Ein Mann des Ausgleichs
24. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Friedrich Magirius in seinem Garten in Leipzig-Wahren. Als Superintendent und Stadtpräsident hat er das kirchliche und politische Leben in der Messestadt vor und nach 1989 wesentlich mit geprägt. Foto: Armin Kühne
Am 26. Juni feiert der frühere Leipziger Superintendent Friedrich Magirius 80. Geburtstag
Der Garten ums Haus zeigt sich im Juni von seiner schönsten Seite. Ehe es um die ernsten Dinge seines 80-jährigen Lebens geht, führt Friedrich Magirius durch die von seiner Frau Christel angelegten Blumenbeete. Diese leuchten in prächtigen Farben, passend zum 80. Geburtstag des früheren Leipziger Superintendenten, den er am 26. Juni feiert.
Als er dann auf seine Erinnerungen zu sprechen kommt, hat er für sich einen roten Faden ausgemacht: »Ich bin kein Einzeltyp. Gott hat mir immer eine Gruppe geschenkt, gerade auch für Leitungsaufgaben«, sagt er. Das war so in seiner ersten Gemeinde in Einsiedel bei Chemnitz, wo er einen engen Kontakt mit dem Kirchenvorstand gepflegt hat, das war auch so während seiner Arbeit als Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR von 1974 bis 1982, das prägte seine Arbeit als Superintendent und nach 1989 als Stadtpräsident von Leipzig.
Gerade in den letzten Jahren der DDR war ihm das wichtig. »Es war mein Anliegen, dass es eine Gruppe gibt, die die Friedensgebete verantwortet«, sagt er rückblickend. Deshalb habe er 1985 vorgeschlagen, dass die Kirchenbezirkssynode einen Ausschuss »Frieden und Gerechtigkeit« wählt mit Mitgliedern der Synode und der Friedensgruppen.
Als »Mann des verantwortlichen Ausgleichs« würdigt Johannes Hempel, damals Landesbischof, den Jubilar. »Er hat sich als Pfarrer und Superintendent von Anfang an der Vermittlung zwischen getrennten Kirchen, Völkern, christlichen Gruppen gewidmet«, so Hempel. Mit der »Aktion Sühnezeichen« habe er Brücken zu Polen gebaut. »Im Jahre 1989 mühte er sich um die Vermittlung zwischen Gruppen der friedlichen Revolution und der Kirchenleitung«, so Hempel.
Friedrich Magirius selbst sieht diese Zeit mit gemischten Gefühlen. 1988 habe der Synodalausschuss vor einem doppelte Problem gestanden: Einerseit seien immer mehr Antragsteller auf Ausreise zu den Friedensgebeten gekommen, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Andererseits hätten immer mehr Gruppen gefordert, dringend in der Gesellschaft hier etwas zu verändern. »Ich konnte sie nicht zusammenhalten«, sagt er. Und immer habe er in dem Spannungsfeld zwischen Aufbegehrenden und Staatsmacht gestanden. Dabei war sein Credo: »Kirche muss Kirche bleiben, offen für die Probleme der Gruppen, aber immer auch für die Botschaft der Bibel«, sagt er.
Als dann in Ostdeutschland demokratische Verhältnisse Einzug hielten, ging es Friedrich Magirius wieder darum, »in der Stadt die Partner zu finden, mit denen man etwas bewegen kann«. Er ging ehrenamtlich und ohne Parteibuch in den Stadtrat und wurde dort zum Stadtpräsidenten gewählt – ein Amt, das es neben dem Oberbürgermeister nur vier Jahre lang gab. Noch heute engagiert er sich für die Belange der Stadt. »Ich gehe in Jugendzentren, um zu hören, was es dort für Probleme gibt«, sagt er. »Ich kann dadurch helfen, dass ich die kenne, die helfen können.« Und er übernimmt noch gern Gottesdienstvertretungen.
