Andacht statt Akten
9. Juli 2011 von DER SONNTAG
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Als Verwaltungsleiter der Kirchgemeinde Annaberg-Buchholz ist Martin Lange der Herr über die Aktenordner. Dem Pfarrer bereitet er viele Verträge unterschriftsreif vor. Foto: Steffen Giersch
Pfarrer sind Seelsorger – und müssen doch einen großen Teil ihrer Zeit als Manager arbeiten. Professionelle Verwaltungsleiter könnten das ändern.
Eigentlich dürfte Pfarrer Karsten Loderstädt gar keine Zeit für Segen und Morgenandacht mit der Reisegruppe haben. Gerade wird der Turm seiner Annenkirche in Annaberg-Buchholz aufwändig saniert, ein Halbmillionen-Euro-Projekt. Üblicherweise sitzen bei solchen Vorhaben die Pfarrer in Bauberatungen über Plänen, brüten über Fördermittelanträgen, kalkulieren die Kosten. Karsten Loderstädt findet all dies fein säuberlich aufgeschrieben in einer Mappe. Denn die Kirchgemeinde Annaberg-Buchholz leistet sich mit Martin Lange einen Verwaltungsleiter, der zusammen mit vier Kollegen den Pfarrern das Management der Gemeinde abnimmt.
Ob Abstimmungen mit der Stadtverwaltung, Bauanträge, Mietverträge oder Friedhofsordnungen: Der Kirchenvorstand trifft die grundsätzlichen Entscheidungen, die Verwaltung arbeitet die Details aus und das Ergebnis bekommt Pfarramtsleiter Loderstädt zur Unterschrift vorgelegt. »Dass ich auch Zeit für spontane Gespräche habe und viele Veranstaltungen und Kreise gut vorbereiten kann, wäre unmöglich, wenn die Verwaltung nicht perfekte Zuarbeit leisten und mir den Rücken freihalten würde«, sagt Pfarrer Loderstädt.
Seine Kirchgemeinde ist mit 5000 Mitgliedern, mit der bei Touristen beliebten Annenkirche, sechs Gotteshäusern, drei Friedhöfen und fünf Pfarrern freilich sehr groß für sächsische Verhältnisse – und eine Ausnahme. Zwar gibt es in den sächsischen Kirchgemeinden über 1000 Verwaltungsmitarbeiter, doch hat jeder von ihnen im Durchschnitt nur einen Stellenumfang von 35 Prozent. Auf jede Pfarrstelle gewährt die Landeskirche die Finanzierung einer Viertel-Verwaltungsstelle, manche Gemeinden leisten sich etwas mehr.
Reicht das aus? Eine Arbeitsgruppe der Landessynode zur Überprüfung der Verwaltungsstrukturreform kam im letzten Jahr zu einem alarmierenden Ergebnis. »Wir sind erschrocken, was eine Verwaltungskraft alles wissen muss und welches hohe Maß an Weiterbildung sie braucht«, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Pfarrer Rainer Zaumseil. »Das geht nicht bei Viertel-Stellen.« Etwa beim Ausfüllen von Fördermittelanträgen können kleine Fehler einer Kirchgemeinde großen finanziellen Schaden zufügen.
Doch für Verwaltungsstellen von durchschnittlich 35 Prozent Umfang seien nur selten ausgebildete Mitarbeiter zu finden, schreiben die Synodalen in ihrem Bericht. Sie plädieren deshalb für Kooperationen oder Zusammenschlüsse von Kirchgemeinden auch im Verwaltungsbereich, um attraktiv für fachlich qualifiziertes Personal zu sein. Wo dies nicht gelinge, komme es »häufig auch zu Schwierigkeiten und Fehlern im Verwaltungshandeln, was dazu führt, dass Mitarbeiter im Verkündigungsdienst immer mehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt werden«, so die Synodalen.
Pfarrer Karsten Loderstädt weiß aus einer früheren Pfarrstelle, was das heißt. »Wenn die Schublade mit den Verwaltungsaufgaben überquillt, hat mich das mürbe gemacht. Man ist als Theologe kaum ausgebildet für diesen Bereich.« Professionelle Verwaltungsleiter sind so gesehen auch ein Schutz vor dem seelischen Ausbrennen bei Pfarrern.
»Man muss Vertrauen in die Kompetenz seiner Mitarbeitern haben«, sagt Karsten Loderstädt. »Ich muss nicht jede Zahl kennen aus Angst, Macht zu verlieren. Denn dann bin ich nicht frei für die Aufgaben, für die ich eigentlich da bin.« Auch von den Theologen verlangt dieses Modell etwas: abgeben können. Für den Annaberger Pfarrer ist sein Verwaltungsleiter Bruder Lange.
Andreas Roth
Stiften gehen
2. Juli 2011 von DER SONNTAG
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Die Landeskirche kürzt Stellen – und eine Gemeinde kann nichts dagegen tun? Nein, sagten sich Christen in Dresden-Loschwitz und gründeten eine Stiftung. Doch dafür braucht man viel Geld.
