Verlässliche Freunde
8. März 2012 von Redaktion DER SONNTAG
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Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit leisten seit Jahren in Sachsen stille, aber verlässliche Arbeit.

Jüdisch-christlicher Dialog beim Kirchentag 2011 in Dresden: Der damalige Landesrabiner Salomo Almekias-Siegl stellt den christlichen Besuchern das Leben in der Synagoge vor. (Foto: Steffen Giersch)
»In Verantwortung für den Anderen« lautet das Motto für die »Woche der Brüderlichkeit« in diesem Jahr. Eröffnet wird sie am Sonntag im Leipziger Gewandhaus. Diese Verantwortung bestimmt auch den christlich-jüdischen Dialog in Sachsen.
Gestaltet wird er vor allem durch jene vier Organisationen, die unter dem Dach des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) zusammengeschlossen sind: kleine Initiativen mit wenig Geld und vielen Ehrenamtlichen.
In Dresden liegt deren Altersdurchschnitt bei 64 Jahren, wie GCJZ-Geschäftsführerin Esther Pofahl berichtet. Und Bettina Jordanov von der Görlitzer Gesellschaft sagt: »Wir hoffen auf neue jüngere Mitglieder«.
Als ihre wichtigste Aufgabe sehen es die Gesellschaften an, für ein gutes Verhältnis zu den jüdischen Gemeinden zu sorgen und aktiv gegen Antisemitismus einzutreten. Geschichte, Erinnerung spielen eine große Rolle. In Dresden etwa werden alljährlich zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus öffentlich Namen ermordeter Juden gelesen. Und eine Radtour führt an Stätten der Judenverfolgung.
Auch aktuelle Ereignisse können Auslöser sein. Wie in Zwickau. 2003 hatten Unbekannte dort den fast hundert Jahre alten jüdischen Friedhof verwüstet. Ein Pfarrer regte an, alle Grabsteine zu dokumentieren. Daraus entstand das Buch »Der Zwickauer Jüdische Friedhof – eine Dokumentation«. Die hebräischen Grabinschriften dafür übersetzte Ruth Röcher, Religionslehrerin der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Historische Aufklärung ist hier wie auch in den anderen Gesellschaften ein wichtiges Ziel.
Doch wollen sich die Akteure keineswegs auf Buchwissen beschränken, wie Timotheus Arndt von der Jüdisch-Christlichen Arbeitsgemeinschaft Leipzig betont: »Wir wollen vor allem vermitteln, wie Juden hier und heute leben. Es geht um das Ankommen in unserer Gesellschaft.« Im Blick haben sie dabei die Tatsache, dass die Jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren besonders durch russischsprachige Zuwanderer gewachsen sind. Sie stellen heute etwa 90 Prozent der Mitglieder.
In einzelnen Kirchgemeinden sei das Interesse an christlich-jüdischen Themen rege, berichten Organisatoren. Besonders dort, wo eine jüdische Gemeinde existiert. Doch für viele Christen sei es kein Thema, registriert Esther Pofahl aus Dresden. Meist engagierten sich Pfarrer im Ruhestand oder einzelne Gemeindemitglieder. »Seltener sieht man kirchliche Mitarbeiter bei den Veranstaltungen, am seltensten Pfarrer im aktiven Dienst«, sagt Timotheus Arndt. Dafür beteiligten sich etliche Konfessionslose.
Als enorm wichtig wird die Arbeit der Gesellschaften in allen drei jüdischen Gemeinden in Sachsen anerkannt. »Sie sind unsere Partner«, sagt Ruth Röcher (Chemnitz). »Seit langem ist es für die Dresdner Gemeinde sehr berührend und sehr beruhigend, mit der GCJZ einen Freund an unserer Seite zu wissen, auf den man sich verlassen kann«, sagt Vorsitzende Nora Goldenbogen.
Küf Kaufmann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Leipzig hebt hervor: »Menschen knüpfen hier Freundschaften – zwischen den Einzelnen und zwischen Familien.«
Mehr auf Israel und die Politik im Nahen Osten konzentrieren sich die Sächsischen Israelfreunde mit ihren rund 400 Mitgliedern und einem Freundeskreis von etwa 10.000 Interessierten. Seit 2004 beispielsweise schicken sie Freiwillige nach Israel, die Wohnungen von Holocaust-Überlebenden renovieren. Im Mai wollen sie in Reichenbach ein Bildungs- und Begegnungszentrum für jüdisch-christliche Geschichte und Kultur eröffnen.
Tomas Gärtner
»Woche der Brüderlichkeit«
11. März in Leipzig:
9.30 Uhr ökumenischer Gottesdienst in der Nikolaikirche;
11.30 Uhr zentrale Eröffnungsfeier mit Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Nikolaus Schneider im Gewandhaus.
Alles gut in Griechenland?
2. März 2012 von DER SONNTAG
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Europas Regierungen überlegen, wie sie Griechenland aus der Krise helfen können. Unsere Autorin schildert, wie sie den Alltag dort erlebt.
Als ich neu in Griechenland war, freute ich mich sehr über die Frage: »Ti kánis?« – »Wie geht es dir?«, die jeder Begrüßung voranging. Im Sprachunterricht lernte ich dann, dass es nur eine Floskel sei, auf die man rasch und mit einem Lächeln: »Kalá, kalá!« – »Gut, gut!« zu antworten habe. Aber auch nach anderthalb Jahren fällt es mir immer noch schwer, diese Frage nicht ernst zu nehmen. Ich empfinde sie nämlich nicht nur als ein harmloses Sprachelement.
Für mich macht sie manches sichtbar, was zu den Grundproblemen Griechenlands gehört. So ist es nicht gesellschaftsfähig, Defizite zu benennen und öffentlich zu diskutieren.
