Protest mit Picknick

4. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG  
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Pfarrer Stephan Brenner hat den Friedensbus ins Leben gerufen. Nun will er in Chemnitzer Stadtbussen Postkarten vom Bus als Friedensgruß verteilen. Einen Teil hebt er jedoch auf: für den Kirchentag in Dresden.  (Foto: Andreas Seidel)

Pfarrer Stephan Brenner hat den Friedensbus ins Leben gerufen. Nun will er in Chemnitzer Stadtbussen Postkarten vom Bus als Friedensgruß verteilen. Einen Teil hebt er jedoch auf: für den Kirchentag in Dresden. (Foto: Andreas Seidel)

Am 5. März gedenkt Chemnitz der Bombardierung von 1945 – und wehrt sich gegen Nazis.

Nach den rechten Aufmärschen in Dresden am 13. und 19. Februar richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf den 5. März in Chemnitz. Dieser Gedenktag der Stadtbombardierung vor 66 Jahren wird seit neun Jahren mit zahlreichen Aktionen als »Chemnitzer Friedenstag« begangen.

Die Neonazis haben Demonstrationen angemeldet und versuchen diese wie 2010 per Gerichtsbeschluss genehmigen zu lassen. Dagegen wendet sich wieder ein »Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz – kein Platz für Nazis«, das dazu aufruft, sich »kreativ, bunt und lautstark den Nazis entgegenzustellen«. Ein entsprechender Aufruf zum friedlichen Protest wurde von fast 300 Persönlichkeiten und Institutionen unterzeichnet.

Auch Superintendent Andreas Conzendorf gehört dazu. Er sei »kein Freund lauter Demonstrationen«, sagt er. Aber Schweigen sei auch nicht immer möglich. »Unser Volk und Land hat fast 50 Jahre mit radikalen politischen Verhältnissen zu tun gehabt. Wir haben allen Grund, jede Art von Radikalismus abzulehnen.«

Der am 4. März 2010 erstmalig auf Tour geschickte Friedensbus – ein Stadtbus, geschmückt mit Kinderbildern zum Thema Frieden – ist jetzt auch auf Postkarten zu sehen. Sechs Motive zeigen ihn an unterschiedlichen Orten der Stadt, zum Beispiel am Karl-Marx-Monument. Schon am Donnerstag vor dem Friedenstag werden Pfarrer Stephan Brenner, der Initiator des Busses, und Stefan Tschök, Pressesprecher der Chemnitzer Verkehrsgesellschaft, solche Karten an die Fahrgäste des Linienbusses verteilen.

Dass sich auch die Kirchgemeinden stärker ins Friedenstagsprogramm einbringen, wünscht sich Thomas Troebs, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Lutherkirchgemeinde. Dort wurde im Gottesdienst zur Beteiligung am friedlichen Protest auf dem Theaterplatz aufgerufen. Es soll ein Picknick als Protest gegen den Marsch der Neonazis werden. »Bringen Sie Essen und Trinken mit, am besten für ein, zwei Personen und mehr«, heißt es in einem Aufruf des Chemnitzer Bündnisses für Frieden und Toleranz. Für das nächste Jahr kann sich Thomas Troebs Gebets- und Mahnwachen ähnlich wie in Dresden gut vorstellen.

Katharina Weyandt

Friedenstag in Chemnitz

Freitag, 4. März, 16 Uhr, Rathaus: Verleihung des Friedenspreises;
17.30 Uhr, Neumarkt: Eröffnung des Friedenskreuzes;
19 Uhr, Altes Heizhaus: Podiumsdiskussion zur Gedenkkultur mit dem ehemaligen Superintendenten Christoph Magirius, Thiemo Kirmse (Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen) und Professor Dr. Teresa Pinheiro (TU Chemnitz);
21.15 Uhr, Altes Heizhaus: »Vergessene jiddische Lieder«;
Sonnabend, 5. März, ab 8 Uhr auf dem Theaterplatz: Demokratie-Picknick, Begleitprogramm mit Opernchor, Chemnitzer Synagogalchor, Aktionen, Reden von Künstlern, Politikern und Prominenten;
12 Uhr, Petrikirche: Friedensgebet mit Pfarrer Christoph Weber;
20 Uhr, Jakobikirche: Friedensgottesdienst mit der Theatergruppe der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde, Predigt Pfarrer Carsten Rast.

www.friedensbus-chemnitz.de

www.chemnitzer-friedenstag.de/

www.kirche-chemnitz.de

Was weg ist, ist weg

30. Dezember 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wenn Justin (l.) und Bastian (r.) die Sozialarbeiterin Kathleen Thümmler auf dem Schulflur sehen, rennen sie zu ihr. Sie hat ihnen oft geholfen. Nun muss sie die Schule verlassen, weil Sachsen den Rotstift ansetzt. (Foto: Steffen Giersch)

Wenn Justin (l.) und Bastian (r.) die Sozialarbeiterin Kathleen Thümmler auf dem Schulflur sehen, rennen sie zu ihr. Sie hat ihnen oft geholfen. Nun muss sie die Schule verlassen, weil Sachsen den Rotstift ansetzt. (Foto: Steffen Giersch)

 
Die Kürzungen in der Kinder- und Jugendarbeit fordern erste Opfer – auch in Zwickau

Wie ein Springball hüpft Bastian in der Pause auf dem Schulflur um Kathleen Thümmler herum. »Sie hat mir schon bei sehr vielen Sachen geholfen«, sagt der zehnjährige Junge und umarmt die Sozialarbeiterin. »Doch die bleiben geheim.« An diesem letzten Schultag vor Weihnachten hat auch Kathleen Thümmler ein Geheimnis, ein trauriges: Es wird ihr letzter Tag mit den Kindern der Zwickauer Nicolai-Grundschule sein. Vor zwei Tagen hat sie offiziell davon erfahren.

