Wenn Kirche wächst …
2. September 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Kirche wird immer kleiner – sie hat sich daran gewöhnt. Und ist kaum vorbereitet, wenn Mitgliederzahlen steigen.
Die Kirche schrumpft? Nicht in der Dresdner Neustadt. Die Kirchenbänke in einem Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche mussten weichen, um Platz für Kinderwagen zu schaffen. Die Konfirmanden passen nicht mehr in einen Raum, allein in diesem Jahr gibt es 60 Neuanmeldungen. Und im gesamten Kirchspiel Dresden-Neustadt lassen sich Jahr für Jahr gut 100 Menschen taufen, manchmal fünf in einem Gottesdienst. »Doch das ist nicht unser Verdienst – es liegt an der Stadtentwicklung«, sagt Albrecht Nollau, der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord.
Die Bevölkerung von Dresden und Leipzig wächst seit über zehn Jahren stetig – während der Rest Sachsens ebenso stetig immer mehr Einwohner verliert. Und auch in den beiden Halbmillionen-Städten profitieren nur die bei Familien besonders beliebten Stadtviertel von diesem Boom.
»Aber trotz eines Wachstums um fast ein Viertel seit 2003 auf heute 8469 Gemeindeglieder hat das Kirchspiel Dresden-Neustadt nicht eine einzige Mitarbeiterstelle mehr bekommen«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »In dieser Größe ist es sehr schwer, noch persönliche Kontakte zu halten. Taufgespräche, Besuche und Gruppen dauern ihre Zeit – und die lässt sich nicht beliebig vergrößern.«
Landesbischof Jochen Bohl hat sich im Frühling bei seinem Besuch im Kirchenbezirk Leipzig die Freuden und Sorgen wachsender Gemeinden angehört. In seinem Visitationsbericht schrieb er danach, »dass die Landeskirche die Kirchgemeinden in den Wachstumsregionen in veränderter Weise in den Blick nehmen will.« Wenn Gemeindegliederzahlen steigen, müsse entsprechend dem geltenden Personalschlüssel auch die Mitarbeiterzahl angepasst werden, so der Bischof.
In der Messestadt vergrößern sich die Kirchgemeinden besonders stark in der Südvorstadt und der Innenstadt, in Gohlis sowie im Leipziger Südwesten. »Als Kirchenbezirk möchten wir künftig die Möglichkeit haben, Pfarrstellen befristet an Schwerpunkte vergeben zu können, wo sie gebraucht werden – so wie wir es mit freien Gemeindepädagogen-Stellen heute schon tun«, sagt der Leipziger Superintendent Martin Henker.
Die Kirchengesetze lassen dies bisher nicht zu, mit Wachstum rechnen sie nicht. Dies wird eine der Herausforderungen sein für die achtköpfige Arbeitsgruppe, die je zur Hälfte aus Mitgliedern der Synode und des Landeskirchenamts besteht und seit Mai Konzepte für die zukünftige Struktur der Landeskirche erarbeitet. Denn ihre Gemeindeglieder werden immer weniger – und auch die Kirchensteuern. Es geht letztlich um die Verteilung knapper Personalstellen.
Dabei sitzen die Großstädte einer Überzahl an Vertretern ländlicher Kirchenbezirke gegenüber – in der Landessynode ebenso wie im Konvent der Superintendenten. »Für Stadtgemeinden mit steigenden Mitgliederzahlen muss eine Lösung her«, sagt der Plauener Superintendent Matthias Bartsch. »Aber das muss ein fairer Ausgleich sein. Denn in ländlichen Kirchenbezirken, in denen Pfarrer oft für zwei oder drei Kirchgemeinden zuständig sind, darf die Struktur nicht kaputtgehen.« Schon vor sechs Jahren führte die Landeskirche deshalb ein Solidarprinzip ein: In städtischen Kirchgemeinden soll auf 2000 Mitglieder eine Pfarrstelle kommen – auf dem Land genügen dafür 1600 Seelen.
Doch der Rückgang der ländlichen Bevölkerungszahlen und der finanziellen Mittel wird weiter anhalten – das Verteilungsproblem wird sich verschärfen. Die Städte dürften sich jedoch nicht aus der Solidarität mit den ländlichen Kirchenbezirken verabschieden, fordert Peter Meis, der Superintendent des ebenfalls wachsenden Kirchenbezirks Dresden Mitte: »Jetzt muss bei der Planung der landeskirchlichen Struktur darüber geredet werden, was gerecht ist.« Und wo die Chancen liegen für die Kirche, wenn sie zur Abwechslung einmal – wächst.
Andreas Roth
Das Gift der Stasi-Akten
25. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Vor 20 Jahren wurde die Öffnung der Stasi-Akten beschlossen. Sie versprühen ihr Gift noch lange nach dem Ende der DDR.
Er könne seinen ganzen Urlaub nehmen, hatte man ihm gesagt. So viel würde er brauchen, um die Akten zu lesen. Gut 2000 Seiten in zwölf Ordnern. Als Dieter R. sie aufschlägt in dem nüchternen Lesesaal der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde, ist es sein Körper, der zuerst reagiert: Der Mann mit den weichen Gesichtszügen und ruhigen Augen bekommt Fieber, Kopfschmerzen, fühlt Kälte am ganzen Körper.
30 inoffizielle Mitarbeiter (IM) hatte die DDR-Staatssicherheit auf den Kirchenmitarbeiter angesetzt, las er da, darunter Kollegen, Leute aus seiner Stammsauna, Christen – und sein bester Freund. Ziel des »Operativen Vorgangs Steuer« war es laut Akten, eine »Haftgrundlage zu schaffen« für den als Staatsfeind und BND-Spion verdächtigten R. Dabei hatte sich der heute 73-jährige Betriebswirt aus einem Dorf nahe Zwickau nur nicht mit der Enteignung der Firma seiner Familie abfinden wollen. Seine Mutter war aus Gram über dieses Unrecht 1972 gestorben – der Sohn kämpfte weiter.
