Ein Mittel gegen die Resignation der Ohnmächtigen

3. März 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gott erweist uns seine Liebe darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch der Sündenmacht dienten.
Römer 5, Vers 8

Paulus beschäftigt sich mit der Frage: Wie können wir die Hoffnung auf eine Verwandlung dieser Welt, auf das Anbrechen der Neuen Welt Gottes bezeugen, obwohl täglich Gewalt und Unrecht unsere Welt beherrschen.

Antje Hinze ist Frauenpfarrerin der sächsischen Landeskirche.

Antje Hinze ist Frauenpfarrerin der sächsischen Landeskirche.

Paulus erlebte die unterdrückende Macht- und Unterwerfungspolitik des Imperium Romanum und litt mit vielen unter dieser totalitären Macht, für die manche Menschen überhaupt nichts wert waren. Gegen den Zweifel und die Resignation der Ohnmächtigen setzt Paulus die Erfahrungen der Liebe Gottes: Ihr habt doch erlebt, dass ihr standhalten konntet und habt euch darin gegenseitig gestärkt! So wirkt die heilige Geistkraft! Darin erweist sich die Liebe Gottes!

Das größte Zeichen dieser Liebe Gottes ist für Paulus Jesus Christus: Er starb für uns, als wir noch der Sündenmacht dienten. Er setzte sein ganzes Leben ein für Menschen, die keine Perspektive sehen, weil sie in die Strukturen dieser Welt verstrickt sind und sich daraus nicht befreien können. Jesu Hingabe war nicht umsonst. Also erinnert euch an eure eigenen Erfahrungen mit der Liebeskraft Gottes.

Ich selbst empfinde es immer mehr als Trost, wenn mir alte Frauen aufmunternd sagen: Ach, Frau Pfarrer, der liebe Gott hat mich damals bewahrt, so wird er auch Ihnen beistehen. In welche Sündenmächte sind Sie verstrickt? Welche Erfahrungen helfen Ihnen, trotzdem zu hoffen und anders zu leben?

Antje Hinze

Befreit die Tiere aus der religiösen Schmuddelecke

25. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3, Vers 8 b

Den Teufel darfst du dir nicht als Tier mit Hörnern, Hufen oder als reißende Bestie vorstellen«, ist oft zu hören. Dennoch: Tief in der christlichen Vorstellung hat sich der Teufel in Tiergestalt festgesetzt. Tierische Monster befinden sich unter Taufsteinen; Raben, Katzen und Eulen begleiten Hexen. Ketzer, mit Satan im Bunde, verwandeln sich nachts in Wölfe.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Andere Religionen haben Tiere verehrt, im Christentum wurden sie dämonisiert. Tiere verkörpern Emotion und Triebhaftigkeit. Sie sind das »Animalische« schlechthin, das der Mensch selbst tief in sich fühlt, aber dem bösen Triebe zuordnet. Georg, der Drachentöter, ist das Seelenbild des Menschen, der mit dem Tier in sich ringt und die Schlacht gegen den eigenen Körper schlägt.

Nicht nur, dass dadurch die Tiere tief diskreditiert sind, auch unser Verhältnis zum Kreatürlichen hat Schaden genommen. Welch vergeblichen Kampf gegen uns selbst haben wir uns aufgeladen und unser »Tiersein«, das nichts Schlechtes ist, verleugnet?

Die Kirche sieht bis heute das Tier abgrundtief vom Menschen geschieden, auch in der Moral.

Darwin hat die christliche Seele tief verletzt, als er nachwies, dass der Mensch ein Tier ist – wenn auch ein ganz spezielles. Er gehört zum Reich des Lebendigen und ist »Leben inmitten von Leben, das leben will« (Albert Schweitzer). Es ist Zeit, die Tiere aus der religiösen Schmuddelecke zu befreien, ihnen ihre Würde als Mitgeschöpfe wieder zu geben. Das Böse ist anders zu orten.

»Böse ist, was Leben zerstört«, hat es Albert Schweitzer auf den Punkt gebracht. Die Werke des Teufels zerstören heißt: sich fürs Leben auf dieser Erde einzusetzen und »Ja« zum Leben zu sagen, das in uns ist.

