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11. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Kinder und Jugendliche leiden besonders unter Armut. Besuch in einer Familie, die Hartz IV ein Gesicht gibt.

Martina Fritzsche und ihr Sohn Daniel (Namen geändert) sehen im Fernsehen jetzt oft ihr eigenes Leben. Oder das, was Journalisten und Politiker für das Leben von Arbeitslosen und deren Familien halten: Faulheit in Trainingsanzügen, jammernd, saufend, verschlagen, mit tollen Handys und ganz großen Fernsehern. Die schmale Frau wischt sich heftig die Haare aus der Stirn. Die Augen hinter ihrer starken Brille funkeln. »Kommen Sie nur her«, hatte sie am Telefon gesagt, »sehen Sie sich das Elend an!«

Es ist ganz anders als im Fernsehen. Wenn Daniel nachmittags aus der Schule kommt, zündet seine Mutter zum Kaffee eine Kerze an. Äpfel liegen in der Schale auf dem alten, staksigen Wohnzimmertisch. Von oben zieht sich in der Wand ein Riss der Tischplatte entgegen. Er ist wie die ordentlich sortierte Armut der Großenhainer Familie Fritzsche: Auf den ersten Blick kaum zu sehen, doch in ihrer Wirkung umso tiefer. Der 14-jährige Daniel spürt ihren Griff, wenn er Altpapier sammeln muss für die Klassenfahrt nach London. Oder wenn es zum Geburtstag wieder einmal nur »etwas Praktisches« gibt. Oder wenn er sich vorstellt, was er nicht kennt: einen Familienurlaub. Der stille Junge mit der silbernen Brille und sein elfjähriger Bruder leben bei ihrer Mutter, und die hat seit vielen Jahren keine Arbeit.

»Ich will arbeiten«, sagt Martina Fritzsche. Doch Arbeit ist rar im flachen Land um Großenhain. Und die Augen der gelernten Industriekauffrau sind zu schwach. Eine Umschulung in ihrer Heimatstadt aber will ihr niemand bezahlen. So heißt das Schicksal der Familie Fritzsche weiter Hartz IV: 359 Euro im Monat zum Leben für die Mutter, 287 Euro für Daniel, 251 Euro für seinen Bruder.

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Sachsen leben nur von Sozialhilfe. »Das Armutsrisiko für sie ist deutlich gestiegen in den letzten Jahren«, hat der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes in Sachsen, Uwe Hirschfeld, festgestellt. Der Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden sagt: »Unsere Gesellschaft hat ein Verteilungsproblem: wer oben ist, bekommt immer mehr. Und bei denen unten kommt immer weniger an.« Aktuelles Beispiel: Banker und Anleger haben die Wirtschaft in die Krise gezockt – Millionen werden deshalb in Sachsen bei den Sozialausgaben gestrichen. So einfach buchstabiert sich Ungerechtigkeit.

Etwas dagegen tun? »Hat doch keinen Sinn«, sagt der 14-Jährige Daniel und mustert die Tischdecke. Wie gern würde er für die kleinen Extras einer Jugend auch Prospekte austragen gehen. Doch seine Mutter klopft ihm zärtlich mit der flachen Hand auf den Arm: »Jetzt musst du erstmal für den Realschulabschluss schuften! Ich will ja nicht, dass meine Kinder vom Amt leben müssen, nur weil ihre Mutter Hartz-IV-Empfängerin ist.« Der private Nachhilfeunterricht, den viele Schüler nutzen, ist für die Kinder von Arbeitslosen kaum bezahlbar – wären da nicht die Großenhainer Diakonie und ein ehemaliger Lehrer, die Daniel unterstützen.

Hat Daniel Träume? Er sitzt an einem alten Couchtisch in seinem kleinen Kinderzimmer – den Blick zum Hof. Bläst die Wangen auf und lässt die Luft herausströmen. Ganz langsam. »Eine Ausbildung zum Koch«, sagt Daniel schließlich. »Und mal raus aus dieser öden Stadt, wo es nichts gibt – und wenn, dann ist es teuer.« Kino? Theater? Konzerte? Geht nicht. Doch dann holt er von einem Brett, auf dem sich an der Wand sein Schulzeug stapelt, ein paar säuberlich geführte Hefter. Mit leuchtenden Augen erzählt er von den Sandsteinstufen und Dachreitern eines alten Schlosses in der Nähe, um das sich seine Schulklasse kümmert. Und er zeigt die Ausgabe einer Großenhainer Jugendzeitschrift, an der er mitarbeitet.

Dass einer wie er, der unter dem Stempeldruck von Hartz VI aufwächst, auch einmal Journalist oder Historiker werden könnte – das liegt außerhalb seiner Vorstellungskraft.

Andreas Roth

Unerfüllte Hoffnung

4. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Kindersegen? Viele Paare hoffen vergeblich darauf. Und fühlen sich in der Kirche sehr einsam.

Am Schlimmsten waren die Tauf­ansprachen. Cornelia stand in der Kirche im schwarzen Talar, sprach dem kleinen Menschenkind den Segen Gottes zu, sah in strahlende Eltern- und Patengesichter. Glauben, Segen und Kinderglück fallen in eins. Cornelia strahlte auch. »Doch innerlich«, sagt sie, »weinte ich die ganze Zeit.«

In der Großfamilie der Christen ist es der jungen Theologin in solchen Momenten kalt. Der Kindersegen bleibt ihr und ihrem Mann Tilman beharrlich verwehrt. Jedem siebenten Paar in Deutschland geht es so. Es sind Millionen. Die Trauer darüber trägt jeder von ihnen für sich. Allein. Unter Christen scheint diese Einsamkeit besonders groß zu sein. »In unserer Kirchgemeinde wundern sich die Leute: Ihr seid verheiratet, aber habt keine Kinder«, sagt die 30-Jährige. »Für mich klingt das wie ein Vorwurf, als wären wir nur auf Karriere aus. Das verletzt mich am meisten. Kaum einer kommt auf die Idee, uns zu fragen, warum wir kinderlos sind.«

Würde jemand diese Schwelle überwinden, dann würde er die gar nicht ungewöhnliche Geschichte eines jungen Paares hören: Einer Jugendliebe, einer Studentenhochzeit und eines Traumes vom Pfarrhaus mit drei Kindern. Doch auch nach Jahren wurde Cornelia nicht schwanger. Was folgte, war ein an Schmerzen, Übelkeit und Tränen reicher Weg durch die Fortpflanzungsmedizin.