Am Dresdner Elbhang ist manches anders als anderswo. Auch die Loschwitzer Kirchgemeinde geht dort ihre eigenen Wege. Am 2. Oktober, zu Erntedank, verabschiedet sie Dietmar Selunka, ihren Gemeindepfarrer, in den Ruhestand. Das Besondere: Die Gemeinde hat die Stelle des 63-Jährigen – wie auch die von Kantor und Gemeindepädagogin – seit 2005 über eine Stiftung mitfinanziert.
Fünf Jahre zuvor sollten sich gemäß den Vorgaben der kirchlichen Strukturreform die beiden Kirchgemeinden Loschwitz und Hosterwitz vereinigen. »Eine Fusion aber hätte die Identität der Gemeinde zerstört«, befürchtete Pfarrer Selunka. Denn entscheidend gefestigt hatte sich die Gemeinde mit dem Wiederaufbau der mehr als 300 Jahre alten barocken Loschwitzer Kirche 1991 bis 1994 – durchgesetzt gegen den Willen des Landeskirchenamtes. »Wir haben die Kirche mit eigener Kraft aus einer Ruine errichtet«, sagt Pfarrer Selunka. »Nun wollten wir verhindern, dass die Gemeinde zur Ruine wird.«
Die Landeskirche aber musste sparen und reduzierte die Loschwitzer Pfarrstelle auf 75 Prozent. Die Gemeinde setzte ihre Initiative dagegen: Sie gründete eine Stiftung, die das reduzierte Gehalt des Pfarrers aufstocken sollte. »Es war das Modell, das uns frei macht«, sagt Selunka. Allerdings brauche so etwas Vorlauf, räumt der Pfarrer ein. Vertrauen sei eine wichtige Voraussetzung. »Mit wechselnden Pfarrern wäre es nicht gegangen.«
Das Ziel, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, hat die Dresdner Gemeinde erreicht. Den angestrebten Kapitalgrundstock jedoch noch nicht, wie Paul-Gerhard Weber vom Vorstand der Stiftung sagt. 600 000 Euro wären nötig, um aus den Zinserträgen die 25-Prozent-Gehaltslücke für den Pfarrer zu schließen. Mehr als 400 000 Euro seien bis jetzt zusammengekommen.
»Der Betrag ist vor allem in den letzten drei Jahren gewachsen«, sagt Stiftungsvorstand Weber. Statt einer großen Erbschaft stiften viele Gemeindeglieder kleinere Beträge per Dauerauftrag zu. Eine echte Initiative von unten, mit der die Gemeinde selbst ihr Fundament stärke, so Paul-Gerhard Weber. Eine schöne Kirche, jeden Sonntag ästhetisch anspruchsvoll gestaltete Gottesdienste – das zeige Wirkung. »Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist gewachsen. Sie liegt jetzt kontinuierlich bei etwa 100.« Und 70 Prozent der Gemeindeglieder zahlten Kirchgeld – so viel wie kaum anderswo.
Einen Nachteil offenbarte die Stiftung während der Finanzkrise: Die Zinsen sanken und damit die Erträge. Dass jeder gespendete Betrag nur über diese Erträge – also indirekt – dem Zweck zugute komme, sähen viele als Nachteil, sagt der Dresdner Kirchenfinanzexperte Friedrich Vogelbusch. Nötig sei daher ein größerer Startbetrag. Dessen Höhe richte sich nach dem Stiftungszweck. Solle zum Beispiel eine historische Orgel erhalten werden, reiche ein Kapitalstock von 100 000 Euro.
Vorteile jedoch seien der »Ewigkeitscharakter« einer Stiftung und ein klar definierter Zweck, der nicht ohne weiteres verändert werden kann. Allerdings müsse sich dauerhaft ein Kreis von Engagierten um die Mehrung des Kapitalstocks kümmern, so der Finanzfachmann Friedrich Vogelbusch. Fest steht für ihn: Die Bedeutung von Stiftungen werde zunehmen. »Allein aus der Kirchensteuer, dem Finanzausgleich aus den anderen Landeskirchen und den Staatsleistungen wird die zukünftige Arbeit nicht finanziert werden können.«
Das Interesse an Stiftungen ist in der sächsischen Landeskirche allerdings sehr gering. Lediglich zwei seien in den vergangenen beiden Jahren neu entstanden, so Kathrin Schaefer, zuständige Referentin im Landeskirchenamt. 36 kirchliche Stiftungen gibt es derzeit in Sachsen. Die Größte ist die 2008 gegründete Schulstiftung mit einem Grundstock von 4,5 Millionen Euro. Drei sind diakonische Einrichtungen. Die meisten sind von Kirchgemeinden gegründet worden. »Vor allem zur Unterstützung der Gemeindearbeit«, so Kathrin Schaefer.
Immerhin zahlt sich für die Loschwitzer nun die Langfristigkeit ihrer Stiftung aus: Ihre Pfarrstelle, die mit einem Umfang von 75 Prozent ausgeschrieben ist, kann als volle Stelle neu besetzt werden.
