Wer willkommen ist, entscheiden nicht wir

22. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Lukas 13, Vers 29

Von ungewöhnlichen Gästelisten erzählt das Neue Testament immer wieder: von Einladungen, bei denen eitle Vordrängler zurückstecken müssen und Zurückhaltende vom Gastgeber auf die Ehrenplätze gebeten werden. Oder bei denen zum Festtermin alle geladenen Gäste etwas anderes zu tun haben, und an ihrer Stelle genießen Bettler und Ausgestoßene das vorbereitete Fest. Jesus selbst hat mit Menschen gegessen und gefeiert, die nach traditionellen Maßstäben das Allerletzte als Tischgemeinschaft waren – für Jesus waren sie erste Wahl.

Der Wochenspruch steht in einem ähnlichen Zusammenhang: Glaubt bloß nicht, ihr hättet euren Platz bei Gott im Himmel schon sicher, nur weil ihr mir hier und jetzt begegnet. Dabei sein beim himmlischen Festmahl werden Gäste aus allen Himmelsrichtungen, aus der ganzen Welt.

Das klingt nach ökumenischer Multikulti-Idylle. Auf jeden Fall macht es klar: Gott hat seine eigenen Maßstäbe dafür, wer ihm nahe steht. Das können auch die geographisch oder kulturell Fernen sein; niemand kann den Anspruch auf den Platz an Gottes Tisch für sich reservieren.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Das heißt aber auch: Es gibt keinen Grund, den eigenen Platz bei Gott für ein Exklusiv-Recht zu halten und eifersüchtig zu verteidigen. Die letzte Entscheidung, wer willkommen ist, liegt bei Gott. Und der ruft die Menschen auf, alle Welt einzuladen (Matthäus 28, Vers 19) – was Christen seit Paulus’ Zeiten tun. Und viele scheuen keine Mühe, um im entscheidenden Moment bereit zu sein für Gottes Fest.

Und wenn dann schon alles ausgebucht ist? Wie viele Plätze Gottes Tafel hat, darüber sagt die Bibel nichts. Aber ich glaube: Am Platz wird die Einladung bestimmt nicht scheitern.

Friederike Ursprung
Friederike Ursprung ist evangelische Kirchen­redakteurin für Radio PSR und R.SA.

Kein bürokratisches Korsett, sondern ein Geschenk Gottes

15. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

wzw312
 

Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist
durch Jesus Christus geworden.
Johannes 1, Vers 17

Eine rote Ampel ignorieren, wenn weit und breit die Straße frei ist, oder irgendwelche bürokratische Vorschriften übergehen: Irgend ein Gesetz hat wohl jeder schon mal übertreten. Umgekehrt kann es auch passieren, dass jemand zwar gegen kein Gesetz verstößt, deshalb aber noch lange kein anständiger Mensch ist, der alles richtig macht.

Dennoch bestreitet niemand Sinn und Notwendigkeit von Gesetzen. Für den Evangelisten Johannes gehört das Gesetz, das das Volk Israel bis zu Mose zurückverfolgte, ganz an den Anfang seines Evangeliums: zur Programmerklärung vom Wort, das Fleisch wurde. Und diesem Gesetz stellt er die Gnade und Wahrheit Christi gegenüber.

Tatsächlich hat sich Jesus oft mit dem Gesetz des Mose auseinandergesetzt. Er hat es in der Bergpredigt unerhört neu ausgelegt, er hat sich mit Leuten abgegeben, die von Gesetzes wegen kein angemessener Umgang für fromme Juden waren; er hat immer wieder am Sabbat Dinge getan, die der gesetzlichen Feiertagsruhe widersprachen.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Seine Begründung: Der Sabbat sei schließlich für den Menschen da und nicht umgekehrt! Doch so ungewohnt er das Gesetz ausgelegt hat – außer Kraft setzen wollte er es nicht, im Gegenteil: Er wollte ihm zu neuem Leben verhelfen – damit das Gesetz kein starres, bürokratisches Regelkorsett ist, sondern ein Geschenk Gottes, das dem Leben dient. Gnade und Wahrheit sind die Zugaben, die diesen Unterschied ausmachen. So kann auch mal Gnade vor Recht gelten – nicht als gnädiges »Schwamm drüber«.

