Sehnsucht nach Zuwendung haben nicht nur die Armen

30. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht:
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, Vers 40

935764_30449266Der Glaube an Christus findet seinen wahrnehmbaren Ausdruck in der Zuwendung zu unseren Mitmenschen. Zweifellos ist es dabei wichtig, sich den Geringsten zuzuwenden. Aber sollten wir uns nicht, bevor wir uns über die Formen der Zuwendungen Gedanken machen, darüber verständigen, wer diese Geringsten sind?

Sofort fallen uns dazu Menschen ein. Ich denke an Bettler, die ich jeden Tag vor einer der Dresdner Innenstadtkirchen sitzen sehe, und nicht nur dort. Ich denke an Menschen, die mit einem Mindestmaß an finanziellen Möglichkeiten durch das Leben kommen müssen, und mir fallen die im Alter Vergessenen, die einsam von ihren vier Wänden umgeben sind, ein.

Ist es ausreichend, die an den Rand der Gesellschaft Gedrängten ausschließlich als die Gering­sten zu betrachten? Oder anders gesagt: Auch reiche Menschen können sehr arme Leute mit viel Geld sein. Hinter perfekten Fassaden lassen sich mitunter Menschen finden, die sich in ihrem Innersten als klein, unbedeutend und wertlos empfinden.

Auch der so Selbstbewusste kann in sich gefangen sein, der unmäßig Reiche kann hungern und dürsten nach Liebe und Einfachheit, der immer im Mittelpunkt Stehende fühlt sich verlassen und ist am Ende sogar sich selbst fremd. Vielleicht ist es viel schwerer, sich gerade ihnen zuzuwenden, weil wir alle meinen, diese hätten es doch nicht nötig.

Hunger und Durst, Sehnsucht nach Zuwendung und verbindlicher Nähe haben alle Menschen – quer durch alle sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Schichten hindurch und egal, in welchen materiellen Verhältnisse sie leben. Die befreiende Botschaft des Evangeliums entfaltet seine Kraft aus der Zuwendung zu ihnen allen.

Christoph Seele

Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.

Die Hoffnung, wenn alles ins Wanken gerät

22. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Robert Michie (sxc.hu)

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen,
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Jesaja 42, Vers 3

»Die Hoffnung stirbt zuletzt« – so lässt es sich immer wieder vernehmen, wenn Menschen in ausweglose Not geraten sind. Vor allem, wenn es die Existenz bedrohende Situationen sind, wird dieser Satz laut. Ich erinnere mich zum Beispiel genau, dass er in den vergangenen Tagen des Hochwassers wieder zu hören war. Vieles wurde mit einem Schlag unsicher und geriet in Gefahr, für manche ging es um das nackte Überleben – die Menschen erfuhren es hautnah am eigenen Leib – aber die Hoffnung war das Letzte, was aufzugeben sie bereit waren.

Etwas braucht jeder Mensch, an dem er sich festhalten kann. Der Satz mag stimmen – mindestens für Menschen, die von der christlichen Hoffnung nichts wissen. Denn genau diese Hoffnung stirbt nicht, nicht einmal zuletzt. Diese Hoffnung, die uns auch in dem Wort des Propheten Jesaja begegnet, trägt und hält – sogar und vor allem in jenen Lebensaugenblicken, in denen alles anderen an ein Ende kommt.

Zugegeben, es gibt jene Lebensstürme, in denen wirklich alles ins Wanken gerät und verloren geht: Der Boden unter den Füßen, die Menschen, die einem nahe sind oder waren, die Grundlage der Existenz. Wir sehen dann nur noch alles schwarz. Die Hoffnung unseres Glaubens aber wird bleiben. Die Hoffnung, die darin besteht, dass wir von Gott begleitete Menschen sind, deren Zuversicht in dem Auferstandenen Herrn ruht.

Mögen wir auch manchmal an das Ende eigener Hoffnung kommen, und unser Leben als hoffnungslos empfinden – der Glaube an die Auferstehung unseres Herrn bleibt. Vertrauen wir auf diese Hoffnung und Zuversicht unseres Glaubens und darauf, dass ein Funke schon genügt, den glimmenden Docht wieder zu entzünden.

Christoph Seele

Seele ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.