Tomas Gärtner
Mehr als Lückenbüßer
9. Mai 2011 von DER SONNTAG
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Ehrenamtliche – Prädikanten und Lektoren – machen Ernst mit Luthers »Priestertum aller Getauften«. Doch oft sind sie nur Helfer in der Not.
Erste Gedanken für seine Predigt sammelt Roald Herrmann im Außendienst. Unterwegs im Auto, um Zement zu verkaufen. Dann schiebt der 46-Jährige, studierter Betriebswirt, die Speicherkarte ins Autoradio und hört sich Textstellen aus der Lutherbibel an. »Ich genieße es, Zeit für die intensive Vorbereitung des Gottesdienstes zu haben«, sagt er. Anders als sein Pfarrer steht er im Schnitt nur einmal alle sechs Wochen vor seiner Gemeinde in Dresden.
Roald Herrmann gehört zu den 162 Prädikanten in der sächsischen Landeskirche, unter ihnen 47 Frauen. Die anderen Ehrenamtlichen im Verkündigungsdienst, die Lektoren, sind zahlenmäßig nicht erfasst. Bis zu 500 könnten es sein, schätzt Heiko Franke, bei der Ehrenamtsakademie in Meißen für ihre Ausbildung zuständig. Was damit zusammenhänge, dass vielen nicht klar sei, was ein Lektor ist. »Jemand, der in eigener Verantwortung einen Gottesdienst leiten kann, aber eine Predigtvorlage benutzt«, ist es für Franke.
Prädikanten wie Roald Herrmann würden dringend gebraucht, sagt Hans-Peter Hasse, sein Gemeindepfarrer. Weniger als Vertretung, eher als Ergänzung. Deshalb werden die Gottesdienste des Prädikanten langfristig geplant. »Sie sind keine Lückenbüßer«, betont Hasse. »Sondern bringen neben theologischer Kompetenz auch andere Lebenserfahrung mit – das ist ihr Mehrwert.« Bei Berufstheologen schleife sich nicht selten eine eigene Kirchensprache ein. »Ein Prädikant wirkt als Korrektiv zu dieser Routine. Er bringt frischen Wind rein.«
Mit anderem Beruf kenne man ein anderes Lebensrisiko, meint Roald Herrmann: Angst vor Arbeitslosigkeit, Ungewissheit, ob man es schafft, die Familie zu ernähren. Das fließe in seine Auslegungen von Bibeltexten ein.
Hohe Motivation, große Verbindlichkeit – das beobachtet Pfarrer Michael Markert an den Prädikanten bei deren Ausbildung, für die er mit verantwortlich ist. »Zum Kirchlichen Fernunterricht kommen meist Menschen in der Lebensmitte, die sich intensiver mit ihrem Glauben beschäftigen und noch mal etwas Neues beginnen möchten«, sagt er. Das Spektrum ihrer Berufe ist breit. Was für »eine eigene Farbe des Verkündigungsdienstes« sorge. Die meisten Prädikanten gebe es in größeren Städten. »Mehr gebrauchen könnten wir auf dem Land.«
In der Dorfgemeinde Oberwiera-Schönberg ist Andreas Mühler Prädikant, 36 Jahre alt, Altenpfleger. Sechs Kirchen in zwölf Dörfern umfasst die Gemeinde. Gottesdienst hält er alle ein bis zwei Monate. Dazu aber alle zwei Wochen einen im Christlichen Altenpflegeheim »Heinrichshof« im nahen Glauchau. Dort arbeitet er als Leiter eines Wohnbereichs. »Die Bewohner kennen mich. Das ist anders, als wenn ein Pfarrer von draußen kommt.«
Im osterzgebirgischen Glashütte muss Edgar Rahm besonders zu Weihnachten und Ostern Gottesdienste halten. Der 73-Jährige, jetzt im Ruhestand, gehört zu jenen sächsischen Diakonen, die einen Predigtauftrag haben. Am wichtigsten für ihn: »Den Bibeltext in die Lebenssituation der Leute übersetzen.« Anders als der Pfarrer ist er länger mit seiner Kleinstadt verbunden: er lebt seit 50 Jahren hier.
Für Pfarrer Johannes Keller und die fünf Kirchen im Kirchspiel Glashütte sind Diakon Rahm, eine weitere Prädikantin und drei Lektoren eine große Stütze. »In der Dichte, wie es auf den Dörfern gewünscht wird, könnten wir zwei Pfarrer die Gottesdienste nicht halten.«
Auf seine acht Lektoren ist auch Pfarrer Harald Pepel in Wildenhain bei Großenhain angewiesen. Für fünf Kirchen und neun Orte ist er zuständig. »Die Lektoren sind anders sprachfähig als ich und werden von der Gemeinde anders akzeptiert.«
Pfarrer seien unverzichtbar in der Verkündigung, betont Heiko Franke. »Aber ein Monopol für sie ist nicht gut.« Mit Ehrenamtlichen agiere man in Sachsen zu sehr aus der Not heraus, kritisiert er. »In anderen Landeskirchen, etwa in Württemberg, wird das seit längerem gepflegt.« Immerhin seien mittlerweile Standards festgeschrieben worden – in einem Handbuch für die Lektorenausbildung. Kurse werden angeboten. In der Region Leipzig sind Lektoren-Konvente gegründet worden. Lektoren müssten intensiver begleitet und weitergebildet werden. Das sei Aufgabe des Pfarrers. »Denn der Lektoren-Dienst wird in Zukunft immer wichtiger werden.«
Tomas Gärtner
Noch kein Abgesang
11. April 2011 von DER SONNTAG
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Die Landeskirche kürzt bei den Kantoren stärker als bei Pfarrern und Gemeindepädagogen. Dabei bleibt die Zahl der Chöre gleich – während die Gemeindegliederzahl sinkt.