Alles vergebens. Im Hintergrund das Dröhnen der Politiker, die das Kinderkriegen zur moralischen Pflicht erheben und »Gebärverweigerung« geißeln. Und das Dröhnen frommer Christen und Bischöfe gar, die Zusammenhänge herstellen zwischen einem eifrigen Glauben und der Kinderzahl. »Man muss nur genug beten – das war nicht die richtige Antwort«, sagt Tilman, der Arzt ist und im Vorstand seiner Kirchgemeinde sitzt. »Wenig­stens gibt es einen, den man im Gebet mal anschreien kann: Gott, warum, warum? Ist es unsere Aufgabe, ein Adoptivkind großzuziehen, oder das Bewusstsein für die Situation Kinderloser zu schärfen? Ich weiß es noch nicht. Gott hätte uns doch als Karrieremenschen erschaffen können, denen Kinder egal sind – aber das sind wir eben nicht.« Es ist ein Gefühl großer Hilf- und Ratlosigkeit, unter dem Tilman und seine Frau leiden. Und es ist eine große Trauer.

»Der Schmerz kann so groß sein wie beim Verlust eines Partners oder eines Kindes«, sagt Anne-Kathrin Braun. Die Übersetzerin aus dem erzgebirgischen Seiffen hat vor zwei Jahren das christliche Netzwerk »Hannahs Schwestern« gegründet. Über 100 Frauen aus ganz Deutschland teilen auf dessen Internetseite – auf Wunsch anonym – und in regionalen Gruppen ihre Sorgen und Hoffnungen. »Wir nennen uns bewusst nicht Selbsthilfegruppe«, sagt Anne-Kathrin Braun, »wir vertrauen nicht auf uns selbst, sondern auf Gott.« Sie hat ihre Gruppe nach der biblischen Prophetin Hanna benannt, die mit ihren 84 Jahren kinderlos geblieben war, dennoch Gott diente und wie zum Lohn den kleinen Jesus sehen durfte. Und da sind noch die anderen kinderlosen Frauen der Bibel wie Sarah und Elisabeth. Sie – ausgerechnet sie – erwählte Gott und schenkte ihnen gegen alle Wahrscheinlichkeit Nachkommen, die für seine Heilsgeschichte wichtig wurden.

Trost findet Cornelia darin nicht. Sie spürt dagegen eine Resonanz, wenn sie in der Bibel die Tragödie von Michal liest, der ersten Frau des Königs David, die in einer von Männern beherrschten Welt mit ihrer Kinderlosigkeit zerrieben wurde. »Mir ist der Gott wichtig geworden, der mit mir im Loch sitzen bleibt und nicht sagt: Steh auf, das Leben geht weiter«, sagt die Theologin.

Früher hat sie nach einem erfüllten Leben gesucht. Jetzt fragt sie sich, wie sie Gott loben kann – trotz allem. »Ich predige anders, habe keine einfachen Antworten mehr, gehe über Leid nicht mehr hinweg«, sagt sie. »Ich fände es bitter, wenn das der einzige Sinn wäre.«

Andreas Roth

www.hannahsschwestern.de

Lieber Gott, lieber Allah

26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Angst vor dem Islam? Nicht unter Kindern. In evangelischen Kindergärten beten kleine Muslime und Christen gemeinsam – trotz aller Unterschiede.

Christen Muslime

Alle Kinderaugen blicken gebannt auf die kleine weiße Puppe. Das ist Jesus, wie er gerade den blinden Bartimäus heilt – im Spielzeugformat. Für viele der Kleinen im evangelischen Kindergarten der Dresdner Lukaskirchgemeinde sind die biblischen Geschichten im Morgenkreis heiliger Ernst. So wie das Gebet.

Wenn auch die siebenjährige Sarah, der fünfjährige Ibrahim und der dreijährige Joseph mitbeten, sieht ihr Vater Waled Hammash, gebürtiger Palästinenser und gläubiger Muslim, das mit einem Augenzwinkern. »Wir respektieren Christen und Juden, denn wir kommen alle von einem Gott, dem Gott Abrahams«, sagt er. Der Respekt ist beiderseits. Weil Schweinefleisch für Muslime tabu ist, akzeptiert es der evangelische Kindergarten, dass die Familie Hammash ihren Kleinen ein eigenes Mittagessen mitgibt – bei seiner größten Tochter in einer nicht-kirchlichen Einrichtung, sei das unmöglich gewesen, erzählt Vater Waled.

»Die Kinder kennen die hochtheologischen, trennenden Barrieren nicht, die wir Erwachsenen haben«, hat Ute Schubert, die Erzieherin von Sarah, Ibrahim und Joseph beobachtet. »Sie sind neugierig und interessiert am Anderen. Kinder aus anderen Kulturen sind für sie immer eine Bereicherung.«

Allerdings ist dies eine Seltenheit in Sachsen. Nur jedes Zwanzigste der Kindergartenkinder kommt hierzulande aus Migrantenfamilien – in den westlichen Bundesländern ist es oft ein Vielfaches mehr.