Tue ich, was Gott von mir will? Was habe ich womöglich falsch gemacht, wo bin ich auf Gnade angewiesen? Die Aussicht auf diese Gnade hilft, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Friederike Ursprung

Ein Treibstoff mit ausschließlich segensreicher Wirkung

8. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

fuel
 

Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
Römer 8, Vers 14

Ohne Treibstoff geht es nicht auf der Welt. Was lebt, braucht Nahrung, das Alltagsleben braucht Energie: vom Holzfeuer über Kohle und Öl bis zu alternativen Treibstoffen, an denen eifrig geforscht wird. Antriebe wie die Dampfmaschine haben die Welt umgekrempelt. Um Erdöl als Treibstoff entbrennen immer wieder Konflikte und die Nebenwirkungen wie Umwelt- und Klimaschäden sorgen für politische Diskussionen – egal ob bei Atomkraft, Braunkohle oder Biosprit.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Um die Frage, was den Antrieb liefert für Industrie, Mobilität und Alltag, kommt niemand herum. Und genauso entscheidend ist für jeden einzelnen Menschen die Frage: Was gibt mir Kraft und Antrieb für mein Leben, meine Arbeit, mein Zusammenleben mit andern?

Das betrifft nicht nur die Frage nach der physischen Energie: Auch die Seele braucht Antriebskraft; wer diese verliert, fühlt sich krank oder gar depressiv.

Paulus empfiehlt den Geist Gottes als Treibstoff – nicht nur als Sprit im Tank, sondern auch als Navigationssystem: Wer sich von Gottes Geist leiten lässt, darf sich als Gottes Sohn oder Tochter sehen. Niemand soll sich dadurch getrieben, gehetzt oder gar geängstigt fühlen: Der Geist Gottes erlaubt es, sich ihm anzuvertrauen wie ein Kind seinem Papa.

Paulus stellt den Geist Gottes den Trieben der menschlichen Natur gegenüber: mit ihren Schwächen, die zur Sünde und letztlich zum Tod führen. Gottes Geist dagegen schafft Leben und Frieden für seine Kinder. Und Gottes Kinder werden sie nicht erst am Ziel eines langen Weges, sondern sie sind es, sobald sie sich von Gott antreiben und bewegen lassen – ein Treibstoff übrigens, der auf Umwelt und Klima ausschließlich segensreiche Wirkung entfaltet!

Friederike Ursprung

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Gottesdienst als Vollzeitjob

31. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

© Billy Alexander

Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn.
Kolosser 3, Vers 17

Wer sonntags eine Stunde lang beim Gottesdienst ist, der verbringt damit ungefähr 0,6 Prozent seiner Woche. Das allein wäre offensichtlich ziemlich wenig Zeit für Gott. Und nicht jeder geht ja Sonntag für Sonntag zur Kirche.

Dafür nehmen sich viele an anderen Stellen Zeit für ihr Leben als Christ: Mit täglichem Lesen in der Bibel oder der Losung, mit Gebeten, manche mit vielen Stunden Engagement in der Kirchgemeinde. So macht das Zeitbudget vieler Christen schon mehr her.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Ein bisschen christlich reicht nicht – so lässt sich der Vers aus dem Kolosserbrief lesen. Mit Christus hat Gott alles für die Menschen gegeben, damit sie zu einem befreiten Leben als neue Menschen finden. Dazu sollen sie alles ablegen, was dem im Weg steht: Zorn, Bosheit, Lästerung, Habsucht, Götzendienst. Und ihr neues Leben sollen Christen anziehen wie ein Kleidungsstück aus Freundlichkeit, Geduld, Demut – und vor allem aus Liebe.

