Auch Gescheiterte können neu anfangen

26. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5, Vers 8

Sünder? Müssen wir immer auf die Defizite starren? Sicher nicht, aber die Defizite starren uns an. Grell, verstörend, unerträglich. Vor kurzem auf Haiti: Zwischen Trümmern, Toten und Verletzten verzweifelte Menschen, Plünderungen, schwer bewaffnete Soldaten vor den Lagern der Hilfsorganisationen, Kämpfe um jedes Stück Nahrung. Zyniker fragen, ob Humanität den Satten mit Eigenheim und Zweitwagen und dem nötigen Freiraum für die Kultivierung der Sitten vorbehalten sei.

Foto: Joakim Buchwald (sxc.hu)

Foto: Joakim Buchwald (sxc.hu)

Solche menschlichen Katastrophen entmutigen. Individuelles Versagen und ungerechte, aus Hartherzigkeit und Blindheit entstandene Strukturen lassen Menschen innerlich und äußerlich verelenden. Dass die Bibel diese Selbstsabotage der Menschen ernst nimmt, ist vor allem realistisch.

Paulus verbindet nun aber seine nüchterne Sicht auf die Menschen mit einer beeindruckenden Zuversicht im Blick auf Gott. Gott lässt sich von unserem Versagen nicht abschrecken. Er setzt sich in Christus selbst aufs Spiel, um das Projekt Mensch zu retten. Er wartet nicht den Erfolg ab, nicht einmal eine kleine Besserung. Er ermöglicht den Gescheiterten, immer wieder von vorn anzufangen.

Der Weg zur Menschlichkeit beginnt nicht mit Appellen und Aktionen. Er beginnt, wenn wir uns Gott, dem Vater Jesu Christi, ganz anvertrauen. Das verändert uns. Wir lernen loszulassen und zu teilen – Leben, Nahrung, Freude, Wissen, Raum und Zeit.

Es ist ein langer Weg mit vielen Rückschlägen. Immer wieder scheinen wir ganz am Anfang zu stehen. Immer wieder brauchen wir Christus, um nicht mutlos zu werden.

Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin der sächsischen Landeskirche.

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Eine Frage der Autorität

18. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu

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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
Johannes 3, Vers 8b

Wenn sie den Klassenraum betrat, wurde es heller. Laute, unruhige Kinder begannen sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, ohne dass sie viel sagen musste. Ihre ganze Erscheinung strahlte Aufmerksamkeit, Offenheit und Klarheit aus. Immer, wenn ich sie in der Schule erlebte, staunte ich über ihre ungewöhnliche und dabei so freundliche Autorität. Habitavit secum, sagte der große Papst Gregor, als er nach dem Geheimnis der Autorität des Heiligen Benedikt gefragt wurde. Er war bei sich selbst zu Hause. Er war mit sich selbst einig.

Wenn ein Mensch die unruhigen Kräfte seiner Person ordnen kann und ungeteilt, aufmerksam und gelassen bei dem ist, was er tut, ohne Nebenabsichten, ohne Schielen auf Beifall und Erfolg, entsteht Autorität. Dahin kommt niemand ohne schmerzhafte Erfahrungen mit sich selbst.

Um Autorität geht es auch im Wochenspruch. Der Sohn Gottes zerstört die Werke des Teufels – Unruhe, Argwohn, Gier, Zerrissenheit. Alles, was uns daran hindert, wirklich bei uns selbst zu Hause zu sein. Der Sohn Gottes aber ist ganz mit sich einig. Wo er in einem Leben Raum erhält, beginnt seine heilsame Autorität zu wirken. Wo er erscheint, weichen Chaos und Verwirrung. Auch diese Autorität wurde mit Schmerzen erworben.

Am Kreuz legte sich Christus aus Liebe über den tief aufgerissenen Abgrund unseres menschlichen Daseins. Er ließ sich zerreißen, damit wir einig werden können – mit uns selbst, mit anderen, mit Gott. Habitavit secum – das ist nicht allein den großen Heiligen vorbehalten. Zu dieser Lebensaufgabe ermutigt und befreit Christus uns alle.

Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin der sächsischen Landeskirche.

