Tanja Schimkus, Freiwillige im sozialen Jahr, eines der prachtvollen Paramente der Zwickauer Domgemeinde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Foto: Andreas Wohland
Die Spuren der Zeit sind nicht zu übersehen. Etwa hundert Jahre alt ist das Altartuch aus dem Zwickauer Dom St. Marien, verziert mit Applikationen im Jugendstil. Inzwischen aber ist es so stark beschädigt, dass es nicht mehr zu verwenden ist. »Es gehört zu unseren wertvollen Kunstgegenständen«, sagt Pfarrer Frank Bliesener. »Aber es zu reparieren oder zu erneuern – das wäre für die Gemeinde viel zu teuer.« Deshalb hat die Gemeinde es durch ein ganz schlichtes Tuch ersetzt.
In dem Raum im Pfarrhaus am Zwickauer Domhof, eine ehemalige Wohnung, die als provisorisches Archiv dient, lagern weitere dieser alten Tücher, Paramente genannt, übereinandergelegt auf dem Fußboden. Die Gemeinde tue das Beste, versuche, sie so schonend wie möglich aufzubewahren, sagt Frank Schmidt, der Leiter des Kunstdienstes der sächsischen Landeskirche. Doch aufhalten könne sie den weiteren Verfall kaum. »Die Tücher sind aus Naturseide. Nach über hundert Jahren geht die kaputt, selbst bei sorgfältigster Aufbewahrung.« Dieser Teil der kulturellen Überlieferung aus der Zeit des Historismus, hochwertiges Handwerk und Beleg sächsischer Frömmigkeitsgeschichte, drohe verloren zu gehen, beklagt Schmidt.
Es sind nicht die einzigen Kunstgegenstände in sächsischen Kirchgemeinden, die ihm Sorgen bereiten. Die mehr als 1300 Kirchen und über 270 Friedhofskapellen in Sachsen verfügen über reiche und historisch wertvolle Ausstattungen. »Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nur wenige neue Kirchen gebaut worden. Fast der gesamte Bestand sind Bauten mit Denkmalstatus«, so Schmidt. Etwa 200 gotische Flügelaltäre, 650 Einzelbildwerke aus dem Mittelalter, Statuen vor allem, und 128 mittelalterliche Messkelche, der älteste aus dem 13. Jahrhundert, befinden sich in den sächsischen Kirchen. Zahlreiche silberne Abendmahlsgeräte aus dem 17. Jahrhundert zeugen von barocker Prachtentfaltung. »Auch aus dem 19. und 20. Jahrhundert gibt es Abendmahlsgeräte, die nicht einfache Katalogware, sondern handwerklich anspruchsvoll gestaltet sind«, sagt Schmidt.
Besonders schwierig sei es, sakrale Kunstgegenstände zu erhalten, die nicht mehr in Gebrauch sind. Die Zwickauer Paramente sind nur ein Beispiel. Eine Besonderheit in Sachsen waren im 17. und 18. Jahrhundert die Begräbnisbruderschaften. »Vor allem im Erzgebirge findet man in den Kirchen ihre Bestände: Vortragekreuze, Sargauflegekruzifixe und die erzählenden Zyklen der Sargschilde.« Sie werden heute kaum noch gebraucht. Oft ist das Holz bereits wurmstichig. Ähnlich ist es um Stühle und Möbel aus der Barockzeit, bäuerliche Sakristeimöbel aus dem 18. und 19. Jahrhundert bestellt. »Die werden kaum noch benutzt, stehen mancherorts auf den Dachböden. Der Restaurierungsbedarf dafür ist groß. Doch anderes ist wichtiger«, sagt der Kunstdienstleiter.
Größere Baumaßnahmen am Gebäude hätten die Gemeinden zwar im Blick, weniger hingegen die Erhaltung von Kunstgegenständen, konstatiert auch der Bericht des Landeskirchenamtes. Er kommt zu dem Ergebnis: »Der Verlust der Dichte und Vielfalt kultureller Überlieferung zeichnet sich jetzt bereits deutlich ab.«
Das größte Problem: Für die Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude gibt es staatliche Fördermittel, für das so genannte »Kleininventar« nicht. »Die Summen, die dafür gebraucht würden, liegen unter der Fördergrenze«, sagt Frank Schmidt. »Aber solche Beträge, die von einigen hundert bis 3000 Euro reichen, können die Gemeinden nur schwer aufbringen.« Dafür in der breiten Öffentlichkeit um Spenden zu werben sei wesentlich schwerer als etwa bei einer Orgel. Unterstützen könne der Kunstdienst die Gemeinden hier nur, indem er sie berät und für Restaurierungen geeignete Fachleute vermittelt.
Tomas Gärtner
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