Wenn schon, denn schon, bedeutet das.

In Christus habt ihr alles bekommen, also gebt auch alles! Aus dem Mund von Trainer oder Chef klänge das wie »quält euch bis zum Umfallen«. Doch genau das verlangt Christus nicht. Wohl aber: Versucht nicht, euren Glauben in Nischen oder Zeitfenster einzupassen – alles, was ihr tut, soll im Wortsinn Gottes-Dienst sein: sonntags oder alltags, in Beruf, Familie, Freizeit oder Ehrenamt!

Ein hoher Anspruch ist das.

Ein neuer Mensch sein, der Christus nachfolgt, das ist keine Sache fürs stille Kämmerlein, sondern ein Vollzeitjob. »Alles was ihr tut, tut im Namen Jesu« betrifft nicht so sehr die Frage, was Menschen tun, sondern wie: Wie begegne ich Familie und Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern oder den Menschen, die mir anvertraut sind? Will ich maximalen Profit aus allem rausholen, oder achte ich auf Gerechtigkeit gegenüber Menschen und Schöpfung? Im Beruf, beim Einkaufen oder beim Autofahren?

Kann ich das, was ich tue und sage, im Namen Jesu verantworten?

Das soll der Maßstab für Christen sein – als Dank an Gott, der ihnen dieses Leben durch Christus geschenkt hat: Ein Leben, in dem sie Maßstäbe wie Macht und Profit nicht mehr nötig haben!

Friederike Ursprung

Die Spuren Gottes in unserem Leben

25. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wort zur Woche

Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Herrlich!«, schwärmt die Besucherin vor dem Gemälde, um das die Ausstellungsbesucher eine Traube bilden. »Ein Bild von überwältigender Schönheit! Vollkommen. Einfach göttlich!«

»Herrlich!«, schreibt auch der Evangelist Johannes und preist damit einen Gott, der ganz und gar nicht dem Bild vollendeter Schönheit entspricht. »Das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«. Herrlich?, fragen die Gotteskenner überrascht und vermissen, was sie von Gott schon immer wissen: Macht, Geist, Vollkommenheit. Und jetzt dies: Das Wort ward Fleisch.

Das trägt Unruhe in die Reihen und stößt alle vor den Kopf, die mit Gott überirdischen Glanz verbinden. Gott wird Mensch? Mit Leib und Seele, mit Haut und Haar? Gott wird unser Fleisch und Blut?

Ja, aber dann gehört doch nicht nur erhabene Schönheit zu Gott, sondern auch das unfertige Leben mit all seinen ungeduldigen Fragen. Selbst Krankheit und Behinderung wären dann von Gott nicht wegzudenken. Das wirbelt Gottesbilder durcheinander.

»Ja«, besteht Johannes auf seinem Zwischenruf, »das Wort wurde Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«.
Nein, das Wort herrlich kommt der Frau nicht über die Lippen, als sie über die Pflege ihres kranken Vaters spricht. »Anfangs vergaß er nur Alltäglichkeiten«, sagt sie, »gegen Ende erkannte er nicht einmal mehr mich. Schwer war es und doch eine wichtige Zeit. Ich bin ihm nahe gekommen wie nie zuvor. Mitunter brachte er etwas so verblüffend Richtiges heraus. Oft habe ich einfach nur seine Hand gehalten. Manchmal war es mir dann, als ob ich in seinem friedlichen Gesicht etwas vom Licht Gottes erblicke.«