Ulrich Seidel

Gott und der Schlüssel der Sprache

12. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

© nellart

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräerbrief Kapitel 3, Vers 15

Täuschen Sie sich nicht, der Mensch ist ein auditives Wesen«, sagte mir einst ein Pädagoge, als ich Zweifel hegte am vielen Reden in der Kirche. Sicher hat er recht, denn Gehörtes sitzt fester in der Erinnerung als Gelesenes oder Geschautes. Auch ist das Gehör jener Sinn, welcher zuallerletzt erlischt. Manch Kranker, der aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte, wusste, was um ihn gesprochen wurde.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ich erinnere mich nicht nur einmal, dass scheinbar nicht ansprechbare Patienten auf gehörte Psalmworte körperlich reagierten.

Sprachen sind codierte akustische Zeichen und einzigartig auf Kommunikation ausgerichtet. Doch wir könnten nicht sprechen, hätten wir keinen Kehlkopf, der die Stimme hervorbringt. Diese kann unendlich modulieren vom zartesten Raunen bis zum höchsten Gesang.

Das Gehör kann enorm differenzieren: Vokabular, Tonfall, Dialekte oder Untertöne. Wir erkennen Menschen an ihren Stimmen.

»Heute, wenn ihr seine Stimme hört …«.

Was von Jesus geblieben ist, sind Zeilen auf totem Papier, eine Art Konserve. Erst Jahrzehnte nachdem er redete, wurden seine Worte aufgeschrieben in einer Sprache, die er nie gesprochen hat.

Wie mag es sich angehört und angefühlt haben: »Selig, ihr Armen, das Reich Gottes ist euer« oder: »Dein Glaube hat dir geholfen«, als diese Worte einst erklangen und in Galiläa in die Seelen der Hörer und Hörerinnen fielen?

»Verstockt eure Herzen nicht …« will doch sagen, dass Gott im Innersten vernehmbar ist und uns über den Schlüssel unserer Sprache erreichen kann, Offenheit vorausgesetzt.

Nur dass sich das jeder – auch kirchlichen – Kontrolle entzieht. Aber damit müssen wir leben.

Ulrich Seidel

Sich beugen vor dem Größeren ist eine Lebenshaltung

5. Februar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9, Vers 18

 
prayer

Wenn wir uns niederwerfen zum Gebet, denken wir daran, dass der Mensch einmal zur Erde zurückkehren wird und ein Nichts ist vor dem Ewigen«, sagte mir ein Moslem auf dem Tempelberg in Jerusalem. Diese Gebetshaltung der Muslime ist uns fremd oder wir sind zu stolz dazu. Man kann dies auch anerziehen, etwa wie das Knien der Katholiken zum Gebet. So kann aus der Gewohnheit auch eine Geisteshaltung entspringen, denn sicher hat die Gebetshaltung ihre Wirkung auf die Menschenseele.

Sich beugen will also gelernt sein. Doch der Mensch beugt sich nicht gern, weder vor seinem Nächsten, noch vor seinem Schöpfer. »Der kleine Gott von dieser Welt« (Goethe) spielt sich gern auf, ist stolz auf seinen Verstand und seine doppelgesichtigen Errungenschaften. Doch: »Hochmut kommt vor dem Fall«, lehrt der Volksmund und unfreiwillig ist der Mensch schon oft gefallen.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv


Die Bibel weiß auch um andere Erfahrungen: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …« (Psalm 121) und Jahrmillionen bauen sich vor mir auf. Solche Gipfelerlebnisse können uns die Gewalt der Schöpfung erfühlen lassen. Sie zeigen, wie zwergenhaft der Mensch ist. Wie unscheinbar und winzig erscheint dann alles, wenn wir es von oben betrachten.

Der Blick auf eine Blume oder einen Schmetterling, zeigen sie nicht das unergründliche Geheimnis des Daseins und lehren uns die Ehrfurcht vor dem Leben auf dieser Erde? Hinter allem lässt sich die göttliche Kreativität erfahren, der auch wir unser Leben verdanken. Wem ist da nicht schon ein frommes Gebet von den Lippen gegangen? Sich neigen vor dem Größeren ist nicht nur eine Gebets-, sondern vor allem eine Lebenshaltung.

Ulrich Seidel

Der Autor ist Pfarrer in Brandis.

Wer willkommen ist, entscheiden nicht wir

22. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Lukas 13, Vers 29

Von ungewöhnlichen Gästelisten erzählt das Neue Testament immer wieder: von Einladungen, bei denen eitle Vordrängler zurückstecken müssen und Zurückhaltende vom Gastgeber auf die Ehrenplätze gebeten werden. Oder bei denen zum Festtermin alle geladenen Gäste etwas anderes zu tun haben, und an ihrer Stelle genießen Bettler und Ausgestoßene das vorbereitete Fest. Jesus selbst hat mit Menschen gegessen und gefeiert, die nach traditionellen Maßstäben das Allerletzte als Tischgemeinschaft waren – für Jesus waren sie erste Wahl.

