»Du frierst, zitterst, schwitzt«
22. Juli 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen

Der Weg fort vom Alkohol ist lang und schwer. Seit drei Monaten ist Mike Schulz nun schon trocken. Er hat den Willen, das durchzustehen – so wie bei den Touren mit seinem alten Rennrad. Foto: Steffen Giersch
Mike Schulz will weg vom Alkohol und findet Hilfe bei der Auerbacher Diakonie
Es ist ein stiller Kampf vor dem kleinen Kiosk auf dem Auerbacher Neumarkt. Er beginnt für Mike Schulz, wenn seine Kumpels ihr Sternburg-Bier an die Lippen setzen. »Du musst einen eisernen Willen haben. Ich bin ein trockener Alkoholiker – die Krankheit ist nicht heilbar«, sagt Schulz (44), und fährt sich mit der Hand leicht zitternd durchs lange Haar. Er sieht in die kleinen Männerrunde im Schatten der Bäume, er sieht die braunen Flaschen. »Ich bleibe so lange, wie es geht. Und wenn ich merke, es geht nicht mehr, hau ich ab.«
Schulz weiß wohin es führt, wenn er diesen Abgang verpasst. Es war zwei Tage vor Silvester im letzten Jahr, er hatte gerade acht Wochen Krankenhaus hinter sich: Entgiftung, Langzeittherapie, harte Arbeit für ihn und seine Therapeuten. Da machte seine Freundin mit ihm Schluss, die Sinnlosigkeit tat sich vor ihm auf – und die ihm so vertraute Lösung: Drei Flaschen Schnaps und sechs Flaschen Bier trank er im Schnitt. Täglich. »Irgendwann hätte ich mich tot gesoffen«, sagt Schulz.
Sein Gesicht erzählt davon. Doch seine Augen hat der Alkohol nicht stumpf gekriegt, im Gegenteil: ganz unverstellt, manchmal ein wenig melancholisch und nicht selten mit Lachfalten blicken sie auf das sommerliche Treiben auf der Geschäftsstraße. Was hätte werden können, wenn sein Vater nicht selbst getrunken und ihn geschlagen hätte, wenn er nicht ins Kinderheim gekommen wäre, nicht in einen der berüchtigten DDR-Jugendwerkhöfe? »Das war die Vorstufe zum Knast«, sagt Schulz.
Die Tätowierungen auf seinem Arm sind die Erinnerung an etliche Jahre hinter Gittern. Auch dort blieb der Alkohol sein Begleiter, selbst hergestellt aus gegorenem Brot. Vier Mal versuchte Maik Schulz in den elf Jahren nach seiner Haftentlassung, sich von seiner Sucht zu befreien. »Du frierst, schwitzt, zitterst, isst nichts mehr, liegst da – da willst du nicht mehr leben.« An Gott glauben, sagt Schulz, kann er nicht. Sein Himmel bleibt leer.
Es war nicht nur seine Freundin, die ihm im vergangenen Frühjahr eine neue Chance gab und zu einer Entgiftung im Krankenhaus motivierte, sondern auch die Suchtberatung der Auerbacher Diakonie. Zu ihr kommt Schulz seit dem Frühjahr immer wieder und besucht oft deren Teestube. Hier können suchtkranke Menschen kostenlos frühstücken, Alkoholfreies trinken, für kleines Geld zu Mittag essen und die Einsamkeit bekämpfen.
»Ich habe aus Frust gesoffen, wenn es nicht so hingehauen hat wie ich wollte«, das hat Schulz bei den Gesprächen mit den Beratern der Diakonie gelernt. »Jetzt suche ich mir einen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Das Leben ist kein Wunschkonzert.«
Iris, die Wirtin von »Shelly’s Bistro« in der Auerbacher Fußgängerzone, klopft Schulz auf die Schulter: »Du kannst stolz auf dich sein«, sagt sie. Sie hat einen Bier- und Schnapskunden verloren – aber Mike Schulz hat eine Zukunft gewonnen.
Andreas Roth
Raus aus dem Sog
10. Dezember 2009 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Titelseite
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Wenn der Schnaps die Fragen nach Liebe, Schuld und Neuanfang betäuben soll: Besuch in einer Suchtklinik im Advent.