Die sächsische CDU-FDP-Koalition kürzt in diesem Jahr die Landeszuschüsse für die Kinder- und Jugendarbeit um ein Drittel, der Landtag hat dies am 16. Dezember auch für die kommenden zwei Jahre beschlossen – den Landkreisen und Städten fehlt deshalb viel Geld. Nun wird in ganz Sachsen gestrichen. Über 40 Sozialarbeiter wird es allein im Landkreis Zwickau treffen.

Die Nicolai-Grundschule nahe dem Zwickauer Markt wird derzeit renoviert. Leuchtend orange und blau erstrahlt nun der Plattenbau, dafür gibt der Staat viel Geld aus. An ihrem Innenleben aber wird der Rotstift angesetzt. »Mich zu konzentrieren fällt mir ein bisschen schwer«, sagt der kleine achtjährige Justin. Deshalb geht er an diesem Tag zum Konzentrationstraining, das die Schulsozialarbeiterin der Diakonie – Stadt­mission Zwickau jede Woche anbietet. Heute zum letzten Mal.

Sorgen gibt es hier genug. Jedes dritte Kind an der Nicolai-Schule muss mit seiner Familie von Hartz IV leben, jedes fünfte hat Eltern, die aus einem anderen Land stammen. »Viele Kinder haben familiäre Probleme, sie erleben Gewalt zu Hause oder sind oft allein. Dann haben sie oft Schwierigkeiten, sich in der Schule zu konzentrieren oder sie sind ganz unruhig«, sagt Kathleen Thümmler (29). »Für diese Kinder ist es ein Kreislauf: Sie bekommen in den Klassen schlechte Rückmeldungen und haben ein geringes Selbstwertgefühl. Dabei sind es ganz tolle Menschen.«

Den Lehrern fehlt oft die Zeit, auf alle Sorgen und Nöte der Kinder einzugehen. Dafür ist seit September 2008 die Schulsozialarbeiterin der Diakonie da. Kinder, die etwa von Gewalt in ihren Familien betroffen sind, kommen nie in eine Beratungsstelle – zu Kathleen Thümmler schon. »Sie ist ein Bindeglied im sozialen Netzwerk, das beratend und unterstützend wirkt«, sag Schulleiter Ralf Burkhardt. Kathleen Thümmler klärt in Klassen über gewaltfreie Konfliktlösung, Gefahren im Internet und sexuellen Missbrauch auf – und auch über gesundes Essen. All das wird ab dem ersten Schultag im Januar Geschichte sein.

Mit den Kürzungen der sächsischen Regierung steht viel Zukunft auf dem Spiel. Auch die des Projektes »Lebensmeisterschaft« der Stadtmission Zwickau. Junge Menschen, die vor lauter Problemen mit Schulden, Drogen und Wohnungslosigkeit keinen Fuß in die Berufswelt bekommen und als »hoffnungslose Fälle« gelten, erhalten hier eine Chance.

Von den 65 Jugendlichen, die seit 2008 in diesem Projekt arbeiteten, haben nur sieben vorzeitig abgebrochen – ein äußerst niedriger Wert für junge Menschen mit solchen Problemen. »Die meisten Teilnehmer wurden in Berufsvorbereitungskurse vermittelt, einige erhielten auch eine Lehrstelle oder Arbeit«, sagt Projektleiter Matthias Grünwald. »Wenn wir damit vermeiden können, dass ein junger Mensch zum lebenslangen Hilfeempfänger wird, hat sich das Projekt auch finanziell gelohnt.«

Doch ab Mai wird es ohne Finanzierung dastehen. Das Projekt sei gut und notwendig, antwortete das Jugendamt des Landkreises Zwickau auf den Antrag auf Förderung: Doch das Geld reiche nicht einmal für bestehende Einrichtungen. »Junge innovative Projekte haben jetzt keine Chance mehr«, sagt Sozialarbeiter Matthias Grünwald.

Die achtjährige Michelle sitzt traurig auf dem Flur der Nicolai-Schule. Heute wird sie das letzte Mal mit Kathleen Thümmler auf den Pferdehof gehen. Kinder, die ihre Freizeit oft vor Fernseher und Computer verbringen, striegeln dort Pferde, kratzen Hufe aus, führen und reiten die Tiere. Sie erfahren, was Verantwortung ist, Wärme und auch Nähe. »Ja«, überlegt Kathleen Thümmler, »manchmal bin ich schon eine Art Ersatz-Mama.«

Sie sagt das nicht stolz. Denn die in zwei Jahren gewachsenen Bindungen zu den Kindern werden am 1. Januar hart abgeschnitten. Den Schaden kann niemand ermessen.