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Manche Entscheidungen sind unwiderruflich

11. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Patricio Mas, sxc.hu

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Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lukas 18,31

Am Anfang der Lebensreise ist noch so viel offen. Erst mit der Zeit fällt mir auf, dass es nach jeder Weggabelung etwas enger wird. Die Zahl der Chancen nimmt langsam ab. Ich muss aufpassen, wie ich die verbleibenden nutze. Manchmal stehe ich vor Entscheidungen, von denen ich ahne, dass sie unwiderruflich sein können.
Eine solche Wahl trifft Jesus. Er weiß: In Jerusalem wird es ganz eng werden. Wenn ich dort hin gehe, muss ich mit einem gewaltsamen Ende rechnen. Jesus entscheidet mit klarem Bewusstsein.

Jerusalem ist die Stadt Gottes. Hier sitzen seine selbsternannten Sachwalter. Sie bestimmen, wie die heiligen Schriften ausgelegt werden. Mit einem Stahlnetz aus Geboten und Vorschriften halten sie die Menschen klein und unmündig. Ihre selbstgerechten Sichtweisen verdunkeln den Blick auf Gott und verbreiten Angst.

Jesus, der sich selbst »Menschensohn« nennt, hat Gott anders kennen gelernt. Gott, den er »Väterchen« nennt, begegnet ihm als Leben schaffende Barmherzigkeit. Jesus ist erfüllt von der Gewissheit, dass wir alle Söhne und Töchter Gottes sind.

Erstarrung und Misstrauen müssen uns nicht länger lähmen. Wir können uns mit dem Ursprung allen Lebens verbinden und Freude und Mitgefühl entdecken. Jesus entscheidet sich für Jerusalem, damit Menschen aufatmen können. Er bleibt dem Leben schaffenden Gott und damit sich selber treu.
An jeder Weggabelung meines Lebens fragt die Vernunft: Wie sind die Chancen, wenn ich so oder so entscheide? Und mein Herz sagt: Das Leben ist mehr als alle Chancen.

Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin in Dresden.

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Oft fließt zu viel Energie in die Sorge um morgen

4. Februar 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Martin Boulanger, sxc.hu

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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, Vers 15

Manchmal geht das am Morgen los. Noch nicht ganz aufgestanden, bin ich schon fertig mit dem Tag. Befürchtungen lasten auf mir. Den Tag kann ich bestenfalls überstehen. Das Leben kommt später – vielleicht am Wochenende. Ich höre die Vögel vor dem Fenster und das Schlagen meines Herzens nicht.

Gottes Stimme bleibt ungehört. Sie hat es schwer gegen das Dröhnen der Vergangenheit und das Schrillen der Zukunft. Wie Zement vermauern Befürchtungen Herz und Ohren – Verstockungszement. Ich muss mir ansehen, was mich verschließt, ihm einen Namen geben, es ansprechen, damit es weicht. Und ich muss meine Aufmerksamkeit neu ausrichten.

Ich sitze in kirchlichen Gremien, gebeugt über Finanzprognosen: Sollten wir heute schon Stellen streichen, die wir morgen vielleicht nicht mehr finanzieren können? Im Sandkasten der Kirche von morgen werden Projekte hin und her geschoben. Von dem, was heute an Phantasie, Engagement und Freude lebt, bleibt so viel außer acht. Ungehört bleibt der leise Laut, mit dem sich heute die Blüte öffnet, die morgen Frucht bringen könnte.

Nein, ich bin nicht dagegen, prognostisch zu arbeiten. Wenn wir unserem Auftrag als Kirche nachkommen wollen, müssen wir auch sorgfältig planen und wirtschaften. Aber alles zu seiner Zeit. Ich denke, oft fließt zu viel Energie in die Sorge um morgen und zu wenig in das Horchen auf die Stimme des Lebens heute, die Stimme Gottes. Wenn wir auf die Lebenszeichen Gottes heute achten, manchmal verborgen in den Ritzen und Falten des Alltags, weitet sich unser Horizont. Unsere Entscheidungen verändern sich. Sie sind nicht mehr von Angst bestimmt. Sie rechnen mit dem, der das Leben ist – heute.

Almut Klabunde, die Autorin ist Oberlandeskirchenrätin im Landeskirchenamt.

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