Sinnvolle Regeln werden als Bevormundung abgelehnt; ein Indiz dafür sind unkenntlich gemachte Verkehrsschilder und übersprühte Verbotstafeln.
Und was man noch irgendwie verdrängen kann, das muss man auch nicht zur Kenntnis nehmen. So kam ich nach dem Gottesdienst durch eine Straße voller wütender Demonstranten, die bewaffneten Polizisten brüllend gegenüberstanden – und nur eine Straße weiter saßen Menschen in Tavernen und Cafés und tranken fröhlich plaudernd ihren Frappé.
Dass es vielen Menschen hierzulande gar nicht gut geht, sehe ich an der Zunahme von alten und behinderten Bettlern in den Geschäftsstraßen, an den Flüchtlingen, die das Straßenbild mitprägen und an den unzähligen Schildern »zu verkaufen« an Autos, Geschäften, Wohnungen und Häusern.
Wer kann, verlässt das Land. 2012 rechnet der Staat angeblich mit 80.000 Ausreisenden. Die Selbstmordrate ist angestiegen. Auch in unseren Diasporagruppen der »Evangelischen Kirche deutscher Sprache Thessaloniki« gibt es Menschen, die sich kein Heizöl mehr leisten können oder nach dem Gottesdienst eine Tüte mit Lebensmitteln erhoffen. Dass Mülltonnen durchwühlt werden auf der Suche nach Ess- und Brauchbarem, ist keine Ausnahme mehr.
Die angekündigte dramatische Kürzung der Gehälter wird vor allem die Geringverdiener schwer treffen.
Kürzlich überraschte mich jemand mit einer Steigerung der »Wie-geht’s-Frage«. Da wurde mir nämlich munter entgegengerufen: »Alles gut?« Ich dachte, ich habe mich verhört.
Nein, natürlich ist nicht alles gut!
Gar nichts ist gut, so lange meine Schwester schwer krank im Bett liegt, Menschen in meiner Umgebung an Krebs sterben, begabte Fachleute ihre Arbeit verlieren, Betrüger durch Korruption zu Geld kommen und Leute voller Angst dem nächsten Tag entgegenzittern.
Es ist nicht alles gut – in diesem Land nicht und auf der weiten Welt nicht. Gerne würde ich eine neue Begrüßungsfrage einführen, nämlich: »Was ist gut?«
Gestern erzählte mir eine Frau, dass ihre griechischen Verwandten regelrecht mit den Fernsehnachrichten leben, pausenlos auf die Schreckensbotschaften vom Bildschirm hören und immer mutloser werden. Wir waren uns einig, dass es nicht Gottes Wille für uns sein kann, resigniert durch den schwierigen Alltag zu gehen. »Ich danke Gott«, so sagte die Frau, »sobald ich aufgestanden bin, denn er hat meinen Tag in der Hand. Ich lasse mich nicht dauerhaft herunterziehen von dem, was offensichtlich schief läuft im Land. Abends bitte ich ihn um Hilfe und Kraft.« Ist das nicht zu einfach gedacht? »Nein«, sagte sie, »denn wir werden die Krise nur überstehen, wenn sich die Menschen wieder auf Gott besinnen und beginnen, nach seinen Geboten zu leben.«
Wir haben dann angefangen, einander solche winzigen Hoffnungslichter aufzuzählen. Da war unser ökumenischer Neujahrsgottesdienst, zu dem Flüchtlinge eingeladen waren, die für hundert Leute gekocht haben. Ich dachte an meine Nachbarin, die mir von ihrer frischen Pita eine Kostprobe bringt. Der Bettler mit den deformierten Beinen freut sich über Schokolade von mir. Einer Frau, für die ich gebetet habe, geht es besser. In unsere Wohnung war während unserer Abwesenheit niemand eingebrochen. Wir konnten Heizöl kaufen.
Wenn wir wieder anfangen würden, uns zu erzählen, was gut ist in unserem Alltag, dann würde auch eine neue Dankbarkeit wachsen. Und wo Dankbarkeit ist, geschieht allmählich Veränderung. Dankbar zu sein, das kann inmitten einer Krise ein Opfer bedeuten.
In Anbetracht der Verheißung, dass im Dankopfer der Weg zum Heil Gottes begründet ist, erscheint mir das eine durchaus hoffnungsvolle Ausgangsbasis zu sein.
Caritas Führer
Caritas Führer lebt mit ihrem Mann, dem früheren Annaberger Superintendent Klaus-Michael Führer, in Thessaloniki.
Oma kommt nicht ins Heim
24. Februar 2012 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ein junger Mann geht einen ungewöhnlichen Schritt: Er pflegt seine Großmutter – ganztags. Das neue Pflegezeitgesetz hilft ihm nicht.
Martin Raschke* wirkt übernächtig. »Heute Nacht wurde ich alle zwei Stunden geweckt«, sagt der 30-Jährige. Man könnte meinen, ein junger Vater spricht über sein unruhiges Neugeborenes. Doch Martin pflegt seine Großmutter, Dora Neubauer. Seit ihrem Schlaganfall im Oktober ist sie halbseitig gelähmt und vollständig auf Hilfe angewiesen.
»Das war ein Schock und eine große Umstellung für uns alle«, sagt Martin Raschke. Drei Generationen wohnen im Haus der Raschkes unweit der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche, zu deren Gemeinde sie gehören. Die 92-jährige Großmutter im ersten Stock. Daneben Martins Eltern, die Schwester im Erdgeschoss. Auch Martin ist wieder die meiste Zeit im Haus, als guter Engel in Großmutters Wohnung. »Die Oma in ein Pflegeheim zu geben, kam für uns zu keinem Zeitpunkt in Frage«, erklärt er. Als Altenpfleger ist Raschke ernüchtert vom Alltag in den Heimen.