Für Christoph Münchow ist Magirius »auch im Ruhestand seinen Grundanliegen mit beherztem Engagement treu gebleiben«, so der heutige Oberlandeskirchenrat und einstige Lehrvikar des Jubilars aus Chemnitzer Zeiten. »Es geht ihm um das Gespräch zwischen den Generationen, zwischen jüdischen und polnischen Zeitzeugen mit der heranwachsenden Generation«, so Münchow. Er betont: »Friedrich Magirius hält klar im Blick, wo Widerstehen und wo Versöhnen nötig sind.«
Sich einbringen, Verzicht üben, das sieht Magirius unter heutigen Verhältnisse geboten. Zu seinem 80. Geburtstag wünscht er sich keine Reden, »aber ich freue mich, dass Gott mir das Alter geschenkt hat und ich noch mitwirken kann«.
Christine Reuther
Papa hinter Gittern
12. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Für den kleinen Lennox ist es eine ungewohnte Umgebung: Er ist zu Besuch im Jugendgefängnis von Regis- Breitingen bei seinem Papa – und der darf ihn heute wickeln. Foto: Steffen Giersch
Unter den 300 jugendlichen Häftlingen in Regis-Breitingen sind auch Väter. Für sie gibt es seit kurzem Familientage.
Sie kommen!« Ehefrauen, Freundinnen, Väter, Mütter und kleine Kinder sitzen erwartungsvoll an gedeckten Tischen im Schultrakt der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, als 23 junge Männer in dunkelblauer Kleidung plötzlich den Raum füllen. »Schau, Papa kommt«, sagt eine Mutter zu ihrem Kind: Es ist Familientag in Sachsens Jugend-Gefängnis.
Die 300 Insassen sind in der Regel zwischen 14 und 24 Jahre alt. Viele von ihnen haben schon Nachwuchs, manche bis zu drei Kinder. Für sie hat Gefängnisseelsorgerin Hannelore Teubner eine Vätergruppe gegründet. Ziel sei es, den Jugendlichen Handwerkszeug für die Kindererziehung an die Hand zu geben. »Viele kennen nur zwei Möglichkeiten: Anschreien oder Schlagen«, sagt die Pfarrerin. Und sie wünschten sich, ihre Kinder anders zu erziehen. Zuletzt haben sie über Rituale gesprochen, zum Beispiel Singen vor dem Einschlafen. Heute führen sie es vor. Und so singen 23 schwere Jungs »Hopp, hopp, hopp …« und »Ein Männlein steht im Walde«.
Einen solchen Familientag hat Hannelore Teubner bereits zum zweiten Mal organisiert, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen der Kunsttherapie. Das Angebot, die Familien außerhalb der vorgesehenen sechs Stunden monatlicher Besuchszeit hinaus zu sehen, werde gern angenommen, sagt Kunsttherapeutin Dorit Schauroth. Doch sie weiß auch: »Die Zeit mit ihren Kindern ist für manche belastend, vor allem, sie dann wieder gehen zu lassen.« Oftmals sei der Kontakt zur eigenen Familie auch gestört oder abgebrochen.
So wie bei Frank L. Die Ex-Freundin wolle es nicht, dass er sein Kind sieht, sagt er. Trotzdem ist er dabei: Als Bühnenarbeiter für das Theaterstück vom »Wolf und den sieben Geißlein«, das die jungen Väter mit Begeisterung und zur lautstarken Freude der Kinder aufführen. Die Kostüme und Masken haben sie mit den Kunsttherapeutinnen selbst hergestellt. Nach seiner Haftzeit, in der er den Hauptschulabschluss nachholt, hofft der 21-jährige Frank L. auf eine Lehrstelle als Verkäufer. Insgesamt gibt es für die jugendlichen Häftlinge hier eine Realschulklasse, drei Hauptschulklassen, zwei Klassen für berufsvorbereitendes Jahr. Aber auch einen ABC-Kurs für die, die noch nicht Lesen und Schreiben gelernt haben.
