Die Chipkarte ist keine Lösung

26. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen meint es gut. Sie will eine Chipkarte einführen, mit deren Hilfe Kinder aus armen Familien am kulturellen Leben teilnehmen könnten. Den betroffenen Eltern Geld in die Hand zu geben, damit ihre Kinder zum Musikunterricht, in den Sportverein oder in die Theatergruppe gehen können, davor scheuen Politiker offenbar zurück: Die Eltern könnten es für andere Dinge ausgeben. Was nicht von der Hand zu weisen ist, wenn es an allen Ecken und Enden klemmt in einer Familie, die von Hartz IV leben muss. Dazu braucht es nicht einmal einen Raucher oder Trinker in der Familie. Also, so der Vorschlag der früheren Familienministerin, soll das Geld den Kindern auf anderem Wege zugute kommen.

So weit so gut, doch gut gemeint, ist nicht immer gut. Und eine Chipkarte löst kein gesellschaftliches Problem. Denn das liegt wo ganz anders. Immer mehr Familien in Deutschland rutschen in Armut und werden von den Bildungsangeboten abgekoppelt. Kinder erleben keine berufstätigen Eltern und keinen verantwortlichen Umgang mit eigenem Einkommen, wenn es sich nur um immer wieder einzufordernde staatliche Zuwendungen handelt.

Die Armut vererbt sich dann ebenso wie die Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Hier muss angesetzt werden. Es muss Angebote geben, die allen Kindern gleichermaßen offen stehen. Das fängt beim Schulessen an und hört bei der freien Schulwahl nicht auf.

Doch da wird in Sachsen gerade der Rotstift angesetzt: für Kinder aus sozial schwachen Familien, die eine freie Schule besuchen, soll der staatliche Schulgeldzuschuss wegfallen. Diese Schulen würden – wider ihren Willen – zu Eliteschulen besserverdienender Eltern werden. Und das ist weder gut noch gut gemeint.

Christine Reuther

Es ist nicht leicht, danach zu leben

4. Juni 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Christus spricht: Wer euch hört,
der hört mich; und wer euch
verachtet, der verachtet mich.
Lukas 10, Vers 16

Es ist schon zur Normalität geworden, dass ich auf dem Weg zu meiner Arbeit Herbert begeg­ne. Herbert verkauft bei Sonnenschein und Kälte im Stadtzentrum die Obdachlosenzeitung. Wie ich inzwischen weiß, ist er selbst nicht obdachlos, sondern bemüht sich mit dem Zeitungsverkauf darum, seinen Lebensunterhalt aufzubessern. Und außerdem kommt er unter Leute, statt allein zu Hause zu sitzen. Sein Standort ist ideal, hier kommen ständig Menschen vorbei, auch solche, die ihm eine Zeitung abkaufen. Herbert spricht nicht viel, sondern ist einfach da. Wer will, kann ihn in seiner hageren Gestalt übersehen. Wer eine empfindliche Nase hat, macht lieber einen großen Bogen um ihn. Im Winter dauert er mich, wie er so in der Kälte ausharren muss. Wenn er mal nicht da ist, mache ich mir Sorgen: ist er krank oder ist Schlimmeres passiert?

Foto: Dominique Abed, sxc.hu

Foto: Dominique Abed, sxc.hu


Eigentlich haben wir beide nichts miteinander zu schaffen. Jeder kann ohne den anderen leben, ich sicher besser als er. Gerührt bin ich aber, wenn er mich zuerst grüßt, wenn er mir die Tür aufhält, wenn er schneller als ich in seiner stillen Art menschlich zu mir ist. In seinem manchmal jämmerlichen Zustand wirkt er wirklich nicht einladend.

Was geht mich eigentlich dieser Mann an? Aber dann erfahre ich von ihm eine freundliche Geste, die mich daran erinnert, auch er ist ein Geschöpf Gottes. Es spielt keine Rolle, welche Position oder Leistung er vollbringt, ob er am Rand oder im Zentrum unserer Gesellschaft steht. Immer bleibt er ein Ebenbild Gottes, das ich weder verachten noch ablehnen darf, wenn ich die Worte von Christus verstanden habe. Aber danach zu leben ist nicht leicht.

Annemarie Müller

Abgestempelt

11. März 2010 von Redaktion DER SONNTAG  
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Kinder und Jugendliche leiden besonders unter Armut. Besuch in einer Familie, die Hartz IV ein Gesicht gibt.

Martina Fritzsche und ihr Sohn Daniel (Namen geändert) sehen im Fernsehen jetzt oft ihr eigenes Leben. Oder das, was Journalisten und Politiker für das Leben von Arbeitslosen und deren Familien halten: Faulheit in Trainingsanzügen, jammernd, saufend, verschlagen, mit tollen Handys und ganz großen Fernsehern. Die schmale Frau wischt sich heftig die Haare aus der Stirn. Die Augen hinter ihrer starken Brille funkeln. »Kommen Sie nur her«, hatte sie am Telefon gesagt, »sehen Sie sich das Elend an!«

Es ist ganz anders als im Fernsehen. Wenn Daniel nachmittags aus der Schule kommt, zündet seine Mutter zum Kaffee eine Kerze an. Äpfel liegen in der Schale auf dem alten, staksigen Wohnzimmertisch. Von oben zieht sich in der Wand ein Riss der Tischplatte entgegen. Er ist wie die ordentlich sortierte Armut der Großenhainer Familie Fritzsche: Auf den ersten Blick kaum zu sehen, doch in ihrer Wirkung umso tiefer. Der 14-jährige Daniel spürt ihren Griff, wenn er Altpapier sammeln muss für die Klassenfahrt nach London. Oder wenn es zum Geburtstag wieder einmal nur »etwas Praktisches« gibt. Oder wenn er sich vorstellt, was er nicht kennt: einen Familienurlaub. Der stille Junge mit der silbernen Brille und sein elfjähriger Bruder leben bei ihrer Mutter, und die hat seit vielen Jahren keine Arbeit.