Stattdessen ist er eingesprungen. Für ein halbes Jahr nimmt er unbezahlten Sonderurlaub.
Seither gibt es für Martin kaum mehr Feierabende. »Einen Angehörigen zu pflegen ist mehr als ein Vollzeitjob«, sagt er. Er bereitet und reicht der Großmutter das Frühstück, hebt sie vom Bett zum Sessel, kocht das Mittagessen, führt zur Toilette, organisiert Arzttermine, fährt sie im Rollstuhl aus.
Entgegen aller Prognosen hat sich Dora Neubauers Zustand sehr verbessert. Familie Raschke weiß um Gottes Fügungen und Führungen.
Martin scheint dafür viel vom eigenen Leben zu opfern. Doch davon will er nichts wissen. »Für mich ist das selbstverständlich«, sagt er. »Das hat etwas mit Achtung vor den Älteren zu tun.« Er spricht davon, etwas zurückzugeben, das er einst empfangen hat. »Meine Oma stand Tag für Tag am Herd und hat mir Mittagessen gekocht«, erinnert er sich lächelnd. Nun kocht er für die Oma. Ein Geben und Nehmen zwischen den Generationen.
Raschkes sind dabei keine Ausnahme. Rund Dreiviertel der 2,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Dieser Einsatz hat seinen Preis. Mehrere Studien zeigen, dass pflegende Angehörige eher chronisch erkranken und unter Depressionen leiden. Zudem stellt sich das Problem, wie Beruf und Pflege vereinbart werden können.
Dem will nun das neue Pflegezeitgesetz abhelfen. Angehörige dürfen seit 2012 ihre Arbeitszeit für die Pflege reduzieren – allerdings verlieren sie damit auch einen Teil ihres Lohnes und müssen den Rest später wieder hereinarbeiten. »Dieses Gesetz nützt uns in unserer Situation nichts«, klagt Martin Raschke. Die Gehaltseinbußen seien zu hoch. Außerdem würden dem Pflegenden letztlich Schulden aufgebürdet. Eine nicht geringe Belastung, findet er.
Die Raschkes versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Martins Mutter übernimmt Nachtwachen, auch seine Schwester ist unterstützend zur Stelle. »Ganz allein ist die Pflege zu Hause nicht zu stemmen«, sagt Martin. Die Spaziergänge mit seinem Hund nutzt er ganz bewusst als Zeit für sich. Auch ist er nicht gänzlich eingezogen in Großmutters Wohnung. Zu diesem inneren und äußeren Abstand raten immer wieder die Experten.
Eines steht für Martin trotz aller Belastung fest: Er ist dankbar für die Zeit, die er noch mit seiner Oma verbringen darf. »Fast jeden Tag höre ich eine Geschichte aus ihrem langen Leben«, berichtet er. Und auch Dora Neubauer ist froh über ihren rührigen Enkel. »Es ist einfach schön, den Lebensweg mit seinen Lieben auch am Ende gemeinsam zu gehen«, sagt sie.
Die Funkklingel in Martins Hand piept. Es ist kurz nach 20 Uhr. Martin lächelt. »Jetzt möchte sie nochmal auf die Toilette, damit sie den Abendfilm durchhält. Das hat sie mir versprochen.« Auf den Film mit seiner Oma freut er sich schon den ganzen Tag.
Stefan Seidel
*Alle Namen von der Redaktion geändert
Schuldig unschuldig
22. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit – Zeit zur Umkehr. Doch es gibt Menschen, die schreckliches getan haben und dennoch vor Gericht als schuldunfähig gelten. Schwer zu verstehen für ihre Opfer.
Wenn in Großschweidnitz, einem kleinen Dorf südlich von Löbau, Gottesdienst gefeiert wird, dann sitzen sie manchmal ganz dicht beieinander: Kranke und Gesunde, Straftäter und freie Menschen. Die einzige Kirche des Ortes ist zugleich Kirche einer psychiatrischen Klinik, in der auch straftätig gewordene Menschen behandelt werden.
Irgendwann wird vor dem Altar eine Kerze angezündet. Einzelne treten nach vorn und beten in der Stille; sie halten Fürbitte. Manche dieser Menschen gehören zu den Straftätern der Klinik. Vielleicht beten sie für jene, denen sie Unrecht angetan haben, die sie gequält oder gar getötet haben. Doch weil sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen standen, haben Gerichte sie für vermindert schuldfähig erklärt und nach Großschweidnitz geschickt. Sie sprechen dort mit Psychologen, sie schreiben Briefe an ihre Opfer. Einmal im Monat lädt der Klinikseelsorger Peter Pertzsch die Patienten der geschlossenen Abteilung innerhalb der Klinik zu einer Andacht ein.
Schuldunfähig. Für die Opfer von Straftaten und ihre Angehörigen, besonders häufig aber auch für die Öffentlichkeit, die Kriminalität nur aus den Medien kennt, ist es oft unverständlich, warum jemand seiner gerechten Strafe entgehen soll und in einem Krankenhaus auf Staatskosten untergebracht wird.
Für Stephan Sutarski, forensischer Psychiater und gerichtlicher Gutachter aus Dresden, ist die verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit jedoch Folge einer nach »knallharten« Kriterien diagnostizierten Erkrankung, etwa einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Alkohol- oder Medikamentensucht: »Wer im Wahn oder im Rausch handelt, ist nicht fähig, sein Handeln nach moralischen Maßstäben zu steuern und sich schuldig zu machen.« Selbst wenn er weiß, dass seine Tat geltendem Recht widerspricht.
Doch ein Schuldunfähigkeitsurteil ist kein Freispruch. Schnell wird vergessen, dass die nachfolgende Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt oft ein ganzes Leben andauert, während bei einer lebenslänglichen Haftstrafe bereits nach 15 Jahren gute Chancen auf Entlassung bestehen.