Der Wochenspruch steht in einem ähnlichen Zusammenhang: Glaubt bloß nicht, ihr hättet euren Platz bei Gott im Himmel schon sicher, nur weil ihr mir hier und jetzt begegnet. Dabei sein beim himmlischen Festmahl werden Gäste aus allen Himmelsrichtungen, aus der ganzen Welt.

Das klingt nach ökumenischer Multikulti-Idylle. Auf jeden Fall macht es klar: Gott hat seine eigenen Maßstäbe dafür, wer ihm nahe steht. Das können auch die geographisch oder kulturell Fernen sein; niemand kann den Anspruch auf den Platz an Gottes Tisch für sich reservieren.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Das heißt aber auch: Es gibt keinen Grund, den eigenen Platz bei Gott für ein Exklusiv-Recht zu halten und eifersüchtig zu verteidigen. Die letzte Entscheidung, wer willkommen ist, liegt bei Gott. Und der ruft die Menschen auf, alle Welt einzuladen (Matthäus 28, Vers 19) – was Christen seit Paulus’ Zeiten tun. Und viele scheuen keine Mühe, um im entscheidenden Moment bereit zu sein für Gottes Fest.

Und wenn dann schon alles ausgebucht ist? Wie viele Plätze Gottes Tafel hat, darüber sagt die Bibel nichts. Aber ich glaube: Am Platz wird die Einladung bestimmt nicht scheitern.

Friederike Ursprung
Friederike Ursprung ist evangelische Kirchen­redakteurin für Radio PSR und R.SA.

Kein bürokratisches Korsett, sondern ein Geschenk Gottes

15. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist
durch Jesus Christus geworden.
Johannes 1, Vers 17

Eine rote Ampel ignorieren, wenn weit und breit die Straße frei ist, oder irgendwelche bürokratische Vorschriften übergehen: Irgend ein Gesetz hat wohl jeder schon mal übertreten. Umgekehrt kann es auch passieren, dass jemand zwar gegen kein Gesetz verstößt, deshalb aber noch lange kein anständiger Mensch ist, der alles richtig macht.

Dennoch bestreitet niemand Sinn und Notwendigkeit von Gesetzen. Für den Evangelisten Johannes gehört das Gesetz, das das Volk Israel bis zu Mose zurückverfolgte, ganz an den Anfang seines Evangeliums: zur Programmerklärung vom Wort, das Fleisch wurde. Und diesem Gesetz stellt er die Gnade und Wahrheit Christi gegenüber.

Tatsächlich hat sich Jesus oft mit dem Gesetz des Mose auseinandergesetzt. Er hat es in der Bergpredigt unerhört neu ausgelegt, er hat sich mit Leuten abgegeben, die von Gesetzes wegen kein angemessener Umgang für fromme Juden waren; er hat immer wieder am Sabbat Dinge getan, die der gesetzlichen Feiertagsruhe widersprachen.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Seine Begründung: Der Sabbat sei schließlich für den Menschen da und nicht umgekehrt! Doch so ungewohnt er das Gesetz ausgelegt hat – außer Kraft setzen wollte er es nicht, im Gegenteil: Er wollte ihm zu neuem Leben verhelfen – damit das Gesetz kein starres, bürokratisches Regelkorsett ist, sondern ein Geschenk Gottes, das dem Leben dient. Gnade und Wahrheit sind die Zugaben, die diesen Unterschied ausmachen. So kann auch mal Gnade vor Recht gelten – nicht als gnädiges »Schwamm drüber«.

Tue ich, was Gott von mir will? Was habe ich womöglich falsch gemacht, wo bin ich auf Gnade angewiesen? Die Aussicht auf diese Gnade hilft, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Friederike Ursprung

Ein Treibstoff mit ausschließlich segensreicher Wirkung

8. Januar 2012 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

fuel
 

Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
Römer 8, Vers 14

Ohne Treibstoff geht es nicht auf der Welt. Was lebt, braucht Nahrung, das Alltagsleben braucht Energie: vom Holzfeuer über Kohle und Öl bis zu alternativen Treibstoffen, an denen eifrig geforscht wird. Antriebe wie die Dampfmaschine haben die Welt umgekrempelt. Um Erdöl als Treibstoff entbrennen immer wieder Konflikte und die Nebenwirkungen wie Umwelt- und Klimaschäden sorgen für politische Diskussionen – egal ob bei Atomkraft, Braunkohle oder Biosprit.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.