In Zukunft sollen die Familientage monatlich stattfinden. Doch aus finanziellen Gründen sei es vielen Familien nicht möglich, die vorgesehene Besuchszeit auszuschöpfen, sagt Doris Schauroth. »Vielen Angehörigen fehlt einfach das Geld, die Fahrt anzutreten, und Zuschüsse gibt es nicht.«
Zur Arbeit mit den Angehöringen Strafgefangener gab es unlängst eine Tagung in der Evangelischen Akademie Meißen. Hier forderten die Teilnehmer mehr Aufmerksamkeit für deren Situation. Das läge auch im Interesse der Resozialisierung der Straffälliggewordenen. Besuchsräume in den Gefängnissen sollten ansprechender gestaltet werden, Seminare mit den Partnerinnen der Gefangenen sollten angeboten werden, um auf die Alltagssituation nach der Haft vorzubereiten.
In Regis-Breitingen tummeln sich unterdessen Väter mit ihren Kindern auf den Matten im provisorisch eingerichteteten Spielzimmer. Ein Vater nimmt seiner Frau das Baby aus der Hand. Heute ist er dran, seinen kleinen Sohn zu wickeln.
Christine Reuther und Stefan Körner
Gebete zwischen Rohbeton
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Der erste Gottesdienst in der Leipziger Universitätskirche fand großes Interesse

Das Interesse war ebenso groß wie die Freude: Zum ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Leipziger Universitätskirche kamen mehr als 700 Menschen. Foto: Uwe Winkler
Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.
41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.
»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.
Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.
Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.
Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.
Corinna Buschow
… dass Eltern nicht streiten
15. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Sie tragen ihre selbstgestalteten Kerzen zum Altar: Rund 650 Grundschülerinnen und -schüler nahmen am 9. Oktober am ersten Friedensgebet für Kinder in der Leipziger Nikolaikirche teil. Foto: Uwe Winkler
Die Nikolaikirche war fast so voll wie bei den Friedensgebeten vor 20 Jahren. Doch am 9. Oktober 2009 waren es hunderte Kinder, die in die Kirche strömten. Über 650 Schülerinnen und Schüler aus elf Leipziger Grundschulen hatten sich zum Friedensgebet für Kinder angemeldet.
»Es ist ganz, ganz wichtig, die Erfahrungen der Friedensgebete vor 20 Jahren an die Kinder weiterzugeben«, sagt der Leiziger Superintendent Martin Henker. Die Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR sollten auch von der nächsten Generation angenommen und als wertvoll geschätzt werden.
In ihrem Anspiel zu Beginn des Friedensgebets erzählen die Kinder von Eitelkeit und Neid, Streit und Hänseleien, Angst, Gewalt und Einsamkeit. Und erst als sie in ihrer Geschichte zu einer gemeinsamen Aktivität zusammenfinden, bauen sie auf dem Altarplatz Kartons auf mit Aufschriften wie Neugierde, Zusammenhalt, Entschuldigung und Frieden.
»Wohl denen, die Frieden bringen.« Über diese Bibelworte spricht der Leipziger Bezirkskatechet Uwe Hahn zu den Kindern. »Es ist so schwer, die Hand auszustrecken, wo Fäuste geballt sind«, sagt er. »Aber einer muss die Hand ausstrecken zur Versöhnung, vielleicht bist Du es«, sagt er.
Die Kinder haben Kerzen gestaltet, die sie anzünden und zum Altar tragen. Und einige treten vor, um zu erzählen, was ihnen Frieden bedeutet: »Frieden ist, wenn sich Menschen vertragen, wenn es keinen Nachbarschaftsstreit gibt, Frieden kennt keine Waffen. Frieden heißt: keine Schießereien in Ländern, die arm sind«, sagen sie. Und beim Gebet benennen sie ihre Wünsche, wie das gehen könnte: »Dass mehr Leute an Gott glauben, dass sich Eltern nicht streiten, dass es keine Todesstrafe mehr gibt, dass es in Afghanistan und überall keinen Krieg mehr gibt«, lauten die vorgetragenen Bitten.
Vorbereitet hatten die Andacht Schüler des Evangelischen Schulzentrums, des katholischen Maria-Montessori-Schulzentrums und der freien Schule »Clara Schumann«. Das Friedensgebet für Kinder war der Auftakt für die zahlreichen Veranstaltungen zur Erinnerung an die große Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989.