Für die suchtkranken Patienten im Großschweidnitzer Maßregelvollzug ist zwar die Therapiedauer auf höchstens zwei Jahre festgelegt – die Angst davor, für immer »weggesperrt« zu ein, treibt manche dennoch um, wie Seelsorger Pertzsch berichtet: »Die Leute kommen zu mir, weil sie wissen, dass sie mir alles erzählen können.« Die Straftaten der Patienten bewertet Pertzsch nicht, die Gespräche drehen sich eher um »Vor-Ort-Befindlichkeiten«. Manchmal, ganz vorsichtig, bietet Pertzsch auch ein Gebet oder einen Segen an. Die Einladung zum Gitarrenunterricht kommt meist besser an.
Schwierig wäre es, müsste Pertzsch neben den Tätern auch die Opfer in seine Seelsorgearbeit einbeziehen. Er kann ihre Wut, ihre Ohnmacht verstehen. Und dennoch glaubt er, dass der Wunsch nach Vergeltung nur kurzzeitig entlastet, während Vergebung langfristig frei machen könne: »Vergebung bedeutet nicht, dass ich die Tat des anderen vergesse, sondern dass ich lerne, das Geschehene loszulassen und nach vorn zu schauen.«
Ähnlich formuliert es der Leipziger Theologieprofessor Rochus Leonhardt: »Kein Christ muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er eine Straftat nicht vergeben kann.« Es gehe darum, Vertrauen in die Urteilsfähigkeit Gottes zu haben und keine Selbstjustiz zu üben.
Im Römerbrief steht: »Rächt euch niemals selbst, sondern überlasst die Rache dem Zorn Gottes.« Gott wird auch die Frage der Schuldfähigkeit richtig einzuschätzen wissen.
Friederike Michalek
Beten oder blockieren?
10. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
Blockaden sind rechtswidrig
Christen sollen in Dresden am 13. und 18. Februar klar gegen Neonazis eintreten – aber sich ihnen nicht in den Weg setzen, meint Sachsens Landesbischof Jochen Bohl.
In unserer Landeskirche gibt es erfreulicherweise einen breiten Konsens, dass es dringend notwendig ist, klar und eindeutig Position gegen die neuen Nazis zu beziehen.
Nächstenliebe braucht Klarheit! Darum rufe ich dazu auf, in Dresden Zeichen gegen die neuen Nazis zu setzen – mit der Menschenkette, den Mahnwachen und Bittgängen.
Zu Blockadeaktionen rufe ich aus zwei Gründen nicht auf. Zunächst, weil man sich in den letzten Monaten in Dresden sehr um einen gemeinsamen Aufruf der demokratischen Parteien und Kräfte bemüht hat. Ich bin dankbar, dass dieser Konsens erstmals zustande gekommen ist.
Er besagt, dass nicht zu Blockadeaktionen aufgerufen wird, sondern zu einer Kundgebung in Hör- und Sichtweite der Nazis. Diesem Aufruf schließe ich mich an, weil ich ihn für richtig und notwendig halte.
Zweitens, weil Blockaden rechtswidrig sind. Das hat unter anderen der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und jetzige Vorsitzende der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD, Professor Dr. Hans-Jürgen Papier, im vergangenen Mai in Dresden dargelegt. Der Konsens unter den Juristen ist eindeutig.
Es fällt sicher nicht leicht, zu akzeptieren, dass in einem demokratischen Rechtsstaat auch die Feinde der Demokratie durch das Recht geschützt sind. Aber ausnahmslos alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht zu demonstrieren, solange eine Demonstration nicht verboten wird.
Nun ist es denkbar, dass die Kirche die Christinnen und Christen aufrufen muss, sich über das Recht hinwegzusetzen – das wird aber nur in seltenen Ausnahmefällen und dann zur Abwendung eines übergesetzlichen Notstands in Frage kommen. Davon kann aber an dieser Stelle keine Rede sein.
Jochen Bohl

Katrin Göring-Eckardt ist Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestages.
(Foto: DEKT)
Dem Hass den Weg verstellen
Dresdens Zerstörung ist eine Mahnung, wohin die Ideologie der Neonazis führt, meint Katrin Göring-Eckardt. Deshalb unterstützt sie Blockaden.
Die Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich habe sie 1989 in der DDR selbst durch damals illegale Demonstrationen mit erkämpft. Sie bedeutet, die eigene Meinung öffentlich kund zu tun, aber auch hinzunehmen, wenn andere für Ziele demonstrieren, die man selbst ablehnt.
Bei den geplanten Aufzügen der Neonazis in Dresden soll aber nicht für eine politische Position demonstriert werden, sondern für eine Ideologie der Intoleranz und Unmenschlichkeit, des Hasses und der Gewalt.
Die Nazis berufen sich auf die Demonstrationsfreiheit – um dafür zu demonstrieren, diese Freiheit zu nehmen, wie auch die Meinungsfreiheit, die Toleranz und Mitmenschlichkeit. Sie sprechen einigen Menschen sogar das Recht ab, überhaupt leben zu dürfen. Über 150 Menschen wurden deswegen in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland ermordet. Die schrecklichen Taten der rechtsextremen Terroristen sind nur ein weiterer Beweis dafür, dass den Worten der Neonazis auch Taten folgen.
Aus diesem Grund bin ich Erstunterzeichnerin des Aufrufs »Nächstenliebe verlangt Klarheit – Kein Naziaufmarsch, nirgendwo« der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus. Zur Verteidigung unserer Werte gehören klare Signale, gerade in einer Stadt, die so furchtbar unter dem von Nazis begonnenen Krieg gelitten hat.