Foto: Vladimir Ovchinnikov - Fotolia.com
An einem Tag im Juni sieht Klaus Riedel in den Spiegel, und er sieht zum ersten Mal alles ganz klar. »Es steht auf Messers Schneide«, denkt Riedel, der in Wirklichkeit anders heißt. »Wenn ich es jetzt nicht schaffe, geht es irgendwann bis unten durch.«
Riedel ist ein großer Mann von kräftigem Händedruck, 52 Jahre, Maschinenmonteur. An jenem Tag im Juni verliert er seine Arbeit. Und er sieht auch seinen Kampf verloren gehen gegen den Sog, der ihn hinunter in den Keller zieht: zum Schnaps, den er dort versteckt hält unterm Schrank und in seiner Fahrradtrinkflasche.
Riedel ist Sportler, ein Mann, der auf ausgewogene Ernährung achtet. »Und trotzdem dieses Gift. Ich habe wirklich«, sagt er, stockt und beugt sich vor, als würde ihm schon allein von dieser Erkenntnis übel werden: »Schnaps getrunken.« Wie schätzungsweise zwei Millionen Deutsche hat er ihn gebraucht, wenn der Druck zu groß zu werden drohte: Als Riedel nach der Scheidung plötzlich allein mit zwei Kindern war, oder als er eine neue Partnerin fand und sich seine Mutter zwischen seine neue Liebe drängte. Als es nur noch Zoff gab. Es gab Zeiten, da konnte sich Riedel aus eigener Kraft ein wenig von seiner Sucht befreien. Bis er im Juni seinen Job verliert. »Da dachte ich: Die Sache kippt.«
Klaus Riedel überwand die Scham und ließ sich helfen. Seit neun Wochen ist er in der Chemnitzer Suchtfachklinik Magdalenenstift. 30 alkoholkranke Männer werden in dem Haus der Stadtmission Chemnitz behandelt. Für manche geht es hier ums Überleben, weil die Sucht ihre Körper ruiniert. Für andere geht es um den Führerschein, um die Partnerschaft, um die Verkürzung ihrer Haftstrafe oder um die Fähigkeit, wieder arbeiten zu können.
Auf den ersten Blick ganz handfeste Dinge. »Doch die Fragen nach Schuld, Vergebung und Neuanfang sind in den Therapiegesprächen untergründig immer da«, sagt der Psychologe Michael Bergmann, der therapeutische Leiter der Diakonie-Klinik. Diese Fragen werden hier nicht aus Lust am Philosophieren gestellt, in der Suchttherapie geht es um das Ganze: Werde ich geliebt – und wenn ja, warum?
»Es geht um vertane Lebenszeit, darum, sich kaputt getrunken zu haben«, sagt Chefarzt Falk Weiß. »Es geht um das schuldig werden an Frau und Kindern – aber auch darum, was den Kranken selbst angetan wurde.« Es kommt vor, dass der Suchtmediziner dann seine gelbe Bibel aufschlägt und die Geschichte von Adam, Eva und der Schlange vorliest. Jeder Mensch – auch der Suchtkranke – ist ein Ebenbild Gottes, sagt Weiß. »Aber wir sind nicht Gott selbst, wir sind nicht perfekt. Wir werden schuldig – aber wie gehen wird damit um?«
Mit Jesus hat der liebende Gott den Weg zur Vergebung frei gemacht, sagt der Christ Falk Weiß – das ist die adventliche Botschaft, die der Chefarzt freilich seinen Patienten nicht aufnötigen will. Doch für den Mediziner ist sie zu einem inneren Schlüssel der Suchttherapie geworden. Sie eröffnet die Freiheit, mit den eigenen Grenzen und denen der anderen leben zu können – auch ohne Drogen.
Klaus Riedel, der nie Christ war und in der Klinik auch keiner geworden ist, hat das in der diakonischen Klinik gelernt. »Seit meiner Kindheit, als sich Vater und Mutter oft stritten, will ich es jedem recht machen. Später stand ich zwischen Mutter, Kindern und Lebensgefährtin.« Als Sprecher seiner Therapiegruppe muss er im Magdalenenstift den Winterdienst einteilen – auch gegen Widerstände. »Jetzt kann ich auch einmal konsequent sein und etwas festlegen. Ich will mein eigenes Ich wiederfinden«, sagt Riedel. Und findet Lösungen, wirkliche Lösungen.
Die Gefahr eines Rückfalls wird bleiben. Ein Suchtkranker ist, das weiß Riedel, unheilbar. »Die Klinik ist mein Sprungbrett«, sagt Riedel. Und er springt schon. Seine Partnerin wartet auf ihn, eine neue Arbeit wird er finden. Riedel ist voller Hoffnung. Es ist sein Advent, der alles neu macht.
Andreas Roth
Eine Übersicht über die Suchtberatungsstellen der Diakonie in Sachsen finden Sie hier.
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