Christine Reuther
Sing, mei Pfarrer, sing
11. September 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Zum »Tag der Sachsen« in Mittweida feierten 320000 Besucher – darunter viele Christen, ein iranischer Türmer und der Ministerpräsident.

Der 4,5 Kilometer lange Festumzug zum »Tag der Sachsen« quer durch Mittweida wurde von 3500 Menschen gestal-tet. Einer von ihnen ist Johannes Möller, der Jugendpfarrer des Kirchenbezirks Rochlitz aus Syhra. (Fotos: Steffen Giersch)
Der höchste Sachse beim größten Volksfest des Freistaates kommt aus dem Iran. Unzählige Male läuft Manouchehr Borhan am vergangenen Wochenende die 166 Stufen auf den Turm der Mittweidaer Kirche »Unser lieben Frauen« hinauf. Lebendig erklärt er die Geschichte des über 500 Jahre alten Gotteshauses. Borhan bläst in das Türmerhorn und blickt hinunter in das Gewühl, in dem sich zum Tag der Sachsen insgesamt 320 000 Menschen drängen.
»Nein, Gott sei Dank habe ich noch keine Erfahrungen mit Neonazis gemacht«, sagt der Christ, Flüchtling und Stadtkirchen-Türmer, der seit vier Jahren in Mittweida lebt – in der Stadt, die in den letzten Jahren oft durch gewalttätige rechtsextreme Kameradschaften von sich reden machte. »Die Leute hier sind warmherzig – ich denke, in ganz Sachsen ist die Mehrheit so«, sagt Borhan.
Über die Straße vom Stadtkern hoch zur Kirche hat die Gemeinde zum Fest Wäscheleinen gespannt mit bunten Hemden. Auf ihnen steht die Aufschrift »Besser MITTeinander« – das Motto des Sachsentages und ein Aufruf für ein Klima der Toleranz, für das auch in dem großen ökumenischen Gottesdienst auf dem Mittweidaer Markt am Sonntagmorgen gebetet wird.
Lutherische, katholische und freikirchliche Christen gestalten dieses Glaubensfest, zu dem auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Landtagspräsident Erich Iltgen zu Gast sind, gemeinsam. In Anspielung auf die negativen Schlagzeilen Mittweidas in den letzten Jahren fordert Pfarrer Johannes Grasemann dabei: »Es soll besser werden – miteinander.«
Einen Einblick in das vielfältige Leben der Christen in Mittelsachsen bietet die Kirchenbühne mit Musikgruppen und Künstlern. Die Stadtkirche lädt zu Orgelklängen, Führungen und Andachten ein. Und auf der stark frequentierten Kirchenmeile präsentieren sich kirchliche Vereine und Einrichtungen.
»Es gibt hier gute Gespräche«, sagt der Chemnitzer Pfarrer Stephan Brenner im Zelt der Kontaktstelle Kirche. Nebenan präsentiert der diakonische Verein Netzwerk Mittweida e.V. seine Beratungs- und Beschäftigungsangebote für erwerbslose Menschen. Gegen eine Spende für die Ausgegrenzten dürfen Besucher dort auf eine Büchsenpyramide werfen. Auch der oberste Sachse, Ministerpräsident Tillich, probiert es. Ein Volltreffer war es nicht.
Andreas Roth
Mittendrin in Mittweida
27. August 2009 von Redaktion DER SONNTAG
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Kirche zum Tag der Sachsen am 5. und 6. September in der mittelsächsischen Stadt

Noch ist manches zu besprechen und zu organisieren für das »Glaubensfest Mitteinander«: Gottfried Neubert (l.) und Pfarrer Johannes Grasemann vor der Mittweidaer Kirche »Unser lieben Frauen«. Foto: Wiegand Sturm
Der Standort der Kirchenmeile mache das auch deutlich, ergänzt Gottfried Neubert. Er gehört zur evangelisch-freikirchlichen Gemeinde und hat die Kirchenmeile entlang der Weberstraße unterhalb der Stadtkirche »Unser lieben Frauen« organisiert. Die Straße führt direkt zum Marktplatz mit der MDR-Bühne, auf der am Sonntag auch der Gottesdienst stattfinden wird. Ungefähr 60 kirchliche Werke und Vereine hat Gottfried Neubert angeschrieben, 20 haben sich für einen Stand beworben.