Das Schicksal Dresdens ist uns Mahnung, wohin diese menschenverachtende Ideologie führt: In Tod und Verderben! Und es ist uns Auftrag, uns dem in den Weg zu stellen – gewaltfrei, aber bestimmt. In Anlehnung an Martin Luther: Hier stehe ich, ich kann nicht anders!
Katrin Göring-Eckardt
Gewissen oder Gewinn?
2. Februar 2012 von DER SONNTAG
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Der Einfluss der Wirtschaft wächst. Manager können viel Schaden anrichten – oder viel Gutes. In Leipzig lernen sie auch von der Bergpredigt.
Die Spannung, in der Dominik Kanbach und Stefanie Priemer stehen, liegt genau in der Entfernung zwischen Kaffeebecher und Tablet-Computer vor ihnen auf dem Mensatisch. Der Kaffee ist fair gehandelt, seine Produzenten haben einen ordentlichen Lohn bekommen – der flache Apple-Rechner daneben ist schick, doch bei seinem Hersteller in China drohen Mitarbeiter damit, sich wegen gefährlicher Arbeitsbedingungen vom Fabrikdach zu stürzen.
Dominik Kanbach (24) und Stefanie Priemer (25) sind Manager von morgen. Sie studieren an der privaten Handelshochschule Leipzig. Die Studenten hier sind fasziniert von Wirtschaft, einige auch vom Geld. Sie haben am Beginn ihres Studiums oft klare Vorstellungen über Marketing – nicht aber über das Verhältnis von Markt und Moral. Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise.
»Man geht nicht in ein Wirtschaftsstudium und sagt: Jetzt handele ich mal unethisch«, erklärt Stefanie Priemer diesen blinden Fleck. »Doch ich will mich auch nicht nur vom Wirtschaftsdenken vereinnahmen lassen und den Blick für das Wesentliche verlieren.«
Was aber ist das Wesentliche? »Hinter jeder wirtschaftlichen Kennzahl stehen Menschen«, sagt Stefanie Priemer. »Das Wesentliche ist, ein ehrbarer Kaufmann und verantwortungsbewusst zu sein«, sagt Dominik Kanbach.
In ihrem Studium an der Handelshochschule diskutieren sie den Ernstfall: Was tun als Manager einer Schokoladenfabrik, für die sklavenähnlich gehaltene Kinder die Kakaobohnen pflücken? »Ich unterstütze definitiv, dass Kinderarbeit wegfällt«, überlegt Stefanie Priemer. »Doch es strikt abzulehnen, ist schwierig. Man müsste dann das Einkommen der Familien anders absichern.« Und da sind dann noch die Kunden, die meist keine höheren Preise zahlen möchten. Und die billigere Konkurrenz, die Arbeitsplätze, der Gewinn. So ist das meist – ob es nun um den Klimaschutz geht oder um Entlassungen. Der Druck ist hoch – und der Manager mittendrin.
Für diese Konflikte will Professor Andreas Suchanek, der an der Handelshochschule Ethik unterrichtet, den Studierenden den Sinn schärfen. »Ich will keine Rezepte und eindeutigen Haltungen vermitteln – das ist ihre eigene Freiheit und Verantwortung«, sagt Suchanek, der zu den führenden Wirtschaftsethikern Deutschlands zählt. »Doch zu einer guten Führungskraft gehört es, Entscheidungen auch in ethischer Dimension kompetent treffen zu können.« Hier sieht Suchanek noch viele Defizite unter den Bossen.
Einen Kern seiner Ethik hat der Wirtschaftsprofessor ausgerechnet bei den Religionen gefunden: in der »Goldenen Regel«. Jesus sagt in der Bergpredigt über den Willen Gottes: »Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!« Suchanek hat das ökonomisch neu formuliert: »Investiere in die Bedingungen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil.« Fairness und Nachhaltigkeit seien moralisch besser, ist er überzeugt – und auf Dauer auch besser fürs Geschäft. Doch er weiß auch: »Wir sind Sünder und werden damit leben müssen.«
Stefanie Priemer und Dominik Kanbach versuchen schon im Studium, diese Spannung zu lösen. In einer sozialen Initiative von Leipziger Management-Studenten berieten sie drei Einwanderinnen aus Zentralasien bei der Gründung einer eigenen Firma. Jetzt biegen beide in den Endspurt ihres zweijährigen Studiums ein. Im Sommer werden sie vielleicht schon als Unternehmensberater oder im Management einer großen Firma arbeiten. »Ich denke von keiner Branche: Da würde ich nicht ethisch handeln können«, sagt Dominik Kanbach. »Man kann in jeder Branche ethisch handeln.«
Sein Professor Andreas Suchanek dagegen hörte von einem Absolventen, der sich bei einer Investment-Bank bewarb. Seine gute Note in Ethik aber, die sei ihm zum Nachteil geworden.
Andreas Roth
Verschlossene Herzen
20. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Er wollte ein guter Ehemann sein und ein guter Christ. Er litt, weil sein Herz für Männer schlägt. Ein Leiden ist Homosexualität nicht – aber ihre Verdrängung ist es.
Er schenkte ihr immer weiße Rosen. Nie rote. »Weil Du so rein bist«, sagte er dann zu ihr. Nie sagte er: Ich liebe dich. Sie bat ihn: »Schauspielere doch mal und sag es wenigstens ein einziges Mal.« Er konnte es nicht. Sie war seine Frau.
Sein Vater, Pfarrer auf dem sächsischen Land, hatte ihm beschieden: »Homosexualität kommt in Gottes Schöpfungsordnung nicht vor.« Martin Paul (alle Namen geändert) nahm es als Gesetz. Legte einen eisernen Ring um sein Herz. Es fühlte anders, als es durfte. Als es sollte. Schwul zu sein, das war für ihn schweinisch, das war gegen Gott. Als er 30 wurde, hatte er noch nie einen Menschen geküsst. Und dann kam sie. Sagte: »Martin, du bist schön.«
So etwas hatte er nie zuvor gehört. Martin und Katrin heirateten, bekamen drei Kinder. Eine christliche Ehe. 16 Jahre lang.