Andreas Roth

Spendenkonto der Stadtmission Zwickau: 2201009980 bei der Sparkasse Zwickau, BLZ 87055000, Stichwort »Kinder- und Jugendhilfe«

Gerechte Einschnitte

16. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Die Stadtmission Chemnitz sammelt Unterschriften gegen die Rotstift-Pläne der Stadt
Will mitreden, wenn die Stadt Chemnitz Sozialleistungen kürzt: Der Direktor der Chemnitzer Stadtmission Hans-Rudolf Merkel zeigt die Protest-Postkarten, die sein Verein in der Stadt verteilt. (Foto: Andreas Seidel)

Will mitreden, wenn die Stadt Chemnitz Sozialleistungen kürzt: Der Direktor der Chemnitzer Stadtmission Hans-Rudolf Merkel zeigt die Protest-Postkarten, die sein Verein in der Stadt verteilt. (Foto: Andreas Seidel)

Die Messerklinge zeigt genau auf den Betrachter und schneidet den Apfel in zwei ungleiche Teile. »Gerecht?«, lautet die Frage auf der Postkarte. Nein, das ist nicht gerecht geteilt!, möchte man protestieren. 5000 dieser Postkarten hat die Stadtmission Chemnitz gedruckt und in den letzten Wochen in der Stadt verteilt. Per Unterschrift sollten sich die Empfänger für gerechtes Aufteilen der knapper werdenden Stadtfinanzen einsetzen und die Karten der Stadtmission zurück senden.

Gesammelt sollen diese der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) übergeben werden. Die Aktion läuft noch bis zum 17. September, bis zum vergangenen Sonntag waren über 300 ausgefüllte Karten bei der Stadtmission angekommen.

»Wir können uns nicht gegen die Veränderungen stellen, weil wir selbst ein Teil des Systems sind. Aber gemeinsam wollen wir neue Wege finden«, sagt Stadtmissions-Direktor Hans-Rudolf Merkel. »Künftig haben wir weniger Geld zur Verfügung. Das ist eine Tatsache.« Merkel versteht die anstehenden Kürzungen als »Einstieg in den Umstieg« und nicht als »Einstieg in den Ausstieg«. Seiner Meinung nach sei auch mit weniger Geld »geordnete soziale Arbeit« möglich.

Das Ja zu Veränderungen steht für den Diakonie-Chef fest. »Jetzt müssen wir das Wie diskutieren. Wir wollen einen Beteiligungsprozess – und der muss erstritten werden«, betont Hans-Rudolf Merkel. Als Beispiel für einen neuen Weg nennt der Stadtmissions-Direktor die Zuschüsse für das Mittagessen in Chemnitzer Kindertagesstätten, von denen die Diakonie zwei betreibt. Ab 2012 soll der städtische Zuschuss von durchschnittlich 80 Cent pro Kind und Tag komplett gestrichen werden. Dagegen gibt es vielfachen Protest.

Hans-Rudolf Merkel schlägt vor: Ab 2012 soll das Essen nur noch für die Kinder bezuschusst werden, deren Familien aufgrund der vorhandenen Bemessungssätze bereits jetzt unterstützt werden. »Finanziell starke Familien können das Mittagessen für ihre Kinder komplett bezahlen und damit ihre Verantwortung wahrnehmen. Das ist ein neuer Weg mit dem Ansatz der Gerechtigkeit.«

Dorothee Morgenstern

»Du frierst, zitterst, schwitzt«

22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch

Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch


Mike Schulz will weg vom Alkohol und findet Hilfe bei der Auerbacher Diakonie

Es ist ein stiller Kampf vor dem kleinen Kiosk auf dem Auerbacher Neumarkt. Er beginnt für Mike Schulz, wenn seine Kumpels ihr Sternburg-Bier an die Lippen setzen. »Du musst einen eisernen Willen haben. Ich bin ein trockener Alkoholiker – die Krankheit ist nicht heilbar«, sagt Schulz (44), und fährt sich mit der Hand leicht zitternd durchs lange Haar. Er sieht in die kleinen Männerrunde im Schatten der Bäume, er sieht die braunen Flaschen. »Ich bleibe so lange, wie es geht. Und wenn ich merke, es geht nicht mehr, hau ich ab.«

Schulz weiß wohin es führt, wenn er diesen Abgang verpasst. Es war zwei Tage vor Silvester im letzten Jahr, er hatte gerade acht Wochen Krankenhaus hinter sich: Entgiftung, Langzeittherapie, harte Arbeit für ihn und seine Therapeuten. Da machte seine Freundin mit ihm Schluss, die Sinnlosigkeit tat sich vor ihm auf – und die ihm so vertraute Lösung: Drei Flaschen Schnaps und sechs Flaschen Bier trank er im Schnitt. Täglich. »Irgendwann hätte ich mich tot gesoffen«, sagt Schulz.