Von der Kirchenmeile führen Stufen nach oben zur Kirche. An den Festtagen wird dort entlang eine Leine mit T-Shirts und Luftballons gespannt sein als Wegweiser. Mit ebensolchen T-Shirts bekleidet werden Helfer aus den Gemeinden die Gäste hier oben erwarten zum Programm in der gotischen Kirche von 1496: Chormusik, eine Video-Vorführung sowie Kirchen- und Orgelführungen werden sich hier tagsüber abwechseln.
Dabei präsentiert der Orgelverein das neue Patent der Bautzener Orgelbaufirma Eule, das gemeinsam mit der Mittweidaer Hochschule entwickelt und in die Ladegast-Jehmlich-Orgel der Stadtkirche erstmals eingebaut wurde. Durch Lichtsignale werden die vorprogrammierten Register bedient. Eine Technik, die in Bautzen auch gerade in die neue Orgel des Salzburger Mozarteums eingebaut wird (der Sonntag berichtete).
Wenn auch Pfarrer Grasemann auf diese Neuerung stolz ist, so ist doch die Restaurierung der Orgel insgesamt eine große finanzielle Last für die Gemeinde – »zumal die Denkmalpflege ihre zugesagten Mittel wieder gestrichen hat«, so Grasemann. Nun fehlen der Gemeinde 100 000 Euro. Aber auch ein Kantor, »der sich in die Orgel verliebt«, so der Pfarrer. Denn diese Stelle ist seit Juni vakant. Am Tag der Sachsen wird die Orgel vor allem vom ehemaligen Kirchenmusikdirektor Eckhard Zuckerriedel gespielt.
Und während es oben in und an der Kirche Musik und Besinnung gibt, hat die Jugend auf der Kirchenbühne unten in der Stadt ein umfangreiches Musikprogramm organisiert für alle Altersklassen. Auch die kirchlichen Wagen für den Festumzug am Sonntag haben Junge Gemeinden der Region organisiert. Es freut Pfarrer Grasemann besonders, dass auf diese Weise die Kirche durch junge Menschen repräsentiert und wahrgenommen wird.
Christine Reuther
Das kirchliche Programm zum Tag der Sachsen in Mittweida:
Sonnabend, 5. September: Kirche offen 11.30 bis 23 Uhr, Kirchturm offen 10 bis
21 Uhr; Sonntag, 6. September: Kirche und Kirchturm offen 11.30 bis 18 Uhr; Gottesdienst auf dem Markt 10 Uhr.
Das Programm des Tages der Sachsen im Internet: www.tds.sachsen.de
www.kirchgemeinde-mittweida.de
Die Iraker sind da
30. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Der Leipziger Naomi-Verein betreut die irakischen Flüchtlinge

Die Trinitatis-Schwestern Gudrun Neubert (l.) und Christine Mewes bieten in Leipzig-Volkmarsdorf im Naomi-Verein Beratung und Begleitung von Aussiedlern und Flüchtlingen an. Foto: Uwe Winkler
Nun sind sie auch Anlaufstelle für die zwei irakischen Familien – eine schiitische und eine mandäische –, die innerhalb des Flüchtlingsprogramms von Europäischer Union (EU) und UN-Flüchtlingsorganisation UHNCR in Europa Zuflucht gefunden haben. Im November 2008 hatten die EU-Außenminister beschlossen, rund 10 000 besonders schutzbedürftige irakische Flüchtlinge – meist Angehörige religiöser Minderheiten – aufzunehmen. 2500 in Deutschland. Acht davon sind nun in Leipzig angekommen.
»Am Montag durften wir sie nicht anrufen, da ist ihr Schweigetag«, erzählt Schwester Gudrun über die Familie, die sich zum Mandäischen Glauben bekennt, den sie auf Johannes den Täufer zurück führt. Mandäer werden im Irak ebenso wie Christen verfolgt. Viele von ihnen flohen nach Syrien oder Jordanien. Um dort zu überleben, haben sie meist ihr ganzes Geld aufgebraucht.