»IM ›Fred‹ hat ein gutes persönliches Verhältnis zu R.«, lobt die Kreisdienststelle Zwickau der Staatssicherheit in einem Aktenvermerk. Als Dieter R. all das liest, fährt er zu seinem besten Freund, dessen Namen er auch unter den IMs findet. Er sagt, dass er ihm verzeiht. Der Freund sagt, dass ihm vieles leid tut. Zerbrochen ist die Freundschaft trotzdem.
Es gibt unzählige solcher Geschichten in Ostdeutschland. Dass sie ans Tageslicht kamen, hat auch mit dem 24. August 1990 zu tun: Damals, vor genau 20 Jahren, beschloss die frei gewählte Volkskammer der DDR nahezu einstimmig die Sicherung und Nutzung der Stasi-Akten. Über 18000 Sachsen nehmen noch immer Jahr für Jahr Einsicht – und das Interesse wird nicht geringer.
»Die Akteneinsicht kann manchmal ein Auslöser für eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes sein – bis hin zu Nervenzusammenbrüchen«, weiß Norbert Mai. Er begleitet seit sieben Jahren in der Lebensberatungsstelle der Diakonie-Stadtmission Zwickau Opfer der SED-Diktatur. Die Stasi-Akten erzählen ihnen von Verrat und unwiederbringlich verbauten Chancen. »Das zu lesen ist immer hart«, sagt Michael Beleites, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. »Doch das kann auch befreiend sein – und Klarheit schaffen.«
Petra L. musste sogar lachen. Für einen kurzen Moment zumindest, als sie in dem 30 Zentimeter hohen Aktenstapel in der Chemnitzer Stasi-Unterlagenbehörde auf die Witze stieß, die sie Ende der 80er Jahre in ihrer oppositionellen Frauengruppe erzählt hatte. Spitzel hatten sie getreu notiert. »Doch dann war ich geschockt, wie weit die Stasi in unsere Privatsphäre eingedrungen war.« Ein Kollege der Kunstwissenschaftlerin hatte ihr privates Adressbuch kopiert. Und eine der sechs Frauen in der Zwickauer Gruppe schrieb Berichte für die Stasi.
Ein Gespräch darüber hat Petra L. mit ihr nie gesucht. Man grüßt sich noch, mehr ist nicht. Auch kein Zorn, nur eine Enttäuschung. »Sie weiß, dass ich es weiß«, sagt Petra L. »Und wer weiß, wie sie dazu gekommen ist?« 1990 war die Kunstwissenschaftlerin 27 Jahre alt: Jung genug, um die Möglichkeiten der neuen Zeit zu ergreifen. Und um dem Schatten der Stasi-Akten zu entkommen.
Der aber birgt für Dieter R. mehr Verrat. »Ich habe in den Akten über mich auch Gottes Handschrift gelesen«, sagt er. »Dort stand, dass ich schon so gut wie in Haft war – und nichts hat Gott zugelassen. Es wäre eine große Undankbarkeit gegenüber Gott, den IMs nicht zu vergeben.« Seine Frau, ihm gegenüber in der niedrigen Stube sitzend, wiegt den Kopf: Was wäre, wenn ihr Mann doch ins Gefängnis gekommen wäre oder wenn er sein Leben hätte lassen müssen? »Vielleicht wäre ich nicht so großzügig gewesen«, überlegt Ruth R. leise. Sie hat ihre Akte nie angefordert. Sie will es nicht wissen.
Andreas Roth

Pressefoto »DAS MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT - ALLTAG EINER BEHÖRDE« – ein Film von Christian Klemke und Jan N. Lorenzen, Deutschland 2002, 90 Minuten, Farbe (Vertrieb: Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Versunken und vergessen
20. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Hochwasser in Sachsen und Pakistan – doch das öffentliche Interesse ebbt schnell wieder ab. Dabei ist Hilfe nötig. Und ein Umdenken.
Die Angst wird bleiben. Und auch der bange Blick zum Himmel, auf Bäche und Flüsse, wenn im Wetterbericht wie am vergangenen Wochenende »örtlicher Starkregen« angekündigt wird. Die Flutwelle vom 7. und 8. August hat sich so wie die Wassermassen des Augusts 2002 tief in die Seelen vieler Sachsen eingegraben. Die Karawane der Journalisten, ihrer Zuschauer, Hörer und Leser ist längst weitergezogen.
Was bleibt, sind Menschen in Sachsen, denen das Wasser der Neiße und vieler Bäche Wohnung, Haus und Besitz zerstört hat. Was bleibt sind auch Unternehmen, die von den Wassermassen stillgelegt wurden – und mit ihnen viele Arbeitsplätze. Allein die Landkreise Görlitz und Bautzen schätzen die Schäden auf fast 400 Millionen Euro. Was bleibt sind auch die Trauer um die drei Menschen, die im erzgebirgischen Neukirchen von der Flut getötet wurden. In Tschechien und Polen kamen acht Menschen ums Leben, die wirtschaftlichen Schäden treffen Sachsens ärmere Nachbarn noch härter. Darüber spricht hierzulande kaum jemand.
Man könnte noch weiter nach Osten blicken: Nach Russland, wo wegen einer seit zwei Monate währenden Rekordhitze riesige Flächen in Flammen stehen. Oder nach Pakistan, wo eine Flut 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht und über 1400 getötet hat. Es trifft die Ärmsten der Armen. Doch Spenden fließen nur zögerlich, meldet das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen.