Auf die innere Haltung kommt es an

14. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, Vers 5

Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran«, so beginnt der Kehrvers eines bekannten Liedes aus der Jungen Gemeinde. Besser sind wir als Christen wirklich nicht – wir sind auch nur Menschen. Ausgesetzt allen Dingen und allen Anfechtungen – natürlich auch dem Hochmut. Und wem sind solche Gedanken, besser zu sein, als der oder die andere, wirklich fremd? Oft erlebe ich es, dass in unserer Gesellschaft genau dies der Schlüssel zum Vorankommen ist: Sich besser machen, sich besser zeigen, sich herausheben aus der Masse der Mehrheit, besser sein als andere.

Hochmut hat in jedem Leben einen festen Sitz. Niemand ist davon ausgenommen. Mindestens neigen wir eher zum Hochmut als zur Demut. Da haben wir in der Regel schon unsere Schwierigkeiten mit dem Wort an sich. Es klingt so unterwürfig und nach dienen und bedienen. Dabei meint Demut im christlichen Sprachgebrauch allein die innere Einstellung von uns Menschen gegenüber Gott.

Diese Verhältnisbestimmung hat zwei Seiten. Sie umfasst unsere Geringfügigkeit im Vergleich mit der Größe Gottes. Alles, was wir sind und haben, kommt aus Gottes gnädiger Hand. Zugleich kommt aber auch unsere Würde als Mensch in den Blick, unser Wert, den wir als gottesebenbildliche Geschöpfe zugesprochen bekommen haben.

Vor diesem Hintergrund bedeutet Demut gegenüber Gott, sich ihm mit dieser inneren Haltung zuzuwenden, ihn anzubeten.

Eine solche Grundeinstellung lässt uns mindestens einer hochmütigen Sicht der Dinge innerlich etwas dagegensetzen. Besser sind wir nicht, aber besser sind wir im Leben dran mit einem solchen Gott, dem wir uns demütig zuwenden können, denn wir wissen um sein gnädiges Entgegenkommen.

Christoph Seele

Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.

Gott sieht weiter als wir

6. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gott sieht weiter als wir Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! Psalm 33, Vers 12

Manchmal ist es wie ein Rettungsring – dieses Festhalten an der Gewissheit, dass Gott sich uns zuwendet: dem Einzelnen, wie auch einem ganzen Volk. Gerade dann ist solch ein Rettungsring nötig, wenn alle anderen Zuverlässigkeiten wegbrechen. Was das erwählte Volk Israel im Verlauf seiner wechselvollen Geschichte erlebt hat, waren alles andere als nur glanzvolle Epochen alttestamentlicher Zeiten. Weitaus zahlreicher waren die Zeiten der Unterdrückung, Vertreibung, der Pogrome und Zerstörung, die immer wieder bis fast zur Vernichtung des Volkes Israels geführt haben – bis in die jüngste Geschichte auch unseres Landes.

Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Landeskirchen beim Freistaat Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Landeskirchen beim Freistaat Sachsen. Foto: Steffen Giersch

Alle Sicherheiten brechen angesichts dieses maßlosen Leides weg. Woran noch glauben? Worauf sich verlassen? »Kann es nach Auschwitz noch einen Gott der Liebe geben?« So fragte einst der jüdische Religionsphilosoph Hans Jonas und brachte damit alle Zweifel auf den Punkt. Entgegen dieser furchtbaren Lebenserfahrung und entgegen dieser dramatischen Geschichte des Volkes Israel bleibt dennoch das tiefe Vertrauen, dass Gott der Herr ist. Ein Wort wie ein Rettungsring.

Auch in unserem eigenen Leben gibt es Zeiten, in denen wir Gott in Frage stellen. Wie viele Tiefpunkte kennt ein Lebensweg, so dass wir an Gott nicht nur zweifeln, sondern auch verzweifeln könn(t)en? Wie viele Widerfahrnisse des Lebens bringen wir nicht in den Einklang mit der Güte Gottes? Entgegen diesem Zweifel können wir nur von ganzem Herzen darauf vertrauen, dass Gott uns nahe ist, dass er sich uns zuwendet und uns hält. Gott sieht weiter als wir und er hat dort, wo wir am Ende sind, noch eine Idee für unser Leben. Darauf dürfen wir uns verlassen. Diese Gewissheit macht die Zuversicht unseres Glaubens aus. Wohl dem, der sich auf diese Gewissheit verlässt.