Die beiden Tübinger Professoren Albert Biesinger und Friedrich Schweitzer fanden in einer groß angelegten Untersuchung von 364 Kindergärten in Ost- und Westdeutschland heraus, dass bundesweit in nicht-kirchlichen Einrichtungen erheblich mehr Kinder aus muslimischen Familien betreut werden als in konfessionellen. »Doch in Interviews wurde deutlich, dass muslimische Eltern teilweise bewusst eine christliche Einrichtung wählen, da es ihnen wichtig ist, dass überhaupt eine religiöse Erziehung stattfindet«, schrei­ben sie.
Es ist eine Chance für beide Seiten. »Schon im Kindergarten können muslimische, christliche und atheisti­sche Kinder lernen, den anderen zu respektieren, so wie er ist«, sagt die gebürtige Irakerin In Am Sayad Mahmood, die im Ökumenischen Informationszentrum Dresden für den christlich-islamischen Dialog arbeitet. »Der Prophet sagt: Das Lernen in der Kindheit ist genauso wie das Schreiben auf Stein – das bleibt für immer.«

Dafür brauchen die Mitarbeiter in den Kindergärten einiges an Wissen über den Islam. Daran aber mangelt es oft, stellte die Tübinger Studie fest – und auch, dass die Kita-Träger ihre Erzieherinnen in der interreligiösen Bildung kaum unterstützen.
»Muslime erwarten aber auch von uns, dass wir unseren eigenen Glauben leben«, sagt Harald Lamprecht, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirchen. »Man kann es durchaus in einem Kindergarten thematisieren, dass wir Chri­sten glauben, dass Gott uns in Jesus Christus auf einzigartige Weise nahe gekommen ist – und dass Muslime das anders sehen.«

Für Waled Hammash war diese Grenze erreicht, als seine Tochter eines Tages im Kindergarten einen Text aufsagte, in dem es um Jesus ging. »Das ist für uns unakzeptabel. Jesus sehen wir als Propheten und Mensch, nicht als Gottes Sohn. Das steht im Koran.« Sonntags gehen seine Kinder in die Moschee zum Koranunterricht.
Beim Morgenkreis im Lukaskindergarten singen die Kinder: »Wir feiern heute ein Fest, weil Gott uns alle liebt.« Sie rudern dabei unbekümmert mit den Armen.
»Wir Erwachsenen können eine Menge von den Kindern lernen«, glaubt ihre Erzieherin Ute Schubert. »Es steht schon in der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«

Andreas Roth

Die Studie “Mein Gott – Dein Gott” im Internet

In der Stille liegt die Kraft

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Gott spricht – doch oft hören wir ihn nicht. Denn Alltag, Kirche und Glaube sind manchmal zu laut. 2010 ist das »Jahr der Stille«.

Stille. Nur der Atem fließt wie die Wellen am Strand. Er spült die Szene des Tages an Land: Der Lärm der Arbeit, die Familie, Gelungenes, Misslungenes. Schweigen. Matthias Jacob sitzt kerzengerade auf dem Teppich, als würde sein Kopf von einem unsichtbaren Faden empor gezogen werden. Seine Beine hat er ineinander geschlagen, seine Hände geöffnet, jeden Abend für ein paar Minuten. Matthias Jacob, der nüchterne Maschinenbauer, der Betriebswirtschaftler, hört. Er hört in der Stille nach Gott.

Aus der Welt flieht er nicht. Noch bevor er einen Bibelvers stumm in seinem Herzen bewegt, breitet er seinen lauten Alltag vor Gott aus. »Schließlich ist Gott selbst in die Welt gekommen«, sagt Matthias Jacob. »Das Schöne und Bedrückende in meinem Leben kann ich so in einer anderen Perspektive sehen.«

Spiritualität hält der 43-jährige Leipziger für ein Modewort, wenn es darin nur um geistliches Wellness geht. »Gott lenkt in der Stille auch einen Lichtstrahl auf die Dunkelheit in mir. Doch da ist zugleich die Erfahrung seiner Güte und Liebe. Aus dieser Spannung kann eine Aufgabe Gottes für mich wachsen – und die Kraft dafür.«

Es war die Sehnsucht nach solchen Erfahrungen, die Matthias Jacob in den Gottesdiensten vermisste und ihn vor über 20 Jahren zum Meditieren brachte. Heute begleitet er selbst Menschen im Grumbacher »Haus der Stille« der sächsischen Landeskirche, in einem Meditationskreis in Leipzig-Knauthain, per Brief oder E-Mail bei ihrer Suche.

Das »Jahr der Stille« jedoch, das 91 landes- und freikirchliche Vereine und Einrichtungen aus ganz Deutschland 2010 ausgerufen haben, scheint in Sachsen noch nicht angebrochen zu sein. Die sächsische Landeskirche beteiligt sich an ihm nicht. »Aber ich glaube, es gibt in den Kirchgemeinden ein Bedürfnis nach Stille. Und auch ein Defizit«, sagt der Leiter des Grumbacher »Hauses der Stille«, Pfarrer Heiner Bludau. »Stille braucht Begleitung und Anleitung, und sie braucht gestaltete Räume und Zeiten.«

Selbst im Alltag eines einzelnen Menschen ist es oft schwer, diese Räume und Zeiten zu finden. Ingrid Grütze weiß das, sie leitet die Finanzverwaltung für 105 kirchliche Einrichtungen und Gemeinden in Dresden, ihr Tag ist übervoll mit Kolonnen von Zahlen. Dazu die Familie, der Bauernhof.

»Wenn man im Alltag wenig Zeit hat, muss man für den Glauben in die Tiefe bohren«, sagt die 53-Jährige. Früh, bevor sie zur Arbeit aufbricht, nimmt sie sich zehn Minuten Stille mit einem Bibeltext. Im Stau, in der Warteschlange oder bevor sie eine neue Arbeit beginnt, hält sie manches Mal kurz inne und betet stumm.