Was haben die Naturkatastrophen in Sachsen mit denen in Russland und Pakistan zu tun? »Jedes einzelne Ereignis ist ein Wetterereignis, aber in der Häufung haben diese Ereignisse etwas mit der Klimaerwärmung zu tun«, sagt der renommierte Klimaforscher Mojib Latif vom Leibnitz-Institut in Kiel: »Wir erwarten in Folge der globalen Erwärmung, dass sich Wetterextreme weltweit häufen.«
Doch ist dies ein blindes Schicksal, dem man sich ergeben muss? Vor gut 2500 Jahren vernichtete eine Heuschreckenplage im Land Juda die gesamte Ernte wie eine Flut oder Dürre. »Die Bauern sehen traurig drein, und die Gärtner weinen um den Weizen und um die Gerste«, schrieb damals der Prophet Joel. Mitten in diesem Elend rief er sein Volk zur Umkehr auf – zurück zu Gott und seinen Prinzipien.
Die Nächstenliebe ist so in Prinzip Gottes. »Als Christen sind wir aufgerufen, Menschen in Not beizustehen«, sagt der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Viele Menschen und auch Kirchgemeinden halfen in den letzten zwei Wochen den sächsischen Flutopfern ganz praktisch: beim Aufräumen, Reparieren und Beschaffen neuer Wohnräume. Die sächsische Diakonie unterstützte Familien mit 200 bis 300 Euro Soforthilfe pro Person und Instandsetzungsbeihilfen. 16 000 Euro Spenden sind bisher bei ihr eingegangen, die Diakonie Württemberg hat 240 000 Euro zugesagt. Die sächsische Landeskirche stellt 10 000 Euro für Pakistan zur Verfügung. Sie ruft zusammen mit der Diakonie Sachsen alle Kirchgemeinden auf, auch an die pakistanische Bevölkerung zu denken.
Wenn der Klimawandel global ist, muss auch Nächstenliebe global sein. Sie bedeutet dann mehr als Spenden. Sie stellt unangenehme Fragen: Wie viel Energie verbrauche ich, wie wird sie erzeugt, wie bewege ich mich fort? Diese Fragen bekommen mit den Flutkatastrophen in Sachsen und Pakistan ein Gesicht. Das Gesicht von leidenden Menschen.
Eine Umkehr ist stets radikal, das wusste auch schon der Prophet Joel vor 2500 Jahren. Er wusste aber auch von dem Versprechen Gottes für diejenigen, die eine Umkehr wagen: »Fürchte dich nicht!«
Andreas Roth
Spendenkonten der Diakonie Sachsen
bei der Landeskirchlichen Kredit-Genossenschaft Sachsen, BLZ 850 951 64:
- 100 030 101 für »Flut Sachsen 2010«;
- 100 100 100 für »Flut Polen und Tschechien 2010« sowie für »Pakistan Fluthilfe«.

Hochwasser in der pakistanischen Province Punjab © UN Photo/Evan Schneider | www.unmultimedia.org/photo/
Wege aus der Schuldenfalle
13. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Rund neun Prozent der privaten Haushalte in Sachsen sind überschuldet. Oft ist plötzliche Arbeitslosigkeit der Auslöser. Doch ein Neuanfang ist möglich.
Den Überblick über diesen großen Berg haben sie längst verloren. Linda und Rudolph Herbst* aus Böhlen bei Leipzig werden sich nicht einig darüber, wieviele Schulden sie in den vergangenen Jahren angehäuft haben. Es müssen um die 20 000 Euro sein, weiß Schuldnerberater Martin Schroeder. Das Paar, das er in der Beratungsstelle der Diakonie in Borna betreut, hat Schulden bei 17 Gläubigern – darunter Finanzamt, Versicherungen, aber auch Versandhäuser oder der Single-Freizeit-Club.
Dieser Schuldenberg ist unüberwindbar geworden. Immer wieder landen Rechnungen, Mahnungen und Bescheide im Briefkasten der Herbsts, doch die 37-Jährige und ihr 42-jähriger Mann haben selbst gerade das Nötigste zum Leben, werden von den Eltern unterstützt.
Das Paar ist kein Einzelfall. Laut sächsischem Sozialbericht waren 2006 neun Prozent der privaten Haushalte in Sachsen überschuldet, das heißt: dort können Schulden nicht mehr fristgerecht beglichen werden, weil das Einkommen gerade einmal für Lebensmittel, Versicherung und Energiekosten reicht. Wie eine Umfrage der Diakonie Sachsen zeigt, kommen vor allem Menschen, die vom Hartz-IV-Satz leben, in die Schuldnerberatungsstellen.
Auch Rudolph Herbst hat vor kurzem wieder seine Arbeit verloren. Seine Frau ist krankgeschrieben, die ärztlichen Auflagen sind hoch. »Wenn man nur vier Stunden am Tag arbeiten darf, davon nur zwei im Stehen, dann findet man doch keinen Job«, klagt die gelernte Hauswirtschafterin, die früher in einer Schulküche gearbeitet hat. Sie hat deshalb lieber aus dem Katalog bestellt, um später zahlen zu können. Den Großteil der Schulden hat jedoch ihr Mann mitgebracht. Seine Ex-Frau habe ihm das Geld aus der Tasche gezogen, erklärt er verärgert.
Seit 2007 kommt das Paar vier bis fünfmal im Jahr zu Martin Schroeder. Die Wartezeiten bei ihm sind lang und die Probleme akut: »Meist sind die Schulden ein Symptom für eine andere Sache, die plötzlich nicht mehr funktioniert, sei es die Partnerschaft, das eigene Geschäft oder der Beruf.«
Tatsächlich sind laut Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamtes von 2008 Arbeitslosigkeit, Trennung, Scheidung, Tod und Erkrankung sowie Sucht oft Auslöser für Überschuldung. Auch eine gescheiterte Selbstständigkeit oder Immobilienfinanzierung sowie unwirtschaftliche Haushaltsführung tauchen als Ursachen auf.