Sein Gesicht erzählt davon. Doch seine Augen hat der Alkohol nicht stumpf gekriegt, im Gegenteil: ganz unverstellt, manchmal ein wenig melancholisch und nicht selten mit Lachfalten blicken sie auf das sommerliche Treiben auf der Geschäftsstraße. Was hätte werden können, wenn sein Vater nicht selbst getrunken und ihn geschlagen hätte, wenn er nicht ins Kinderheim gekommen wäre, nicht in einen der berüchtigten DDR-Jugendwerkhöfe? »Das war die Vorstufe zum Knast«, sagt Schulz.

Die Tätowierungen auf seinem Arm sind die Erinnerung an etliche Jahre hinter Gittern. Auch dort blieb der Alkohol sein Begleiter, selbst hergestellt aus gegorenem Brot. Vier Mal versuchte Maik Schulz in den elf Jahren nach seiner Haftentlassung, sich von seiner Sucht zu befreien. »Du frierst, schwitzt, zitterst, isst nichts mehr, liegst da – da willst du nicht mehr leben.« An Gott glauben, sagt Schulz, kann er nicht. Sein Himmel bleibt leer.

Es war nicht nur seine Freundin, die ihm im vergangenen Frühjahr eine neue Chance gab und zu einer Entgiftung im Krankenhaus motivierte, sondern auch die Suchtberatung der Auerbacher Diakonie. Zu ihr kommt Schulz seit dem Frühjahr immer wieder und besucht oft deren Teestube. Hier können suchtkranke Menschen kostenlos frühstücken, Alkoholfreies trinken, für kleines Geld zu Mittag essen und die Einsamkeit bekämpfen.

»Ich habe aus Frust gesoffen, wenn es nicht so hingehauen hat wie ich wollte«, das hat Schulz bei den Gesprächen mit den Beratern der Diakonie gelernt. »Jetzt suche ich mir einen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Das Leben ist kein Wunschkonzert.«

Iris, die Wirtin von »Shelly’s Bi­stro« in der Auerbacher Fußgängerzone, klopft Schulz auf die Schulter: »Du kannst stolz auf dich sein«, sagt sie. Sie hat einen Bier- und Schnapskunden verloren – aber Mike Schulz hat eine Zukunft gewonnen.

Andreas Roth

Verkündigung hinter Gittern

3. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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ZDF-Gottesdienst am 13. Juni aus der Anstaltskirche der JVA Bautzen

Ronny M. hat mit Pfarrerin Angela-Beate Petzold den Gottesdienst aus dem Gefängnis vorbereitet. Foto: Irmela Hennig

Ronny M. hat mit Pfarrerin Angela-Beate Petzold den Gottesdienst aus dem Gefängnis vorbereitet. Foto: Irmela Hennig


Ronny M. sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Ein räuberischer Überfall in Bayern hat dem 23-jährigen Görlitzer die Strafe eingebracht. »Aber ich hoffe, dass ich nächstes Jahr rauskomme«, sagt der junge Mann. Er hofft auf eine Therapie gegen seine Alkoholabhängigkeit. Und auf die Chance zum Neuanfang.

Und vielleicht ist der ZDF-Fernsehgottesdienst, der am 13. Juni aus der Vollzugsanstalt übertragen wird, ein Wegstück hin zum Neustart. Denn Ronny M. wird ihn mitgestalten. Überzeugter Christ ist er nach eigenen Worten nicht. Doch er besucht immer wieder die Gottesdienste in der Gefängniskirche. Und will am Sonntag in einer Woche aus seinem Leben erzählen.

Burghart Jäckel, Leiter der Justizvollzugsanstalt, hatte sich den ungewöhnlichen Gottesdienst zum Abschied gewünscht. Er geht dieses Jahr in den Ruhestand. Die evangelische Seelsorgerin Angela-Beate Petzold hatte zunächst nicht damit gerechnet, dass es klappen könnte. Doch das ZDF sagte ziemlich rasch zu. »Der Ort passt wunderbar in unser Jahresthema«, sagt Stephan Fritz, der evangelische Senderbeauftragter für ZDF-Gottesdienste. »Typisch Mensch« lautet es und typisch menschlich sei es, auch schwere Fehler zu machen. Mit einem normalen Fernsehgottesdienst sei die geplante JVA-Aktion nicht zu vergleichen und nur möglich, »durch den großartigen Einsatz und das Entgegenkommen der Bediensteten und der Anstaltsleitung«, lobt Fritz. So müssen 25 ZDF-Mitarbeiter ständig rein und raus – eigentlich unvorstellbar für ein Gefängnis.

Der Gottesdienst hat prominente Unterstützer. Allen voran Bautzens Oberbürgermeister Christian Schramm. Der frühere Diakon wird mit seiner ökumenischen Band im Gottesdienst musizieren. Mehrere Gefangene wirken im Gottesdienst mit, ein kenianischer Insasse lässt sich sogar taufen. Es werden Spenden gesammelt für die Reparatur des Kirchenklaviers. Ein Chor singt. Und Besucher dürfen in die JVA-Kirche kommen – auf 250 Gäste hofft Pfarrerin Angela-Beate Petzold.