Doch es gab Zeiten, da war die Stille für Ingrid Grütze nur noch eine leere Wüste. Ein Nichts. Gott war verborgen. »Alles schien sich gegen mich zu wenden, alles passte nicht mehr zusammen«, erinnert sie sich an die Zeit vor zwei Jahren, als der Aufbau der Kassenverwaltung mit all den Widerständen und dem enormen Arbeitsdruck auf ihr lastete. Manchmal konnte sie nicht einmal mehr beten. Nur das Vater-Unser hatte sie noch im Herzen, das sie – wie Martin Luther einst – immer wieder stumm hin und her bewegte: »Dein Wille geschehe, nicht mein Wille geschehe.«

Erst als sie nichts mehr erzwingen wollte, und auch in der Stille Gott nicht herbeizwingen konnte – dann erst kam die Befreiung. »Es war die Antwort von Gott: Lass dich fallen, ich helfe dir.« Die Stille hat Ingrid Grütze die Sinne für diese Antwort geschärft, ehe sie sich ganz unvermittelt in einem Gespräch mit ihrem geistlichen Begleiter einstellte.
Die Stille hat auch ihren Blick verändert: Für die Dinge, hinter denen sie die Geschenke Gottes erblicken kann. Und für Gott selbst, der ihr in den Menschen begegnet – auch in den unscheinbaren und den anstrengenden.

Andreas Roth

www.jahr-der-stille.de

www.haus-der-stille.net

Homepage von Matthias Jacob: www.sitzen-schweigen-hoeren.de

Sei ein Narr

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Der Karneval ist katholisch? Von wegen. Auch Pro­testanten feiern Fasching – denn Christen haben Grund zum Fröhlichsein.

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Ein Narr hat in der Wissensgesellschaft nicht viel zu melden. In Radeburg aber jubeln sie Jürgen Guller zu. Zehntausende. Guller winkt, die golden-blau geschweifte Narrenkappe fest auf dem Kopf – so wie die anderen zehn Männer des Elferrates neben ihm auf dem Wagen im Festumzug. Hinter ihnen ragt eine irrwitzig große Narrenkappe empor. Der Ernst des Lebens steht Kopf jedes Jahr am Faschingsdienstag. Der Mummenschanz kann beginnen.

Wer da glaubt, Karneval sei nur etwas für Rheinländer und Katholiken, wird in Radeburg eines Besseren belehrt: Jürgen Guller ist evangelisch. Und unter der Kappe, die der Narr des Mittelalters mit Freude am gottesfernen Frevel und der Lust am Laster trug, verbergen sich heutzutage andere Gedanken: »Im Karneval drückt sich die Freude aus, die man als Christ leben kann«, sagt Guller. »Er ist eine schöne Art, mit anderen Menschen fröhlich zu sein und dafür zu sorgen, dass sie auch Freude haben.«

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Jürgen Guller die meiste Zeit seines Tages mit Menschen zu tun hat, die keine Witze reißen. Er ist der Friedhofsmeister der Radeburger Kirchgemeinde. »Da erfahre ich oft aus erster Hand, wie schwer es ist, wenn Menschen allein sind und mit niemandem Glück und Freude teilen können.« Der Karneval, sagt Guller, baue ihn wieder auf. Ein Lebenselexier ist er. Und eine Gegenwelt.

Das war der Karneval immer. Im Mittelalter kehrten die Narren zu ihren Festen die Welt um: Die kleinen Leute durften die Mächtigen spielen und verspotten. Die Kirche duldete das sinnenfreudige Spektakel. Denn je ärger das teuflische Treiben der Narren, um so größer die Notwendigkeit zur Umkehr und das Aufleuchten der Herrschaft Gottes ab dem Aschermittwoch. Denn da beginnt die vorösterliche Fastenzeit – und Schluss ist es mit der Narretei. Die Reformation indes machte auch mit der Fastenzeit Schluss, und damit auch mit dem Karneval und seinem Kontrast von Sünde und Buße.

»Fasching ist eine Lockerungsübung und ein Lehrmeister«, sagt der Dresdner Pfarrer Andreas Horn. »Ich kann einmal aus der eigenen festgefahrenen Rolle fallen und spielerisch ein anderer sein. Gott lässt in jedem von uns noch Begabungen und Möglichkeiten schlummern, die wir entdecken können.« Fasching, sagt der Theologe, dessen Kirchgemeinde in Dresden-Leubnitz jedes Jahr feiert, könne ein Neuanfang sein. Und auch die Erfahrung von Vergebung.

Hinter der bunten Maske des Karnevals ist indes der Abgrund menschlicher Freiheit ebenfalls nicht weit. Der fröhliche Rheinländer Otto Guse – mittlerweile Vogtländer und Präsident der sächsischen Landessynode – hat manchen Rosenmontag in einem Düsseldorfer Krankenhaus gearbeitet und sturzbetrunkene 14-Jährige versorgt. »Den Karneval vermisse ich in Sachsen nicht«, sagt er. »Meine Fröhlichkeit kommt aus der Erkenntnis, dass die letzten Fragen des Lebens beantwortet sind.«

Auch mancher Seelsorger schaut mit einer Portion Skepsis auf das bunte Treiben. Doch die Scheidungsrate in der Karnevalsfestung Radeburg sei nicht höher als anderswo, versichert Elferratsmitglied Jürgen Guller – trotz der Wandbilder im Saal des Vereinslokals »Zum Hirsch«, die das prekäre Verhältnis der Geschlechter recht unzweideutig zum Thema haben. An den Faschingssonnabenden schwitzen auf dem Parkett die Massen, die Band spielt einen Marsch, die Funkengarde hebt die Beine, die Bar schenkt aus, die Witze von der Bühne zünden, so oder so. »Das Leben ist schon die Woche über voller Probleme«, sagt der Radeburger Karnevalspräsident Olaf Häßlich. »Jeder Mensch braucht einmal ein Ventil. Wir leben das offensiver und öffnen das Ventil freiwillig.«

Wenn sich der Präsident umschaut, sieht er Arbeitslose und Geschäftsführer miteinander schunkeln und Bier trinken. »Viel kirchlicher«, sagt Häßlich, »geht’s ja nicht.«

Andreas Roth

Ohne Wegweiser unterwegs

4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Mit freundlicher Genehmigung von © TomTom International BV.

Mit freundlicher Genehmigung von © TomTom International BV.

Die evangelische Kirche will stärker ausstrahlen – obwohl sie immer kleiner wird. Doch der Reformprozess stockt in Sachsen.