Gerade für Letzteres sieht Martin Schroeder auch unsere Gesellschaft in der Verantwortung. »Jeder Mensch hat eine gewisse Entscheidungsfreiheit, aber viele sind getrieben von bestimmten Werten und Vorstellungen, die uns vorgelebt werden.« Er spricht von materiellen Dingen, wie neuen Handys, deren Verträge teurer als die umworbenen 1 Euro sind und vor allem Jugendliche in die Schuldenfalle treiben. Sie sind laut Diakonie-Umfrage überdurchschnittlich stark von Überschuldung betroffen.
Doch es gibt auch Auswege. Zwar sind die Pläne zur Einrichtung einer Schuldenpräventionsstelle erst einmal gestoppt, weil die sächsische Landesregierung sparen muss. Die Schuldnerberatungen bleiben trotzdem erste Anlaufstelle, selbst wenn sie überlaufen sind und immer mehr unseriöse kommerzielle Schuldnerberatungen in den Markt drängen.
Berater Martin Schroeder strukturiert mit den Betroffenen ihre Probleme, zeigt auch rechtliche Möglichkeiten auf, die bis zum kompletten Schuldenerlass führen können. Für ihn ist wichtig, dass Linda und Rudolph Herbst die Knackpunkte für ihren Schuldenberg erkennen und lernen, mit weniger Geld auszukommen. »Man darf ihnen nicht ständig sagen, wofür sie alles Schuld tragen. Sie müssen auch daraus lernen können und eine Chance für einen Neuanfang bekommen.«
* Namen von der Redaktion geändert.
Maxie Thielemann
Jahresbericht 2009 der Schuldnerberatungsstellen der Diakonie Sachsen
www.diakonie-sachsen.de/presse/archiv21/library/data/sb_bericht_2009.pdf
Einfach Urlaub machen
5. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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In die Ferien fliegen: für viele Kinder in Sachsen nur ein Traum. Sie bleiben zu Hause, weil ihren Eltern das Geld fehlt.
Von Andreas Roth
Die Mutter tanzt. Mit wiegenden Schritten bewegt sie sich unter dem gotischen Gewölbe der Meißener Albrechtsburg zu Renaissance-Musik. Die kleine Frau mit den schwarzen Haaren sieht glücklich aus. Dabei hat Katrin Schütte (Namen aller Reiseteilnehmer geändert) gerade davon erzählt, dass sie schon lange keine Arbeit mehr hat, dass das Gehalt ihres Mannes gerade für das Nötigste reicht – für eine Ferienreise mit ihren drei Kindern jedoch reicht es nicht. Und doch machen sie jetzt gemeinsam Familienurlaub, das zweite Mal in ihrem Leben. Die acht Tage im Meißener Land hat der Kirchenbezirk Auerbach und dessen Diakonie für 20 Erwachsene und 25 Kinder, die allesamt von wenig Geld leben müssen, möglich gemacht.
»Wer hat denn das komponiert?«, fragt Katrin Schüttes Sohn Paul, als die Renaissance-Musik verklingt. Paul ist ein 16-Jähriger mit Basecap, weiten Hosen und einer freundlichen Ruhe, die von innen her kommt. Hat er etwas vermisst, wenn seine Klassenkameraden von ihren weiten Urlaubsreisen erzählten – während er schweigend zuhörte? »Eigentlich nicht«, sagt Paul. »Das passt so. Ich habe alles, was ich brauche.« Doch wenn er erzählt, wie er in diesen acht Julitagen in der Umgebung von Meißen mit den anderen Familien ein Wellenbad besuchte oder in einem Kletterwald auf Drahtseilen bis auf die höchsten Bäume kraxelte – dann leuchten auch Pauls Augen.
Schon der erste Urlaub in Pauls Leben vor zwei Jahren war ein Urlaub mit Karla Groschwitz. Die Sozialarbeiterin des Kirchenbezirks Auerbach bietet seit 2008 gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern jeden Sommer eine Freizeit für Eltern und Kinder mit wenig Einkommen an. Nur 50 Euro muss jede Familie für die acht Tage bezahlen. Die Gesamtkosten von 11 000 Euro übernehmen Staat, Kirche und Diakonie. Doch es bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Sachsen leben nur von Sozialhilfe oder vom Arbeitslosengeld ihrer Eltern. Und es werden immer mehr.
Anna Nguyens Töchter schlittern in übergroßen Filzpantoffeln unter den strengen Blicken der sächsischen Markgrafen über das Parkett der Meißener Albrechtsburg. Hin und wieder halten sie inne und blicken staunend auf die Wandgemälde mit Fürsten und Prinzessinnen. »Ich habe den Druck gespürt, dass man mit den Kindern doch etwas in den Ferien unternehmen muss«, sagt die Mutter aus Auerbach, die von Hartz IV lebt. »Gäbe es nicht dieses Angebot der Kirche, hätten die Kinder keine Chance auf Urlaub.«
Zwar unterstützt der Freistaat Sachsen finanziell arme Familien mit einem Zuschuss von bis zu 7,50 Euro pro Person und Urlaubstag, mancher Landkreis legt noch etwas drauf. Doch das Geld gibt es erst nach der Reise – und viele betroffenen Eltern haben kein Geld zum Vorschießen. Deshalb unterstützt die sächsische Diakonie seit diesem Jahr die Spendenaktion »Kindern Urlaub schenken« der Diakonie Mitteldeutschland. Mit über 10 000 Euro konnten in diesem Sommer 17 Familienprojekte in Sachsen unterstützt werden, darunter die Freizeit des Kirchenbezirks Auerbach im Meißener Land.
»Gott hat uns viele Schätze geschenkt. Aber wenn die Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, hat man keinen Blick dafür«, sagt die Kirchenbezirks-Sozialarbeiterin Karla Groschwitz. »Deshalb wollen wir die Eltern und ihre Kinder entlasten, denn sie sind von Gott geliebte Menschen.«
Anna Nguyen sitzt mit ihren Töchtern im Meißener Dom. Die Orgel braust und flötet. »Man muss nicht weit wegfahren, man kann auch am eigenen Ort etwas Schönes finden«, sagt Anna Nguyens elfjährige Tochter Valeria. Doch irgendwann – es ist ein Traum – will sie einmal nach Japan fliegen. Zum Kirschblütenfest.