Irmela Hennig

ZDF-Gottesdienst aus der JVA Bautzen am 13. Juni 9.30 Uhr. Besucher müssen zwischen 8.15 und 8.40 Uhr zum Tor der JVA, Breitscheidstraße 4, kommen und einen gültigen Personalausweise mitbringen.

Jesus von Zschorlau

26. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Haare und Bärte sind echt, alles andere ist nur gespielt: Matthias Groß als Jesus (2. v. l.) ist umgeben von den Priestern Wolfgang Huth (l.) und Hartwig Ebert (3. v. l.) sowie Steffen Urban als Joseph von Arimathäa (r.).  Foto: Steffen Giersch

Haare und Bärte sind echt, alles andere ist nur gespielt: Matthias Groß als Jesus (2. v. l.) ist umgeben von den Priestern Wolfgang Huth (l.) und Hartwig Ebert (3. v. l.) sowie Steffen Urban als Joseph von Arimathäa (r.). Foto: Steffen Giersch

In dem Erzgebirgsdorf führen 140 Christen die Passionsgeschichte auf

Der klar schimmernde Blick, die halblang schwingenden Haare, der volle aber völlig unmajestätische Bart: Das muss er sein. Kein Zweifel. Die Kinder fassen sogleich Vertrauen zu ihm. Bauhandwerker ist er auch – so wie das Original. So wie Jesus von Nazareth. Gut, seine Sprache weist Matthias Groß als waschechten Erzgebirgler aus. Doch wenn er in Zschorlau auf die Straße tritt, trifft er sie alle: Hier ein »Glück auf!« an Pontius Pilatus, dort eines an Judas und ein besonders herzliches an die anderen Jünger.

Ihre beeindruckenden Bärte und ihre Haartracht, die seit einem Jahr von keinem Friseur mehr weiß, prägen seit Monaten das Zschorlauer Ortsbild. Der Auswärtige stutzt, der Einheimische weiß: In Zschorlau spielen sie wieder die Geschichte des Leidens und der Auferstehung Jesu. Von Karfreitag bis zum Sonntag nach Ostern in acht Vorstellungen.

In die Turnhalle passen 780 Menschen, die meisten Plätze sind schon ausverkauft. 140 lutherische und methodistische Christen aus Zschorlau, Burkhardtsgrün und Albernau spielen in der Passionsgeschichte mit. Die Idee dazu brachten die Zschorlauer Dieter Schürer und Steffen Urban aus einem Urlaub in Tirol mit. Daraufhin machte sich der Rechtsanwalt Schürer daran, aus Texten der Bibel und des polnisch-jüdischen Schriftstellers Roman Brandstaetter die Dialoge zu schreiben.

»Anders als in den traditionellen Passionsspielen wollte ich Jesus bewusst in seinem jüdischen Umfeld sehen«, sagt Schürer, der Vorsitzende des Zschorlauer Passionspielvereins. Nach den Aufführungen in den Jahren 2000, 2001 und 2005 begannen im vergangenen September erneut die Proben.

»Das Passionsspiel soll keine Theateraufführung oder Tourismuswerbung sein – sondern ein besonderer Gottesdienst«, sagt Dieter Schürer. »Dass Jesus Christus den Weg ans Kreuz für uns gegangen ist, damit wir unverdient Versöhnung mit Gott erlangen können – das ist ein Kern unseres Glaubens. Für viele Leute ist es einfacher, in eine Sporthalle zu gehen und sich dort diese biblische Geschichte anzusehen.«

Die Leidensgeschichte Jesu ist kein Schwank, sie lässt sich nicht so locker erzählen wie ein Krippenspiel. Den Jesus spielt der Bauschlosser Matthias Groß voll heiliger Wut bei der Tempelreinigung, mit aufgemalten Striemen nach der Auspeitschung. Er denkt an die Angst während einer schweren Krankheit, wenn er Jesus in Gethsemane spielt. Und wenn er zwanzig Minuten am Kreuz hängt, verlieren seine Finger ihr Gefühl.

Mit seinen 49 Jahren ist der Zschorlauer Jesus viel älter als der Mann aus Nazareth je wurde. Allerdings ist dieser von den Toten auf­erstanden.

Andreas Roth

Das Passionsspiel wird in der Sporthalle Zschorlau aufgeführt am 2., 3., 4., 5., 10. und 11. April jeweils um 13 Uhr sowie am 7. und 8. April um 18 Uhr. Informationen über Restkarten gibt es im Pfarramt Zschorlau unter (0 37 71) 2 54 38 52 oder im Internet.

Internetseite des Zschorlauer Passionsspiels

Diagnose: Mangel

20. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Ob in Kindergärten oder Pflegeheimen: Soziale Berufe werden immer wichtiger. Doch ihnen geht der Nachwuchs aus.