Um die Frage, was den Antrieb liefert für Industrie, Mobilität und Alltag, kommt niemand herum. Und genauso entscheidend ist für jeden einzelnen Menschen die Frage: Was gibt mir Kraft und Antrieb für mein Leben, meine Arbeit, mein Zusammenleben mit andern?

Das betrifft nicht nur die Frage nach der physischen Energie: Auch die Seele braucht Antriebskraft; wer diese verliert, fühlt sich krank oder gar depressiv.

Paulus empfiehlt den Geist Gottes als Treibstoff – nicht nur als Sprit im Tank, sondern auch als Navigationssystem: Wer sich von Gottes Geist leiten lässt, darf sich als Gottes Sohn oder Tochter sehen. Niemand soll sich dadurch getrieben, gehetzt oder gar geängstigt fühlen: Der Geist Gottes erlaubt es, sich ihm anzuvertrauen wie ein Kind seinem Papa.

Paulus stellt den Geist Gottes den Trieben der menschlichen Natur gegenüber: mit ihren Schwächen, die zur Sünde und letztlich zum Tod führen. Gottes Geist dagegen schafft Leben und Frieden für seine Kinder. Und Gottes Kinder werden sie nicht erst am Ziel eines langen Weges, sondern sie sind es, sobald sie sich von Gott antreiben und bewegen lassen – ein Treibstoff übrigens, der auf Umwelt und Klima ausschließlich segensreiche Wirkung entfaltet!

Friederike Ursprung

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Gottesdienst als Vollzeitjob

31. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

© Billy Alexander

Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn.
Kolosser 3, Vers 17

Wer sonntags eine Stunde lang beim Gottesdienst ist, der verbringt damit ungefähr 0,6 Prozent seiner Woche. Das allein wäre offensichtlich ziemlich wenig Zeit für Gott. Und nicht jeder geht ja Sonntag für Sonntag zur Kirche.

Dafür nehmen sich viele an anderen Stellen Zeit für ihr Leben als Christ: Mit täglichem Lesen in der Bibel oder der Losung, mit Gebeten, manche mit vielen Stunden Engagement in der Kirchgemeinde. So macht das Zeitbudget vieler Christen schon mehr her.

 Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für Radio PSR und R.SA.

Ein bisschen christlich reicht nicht – so lässt sich der Vers aus dem Kolosserbrief lesen. Mit Christus hat Gott alles für die Menschen gegeben, damit sie zu einem befreiten Leben als neue Menschen finden. Dazu sollen sie alles ablegen, was dem im Weg steht: Zorn, Bosheit, Lästerung, Habsucht, Götzendienst. Und ihr neues Leben sollen Christen anziehen wie ein Kleidungsstück aus Freundlichkeit, Geduld, Demut – und vor allem aus Liebe.

Wenn schon, denn schon, bedeutet das.

In Christus habt ihr alles bekommen, also gebt auch alles! Aus dem Mund von Trainer oder Chef klänge das wie »quält euch bis zum Umfallen«. Doch genau das verlangt Christus nicht. Wohl aber: Versucht nicht, euren Glauben in Nischen oder Zeitfenster einzupassen – alles, was ihr tut, soll im Wortsinn Gottes-Dienst sein: sonntags oder alltags, in Beruf, Familie, Freizeit oder Ehrenamt!

Ein hoher Anspruch ist das.

Ein neuer Mensch sein, der Christus nachfolgt, das ist keine Sache fürs stille Kämmerlein, sondern ein Vollzeitjob. »Alles was ihr tut, tut im Namen Jesu« betrifft nicht so sehr die Frage, was Menschen tun, sondern wie: Wie begegne ich Familie und Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern oder den Menschen, die mir anvertraut sind? Will ich maximalen Profit aus allem rausholen, oder achte ich auf Gerechtigkeit gegenüber Menschen und Schöpfung? Im Beruf, beim Einkaufen oder beim Autofahren?

Kann ich das, was ich tue und sage, im Namen Jesu verantworten?

Das soll der Maßstab für Christen sein – als Dank an Gott, der ihnen dieses Leben durch Christus geschenkt hat: Ein Leben, in dem sie Maßstäbe wie Macht und Profit nicht mehr nötig haben!