Christoph Seele

Unterwegs sein und die Botschaft verkünden

30. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wem viel gegeben ist,
bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.
Lukas 12, Vers 48

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu


Pilgern erlebt heutzutage eine Hochkonjunktur. Es bedarf dazu nicht erst der Lektüre von Hape Kerkelings Erfahrungen, um sich auf den Weg zu machen. Und das Ziel muss nicht Santiago de Compostela heißen. Manchmal reicht schon der neu angelegte Pilgerweg unmittelbar vor der eigenen Haustür, der einen lockt, das Pilgern auszuprobieren.

Menschen machen sich auf den Weg, um ihren Erfahrungen mit und im Glauben nachzuforschen, ihnen im wahrsten Sinn des Wortes nachzugehen und anderen Menschen dabei zu begegnen. Dabei ist das alles keine neue Erfindung: Peregrinatio propter Christum – die Pilgerschaft um Christi willen – so bezeichneten iro-schottische Mönche im 6. Jahrhundert nach Christus ihr Unterwegssein. Aus dem hohen Norden Irlands und Schottlands pilgerten sie bis weit in den Süden des europäischen Festlandes. Wo sie hinkamen, hinterließen sie Spuren. Von dem, was sie hatten, gaben sie ab. An der Zuversicht ihres Glaubens ließen sie andere Menschen teilhaben.

Auch wir sind herausgerufen aus unseren (Kirchen-) Mauern, um Menschen von dem zu erzählen, was uns im Glauben bewegt, bestärkt und zuversichtlich macht. Es gibt Worte, die können nur wir als Christinnen und Christen glaubhaft weitersagen. Ich erlebe oft, dass es gerade diese Worte schaffen, den Lärm unserer Zeit zu durchdringen.

Nicht, weil sie lauter sind und andere übertönen, sondern weil die Botschaft des Evangeliums einzigartig ist und es vermag, auch manche Sprachlosigkeit zu beenden. Weil wir um diese Kraft des Evangeliums wissen, sind wir herausgerufen und hineingestellt in eine Welt, die diese Botschaft braucht.

Christoph Seele

Oberkirchenrat Christoph Seele ist Beauftragter der Landeskirchen beim Freistaat Sachsen.

Von denen, die Jesus nachfolgen, wird mehr verlangt

23. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, Verse 8 und 9

Wahrscheinlich ist es für viele ein Bedürfnis, die Welt und die Menschen einzuteilen in gut und böse, in weiß und schwarz oder – wie eben im Ephe­serbrief – in Licht und Finsternis. Diese Einteilung der Welt und der Mitmenschen ist sehr alt, viel zu einfach und misslich noch dazu, weil sie alles im Gegensätzlichen belässt und die Welt in einen Gegensatz zu Gott bringt. Und den Kindern des Lichtes können eben nur die Kinder der Finsternis gegenüberstehen; hier die Guten, da die Schlechten. Aber so ist die Welt nicht, sind wir Menschen nicht.

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Bei Jesus klingt das oft anders: Wenn schon Menschen Gutes tun, die Gott nicht kennen, wie viel mehr müsst ihr tun, die ihr von Gott so reich beschenkt seid. Jeder vernünftige Mensch sollte einschätzen können, was angemessen ist und wie man sich verhalten soll. Von denen jedoch, die Jesus nachfolgen, ist mehr verlangt!

Da wird keine ethische Forderung erhoben. Etwa: Nun strengt euch mal an und reißt euch zusammen! Daran können wir nur scheitern.
Von uns wird verlangt, das weiterzugeben, was uns überreich geschenkt wurde. Wer ein Vermögen bekommt, sollte nicht um Rechenpfennige feilschen. Wem alle Schulden erlassen werden, sollte großzügig auf eigene Forderungen verzichten können. Und wer mit offenen Armen empfangen wurde, sollte niemandem die Tür vor der Nase zuknallen.

Nichts, was über unser Vermögen geht, sollen wir leisten. Sondern nach dem Motto leben: Wie Du mir, Gott, so ich allen anderen.
Das hieße, als Kinder des Lichtes zu leben, wenn wir unseren Mitmenschen so begegneten, wie Gott uns gegenübertritt: vorbehaltlos und bedingungslos. Schwer genug. Aber auch die Früchte des Lichts haben Zeit zum Reifen.

Frank Martin

Frank Martin ist Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig.