Veronika Ackermann will Altenpflegerin werden. Ihr macht es Freude, mit alten Menschen, wie hier mit Günther Adler, umzugehen. Doch Auszubildende wie sie werden in Zukunft noch viel mehr gebraucht. Foto: Steffen Giersch

Veronika Ackermann will Altenpflegerin werden. Ihr macht es Freude, mit alten Menschen, wie hier mit Günther Adler, umzugehen. Doch Auszubildende wie sie werden in Zukunft noch viel mehr gebraucht. Foto: Steffen Giersch

Behutsam fühlt die junge Frau dem 82-jährigen Günther Adler den Puls. Seit über einem Jahr ist das Alltag für Veronika Ackermann – seit sie im Seniorenpflegeheim Bad Schlema lernt. »Es ist schön, mit Menschen zu arbeiten«, sagt die 21-Jährige. »Obwohl die Arbeit als Altenpflegerin körperlich und seelisch anstrengend ist, kommt viel zurück.«

Sie ist eine von 30 Auszubildenden bei der Diakonie Aue/Schwarzenberg. »Doch in den kommenden Jahren werden wir Probleme bekommen, die Arbeitsplätze in der Altenpflege und Behindertenhilfe zu besetzen«, sagt der Vorstand des Diakonischen Werkes Rainer Sonntag. »Schon heute haben wir große Schwierigkeiten, gutes und motiviertes Führungspersonal zu finden.«

Nach einer Schätzung des In­stituts der Deutschen Wirtschaft wird sich die Zahl der Pflegekräfte bis zum Jahr 2050 verdreifachen müssen, weil dann über ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein wird. In Sachsen ist es schon in zehn Jahren soweit. »Gleichzeitig werden bis dahin fast ein Viertel der bisherigen Mitarbeiter die Diakonie aus Altersgründen verlassen haben, bis 2030 sogar fast 60 Prozent«, sagt Sachsens Diakonie-Direktor Christian Schönfeld: »Wir müssen jetzt handeln.«

In Praktika, der »Sterntalerzeit« oder in einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) laden schon heute diakonische Einrichtungen Jugendliche ein, ihre Arbeit kennen zu lernen. Auch Veronika Ackermann fand so zur Altenpflege. »Dass die sächsische Staatsregierung nun bei den Zuschüssen für die FSJ-Plätze massiv kürzt, ist Sparwut an der falschen Stelle«, sagt der Schlemaer Diakonie-Vorstand Sonntag.

Angesichts zurückgehender Schülerzahlen werden junge Menschen allein jedoch den Fachkräftemangel nicht beheben können. Deshalb schult die Diakonie Aue/Schwarzenberg zunehmend auch Menschen mittleren Alters aus ganz anderen Berufen zu Pflegekräften um. So wie den Maschinenbauer Jens Döhnel. Mit 37 Jahren entschied er sich, noch einmal einen neuen Beruf zu beginnen. »Mit 16 oder 25 Jahren hätte ich mir das noch nicht vorstellen können«, sagt er. »Erst jetzt hatte ich die Lebenserfahrung dafür.«

In sächsischen Kindergärten ist die Personalsuche schon heute ein großes Problem. »Die Bezahlung und die gesellschaftliche Anerkennung für soziale Berufe sind nicht attraktiv«, sagt Matthias Lang vom christlichen Verein Kinderarche Sachsen, der 35 Jugendhilfeeinrichtungen und sechs Kindergärten betreibt.

Allein mit Geld aber wird sich der Fachkräftemangel in Zeiten knapper Kassen, wachsender Zahlen von Pflegebedürftigen und Kindergartenkindern kaum lösen lassen. Ein Umdenken ist nötig – auch in der Kirche. »Unsere Gemeinden müssen verstehen lernen, dass die Gewinnung von Nachwuchs für soziale Berufe auch etwas mit Berufung zu tun hat«, sagt Rainer Sonntag. »Das ist eine Aufgabe der Gemeinden für die Zukunft.«

Andreas Roth

Ein Holländer gegen Windmühlen

26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Wie der Kirchenmusiker Henk van Loo und seine Frau ins erzgebirgische Holzhau kamen

Eisig bläst der Wind über den Kamm. Die Blicke von Henk van Loo und seiner Frau Susanne schweifen über die schneebehangenen Nadelwälder und die weiße Weite bis hinüber ins Tschechische. Sie scheinen das Erzgebirge zu umarmen. »Diese Ruhe, diese Luft, die Natur und die freundlichen Menschen hier – herrlich!«, schwärmt der 67-Jährige. Er braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was drüben in dem tschechischen Dorf Moldava entstehen soll: 45 Windräder sollen dort errichtet werden und mit ihren 150 Metern die Höhen des Gebirges überragen.