Es kann sich durchaus etwas bewegen. Die ganze Kirche sogar. Sie kann aufbrechen und zu den Menschen gehen: Zu den Feuerwehrleuten etwa, oder zu den Kanalreinigern. Genau das wollen Christen aus dem Dorf Döben im Leipziger Land im März in ihrer Bibelwoche tun. »Wir wollen zuhören, was die wirklichen Probleme der Menschen sind«, sagt Pfarrerin Beate Schelmat-von Kirchbach. So wie Jesus.

Den Anstoß dazu brachte die Theologin von der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit, zu der sich im vergangenen September rund 1200 Delegierte aus allen Landeskirchen in Kassel trafen. Die Aufgabe lautet: Wie kann die Kirche mit ihrer Botschaft mehr Ausstrahlung gewinnen –trotz sinkender Mitgliederzahlen und Finanzen? Der Reformprozess »Kirche im Aufbruch« soll helfen. Doch ist er auch in Sachsen angekommen?

Das fragte eine Tagung der Evangelischen Akademie Meißen am 29. und 30. Januar. Eine erste Antwort gibt schon der Blick auf die Teilnehmerliste: Nur 35 Menschen hatten sich angemeldet, vor allem hauptamtliche Mitarbeiter, und kaum Synodale oder Kirchvorsteher. Von den 29 sächsischen Delegierten bei der Kasseler EKD-Zukunftswerkstatt fehlte fast die Hälfte – darunter viele hohe Repräsentanten der Landeskirche.

»Es war nicht einfach, zur EKD-Reforminitiative konkrete Beispiele aus der Praxis unserer Landeskirche zu finden«, sagt Joachim Wilzki von der Meißener Ehrenamtsakademie, der die Tagung mit organisierte. Dabei wachsen auch in Sachsen Ideen, die von der Kasseler Zukunftswerkstatt angestoßen wurden. So lädt der Kirchenbezirk Leipzig am 17. April erstmals seine Kirchvorsteher dazu ein, sich über gelungene Projekte aus den Gemeinden auszutauschen. »Wir kirchlichen Mitarbeiter lassen uns nicht gern in die Karten schauen«, weiß Pfarrerin Angelika Biskupski vom Leipziger Amt für Gemeindedienst. »Dabei könnten wir viel voneinander lernen – auch von den Misserfolgen.«

Sächsische Vertreter arbeiten auch an dem Projekt »Erwachsen glauben« der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD mit, die ein neues Konzept für Glaubenskurse entwickeln will. Und im Kirchenbezirk Anna­berg werden in diesem Jahr Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren in einer Arbeitsgruppe mit dem Namen »Kirche mit Visionen« in die Zukunft denken.

»Doch während Kirchvorsteher sehr offen für neue Ideen sind, kommen nach unserer Erfahrung die meisten Vorbehalte von den Pfarrern«, sagt der Annaberger Bezirkskatechet Klaus Mehlhorn. Den Leiter des Meißner Pastoralkollegs, Thomas Schönfuß, wundert das nicht. »Die Sprache der EKD-Reformdiskussion mit Begriffen wie Qualitätssicherung erleben viele Pfarrer als Kritik an ihrer Arbeit. So können Kränkungen und Druck entstehen«, hat er in Beratungsgesprächen erfahren. »Eine Sehnsucht nach Veränderungen zu entwickeln – das würde Pfarrern helfen.«

Doch statt ermutigender Beispiele und einer lebendigen theologischen und praktischen Diskussion finden kirchliche Mitarbeiter in Broschüren oder auf der Internetseite der sächsischen Landeskirche nur einige Positionspapiere aus dem Jahr 2007. »Wenn das Thema niemand für sich entdeckt, fällt es unten durch«, fürchtet der Großenhainer Superintendent Eckhard Klabunde. Er regt an, das erste landeskirchliche Positionspapier zum Reformprozess von 2007 fortzuschreiben.

Wie schwer es ist, Menschen in den Kirchgemeinden für den Reformprozess zu gewinnen, hat Martina Hergt erfahren. Die Leipziger Kantorin war eine der sächsischen Delegierten bei der EKD-Zukunftswerkstatt in Kassel. »Doch in meiner Gemeinde war kaum Zeit oder das Bedürfnis, etwas davon zu erfahren«, sagt sie. Dabei weiß sie: Der ganze Reformprozess wird nur gelingen, wenn Menschen Feuer fangen. Und sich begeistern lassen.

Andreas Roth

Angst vor Zuhause

28. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Darüber spricht man nicht: Gewalt in der Familie. Sie ist alltäglich. Doch es gibt Hilfsangebote – und die Hoffnung, dass Gott auf Seiten der Opfer steht.

Foto: Laurent Hamels (Fotolia.com)

Foto: Laurent Hamels (Fotolia.com)

Wir hätten so eine schöne Familie sein können. Manchmal denkt sie das. »Ich habe meinen Mann geliebt, wollte mit ihm alt werden.« Die gemeinsame Tochter hielt sie im Arm, als er ihr das erste Mal an den Hals ging. Sie erkannte ihn nicht wieder. Dann rannte sie hin­aus auf die Straße. In Hausschuhen, ohne Jacke. Es war Winter.

Da glaubte Anja Steiner (Name geändert): Das wird nie wieder geschehen. Doch sie irrte sich. »Nach außen haben wir die glückliche Familie gespielt«, sagt die kleine Frau mit den ernsten Augen. In ihnen spiegelt sich noch die Angst vor den Schlägen: Wie ein Hase in einer Ecke, sagt sie, so ein Gefühl war das. Die junge Frau versuchte sich zu töten. Als sie aus dem Krankenhaus kam, ging sie zurück zu ihrem Mann. Weil sie so gern eine Familie haben wollte, die sie nie hatte – ihr Stiefvater schlug ihre Mutter. Weil sie diese Angst schon als Kind verinnerlicht hatte. Weil ihr Mann sagte: Du bist nichts, Du kannst nichts. Und weil sie das glaubte.