Das neue Gesangbuch der sächsischen Landeskirche nennt sich »Singt von Hoffnung«. Vielen Kirchenmusikern aber fällt das gerade nicht eben leicht. Denn der Rotstift soll bei ihren Stellen ab 2014 stärker streichen als bei Pfarrern und Gemeindepädagogen. Diese beiden Berufsgruppen sollen künftig höchstens zehn Prozent weniger Stellen pro Kirchenbezirk haben, schlägt eine Arbeitsgruppe aus Synodalen und Landeskirchenamt vor. Bei den Kantoren dagegen soll das Minus bis zu 14 Prozent betragen.
»Dass gekürzt werden muss angesichts der zurückgehenden Gemeindegliederzahlen, wird niemand bestreiten«, sagt Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger. »Wir leben nicht in einem Traumschloss. Doch man kann fragen, warum bei der Kirchenmusik mehr gespart werden muss als bei anderen Verkündigungsmitarbeitern.« Zumal die Anforderungen an die Kantoren in den letzten Jahren gestiegen sind, so Leidenberger.
Das Kirchenchorwerk der Landeskirche untermauert dies mit Zahlen: Während die Zahl der Gemeindeglieder seit der letzten Strukturreform 2004 von 937 000 auf 785 000 gesunken ist, blieb die Zahl der Chöre und Kurrenden gleich. Sangen vor sieben Jahren 25 957 Menschen in den Chören und Kurrenden, waren es 2010 sogar 26 170. 47 Prozent davon sind jünger als 30 Jahre – auch diese Zahl stieg. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Konfirmanden halbiert. Nach Erhebungen des Landeskirchenamts ist zudem die Zahl kirchenmusikalischer Veranstaltungen in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen.
»Diese Basisarbeit gilt es zu stärken«, schreibt der Landesobmann des Kirchenchorwerks, der Lößnitzer Kantor Jens Staude, in einem Brief an die sächsischen Synodalen. Das Werk fordert von ihnen eine Diskussion mit Kirchenmusikern aus allen Ebenen vor einer Entscheidung über die Stellenkürzungen. »Hier sollte Gemeindeentwicklung das entscheidende Argument gegenüber dem festen Personalschlüssel sein.«
Dabei ist die sächsische Landeskirche stolz auf ihren Personalschlüssel: Auf einen Pfarrer kommt bisher eine 45-Prozent-Stelle für Gemeindepädagogen und 30 Prozent für einen Kantor. Dieses sogenannte Dreigespann soll nach dem Konzept der Struktur-Arbeitsgruppe auch künftig flächendeckend erhalten bleiben.
»Doch warum gibt es mehr Mittel für Gemeindepädagogen als für Kirchenmusiker?«, fragt der Chemnitzer Kirchenmusikdirektor Siegfried Petri. »Der Normalfall wäre, dass beide gleichwertig angesehen werden. Wir wollen einen offenen und ehrlichen Dialog. Eine Berufsgruppe darf nicht von vornherein bevorzugt werden.«
Die Arbeit vieler Kirchenmusiker ist ohnehin nicht einfach: Viele unbezahlte Überstunden und oft wenig Lohn. Von den derzeit 186 Vollzeitstellen sollen künftig noch 165 übrig bleiben. Viele der heute 156 hauptamtlichen Kantoren haben jedoch nur Teilzeitanstellungen zu 70 oder 50 Prozent. Weil sich davon keine Familie ernähren lässt, fehlt es in vielen Kirchgemeinden an Bewerbern. Einen großen Teil der Orgeldienste in den Gottesdiensten, der Chor- und Instrumentalproben leisten rund 200 Kantoren mit sehr gering bezahlten Anstellungen sowie Ehrenamtliche.
»Wir Kirchenmusiker haben bisher zu wenig Lobbyarbeit gemacht«, sagt der Chemnitzer Kirchenmusikdirektor Siegfried Petri. »Das sind jetzt die Folgen.« Vor zwei Jahren hat sich deshalb in Sachsen ein Netzwerk Kirchenmusik gegründet. Es wäre einer seiner ersten Erfolge, wenn die am kommenden Wochenende tagende Synode der Landeskirche der Einrichtung eines Ausschusses für die Probleme der Kirchenmusiker zustimmt.