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch

Beim Anblick des Erzgebirgskamms bei Holzhau kommen Henk van Loo und seine Frau Susanne ins Schwärmen. Sie wollen verhindern, dass er jenseits der deutsch-tschechischen Grenze mit Windrädern bebaut wird. Foto: Steffen Giersch

»Sie verschmutzen den Horizont, das ist doch ein Naturschutzgebiet von höchster Bedeutung«, ruft Henk van Loo in den Schneegriesel. Man denke nur an das fast ausgestorbene Birkhuhn, das hier lebt, den schwarzen Storch oder den Tourismus. Dabei ist Henk van Loo gar kein gebürtiger Erzgebirgler, denen oft so viel Liebe zu ihrer Heimat nachgesagt wird. Er ist Holländer. Denen wiederum wird eine gewisse Liebe zu Windmühlen nachgesagt. Nichts davon bei ihm. Dabei hat das, was ihn ins erzgebirgische Holzhau verschlug, durchaus etwas mit Liebe zu tun: Der zu seiner Frau. Und der zu den Orgeln.

Viele Jahre arbeitete der Niederländer Henk van Loo in der Region um Maastricht als ehrenamtlicher Kirchenmusiker. Schon zu Zeiten der DDR führte ihn eine Kirchgemeindepartnerschaft immer wieder nach Erfurt. Dort lernte er seine spätere Frau Susanne kennen, und beide zogen vor zwölf Jahren in seine holländische Heimat.
Eine Busreise zu bedeutenden Orgeln führte sie 2007 ins Osterzgebirge. »Als ich vor dem Geburtshaus des Orgelbauers Gottfried Silbermann in Kleinbobritzsch stand, sagte ich mir: Hier möchte ich auch gern wohnen«, erinnert sich der Pharmazie-Vertreter.

Wenig später kaufte das Paar den alten Waldgasthof »Teichhaus« im Muldental bei Holzhau. »Wir wollten noch einmal etwas Neues probieren«, sagt die 50-jährige Susanne van Loo. Das Gasthaus machten sie wieder flott und eröffneten im November 2008. Weil sie sich ihre neue Heimat nicht wieder nehmen lassen wollen, gründeten sie zusammen mit anderen Einwohnern die Bürgerinitiative »Gegenwind«, um den tschechischen Windpark zu verhindern. Die Handvoll Aktivisten treffen sich in ihrer Gaststube. Gemeinsam sammelten sie 5000 Unterschriften gegen das Vorhaben und übergaben es im September letzten Jahres über die deutsche Botschaft in Prag der tschechischen Regierung. Inzwischen lehnt auch die Bezirkshauptfrau von Usti nad Labem den Bau der Generatoren ab. Susanne van Loo und ihr Mann schöpfen Hoffnung – aber die Sache sei noch nicht über den Berg.

Wenn Henk van Loo begeistert von den Flößern erzählt, die vor 400 Jahren an seinem Gasthaus Holz für den Silberbergbau auf der Mulde transportierten, dann wird diese Geschichte zu seiner eigenen. Und den Orgeln bleibt er ohnehin treu: Wenn in den umliegenden Kirchen von Hermsdorf oder Rechenberg ein Kantor fehlt, greift der spielende Holländer wieder in die Tasten.

Andreas Roth

Arbeitsamt mit Kreuz

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Erste Christliche Arbeitsvermittlung von Stollberger Kirchgemeinde eröffnet.

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Hoffnungslosigkeit? Nicht mit dem Stollberger Pfarrer Andreas Dohrn (l.). Statt über Armut zu jammern, will er mit der Vermittlerin Gudrun Gehler auf einer Internetseite Erwerbslosen neue Arbeitsplätze anbieten. (Foto: Andreas Tannert)

Ist das wirklich die erste christliche Arbeitsvermittlung? »Erzählt nicht schon Jesus in der Bibel von einem Mann, der Arbeitslosen eine Arbeit im Weinberg verschafft?«, fragt augenzwinkernd der Zwönitzer Pfarrer Dieter Bankmann seinen Stollberger Amtsbruder Andreas Dohrn. Der aber ist sich sicher, dass es so ist: »Erste Christliche Arbeitsvermittlung« nennt die Stollberger St. Jakobikirchgemeinde selbstbewusst ihr neues Projekt, das am 15. Januar offiziell begann.

»Wenn wir immer nur auf die Opfer des Arbeitsmarktes sehen, werden wir ihnen nicht wirklich helfen können«, sagt Pfarrer Dohrn. »Wir brauchen auch den Zugang zu den Arbeitgebern und zu neuen Jobs, um Armut überwinden zu können.«

Seit 1990 beraten Christen in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative und in dem Modellprojekt »Jakobi-Job-Lotsen« Menschen auf der Suche nach neuer Arbeit. »Manche Mitglieder unserer Gemeinde waren skeptisch, ob eine Arbeitsvermittlung zu unseren Kernaufgaben gehört«, sagt Kirchvorsteherin Angela Müller. »Auch steuerliche und finanzielle Probleme müssen gemeistert werden.« Doch das Engagement für die »Mühseligen und Beladenen« hat die Stollberger Kirchgemeinde tief in ihrem Leitbild verankert.

Auch der Kirche selbst soll die Arbeitsvermittlung helfen. Nicht nur, weil die Stollberger Kirchgemeinde auf Gewinn zur Finanzierung ihrer Arbeit hofft.