Nachdem Anja Steiner ein zweites Mal versuchte hatte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, packte sie vor acht Jahren ihre Sachen. Mit ihren zwei Töchtern fuhr sie in eine neue Wohnung. Ihr Mann aber nahm ihr noch am selben Abend alles: Die Kinder zog er mit sich und überzeugte Jugendamt und Gericht, dass sie bei ihm in ihrer alten Umgebung besser aufgehoben seien. Und die Freiheit nahm er seiner Frau auch. Er lauerte vor der Tür ihrer Wohnung, drohte ihr, wollte sie zurück. »Ich war wie besessen vor Angst«, sagt Anja Steiner.

Sie sah nur noch eine Zuflucht, von der sie lange nicht wusste, dass es sie gibt: Das SOS Mütterzentrum in Zwickau. Dort fand sie Menschen, die ihr glaubten, sie schätzten. Und vor allem: eine sichere Wohnung. »Ich fühlte mich aufgehoben, geborgen.« Das erste Mal nach sehr langer Zeit.

677 Frauen haben im Jahr 2008 in den 19 sächsischen Frauenschutzhäusern Zuflucht gesucht – und 639 Kinder, die von der körperlichen und seelischen Gewalt in ihren Familien ebenfalls betroffen sind. Jede vierte Frau in Deutschland hat nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums minde­stens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt in ihren Beziehungen erlitten. Über die Zahl der betroffenen Männer gibt es nur Mutmaßungen.

Doch ob Kinder, Frauen oder Männer – die Opfer bleiben oft allein. Auch in Kirchgemeinden. »Die Erfahrung von Gewalt trifft einen Menschen in seinem Kern und macht ihn einsam«, sagt Tilo Mahn, der Leiter des Leipziger Instituts für Seelsorge und Gemeindepraxis. Erfahren kirchliche Mitarbeiter davon, sind sie nicht selten erschrocken und hilflos.
»Es gibt eine Scham, darüber zu reden«, so Mahn, der Pfarrer ausbildet und berät. »Doch in den Kirchgemeinden wächst die Sensibilität für dieses Thema.«

Um dies zu befördern, bietet die Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche Kathrin Wallrabe den Gemeinden Informationsveranstaltungen und Beratung an.
Das ist auch dringend nötig. Denn die Traditionen von Bibel und Kirche haben zu oft das Gegenteil gepredigt: Ein machtvoller Vater-Gott wird zum Abbild des gewalttätigen Mannes. »Christen nehmen Leid oft an und wollen eine Familie nicht zerstören«, sagt Kathrin Wallrabe.

Dabei ist der Gott der Bibel, wie er sich in Jesus zeigt, ganz parteilich – auf der Seite der Machtlosen und Erniedrigten.

Auf der Seite von Frauen wie Anja Steiner. Im Zwickauer SOS Mütterzentrum hat sie viel gewonnen: Selbstvertrauen, Sicherheit. Sie schließt keine Türen mehr ab, sie fühlt sich stark – auch stark genug, um wieder glücklich zu sein. Doch der Verlust ihrer beiden Kinder schmerzt. »Hat Papa Dich geschlagen?«, fragte neulich ihre elfjährige Tochter. Anja Steiner schwieg, sie will dem Kind das Bild des Vaters nicht zerstören. Doch es kommt der Tag, an dem wird sie es erzählen.

Andreas Roth

Alle Hilfs- und Beratungsangebote bei häuslicher Gewalt in Sachsen: www.gewaltfreies-zuhause.de

Segen als Spektakel

21. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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© Carbonbrain (Fotolia.com)

Kirchlicher Segen für Feuerwehrhäuser, Autobahnen oder Landepisten – für evangelische Pfarrer bedeutet das eine Gratwanderung.

Ein etwas flattriges Gefühl habe er schon gehabt, erinnert sich Daniel Huth, Gemeindepfarrer im ostsächsischen Obercunnersdorf. Die Freiwillige Feuerwehr in dem 2100-Einwohner-Ort hatte ein neues Depot bauen lassen. Nun, so bat der Bürgermeister, sollte der Kirchenmann den Segen spenden. Für evangelische Pfarrer beginnt hier unsicheres Terrain.

Wo der katholische Amtsbruder frohgemut den Weihwasserwedel schwingen darf, muss der protestantische Würdenträger feine Unterschiede beachten. Denn Dinge werden in der evangelischen Kirche nicht geweiht. Der Segen jedoch ist mehr als fromme Untermalung eines Ereignisses: Er ist eine Bitte um Gottes Zuwendung – und Dank an den Schöpfer. Sieht man den Segen so, dann ist er auch Verpflichtung zu sozialer Verantwortung.

»Wichtig ist für die Leute, dass es gut ist, was wir von Gott sagen«, meint Pfarrer Huth. Ohne zu wissen, wie das bei seinen mehrheitlich atheistischen Zuhörern ankommen würde, las er aus der Bibel, wählte deutliche Worte vom christlichen Glauben, sprach Vaterunser und Segen. Die Reaktionen darauf seien nur positiv gewesen. Die Versammelten hätten das als sehr würdig empfunden.

Der Leipziger Superintendent Martin Henker hat seinen Auftritt gemeinsam mit dem katholischen Propst bei der Eröffnung des BMW-Werkes in weniger guter Erinnerung. Eine Event-Agentur hatte das Spektakel minutiös geplant. Aufstehen zu Vaterunser oder Segen ging nicht – aus Sicherheitsgründen. Etwas besser fühlte er sich bei der Freigabe der Südumfahrung der Autobahn 38. »Wenn dort Menschen sind, denen der Segen Gottes für das, was sie gebaut haben oder wo sie arbeiten, wichtig ist, dann kann ich damit leben, bloß ein Punkt in einem größeren Event zu sein.«

Wie sehr man als Pfarrer in ein Gesamtszenario eingebaut sein kann, hat Albrecht Nollau, Superintendent von Dresden Nord bei der Einweihung der neuen Start- und Landebahn des Dresdner Flughafens erfahren. Mit Bibelwort, Gebet und Segen Eigenes zu gestalten vor Leuten, die mit Sektgläsern in der Hand neben dem kalten Büfett stehen, sei schon schwierig. »Das ist eine Gratwanderung.«

Und mitunter könne einem die Einrichtung, vor der man den Segen erteile, Konflikte bescheren, erzählt Nollau. Ein Kollege in Freiberg zum Beispiel sei bei der Einweihung des neuen Sudhauses der Brauerei aufgetreten. Daraufhin habe es Kritik von Blauem Kreuz und Diakonie gehagelt.