»Himmlisch«, seufzt der Großvater und schiebt seine Enkelin durch die Tür ins Wohnzimmer. »Wir waren den ganzen Nachmittag im Wald«, erzählt er, »haben einen Fuchs beobachtet und uns die Fährte von Rehen angesehen. ›Macht Gott eigentlich auch Spuren, wenn er zu uns kommt?‹, hat Rebekka dann gefragt und war sich schnell sicher: wenn der Schnee in der Sonne funkelt. Ja, Gott macht Spuren, ich bin mir auch gewiss: Wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann ist mir, als halte ich in diesem Moment einen Zipfel von der Herrlichkeit Gottes.«

Ulf Liedke

Wahre Freude rückt alles in neues Licht

18. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich:
Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5

girl

»Freust du dich denn gar nicht?« Jetzt bloß nichts anmerken lassen, denke ich. »Doch«, antworte ich schnell und versuche mich an einem Lächeln. »Sehr sogar«. Und zur Bekräftigung schiebe ich noch ein »wirklich« nach. Spätestens jetzt bin ich durchschaut.

Wirkliche Freude braucht keine Bekräftigung. Sie wirkt selbst und bewirkt, dass mir eine Leichtigkeit ins Gesicht geschrieben steht. In Momenten tiefer Freude fühle ich mich wie verzaubert. Ich bin eins mit Gott, der Welt und mir. Dieses Gelöstsein lässt sich nicht spielen. Eine solche Freude wirkt immer angestrengt und riecht nach Schweiß. Freude ist eine Stimmung, von der ich ergriffen werde. Besonders häufig sind es Begegnungen und Worte, die bei mir Freude auslösen. »Wir wohnen/Wort an Wort«, lautet ein Gedicht von Rose Ausländer: »Sag mir/dein liebstes/Freund/meines heißt/DU.«

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.


Worte sprechen uns an. Sie ergreifen uns. Oft sind wir gerade in belastenden Situationen für solche Wortbegegnungen ansprechbar. Die Christen in Philippi sind von Konflikten zerrieben und sehen schwarz. In diese Situation hinein schreibt ihnen Paulus: »Der Herr ist nahe!« Das ist das entscheidende Wort. Es rückt alles in ein neues Licht – löst etwas aus. Freude. Eine adventliche Leichtigkeit.

Wenn ich mich im Kreis drehe und keinen Ausweg mehr sehe, ist es oft nur ein Wort von außen, das mich noch erreicht. Nicht jedes. Ein Bibelwort. Manchmal. Oft das Wort eines anderen Menschen.

Wenn es mich so anspricht, dass es mich unterbricht, mir die Augen und neue Möglichkeiten öffnet, dann braucht es keine Rückfrage: Freust du dich denn gar nicht? Mein Gesicht verrät es.

Ulf Liedke

Ein Empfang ohne jede Inszenierung

11. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

road

Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.
Jesaja 40, Verse 3 und 10

Staatsbesuche laufen nach einem festen Drehbuch ab. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Die Ankunft auf einer repräsentativen Straße wird perfekt vorbereitet und inszeniert. Erhaben und würdevoll soll es aussehen, wenn die Limousinen über den Asphalt rollen. Wie sich die Bilder gleichen. Auch die Regenten im alten Babylon liebten repräsentative Inszenierungen. Die Drehbücher leiteten zu minutiösen Vorbereitungen an. Die vielfach verwahrlosten und verfallenen Sandstraßen mussten begradigt, verfüllt und von Hindernissen bereinigt werden. »Bereitet dem König den Weg.«

Wenn Unterdrückte ihre eigene Sprache finden, verwenden sie oft geprägte Bilder und geben ihnen einen neuen, widerständigen Sinn. So bedient sich der Prophet beim Drehbuch der königlichen Ankunft und verwandelt es zum Hoffnungsbild für einen ganz anderen Advent. Den Israeliten, die aus ihrem Land vertrieben und von den Babyloniern versklavt worden waren, kündigt er das Kommen Gottes an. Gott befreit und macht der Knechtschaft ein Ende.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.


Veränderungen kommen allerdings nicht immer mit Pauken und Trompeten. Davon sprechen die Evangelisten und geben dem Bild der königlichen Ankunft eine neue Pointe.