»Ich habe immer versucht, meiner Frau ein passender Ehemann zu sein, ich wollte sie auf Händen tragen und in den Himmel führen«, erinnert sich Martin Paul. Aber es wurde und wurde keine Liebe daraus. »Er hat es versucht«, sagt Katrin Paul. »Aber wir sind eigentlich mehr wie Geschwister.«
Doch es ging. Er sagte ihr: »Ich finde Männer so schön.« Sie antwortete: »Ich finde Männer auch so schön.« Vor allem aber waren sie einander treu, das trug. Der eiserne Ring jedoch zog sich immer fester um Martin Pauls Herz.
Sein Leben wurde zu einem Hindernislauf. So viele Ansprüche, denen er genügen musste. So viele Fallen, so viele Verstecke. Er entwickelte Pläne, an deren Ende eine Beerdigung gestanden hätte – wenigstens das sollte ehrenvoll sein. Paul stürzte sich in die Arbeit, um zu entkommen. Er verausgabte sich. Bis zum Zusammenbruch.
Thorsten Kohlmann ist ein Mann mit kräftigem Händedruck. Ein Handwerker mit Sinn fürs Praktische. Nie hätte er gedacht, dass es ihn trifft. Ihn, der behütet in einer evangelischen Handwerkerfamilie aufgewachsen war. Evangelischer Kindergarten, Junge Gemeinde, Kirchvorsteher. Von Schwulen hatte er in seiner Jugend gehört – um keinen Preis wollte er dazugehören.
Kohlmann fand eine Frau, eine sehr gute und liebe Frau, sagt er. Bekam eine Tochter mit ihr. »Es war keine schlechte Ehe«, sagt er. Die Anziehungskraft, die später zwischen ihnen fehlte, glichen sie aus mit Wanderungen, Gipfelbesteigungen, Opern- und Gottesdienstbesuchen. Doch da waren seine Gefühle für Männer, nicht für Frauen. Kohlmann fraß es in sich hinein.
Er betete oft. »Ich bin doch auch gottgewollt«, sagte er sich. »Es kann nicht gottgewollt sein, dass man sich ein Leben lang versteckt. Ich habe um einen Ausweg gebetet – und der kam eines Tages.« Ganz unerwartet. Kohlmanns Frau eröffnete ihm, dass da ein anderer Mann ist. Und Kohlmann? »Ich freue mich sehr für dich«, sagte er ihr. »Ich drücke dir die Daumen, dass du einen erwischst, der dich sehr liebt.« Noch immer kommen ihm die Tränen bei der Erinnerung an diesen Moment.
Thorsten Kohlmann und Martin Paul sind nun geschieden. Sie haben neue Partner – ihre Frauen auch. Alles Männer. Ihre Frauen sind ihre Freunde geblieben. In dem Café, in dem Martin Paul früher mit seiner Frau die Hochzeitstage feierte, sitzen sie sich gegenüber. In Würde haben sie sich getrennt, aber auch in Schmerzen.
»Dass ich dir das zufügen musste, hat mir sehr weh getan«, sagt Martin und sieht lange stumm seine frühere Frau an. »Du bist nicht mein Besitz«, erwidert sie. »Man kann den anderen nicht zwingen, anders zu sein, als er ist.«
Sie schüttelt den Kopf, als schüttele sie ihre Lebensträume ab. Sie denkt an ihre Kinder, ihre Verletzungen – aber auch daran, wie entspannt und glücklich ihr früherer Mann nun sein kann. »Ich mache Dir keinen Vorwurf«, antwortet sie ihm. »Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.«
Andreas Roth
Fröhlichen Herzens
13. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Der Leipziger Thomanerchor – hier eine Szene aus dem aktuellen Kinofilm »Die Thomaner« – feiert 800. Geburtstag und ganz Deutschland feiert mit beim Themenjahr »Reformation und Musik«. Foto: © NFP
Für Luther gehörte Musik ebenso zum Gottesdienst wie das Wort. Deshalb begeht die evangelische Kirche 2012 das Themenjahr »Reformation und Musik«.
Sie beginnt mit A wie Augsburg und endet mit Z wie Zittau: die Musikreihe »366 plus 1«, die sich dieses Jahr wie ein Band durch Deutschland zieht. An jedem Tag erklingt in einer deutschen Kirche ein Konzert. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Aktion ins Leben gerufen. Anlass ist das Themenjahr »Reformation und Musik«.
Und Sachsen hat nicht unwesentlich Anteil daran, dass die Musik gerade 2012 im Mittelpunkt der Reformationsdekade bis 2017 steht: In Leipzig feiern Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule ihr 800-jähriges Bestehen. Weil Bildung untrennbar mit dem Wirken von Martin Luther verbunden ist und Johann Sebastian Bach diese drei Einrichtungen maßgeblich geprägt hat. In Sachsen endet auch die Musikreihe: mit einem Silvesterkonzert in der Zittauer Weberkirche.
Doch bis Dezember wartet Christian Kühne nicht. Der Löbauer Kantor ist Leiter einer Arbeitsgruppe Kirchenmusik in der Oberlausitz. Diese hat ein Konzept zum Themenjahr entwickelt. Und alle Konfessionen machen mit. »Schließlich gibt es in der Oberlausitz eine ganze Reihe reformatorischer Traditionen«, sagt er. Da sind die evangelisch-lutherischen Gemeinden, die hussitischen Wurzeln der Herrnhuter Brüdergemeine, die calvinistischen Gemeinden auf dem Gebiet der Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und nicht zuletzt die katholischen Sorben.