Man sollte auch mal Nein sagen, meint Peter Meis, Superintendent von Dresden Mitte. Das habe er getan, als ihn die Organisatoren baten, den Striezelmarkt zu segnen. »Ich muss nicht als Pfarrer zwischen Pflaumentoffel und Schneemann stehen.« Zumal zur Eröffnung des Marktes bereits ein Gottesdienst in der Kreuzkirche gefeiert worden war.

Es gebe Situationen, da werde die Kirche geholt, damit es schön aussieht, sagt Peter Meis. »Hier muss man vorsichtig sein, um nicht die Würde kirchlicher Aufgaben zu gefährden.« Auf keinen Fall dürfe sich Kirche für populäre, parteipolitische, kommerzielle oder touristische Zwecke instrumentalisieren lassen.

Sich zu schnell zu verweigern, hält der Chemnitzer Superintendent Andreas Conzendorf indes nicht für sinnvoll. Bei der Einweihung des Autobahnkreuzes Chemnitz beispielsweise ist er aufgetreten. »Wir sollten jedem anständigen Wunsch entgegenkommen, wenn er der Wahrhaftigkeit keinen Schaden zufügt und die Ehre Gottes nicht beleidigt«, meint er.

Pfarrer Daniel Huth in Obercunnersdorf jedenfalls hat es nicht bereut. »Wir werden doch da von der Bevölkerung als Kirche angenommen.« Der Feuerwehr-Spielmannszug, so erzählt er, habe damals eigens »Nun danket alle Gott« einstudiert und intoniert. Zum ersten Mal.

Tomas Gärtner

Schritte zum Glauben

15. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Immer weniger Jugendliche lassen sich konfirmieren. Ein Zukunftskongress in Dresden sucht nach neuen Wegen in der Konfirmandenarbeit.

© Florian Weißenstein (Photocase)

© Florian Weißenstein (Photocase)

Wie kam der Esel in die Weihnachtsgeschichte? »Schlagt mal bei Jesaja das erste Kapitel auf«, sagt Pfarrer Eckehard Möller. Um ihn herum beginnt ein Rascheln: 18 Achtklässler blättern in ihren Bibeln. In dicken Winterjacken stehen sie vor dem spätgotischen Altar der Höckendorfer Kirche mit ihrer Weihnachtsdarstellung. Über ihnen der Triumphbogen ist fast eintausend Jahre alt. Hier trifft die lange Geschichte des Glaubens auf ihre Zukunft. Die ist noch schüchtern und fremdelt ein wenig.

Die Konfirmanden aus dem osterzgebirgischen Höckendorf und fünf Nachbarorten treffen sich schon seit drei Jahren nicht mehr jede Woche, wie es traditionell üblich ist – sondern einmal im Monat drei Stunden an einem Sonnabendvormittag. »In den geburtenschwachen Jahrgängen hatten wir in unserer Gemeinde manchmal nur noch drei Konfirmanden«, sagt Pfarrer Möller. Also legten die beiden Kirchspiele Höckendorf und Pretzschendorf ihre Konfirmandenangebote zusammen.

»Jetzt können wir ganze Themen im Block behandeln«, sagt die Pretzschendorfer Pfarrerin Sabine Münch. »Doch zugleich nimmt die Verbindung der Konfirmanden zu ihrer Kirchgemeinde und zu mir als Pfarrerin rapide ab. Aber ich sage den Jugendlichen: Wenn ihr in Zukunft Kirche wollt, müsst ihr dort hingehen, wo Gemeinde stattfindet. Wie hier.«

So wie die Zahl der Kirchenmitglieder insgesamt, sinkt auch die Zahl der Konfirmanden in der sächsischen Landeskirche, nur schneller: von 8700 vor zehn Jahren auf 4100 im vorletzten Jahr. Licht und Schatten zeigt auch eine 2009 fertiggestellte Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Sachsens Konfirmanden wollen viel wissen über Gott und die Bibel, sie wollen über ihren Glauben entscheiden können oder in ihm gestärkt werden – und das erleben sie auch in ihrem Unterricht. Doch zugleich sehen viele von ihnen kaum einen Bezug zu ihren eigenen Glaubensfragen. So bleiben sie nach ihrer Konfirmation oft der Kirche fern.

Die meisten Pfarrer wiederum geben in der Studie an, dass sie selbst nur hin und wieder mit ihrer eigenen Konfirmandenarbeit zufrieden sind.
Um daran etwas zu ändern, startete die sächsische Landeskirche vor anderthalb Jahren eine »Kampagne für den Konfirmandenunterricht« Sie mündet am 15. und 16. Januar in einen Zukunftskongress mit über 200 Pfarrern und Gemeinde­pädagogen in der Dresdner Dreikönigskirche.

»Der Pfarrer als Einzelkämpfer in Kleinstgruppen hat keine Zukunft«, sagt Gabriele Mendt, die Bildungsreferentin der Landeskirche. »Konfirmandenarbeit muss künftig stärker in regionaler Zusammenarbeit und im Team mit Gemeindepädagogen gemacht werden. Das entlastet die Pfarrer und erhöht die pädagogische Qualität.« Noch immer arbeiteten viele Pfarrer mit veralteten Methoden, stellt Gabriele Mendt fest. Deshalb soll als Ergebnis der Konfi-Kampagne ein Fortbildungspaket geschnürt werden.