Sie erzählen von einem König ohne allen Pomp, der auf einem Esel kommt. Für Royalisten ein Skandal und für Politiker eine Torheit. Der Tabubruch Jesu rückt einen anderen, scheinbar unscheinbaren Advent ins Licht. Er braucht kein festes Drehbuch und keine Inszenierung der Macht. Er bricht sich Bahn, wo das Evangelium verkündigt und Ideologien widersprochen wird, wo Menschen Gottesdienst feiern und sich engagieren, wo der gerechte Gott erfahren und Gerechtigkeit gestaltet wird. »Bereitet dem Herrn den Weg.«

Ulf Liedke

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Wir leben zwischen den Zeiten

3. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

advent

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Lukas 21, Vers 28

Die Aufforderung, den Kopf zu erheben und nach vorn zu schauen, muss allen schwerfallen, die gerade etwas niederdrückt. Deshalb drängen sich mir zuerst Bilder von Menschen auf, die ihren Kopf tief in den Armen vergraben haben oder mit leerem Blick zu Boden starren.

In der Begegnung mit ihnen ist die Versuchung groß, etwas Positives zu sagen, in eben dieser Art von:

Kopf hoch!

oder:

Sieh doch!

Es gibt auch eine christliche Art des Mutmachens, die ähnlich leicht über den Kopf des Anderen hinweggeht. Vielleicht sogar mit den Worten des Wochenspruchs auf den Lippen.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Wenn ich selbst dieser Versuchung erlegen bin, ärgere ich mich.

Ich merke, dass ich einer der Freunde Hiobs geworden bin, der es nicht aushält, wenn Fragen ohne Antwort bleiben.

»Ihr seid allzumal leidige Tröster!«, hält ihnen Hiob entgegen (Hiob 16, Vers 2). Dabei bin ich wohl nicht nur dem Schmerz ausgewichen.

Ich bin auch einem geistlichen Druck erlegen: Weil Gottes Erlösung bereits gegenwärtig ist, ist auch schon alles gut.

Sieh doch!

Kopf hoch!

Der Wochenspruch öffnet mir dagegen den Blick auf eine Zukunft, die noch aussteht. Ich sehe, dass wir zwischen den Zeiten leben. Unsere Zeit ist gespannt zwischen die Gegenwart der Erlösung und ihre Zukunft – zwischen Gott und Gott. Deshalb gehört auch das Schwere noch zu den Zeichen unserer Zeit.

Wenn der Schmerz aber zur Sprache findet, wächst darin bereits eine leise Hoffnung.

In der Klage erheben Menschen ihren Kopf und geben ihrem Blick wieder eine Richtung. Wenn ich ihnen zur Seite stehen will, brauche ich keine Antworten. Trost besteht vielmehr darin, den Raum für die Klage offen zu halten und für das noch Ausstehende.

Im Zeichen dieser Hoffnung feiern wir Advent.

Ulf Liedke

Gott bekommt ein menschliches Gesicht

27. November 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

kreuz

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9, Vers 9

»Ich sehe schon den Jibimarkt, gleich sind wir bei Oma und Opa!« freuen sich meine Kinder, wenn wir nach fünf Stunden Bahnfahrt unser Reiseziel erreicht haben. Wenn sie wissen, gleich sind wir angekommen, gleich schließen sie nach Monaten Oma und Opa in die Arme, gleich können sie sich an Omas Kaffeetisch setzen und finden vielleicht eine Überraschung auf dem Gästebett.

Wie schön ist es anzukommen bei jemandem, nach dem man sich gesehnt hat! Oder wenn jemand endlich ankommt, auf den man lange gewartet hat. Im lateinischen Wort »Advent« steckt das deutsche »Ankommen«. In unserem Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Sacharja wird so eine lang erwartete Ankunft versprochen: Ein besonderer König wird endlich kommen. Alle Lebensbereiche werden sich verändern, die Menschen werden ein gutes Verhältnis miteinander und mit Gott haben.