»Sie kommen ohne jeden Pfennig nach Deutschland«, sagt Schwester Christine, die die Flüchtlinge in Hannover vom Flughafen abgeholt hat. Nun geht es darum, sie zu Behörden zu begleiten und ihnen bei allen Alltagsfragen in der neuen Heimat beizustehen – und für medizinische Behandlung zu sorgen. Denn die junge Mutter aus der schiitischen Familie wurde Opfer eines Bombenattentats, hat Verbrennungen am ganzen Körper erlitten und muss dringend in ärztliche Obhut.
Die Trinitatis-Schwestern gehören zu einer evangelischen Kommunität. Gegründet wurde die »Schwesternschaft vom Trinitatis-Ring«, wie sie richtig heißen, 1977 in Leipzig als im Glauben verbundene Kinderdiakoninnen, die nach den drei Prinzipien Armut und Gütergemeinschaft, Unterordnung und Ehelosigkeit leben. Heute sind sie noch elf und leben in Lützschena.
»Unser diakonischer Zweig ist der Naomi e. V.«, sagt Schwester Christine. Zunächst seien nur Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die betreute Klientel gewesen. Heute kümmern sie sich um Migranten aller Nationalitäten, die in Leipzig ankommen. »Wir sind hier im Stadtteil besonders Anlaufpunkt für Jugendliche, die nirgends aufgefangen sind«, sagt Schwester Christine. Viele von ihnen, die mit 15 oder 16 Jahren nach Deutschland gekommen seien, hätten Schwierigkeiten, in der Schule in der kurzen Zeit den Abschluss zu schaffen.
»Wir kennen eine ganze Reihe junger Russlanddeutscher, die ohne jede Beziehung zur Außenwelt leben und auch für ihre Eltern nicht mehr ansprechbar sind. Die nur zuhause am Computer sitzen und nirgends dazugehören«, sagt Schwester Gudrun. »Wir erleben beides: wo die Integration geglückt ist und andere, wo man daneben steht und nichts tun kann«, fügt sie hinzu.
Und weil die Schwestern nicht nur daneben stehen wollen, haben sie 2005 ihre »Kreativstube« gegründet als Treffpunkt für Einheimische und Zugewanderte, »wo man sich begegnen kann und etwas gemeinsam tut«, wie Schwester Gudrun sagt. Es sei ein Raum der Akzeptanz und des Angenommenseins quer durch Generationen, Religionen und Nationalitäten. Vielleicht auch irgendwann für die Neuankömmlinge aus dem Irak.
Christine Reuther
Nicht einfach übertünchen
10. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig
Nach Schmierereien an der Kirche beschreitet die Gemeinde Holzhausen neue Wege

Kirchenvorstand Uwe Kind vor der beschmierten Kirchenwand und der davor gestellten Antworttafel in Holzhausen. Foto: Uwe Winkler
Die Antwort von Pfarrerin Christiane Thiel war unkonventionell. »Warum? Wieso?« sprühte sie als Gesprächsangebot auf eine große hölzerne Tafel, die der Friedhofsmeister dafür aufgebaut hat. »Wir wollten die Schmierereien nicht einfach übertünchen, sondern ein Gesprächsangebot schaffen«, so Kirchenvorstand Uwe Kind. Beim »Antworten« wurden die Jugendlichen von einem Gemeindemitglied gestellt. »Die Personalien konnten von der Polizei aufgenommen werden«, sagt Thiel.
Christiane Thiels anfängliche Vermutung, die Sprüche seien Ausdruck »verzweifelter Jugendlicher im Osten, die sich verraten und verkauft fühlen«, habe sich bewahrheitet. Zwei der vier Jugendlichen seien der Polizei bekannt. Zur Vernehmung kamen nur die »Neulinge der Szene«, wie Thiel sagt. Von Schuldgefühlen sei bei den jungen Täter nichts zu spüren gewesen, erzählte die Polizei anschließend der Pfarrerin.