Im Zusammenhang mit der Strukturanpassung soll jedoch nicht nur über Stellenkürzungen geredet werden. Vielmehr müsse auch das Berufsbild der Kirchenmusiker und ihr Arbeitsalltag thematisiert werden, heißt es in einer Erklärung des Netzwerkes: »Damit es künftig wieder möglich ist, in unserem Beruf wirklich gut zu arbeiten und zu leben.«
Andreas Roth
Nicht nur schrumpfen
3. April 2011 von DER SONNTAG
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Kirche darf nicht im Abwärtsstrudel gefangen sein – sondern sie muss wachsen wollen. Denn das ist ihr Auftrag. Tut die sächsische Landeskirche genug dafür?
Mission ist ein großes Wort. Manche schüchtert es ein. Dabei kann man es leicht übersetzen: Der auferstandene Jesus sendet seine Jüngerinnen und Jünger aus. Er will, dass alle Menschen von Gottes Liebe erfahren und getauft werden. Von Strukturabbau sprach Jesus seinerzeit nicht. »Bei all unseren Strukturen und Aufgaben müssen wir fragen: Inwieweit dienen sie dazu, der Welt Jesus nahezubringen«, sagt Marco Kahle, Vorsitzender des Gemeindeaufbau- und Missionsausschusses der Landessynode. »Wir dürfen nicht nur den Abbau verwalten, sondern müssen auch für Mission Zeichen setzen.«
Aber die gibt es bisher kaum in der sächsischen Landeskirche. Die Dresdner »Golife«-Gottesdienste beispielsweise, die regelmäßig mit Band, Theater und der Offenheit für Fragen jene Menschen einladen, die sonst nicht in eine Kirche finden, wird es am 3. April das letzte Mal geben. Sie scheitern an der mangelnden finanziellen Unterstützung durch Kirchgemeinden und Landeskirche.
Sicher: Mission ist nicht an teure Großprojekte gebunden. Sie kann viele Formen haben: Evangelische Kindergärten bringen Nicht-Christen genauso mit dem Glauben in Berührung wie evangelische Schulen, Konzerte in den Kirchen genauso wie die Seelsorge in Krankenhäusern, Taufen genauso wie kirchliche Beerdigungen.
»Um Menschen für den Glauben zu gewinnen, braucht es längere Zeiträume«, sagt Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer, zuständig für Mission und Gemeindeaufbau in der sächsischen Landeskirche. »In einer pluralen Gesellschaft müssen wir auf die Menschen zugehen und fragen, was sie vom Glauben erwarten oder daran hindert. Wir sollten ihnen für ihre Fragen Räume und Angebote zur Verfügung stellen, wo sie in Freiheit Kontakt aufnehmen können.« Chancen dafür sieht Dietrich Bauer im spirituellen Tourismus und in der Kampagne »Erwachsen glauben«, die ab August in fünf sächsischen Kirchenbezirken auf Plakaten und in Kinos für Glaubenskurse in Kirchgemeinden werben will.
Die anglikanische Kirche in England geht offensiver vor. Sie analysiert gezielt Regionen und Milieus, in denen sie kaum Mitglieder hat, und schickt Pfarrer los. Nicht selten ihre besten Mitarbeiter. »Auch wir müssen wie die ersten Missionare in die verschiedenen Kulturen und Milieus gehen, mit den Menschen leben, sie schätzen lernen – und danach sehen, wie sich dort eine Gemeinde Jesu pflanzen lässt.« Dieses Ziel hat Roland Kutsche, Pfarrer für missionarischen Gemeindeaufbau im Kirchenbezirk Marienberg, von seiner Reise nach England mitgebracht. Am Ende könnten ungewöhnliche Gottesdienste zu ungewöhnlichen Zeiten stehen, diakonische Projekte oder Kirchen-Cafes. Nur keine Denkverbote.
»Bei uns fehlt meist das missionarische Bewusstsein. Wir gehen nicht zu den Menschen – die Menschen sollen zu uns kommen«, sagt Roland Kutsche. »Wir müssen die Frage nach unseren Prioritäten stellen: Ist die Kirche nur dafür da, sich selbst zu erhalten?«
Eine zentrale Arbeitsstelle aber, die missionarische Strategien ausarbeiten und Gemeinden begleiten könnte, fehlt in der sächsischen Landeskirche. Als in der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD die Kampagne »Erwachsen glauben« entworfen wurde, saßen dort als Vertreter der Landeskirchen die Leiter von gut ausgestatteten missionarischen Ämtern am Tisch. Für Sachsen arbeitete Burkart Pilz mit – im Hauptberuf Pfarrer in der Bautzener Petri-Kirchgemeinde.
Die Landessynode beschäftigte sich vor drei Jahren einmal mit der Idee einer zentralen Arbeitsstelle für missionarische Gemeindeentwicklung. Das Landeskirchenamt aber richtete bisher nur regionale Stellen ein. In Zwickau hat im März das Modellprojekt einer offenen und experimentierfreudigen Kirchgemeinde begonnen, Pfarrstellen für missionarischen Gemeindeaufbau wurden im vergangenen Jahr in den Kirchenbezirken Marienberg und Chemnitz eingericht – in Leipzig und im Leipziger Land gibt es sie bereits. Für eine solche Pfarrstelle im Kirchenbezirk Löbau-Zittau fand sich kein geeigneter Bewerber. Nun will das Landeskirchenamt im Herbst eine Personalstelle zur Koordination und Vernetzung dieser Aktivitäten einrichten.