Längst haben viele Kirchgemeinden in Sachsen damit begonnen, neue Wege auszuprobieren. Im Kirchspiel Geithain etwa verteilen sich die 50 Konfirmanden auf fünf verschiedene Junge Gemeinden. In der einen können sie Theater spielen, in einer anderen Fußball. »Wir müssen den Jugendlichen entgegenkommen und Anknüpfungspunkte bieten«, sagt Pfarrer Markus Helbig. »Wir integrieren sie in die Junge Gemeinde, damit es nach der Konfirmation nicht einen Bruch gibt.« Ein eigens erfundenes Kartenspiel mit Bibelversen setzt geistliche Themen. »Aber Wunder«, sagt Markus Helbig, »sollte man nicht erwarten.«

Oder vielleicht doch. Denn die EKD-Studie fand Überraschendes heraus: Nicht die Aussicht auf Feier und Geschenke lockt die meisten Jugendlichen in Sachsen zur Konfirmation, sondern der Wunsch nach dem Segen Gottes. Ihn zu erfahren – das ist der hohe Anspruch auch an den Konfirmandenunterricht.

Andreas Roth

Homepage der EKD-Studie zur Konfirmandenarbeit

Die Gebete der Kindheit

7. Januar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite

Zeichnung: Gerhard Burger/Archiv Evangelische Verlagsanstalt

Zeichnung: Gerhard Burger/Archiv Evangelische Verlagsanstalt

Wenn das Heute schnell versinkt – das ist Demenz. Immer mehr Menschen leiden daran. Ihr Glaube lebt von den Liedern und Versen aus ihrer Jugend.

Was es vorhin zum Frühstück gab? Frau D. weiß es nicht mehr. Sie lauscht. Die Augen in ihrem runzeligen Gesicht, die nach innen zu blicken scheinen, heben sich. Ihre auf den Fußstützen des Rollstuhls ruhenden Filzpantoffel fangen unmerklich zu wippen an. Dann stimmt sie ein. In einem brüchigen, aber klaren Sopran: »Es ist ein Ros entsprungen.«

Wie viele Jahre hat Frau D. im Chor ihrer Kirchgemeinde mitgesungen? Nun, schon weit über 80, versinkt die Welt um sie schnell wieder ins Nichts. Kaum etwas bleibt. Nur die Lieder ihrer Kindheit und Jugend, die alten Gebete. Frau D. ist demenzkrank – so wie die anderen alten Menschen, die sich jedem Montag im Altenpflegeheim Urbanushaus der Diakonie in Thurm zur Andacht treffen. Urike Weigel, die Hausleiterin, schiebt die Rollstühle zu einem Kreis. Dann erzählt sie die Weihnachtsgeschichte: langsam, ruhig, die Sätze oft wiederholend. Maria, Josef, die Schafe, Ochs und Esel lässt Ulrike Weigel reihum von den Alten betasten, bevor sie die kleinen Figuren in die hölzerne Krippe stellt.

Die Augen von Frau E. strahlen groß über ihren eingefallenen Wangen, auf die hingehaltenen Tiere aber sieht sie nicht. Die alte Dame neben ihr im Rollstuhl ist längst eingeschlafen, doch scheint sie zu lächeln. Frau S. schaut mürrisch, die ganze Zeit schon. Und Herr W. irrt ziellos umher. »Maria gebar Jesus und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe«, liest Ulrike Weigel das Evangelium. »Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.«

Dieses Gefühl dürften die Alten kennen. Denn vielerorts ist kaum Raum für Demenzkranke. »Darunter sind Menschen, die ihr Leben lang treu im Glauben gelebt haben und nun auch in Kirchgemeinden oft nicht mehr wahrgenommen werden«, sagt Oberkirchenrat Frank del Chin, der Seelsorgereferent der sächsischen Landeskirche. Dabei sind schon heute 76 000 Sachsen an Demenz erkrankt, in ganz Deutschland 1,1 Millionen. Die Zahl steigt steil an. Denn je länger Menschen leben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Eine Herausforderung auch für die Kirche.

Doch spezielle Angebote für Demenzkranke gibt es in der sächsischen Landeskirche kaum – das musste Sabine Schmerschneider von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen feststellen, als sie im vergangenen September den ersten Werkstatt-Tag zu diesem Thema veranstaltete. »Gottesdienste und Andachten haben für alte Menschen oft viel zu viel Wort und sind meist zu lang«, sagt sie.

Um haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für demenzkranke Menschen zu sensibilisieren, wird die Landeskirche im August eine Pfarrstelle eigens für die Weiterentwicklung der Seniorenarbeit einrichten. Im Auftrag der Landessynode soll zudem eine Handreichung zur Arbeit mit älteren Menschen herausgegeben werden, für die Oberkirchenrat Frank del Chin und Sabine Schmerschneider von der EEB derzeit nach guten Praxisbeispielen aus Kirchgemeinden suchen.

»Andachten für demenzkranke Menschen müssen so einfach wie möglich sein«, sagt Ulrike Weigel vom Urbanushaus in Thurm. »Mit wenig Sprache, dafür mit vertrauten Liedern und Gebeten. Berührung, Streicheln, ein schöner Duft, Musik – das ist die Seelsorge, die sie brauchen.« Sie sollte anknüpfen an die Lebensgeschichte des alten Menschen. Sie herauszufinden braucht viel Zeit und Behutsamkeit. Doch es lohnt sich, das weiß Ulrike Weigel.

»Das Christkind kommt ins Dunkle und in die Kälte. Auch zu Ihnen hier im Pflegeheim, in Sorge und in Traurigkeit«, sagt sie zu den Alten im Rollstuhlkreis. Ihre Gesichter scheinen sich kaum zu rühren. Doch als Ulrike Weigel die Weihnachtsgeschichte liest, leihen die Frauen wie auf ein geheimes Signal hin mit brechender Stimme, aber ganz sicher dem Engel ihre Stimmen: »Fürchtet Euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.«

Andreas Roth

Homepage Deutsche Alzheimer-Gesellschaft

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