Besonders hart trifft die Gemeinde, dass einer der Täter Mitglied der Jungen Gemeinde ist. Mit Religion beschäftigt haben sich die Jugendlichen durchaus. Sie sind kritisch. »Keine freie Religionsausübung« und »Religion auf Verdacht« prangert auf der Antworttafel. »Ein bisschen Recht haben sie damit ja«, so die Pfarrerin. »Wir glauben auf Verdacht«, sagt sie. »Aber darüber könnte man diskutieren.« Da die Pfarrerin gerade ihren Mutterschutz angetreten hat, will der Kirchenvorstand mit den Jugendlichen reden. Einen Täter-Opfer-Ausgleich wolle man den Vieren anbieten. »Vielleicht können sie ein paar Mal bei der Kinderkirche helfen«, schlägt Uwe Kind vor. Denn dessen Banner haben die Jungen mit den Worten »Jeden Samstag Kinderschändung« bekritzelt.
Nehmen die vier Jugendlichen das Angebot der Gemeinde nicht an, droht ihnen eine Anzeige. »Wir wollen aber eigentlich nicht noch eine Strafe draufsetzen«, sagt Kind.
Annika Falk
»Viele haben keine Ahnung«
2. Juli 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Zwischen Leipzig und Leisnig

Christian Wolff ist Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche. Foto: Archiv
Es gibt immer mehr Atheisten. Vor allem in den Städten fühlen sich immer weniger Menschen der Kirche nah. Der Leipziger Pfarrer Christian Wolff warnte im Rahmen des Bachfest-Gottesdienstes vor einer Ausgrenzung der Kirche. Annika Falk sprach mit ihm darüber.
Herr Pfarrer Wolff, was kritisieren Sie?
Wolff: Ein Punkt ist, dass die Direktorin der Manet-Grundschule das Einüben des Bachchorals »Jesus bleibet meine Freude« für ein offenes Singen während des Bachfestes unterbinden wollte. Im Text komme »Jesus« vor. Das sei nicht-christlichen Schülern nicht zuzumuten. Und in dieser Schule sind Vorbereitungsklassen für den Thomanerchor angesiedelt!
Ein weiterer Dorn im Auge ist Ihnen die Westkapelle des Südfriedhofes. Daraus wurde ein Kreuz entfernt. Warum?
Wolff: Es sei zu Beschwerden gekommen, teilte das Friedhofsamt mit. Damit dort nichtchristliche Beerdigungen durchgeführt werden können, wurde das Kreuz entfernt. Das ist für mich Ausdruck des Vulgäratheismus, der sich in unserer Stadt breit macht. Viele haben keine Ahnung, wovon sie sich eigentlich distanzieren und worauf Atheismus beruht. Letztlich setzt der Atheismus die genaue Kenntnis der christlichen Religion voraus.
Aber nicht nur christliche Religion spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle …
Wolff: Das ist richtig. Ich bin ein großer Befürworter des multi religiösen Zusammenlebens. Das ist kein bedrohliches Szenarium. Bedrohlich ist religiöser Analphabetismus und daraus entsteht Angst. Bedrohlich ist, wenn von Kirche verlangt wird, sich nur in ihrem eigenen Bereich zu bewegen. Bedenklich ist, wenn Äußerungen eines Pfarrers als religiöses Eifer tum abgetan werden.
Müssen wir den Menschen wieder näher bringen, was Kirche für die Gesellschaft leistet?
Wolff: Wir müssen den Menschen das Szenario klar machen: Stellt euch vor, es gäbe keine Kirche mit ihrem Beitrag zum sozialen Zusammenleben, es gäbe keine christlichen Kindergärten, Christenlehre, Posaunenchöre und Gottesdienste. Wie sähe unser Leben in den Städten aus?
Und wie können wir die Position der Kirche stärken?
Wolff: Wir müssen gut und erkennbar sein. Unsere Gesellschaft muss lernen, dass eine selbstbewusste Positionierung der Kirche nichts damit zu tun hat, dass ich andere religiöse Überzeugungen nicht achte. Kein Zweifel: Wenn in Leipzig eine Moschee gebaut wird, werde ich mich dafür einsetzen. Es muss selbstverständlich sein, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen bei uns ihre Religion leben können.