»Mission ist in erster Linie eine Aufgabe für jeden einzelnen Christen«, sagt Lutz Scheufler, Jugendevangelist der Landeskirche. »Wir müssen neu lernen, darüber zu sprechen, woran wir glauben. Da haben wir Nachholebedarf.«
Andreas Roth
Stadt oder Land?
26. März 2011 von DER SONNTAG
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Zukunft: In Dörfern schrumpfen die Mitgliederzahlen der Kirche, in Sachsens Großstädten wachsen sie
Die Kirche muss im Dorf bleiben – und dennoch über die eigene Turmspitze hinaus sehen. Diese Erfahrung hat das Geisinger Pfarrer-Ehepaar Maren und Freimut Lüdeking gemacht.
Ihr zitronengelber VW-Bus ist für Maren und Freimut Lüdeking manchmal so etwas wie ein zweites Büro geworden. Zwölf Kilometer muss das Pfarrer-Ehepaar bis in das entfernteste Dorf ihrer Kirchgemeinden fahren. Die beiden Theologen teilen sich eine Pfarrstelle auf dem Kamm des Osterzgebirges. Sie sind zuständig für die Kirchgemeinden Geising, Fürstenwalde-Fürstenau und Lauenstein-Liebenau. Fünf Kirchen, acht Orte, 1242 Gemeindeglieder. Und eine weit verzweigte Arbeit für die Mitarbeiter.

Viel unterwegs: Das Pfarrer-Ehepaar Maren und Freimut Lüdeking predigt in und um Geising abwechselnd in fünf Kirchen.
Christenlehre findet ebenso wie der Frauendienst in allen drei Kirchgemeinden statt, am Sonntag gibt es in mindestens zwei Kirchen Gottesdienste – auch wenn die Logistik eine Herausforderung ist. Nur den Unterricht der Konfirmanden haben sie zusammengelegt, denn die einzelnen Gemeinden hatten nur drei oder vier Jugendliche in diesem Alter. »Das ist auf Widerstand gestoßen«, erinnert sich Maren Lüdeking. »Doch wir wollen Gruppen und keinen Einzelunterricht.« Die Skepsis freilich versteht die Pfarrerin gut: Es geht um die Verwurzelung in der Heimatgemeinde – und darum, dass am späten Nachmittag kaum noch Busse fahren. Für die Familien ein großer Aufwand.
Etwa 100 Menschen arbeiten ehrenamtlich in den Gemeinden mit, fünf Lektoren halten regelmäßig Gottesdienste. Für das Pfarrer-Ehepaar ist das ein großer Schatz. Denn die Zukunft ihres Berufes sehen sie auf Augenhöhe mit Kirchvorstehern und Gemeinde. »Doch die Erwartung ist teilweise noch immer, dass der Pfarrer Vorgaben macht und vorangeht«, sagt Maren Lüdeking.
Bevor das Pfarrer-Ehepaar vor neun Jahren nach Geising kam, hatten die drei Kirchgemeinden je eine eigene volle Pfarrstelle. Immer mehr Arbeit für immer weniger Pfarrstellen – diese Schraube lässt sich nicht endlos drehen. Manche Besuche bei Gemeindegliedern könnten sie nicht mehr leisten, sagt Maren Lüdeking. »Das schmerzt mich.«
Einen Zusammenschluss zu einem Kirchspiel lehnten die Kirchenvorstände ab. Freimut Lüdeking versteht das mittlerweile – trotz des Verwaltungsaufwands, den die Arbeit mit drei unterschiedlichen Kirchgemeinden mit sich bringt. »Es ist uns wichtig, die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden der Region zu stärken, denn wir sind eine Christenheit weltweit.« Doch ohne die Ortsverbundenheit würde eine Gemeinde nicht funktionieren, sagt der Pfarrer. »Es beeindruckt uns, wie sich für eine Kirche das ganze Dorf engagiert. Das ist ein großes Pfund«
Das Kirchspiel Dresden-Neustadt wächst – doch nicht die Zahl ihrer Mitarbeiter und Räume. Gemeindepädagogin Maria Helm erreicht deshalb nur einen Bruchteil der über 700 Kinder der Gemeinde.
Ein Berg aus Schulranzen erhebt sich halb fünf am Nachmittag hinter der Tür des Christenlehre-Zimmers im Haus der Martin-Luther-Kirchgemeinde in der Dresdner Neustadt. Für die Gemeindepädagogin Maria Helm ist es die dritte Gruppe an diesem Tag: Um zwei kamen die Zweitklässler, um drei die Viertklässler – und jetzt die Fünftklässler.
