Aufbrechen statt abhängen

7. Mai 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Tausende Jugendliche in Sachsen haben keine Lehre, keine Arbeit, wenig Hoffnung. Die Diakonie hilft ihnen und sammelt auf Sachsens Straßen Spenden.

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Am Anfang war es sein Körper, der am deutlichsten sprach. Gerade 20 war René (Namen aller Jugendlichen geändert), doch diese Jahre hatten gereicht, sein Rückgrat zu beugen. Mit dieser Haltung betrat er im letzten Oktober die Jugendwerkstatt der Diakonie in Limbach-Oberfrohna.

Ein berufsvorbereitendes Jahr hatte René gerade abgebrochen. »Weil es mir nicht so gefiel«, sagt er. Auf seinem Pullover steht »Wild«. Doch wild oder frei war Renés Entscheidung nicht: In der Hauptschule gab es Probleme, für handwerklich begabt hält er sich auch nicht. Und eine Arbeit mit Computern, sein Traum, – unerreichbar. Das bedrückte Renés Rückgrat.

30 000 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren sind derzeit in Sachsen arbeitslos und 43 000 sind in berufsvorbereitenden Maßnahmen, weil sie keine Lehrstelle bekommen – das ist fast ein Fünftel eines Jahrgangs. Doch zugleich klagen nicht wenige Handwerksmeister und Firmen über Bewerber, die nicht pünktlich zur Arbeit kommen – geschweige denn halbwegs korrekt schreiben oder rechnen können.

In Limbach-Oberfrohna schicken die Arbeitsvermittler der Arge solche scheinbar hoffnungslosen Fälle oft zur Jugendwerkstatt »Fakt« der Diakonie. »Anfangs können diese Jugendlichen meist gar nicht an Arbeit denken«, sagt Projektleiter Christian Hoppe. »Sie haben oft existentielle Sorgen.« Manchen fehlt eine eigene Wohnung, andere haben Schulden oder Streit mit ihren Eltern, andere sind süchtig.

»Schon in der Schule haben sie die Erfahrung des Scheiterns gemacht. So entsteht das Gefühl: Ich bin nichts wert, ich kann nichts«, sagt Christian Hoppe. In der vom Europäischen Sozialfonds mitfinanzierten Werkstatt der Diakonie-Stadtmission Chemnitz lernen 16 junge Menschen ein Jahr lang, dass sie doch etwas können. Und gar nicht wenig.

Junge Männer aus Limbach-Oberfrohna etwa haben die alten Kirchenbänke der Chemnitzer Jakobikirche aufgearbeitet. Und dabei mit Unterstützung von Handwerksmeistern Pünktlichkeit, Ausdauer und Zusammenarbeit gelernt. Und auch, dass zu viel abgesägtes Holz wieder angeklebt werden kann – dass Misserfolge nicht das Ende sind. »Der diakonische Gedanke ist, dass wir den Menschen sehen mit all seinen Facetten – und nicht zuerst mit seinen Fehlern«, sagt Sozial­arbeiter Ronny Meyer.

Diese Umkehrung der Perspektive kommt langsam auch in der Wirtschaft an – aus der Not heraus. Denn die Chefs klagen nicht nur über ungeeignete Bewerber, sondern zunehmend auch über einen Mangel an Lehrlingen. »Die jungen Menschen, die wir betreuen, werden jetzt für die Wirtschaft interessant«, sagt Hans-Jürgen Meurer, Referent für Jugendhilfe der Diakonie Sachsen. Zu ihr gehören 18 Einrichtungen, die 1200 Jugendliche auf dem Weg ins Berufsleben unterstützen.

Dennis sitzt hinter der Werkstatt in der Sonne. Ab Montag wird er alte Häuser beräumen – in einer Festanstellung. Die Chefin der Baufirma wollte ihn unbedingt. »In meinem Praktikum dort war ich immer pünktlich«, grinst Dennis und verbirgt seinen Stolz hinter einer Sonnenbrille. Von den 28 Jugendlichen, die im letzten Jahr im Projekt »Fakt« gearbeitet haben, konnten elf in eine Ausbildung oder Arbeitsstelle vermittelt werden. Sechs mussten gehen, weil sie zu oft fehlten.

René ist noch da. Er wäscht die Wäsche, macht das Frühstück für alle und wischt Büros, Flure und auch Toiletten. Von Computern träumt er noch immer. Einstweilen hat er nähen und bügeln gelernt. Auch darüber kann sich René mit einem breiten Lächeln freuen. »Es ist noch ein langer Weg, den ich vor mir habe«, sagt er. Diese Hoffnung ist das wichtigste Produkt aus der Jugendwerkstatt »Fakt«.

Andreas Roth

Die Diakonie sammelt vom 7. bis 16. Mai auf Sachsens Straßen Spenden für die Jugendberufshilfe.