Streit um Erinnerungen an ’89
11. Juni 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Zwischen Leipzig und Leisnig
Ehemalige Mitglieder der Basisgruppen diskutierten in der Leipziger Nikolaikirche

Friedrich Magirius, Ute Leukert und Christian Führer auf dem Podium der Nikolaikirche. Foto: Uwe Winkler
Anfangs waren die Stimmen noch versöhnlich. Unter dem Motto »Die Basisgruppen unter dem Dach der Nikolaikirche« diskutierten am vergangenen Montag Zeitzeugen der Friedlichen Revolution. Zum Ende des Abends artete das Gespräch in Streit aus und ließ unbeantwortete Fragen im Raum stehen.
»Beteiligte sehen Ereignisse anders als die, die darüber berichten oder sie zu deuten versuchen«, leitete Nikolaikirchenpfarrer Bernhard Stief das Gesprächsforum ein. Und die Beteiligten sahen die Ereignisse anders.
Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass der Protest nicht nur in der Nikolaikirche stattgefunden habe. Christoph Wonneberger, ehemaliger Pfarrer der Lukasgemeinde und Mitorganisator der Friedensgebete, machte deutlich, dass Leipzig nicht die erste oder einzige Stadt war, die Friedensgebete abgehalten hat.
Heftig diskutiert wurde auch die »Zensur«, wie die Kontrolle über die Friedensgebete ab 1988 von den Basisgruppen bezeichnet wurde. Die Organisation der Friedensgebete ging weg von den Gruppen. »Auf politischen Druck hin?«, fragte Uwe Schwabe in die Runde. »Wir haben uns von der Kirchenleitung ausgegrenzt gefühlt«, so das ehemalige Mitglied der »Initiativgruppe Leben«. »Außerdem wollten wir nicht, dass die Kirchenleitung für uns die Konflikte klärt.«
Brigitte Moritz, früher Mitglied im »Arbeitskreis Friedensdienste«, pflichtete ihm bei: »Die ganze DDR war ein Kindergarten, da wollten wir nicht noch einen kirchlichen Kindergarten.« Die Basisgruppen wollten selbst verantwortlich sein für ihr Handeln. »Wir wollten uns nicht reinreden lassen«, sagte Ute Leukert, Mitbegründerin der Gruppe »Frauen für den Frieden«. Besonders differenziert sah sie die Kirche, als sie erfuhr, dass ein Stasi-Mitarbeiter den Synodalausschuss leitete. Dadurch sei ihr Vertrauen in die Kirche geschwächt worden.
Friedrich Magirius und Christian Führer, damals Superintendent und Nikolaikirchenpfarrer, versuchten zu erklären: Als Verantwortlicher habe er Gespräche beim Rat der Stadt über sich ergehen lassen müssen, sagte Magirius. Im Paternoster des Rathauses habe er manches Gebet gen Himmel geschickt, erinnerte er sich. Christian Führer hingegen hat den staatlichen Druck kaum gespürt: »Als Gemeindepfarrer war ich ein viel zu kleines Licht, wurde nicht zu Gesprächen gebeten.« Angst hatte er dennoch Tag und Nacht: »Gott sei Dank war der Glaube immer größer als die Angst.« Am 29. September 1989 wurde er ins Gefängnis in der Beethovenstraße geholt. »Wir wurden zehn Minuten lang angebrüllt, uns wurde auch mit der Inhaftierung gedroht«, so der Pfarrer. Er blieb ein freier Mann, organisierte weiter Friedensgebete. »Der Bischof, die Kirchenleitung und wir alle sind von Gott davor bewahrt worden, mit den Friedensgebeten aufzuhören, was der Staat immer wollte«, resümierte Führer.
Die Fragen nach der Podiumsdiskussion hatten einen scharfen Unterton. Nur ein ehemaliges Mitglied des katholischen Friedenskreises schaffte versöhnliche Stimmung und dankte dafür, dass dieser Protest in der Nikolaikirche möglich gewesen sei – in der katholischen Kirche sei dies nicht der Fall gewesen.
Annika Falk
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