Elf Christenlehre-Gruppen gibt es im Kirchspiel Dresden-Neustadt mit über 100 Kindern. »Das Traurige ist, dass das nur ein Teil der Kinder unserer Gemeinde ist«, sagt die 27-jährige Pädagogin. 310 lutherisch getaufte Jungen und Mädchen zwischen sechs und elf Jahren gibt es in dem bei Familien beliebten Stadtviertel und insgesamt 718 Kinder zwischen null und zehn Jahren. »Das ist eigentlich toll. Doch wenn alle diese Kinder zu uns kommen würden, könnten wir die Arbeit nicht stemmen.« Es fehlt in dem alten Gemeindehaus schlicht an Räumen. Und es fehlt an Personal.

Dreimal Christenlehre an einem Nachmittag: Maria Helm betreut mit ihren Kollegen in Dresden-Neustadt elf Kindergruppen. Fotos (2): Steffen Giersch
Dreieinhalb Pfarrstellen hat das Kirchspiel derzeit und vier Gemeindepädagogen, verteilt auf zweieinhalb Stellen. Das klingt luxuriös – doch in der Dresdner Neustadt leben derzeit 8765 Gemeindeglieder. Es gibt viele Taufen – die Mitarbeiter kommen mit Gruppen, Gesprächen und Besuchen der wachsenden Nachfrage kaum nach. »Als die Landeskirche 2003 ihre letzte Strukturreform beschloss, ging sie von einem Rückgang der Mitgliederzahlen aus«, sagt Superintendent Albrecht Nollau. »Das stimmte generell – bloß nicht hier.«
Denn während Sachsens Bevölkerung auf dem Land schrumpft, wächst sie in den Großstädten Dresden und Leipzig. Doch die Zahl der Personalstellen wurde von der Landeskirche in den letzten acht Jahren nicht an die stark gestiegene Mitgliederzahl einiger Großstadtgemeinden angepasst.
In der Christenlehre-Gruppe von Maria Helm sitzen die Kinder auf Kissen auf dem Fußboden um eine Kerze. Louis ist heute wieder da, Justus aber wieder nicht – er ist zum Fußballtraining. Die Konkurrenz der Freizeitangebote ist groß in der Stadt.
»Eigentlich ist es ein Auftrag für die Kirche, offen zu sein für Menschen, die sonst nicht in unserem Dunstkreis sind«, sagt die Gemeindepädagogin. Gern würde sie einen offenen Kindertreff aufbauen und Projekte, um Kinder anzusprechen, denen die traditionelle Christenlehre zu fremd ist – oder denen einfach der Termin nicht passt. »Aber die Kapazitäten sind dafür gar nicht da. Wir kämpfen schon mit unseren Standard-Aufgaben.«
Andreas Roth
So will die Landeskirche Stadt- und Landgemeinden künftig ausstatten
Es ist eine fast unlösbare Aufgabe: Die sächsische Landeskirche muss in den kommenden Jahren Millionen Euro kürzen – und will gleichzeitig wachsende Stadtgemeinden ebenso unterstützen wie Kirchgemeinden in schrumpfenden Dörfern. Wie soll das funktionieren? Eine Arbeitsgruppe aus vier Synodalen und vier Vertretern des Landeskirchenamts hat sich darüber ein Jahr lang die Köpfe zerbrochen. Das Ergebnis ist ein ausgeklügeltes Modell mit vielen Rechnungen.
Am Anfang stand das Kürzen: Von derzeit 590 Pfarrstellen sollen ab 2014 nur noch 550 übrig bleiben. Ein hautamtlicher Theologe wird so mittelfristig auf 1500 Gemeindeglieder kommen. Doch weil die Kirche flächendeckend präsent bleiben will, werden die Dörfer wie bisher schon bevorzugt: Eine kleine Kirchgemeinde auf dem Land erhält künftig ab 1000 Mitglieder eine eigene Pfarrstelle. Bei Kirchgemeinden in Städten mit mehr als 40 000 Einwohnern sind 2000 Mitglieder pro Pfarrer nötig.
Die genaue Verteilung auf die Gemeinden müssen die Kirchenbezirke nach regionalen Gesichtspunkten beschließen. Die Zahl der Pfarrstellen wird sich in den Ephorien dadurch ab 2014 um mindestens fünf und höchstens zehn Prozent verringern. Da in den Städten Kirchgemeinden wachsen und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer wichtiger wird, sollen die dortigen Stadtgemeinden künftig mehr Pädagogen erhalten.
Während auf eine Pfarrstelle in einer Durchschnittsgemeinde wie bisher eine 45-Prozent-Stelle für Gemeindepädagogik kommt, solle auf eine Stadt-Pfarrstelle künftig eine 68-Prozent-Gemeindepädagogenstelle verteilt werden. In kleinen Landgemeinden mit weniger als 700 Mitgliedern wird es dafür pro Pfarrstelle nur eine 23-Prozent-Anstellung für einen Gemeindepädagogen geben. Die Zahl der Gemeindepädagogenstellen in den Kirchenbezirken der Landeskirche soll um höchstens zehn Prozent auf insgesamt 248 sinken.
Auch bei der Verteilung der Kirchenmusiker soll die Stadt leicht bevorzugt werden wegen der Arbeit mit Kindern und großen Chören dort. Auf eine Stadt-Pfarrstelle soll künftig eine 40-Prozent-Stelle für einen Kantor kommen, in einer großen Landgemeinde 30 Prozent und in einer kleinen Dorfgemeinde mit weniger als 700 Mitgliedern 20 Prozent für einen Kirchenmusiker.