Doppelt hält nicht besser
29. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Johannes tauft Jesus – so malte es Lucas Cranach der Jüngere 1560 für die Wittenberger Stadtkirche. Als Taufzeugen fügte er den Reformator Johannes Bugenhagen in das Bild ein. Foto: epd-Bild
Wiedertaufen spalten Gemeindegruppen. Dabei geht es um die Frage: Muss ich mir Gottes Liebe verdienen?
Drei Wochen nach der Taufe saßen sich die sechs Täuflinge und die beiden Pfarrer ihrer erzgebirgischen Kirchgemeinde gegenüber. Die Atmosphäre war frostig. Denn über die Köpfe der erwachsenen Männer und Frauen war im Herbst vergangenen Jahres nicht das erste Mal Taufwasser geflossen. Bereits als Kind hatten sie das Sakrament empfangen – und nun in einer Freikirche wiederholt.
»Der Glaube muss vor der Taufe kommen«, sagte einer von ihnen zur Begründung. Die Taufe eines ungläubigen Säuglings ist in ihren Augen nichts wert. Die sechs wollten sich erst bewusst für Jesus entscheiden und als Zeichen dafür getauft werden – zum zweiten Mal. Ein Mensch, der getauft ist und sich nicht konsequent für den Glauben entscheidet, der wird ihrer Meinung nach von Gott nicht gerettet.
»Aber in der Taufe schenkt Gott mir seine Gnade. Die hält mich auch, wenn ich keine Kraft mehr habe«, erwiderte der Pfarrer den drei Ehepaaren. Sie waren engagiert in der Landeskirchlichen Gemeinschaft und sind erfolgreich im Beruf. Eine Leistung wollen sie auch für Gott erbringen.
»Paulus schreibt: Du bekommst von Gott, was du eigentlich nicht verdient hast«, sagte der Pfarrer. »Doch mit einer Wiedertaufe will man sich das Heil verdienen.«
Das ist kein Einzelfall. Es gibt mehrere Kirchgemeinden in Sachsen, in denen sich Einzelne oder kleine Gruppen in den letzten Jahren für eine Wiedertaufe entschieden. Schmerzhafte Aspaltungen von der Gemeinde sind oft das Ergebnis. Genaue Zahlen nennt die Landeskirche nicht. Doch ihre Taufordnung formuliert unmissverständlich: Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus und seiner Kirche bleibe ein Leben lang gültig.
»Mit einer Wiedertaufe geschieht die Trennung von der Landeskirche, solange die Betreffenden sich nicht von der Wiedertaufe distanzieren«, so die Ordnung. Die sechs nochmals getauften Christen aus dem Erzgebirge trennten sich freiwillig von ihrer Kirche.
Schon Martin Luther kämpfte hart mit den Wiedertäufern – es kam in der Reformationszeit zu Hinrichtungen und Vertreibungen. Auf seiner Vollversammlung bekannte der Lutherische Weltbund am 22. Juli seine Schuld gegenüber der Verfolgung der mennonitischen Kirche und aller Täufer. Unverändert aber gilt für ihn Luthers Lehre: Die Taufe ist ein Geschenk Gottes - und kein menschlicher Verdienst.
Doch in einer Gesellschaft, in der ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, hat es ein Geschenk schwer. »In ganz Deutschland gibt es einen Trend zur Individualisierung«, sagt Gert Pickel, Professor für Religionssoziologie an der Universität Leipzig. »Man könnte die Wiedertaufe als bewusste Entscheidung stark individualisierter Menschen deuten, die selbst aktiv entscheiden wollen.«
Dabei sollte man die Motive der Menschen, die sich für eine erneute Taufe entscheiden, durchaus ernst nehmen, sagt Wolfgang Ratzmann, Leipziger Professor für Praktische Theologie. »Die Kirche muss über neue Formen nachdenken für Lebensentscheidungen wie einen Wiedereintritt in die Kirche – und auch dafür, dass uns immer neu bewusst wird: Ich bin getauft.«
Ratzmann verweist auf katholische Kirchgemeinden in Bayern. Sie begrüßen wiedereingetretene oder neu zugezogene Mitglieder mit einer liturgischen Zeremonie. Und erst unlängst versammelten sich im Semesterabschlussgottesdienst der Leipziger Universität Besucher um den Taufstein der Nikolaikirche, wo ihnen mit Wasser ein Kreuz auf die Handflächen gezeichnet wurde – als Erinnerung an ihre Taufe.
Die Landeskirche ruft im Rahmen des Reformationsjubiläums der EKD das nächste Jahr zum »Jahr der Taufe« aus. Dann sollen am 1. Mai Kirchgemeinden in Gottesdiensten eine Tauferinnerung für Kinder und Erwachsene anbieten. Über die Bedeutung der Taufe – so viel ist sicher – muss neu gesprochen werden.
Andreas Roth
Der Riss in der Seele
22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Für kranke Seelen gibt es Krankenhäuser. Dort stellen sich mitunter große Fragen: nach Liebe, nach Sinn und Sinnlosigkeit, nach Gott.
Ihren Blick hat die junge Frau in sich gekehrt. Ein rosa Schaltuch über das karierte Kleid geworfen, sitzt sie da. »Sie sehen so traurig aus«, sagt der Pfarrer. »Kommen Sie mit, es tut Ihnen gut. Sie müssen auch nichts sagen.« Sie steht auf, kommt mit. Und sagt nichts.
Drei Tage, fünf Tage, acht Tage, zwei Wochen – die sechs jungen Männer und Frauen, die sich in dem Raum um Pfarrer Rainer Petzold versammeln, nennen ihre wichtigsten Zahlen. Bei Nadine Krause (Namen aller Patienten geändert) sind es zehn Tage. Zehn Tage ist sie nun schon in der Drogenstation des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Zehn Tage Entgiftung vom Heroin.