»Für unseren kirchlichen Kindergarten geeignete evangelische Mitarbeiter zu finden, ist ein großes Problem«, spricht der Markkleeberger Pfarrer Arndt Haubold eine Sorge an, die viele Kirchgemeinden teilen. Er hofft auf die Christliche Arbeitsvermittlung, weil sie – anders als die Arbeitsagentur – die Bewerber bewusst nach persönlichen und geistlichen Fähigkeiten fragt.

Der Diakonie in Sachsen mangelt es an Sozialpädagogen, Erziehern und Pflegern. Deshalb verspricht der Vorstand des Diakonischen Werkes Aue-Schwarzenberg, Rainer Sonntag: »Wir werden der Christlichen Arbeitsvermittlung auf den Zahn fühlen und sehen, wie ihre Möglichkeiten sind.«

Das Angebot ist für Arbeitsuchende und Arbeitgeber kostenlos. Die Stelle der von der Kirchgemeinde angestellten Mitarbeiterin Gudrun Gehler soll sich über Vermittlungsgutscheine finanzieren, die Erwerbslose von der Arbeitsagentur erhalten. Ob allerdings die Fachkräfte, die von Kirche und Diakonie händeringend gesucht werden, auch unter den Arbeitslosen zu finden sind, wird sich noch zeigen müssen.

»Auch die Christliche Arbeitsvermittlung kann das Problem der Ausgrenzung von Gering-Qualifizierten nicht lösen« fürchtet Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Doch schon vor ihrem Start haben sich über 100 Arbeitsuchende bei der Christlichen Arbeitsvermittlung registrieren lassen – und 21 Arbeitsangebote.

Andreas Roth

»Lähmende Ohnmacht«

15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Gornsdorfer Christen fordern Gerechtigkeit für die im Oman verurteilte Dana Gerlich.

Ob Dana Gerlich wirklich schuldig ist, bleibt unbewiesen. Sicher aber ist: Schon jetzt hat ihr Fall viel Schaden angerichtet. Viele Menschen in ihrer erzgebirgischen Heimat um Gornsdorf haben einiges an Zutrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat verloren. Sie engagieren sich für ein gerechtes Urteil über die 35-Jährige aus ihrem Dorf. Und rennen damit gegen unsichtbare Mauern.

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab.  (Foto: Steffen Giersch)

Über 2400 Unterschriften hat die Initiativgruppe um Pfarrer Gottfried Görner, Christa Weinhold und Reiner Pohl (v. l.) für Dana Gerlich gesammelt. Sachsens Ministerpräsident lehnte ihr Gnadengesuch dennoch ab. (Foto: Steffen Giersch)

Am 17. Juli 2004 wurde Dana Gerlich im Oman zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie soll die Mörder ihres Vaters beauftragt haben. »Doch warum ist sie dann nach der Beisetzung ihres Vaters in Deutschland in den Oman zurückgeflogen, obwohl sie wusste, dass die Mörder gefasst worden waren?«, kritisiert der Gornsdorfer Pfarrer Gottfried Görner das unter fragwürdigen Bedingungen zustandegekommene Urteil. Doch das Chemnitzer Landgericht musste es anerkennen, damit Dana Gerlich ihre Strafe in Deutschland verbüßen kann.

»Das Auswärtige Amt hat ihrer Mutter jedoch schriftlich bestätigt, dass der Oman keine Einwände hätte, wenn ihre Tochter nach fünf Jahren Haft freikommt«, sagt Pfarrer Görner.

Im Mai 2009 schrieb die in Chemnitz Inhaftierte deshalb ein Gnadengesuch an Ministerpräsident Stanislaw Tillich. »Sieben Monate lang bekam sie von der Staatsregierung keine Antwort«, sagt der Pfarrer, der sah, wie Dana Gerlich körperlich und seelisch schwer unter der Ungewissheit litt. »Als Christ sage ich: So kann man mit einem Menschen nicht umgehen.«

Um das Gnadengesuch zu unterstützen, sammelte eine Gruppe um Pfarrer Görner und Gerlichs früheren Sportlehrer Reiner Pohl 2400 Unterschriften. Die Antwort von Staatskanzleiminister Johannes Beermann: Es sei »unüblich«, Einfluss auf ein Gnadengesuch zu nehmen. Aus der CDU-Landtagsfraktion wurde der Burkhardtsdorferin Christa Weinhold beschieden: Der Staat lasse sich nicht erpressen. »Wie können 2400 Unterschriften als Erpressung verstanden werden?«, wundert sich die Christin über dieses Demokratieverständnis.

Kurz vor Weihnachten wurde Dana Gerlichs Gnadengesuch vom Minister­präsidenten abgewiesen. Von den Gründen für die Entscheidung kein Wort. »Sind wir so unmündig?«, fragt Pfarrer Gottfried Görner. Bei seinem letzten Besuch im Gefängnis übergab ihm Dana Gerlich einen Brief. »Ich bin verzweifelt und von einer lähmenden Ohnmacht erfüllt«, schreibt sie: »Ich werde in Deutschland nie die Chance auf einen fairen Prozess bekommen.«

Ihre letzten Hoffnungen setzen sie und viele Gornsdorfer auf den Europäischen Gerichtshof. Von Sachsens Regierung erwarten sie nichts mehr.

Andreas Roth

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