Wo kann Kirche sparen?
17. März 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Werkstatt Kirche

Mitgliederentwicklung in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (Quelle: Landeskirchenamt)
Die sächsische Landeskirche wird in Zukunft gut rechnen müssen. Denn die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Einnahmen sinken stetig.
Wer über die Zukunft der sächsischen Landeskirche nachdenkt, wird über Gott reden müssen, der seine Kirche erhält. Er wird über den Glauben reden müssen, der ein unberechenbares Geschenk ist. Und er wird über Zahlen reden müssen – sogar über den Rotstift. Denn die lutherische Kirche Sachsens schrumpft.
Wie stark sinkt die Zahl der Gemeindeglieder?
Der Sinkflug ist steil. Hatte die sächsische Landeskirche 1990 noch 1,406 Millionen Mitglieder, waren es Ende 2010 nur noch knapp 774 000: ein Minus von 45 Prozent. In den letzten Jahren verlor sie jährlich etwa 10 000 Gemeindglieder – vor allem durch Tod und Wegzüge. Dieses Schicksal teilt die Kirche mit der gesamten Bevölkerung des Freistaats. Nach Berechnungen der EKD werden Sachsens Lutheraner bis zum Jahr 2040 noch einmal um 40 Prozent schrumpfen. Die Zahl der Kirchensteuerzahler wird bis dahin sogar fast um die Hälfte kleiner werden.
Gehen auch die Finanzen der Landeskirche drastisch zurück?
Vermutlich ja. Wenn es auf Grund der demografischen Situation deutlich weniger Mitglieder im erwerbsfähigen Alter gibt, sinken auch die Einnahmen durch die Kirchensteuer. Allerdings lässt sich das nur schwer berechnen. Denn die Steuergesetze werden vom Staat oft geändert. So stiegen die Steuereinnahmen der Landeskirche von 60 Millionen Euro 2005 überraschend auf 80 Millionen Euro im Jahr 2010, weil die Regierung Steuerschlupflöcher schloss. Aber das kann sich auch wieder ändern. Von westlichen Landeskirchen erhalten die Sachsen im EKD-Finanzausgleich derzeit 43 Millionen Euro pro Jahr. Dieser Zuschuss wird in Zukunft um rund eine Million Euro pro Jahr sinken.
Nach Berechnungen des Landeskirchenamts entsteht in den Jahren bis 2015 ein Defizit von drei bis vier Millionen Euro jährlich.
Wie will die Landeskirche die Finanzlücke schließen?
Nicht mit dem Rasenmäher, der alle Arbeitsbereiche gleichmäßig kürzt. Vielmehr hat das Landeskirchenamt eine Rotstift-Liste über 2,8 Millionen Euro ausgearbeitet. Sie erhält alle kirchlichen Werke und Einrichtungen, sieht aber bei einigen in den kommenden Jahren bis 2020 tiefe Einschnitte vor. Stark betroffen davon sind die Frauenarbeit, Männerarbeit und Erwachsenenbildung der Landeskirche (der Sonntag berichtete). Auch dem Evangelischen Medienverband Sachsen, dem Kunstdienst, der Posaunenmission, der Friedensarbeit und der Arbeitsstelle Eine Welt stehen bis 2020 erhebliche Kürzungen bevor. Die Zuschüsse an die Diakonie werden in den nächsten neun Jahren von heute 4,7 Millionen Euro um 750 000 Euro gesenkt. Weitere Einsparungen will das Landeskirchenamt erzielen, indem es die Zahl der Pfarrstellen ab 2014 von derzeit 590 auf 550 senkt.
Was bedeutet die Reduzierung der Pfarrstellen für die Gemeinden?
Zunächst zwei gute Nachrichten: Die Landeskirche will weiterhin die Versorgung in allen Regionen sichern. Und sie will das Dreigespann aus Pfarrer, Gemeindepädagoge und Kirchenmusiker erhalten. Eine Arbeitsgruppe aus vier Vertretern des Landeskirchenamts und vier Synodalen versuchte die Quadratur es Kreises: Weniger Stellen sollen künftig gerechter verteilt werden. Kleine Landgemeinden sollen ab 1000 Mitgliedern eine Pfarrstelle bekommen, mittlere Kirchgemeinden ab 1500 Mitgliedern und Stadtgemeinden erhalten einen Theologen auf je 2000 Mitglieder. Bei der Verteilung der Gemeindepädagogen und der Kirchenmusiker sieht die Arbeitsgruppe in den Städten mit ihren vielen Kindern und Jugendlichen einen Schwerpunkt und billigt ihnen mehr Stellen zu als dem Land. Die Landessynode muss nun über diese Pläne entscheiden. Nach Schätzung des Landeskirchenamtes wird sich künftig die Zahl der finanzierbaren Dreigespanne aller sechs Jahr um zehn Prozent verringern.
Andreas Roth
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