Friederike Ursprung

Die Spuren Gottes in unserem Leben

25. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Wort zur Woche

Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Herrlich!«, schwärmt die Besucherin vor dem Gemälde, um das die Ausstellungsbesucher eine Traube bilden. »Ein Bild von überwältigender Schönheit! Vollkommen. Einfach göttlich!«

»Herrlich!«, schreibt auch der Evangelist Johannes und preist damit einen Gott, der ganz und gar nicht dem Bild vollendeter Schönheit entspricht. »Das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«. Herrlich?, fragen die Gotteskenner überrascht und vermissen, was sie von Gott schon immer wissen: Macht, Geist, Vollkommenheit. Und jetzt dies: Das Wort ward Fleisch.

Das trägt Unruhe in die Reihen und stößt alle vor den Kopf, die mit Gott überirdischen Glanz verbinden. Gott wird Mensch? Mit Leib und Seele, mit Haut und Haar? Gott wird unser Fleisch und Blut?

Ja, aber dann gehört doch nicht nur erhabene Schönheit zu Gott, sondern auch das unfertige Leben mit all seinen ungeduldigen Fragen. Selbst Krankheit und Behinderung wären dann von Gott nicht wegzudenken. Das wirbelt Gottesbilder durcheinander.

»Ja«, besteht Johannes auf seinem Zwischenruf, »das Wort wurde Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«.
Nein, das Wort herrlich kommt der Frau nicht über die Lippen, als sie über die Pflege ihres kranken Vaters spricht. »Anfangs vergaß er nur Alltäglichkeiten«, sagt sie, »gegen Ende erkannte er nicht einmal mehr mich. Schwer war es und doch eine wichtige Zeit. Ich bin ihm nahe gekommen wie nie zuvor. Mitunter brachte er etwas so verblüffend Richtiges heraus. Oft habe ich einfach nur seine Hand gehalten. Manchmal war es mir dann, als ob ich in seinem friedlichen Gesicht etwas vom Licht Gottes erblicke.«

»Himmlisch«, seufzt der Großvater und schiebt seine Enkelin durch die Tür ins Wohnzimmer. »Wir waren den ganzen Nachmittag im Wald«, erzählt er, »haben einen Fuchs beobachtet und uns die Fährte von Rehen angesehen. ›Macht Gott eigentlich auch Spuren, wenn er zu uns kommt?‹, hat Rebekka dann gefragt und war sich schnell sicher: wenn der Schnee in der Sonne funkelt. Ja, Gott macht Spuren, ich bin mir auch gewiss: Wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann ist mir, als halte ich in diesem Moment einen Zipfel von der Herrlichkeit Gottes.«

Ulf Liedke

Wahre Freude rückt alles in neues Licht

18. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich:
Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5

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»Freust du dich denn gar nicht?« Jetzt bloß nichts anmerken lassen, denke ich. »Doch«, antworte ich schnell und versuche mich an einem Lächeln. »Sehr sogar«. Und zur Bekräftigung schiebe ich noch ein »wirklich« nach. Spätestens jetzt bin ich durchschaut.

Wirkliche Freude braucht keine Bekräftigung. Sie wirkt selbst und bewirkt, dass mir eine Leichtigkeit ins Gesicht geschrieben steht. In Momenten tiefer Freude fühle ich mich wie verzaubert. Ich bin eins mit Gott, der Welt und mir. Dieses Gelöstsein lässt sich nicht spielen. Eine solche Freude wirkt immer angestrengt und riecht nach Schweiß. Freude ist eine Stimmung, von der ich ergriffen werde. Besonders häufig sind es Begegnungen und Worte, die bei mir Freude auslösen. »Wir wohnen/Wort an Wort«, lautet ein Gedicht von Rose Ausländer: »Sag mir/dein liebstes/Freund/meines heißt/DU.«

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.


Worte sprechen uns an. Sie ergreifen uns. Oft sind wir gerade in belastenden Situationen für solche Wortbegegnungen ansprechbar. Die Christen in Philippi sind von Konflikten zerrieben und sehen schwarz. In diese Situation hinein schreibt ihnen Paulus: »Der Herr ist nahe!« Das ist das entscheidende Wort. Es rückt alles in ein neues Licht – löst etwas aus. Freude. Eine adventliche Leichtigkeit.

Wenn ich mich im Kreis drehe und keinen Ausweg mehr sehe, ist es oft nur ein Wort von außen, das mich noch erreicht. Nicht jedes. Ein Bibelwort. Manchmal. Oft das Wort eines anderen Menschen.

Wenn es mich so anspricht, dass es mich unterbricht, mir die Augen und neue Möglichkeiten öffnet, dann braucht es keine Rückfrage: Freust du dich denn gar nicht? Mein Gesicht verrät es.

Ulf Liedke

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