Bürgerrecht für alle gibt es nur bei Gott

16. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2, Vers 19

Was hat die frühe Kirche so anziehend gemacht? Der Glaube und die Predigt? Darüber haben viele gelacht. Stärker wirkte die Einheit von Glaube und Leben. Dazu gehörte ohne Zweifel die Bereitschaft, für den eigenen Glauben zu sterben. Vor allem aber setzten die Gemeinden die Forderung Jesu um, barmherzig zu allen Menschen zu sein. Es war das diakonische Handeln der Kirche, das die Kirche so anziehend machte. Und sie bot etwas, das Rom nur sparsam verteilte: das Bürgerrecht. Wer getauft war, bekam das Bürgerrecht im Himmel. Egal, ob Mann oder Frau, frei oder versklavt, Jude, Grieche oder Barbar – alle eins in Christus Jesus.

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Nun ist das Bürgerrecht im Himmel auf der Erde natürlich nicht viel wert. Und den römischen Verwaltungsapparat hat es nicht interessiert, ob sich ein Fremder auf dieses Recht berief. Dennoch: Da es neben der Familie kein soziales Netz gab, war das Bürgerrecht im Himmel eine Absicherung im Leben. Man lebte in einer Gemeinschaft, die keine Unterschiede machte. Die nicht nach politischen Überlegungen handelte, sondern nach der Überzeugung, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.

Nicht die Nation zählt, die davon lebt, dass sie sich gegen Menschen anderer Nationen abgrenzt. Nicht die Geburt zählt, die bestimmt, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Nein: alle eins in Christus Jesus; keine Gäste mehr bei Gott, sondern seine Familie.

Heute sterben an den Grenzen Europas täglich Menschen, die hierher wollen, um zu leben. Egal, ob sie ein Bürgerrecht im Himmel haben oder nicht – sie müssen draußen bleiben. Das Bürgerrecht im Himmel ist auf der Erde nicht viel wert; auch nicht im christlichen Abendland. Was könnte die Kirche heute
anziehend machen?

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.

Wenn Gott ruft, wächst Gemeinschaft

9. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Jesaja 43, Vers 1

Vor einigen Jahren waren Amerikaner bei uns zu Besuch, die hier ihre Deutschkenntnisse vertiefen wollten. Als wir uns vorstellten, sagte einer: »Ich bin der Peter.« Einer der Gäste fragte erstaunt zurück. »Der Peter? Nicht: ein Peter? Es gibt doch viele.« Da stellte sich die Frage, wie denn die Namen und die Benannten zusammengehören. Mein Name gehört doch zu mir, ist nicht so ohne weiteres austauschbar. Natürlich weiß ich, dass auch andere meinen Namen tragen. Spätestens seit Google gehört es zur schmerzlichen Selbsterfahrung, dass es auf Namen keine Exklusivitätsrechte gibt.

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig. Foto: Armin Kühne

Und doch: Mit meinem Namen trete ich in Beziehungen ein, mit meinem Namen werde ich angesprochen und gemeint, mein Name ist mehr, als eine Bezeichnung für mich. Und auf der anderen Seite erschließe ich durch die Sprache die Welt. Was ich benennen kann, bekommt dadurch Wirklichkeit. Wen ich anspreche, wird für mich zum Gegenüber.

In dieser Reihenfolge: Ich werde angesprochen und antworte. Auf den Anruf Gottes hin wird die Welt. Auf den Anruf Gottes antwortet der Mensch. Das ist eine Dimension des Wochenspruchs. Gott ruft mich bei meinem Namen – erlösend, auslösend aus dem Dunkel der Nichtigkeit. Und ich antworte ihm. Aber es bleibt nicht bei mir und Gott. Befreit aus der Vereinzelung bildet sich eine Gemeinschaft.

Denn Jesaja spricht in dem Kapitel nicht von mir und dir, sondern vom Volk Gottes. Das ist kein Kollektiv, welches ja auch keinen Eigennamen hat und in dem die Einzelnen untergehen. Gott ruft sein Volk beim Namen und es wächst eine Gemeinschaft, die den Blick hebt, den Blick wieder frei bekommt für Gott, für die Welt und füreinander.

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.