Ein Gegengift, das der Krankenhausseelsorger jeden Mittwoch anbietet, ist das Gespräch über die Liebe: über die Nächstenliebe und die Liebe zu sich selbst, wie Jesus sie sah. Und über das schmerzliche Vermissen von Liebe. Über diesen Phantomschmerz, diese Wurzel der Sucht. Die traurige junge Frau auf dem Ledersofa beugt sich vor und hört aufmerksam zu. Sie lächelt kurz.
»Der Pfarrer hat mir Seiten an mir gezeigt, die ich so noch nicht gesehen habe – dass ich auch gute Seiten habe«, sagt die 28-Jährige. »Jetzt will ich Ruhe in mir finden. Ich glaube an Gott.«
Die Arnsdorfer Psychiatrie mit ihren sanatoriumsartigen Häusern liegt still in der Sommerglut. Der evangelische Klinikseelsorger Rainer Petzold begegnet hier Patienten, die sich für Jesus halten. Oder solchen, die sich in tiefster Depression von Gott und der Welt verlassen glauben. Andere hören Stimmen. Wieder andere werden von schweren Schuldgefühlen geplagt – obwohl sie niemandem etwas zu Leide taten.
Auf der Akut-Station wird Rainer Petzold von einem Lied empfangen. Anna Duricova hat ein lateinisches Zitat aus ihrem Gespräch mit dem Seelsorger flugs vertont. Nun singt die kleine Frau mit den ausdrucksstarken Augen und dem grünen Kleid. Sie ist hier, weil sie auf der Straße vor ihrer Wohnung gemalt und laut gesungen hatte. Eine Psychose, teilte man ihr mit.
»Ich brauche einen Geist, der zuhört und zum Gespräch bereit ist, wenn alle anderen versagen«, sagt die 47-Jährige Künstlerin über ihre Gespräche mit dem Pfarrer. »Mein Thema ist immer: woher, wohin und warum? Ich suche Antworten.«
Eine Antwort hat sie schon gefunden: Ihre Krankheit habe sie dazu gebracht, die Erde und die Menschen zu achten. Doch warum Jesus an einem Folter-Kreuz sterben musste, und warum überhaupt so viel Leid auf der Welt ist – diese Fragen in den Seelsorgegesprächen machen ihre glänzenden Augen klein und hart. Es ist ein Leiden, das keine Medizin lösen kann.
Am andere Ende des Krankenhausgeländes sitzt Klaus Reichelt in seinem Zimmer und kann kaum mehr beten. »Nur noch, wenn der Pfarrer freitags kommt«, sagt er. Einst war er selbst Pfarrer, man sieht es dem stillen Mann mit den klugen Augen unter der hohen Stirn noch an. Vor 30 Jahren war das, bis die Wahnvorstellungen kamen. Nun freut er sich an den Enten im Teich, das Reden fällt ihm schwer. Theologische Bücher hat Reichelt nicht mehr. Dafür den Sonntagsgottesdienst in der Krankenhauskirche.
Ein letztes Lied auf der Drogenstation. Fast sprechend fallen die Jugendlichen in des Gesang des Pfarrers ein. »Zwei Wochen habe ich hier noch vor mir«, sagt Nadine zu Rainer Petzold. Unruhig sieht sie zu Boden. Sie kämpft gegen das Heroin, gegen ihre Sucht, gegen die Gedanken an ihre kranke Mutter. Noch kämpft sie. Der Seelsorger macht ihr Mut.
Keine fünf Minuten später kommt eine Krankenschwester: Nadine hat sich entlassen. Sie ist weg, hat sich schutzlos ihrer Sucht ausgeliefert. Einen Zettel nahm sie mit, den sie sich vom Pfarrer gewünscht hatte. Darauf eine Zeile aus Schillers »Ode an die Freude«: »Wer auch nur eine Seele /sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund!«
Andreas Roth
Weltversammlung der lutherischen Christen
15. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Wenn sich in der kommenden Woche über 400 Abgesandte der 140 lutherischen Kirchen aus aller Welt in Stuttgart treffen, sind auch fünf Sachsen dabei.
Aus Lateinamerika kommt der Ruf nach einem Ende bewaffneter Konflikte, die »Millionen Menschen in aller Welt ihr tägliches Brot« nehmen. Europas lutherische Christen bekennen, »in vielfältiger Weise« versagt zu haben: Ressourcen vergeudet, Habgier toleriert und die Beziehungen zwischen Schöpfer und Schöpfung zerstört zu haben. Die Afrikaner fordern fairen Zugang zu Land, Wasser, Bildung und ein entschlossenes »Ja« zur Frauenordination. Vertreter der Christen aus den 140 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) haben ihre Botschaften formuliert. Vom 20. bis 27. Juli werden sie bei ihrer Vollversammlung in Stuttgart darüber sprechen unter dem Thema »Unser täglich Brot gib uns heute«.
Die sächsische Landeskirche entsendet fünf Teilnehmer. Neben Landesbischof Jochen Bohl sind das die Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze, die Medizinstudentin Stefanie Opitz als Jugendvertreterin, die Oberkirchenrätin Kathrin Schaefer aus dem Landeskirchenamt und der Synodenpräsident Otto Guse. Wie alle rund 400 Delegierten haben sie sich auf das Treffen vorbereitet und fahren mit unterschiedlichen Erwartungen nach Stuttgart.