Pfarrerin Dorothee Lücke leitet das Evangelische Forum in Chemnitz.

Pfarrerin Dorothee Lücke leitet das Evangelische Forum in Chemnitz.


Der Spruch redet zu Menschen, die in schwierigen Zeiten leben. Sacharja verheißt ihnen, dass Gott zu ihnen kommt und ihre Welt endlich gerecht und friedlich macht.
Schon sehr früh haben Christen diesen prophetischen Spruch auf Jesus bezogen. Die Evangelisten haben das Alte Testament genutzt, um Jesus und seine Botschaft tiefer zu begreifen.

Alle vier erzählen, dass Jesus als König in Jerusalem einzieht: auf einem Esel wie der angekündigte Friedenskönig. In ihm bekommt Gott ein menschliches Gesicht, Augen, die uns ansehen und einen Mund, der uns liebevoll anspricht. Advent heißt: Ganz nah ist mir Gott, zu mir möchte er kommen. Diesem Gedanken möchte ich in den nächsten Wochen in mir Raum geben. Mich freuen auf seine Ankunft! Und jetzt selber im Advent ankommen.

Dorothee Lücke

Pfarrerin Dorothee Lücke leitet das Evangelische Forum in Chemnitz.

Gott lässt das Licht der Verstorbenen nicht verlöschen

20. November 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

candles

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.
Lukas 12, Vers 35

Auf der Treppe brennt die Kerze. Heute ist jemand im Chemnitzer Hospiz gestorben. Alle, die ins Haus gehen oder hinaus wollen, kommen an dem Licht vorbei. Es wird immer entzündet, wenn jemand im Haus gestorben ist. Die Bewohner des Hospizes, die auf den eigenen Tod warten, sehen die brennende Kerze. Mitarbeiter und Angehörige nehmen sie im Vorbeigehen wahr. Sie erinnert daran, dass der Tod nicht das Ende bedeutet. Das Licht wird angezündet, wenn jemand verstorben ist, nicht ausgelöscht. Es erhellt das Treppenhaus. Seine kleine Flamme leuchtet, wärmt und hat etwas Lebendiges und Bewegtes.

Pfarrerin Dorothee Lücke leitet das Evangelische Forum in Chemnitz.

Pfarrerin Dorothee Lücke leitet das Evangelische Forum in Chemnitz.


Lichter werden auch am kommenden Sonntag, dem Ewigkeitssonntag, in vielen Gottesdiensten entzündet. Für jedes Gemeindeglied, das sich auf den letzten Weg gemacht hat, eine Kerze. Diese soll an den Menschen erinnern, der von uns gegangen ist. Die brennenden Lichter zeigen, dass er oder sie nicht vergessen ist. An jeden einzelnen wird persönlich gedacht.

»Lasst eure Lichter brennen!« sagt der Wochenspruch für diese Woche. Mich fordert dieses Bibelwort dazu auf, meine Hoffnung in dieser Zeit nicht verlöschen zu lassen. In meinem Licht trage ich etwas von dem Licht der Verstorbenen in mir. Wenn ich mich an sie erinnere, leuchtet es. Sie haben mir etwas mitgegeben für mein Leben, wofür ich dankbar bin: Liebe, Kraft, eine bestimmte Art zu denken. Ich möchte deshalb mein Licht brennen lassen – bis in die Adventszeit hinein. Bis Weihnachten.

Denn da wird Christus, das Licht der Welt, geboren. Ich verlasse mich darauf, dass Gott das Licht der Verstorbenen nicht verlöschen lässt. Stattdessen hat er ihre Lichter wieder in sein Licht zurückgeholt. Sie leben bei ihm, in seiner Nähe. Wie eines Tages wir alle.

Dorothee Lücke

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