Mit den Missgünstigen beginnt die Verdammnis

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Was ist das Gegenteil von selig geworden? Missgünstig sein? Was heißt das: Ihr seid selig geworden? Im Sinne des Epheserbriefes: Obwohl ihr nicht dazu gehört, dürft ihr dabei sein. Die Grenze zwischen drinnen und draußen ist niedergerissen. An die Tür hat jemand geschrieben: Du musst draußen bleiben! Jetzt hat ein anderer darüber geschrieben: Herzlich Willkommen! Die Gnade Gottes öffnet das Reich Gottes für alle Menschen – auch für die, die nicht durch Geburt zum Volk Gottes gehören. Das heißt: ihr seid selig geworden.

Und was ist das Gegenteil? Missgünstig sein! Das ist so, als ob die, die eben noch vor der geschlossenen Tür standen, jetzt am Eingang stehen und als Türsteher sortieren, wer rein darf und wer nicht. Die glauben nicht richtig, die glauben das Falsche und die glauben gar nicht. Für die ist hier kein Platz: Ihr müsst draußen bleiben.

Foto: Aneta Blaszczyk, sxc.hu

Foto: Aneta Blaszczyk, sxc.hu

Was aber Missgunst bedeutet, beschreibt Dostojewski sehr schön in einer Geschichte. Eine böse alte Frau stirbt und kommt an den Ort der Verdammnis. Aber ihr Engel bittet Gott um Gnade. Und Gott lässt sich bitten. Findet sich etwas Gutes bei ihr? Ja, eine kleine Zwiebel hat sie mal an eine Arme verschenkt. Der Engel darf versuchen, die Frau an der Zwiebel herauszuziehen. Als er sie nun zieht, halten sich andere an ihr fest. Als die Frau das sieht, sorgt sie sich um die Zwiebel. Sie war ja so klein, könnte reißen. Und außerdem: Was fällt denen ein, diesen Lumpen. Wollen sich mit ihrer Zwiebel retten. Sie tritt nach ihnen, stößt sie zurück und in diesem Moment reißt die Zwiebel tatsächlich.

Wer selig geworden ist, für die und mit denen beginnt hier schon der Himmel; leider beginnt mit den Missgünstigen auch hier schon die Verdammnis.

Frank Martin

Frank Martin ist Studentenpfarrer in Leipzig.

Jeder braucht die Hilfe des Nächsten

25. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Einer trage des anderen Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, Vers 2

Krankenzimmer in einem Lungensanatorium 1950 in der DDR. Über dem einen Bett hängt Stalin, über dem anderen ein Christusbild. So unterschiedlich wie die Bilder sind auch die Kranken. Da ist der Volkspolizist Josef Heiliger und der Vikar Hubert Koschenz. Was sie verbindet: beide leiden an Tuberkulose. Was sie trennt: ihre Weltanschauung, ihr Glaube.

Foto: Christa Richert, sxc.hu

Foto: Christa Richert, sxc.hu

Die Atmosphäre im Krankenzimmer wird teilweise so unerträglich, dass sie nichts sehnlicher wünschen, als getrennt zu werden. Aber das ist unmöglich. Dann verschlechtert sich Josefs Gesundheitszustand und auch seine Systemtreue zur DDR schafft keine Möglichkeiten, an die lebensnotwenigen Medikamente zu gelangen. Gerettet wird sein Leben durch die über die Schweizer Kirche besorgten Mittel, die eigentlich für den Vikar bestimmt sind. Hubert lässt sie dem Zimmernachbarn heimlich zukommen.

Das ist in Kürze der Filminhalt des 1988 in der DDR angelaufenen Spielfilms »Einer trage des anderen Last«. Für die Christen in der DDR war dieser Film etwas Außergewöhnliches, der Beginn einer Tauwetterperiode. Was durch weltanschauliche Widersprüche unüberbrückbar erschien, war auf menschlicher Ebene möglich. Zwei so unterschiedliche Männer – den Kommunisten und den Theologen – verband mehr als nur die Tuberkulose. Sie wollten beide leben und das war nur durch gegenseitige Hilfe möglich. Da wurde Ideologie zweitrangig.

Übrigens, die Vorpremiere 1986 fand in Anwesenheit von Kurt Hager und Altbischof Albrecht Schönherr statt und unterstützte auch die Annäherung zwischen Staat und Kirche in der DDR. Und heute?

Ist der Film nur eine Darstellung von DDR-Alltag oder kennen wir als Christen nicht ähnliche Situationen in einer säkularen Welt?

Annemarie Müller

Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.

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