So gibt es im April unter der Überschrift »Römisch-katholische und reformatorische Frömmigkeit im Dialog« mehrere Aufführungen von Dvoraks »Stabat mater«. Es gibt ein Chortreffen des Sechsstädtebundes und die Aufführung von Haydns »Schöpfung« auf der 6. Sächsischen Landesgartenschau in Löbau.
Auch für Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger ist dieses Musikprogramm in der Oberlausitz ein Schwerpunkt im Themenjahr. Und so wie er sich für sein Kirchspiel Dresden-Neustadt das Jahresthema »Viele Stimmen – ein Gesang« gesetzt hat, hofft er, dass sich viele Gemeinden mit der Bedeutung der Musik für die Reformation befassen.
Immerhin ist trotz sinkender Gemeindegliederzahlen die Anzahl der Kirchenchöre und die der Sängerinnen und Sänger angestiegen. 2010 waren es rund 26 000 Sänger in 771 Chören. Das sind 3,34 Prozent der Gemeindeglieder – gegenüber 2,77 Prozent in nur 754 Chören im Jahr 2004. »Ich denke, dass diese Breite deutschlandweit einmalig ist«, sagt Kantor Jens Staude, Vorsitzender des sächsischen Kirchenchorwerks. Vor allem durch die Kurrenden werde immer wieder für Nachwuchs gesorgt.
Bei den Posaunen ist es ähnlich. Entstanden aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts, sind die 454 sächsischen Bläserchöre mit ihren 6150 Mitgliedern heute eine typisch evangelische Art der Verkündigung. Für Hartmut Rau, den Vorsitzenden der Posaunenmission, ist Bläserarbeit »ein missionarischer Faktor ohnegleichen«. Das stellen die Bläserinnen und Bläser unter Beweis, wenn sich etwa 2000 von ihnen Anfang Juli in Zwickau zum Landesposaunenfest treffen.
Und was hat das alles mit der Reformation zu tun? Weil Musik »ein ruhiges und fröhliches Herz schenkt«, zitiert der Kirchenhistoriker Markus Hein von der Theologischen Fakultät Leipzig aus einem Brief Martin Luthers an den bayerischen Hofkapellmeister Ludwig Senf (1530). Für den Reformator gab es keine Kunst nach der Theologie, die der Musik gleichkommt. Und so hat er nicht nur das Wort in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerückt, sondern auch den Gemeindegesang, der damals seit 900 Jahren aus den Kirchen verschwunden war.
»Musik muss laut Luther mit dem übereinstimmen, was im Gottesdienst gesagt wird«, so Hein. »Das beste Beispiel ist Johann Sebastian Bach, dessen Musik gefüllt ist mit Evangelium.«
Christine Reuther
Weihnachten geht weiter
5. Januar 2012 von DER SONNTAG
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Dieses Jesuskind will hinaus in die Welt. »Im Zelt« hat der Grafiker Klaus Hirsch seine Lithographie genannt – und es scheint, als springe das Kind zu den Unbehausten. Repro: Klaus Hirsch
Das Epiphanias-Fest ist älter als Weihnachten – aber in der Kirche wurde es an den Rand gedrängt. Dabei schlägt es die Brücke von der Krippe in unser Leben.
Dieses Jesuskind scheint zu fliehen. Geradewegs vom Schoß seiner Mutter – hinein in die Welt. Deren Schmerz trägt es schon im Gesicht, die Arme bilden schon ein Kreuz. So kann man in einem Bild des Grafikers Klaus Hirsch (70) Epiphanias entdecken. Der Künstler aus dem erzgebirgischen Lugau entdeckt das Fest selbst erst wieder neu. Worte, sagt er, können es kaum fassen.
»Die Welle, die von Jesu Geburt zu Weihnachten ausgelöst wurde, breitet sich aus wie das Licht – und geht in unser Leben ein«, so deutet Klaus Hirsch Epiphanias, dessen griechischer Name übersetzt »Erscheinung« bedeutet: Die Erscheinung Gottes in Jesus von Nazareth. Eine Ausstellung in der Kirche von Kirchberg bei Stollberg will das Fest mit dem spröden Namen vom Sockel der amtlichen Theologie holen.
Kunstwerke wie Klaus Hirschs Bild wollen ihm dort ein Gesicht geben. »Epiphanias war für mich selbst lange Zeit eine abstrakte Sache«, erinnert sich der Künstler. »Ein Nachklang von Weihnachten – ohne mich ernsthaft damit befasst zu haben.« Eine Ausstellung darüber ist für ihn nichts anderes als ein Wagnis.
Dem Erlbach-Kirchberger Pfarrer Tobias Hanitzsch (32) ist das durchaus bewusst. »Epiphanias ist nicht das wunderbar anschauliche Fest mit Hirten, Maria und einer Krippe. Es ist ein verkopftes Fest«, sagt der Theologe. »Und doch ist es wie ein Edelstein, der in vielen Facetten schillert.«
Epiphanias ist der ältere Bruder von Weihnachten. Haben Ostern und Pfingsten jüdische Wurzeln, so war das Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar wohl die erste christliche Neuschöpfung. Geschehen ist sie irgendwann nach dem Jahr 300 wahrscheinlich in Ägypten.
Im Orient feierten die Christen am Epiphanistag die Geburt Jesu und seine Taufe. Schließlich verzichtet auch der älteste Evangelist Markus auf eine Weihnachtsgeschichte und lässt Jesu Leben mit seiner Taufe im Jordan beginnen: »Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bildhafter lässt sich nicht sagen, was die Theologen später Trinität nennen: Die Offenbarung der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Als sich im Laufe des vierten Jahrhunderts von Rom aus das Weihnachtsfest am 25. Dezember verbreitete, blieb dem Epiphaniastag die Erinnerung an die Taufe Jesu. In den orthodoxen Kirchen ist es bis heute ein hoch angesehenes Tauffest. In den Kirchen Roms und der meisten europäischen Regionen indes stehen von Anfang an die Weisen aus dem Morgenland, der Stern von Bethlehem und sein Licht für die Heiden im Mittelpunkt. Epiphanias wurde zu einem Anhängsel von Weihnachten mit volkstümlichem Drei-Königs-Brauchtum. Luther stritt dafür, Jesu Taufe wieder in den Mittelpunkt zu rücken – vergebens.