Otto Guse will vor allem wissen, »welche Probleme die lutherischen Kirchen weltweit bewegen«. »Wir sind gut beraten zuzuhören«, sagt der Synodenpräsident. Denn zum Beispiel ökologische Fragen beträfen andere Länder und Kirchen in viel stärkerem Maße. »Und das Problem knapper werdender Mittel trifft uns bei weitem nicht so existentiell wie andere.« Zudem sei unser demografischer Wandel Afrikanern nicht zu vermitteln. »Das sind ganz junge Kirchen. Da werden wir sicher Erfahrungen mit nach Sachsen nehmen.«
Stefanie Opitz ist das Thema Ernährungsgerechtigkeit wichtig. »Auf unseren Freizeiten, Tagungen, in unseren Freizeitheimen nur fair gehandelte Produkte anzubieten – das wäre schon ein großer Gewinn, wenn wir das in unseren Landeskirchen erreichen könnten«, sagt die Medizinstudentin. In der vergangenen Woche hat sie sich in Dresden gemeinsam mit 120 Jugendvertretern aus aller Welt auf das Treffen in Stuttgart vorbereitet.
Und auch Antje Hinze interessiert, »was die Menschen, die kein täglich Brot haben, uns zu sagen« haben. Sie will aber auch dort mitreden, wo es um die Frauenordination geht. In dieser Frage ist sie der selben Meinung wie die afrikanischen Christinnen: »Viele Frauen hungern nach Anerkennung ihres Dienstes und nach der Möglichkeit, ihre Gaben für eine gerechte Welt einzusetzen«, so Hinze.
Noch ein anderes Thema liegt ihr am Herzen, obwohl es nicht auf der Tagesordnung steht: Der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in der Kirche. »Es gibt Menschen unter uns, die hungern nach Gottes Segen für ihre Beziehung, wir aber schließen sie aus.« Bei diesem Thema jedoch gibt es gegensätzliche Positionen in der weltweiten lutherischen Christenheit. Noch 2007, bei einer LWB-Ratstagung im schwedischen Lund, hatte Generalsekretär Ishmael Noko bekräftigt, dass die kontroverse Debatte über Ehe, Familie und Sexualität den Lutherischen Weltbund nicht spalten könne. Diesen Fragen müsse man sich stellen, hatte Noko damals gesagt. In ihrer Botschaft an die Vollversammlung bekräftigen die Vertreter Afrikas jedoch ihre Haltung, wonach allein die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott eingesetzt und gewollt sei.
Antje Hinze hofft, dass sich an diesem Thema die lutherische Christenheit nicht entzweit. Und sie erwartet von dem Treffen in Stuttgart »ein lebendiges Zeugnis aus einer Welt des Hungers, des Durstes, der Verzweiflung, das mich verändert«.
Christine Reuther
Trost tanken
8. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
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Tankstellen für die Seele sollen Autobahnkirchen sein. Menschen finden hier Gott – andere klagen über seine dunklen Seiten.
Wolken hängen über der Autobahn kurz vor Dresden. Der Mann und die Frau fahren der Beerdigung eines guten Freundes entgegen. Doch als sie das blaue Verkehrsschild mit der schwarzen Kirche sehen, biegen sie ab. Sie ziehen die Köpfe ein unter der niedrigen Tür einer Kirche. St. Jakobus heißt sie – eine Autobahnkirche im Landstädtchen Wilsdruff.
Bereitwillig zeigt das über 850 Jahre alte Gotteshaus den Besuchern seine Verletzungen: Der Putz blättert mit seinen Farben ab und legt die Feldsteine frei. Der Mann und die Frau halten inne. Sie steigen die zwei Stufen unter dem romanischen Bogen zum Altar empor und schreiben in das ausliegende Gebetbuch: »Diese Kirche gibt uns Kraft und Segen für die Weiterfahrt. Gott hilf uns auf unserem weiteren Lebensweg.«
Am selben Tag betritt eine andere Frau das romanische Gotteshaus. Oft hat sie hier schon Station gemacht. In kleiner, eiliger Schrift notiert sie ihre Furcht vor dem nahenden Ende ihrer Ehe: »Lieber Gott«, schreibt sie, »führe mich – aber es tut oft so weh.« Das nicht abreißende Rauschen der Autobahn dringt durch die kleine Tür und die schmalen Fenster in die alte Kirche. Es vermischt sich mit dem stummen Chor aus Gebeten, Gotteslob und Klagen, die in der Autobahnkirche ihre Herberge finden.
Die Wilsdruffer Jakobikirche steht wie die Kirche Peter und Paul in Uhyst und die 35 anderen Autobahnkirchen in Deutschland tagsüber offen. Sie lädt zum Ausruhen und Beten ein – ohne Vorbedingungen, auch ohne Kirchenmitgliedschaft, anonym.
»Wir haben den Eindruck, dass die Kirche gerade deshalb sehr angenommen wird«, sagt Werner Reinhuber. Als Bruder Martin gehört er zur evangelischen Christusträger-Bruderschaft. Die von ihm gegründete Stiftung »Leben und Arbeit« betreibt die Autobahnkirche seit 2005. Bruder Martin zählt die angezündeten Kerzen neben dem Buch mit den Anliegen. Über 4000 Kerzen werden jedes Jahr in der Wilsdruffer Jakobikirche angezündet, in Uhyst sind es 12 000. Jedes Licht eine Bitte.
Ein Kind kritzelt mit großer Schrift: »Lieber Gott beschütze uns«, ein Mann schreibt: »Herr hab Dank, dass Du uns vor einem schweren Unfall bewahrt hast« – von dieser Art sind viele Gebete in der Jakobikirche. Galt nicht der Jünger Jakobus im Mittelalter als Schutzpatron der Pilger und Reisenden? Die meisten Besucher werden das nicht wissen.
Doch dass sie sich auch als Pilger empfinden auf einer Reise mit Gott, diesen Eindruck gewinnt man in einer Autobahnkirche. Es sind heute oft schnelle Reisen, die unversehens im Stau stecken bleiben können und nur zähflüssig weitergehen. Wenn überhaupt. Mitunter passiert ein Unglück. »Herr, Du hast ihn wieder zu Dir genommen«, heißt es im Gebetbuch über den Tod eines kleinen Jungen. »Bitte gib den traurigen Eltern Kraft, mit dieser Entscheidung zu leben – Dein Frieden ist höher als unsere Vernunft.« Genau zwei Wochen später, wohl auf der Rückfahrt, ist von der selben kleinen Handschrift zu lesen: »Herr, gib uns Kraft für Deine dunklen Seiten!« Es klingt wie Hiob.