»Ich will arbeiten«, sagt Martina Fritzsche. Doch Arbeit ist rar im flachen Land um Großenhain. Und die Augen der gelernten Industriekauffrau sind zu schwach. Eine Umschulung in ihrer Heimatstadt aber will ihr niemand bezahlen. So heißt das Schicksal der Familie Fritzsche weiter Hartz IV: 359 Euro im Monat zum Leben für die Mutter, 287 Euro für Daniel, 251 Euro für seinen Bruder.

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Sachsen leben nur von Sozialhilfe. »Das Armutsrisiko für sie ist deutlich gestiegen in den letzten Jahren«, hat der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes in Sachsen, Uwe Hirschfeld, festgestellt. Der Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden sagt: »Unsere Gesellschaft hat ein Verteilungsproblem: wer oben ist, bekommt immer mehr. Und bei denen unten kommt immer weniger an.« Aktuelles Beispiel: Banker und Anleger haben die Wirtschaft in die Krise gezockt – Millionen werden deshalb in Sachsen bei den Sozialausgaben gestrichen. So einfach buchstabiert sich Ungerechtigkeit.

Etwas dagegen tun? »Hat doch keinen Sinn«, sagt der 14-Jährige Daniel und mustert die Tischdecke. Wie gern würde er für die kleinen Extras einer Jugend auch Prospekte austragen gehen. Doch seine Mutter klopft ihm zärtlich mit der flachen Hand auf den Arm: »Jetzt musst du erstmal für den Realschulabschluss schuften! Ich will ja nicht, dass meine Kinder vom Amt leben müssen, nur weil ihre Mutter Hartz-IV-Empfängerin ist.« Der private Nachhilfeunterricht, den viele Schüler nutzen, ist für die Kinder von Arbeitslosen kaum bezahlbar – wären da nicht die Großenhainer Diakonie und ein ehemaliger Lehrer, die Daniel unterstützen.

Hat Daniel Träume? Er sitzt an einem alten Couchtisch in seinem kleinen Kinderzimmer – den Blick zum Hof. Bläst die Wangen auf und lässt die Luft herausströmen. Ganz langsam. »Eine Ausbildung zum Koch«, sagt Daniel schließlich. »Und mal raus aus dieser öden Stadt, wo es nichts gibt – und wenn, dann ist es teuer.« Kino? Theater? Konzerte? Geht nicht. Doch dann holt er von einem Brett, auf dem sich an der Wand sein Schulzeug stapelt, ein paar säuberlich geführte Hefter. Mit leuchtenden Augen erzählt er von den Sandsteinstufen und Dachreitern eines alten Schlosses in der Nähe, um das sich seine Schulklasse kümmert. Und er zeigt die Ausgabe einer Großenhainer Jugendzeitschrift, an der er mitarbeitet.

Dass einer wie er, der unter dem Stempeldruck von Hartz VI aufwächst, auch einmal Journalist oder Historiker werden könnte – das liegt außerhalb seiner Vorstellungskraft.

Andreas Roth

Notnagel Tafel

1. Oktober 2009 von Redaktion DER SONNTAG  
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Foto: Michal Zacharzewski, Sxc.hu

Foto: Michal Zacharzewski, Sxc.hu

Die »Radebeuler Tafel« der Friedenskirchgemeinde, die an diesem Sonntag eröffnet wird, zeigt eine Möglichkeit, christliche Nächstenliebe unter heutigen Bedingungen zu praktizieren. Wenn diese Kirchgemeinde – wie inzwischen auch schon andere in Sachsen – nicht nur in Fürbitten an die Ärmsten erinnert, sondern an sie Lebensmittel austeilt, setzt sie ein glaubwürdiges Zeichen.

So gut und wichtig diese Form bürgerschaftlichen Engagements ist, vergessen werden darf dabei nicht, was der eigentliche Grund dafür ist: Menschen bekommen so wenig Geld, dass es fürs Essen nicht reicht. Dies geschieht mitten in einer Gesellschaft, in der für viele Überfluss zum selbstverständlichen Lebensstil geworden ist. Dieser extreme Gegensatz ist ein sozialer Skandal. Daran sollten die Tafel-Initiativen gelegentlich erinnern.

Sie sind ein Notnagel – für Fälle, wo staatliche Hilfe versagt. Auch, um von Sozialunterstützung Abhängigen aus Nöten herauszuhelfen, die schlimmer sind als Geldknappheit: Ausgrenzung, Lethargie, Rückzug in die eigenen vier Wände. Die Ausgabestellen bieten auch Gelegenheit zum Gespräch, in dem man nach Wegen aus der Armut sucht.

Ein Notnagel – das sollten die Tafeln auch bleiben. Die Warnungen des Soziologen Stefan Selke, sie könnten die Armut verfestigen, sind nicht aus der Luft gegriffen. Etablieren sich Tafeln als Dauereinrichtung – viele Zeichen deuten darauf hin –, besteht die Gefahr, dass sich Hilfeempfänger in der Rolle passiver Almosenempfänger einrichten. Und dass staatliche Sozialbehörden sich aus der Verantwortung stehlen und auf Kritik antworten: Was wollt ihr denn, es gibt doch die Tafel.

Deshalb sollten diese Initiativen in Kirchgemeinden gegenüber der Politik deutlich machen: Wir helfen, aber wir finden uns nicht damit ab.

Tomas Gärtner