Im erzgebirgischen Kirchberg soll Epiphanias wieder leuchten. Grafiken, Fotografien, Gemälde, Geschnitztes und Geklöppeltes gar von Künstlern und Laien werden das Fest zu ergründen suchen. »Weihnachten geht mit Epiphanias weiter, es ist nicht zu Ende«, sagt der Kirchberger Pfarrer Tobias Hanitzsch. »Plötzlich entfaltet sich Weihnachten aus der niedlichen Krippe und kommt mit Licht in unser Leben hinein.«
Auf dem Bild des Grafikers Klaus Hirsch drängt das Jesuskind geradezu dem Betrachter in die Arme. Es überwindet alle Distanz – und manchen sperrigen Festnamen.
Andreas Roth
Wenn Schwäche zur Stärke wird
29. Dezember 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite

Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. Korinther 12, Vers 9
Gedanken zur Losung für das Jahr 2012 von Landesbischof Jochen Bohl.
Der Umgang mit den eigenen Schwächen ist nicht einfach; und in einer Hochleistungsgesellschaft wie der unseren schon gar nicht. Vor einigen Wochen hat ein Fußballschiedsrichter versucht, sich das Leben zu nehmen. Zuvor hatte man ihn mehrere Male zum »schlechtesten Schiri« der Bundesliga gewählt.
Ich weiß nicht, ob es zwischen der Verzweiflungstat und dieser Diskriminierung einen Zusammenhang gibt, aber der Gedanke liegt jedenfalls nicht fern.
Deine Leistungen sind ungenügend, es wird nicht besser mit dir, du kannst es nicht – wer kann schon mit solchen vernichtenden Urteilen umgehen? Wem fällt es leicht, mit seinen Schwächen zu leben? Und in aller Öffentlichkeit?

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
(Foto: S. Giersch)
Sein Körper war aber schwach, und der Verkündigungsdienst des Apostels litt sicherlich darunter. Diese Schwäche blieb niemandem verborgen, seine Gegner haben sie ihm vorgehalten. Paulus hat seinen Herrn nicht nur einmal darum gebeten, die Krankheit von ihm zu nehmen.
Aber seine Gebete werden nicht erhört, er muss mit seiner Schwäche leben. Die Absage wird geistlich begründet: »Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Die Antwort des Herrn soll ihm zeigen, dass seine Krankheit nicht nur eine Beeinträchtigung ist; das ist sie sicherlich auch. In geistlicher Sicht aber ist sie eine Stärke, weil sie erkennen lässt, wie sich die Kraft Christi in der Schwachheit des Menschen vollendet.
Die Gnade Gottes wird den Leidenden geschenkt und zeigt sich gerade in ihnen. So werden religiöser Hochmut und falsche Selbstüberschätzung ausgeschlossen. Die Schwäche des Apostels, nicht etwa eine besondere Stärke, wird zu einem Medium der Kraft Jesu Christi.
Das ist nicht leicht zu verstehen, man kann es als paradox empfinden, dass die göttliche Kraft sichtbar wird in menschlicher Schwäche. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es dem Apostel nicht leicht gefallen ist, die tiefe Wahrheit in dem Wort Jesu zu akzeptieren.
Sie erschließt sich aber in der Bewältigung der Aufgabe, mit der eigenen Schwäche zu leben. Kein Mensch ist nur stark; wenn manche sich auch einbilden, diese Wahrheit gelte für sie nicht. Bei einigen ist die Schwachheit offenkundig, sogar für alle sichtbar – während andere eine erstaunliche Begabung entwickeln, die eigene Schwäche vor sich selbst zu leugnen oder doch wenigstens vor anderen zu verbergen. Das aber gelingt immer nur für eine gewisse Zeit, längstens bis es zu einem Bruch in der Lebensgeschichte kommt.
Gar nicht selten kann man beobachten, wie Menschen, die sich stark wähnen, geradezu verzweifelt darum kämpfen, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Darüber leugnen sie das menschliche Maß und meinen, sie kämen auch ohne Gott zurecht. Aber so fällt es schwer, sich seiner Gnade anzuvertrauen. Wer dagegen gelernt hat, die eigene Schwäche zu akzeptieren, weiß um seine Grenzen und hat verstanden, dass wir auf andere angewiesen sind.
Wer mit dieser Erkenntnis geistlich umgeht, wird offen sein für die Gnade Gottes. Menschen, die sich ihrer Schwäche bewusst sind, können glaubwürdige Zeugen der Liebe Gottes sein; oft sind sie auch gute Seelsorger. Wer selbst gelernt hat, sich anzunehmen und dankbar auf die Kraft Christi vertraut, wird verstehen können, wie es in einem Mitmenschen aussieht, was auch immer seine Stärken und Schwächen sind.
So ist die Jahreslosung eine kraftvolle Ermutigung, die eigene Person anzunehmen. Unsere Schwachheit brauchen wir nicht als etwas anzusehen, das besser nicht zu uns gehören sollte. Dem Gläubigen genügt die Gnade – sie heiligt auch die Schwäche, mehr ist nicht nötig.
Es liegt eine geistliche Stärke in dem Wissen, dass Jesus Christus auch und gerade unsere Schwächen in seinen Dienst nimmt, um daraus Gutes entstehen zu lassen. Auf seine Kraft ist Verlass.
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