Ein schwieriges Unterfangen
18. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,10

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu
Es ist für mich selbstverständlich, dass Kinder unter dem Schutz von Erwachsenen stehen. Nur so können sie sich entwickeln und entfalten. Ist diese Haltung heute Allgemeingut?
In einem Bericht aus dem Gerichtssaal lese ich von einem Prozess, bei dem ein zehnjähriges Kind im Mittelpunkt steht. Seine Mutter, Stiefvater und Onkel werden angeklagt, über Jahre die Hilflosigkeit des Kindes missbraucht zu haben. Der Junge musste stundenlang hungrig in der Ecke stehen, er wurde geschlagen, ihm wurden Essen und Zuwendung vorenthalten. Die Erwachsenen sahen in ihm ein geeignetes Opfer für ihre willkürliche Machtausübung. In seiner Not offenbarte sich der Junge seiner Lehrerin. Sie glaubte ihm und schaltete das Jugendamt ein. Heute lebt er in einer Pflegefamilie.
Sicher macht das Kind sich Vorwürfe, die eigene Mutter verraten zu haben, glaubt gar, selbst an der Zerstörung der Familie schuldig zu sein. Ganz viel ist da zerbrochen: das Vertrauen, die Zusammengehörigkeit, die Sicherheit in der Familie, das nötige Selbstbewusstsein für eine gesunde Entwicklung. Meint unser Wochenspruch solche Ereignisse, wenn uns gesagt wird »Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist«?
Ich wünschte mir, den Jungen würde einer an die Hand nehmen und ihm helfen, damit er an eine glückliche Zukunft denken kann. Ehrlicherweise muss ich aber zugestehen, dass ich angesichts dieser und ähnlicher Geschichten über den Missbrauch von Kindern hilflos bin.
Lassen sich die Zusage Jesu und die brutale Realität überhaupt zusammenbringen? Können wir Christen etwas tun, damit diese Botschaft für uns und Nichtchristen lebendig und nachvollziehbar wird?
Annemarie Müller
Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
Bei Jesus gibt es keine Unterschiede
11. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Wort zur Woche
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Christus spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig
und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, Vers 28
Es war im Frühling 2000 in der nordserbischen Stadt Novi Sad. Zur Mittagsstunde an einem Mittwoch strömten viele Menschen ins Gemeindehaus der Reformierten Kirche. Wo sich sonst Gemeindekreise trafen, standen große Essenkübel. Freundliche Frauen teilten hier, wie in vielen anderen Kirchgemeinden, täglich an Bedürftige Suppe aus. Jeder erhielt kostenlos eine warme Mahlzeit, egal, ob er getauft oder in der Kirchgemeinde bekannt war. Denn alle litten unter den Folgen des gerade beendeten Balkankriegs. Bei meinen Serbienreisen lernte ich vielerorts solche Essenausgaben der Ökumenischen Hilfsorganisation Novi Sad kennen, die dankbar angenommen wurden.

Annemarie Müller ist Geschäftsführerin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden.
Anderseits war es ermutigend zu erleben, dass in der Not religiöse oder ethnische Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielte. Keiner wurde vorher gefragt: Bist du Christ? Nur der Mensch stand im Mittelpunkt. Seine Würde galt es zu achten und zu erhalten. Jeder Bedürftige durfte kommen. Und die ehrenamtlich tätigen Frauen aus der Gemeinde hatten für sie auch noch tröstende und aufmunternde Worte übrig.
Wenn Christus die Mühseligen und Beladenen einlädt, sind die konfessionellen oder religiösen Unterschiede nicht mehr entscheidend.
Annemarie Müller
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