Morgens und abends sitzen die beiden Brüder der Christusträger im Chorraum der Wilsdruffer Autobahnkirche bei ihrem Tagzeitengebet. Sie schließen die in das dicke Buch geschriebenen Sorgen der Reisenden in ihre Bitten ein.
Manches Gebet aber ist schon im Moment seines Aussprechens vollendet. Und erfüllt. »Danke, dass Du mich auf Grund meiner Schuld nicht verworfen hast sondern mir entgegen gelaufen bist«, schreibt ein Besucher. Ein anderer: »Danke, dass ich dich hier besuchen durfte.«
Der Prophet Elia fand Gott in einem sanften Windhauch. Offenbar kann man ihn auch im Rauschen der Autobahnen antreffen.
Andreas Roth
Das liebe Geld
1. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Am 1. Juli 1990 wurde im Osten Deutschlands die D-Mark eingeführt. 20 Jahre danach ist der Finanzdruck für die sächsische Landeskirche groß.
Hoffnungen hat sie geweckt und Enttäuschungen hervorgebracht: die D-Mark, als sie am 1. Juli 1990 im Osten Deutschlands eingeführt wurde. Heute, zwanzig Jahre später, hat Reinhard Kersten, Finanzdezernent der sächsischen Landeskirche, da und dort den Ruf nach der D-Mark abermals vernommen. Diesmal als Ausweg aus den Euro-Turbulenzen. Doch das hält er für illusorisch.
Wirtschaft und Finanzsystem in Deutschland müssten mit den derzeit alles andere als komfortablen Bedingungen zurechtkommen, ebenso die sächsische Landeskirche. Diese habe die jüngste Finanzmarktkrise noch glimpflich überstanden, sagt Kersten. Ein Grund sei: »Als Kirche verfolgen wir eine viel konservativere und klassischere Anlagepolitik.« Und selbst beim schlimmstmöglichen Ereignis, dem Totalausfall aller Zinseinnahmen, würde das im 160-Millionen-Euro-Haushalt der Landeskirche mit lediglich zwei Prozent weniger Einnahmen zu Buche schlagen.
Wesentlich ärger freilich könnte sich die Wirtschaftskrise als Folge der Finanzkrise auswirken. »Und sie trifft uns zeitversetzt«, sagt Kersten. Die 2009 eingetretenen Verluste von Unternehmen würden erst 2011 und 2012 als Rückgang bei den Kirchensteuereinnahmen durchschlagen.
Bei alldem will die Landeskirche nun erst recht am verantwortlichen Umgang mit dem Geld festhalten. Im September soll ein »Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlagen in der evangelischen Kirche« als Empfehlung verabschiedet werden. Reinhard Kersten hat daran mit geschrieben. Ein Grundsatz darin: Beim Umgang mit dem Geld, das Menschen der Kirche anvertrauen, soll auf Sicherheit und Wirtschaftlichkeit geachtet werden. Ein weiterer: Bei Geldanlagen sollen Unternehmen vermieden werden, die Rüstungsgüter oder Pornografie produzieren sowie Kinder ausbeuten. Sogenannte Research-Agenturen sollen das überprüfen.
Verantwortlicher Umgang mit Geld bedeutet für Heinz Hartwig Böhmer, dass die Landeskirche es vor allem für ihren wichtigsten Auftrag – die Verkündigung des Evangeliums – ausgibt. Darauf achte der Finanzausschuss der Landessynode, dessen Vorsitzender Böhmer ist. Der Bevölkerungsschwund und der mit mehr Rentnern prozentual sinkende Anteil an Kirchensteuerzahlern bescherten der Landeskirche sinkende Einnahmen – ein Defizit von vier bis sechs Millionen in den kommenden vier Jahren. »Was wir an Geld einnehmen, gibt vor, wie die Struktur im Verkündigungsdienst aussehen wird«, sagt Böhmer.
Die Abhängigkeit der Kirchensteuer von Lohn- und Einkommenssteuer ist in den Augen von Kritikern längst in die Krise geraten. Einen Ausweg sieht Christoph Körner, Pfarrer im Ruhestand und zweiter Vorsitzender des Vereins Christen für gerechte Wirtschaftsordnung (CGW), in einer Kultur- und Sozialsteuer, wie sie etwa in Italien erhoben wird. Hinzu käme das schon jetzt in Sachsen übliche Kirchgeld als »Ortskirchensteuer«. Zugleich aber müssten sich die Gemeinden um Spenden bemühen.
All dies jedoch ändere noch nichts an einem grundlegenden Übel: dass man über Zins und Zinseszins aus bloßem Geld mehr Geld machen könne. »Grundlage einer Geldreform wäre die Erkenntnis, dass Geld nur als Tauschmittel und Wertmesser fungieren dürfte und von seiner Funktion als Schatzmittel, also Wertaufbewahrungsmittel befreit werden müsste«, sagt Christoph Körner. Solch große Veränderungen indes brauchten Zeit und ein anderes Bewusstsein.
Eine Alternative im Kleinen ist für ihn der »Zschopautaler«, eine Regionalwährung. Die verliert an Wert, wenn sie nicht in nützliche Dinge investiert wird. So seien in fast drei Jahren Spielgeräte für einen Kindergarten und drei Solardächer daraus finanziert worden. Doch erst zwei Kirchgemeinden beteiligten sich an der Regionalwährung, bedauert Körner. Dabei sieht er gerade in ihnen eine große Chance: »Die kleine christliche Gemeinde könnte eine Mikrokontrastgesellschaft zur großen kapitalistischen Gesellschaft sein und Vorbildcharakter haben.«
Tomas Gärtner
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